docNumber
stringlengths 24
44
| ecli
stringlengths 25
45
| caseNumber
stringlengths 7
129
| applicationType
stringclasses 3
values | court
stringclasses 13
values | htmlUrl
stringlengths 95
137
| decisionDate
int64 1,196B
1,609B
| wordCount
int64 67
19.9k
| fullText
stringlengths 614
165k
|
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
JJT_20200423_LG00003_03400R00028_20Z0000_000
|
ECLI:AT:LG00003:2020:03400R00028.20Z.0423.000
|
34R28/20z
|
Justiz
|
LG für ZRS Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200423_LG00003_03400R00028_20Z0000_000/JJT_20200423_LG00003_03400R00028_20Z0000_000.html
| 1,587,600,000,000
| 3,079
|
Kopf
Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht erkennt durch die Richterinnen VPräs. Dr. Beatrix Engelmann als Vorsitzende sowie Mag. Ulf Marschner und Dr. Christine Marka in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. P***** GmbH, *****, 1010 Wien, vertreten durch pfletschinger.renzl, Rechtsanwalts-Partnerschaft in Wien, wider die beklagte Partei E***** K*****, Pensionistin, *****, 1210 Wien, vertreten durch Mag. Christoph Marik, Rechtsanwalt in Mödling, über die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Floridsdorf vom 11.12.2019, 28 C 258/19y-10, zu Recht:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei deren mit 1.215,48Â Euro bestimmte Kosten (darin 202,58Â Euro USt) des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die ordentliche Revision ist zulässig.
Text
E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :
Die Klägerin ist ein auf internationale Erbenermittlung und historische Recherchen spezialisiertes Unternehmen. Nach einem Aufruf des Verlassenschaftsgerichtes an unbekannte Erben ihre Ansprüche im Verlassenschaftsverfahren geltend zu machen, eruierte die Klägerin innerhalb eines Tages die Beklagte und deren Schwester als Cousinen des Verstorbenen. Die Beklagte hatte von der Existenz ihres Cousins keine Kenntnis gehabt. Die Klägerin teilte der Beklagten schriftlich mit, es bestehe die begründete Annahme, dass sie erbberechtigt sei und bat um Kontaktaufnahme. Daraufhin suchte die Beklagte die Geschäftsräumlichkeiten der Klägerin auf. Dort wurde ihr anhand eines Stammbaumes erläutert, dass sie eine der Erbinnen des verstorbenen Cousins sei. Danach unterfertigte sie folgende Vereinbarung: „Die Dr. P***** GmbH erhält für ihre Ermittlungstätigkeit, die zu meiner Ermittlung als Berechtigte führte, eine Vergütung von 25 % vom Wert des mit als Berechtigter vor Abzug der Steuer zufallenden Vermögens zuzüglich gesetzlicher Umsatzsteuer. Die Vergütung ist zahlbar bei Auszahlung oder eigentumsrechtlicher Übernahme der Vermögenswerte.“ Die Beklagte unterfertigte auch eine Vollmacht für eine Rechtsanwalts GmbH für das Verlassenschaftsverfahren. In dieser war festgehalten, dass durch die Vertretung keine Kosten für den Vollmachtgeber entstehen. Im Zeitpunkt der Unterfertigung gingen die Beklagte und der Geschäftsführer der Klägerin davon aus, dass weder das Verlassenschaftsgericht noch der Gerichtskommissär von der Erbenstellung der Beklagten wusste. Tatsächlich war dem Gerichtskommissär der Name und die Adresse der Beklagten bereits bekannt; kurze Zeit nach dem Termin bei der Klägerin erhielt die Beklagte eine Ladung zu einer Inventur- und Schätzungstagsatzung. Hätte sie gewusst, dass dem Gerichtskommissär ihr Name und ihre Adresse bereits bekannt waren, hätte sie die Vereinbarung nicht unterfertigt. Mit Schreiben vom 22.2.2018 gab die bevollmächtige Rechtsanwalts GmbH dem Gerichtskommissär unter Vorlage von Personenstandsurkunden die Beklagte als weitere Erbberechtigte bekannt; eine Erbantrittserklärung wurde vorbehalten. Eine weitere Tätigkeit entfaltete die Rechtsanwalts GmbH nicht, weil die Beklagte die Vollmacht widerrufen hatte. Die Beklagte erhielt am 7.3.2019 einen Betrag von 95.647,23 Euro aus der Verlassenschaft.
Die Klägerin begehrt eine Vergütung von 7.920 Euro brutto.
Die Beklagte wandte ein, dass die Ermittlungstätigkeit der Klägerin nutzlos gewesen sei, weil sie vom Gerichtskommissär über ihre Stellung im Verlassenschaftsverfahren informiert worden sei. Zudem habe die Klägerin nach Vertragsabschluss keinerlei Leistungen im Zusammenhang mit dem Verlassenschaftsverfahren erbracht. Die Beklagte habe außerdem von ihrem Rücktrittsrecht nach § 3 KSchG Gebrauch gemacht. Zudem sei die Vereinbarung gemäß § 879 Abs 2 Z 4 ABGB nichtig, weil die Beklagte rechtlich unerfahren sei und angesichts der in Aussicht gestellten hohen Erbschaft eine Gemütsaufregung vorgelegen sei, was von der Klägerin ausgenützt worden sei, indem sie sich eine unverhältnismäßig hohe Gegenleistung versprechen habe lassen. Der Vertrag sei auch gemäß § 879 Abs 1 ABGB nichtig. Die Beklagte habe sich im Übrigen darüber geirrt, dass erst das weitere Tätigwerden der Klägerin dazu führen werde, dass die Beklagte als Erbin im Verlassenschaftsverfahren bekannt werde. Dieser Irrtum sei durch die Klägerin veranlasst worden. Deren Geschäftsführer habe sie nicht darüber aufgeklärt, dass das Aufsuchen von Erben zur Tätigkeit eines Gerichtskommissärs zähle und daher die in Aussicht gestellte Tätigkeit der Klägerin sinnlos sein könnte.
Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht die Klage ab. Es begründete dies damit, dass Gegenstand der zu honorierenden Tätigkeit der Klägerin nicht bloß die Namhaftmachung des Erblassers gegenüber der Beklagten gewesen sei, sondern auch deren Namhaftmachung und ihre anwaltliche Vertretung im Verlassenschaftsverfahren; beide Leistungen bildeten eine unteilbare Einheit. Da dem Gerichtskommissär die Identität der Beklagten im Zeitpunkt der Unterfertigung der Vereinbarung bereits bekannt gewesen sei, habe die Klägerin für die Beklagte nicht mehr „verdienstlich“ werden können. Darüber hinaus habe der Geschäftsführer der Klägerin durch die Vorlage der Honorarvereinbarung einen wesentlichen Geschäftsirrtum veranlasst.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Klägerin. Sie strebt eine Klagsstattgebung an; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin argumentiert zusammengefasst, dass von ihr keine weiteren Leistungen zu erbringen gewesen seien. Nach dem Vertragsinhalt sei die Vergütung allein dafür zu leisten, dass die Beklagte als Erbberechtigte ausgeforscht und die Klägerin ihr dies mitgeteilt bzw dargelegt habe. Die Auffassung, dass der Vergütungsanspruch erst entstehe, wenn die Beklagte auch im Verlassenschaftsverfahren vertreten werde und ihre Berechtigung an den Gerichtskommissär bekannt gegeben werde, führe zu dem absurden Ergebnis, dass sich die Beklagte ihrer Zahlungspflicht dadurch entledigen könne, dass sie ihre Erbenstellung selbst anzeige.
Dazu wurde erwogen:
1.1 Es kann dahingestellt bleiben, ob die Erbenermittlung und die Namhaftmachung der Beklagten sowie ihre weitere anwaltliche Vertretung im Verlassenschaftsverfahren als einheitliche Leistung anzusehen ist. Selbst wenn dies der Fall wäre, folgte daraus nicht der Verlust des Entgeltanspruchs. Denn die Klägerin hat den ersten Teil ihrer Leistung bereits dadurch erbracht, dass sie die Beklagte als Erbin ermittelt und ihr diese Information mitgeteilt hat. Dass die Klägerin keinen kausalen Beitrag für den Erhalt des Erbteils geleistet hat, steht dem Entgeltanspruch nicht entgegen; der Erbenermittler muss nicht „verdienstlich“ werden. Es besteht nämlich keine Ähnlichkeit zum Maklervertrag. Denn die Tätigkeit des Erbensuchers ist regelmäßig schon beendet, wenn er an einen Erben herantritt. Eine Möglichkeit auf einen Vertragsabschluss oder sonst auf die Willensbildung eines Dritten einzuwirken besteht für den Erbenermittler, anders als für einen Makler, gerade nicht. Die Leistung des Erbenermittlers liegt vielmehr im Aufdecken von bisher unbekannten Erbrechtsverhältnissen durch genealogische Recherche. Letztlich verkauft er die von ihm recherchierten Ebrechtsinformationen an den ausgeforschten Erben und übergibt ihm die zum Nachweis seiner Erbenstellung erforderlichen Urkunden. Im Zeitpunkt dieses Verkaufs hat der Erbenermittler daher seine Leistungen idR schon erbracht. Das Gesagte gilt auch im gegenständlichen Fall; weitere Leistungen hatte die Klägerin selbst daher nicht zu erbringen.
1.2 Die weitere anwaltliche Vertretung der Beklagten im Verlassenschaftsverfahren unterblieb allein wegen des Widerrufs der Vollmacht. Da der Grund für das Unterbleiben in der Sphäre der Beklagten lag, gebührt der Klägerin jenes Entgelt, das ihr im Falle der Ausführung des Vertrages zugekommen wäre (§ 1168 ABGB analog; vgl RIS-Justiz RS0021856, RS0019821). Durch den Widerruf der Vollmacht trat die Fälligkeit des Vergütungsanspruchs sofort ein, weil in den Fällen einer Abbestellung feststeht, dass das zu besorgende Geschäft endgültig unterbleibt (vgl RS0021845, RS0021826). Der Unternehmer muss sich zwar gemäß § 1168 ABGB anrechnen lassen, was er sich erspart hat; er muss dies aber nicht von sich aus machen (vgl RS0112187); vielmehr hat der Besteller zu behaupten und zu beweisen, was sich der Unternehmer anrechnen lassen muss (vgl RS0021768, RS0021904). Die Beklagte hat dazu nichts vorgebracht.
2.1 Zur Irrtumsanfechtung: Nach § 871 ABGB berechtigt ein Irrtum über die Natur des Geschäfts, über eine für das Geschäft bedeutsame Eigenschaft (oder Identität) der Person des Geschäftspartners, sowie über den Inhalt (Gegenstand) des Rechtsgeschäfts, grundsätzlich aber nicht ein Motivirrtum, zur Anfechtung des Vertrages (vgl RS0014910). Wird die Anfechtung auf einen Geschäftsirrtum gestützt, muss sich die unrichtige Vorstellung auf einen innerhalb des Geschäfts liegenden Punkt beziehen (vgl
RS0014901).
Die Beklagte machte geltend, sie sei bei der Unterfertigung irrtümlich davon ausgegangen, dass ihr Name und ihre Adresse dem Gerichtskommissär noch nicht bekannt waren. Ihr Beweggrund war also, dass ihr Informationen über ihre Erbenstellung zukommen, die dem Gerichtskommissär noch unbekannt waren. Dieser Irrtum betrifft den Grund und nicht den Inhalt des Parteiwillens; ein solcher Irrtum bildet einen Motivirrtum (vgl RS0014902). Ein Motivirrtum aber berechtigt nicht zur Anfechtung eines entgeltliches Vertrages nach § 871 ABGB (vgl § 901 2. Satz ABGB). Die Möglichkeit, den Beweggrund gemäß § 901 ABGB zur Bedingung zu erheben, haben die Parteien nicht in Anspruch genommen.
2.2 Gemäß § 871 Abs 2 ABGB gilt der Irrtum eines Teils über einen Umstand, über den ihn der andere nach geltendem Recht hätte aufklären müssen, immer als Irrtum über den Inhalt des Vertrags und nicht bloß als solcher über den Beweggrund oder den Endzweck.
Unter die Fiktion des Abs 2 fallen grundsätzlich nur gesetzlich normierte Aufklärungspflichten. Doch soll auch bei Verletzung von aus allgemeinen Grundsätzen abgeleiteten Aufklärungspflichten ein Geschäftsirrtum vorliegen (vgl Bollenberger in KBB5 § 871 Rz 13 mwN). Danach
wäre ein Irrtum über einen Umstand, über den nach der getroffenen Verabredung oder nach der Verkehrsauffassung aufzuklären wäre, immer ein Geschäftsirrtum (
vgl 8 Ob 19/12w;
4 Ob 9/12w =
RS0016184 [T7]).
Andererseits ist zu beachten, dass es keine allgemeine Rechtspflicht gibt, den Vertragspartner über alle Umstände aufzuklären, die für die rechtsgeschäftliche Willensbildung von Bedeutung sein könnten. Im vorliegenden Fall hieße es die vorvertraglichen Aufklärungspflichten der Klägerin zu überspannen, wollte man von ihr verlangen, die Beklagte darauf hinzuweisen, welche Aufgaben dem Gerichtskommissär in Österreich zukommen. Zudem hat die Beklagte nicht vorgebracht, dass sie den Vertrag nicht geschlossen hätte, wäre sie darüber aufgeklärt worden.
Ein Irrtum, der zur Anfechtung berechtigt, liegt daher nicht vor.
Auf die Beweisrüge, die sich gegen die Negativfeststellung wendet, wonach nicht festgestellt werden könne, dass der Gerichtskommissär die Meldeauskunft der Beklagten aufgrund der Bekanntgabe der Vollmachtserteilung ihrer Schwester (Anm: die ebenfalls durch die Klägerin ausgeforscht wurde) eingeholt hat, muss daher nicht eingegangen werden.
3. Zum Rücktrittsrecht nach § 3 KSchG: Abs 1 ermöglicht den Rücktritt von Vertragserklärungen, die der Verbraucher außerhalb der vom Unternehmer für dessen geschäftliche Zwecke ständig benützten Geschäftsräume abgegeben hat (Kathrein/Schoditsch in KBB5 § 3 KSchG Rz 3). Abs 2 ermöglicht den Rücktritt von in diesen Räumlichkeiten abgegebenen Erklärungen, sofern der Verbraucher dorthin befördert worden ist (vgl dieselben aaO Rz 5). Dieses Rücktrittsrecht betrifft zum einen Werbe- und Ausflugsfahrten oder ähnliche Veranstaltungen, zum anderen Fälle, in denen der Verbraucher durch gezielte Kontakte auf der Straße oder sonst in der Öffentlichkeit in die vom Unternehmer benützten Geschäftsräume gelockt wird. Dem Erstgericht ist darin beizupflichten, dass die schriftliche Einladung der Beklagten den in § 3 Abs 2 KSchG genannten Fällen mangels Überrumpelung nicht gleichzuhalten ist.
4.1 Das Erstgericht hat eine wucherische Vereinbarung verneint, weil kein auffallendes Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung vorliege. Dazu verwies es auf die Entscheidung 7 Ob 155/00w. In dieser bejahte der Oberste Gerichtshof – unter Hinweis auf 1 Ob 2168/96x - einen Anspruch aus Geschäftsführung ohne Auftrag (GoA) und sprach dem Erbensucher ein „branchenübliches Entgelt“ zu, welches nach den Feststellungen des Erstgerichts prozentuell bemessen werde und 20 % vom Reinnachlass (zuzüglich USt) betrage. In der deutschen Rechtsprechung wurde die Vereinbarung einer Vergütung in Höhe eines Anteils von 10 % bis 30 % vom Reinnachlass als nicht unangemessen gesehen (LG Nürnberg-Fürth vom 05.02.2007, 10 O 7175/05 mwN; vgl auch OLG Brandenburg vom 20.05.2008, 11 U 157/07, Zeitschrift für die Steuer- und Erbrechtspraxis [ZErb] 2008, 278).
4.2 Unter Hinweis auf die oben zitierte Rechtsprechung des Höchstgerichtes sollen Erbensucher Vereinbarungen über ein Entgelt von bis zu 35 % (zuzüglich USt) vom Reinnachlass vorgelegt haben (vgl Tschugguel, Unbekannte Erben: Ein gefundenes Fressen für Erbensucher in EF-Z 2014/36).
Nach Ansicht des Berufungsgerichts bedeutet dies jedoch nicht, dass das verkehrsübliche Entgelt, also der (Markt-)Wert iSd § 879 Abs 2 Z 4 ABGB von Leistungen der Klägerin diesem Prozentsatz entspricht. Bereits das Berufungsgericht in dem vom Obersten Gerichtshof zu 7 Ob 155/00w entschiedenen Fall hat darauf hingewiesen, dass das von den Erben nach ihrer Ausforschung mit den Erbenermittlern vereinbarte Honorar nur bedingt für die Beurteilung der Ortsüblichkeit bzw Angemessenheit der Honorarforderung herangezogen werden könne, weil der präsumtive Erbe einem gewissen Druck zum Vertragsabschluss ausgesetzt sei. Er unterliege unter Umständen dem Eindruck, die Honorarvereinbarung schließen oder sonst mangels Aushändigung entsprechender Urkunden auf seine Erbschaft verzichten zu müssen. Dieser Druck wurde durch die zitierte oberstgerichtliche Rechtsprechung noch verschärft. Erbensucher konnten darauf verweisen, dass ihnen auch ohne Vereinbarung ein Entlohnungsanspruch aus GoA in Höhe des „branchenüblichen Entgelts“ zustehe. Der ermittelte Erbe stand also vor der Wahl entweder eine Vereinbarung mit dem Erbenermittler in Höhe des geforderten Prozentsatzes zu schließen oder aber zur Zahlung eines „branchenüblichen“ Prozentsatzes (von zumindest 20 % des Reinnachlasses) aus GoA verpflichtet zu werden (vgl Tschugguel, aaO). Erst in der Entscheidung 3 Ob 228/13w ging der Oberste Gerichtshof von dieser Rechtsprechung ab und erkannte, dass der Aufwandersatzanspruch aus nützlicher GoA nicht in einer am Wert der Verlassenschaft anknüpfenden branchenüblichen Entlohnung, sondern nur in einem Ersatz des tatsächlich entstandenen Aufwands bestehe.
4.3 Ungeachtet dessen besteht für den aufgeforschten Erben weiterhin die Zwangslage, dass er sich im Zeitpunkt des Angebotes des Erbenermittlers die angebotenen Erbrechtsinformationen nicht von Dritten besorgen kann. Der Erbenermittler kann dem Erben also die Vertragskonditionen gleichsam diktieren (vgl Limberg/Tschugguel, Ein Erbteil für den Erbensucher? Ecolex 2014, 400 [402]). Dadurch könnte aber das Entgelt im Vereinbarungsweg nach und nach hinaufgeschraubt werden, was offenbar passiert ist, zumal auch schon 35 % und 40 % vom Reinnachlass vereinbart worden sein sollen (vgl Tschugguel, aaO). Daraus folgt aber, dass diese Prozentsätze nicht den objektiven Wert der Leistung iSd § 879 Abs 2 Z 4 ABGB darstellen.
4.4 Als objektiver Wert, der dem gemeinen Wert des § 934 ABGB, also idR dem Marktpreis entspricht (vgl Reischauer in Rummel/Lukas ABGB4 § 934 Rz 28), kann aber auch nicht die Höhe des Anspruchs des vom Gerichtskommissär beauftragten Genealogen angesehen werden (vgl dazu G. Kodek, Die Suche nach unbekannten Erben im Verlassenschaftsverfahren, ÖJZ 2009, 197 [202 f]). Denn während der beauftragte Genealoge auch dann entlohnt wird, wenn er nicht fündig wird, beruht das Geschäftsmodell der Klägerin auf einer Querfinanzierung. Die Entlohnung nach erfolgreicher Suche muss in der Kostenrechnung des Erbensuchers auch den erfolglos gebliebenen Aufwand in anderen Fällen abdecken. Daher muss der Erbensucher bei Auffinden eines Erben eine (deutlich) über seinem tatsächlichen Aufwand liegende Entlohnung anstreben. Dazu kommt, dass für den Erbenermittler im Zeitpunkt seiner Leistungen nicht absehbar ist, ob es überhaupt zum Abschluss einer Honorarvereinbarung kommen wird.
Der objektive Wert von Leistungen eines Erbensuchers orientiert sich daher nach Auffassung des Berufungsgerichts weder an einem Prozentsatz vom Reinnachlass (ebenso Dornis, Die Erbensuche im Rechtsvergleich zwischen Österreich und Deutschland, ZfRV 2016/6, [38]), noch nach den Stundensätzen der Genealogen. Vielmehr ist ein erhöhter Stundensatz anzulegen, der die Notwendigkeit der Querfinanzierung berücksichtigt. Ob auch ein – je nach Höhe des zufließenden Erbschaftsteils variierender - Prozentsatz im Bereich von 5 bis 10 % des Reinnachlasses gerechtfertigt sein kann, kann hier dahingestellt bleiben, weil hier mehr als das Doppelte vereinbart wurde.
4.5 Da der Anfechtende das Vorliegen der Voraussetzungen des § 879 Abs 2 Z 4 ABGB zu behaupten und zu beweisen hat (vgl RS0016912 [T2]) und sich nicht mit der bloßen Behauptung begnügen kann, dass Leistung und Gegenleistung in einem auffallenden Missverhältnis stünden (RS0016915 [T3], RS0016520), lag es an der Beklagten, den Wert der klägerischen Leistungen darzutun. Ein entsprechendes Vorbringen fehlt jedoch. Im konkreten Fall schadet das nicht, weil das Erstgericht feststellte, dass die Klägerin die Beklagte innerhalb eines Tages ausgeforscht hat. Darüber hinaus ergibt sich aus dem bereits vom Erstgericht herangezogenen, unbestritten geblieben Schreiben der Klägerin vom 22.2.2018 (./C), dass zum Nachweis der Erbenstellung der Beklagten allein das Ausheben von Personenstandsurkunden notwendig war. Dieser Aufwand rechtfertigt auch unter Berücksichtigung eines erhöhten Stundensatzes aufgrund der oben dargestellten Notwendigkeit einer Querfinanzierung keinesfalls einen Betrag in Höhe des Klagsbegehrens, umso weniger das vereinbarte Entgelt von 23.911,75 Euro (= 25 % von 95.647,23). Dies selbst dann nicht, wenn man – entgegen dem Standpunkt der Klägerin – auch die anwaltlichen Leistungen berücksichtigt. Denn dem vom Erstgericht verlesenen Verlassenschaftsakt ist zu entnehmen, dass es nach der gegenständlichen Vereinbarung nur noch zu zwei Schätzungen (6.3. und 20.3.2018), einer Safeöffnung (28.3.2018), der Errichtung des Inventars (24.8.2018) und einer Inventarsberichtigung (18.12.2018) gekommen ist.
Zusammengefasst liegt daher eine grobe, leicht erkennbare Äquivalenzstörung iSd § 879 Abs 2 Z 4 ABGB vor.
4.6 Der Tatbestand des Wuchers erfordert neben der objektiven Äquivalenzstörung auch, dass der Betroffene aus gewissen Gründen verhindert gewesen sein muss, die Äquivalenz aus eigenem wahrzunehmen (RS0016947[T2]). § 879 Abs 2 Z 4 ABGB erwähnt den Leichtsinn, die Zwangslage, Verstandesschwäche, Unerfahrenheit oder Gemütsaufregung. Die Aufzählung ist nicht taxativ (Bollenberger in KBB5 § 879 Rz 20). Die Beklagte stützte sich ausdrücklich auf eine Gemütsaufregung mit der Begründung, dass ihr kurz vor Vertragsabschluss die Möglichkeit einer hohen Erbschaft in Aussicht gestellt worden sei. Das Erstgericht sah sich aufgrund der Verneinung einer Äquivalenzstörung nicht veranlasst dazu Feststellungen zu treffen. Dies schadet jedoch nicht, weil ausreichend spezifiertes Tatsachenvorbringen von der Beklagten für das Vorliegen einer Zwangslage erstattet wurde.
Eine Zwangslage ist dann anzunehmen, wenn der Vertragsgegner vor die Wahl gestellt ist, in den Vertrag einzutreten oder einen Nachteil zu erleiden, der nach vernünftigem Ermessen schwerer wiegt, als der wirtschaftliche Verlust, den der Vertrag zur Folge hat (RS0104125). Die Zwangslage, die eine Anfechtung wegen Wuchers rechtfertigt, kann auch nur vorübergehend, psychisch oder vermeintlich sein und in Befürchtungen bestehen (RS0016878 [T1]).
Dass die Lage, in der sich die Beklagte befand, einer solchen Zwangslage entspricht, wurde bereits unter 4.3 dargelegt. In Fällen, in welchen der Erbe nach der ersten Kontaktaufnahme durch den Erbensucher mangels näherer Kenntnis nicht von sich aus an die Erbschaft gelangen kann, befindet sich der Erbe in einer Durcksituation; er kann sich nur schwer nach einem alternativen Anbieter der Erbrechtsinformationen umsehen und ist „seinem“ Erbensucher gewissermaßen ausgeliefert. In dieser Zwangssituation ist eine ausgewogene Preisbildung für die angebotenen Erbrechtsinformationen nicht denkbar. Der Willensmangeltatbestand des § 879 Abs 2 Z 4 ABGB ist aufgrund der speziellen Zwangslage der Erben daher jedenfalls erfüllt (Limberg/Tschugguel, aaO [402]).
Auch die Beklagte befand sich in der beschriebenen Zwangslage, hatte sie doch von der Existenz ihres verstorbenen Cousins keine Kenntnis. Sie glaubte daher im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses auf die Informationen der Klägerin angewiesen zu sein, wenn sie den in Ausicht gestellten Erbteil nicht wieder verlieren wollte.
4.7 Das Tatbestandsmerkmal der Ausbeutung setzt schließlich voraus, dass der Wucherer zu seiner Bereicherung eine Lage benützt, die er nicht geschaffen haben muss, die ihm aber ebenso wie das Missverhältnis von Leistungen und Gegenleistungen bewusst ist oder hätte bewusst sein müssen (RS0016894). „Ausbeuten“ kann somit auch fahrlässig erfolgen (RS0104129). Zusammengefasst muss der Wucherer die Lage des Bewucherten und das grobe Missverhältnis der Leistungen gekannt haben oder er hätte sie zumindest erkennen müssen (vgl 7 Ob 50/18f mwN). Die typische Vorgehensweise der Erbensucher, einen Erben ohne dessen Auftrag zu ermitteln um diesem dann die Erbrechtsinformationen gegen Entgelt anzubieten, bringt es regelmäßig mit sich, dass der Erbe in die soeben geschilderte Zwangslage gerät. Es ist daher davon auszugehen, dass die Klägerin sich zumindest bewusst war, dass der erfolgreiche Vertragsabschluss nur diesen besonderen Umständen zu verdanken war (vgl Limberg/Tschugguel, aaO [404]).
Zusammengefasst ist die Vereinbarung vom 22.2.2018, auf die die Klägerin ihr Klagebegehren ausschließlich stützt, wegen Vorliegens des Wuchers im Sinn des § 879 Abs 2 Z 4 ABGB nichtig. Das Erstgericht hat daher das Klagebegehren im Ergebnis zu Recht abgewiesen. Der Berufung der Klägerin bleibt daher ein Erfolg versagt.
Die Kostenentscheidung gründet sich auf §§ 41, 50 ZPO.
Die ordentliche Revision ist zulässig, weil eine Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes zur Frage fehlt, ob ein typischerweise in einer Drucksituation vereinbartes Entgelt – hier in Form eines (höheren) Prozentsatzes vom Reinnachlass – einen Marktpreis darstellen kann (§ 502 Abs 1 ZPO).
|
JJT_20200124_LG00003_03600R00316_19S0000_000
|
ECLI:AT:LG00003:2020:03600R00316.19S.0124.000
|
36R316/19s
|
Justiz
|
LG für ZRS Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200124_LG00003_03600R00316_19S0000_000/JJT_20200124_LG00003_03600R00316_19S0000_000.html
| 1,579,824,000,000
| 1,686
|
Kopf
Das Landesgericht für ZRS Wien als Berufungsgericht hat durch seinen Richter VPräs. Mag. Peter Weiß als Vorsitzenden sowie die Richterin Mag. Inge Strebl und den Richter Mag. Martin Weiländer in der Rechtssache der klagenden Partei ***** Wien, vertreten durch Dr. Erich Trachtenberg, Rechtsanwalt in 1010 Wien, wider die beklagte Partei ***** Wien, vertreten durch Grgic & Partner Rechtsanwalts GmbH in 1010 Wien, wegen zuletzt € 540,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Innere Stadt Wien vom 31.10.2019, 29 C 709/19k-10, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit € 210,84 (darin € 35,14 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig (§ 502 Abs 2 ZPO).
Text
E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :
Am 29.3.2019 ereignete sich in 1100 Wien ein Verkehrsunfall, an welchem die Klägerin als Lenkerin und Halterin des Klagsfahrzeugs Mercedes 200 mit dem behördlichen Kennzeichen W-***** und das bei der beklagten Partei haftpflichtversicherte Fahrzeug Toyota mit dem Kennzeichen W-***** beteiligt waren.
Mit Mahnklage vom 4.6.2019 begehrte die Klägerin zunächst € 1.055,-- mit dem wesentlichen Vorbringen, das Alleinverschulden treffe den Lenker des Beklagtenfahrzeuges. Nach einer Teilzahlung von € 515,-- für Abschleppkosten, unfallkausale Spesen und Leihwagenspesen schränkte die Klägerin das Klagebegehren mit Schriftsatz vom 22.7.2019 auf € 540,-- s.A. für Einstellungskosten ein.
Die beklagte Partei bestritt und wendete dagegen ein, es sei nicht ersichtlich für welchen Zeitraum diese Einstellungskosten geltend gemacht würden und überdies seien sie als zu hoch anzusehen, wenn man bedenke, dass ein durchschnittlicher monatlicher Mietzins für einen Garagenplatz in Wien ca € 60,-- bis € 100,-- betrage. Das Klagsfahrzeug sei von der ***** GmbH abgeschleppt worden. Dabei handle es sich um eine Kfz-Werkstätte für die ersichtlich gewesen sein müsste, dass am Klagsfahrzeug ein Totalschaden eingetreten sei. Diese Reparaturwerkstätte sei jedenfalls der Klägerin zuzurechnen. Im Übrigen sei eine Besichtigung des beschädigten Fahrzeugs durch die beklagte Partei keine Voraussetzung für eine Reparatur. Die Klägerin habe gegen ihre Schadensminderungspflicht verstoßen, in dem sie das Fahrzeug zu einem unangemessen hohen Preis auf dem Gelände der ***** GmbH abgestellt belassen habe, zumal sie die Möglichkeit gehabt habe, das Fahrzeug wesentlich günstiger, allenfalls sogar gratis, eventuell auf einem Schrottplatz, abzustellen.
Die Klägerin brachte dazu vor, ihr sei nicht zumutbar, abzuschätzen, ob an ihrem Fahrzeug ein Totalschaden eingetreten sei oder nicht. Es sei auch nicht zumutbar gewesen, das Fahrzeug anderswo abzustellen, weil dann zusätzlich zu Einstellungskosten auch noch Abschleppkosten hin und retour angefallen wären, nachdem das Klagsfahrzeug nicht fahrbereit gewesen sei. Das Auflaufen von derartig hohen Einstellungsgebühren sei allein auf die Untätigkeit der beklagten Partei zurückzuführen.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem eingeschränkten Klagebegehren zur Gänze statt und verpflichtete die beklagte Partei zum Kostenersatz. Das Erstgericht traf dabei die auf den Seiten 2 bis 3 der Urteilsausfertigung ersichtlichen Sachverhaltsfeststellungen, auf die zwecks Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird.
In rechtlicher Hinsicht führte das Erstgericht aus, das Alleinverschulden des Lenkers des Beklagtenfahrzeugs und somit die Haftung der beklagten Partei sei dem Grunde nach nicht strittig. Unter Berücksichtigung der Chronologie der Abläufe sei der Klägerin der begehrte Ersatz für die Einstellungsgebühren zuzubilligen, weil sie ihr Fahrzeug, das unfallbedingt nicht mehr fahrbereit war, unmittelbar nach dem Unfall in die KFZ-Werkstätte ***** GmbH einschleppen ließ und die beklagte Partei umgehend vom Schadenfall informiert wurde. Nachdem trotz Kenntnis und trotz Urgenzen der Klägerin und des Inhabers der ***** GmbH erst ein Monat später eine Besichtigung stattfand und erst zwei Wochen später die Mitteilung eintraf, dass die Beklagte von einem Totalschaden ausgehe, sei es ausschließlich in der Sphäre der beklagten Partei gelegen, dass das Fahrzeug der Klägerin für insgesamt 45 Tage abgestellt werden musste. Es sei ihr nicht zumutbar gewesen, aus eigenem abzuschätzen, ob an ihrem Fahrzeug ein Totalschaden eingetreten sei; eine verbindliche Einschätzung durch den Inhaber der Werkstätte ***** GmbH ohne Besichtigung durch die beklagte Partei habe nicht getroffen werden können. Zwecks Feststellung der Reparaturkosten und eines allfälligen Totalschadens habe eine Besichtigung durch die beklagte Partei zu erfolgen. Die Klägerin habe ihre Schadensminderungspflicht auch nicht dadurch verletzt, indem sie es unterlassen habe, ihr Fahrzeug in einer (billigeren) Garage unterzubringen. Die Klägerin habe nämlich ebenso wie die Werkstätte ***** davon ausgehen dürfen, dass - wie allgemein üblich - eine Besichtigung des Klagsfahrzeugs zeitnah zum Unfallsdatum stattfinden werde. Es wäre geradezu absurd, von der Klägerin Maßnahmen zu verlangen, die nur dann zu einer Kostenminimierung führten, wenn man bereits im Vorhinein davon ausginge, dass die beklagte Partei sich rund einen Monat für die Besichtigung Zeit lässt. Bei zügiger Bearbeitung des Schadenfalls - so wie durch andere Versicherungsunternehmen auch - wären die Einstellungskosten in überschaubarer Höhe geblieben.
Gegen dieses Urteil wendet sich die Berufung der beklagten Partei aus dem Rechtsmittelgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahingehend abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde, in eventu wurde ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die klagende Partei beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung wendet sich gegen die unterbliebene Kürzung der Schadenersatzansprüche infolge Verletzung der Schadensminderungspflicht. Sie ist nicht berechtigt.
In der von der Berufung zitierten Rechtssatzkette RIS-Justiz RS0027173 führt der Oberste Gerichtshof in 8 Ob 72/16w zu § 1304 ABGB aus: „Aus § 1304 ABGB ergibt sich die Verpflichtung des Geschädigten, den eingetretenen Schaden möglichst gering zu halten, wenn und soweit ihm ein entsprechendes Verhalten möglich und zumutbar ist (Schadensminderungspflicht; RIS-Justiz RS0027043). Nur eine schuldhafte Verletzung der Schadensminderungspflicht kann zur Kürzung der Ansprüche des Geschädigten führen (RIS-Justiz 0027062). Eine Verletzung der Schadensminderungspflicht liegt unter anderem dann vor, wenn der Geschädigte Handlungen unterlassen hat, die geeignet gewesen wären, den Schaden abzuwehren oder zu verringern, obwohl sie – objektiv betrachtet – von einem verständigen Durchschnittsmenschen gesetzt worden wären, um eine nachteilige Veränderung des eigenen Vermögens hintanzuhalten (2 Ob 249/08v mwN; RIS-Justiz RS0023573). (…) Der Schädiger kann jedoch nicht verlangen, dass der Geschädigte zwecks Behebung des durch den Schädiger verschuldeten Schadens auf sein Risiko und auf seine Kosten ihm nicht zumutbare Schritte unternimmt (RIS-Justiz RS0027173). Was dem Geschädigten im Rahmen der Schadensminderungspflicht zumutbar ist, bestimmt sich nach den Interessen beider Teile und den Grundsätzen des redlichen Verkehrs. Es kommt daher wesentlich auf die Umstände des Einzelfalls an (RIS-Justiz RS0027787).
Das Mitverschulden im Sinn des § 1304 ABGB hat kein Verschulden im technischen Sinn zur Voraussetzung. Nicht einmal Rechtswidrigkeit des Verhaltens ist nötig, sondern nur eine für den Schadenseintritt kausale Sorglosigkeit gegenüber den eigenen Gütern. Eine Verletzung der Schadensminderungspflicht liegt unter anderem dann vor, wenn der Geschädigte Handlungen unterlassen hat, die geeignet gewesen wären, den Schaden abzuwehren oder zu verringern, obwohl sie - objektiv betrachtet - von einem verständigen Durchschnittsmenschen gesetzt worden wären, um eine nachteilige Veränderung des eigenen Vermögens hintanzuhalten. Was dem Geschädigten im Rahmen der Schadensminderungspflicht zumutbar ist, bestimmt sich nach den Interessen beider Teile und den Grundsätzen des redlichen Verkehrs. Es kommt daher wesentlich auf die Umstände des Einzelfalls an (RIS-Justiz RS0027787; 1 Ob 24/02i).
Dem wiederholt zitierten Rechtssatz (RS0026970) „Ein Zuwarten mit der Reparatur bis zur Genehmigung durch den Haftpflichtversicherer ist grundsätzlich nicht gerechtfertigt“ kann in dieser Kürze jedoch keine Allgemeingültigkeit für jegliche Abwicklung von Schadensfällen durch Haftpflichtversicherer zugeschrieben werden. In der letzten Entscheidung dieser Rechtssatzkette (8 Ob 97/83) hat der Oberste Gerichtshof ausgesprochen: „Ein Reparaturauftrag muss daher, wenn sich aus der verzögerten Erteilung eines solchen Auftrags eine Vergrößerung des Schadens, z.B. durch Entstehung von Mietwagenkosten, voraussichtlich ergeben wird, so schnell wie möglich erteilt werden. Ein Zuwarten mit dem Reparaturauftrag kann - abgesehen von dem Fall einer diesbezüglichen Vereinbarung - je nach den Umständen des Einzelfalls in einem gewissen Ausmaß gerechtfertigt sein. Die bloße Verzögerung der Schadensregulierung durch den Schädiger oder dessen Haftpflichtversicherer an sich hebt jedoch die Verpflichtung des Geschädigten zur Schadensminderung nicht auf. Grundsätzlich ist, wenn der Schaden und die Reparaturwürdigkeit des beschädigten Fahrzeugs nicht ernstlichen Zweifel gezogen werden kann, ein Zuwarten bis zur Genehmigung der Reparatur durch den Schädiger und dessen Haftpflichtversicherer nicht gerechtfertigt. Stehen die zur Schadensbehebung erforderlichen Mittel zur Verfügung oder können diese leicht beschafft werden, ist es als Verletzung der Schadensminderungspflicht anzusehen, wenn der Geschädigte bei offenbar grundlosem Zögern des Schädigers oder dessen Versicherers sich nicht ohne Verzug selbst um die Klärung der Frage der Reparaturwürdigkeit bemüht und dann die entsprechenden Dispositionen trifft.“ In jenem Fall gab es somit keine Anhaltspunkte dafür, dass an der Reparaturwürdigkeit des beschädigten Fahrzeugs irgendwelche Zweifel bestanden hätten.
Im Sinn dieser Judikatur hat das Erstgericht den Umständen des Einzelfalls zutreffend Rechnung getragen:
Zu berücksichtigen war, dass hier - unbekämpfbar iSd § 501 Abs 1 ZPO festgestellt - die Klägerin im Zeitpunkt der Einstellung des beschädigten Fahrzeuges über keine Informationen verfügte, ob ein Totalschaden eingetreten war; auch der Inhaber der ***** GmbH konnte keine genaue Einschätzung treffen (Urteilsausfertigung Seite 3).
Wie das Erstgericht zutreffend ausgeführt hat, ist die Frage, ob eine Verletzung der Schadensminderungsobliegenheit vorliegt, nicht ex post, sondern ex ante zu beurteilen (RIS-Justiz RS0026909). Bei Heranziehung der Verkehrssitte, die vom Erstgericht - wenn auch disloziert (Urteilsausfertigung Seite 5) - unbekämpfbar festgestellt wurde, durfte im vorliegenden Fall die Klägerin damit rechnen, dass die beklagte Partei aufgrund der umgehenden Schadensmeldung das Auto zeitnah zur Verständigung besichtigt und Informationen zur voraussichtlichen Versicherungsleistung gibt, wie dies tatsächlich notorischerweise in der Haftpflichtversicherungsbranche üblich ist. Nachdem sowohl die Klägerin als auch die Kfz-Werkstätte ***** GmbH mehrmals urgiert hatten, kann ihr auch nicht vorgeworfen werden, unangemessen lang auf eine Reaktion gewartet zu haben.
Vor dem Hintergrund, dass bei Prüfung, was zwecks Schadensminderung ex ante betrachtet geboten war, auch das Interesse des Schädigers miteinzubeziehen ist, kann der Standpunkt der Berufung, die Klägerin hätte (Anm: anstatt der Einstellung des beschädigten Fahrzeugs) unmittelbar nach dem Verkehrsunfall aus eigenem eine Besichtigung beauftragen müssen, hier nicht nachvollzogen werden: Erfahrungsgemäß übersteigen die Kosten eines Sachverständigengutachtens jene im Normalfall entstehenden Einstellkosten bis zur Rückmeldung des Haftpflichtversicherers. Es lag damit offenkundig (auch) im Interesse der beklagten Partei, die Besichtigung durch deren Sachverständigen abzuwarten.
Auch das weitere Argument der Berufung, der Geschäftsführer der Kfz-Werkstätte ***** GmbH, welcher der Klägerin zuzurechnen sei, hätte sofort das Vorliegen des Totalschadens erkennen müssen, überzeugt nicht, weil offen bleibt, auf welcher Rechtsgrundlage eine derartige Zurechnung stattfinden soll.
Zusammengefasst ist der Klägerin im vorliegenden Fall keine schadenersatzmindernde Verletzung ihrer Obliegenheitspflicht vorzuwerfen.
Der Berufung musste daher ein Erfolg versagt bleiben.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41, 50 ZPO.
|
JJT_20200317_LG00003_0470FS00001_20H0000_000
|
ECLI:AT:LG00003:2020:0470FS00001.20H.0317.000
|
47Fs1/20h
|
Justiz
|
LG für ZRS Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200317_LG00003_0470FS00001_20H0000_000/JJT_20200317_LG00003_0470FS00001_20H0000_000.html
| 1,584,403,200,000
| 864
|
Kopf
Das Landesgericht für ZRS Wien fasst als übergeordneter Gerichtshof durch die Richter Mag. Eder als Vorsitzenden sowie Mag. Ofner und Dr. Längle in der Exekutionssache der betreibenden Parteien 1.) V*****, und 2.) Dr. M***** M*****, beide vertreten durch Dr. Hubert Simon, Rechtsanwalt in Wien, wider die verpflichtete Partei Dr. H***** F*****, wegen € 41.649,20 s.A., über den Fristsetzungsantrag der betreibenden Parteien gemäß § 91 GOG vom 29.1.2020, den
B e s c h l u s s :
Spruch
Der Fristsetzungsantrag wird abgewiesen.
Die betreibenden Parteien haben die Kosten ihrer Schriftsätze vom 29.1.2019 und 26.2.2020 jeweils selbst zu tragen.
Ein Rekurs ist jedenfalls unzulässig.
Text
B e g r ü n d u n g :
Mit Schriftsatz vom 22.3.2018 beantragten die Betreibenden den neuerlichen Vollzug der Fahrnisexekution zur Abgabe eines Vermögensbekenntnisses. Mit Beschluss vom selben Tag wurde der Antrag bewilligt (ON 64).
Am 8.11.2018 verweigerte der Verpflichtete die Angaben zum Vermögensverzeichnis vor dem Gerichtsvollzieher und gab bekannt, dass er Angaben nur vor einem Richter oder einer Richterin tätigen werde; er wurde über die Folgen der Verweigerung der Abgabe des Vermögensverzeichnisses belehrt. Am selben Tag verweigerte der Verpflichtete vor der Exekutionsrichterin die Angaben zum Vermögensverzeichnis (ON 79).
Mit Schriftsatz vom 15.11.2018 beantragten die Betreibenden die Vorführung des Verpflichteten zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses und die Verhängung der Haft nach § 48 Abs 2 EO und verwiesen darauf, dass das Ablehnungsverfahren gegen die Exekutionsrichterin mit Beschluss des Obersten Gerichtshofes vom 25.4.2018 zu 3 Ob 67/18a rechtskräftig beendet sei. Mit Beschluss vom 26.11.2018 bewilligte das Erstgericht den Antrag (ON 80).
Mit dem gegenständlichen Fristsetzungsantrag vom 29.1.2020 brachten die Betreibenden vor, dass das Exekutionsgericht seit Bewilligung des Antrags auf Vorführung des Verpflichteten am 26.11.2018 säumig sei. Sie stellten den Antrag, dem Exekutionsgericht eine Frist von zwei Wochen zu setzten, um den Verpflichteten zur Abgabe des Vermögensverzeichnisses dem Gericht vorführen zu lassen und um die Haft gemäß § 48 Abs 2 EO über diesen zu verhängen, sollte dieser die Abgabe des Vermögensverzeichnisses neuerlich verweigern. Mit Beschluss vom 4.2.2020 „bewilligte“ das Erstgericht diesen Antrag und verfügte die Vorführung des Verpflichteten zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses.
Am 12.2.2020 wurde der Verpflichtete von der Gerichtsvollzieherin dem Exekutionsgericht vorgeführt. Er verweigerte vor der zuständigen Diplomrechtspflegerin die Abgabe des Vermögensverzeichnisses und wurde der zuständigen Exekutionsrichterin vorgeführt. Diese erklärte, wegen eines noch offenen Ablehnungsantrags gegen sie keine Haft zu verhängen. Darauf hin wurde der Verpflichtete dem Vertretungsrichter vorgeführt, bei dem der Verpflichtete ebenfalls die Abgabe des Vermögensverzeichnisses verweigerte. Die Haft wurde nicht verhängt, weil der Verpflichtete meinte, dass der Vertretungsrichter nicht zuständig sei (ON 93).
Mit Schriftsatz vom 26.2.2020 hielten die Betreibenden ihren Fristsetzungsantrag nach § 91 Abs 2 GOG aufrecht.
Rechtliche Beurteilung
Ist ein Gericht mit der Vornahme einer Verfahrenshandlung, etwa der Anberaumung oder Durchführung einer Tagsatzung oder Verhandlung, der Einholung eines Sachverständigengutachtens oder der Ausfertigung einer Entscheidung, säumig, so kann eine Partei stets bei diesem Gericht den an den übergeordneten Gerichtshof gerichteten Antrag stellen, er möge dem Gericht für die Vornahme der Verfahrenshandlung eine angemessene Frist setzen; außer im Fall des Abs 2 hat das Gericht diesen Antrag mit seiner Stellungnahme dem übergeordneten Gericht sofort vorzulegen (§ 91 Abs 1 GOG).
Zu prüfen ist, ob das Exekutionsgericht mit der am 26.11.2018 bewilligten Vorführung des Verpflichteten samt Verhängung der Beugehaft säumig ist.
Seit der EO-Novelle 1991 hat das Exekutionsgericht – unter den übrigen Voraussetzungen - amtswegig nach den Bestimmungen der §§ 47 ff EO vorzugehen (3 Ob 2429/96v).
Gemäß § 48 Abs 4 EO (idF EO-Nov 1991) verliert die Verhängung der Haft ihre Wirksamkeit, wenn sie nicht innerhalb eines Jahres vollzogen worden ist. Der Verpflichtete kann jedoch neuerlich zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses verhalten werden.
Die in § 48 Abs 1 EO idF EO-Nov 1991 angeordnete Vorführung trat an die Stelle der bis dahin in § 48 Abs 3 aF vorgesehenen Haft, weshalb die Jahresfrist des § 48 Abs 4 EO ab Bewilligung der zwangsweisen Vorführung des Verpflichteten zu berechnen ist (RPflSlgE Nr. 88/1999).
Die Jahresfrist begann daher mit dem Beschluss vom 26.11.2018 (ON 80) und endete am 26.11.2019. Ab diesem Zeitpunkt konnte keine Haft mehr verhängt werden, die bis dahin eingetretene Säumnis fiel mit diesem Zeitpunkt weg.
Das Erstgericht wäre im Hinblick auf § 48 Abs 4 Satz 2 EO verpflichtet gewesen, amtswegig den Verpflichteten neuerlich zur Abgabe des Vermögensverzeichnisses vorführen zu lassen. Im Zeitpunkt der Einbringung des Fristsetzungsantrages am 29.1.2020 war das Exekutionsgericht bereits mehr als zwei Monate mit der (neuerlichen) Vorführung des Verpflichteten säumig, hingegen lagen zu diesem Zeitpunkt die Voraussetzungen für eine Verhängung der Haft (ohne vorherige Vorführung) nicht vor. Soweit der Fristsetzungsantrag die Verhängung der Haft umfasst, ist der Antrag mangels Säumigkeit abzuweisen.
Durch die nachträgliche Vorführung des Verpflichteten am 12.2.2020 wurde die Säumigkeit nachträglich behoben. In diesem Umfang ist der Fristsetzungsantrag nicht mehr berechtigt und abzuweisen.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass derzeit die gerügte Säumnis des Exekutionsgerichtes nicht vorliegt, weshalb der Fristsetzungsantrag zur Gänze abzuweisen ist.
Angemerkt wird, dass für die Dauer des eingeschränkten Gerichtsbetriebes auf Grund der Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 keine Säumnis vorliegt, wenn eine Vorführung des Verpflichteten zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses nicht angeordnet wird.
Das Fristsetzungsverfahren ist einseitig, es ist ihm daher ein Kostenersatz fremd (RS0059255).
Gemäß § 91 Abs 3 Satz 2 GOG ist diese Entscheidung unanfechtbar.
|
JJT_20200709_LG00021_001CGA00061_20A0000_000
|
ECLI:AT:LG00021:2020:001CGA00061.20A.0709.000
|
1Cga61/20a
|
Justiz
|
Arbeits- und Sozialgericht Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200709_LG00021_001CGA00061_20A0000_000/JJT_20200709_LG00021_001CGA00061_20A0000_000.html
| 1,594,252,800,000
| 1,926
|
Kopf
Das Arbeits- und Sozialgericht Wien erkennt durch seine Vizepräsidentin
HR Dr. Patricia Wolf als Senatsvorsitzende und die fachkundigen Laienrichter Peter Pfohl (AG) und Reinhard Danzinger (AN) in der Rechtssache der Klägerin U***** GmbH, vertreten durch Kunz Wallentin Rechtsanwälte OG in Wien, wider die beklagte Partei A***** K*****, Drucker, vertreten durch die Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, wegen Elternteilzeit (§ 8 Abs 1 VKG), nach öffentlicher mündlicher Verhandlung zu Recht:
Spruch
Die Einwilligung in die von der klagenden Partei vorgeschlagenen Bedingungen der Eltern- Teilzeitbeschäftigung des Beklagten im Zeitraum 1.7.2020 bis 29.4.2026 mit einer auf 32 Stunden herabgesetzten im Rahmen einer 4-Tage-Woche auf 8 Stunden täglich verteilten wöchentlichen Arbeitszeit im rollierenden Schichtmodell zu den Arbeitszeiten
06:00 bis 14:00 Uhr,
14:00 bis 22:00 Uhr,
22:00 bis 06:00 Uhr,
wird gemäß § 8c Abs 3 VKG erteilt.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin beantragte nach Scheitern des Vergleichsversuchs gemäß § 433 Abs 1 ZPO zu hg 30 Nc 9/20 fristgerecht wie im Spruch ersichtlich und brachte vor:
Der Beklagte habe der Klägerin mit Schreiben vom 25.3.2020 mitgeteilt, dass er ab 1.7.2020 beabsichtige in Elternteilzeit zu gehen und habe eine Arbeitszeiteinteilung im Zeitraum Montag bis Freitag, von 09:00 bis 15:00 Uhr vorgeschlagen.
Aufgrund der bei der Klägerin durchzuführenden Schichtarbeit sei das nicht möglich.
Die Klägerin habe daher dem Beklagten den im Spruch genannten Vorschlag erteilt bzw den Vorschlag, die ersten 2 Werktage pro Woche zu je 6 Stunden Lagertätigkeiten zu verrichten.
Die Klägerin sei auf die Aufrechterhaltung einer reibungslosen Produktion angewiesen. Das vorhandene Schichtmodell gestatte nicht, das Zeitmodell des Beklagten von 09:00 bis 15:00 Uhr einzuhalten.
Es wäre aufgrund der Schichtplanung der Klägerin auch nicht möglich, dass ein anderer Mitarbeiter anstelle des Beklagten ausschließlich die Abend- bzw Nachtschicht übernimmt.
Der Teilzeitwunsch des Beklagten hätte vielmehr eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Betriebsorganisation und des betrieblichen Arbeitsablaufes zur Folge. Zur Aufrechterhaltung der Produktion müsse die gesamte Schicht 8 Stunden täglich absolviert werden. Ein späterer Beginn der Schicht oder ein früheres Verlassen sei nicht möglich, da durch die Abwesenheit des Beklagten als Drucker in seiner Schicht der ihm zugeteilte Arbeitsprozess ausfiele. Jeder Drucker bediene eine eigene Maschine, sobald der Drucker ausfalle, sei eine Produktion unmöglich. Ein Stillstand einer Druckermaschine von mehreren Stunden täglich sei wirtschaftlich nicht tragbar, im schlimmsten Fall existenzbedrohend.
Zusätzlich (ON 9) sei die Klägerin aufgrund der momentanen Wirtschafts- und Auftragslage gezwungen gewesen, personelle Rationalisierungsmaßnahmen vorzunehmen. Trotz der COVID-Krise sei die Klägerin bemüht, Arbeitsplätze für über 100 Mitarbeiter zu erhalten. Die Auftragslage der Klägerin stagniere derzeit bei 20 %.
Nicht zutreffend sei, dass die Klägerin neue Arbeitsplätze schaffe, es handle sich bei markanten Stellen lediglich um Nachbesetzungen von Mitarbeitern, die unbedingt notwendig seien.
Zwar habe der Beklagte der Klägerin via E-Mail angeboten, für die vakante Stelle als Mitarbeiter in der Qualitätssicherung tätig zu sein, doch fehle ihm diesbezüglich die Qualifikation. Er sei Drucker und als solcher bei der Beklagten beschäftigt.
Wenn der Beklagte auch Seminare zum Prüfmittelbeauftragten durchgeführt habe, stelle dies keine ausreichende Ausbildung für den Bereich Qualitätssicherung dar.
Dem Beklagten könne lediglich das Anbot einer Teilzeitarbeit im Ausmaß von 12 Stunden/Lagerarbeiter pro Woche angeboten werden.
Die beklagte Partei bestritt, beantragte Klagsabweisung und führte aus, bis zur Vollendung des 7. Lebensjahres seines am 30.4.2019 geborenen Kindes, habe er geplant, die Arbeitsleistungen im Ausmaß von 30 Stunden pro Woche, aufgeteilt von Montag bis Freitag, von 09:00 bis 15:00 Uhr zu erbringen.
Seine Ehefrau habe 2019 eine schwere postpartale Depression erlitten, die bis heute behandlungspflichtig sei. Sie könne daher nicht mehr als kurze Zeit alleine die Kindesbetreuung durchführen. Außerhalb der Betreuungszeit durch den Kindergarten sei somit die permanente Anwesenheit des Beklagten notwendig geworden.
Im Kindergarten würden die Kinder des Beklagten von Montag bis Freitag ab 07:00 bis maximal 17:30 Uhr betreut. Andere Betreuungspersonen würden dem Beklagten und seiner Ehefrau nicht zur Verfügung stehen.
Die Ehefrau des Beklagten habe vom 17.2.2020 bis 29.6.2020 eine Wiedereingliederungsteilzeit bei ihrer Arbeitgeberin der S***** begonnen und beginne ihre Elternteilzeit ab 1.7.2020 von Montag bis Freitag, von 08:00 bis 14:00 Uhr.
Das angebotene Arbeitszeitmodell betreffend eine Lagertätigkeit des Beklagten im Ausmaß von 12 Stunden pro Woche, verteilt auf 2 Werktage, könne er aus finanziellen Gründen nicht in Anspruch nehmen.
Die Klägerin habe sich keinesfalls in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befunden, sondern vielmehr neue Arbeitnehmer gesucht.
Rechtliche Beurteilung
Feststellungen:
Der Beklagte arbeitet bei der Klägerin seit 9.9.2013 als Drucker in einem rollierenden 3-Schicht-Betrieb nach dem Modell 06:00 bis 14:00 Uhr, 14:00 bis 22:00 Uhr und 22:00 bis 06:00 Uhr.
Mit Schreiben des Beklagten vom 23.3.2020 Beil./A teilte dieser der Klägerin mit, dass er aufgrund der Geburt seines Kindes am 30.4.2019 ab 1.7.2020 eine Teilzeitbeschäftigung in folgendem Ausmaß in Anspruch nehmen möchte:
30 Stunden/Woche, von Montag bis Freitag, von 09:00 bis 15:00 Uhr bis zur Vollendung des 7. Lebensjahres seines Kindes am 29.4.2026.
Die beklagte Partei teilte dem Kläger mit, dass sie dieses Teilzeitmodell nicht annehmen könne (Beil./B), da sie ein Produktionsbetrieb mit 3 bzw 4 Schichtmodellen sei und die Einführung einer 5. Schicht nur für den Beklagten wirtschaftlich nicht tragbar sei. Sie bot daher dem Beklagten (siehe Beil./B) an, 4 Tage im rollierenden 3-Schicht-Modell (32 Stunden) mit den Arbeitszeiten 06:00 bis 14:00 Uhr, 14:00 bis 22:00 Uhr und 22:00 bis 06:00 Uhr tätig zu sein. Den freien Tag solle er jeweils 1 Woche vorher bekanntgeben, damit der Abteilungsleiter dies bei der Schichtplanung berücksichtigen könne.
Der Beklagte ist mit der Kindesmutter E***** G***** verheiratet, die seit 15.2.2020 wieder berufstätig ist bei S***** als Projektleiterin. Dort arbeitet sie 30 Stunden/Woche von 08:00 bis 14:00 Uhr.
Der Kindergarten für das gemeinsame Kind, für das Elternteilzeit begehrt wird, öffnet um 07:30 Uhr und schließt um 17:30 Uhr (Angaben des Beklagten Seite 5 in ON 11).
E***** G***** litt nach der Geburt des Kindes an einer postnatalen Depression, wodurch sie Schlafstörungen hatte und unruhig war.
Sie betreut die Kinder morgens und nachmittags alleine und ist in der Lage, die Kinder 5 Stunden untertags alleine zu betreuen (Angaben der Zeugin E***** G*****, Seite 3 in ON 11).
Es kann nicht festgestellt werden, dass E***** G***** aufgrund der postnatalen Depression ab 1.7.2020 nicht in der Lage ist, das Kind, für dessen Betreuung der Beklagte Elternteilzeit in Anspruch nehmen will, während der Schicht des Beklagten rollierend 06:00 bis 14:00 Uhr,14:00 bis 22:00 Uhr, 22:00 bis 06:00 Uhr, vier Tage in der Wochen zu betreuen.
Der Beklagte kann, wenn er Nachtschicht hat, das Kind vor Beginn seiner Nachtschicht um 22:00 Uhr zu Bett bringen und ist auch dann, wenn das Kind aufwacht, wieder in der Lage, der Kindesmutter bei der Betreuung des Kindes zu helfen, da seine Schicht um 06:00 Uhr morgens endet. Der Beklagte benötigt als Wegzeit mit dem PKW 25 bis 45 Minuten von seinem Arbeitsplatz zu seiner Wohnung , mit öffentlichen Verkehrsmitteln maximal eine dreiviertel Stunde.
Der Zustand der E***** G***** hat sich seit Beginn der Diagnose im September 2019 infolge der Behandlungen durchaus positiv entwickelt und verbessert (Angaben des Beklagten, Seite 5 in ONÂ 11).
E***** G***** hat aufgrund der postnatalen Depression ein ineinandergreifendes Behandlungsprogramm absolviert und konnte sich ihr Zustand ab Mai 2020 stabilisieren (siehe Beil./2), wobei sie medikamentös behandelt wird und psychotherapeutische Gespräche erfolgen (siehe Beil./2).
Der Beklagte hat als Drucker die Aufgabe, ein Produkt einzurichten und das Produkt zu produzieren und arbeitet dazu selbständig an einer Maschine.
Die Klägerin hat ein 3-Schicht-Modell bzw ein 4-Schicht-Modell, jeweils auf die jeweilige Maschine ankommend. Das Schichtmodell des Beklagten hat ein 3. Rad von 06:00 bis 14:00 Uhr, und 14:00 bis 22:00 Uhr, und 22:00 bis 06:00 Uhr.
Das Schichtmodell von 09:00 bis 15:00 Uhr gibt es bei der Beklagten nicht. Es arbeiten jeweils 3 Drucker auf einer Maschine, das Arbeitssystem ist geregelt, die Drucker arbeiten 8 Stunden am Tag und das muss ineinander zahnen. Würde die Klägerin den Wünschen des Beklagten folgen müssen, müsste sie ein 5. Schichtmodell einziehen mit einer kurzen Zeit, wobei die Schichten des Beklagten teilweise von anderen Mitarbeitern übernommen werden müssten, wobei die Klägerin derartige Mitarbeiter, für ein Schichtmodell in Ergänzung der vom Beklagten gewünschten Schichtmodelle von 09:00 bis 15:00 Uhr nicht zur Verfügung hat (vgl Angaben des Zeugen M***** C*****, Seite 6 f in ON 11).
Die Klägerin hat im Rahmen der Druckerei 50 bis 60 Mitarbeiter, Drucker, wie der Beklagte, sind 27 Personen.
Rechtlich folgt:
Unstrittig ist, dass der Beklagte Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung im Sinne des § 15h Abs 1 MSchG iVm 8 Abs 1 VKG hat.
Unstrittig ist auch, dass die vorliegende Klage fristgerecht nach Scheitern des Einigungsversuches gemäß § 433 Abs 1 ZPO eingebracht wurde.
Maßgebend, ob die Teilzeit oder die Änderung der Lage der Arbeitszeit deshalb vom Dienstnehmer begehrt wird, ist, weil er ansonsten nicht die erforderliche Zeit für die Kleinkindbetreuung hätte und die gewünschte Änderung der Arbeitszeit, also der Betreuung des Kleinkindes dient (OGH 28.2.2012, 8 ObA 15/12g).
§ 137 Abs 2 ABGB normiert generell die gegenseitige Pflicht der Eltern, den Kindern beizustehen und besteht eine Gleichstellung von Vater und Mutter.
Gemäß § 140 Abs 1 ABGB haben die Eltern, an der Deckung der Lebensverhältnisse und angemessenen Bedürfnisse des Kindes anteilig beizutragen. Darunter ist nicht nur eine materielle Leistung sondern auch die Betreuung des Kindes zu verstehen.
Gemäß § 146 Abs 1 ABGB umfasst die Pflege des mj Kindes, die Wahrung des körperlichen Wohls und der Gesundheit sowie die unmittelbare Aufsicht.
Unter Berücksichtigung dieser Umstände, die Gleichstellung von Vater und Mutter und der anteiligen Betreuungspflicht des gemeinsamen minderjährigen Kindes kann nicht davon ausgegangen werden, dass nur die gewünschte Teilzeit des Beklagten, die die erforderliche Zeit für die Kleinkinderbetreuung zulassen würde, die sonst nicht ausreichend sichergestellt wäre.
Dies umso weniger, als der Beklagte nur rollierend die jeweiligen Dienste 4 Tage die Woche arbeiten müsste.
Es steht auch nicht fest, dass die Kindesmutter und Ehefrau des Beklagten während dieser Zeiträume die Betreuung des gemeinsamen Kindes nicht durchführen könnte.
Nach den allgemeinen Beweislastregeln wäre der Beklagte diesbezüglich beweispflichtig gewesen.
Da jedoch die Kindesmutter und Zeugin E***** G***** die betreuende Psychotherapeutin Mag. F***** P***** nicht von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbunden hat, der diese gemäß § 15 Psychotherapiegesetz unterliegt und auch ansonsten entsprechend den Beweisergebnissen nicht feststeht, dass die Kindesmutter die Betreuung des gemeinsamen Kindes aus psychischen Gründen während der Schicht des Beklagten nicht durchführen kann, konnte der erkennende Senat kein berechtigtes Interesse des Beklagten darin sehen, das Elternzeitmodell der Beklagten nicht anzunehmen.
Insofern der Beklagte eine Änderung des Dienstvertrages anstrebt, indem er darauf verweist, dass er bei der beklagten Partei im Rahmen der Qualitätssicherung tätig sein könnte und zwar zu den gewünschten Arbeitszeiten, ist ihm entgegenzuhalten, dass eine Änderung des Dienstvertrages durch eine Vertragsänderung oder Ergänzung im vorliegenden Verfahren ausgeschlossen ist (vgl ASG Wien 6.11.2005, 5 Cga 237/05k, ASG Wien, 12.12.2016, 1 Cga 99/16h).
Dementsprechend ist auch das Klagebegehren der Klägerin, wonach der Beklagten im Rahmen einer 12-Stunden-Woche als Lagerarbeiter tätig sein könnte unzulässig.
Die beklagte Partei hat daher nicht nachweisen können, dass ihre Interessen gegen das von der klagenden Partei vorgeschlagene Elternteilzeitmodell sprechen.
Zu den betrieblichen Interessen der Klägerin:
Bei den betrieblichen Interessen muss es sich um Umstände handeln, die negative Auswirkungen auf den Betrieb in seiner Eigenschaft als eine dem Zweck der Leistungshervorbringung gewidmete Organisation haben. Ein betriebliches Interesse liegt insbesondere dann vor, wenn die Teilzeitbeschäftigung die Organisation, den Arbeitsablauf oder die Sicherheit im Betrieb wesentlich beeinträchtigt und Maßnahmen zur Verhinderung dieser Beeinträchtigung, insbesondere die Aufnahme von Ersatzkräften nicht möglich sind oder unverhältnismäßige Kosten verursachen würden (Erläut. RV 399, Blg. Nr. XX II.EP5).
Zutreffend führt die Klägerin aus, dass die Einführung eines weiteren Schichtmodells nur zu Gunsten des Beklagten für sie aus betrieblichen Gründen nicht umsetzbar ist. Eine gänzliche Umstrukturierung des Schichtmodells ist der Klägerin aus betrieblichen Gründen nicht zumutbar (vgl auch LGZ Graz zu GZ 38 Cga 96/06i).
Das Klagebegehren ist daher berechtigt.
|
JJT_20201028_LG00021_001CGA00108_20P0000_000
|
ECLI:AT:LG00021:2020:001CGA00108.20P.1028.000
|
1Cga108/20p
|
Justiz
|
Arbeits- und Sozialgericht Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201028_LG00021_001CGA00108_20P0000_000/JJT_20201028_LG00021_001CGA00108_20P0000_000.html
| 1,603,843,200,000
| 1,570
|
Kopf
Das Arbeits- und Sozialgericht Wien erkennt durch seine Vizepräsidentin
HR Dr. Patricia Wolf als Senatsvorsitzende und die fachkundigen Laienrichter Andreas Umgeher (AG) und Mag. Michael Zawodsky (AN) in der Rechtssache der klagenden Partei C*****, Niederlassung Österreich der C*****, *****, vertreten durch Binder Grösswang Rechtsanwälte GmbH, A-1010 Wien, Sterngasse 13, wider die beklagte Partei Mag. H***** F*****, Angestellter, *****, wegen Feststellung, nach öffentlicher mündlicher Verhandlung zu Recht:
Spruch
1. Es wird festgestellt, dass für den Beklagten kein gesetzlicher Kündigungs- und Entlassungsschutz gemäß § 8 f VKG besteht.
2. Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei deren mit € 801,84 bestimmten Verfahrenskosten (darin € 133,64 an USt) binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die klagende Partei beantragte wie im Spruch und führte aus, dass ein rechtliches Interesse an der Feststellung vorliege, dass aufgrund des missbräuchlichen Elternteilzeitwunsch des Beklagten kein gesetzlicher Kündigungs- und Entlassungsschutz bestehen.
Dem Beklagten sei am 5.8.2020 von Seiten der klagenden Partei mitgeteilt worden, dass seine Position im Zuge von Umstrukturierungen wegfallen würde und nicht nachbesetzt werden könne. Dem Beklagten sei daher angeboten worden, auf Konzernebene die höhere Position CFO C***** Deutschland anzunehmen, doch habe dies der Beklagte abgelehnt.
Der Beklagte habe jedoch mit Schreiben vom 7.8.2020 einen Anspruch auf Elternteilzeit im Ausmaß von 30,5 Wochenstunden ab 1.12.2020 bis 4.2.2020 geltend gemacht.
Der Beklagte habe lediglich die 20 %ige Mindestreduktion für die Inanspruchnahme von Elternteilzeit geltend gemacht, eine stärkere Reduktion sei für ihn nicht in Betracht gekommen. Im vorliegenden Fall bestehe der Elternteilzeitanspruch nicht, da der Beklagte Elternteilzeit nicht zur Kinderbetreuung benötige, sondern Elternteilzeit lediglich zur Absicherung seines Arbeitsplatzes in Anspruch nehmen wolle, eben um den Kündigungsschutz und Entlassungsschutz nach § 8f VKG in Anspruch nehmen zu können.
Die beklagte Partei bestritt und führte aus, die Voraussetzungen für die gegenständliche Klage würden nicht vorliegen, da eine dokumentierte Ausführung über die Vergleichsgespräche im Sinne des § 8 VKG nicht erfolgt sei und nicht vorgelegt worden sei.
Der Beklagte habe seinen Anspruch auf Elternteilzeit ordnungsgemäß geltend gemacht und benötige er einen Tag in der Woche, um diesen mit seiner Tochter verbringen zu können.
Der Umstand, dass der Beklagte eine Beförderung nach Deutschland ausgeschlagen habe, zeige, dass das tatsächlich sein Ansinnen sei und ein anderer Grund nicht bestehe. Festzuhalten sei, dass der Wegfall seiner Position zum Zeitpunkt der Versendung des Anspruchs auf Elternteilzeit noch nicht konkret bekannt gewesen sei, sondern ihm aufgrund der Gespräche mit dem CEO bekannt gewesen sei, dass dies lediglich angedacht gewesen sei. Von einem konkreten Wegfall wisse der Beklagte bis heute nichts.
Die klagende Partei replizierte, dass eine Kinderbetreuungspflicht des Beklagten nicht bestehe, da seine Ehefrau nicht berufstätig sei. 2 Tage, nachdem der Beklagte informiert worden sei, dass seine Position wegfallen würde, hätte er den vorliegenden Antrag auf Elternteilzeit gestellt. In diesem Zeitpunkt sei das Kind des Beklagten schon 1,5 Jahre alt gewesen.
Es gebe keinen gleichwertigen Arbeitsplatz bei der klagenden Partei für den Beklagten in Österreich. Der Beklagte sei Teil des 4-köpfigen Managementteams gewesen. Allfällige Tätigkeiten, die der Beklagte ausüben könne, seien Positionen, die derzeit an ihn berichten würden.
Dies wurde von Seiten der beklagten Partei bestritten und zum Beweis dafür, dass es sehr wohl Arbeitsplätze gäbe bei der Klägerin, die im Rahmen der angestrebten Elternteilzeitvereinbarung für den Beklagten zur Verfügung stünden, die Einholung eines berufskundlichen Gutachtens beantragt.
Feststellungen:
Der Beklagte ist bei der Klägerin seit 3.8.2012 aufgrund des Anstellungsvertrages als CFO (Chief Financial Officer) als leitender Angestellter tätig.
Er erhält ein Jahresbruttogehalt in 14 Monatsraten in der Höhe von jährlich € 80.000,00.
Der Beklagte ist Vater der am ***2019 geborenen Tochter *****.
Die Kindesmutter und Ehefrau des Beklagten ist seit der Geburt des gemeinsamen Kindes zuhause, sie hat keine Karenz in Anspruch genommen. Sie hat im September 2020 eine Ausbildung als Diätologin abgeschlossen. Sie war bis zum Schluss der Verhandlung nicht berufstätig und hatte auch kein konkretes Jobangebot in Aussicht und bis Jahresende 2020 auch nicht vor, ein konkretes Jobangebot anzunehmen und möchte sich erst dann nach einer Beschäftigungsmöglichkeit umsehen.
Die Ehefrau des Klägers und Kindesmutter ist daher ganztägig in der Lage, das gemeinsame Kind ***** zu betreuen.
Im Herbst 2021 soll das Kind ***** den Kindergarten besuchen.
Auch die Mutter des Beklagten könnte die Betreuung der Tochter ***** an einem Tag in der Woche übernehmen.
Die Position des Beklagten soll im Jahr 2021 wegfallen und sollte mit einer entsprechenden Position in Ungarn besetzt werden.
Dies teilte Mag. F***** W***** dem Beklagten am 5.8.2020 mit. Mag. W***** ist Hauptbevollmächtigter der Zweigniederlassung der Klägerin in Österreich. Es handelte sich diesbezüglich um eine Konzernentscheidung, die Mag. W***** umzusetzen hat.
Mag. W***** bot dem Beklagten an, dass er seine bisherige Tätigkeit als CFO in Deutschland ausüben könne zu finanziell besseren Konditionen.
Als Reaktion auf diese Mitteilung verfasste der Beklagte das Schreiben vom 7.8.2020 und teilte der Klägerin darin mit, dass er aufgrund der Geburt seines Kindes ***** Elternteilzeit ab 1.12.2020 in Anspruch nehmen wolle und zwar im Zeitraum Montag bis Donnerstag, von 08:30 bis 17:30 Uhr, dies bis zum Ablauf des 7. Lebensjahres der Tochter *****. Der Beklagte wusste, als er das Schreiben aufsetzte, dass mit (erfolgreicher) Inanspruchnahme von Elternteilzeit Kündigungs- und Entlassungsschutz besteht.
Dem Beklagten wäre es angenehm, einen Tag in der Woche mit seiner Tochter zu verbringen, wenn auch deren Betreuung durch seine Ehefrau und im Notfall auch durch seine Mutter jeweils gesichert wäre.
Der Beklagte wollte nicht für die Klägerin in Deutschland arbeiten, da ihm vorgeschlagen wurde, zu diesem Zweck nach Stuttgart in Deutschland zu übersiedeln, was für ihn undenkbar war, da er gerade im Jahr 2019 ein Haus gekauft hat, wo sich seine Ehefrau und Tochter wohl fühlen, die er aus ihrer gewohnten Umgebung nicht herausreißen möchte.
Der Kläger hätte auch zu seinem Arbeitsplatz nach ******* pendeln können, doch wäre es ihm dann nur möglich gewesen, am Wochenende zu seiner Familie nach Österreich zurückzukehren, was er nicht wollte.
Nach Bekanntgabe des Elternteilzeitwunsches des Beklagten teilte ihm die Klägerin mit Schreiben vom 20.8.2020 mit, dass sie vor allem die stattfindenden Gespräche hinsichtlich seiner beruflichen Weiterentwicklung im Konzern nicht vorgreifen wolle. Damit meinte die Klägerin, dass sie den Teilzeitwunsch einfach nicht an die Niederlassung der Klägerin in Deutschland kolportiere, da dies dort nicht gut ankommen werde. Auch in diesem Schreiben wurde der Beklagte darauf hingewiesen, dass eine Zusammenlegung seiner Position mit der entsprechenden Position in Ungarn beschlossen wurde und durch Ungarn besetzt würde. Es wurde ihm weiter mitgeteilt, dass eine Weiterbeschäftigung allenfalls auf einer 50 % Teilzeitstelle möglich sei, doch ist dem der Beklagte nicht nähergetreten. Zusätzlich ersuchte die Klägerin den Beklagten, ihr die Nachweise über das Vorliegen der Voraussetzungen gemäß § 8b VKG zu erbringen, wobei der Beklagte diesbezüglich nur die Geburtsurkunde übermittelte.
Rechtliche Beurteilung
Rechtlich folgt:
- -
Zum Feststellungsinteresse der klagenden Partei:
Dass eine Klage auf Feststellung, ob eine Klägerin nach MSchG berechtigt sei, eine Elternteilzeit zu den von ihr vorgeschlagenen Bedingungen anzutreten, zulässig ist, bejahte der OGH in seiner Entscheidung vom 26.2.2016 zu 8 ObA 8/16h.
Dementsprechend muss vice versa auch eine Klage des Dienstgebers zulässig sein, dass ein Dienstnehmer nicht berechtigt sei, Elternteilzeit anzutreten.
Somit besteht auch ein negatives Feststellungsinteresse, dass ein derartiger Anspruch auf Elternteilzeit nicht zustehe, somit auch, dass der besondere Kündigungs- und Entlassungsschutz nach dem § 8f VKG nicht besteht.
- -
Zum Klagebegehren:
Nur eine Rechtsstreitigkeit im Sinne des § 15k Abs 3 MSchG bzw nach § 8b VKG setzt außer der Bekanntgabe des Dienstnehmers und ein betriebliches Verfahren im Sinne des § 8c VKG voraus.
Eine solche Rechtsstreitigkeit liegt jedoch hier gerade nicht vor, sodass der Einwand des Beklagten, die Nichtdurchführung des betrieblichen Verfahrens stehe der Klage entgegen, nicht berechtigt ist.
Der Zweck der Elternteilzeit besteht im übrigen darin, der Dienstnehmerin oder dem Dienstnehmer ausreichend Zeit zur Kinderbetreuung zu gewähren, weshalb es maßgebend ist, ob die Teilzeitarbeit oder die Änderung der Lage der Arbeitszeit deshalb begehrt wird, weil die bisherige Beschäftigung nicht die erforderliche Zeit für die Kleinkindbetreuung zulassen würde, die gewünschte „Teilzeit“, also der Betreuung des Kleinkindes, dient (vgl 9 ObA 80/10w; 8 ObA 15/12g).
Im vorliegenden Fall kann nicht davon ausgegangen werden, dass nur die gewünschte Änderung der Arbeitszeit der Betreuung des Kleinkindes dient. Der Wunsch des Vaters, mehr Zeit für seine Tochter zur Verfügung zu haben, ist verständlich, entspricht jedoch nicht der Vorgabe, dass nur die gewünschte Änderung der Arbeitszeit die erforderliche Betreuung des Kleinkindes gewährleistet und sicherstellt, da die Betreuung der Tochter des Klägers an sämtlichen Tagen der Woche durch die Kindesmutter und Gattin des Klägers gewährleistet ist (vgl auch ASG Wien, 1 Cga 116/12p in Wolf,Elternteilzeit 2016, S102).
Eine andere Sichtweise würde der Bestimmungen des § 137 Abs 2 ABGB, womit generell die gegenseitige Pflicht der Eltern, den Kindern beizustehen und die Gleichstellung von Vater und Mutter normiert wird, und des § 140 Abs 1 ABGB, wonach die Eltern zur Deckung der Lebensverhältnisse des Klägers anteilig beizutragen haben, widersprechen.
Da daher ein Anspruch auf Elternteilzeit im Sinne der Bestimmungen der §§ 8 ff VKG nicht besteht, steht dem Kläger auch der Kündigungsschutz bzw Entlassungsschutz nach § 8 f VKG nicht zu.
Die Frage, ob es der Klägerin möglich wäre, den Beklagten im Betrieb anderweitig zu beschäftigen, stellt sich im vorliegenden Verfahren gar nicht, da der Beklagte ohnedies keinen Anspruch auf Elternteilzeit hat. Nur bejahendenfalls wäre das betriebliche Interesse der Klägerin zu überprüfen.
Dementsprechend war zur Klärung dieser Frage weder ein berufskundliches Gutachten einzuholen noch die Einvernahme namentlich, ohnedies nicht bezeichneter Zeugen.
Die Kostenentscheidung gründet sich auf § 2 ASGG iVm § 41 ZPO.
Im vorliegenden Verfahren besteht Kostenersatzpflicht (8ObA8/16h).
|
JJT_20201012_LG00021_030CGA00072_20G0000_000
|
ECLI:AT:LG00021:2020:030CGA00072.20G.1012.000
|
30Cga72/20g
|
Justiz
|
Arbeits- und Sozialgericht Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201012_LG00021_030CGA00072_20G0000_000/JJT_20201012_LG00021_030CGA00072_20G0000_000.html
| 1,602,460,800,000
| 5,084
|
Kopf
Das Arbeits- und Sozialgericht Wien fasst durch die Richterin Mag. Romana Ivan als Vorsitzende und die fachkundigen Laienrichter Mag. Thomas Rinder (Arbeitgeber) und Sabine Wagner (Arbeitnehmer) in der Arbeitsrechtssache der klagenden Partei L***** GmbH, *****, vertreten durch KWR Karasek Wietrzyk Rechtsanwälte GmbH in 1010 Wien, wider die beklagte Partei D***** M***** A*****, *****, wegen Elternteilzeit, nach öffentlicher mündlicher Verhandlung den
Spruch
I. Beschluss
1. Der Antrag der klagenden Partei auf Unterbrechung des Verfahrens bis zur rechtskräftigen Entscheidung des Verfahrens 30 Cga 40/20i des Landesgerichtes Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht wird abgewiesen.
2. Der Antrag der klagenden Partei auf Ablehnung der Zeuginnen ***** und ***** wird zurückgewiesen.
II. erkennt zu Recht:
1. Das Klagebegehren, die beklagte Partei trete die Elternteilzeit im Ausmaß von 50 % ab 29.6.2020 bis 28.6.2025 zu den von der Klägerin vorgeschlagenen Bedingungen an. Die Arbeitszeiten der Beklagten im Rahmen der Elternteilzeit gestalte sich nach dem im Betrieb für die Teilzeit angewandten Dienstplanmuster
für das fliegende Personal (Kabinenbesatzung), nämlich einem Dienstplan von 5 Tagen Frühdienst (5:00 Uhr bis 16:00 Uhr Lokalzeit: Check-in/Check-out), gefolgt von 10 Tagen frei, 5 Tagen Spätdienst (14:00 Uhr bis 24 Uhr Lokalzeit; Check-in/Check-out), gefolgt von 10 Tagen frei, wird abgewiesen.
2. Für die Beklagte wird die Elternteilzeit im Arbeitsausmaß von 50 % der Normalarbeitszeit von 29.6.2020 bis 28.6.2025 wie folgt festgelegt:
Montag bis Donnerstag: 0.00 Uhr bis 16.00 Uhr
Die klagende Partei begehrt wie aus Pkt. II.1 des Spruches ersichtlich und bringt zusammengefasst vor, die Klägerin habe keinen Anspruch auf Elternteilzeit, weil sie noch keine drei Jahre bei der Klägerin beschäftigt sei, sondern erst seit 1.3.2018. Zwar seien die Vordienstzeiten bei der N***** bzw. L***** im nunmehrigen Dienstvertrag für Ansprüche nach der Seniorität anerkannt, allerdings handle es sich nicht etwa um eine Wiedereinstellungszusage nach einem unterbrochenen Arbeitsverhältnis beim selben Arbeitgeber, sondern um einen gänzlich neuen Arbeitgeber. § 15h MSchG gehe ausdrücklich von Dienstzeiten beim Arbeitgeber aus. Eine Anrechnung könne sich daher nicht auf die Dienstzeit bei der Elternteilzeit beziehen. Aus Vorsichtserwägungen sei jedoch der Antrag auf gütliche Einigung sowie die Klage eingebracht worden.
Die Beklagte habe den Wunsch nach einer Teilzeitbeschäftigung im Ausmaß von 50 % verteilt auf drei Arbeitstage (Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils von 0:00 bis 14:00 Uhr) von 29.6.2020 bis 28.6.2025 bekanntgegeben. Die Klägerin habe darauf erwidert, dass aufgrund betrieblicher Erfordernisse dem Wunsch keinesfalls entsprochen werden könne und einen Gegenvorschlag unterbreitet.
Der Beklagten sei bewusst gewesen, dass der Job als Flugbegleiterin unsichere Dienstpläne mit variablen Arbeitstagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten erfordere. Alle Flugbegleiterinnen würden dies wissen und akzeptieren, wenn sie einer Fluggesellschaft beitreten. Dies sei auch bei der Beklagten so gewesen. 2018 beim Eintritt der Beklagten hätte es variable Dienstpläne mit einer Mindestgarantie von nur acht oder neun freien Tagen pro Monat gegeben. Es habe keine Gewissheit über die Arbeitstage oder -zeiten gegeben und hätten die Flugbegleiter nur Anspruch auf 104 freie Tage pro Jahr gehabt. Später seien die Dienstpläne zum Vorteil des Personals verbessert worden (5/3/5/2) und hätten diese mehr garantierte Freizeit und einen geordneteren Dienstplan zur Folge. Besonders für berufstätige Mütter seien diese geeignet, da sie es ermöglichen würden, Kinderbetreuung lange im Vorhinein planen.
Seit dem neuen KV und den neuen Vertragsbedingungen habe sich der Dienstplan noch geringfügig zugunsten der Besatzung geändert. Für Vollzeitmitarbeiter gelte der Roster 5 Tage Dienst - 3 Tage frei. Teilzeitkräfte hätten nun 5 Tage Frühdienst, dann 11 Tage frei, gefolgt von 5 Tagen Spätdienst und 11 Tagen frei. Es gebe genug Zeit, um entsprechende flexible Kinderbetreuungsangebote zu vereinbaren. Die Klägerin habe kein Kabinenpersonal über eine Outsourcing-Lösung rekrutiert, sie benötige in Wien weniger Mitarbeiter.
Abweichungen vom geregelten Dienstplan würden eine hohe finanzielle und organisatorische Belastung bedeuten und seien daher nicht möglich. Mit dem daraus entstehenden Wildwuchs an unterschiedlichen Einsetzbarkeiten der Crew wäre die Aufrechterhaltung des ordentlichen und wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes nicht mehr möglich. Derzeit kämen erschwerend die massiven wirtschaftlichen Probleme auf Grund der Corona-Krise hinzu.
Die Klägerin habe keine Dienstpläne, die es erlauben würden, nur von 0.00 bis 14.00/15.00/16.00 oder nur an bestimmten Wochentagen zu arbeiten. Die Klägerin sei gerne bereit, Teilzeitarbeitspläne auf der Grundlage zu erstellen, dass der Mitarbeiter in einem 5/11 Dienstplan arbeite (5 Tage Frühdienst - 11 Tage frei - 5 Tage Spätdienst - 11 Tage frei), stelle diese jedoch nur Mitarbeiterinnen zur Verfügung, die die neuen KV/AGB der Klägerin akzeptieren würden. Die Beklagte habe dies abgelehnt. Sämtliche Mitarbeiter mit „Alt-Teilzeitverträgen“, die dem nicht zustimmen würden, müssten leider gekündigt werden.
Die Forderung der Klägerin, zwischen 0:00 Uhr und 15:00 Uhr zu arbeiten, sei irreführend und keinesfalls umsetzbar, da der Dienstplan nicht vor 5:00 Uhr beginne und ein beträchtlicher Teil der frühen Morgendienste nach 15:00 Uhr ende. Die Klägerin fordere damit, dass feste Dienstplanmuster aufzugeben welches für die Effizienz und die wirtschaftliche Wende von L***** wichtig sei. Die klagende Partei könne sich nicht damit einverstanden erklären, dass ein Mitglied der Kabinenbesatzung nur dienstags, mittwochs und donnerstags arbeite, da dieser Dienstplan nicht in ein festes Dienstplanmuster passe. Ebenso sei ein solcher restriktiver Dienstplan für die Kinderbetreuung nicht erforderlich, da die Kinderbetreuung durch das Dienstplanmuster sogar erleichtert werden. Die klagende Partei sei darüber hinaus auch noch bereit, Teilzeitarbeit auf der Grundlage anzubieten, dass sich zwei Kabinenbesatzungsmitglieder eine volle Dienstplanlinie teilen würden, sodass jede Kabinenbesatzung 5/10/5 (5 Tage Dienst, 10 Tage frei, 5 Tage Dienst) arbeite, was die Organisation der Kinderbetreuung noch einfacher mache. Pro Monat sei eine Kinderbetreuung im Ausmaß von ca 10 Tagen notwendig. Die Beklagte habe keinen Anspruch gegenüber dem Dienstgeber, ihre Kinder „nur" in regulären Kindergärten unterzubringen, es gebe ein großes Angebot an zB Tageseltern, mobiler Kinderbetreuung, die ebenfalls zur Kinderbetreuung zur Verfügung stünden.
Der Gegenvorschlag der Beklagten solle das Gericht eindeutig in die irre führen, da sie wisse, dass es bei der Klägerin keine Dienstpläne wie den geforderten gebe. Ein Gegenvorschlag wäre nur unter der Grundlage akzeptabel, dass die Beklagte eine Vereinbarung unterzeichne, in der sie den neuen KV/Vertragsbedingungen der Klägerin akzeptiere, der die einzige Grundlage sei, auf der Piloten und Kabinenpersonal ab dem 1.7.2020 bei der Klägerin eingestellt oder eingeteilt werden könnten. Würde dem Vorschlag der Beklagten gefolgt werden, müssten andere Mitarbeiter auf Zulagen und Arbeitszeit verzichten bzw. würden andere wieder zu viele (nicht zulässige) Stunden akkumulieren und somit mehr Mitarbeiter angestellt werden, was zu weiteren finanziellen Mehrbelastungen führe. Dies sei nicht möglich, weiters unfair gegenüber anderen Mitarbeitern.
Die Beklagte biete keinen tauglichen Beweis dafür an, dass der Vater des Kindes, der nur Teilzeit arbeite, keine geeigneten Vorkehrungen treffen könne, um bei der Kinderbetreuung an den 5 Tagen von jeweils 16 Tagen, an denen sie fliegen müsse, zu helfen. Es sei klar, dass die Beklagte nicht bereit sei, irgendeine Flexibilität zu zeigen, um den Anforderungen der Organisationsabläufe des Arbeitgebers gerecht zu werden, und eindeutig nicht bereit sei, zu arbeiten bzw. Dienst zu erbringen.
Die Beklagte habe Elternteilzeit nicht als Antrag beantragt, wie dies gesetzlich vorgesehen sei, sondern als Forderung, dies zu einer Zeit, als die Flotte der Klägerin am Boden gelegen sei, da in der Zeit von April bis Mai nicht geflogen worden sei. Dies bereits vor der Corona-Krise, aber besonders hart seit der Krise. Die Klägerin werde weiter versuchen, mit jenen Besatzungsmitgliedern zu überleben, die den neuen Kollektivvertrag/Vertragsbedingungen akzeptiert hätten. Die Klägerin wolle nicht Mitarbeiter, die den neuen Dienstplänen zugestimmt hätten kündigen, nur um Arbeitsplätze für eine sehr kleine Minderheit von Besatzungsmitgliedern zu schaffen, die diesen neuen KV/Vertragsbedingungen abgelehnt hätten.
R***** sei eine eigenständige Fluggesellschaft, die in Wien eigene Flüge zu eigenen Bedingungen durchführe. Die Patronatserklärung bedeute nicht, dass die Muttergesellschaft ein defizitäres Unternehmen unendlich lange künstlich am Leben halte. Die Finanzstärke des Mutterunternehmens sei völlig irrelevant.
Das Mutterschutzgesetz und auch sonst kein Gesetz erlaube es keinem Arbeitnehmer, eine bestimmte Teilzeit Arbeitszeit oder eine Teilzeitvereinbarung zu verlangen, eine Teilzeit müsse den Anforderungen und den Erfordernissen des Unternehmens des Arbeitgebers entsprechen. Der Beklagten sei ein großzügiger 5/10/5-Stunden-Dienstplan angeboten worden, der ihm Voraus festgelegt sei.
Die Beklagte könne zudem auch deshalb nicht weiter beschäftigt werden, da der Flugbetrieb Wien aufgrund der gegenwärtigen schweren Covid-19 und dem Versäumnis der Gewerkschaft schließen müsse. Auch könne die Klägerin nicht an einem anderen Arbeitsplatz beschäftigt werden, da es keine offenen Stellen im gesamten Unternehmen gebe und weitere Kündigungen ausgesprochen werden müssten. Es sei daher auch bereits ein Antrag auf Zustimmung zur Kündigung der Klägerin gestellt worden.
Beklagte könne zudem auch deshalb nicht weiter beschäftigt werden, dass es sich, als Teil einer kleinen Minderheit der Wiener Kabinenbesatzung geweigert habe, den neuen, ab 1,10,2020 geltende Kollektivvertrag auch einzelvertraglich zu akzeptieren können. Der Kollektivvertrag sei von der WKO und der vida am 3. Juni unterzeichnet worden und von mehr als 90 % der Piloten und mehr als 66 % der Kabinenbesatzung angenommen worden. Diesbezüglich sei auch ein Antrag auf Zustimmung zur Kündigung der Beklagten gestellt worden. Der Flugbetrieb werde nicht in ihrer Gesamtheit fortgesetzt. Mit viel weniger Passagieren (10 Mio. statt 5 Mio.) benötige die klagende Partei weniger Piloten und Kabinenpersonal. Die Klägerin befinde sich in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und verzeichnet sehr hohe Verluste.
Schließlich führte die Klägerin in der letzten Verhandlung aus, dass der Flugbetrieb mit Ende Oktober 2020 eingestellt werde.
Zum Unterbrechungsantrag führte die klagende Partei aus, sie habe beim zuständigen Landesgericht Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht die Zustimmung zur Kündigung der Beklagten beantragt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Beklagte demnächst mit Zustimmung des Landesgerichtes Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht gekündigt werde, werde das Verfahren über den Umfang und die Bedingungen der Elternteilzeit irrelevant sein, und es werde keine Notwendigkeit bestehen, das Verfahren fortzusetzen. Aus Gründen der Verfahrensökonomie müsse das gegenständliche Verfahren daher bis zur Entscheidung des Landesgerichtes Korneuburg unterbrochen werden.
Zum Ablehnungsantrag führte die beklagte Partei aus, dass die Klägerin nicht anführe, zu welchem Beweis die Zeugin ***** aussagen solle. Sie habe lediglich angeführt, dass die Klägerin Teil des (illegalen, nichtigen) Betriebsrats und selbst in Teilzeit sei. Es gebe keinen Grund, die Zeugen zu hören. Auch habe sie keinerlei Kenntnisse über die Möglichkeiten und Planbarkeiten von Elternteilzeit bei der beklagten Partei oder anderen Fluggesellschaften. Darüber hinaus stehe es ihr nicht zu, Aussagen über die Machbarkeit von Elternteilzeit zu tätigen. Sie sei weder zuständig noch verantwortlich für die Dienstplanerstellung und nicht vertraut mit den notwendigen Grundsätzen und Voraussetzungen für die Dienstplanerstellung. Auch sei sie am 22.5.2020 anonym als „Frau *****.“ gegen die Klägerin öffentlich im Fernsehen aufgetreten und habe durch ihre nicht fundierten Aussagen den Fortbestand der Wiener Basis und damit von rund 500 Arbeitsplätzen aufs Spiel gesetzt. Auch aufgrund dieser Umstände könne sie nicht als Zeugin einvernommen werden. Auch dürfe sie im Sinne der Verfahrensökonomie nicht gehört werden. Wenn sie „Einsichten in die Interna“ der Klägerin äußere, sei dies nicht rechtmäßig und man behalte sich rechtliche Schritte vor. Bei der klagenden Partei gebe es keinen Betriebsrat und sei Frau ***** nicht Betriebsratsmitglied, da die Betriebsratswahlen vom Oktober 2019 null und nichtig seien. Bei der nichtigen Wahl sei so vorzugehen, als ob die Wahl nie stattgefunden habe. Rechtshandlungen könnten nicht gesetzt werden und würden keine Rechtsfolgen entfalten. Die Vorsitzende des null und nichtigen Betriebsrates und Ex-Mitarbeiterin Frau *****, sei über das Frühwarnsystem lediglich aus Vorsichtsgründen unpräjudiziell der Sach- und Rechtslage betreffend die null und nichtige, ungültige Betriebsratswahl informiert worden.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren. Die Beklagte sei mit zahlreichen langen - englischsprachigen - Schreiben der Klägerin unter Druck gesetzt worden, auf die Rechte aus dem Einzelvertrag zu verzichten und den neuen Kollektivvertrag „unterfertigen“. Die Agentur N***** rekrutiere bereits seit Monaten Kabinenpersonal für die klagende Partei. Es bestehe eindeutig Bedarf an Personal.
Die Klägerin verkenne neben der betrieblichen Möglichkeit einer Beschäftigung in Elternteilzeit, dass darüber hinaus zahlreiche weitere Gründe vorliegen würden, weswegen dem Antrag der Beklagten auf die von ihr gewünschte - und zum Wohl des Kindes wochenweise vorausplanbare - Elternteilzeit stattzugeben sein.
Die Beklagte sei seit 4.1.2010 bei der Klägerin bzw. deren Rechtsvorgängern nahtlos als Flugbegleiterin beschäftigt. Die Anrechnung von Vordienstzeiten seien im Dienstvertrag ausdrücklich „als Dienstzeiten beim Dienstgeber“ von der Klägerin anerkannt. Die Anrechnung sei daher einzelvertraglich vereinbart worden. Es bestehe daher jedenfalls ein Anspruch auf Elternteilzeit, was die Klägerin in deren Antrag gemäß § 15k MSchG und der nunmehrigen Klage bereits sinngemäß anerkenne.
Eine Diensteinteilung der Beklagten unabhängig vom schematisierten Dienstroster „5-10-5“ oder „5-3-5-2“ sei sehr wohl möglich und unter Berücksichtigung der Intention des MSchG zu tolerieren. Wie in anderen Betrieben werde es auch der Klägerin möglich sein müssen, einen Dienstplan, allenfalls unter Berücksichtigung anderer Elternteilzeit-Mitarbeiterinnen, Krankenständen oder Urlauben für diese Mitarbeiterinnen zu schaffen, auch wenn dies allenfalls finanziell „ungünstig“ sein könnte.
Es gebe bei der Klägerin Früh- und Nachmittags-/Abendflüge, wobei die Beklagte vorzugsweise die frühen Flüge (Start zwischen 3:00 Uhr und 6:00 Uhr, Rückkehr in der Regel 4 - 6 Stunden später) bedienen könne, wie es in der Vergangenheit bei der Klägerin auch betrieblich möglich gewesen sei. Frühflüge würden in der Regel um 14:00 Uhr enden, sodass die Beklagte auch die Möglichkeit habe, ihre Kinder vom Kindergarten abzuholen.
Für den Notfall bestehe die Möglichkeit, dass Freunde oder andere Personen die Kinder abholen würden, dies könne jedoch nicht als Fixplan gesehen werden.
Der vorgeschlagene Dienstplan 5-10-5 bewirke, dass sie laufend an Wochenenden Dienst habe, wobei hier die Kinderbetreuung nicht gewährleistet sei. Dies sei auch bei einem Roster 5-3-5-2 der Fall. Der Dienstplan 5-10-5 sei mit den Kinderbetreuungspflichten der Beklagten nicht in Einklang zu bringen, da diese Dienste oftmals Standby-Dienste seien, welche einen „spontanen“ Dienstantritt z.B. um 4:00 Uhr früh bewirken könnten, sodass hier auch mitten in der Nacht keine Betreuungsperson für die Töchter innerhalb einer Stunde parat sein müssten. Auch Übernachtflüge seien kaum zu bewerkstelligen.
Die Beklagte sei Mutter zweier Kinder, der Kindesvater studiere und arbeite Teilzeit immer fix samstags und sonntags. Die Vorlesungen und Pflichtseminare auf der Universität seien tagsüber und könne er daher nur stundenweise unter der Woche aushelfen. Das hier betroffene Kind sei zwei Jahre alt. Die Eltern bzw. Schwiegereltern stünden entweder selbst noch im Berufsleben oder seien vom Lebensalter her mit der dauerhaften und/oder laufenden tageweise Betreuung von zwei Kleinkindern jedenfalls überfordert, sodass man diese nicht „fix" bei den von der Klägerin gewünschten Wochenendzeiten der Beklagten einplanen könne. Die Kinder müssten ohnedies von einem anderen Familienangehörigen (in der Regel dem Kindesvater) in der Früh in den Kindergarten gebracht werden und könne die Beklagte sie nach Dienstschluss abholen. Der Kindergarten sei von 6:30 bis 17:30 Uhr geöffnet.
Dass die Beklagte vor über zehn Jahren den Beruf der Flugbegleiterin gewählt habe, bedeute keinesfalls, dass sie nach der Geburt von Kindern keinen Anspruch auf ein geordnetes und gesetzmäßiges Verfahren als auch auf Elternteilzeit generell habe.
Die Klägerin habe mit der Beklagten bereits vor deren Karenz eine „Zusatzvereinbarung“ abgeschlossen, aus welcher sich die faktische Möglichkeit von Diensten nur unter der Woche eindeutig ergebe. In der Zusatzvereinbarung sei von der Klägerin eine Teilzeitbeschäftigung von Montag bis Donnerstag von 0:00 Uhr bis 16:00 Uhr als Rahmenarbeitszeit (bei 50 % der Leistung) im Anschluss an deren Karenz angeboten worden. Das Klagebegehren sei alleine schon aus diesem Grund unschlüssig. Trotz der den Flugverkehr von Mitte März bis Mitte Juli 2020 einschränkenden Corona-Krise werde der Betrieb weitergeführt. Aufgrund der Aufnahme des Flugverkehrs ab 1.7.2020 besteht die Möglichkeit, dem Elternteilzeitwunsch der Klägerin zu entsprechen. Die Klägerin sei arbeitsbereit, die Klägerin habe jedoch auf die Arbeitsleistung bis 30.9.2020 verzichtet.
Die R***** habe gegenüber der Klägerin eine ausdrückliche Patronatserklärung abgegeben derzufolge sie als Muttergesellschaft Klägerin bei Bedarf ausreichend mit finanziellen Mitteln ausstatten werde.
Die Beklagte beantragte die Erlassung folgendes Urteiles:
Es wird festgestellt, dass die Beklagte ab 29.6.2020 bis 28.6.2025 in Elternteilzeit im Ausmaß von 50 % der Normalarbeitszeit an den Tagen Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in einer Rahmenzeit von jeweils 0.00 bis 14.00 arbeite.
In eventu beantragte die Beklagte jeweils von 29.6.2020 bis 28.6.2015 die Feststellung auf Anspruch auf eine Elternteilzeit von Montag bis Donnerstag, 0:00 Uhr bis 16:00 Uhr,
ebenfalls in eventu (sollten die vorhergehenden Möglichkeiten nicht als möglich erachtet werden, die Feststellung auf Anspruch auf eine Elternteilzeit im Schichtrad der Klägerin (5/11/5/11), wobei das potentielle ON-Wochenende (Sa/So) für die Beklagte dienstfrei gehalten werde.
Zum Unterbrechungsantrag: Die Beklagte sprach sich gegen die Unterbrechung des Verfahrens aus. Aufgrund der finanziellen existenzbedrohenden derzeitigen Situation der Beklagten sei es untunlich und wäre es dieser nicht zumutbar, das Verfahren zu unterbrechen. Auch sei mit einer schnellen Entscheidung im Verfahren vor dem Landesgericht Korneuburg zu rechnen.
Zum Ablehnungsantrag: Die Zeuginnen könnten im Rahmen ihrer „betriebsrätlichen Tätigkeit“ und von der Klägerin früher auch gewährten Einsichten über die Interna über deren Wahrnehmungen berichten. Die Beobachtungen, Gespräche und Wahrnehmungen der beantragten Zeuginnen hinsichtlich der Möglichkeiten und Planbarkeit von Elternteilzeit im Betrieb seien auch unabhängig von deren betriebsrätlichen Tätigkeit oder der Wirksamkeit der Betriebsratswahl zu sehen und zustande gekommen. Der Antrag auf Befragung der Zeuginnen wurde ausdrücklich aufrechterhalten.
Sachverhaltsfeststellungen:
Die Beklagte war ab 4.1.2010 für die N***** GmbH als Flugbegleiterin tätig. Sie war in Karenz und kehrte mit Jänner/Feber 2018 zurück. Sie war damals bereits mit ihrem zweiten Kind schwanger, hatte ein Flugverbot und war im Büro tätig.
Das Dienstverhältnis endete mit 28.2.2018 durch Austritt der Beklagten gemäß § 25 IO aufgrund des über die Arbeitgeberin eröffneten Insolvenzverfahrens.
Die Klägerin übernahm die F***** aus dem Insolvenzverfahren.
Mit 1.3.2018 schloss die Klägerin mit der Beklagten einen Dienstvertrag, nach welchem die Beklagte als Senior-Flugbegleiter eingesetzt werde. Punkt 8. des Dienstvertrages lautet wie folgt:
„8. Anrechnung von Dienstzeiten, Seniorität
Die bei der L***** GmbH, sofern sie bei der N***** GmbH als Dienstzeiten anerkannt wurden, und bei der N***** GmbH geleisteten Dienstzeiten werden als Dienstzeiten beim Dienstgeber anerkannt und etwa bei der Einordnung des Dienstnehmers in das beim Dienstgeber bestehende Gehaltsschema, bei der Berechnung des Urlaubsanspruches und bei allen anderen Anwendungsbereichen, in denen die Seniorität ausschlaggebend ist, herangezogen, wenn der Dienstnehmer innerhalb der letzten vier Wochen vor seiner Beschäftigung beim Dienstgeber bei der N***** GmbH beschäftigt war."
Die Klägerin schloss mit der Beklagten zur gleichen Zeit eine Zusatzvereinbarung zum Dienstvertrag betreffend ein sich an die Karenz anschließendes Teilzeitdienstverhältnis. Diese Urkunde ist dem Urteil als integrierender Bestandteil angeschlossen. Wie die Einteilungen genau erfolgen sollten, beispielsweise hinsichtlich Früh- oder Spätflügen, wurde nicht besprochen.
Mit Schreiben vom 22.3.2020 teilte die Beklagte der Klägerin mit, dass sie im Anschluss an die Geburt ihres am *****.2018 geborenen Kindes eine Elternteilzeitbeschäftigung entsprechend den Bestimmungen des § 15h MSchG in Anspruch nehme. Das Ausmaß der Elternteilzeitbeschäftigung solle 50 % betragen, die Arbeitszeit wie folgt verteilt sein:
Dienstag:Â 00.00 - 14.00 Lokaltime
Mittwoch:Â 00.00 - 14.00 Lokaltime
Donnerstag:Â 00.00 - 14.00 Lokaltime
Es sollten keine Standbydienste, Reservedienste, Available, Airport-Standbys, Übernachtungen bzw. Umläufe, WOFFs und Bereitschaftsdienste möglich sein. Die Elternteilzeit solle bis zum 7. Geburtstag des Kindes dauern.
Mit E-Mail vom 20.4.2020 teilte die beklagte Partei mit, dem Antrag auf Elternteilzeit nicht nachkommen zu können. Es sei eine feste Elternteilzeitregelung eingeführt worden nach dem Dienstplan 5/10/5. Dies werde allen Besatzungsmitgliedern angeboten, auch der Beklagten. Die angefragte Teilzeit sei nicht möglich und lasse sich nicht mit dem bevorzugten Dienstplanschema 5/3 5/2 vereinbaren. Die einzig verfügbare Option sei ein fester Dienstplan von 5 Arbeitstagen, gefolgt von 10 Tagen frei, gefolgt von 5 Arbeitstagen. Die klagende Partei schilderte weiters die schwierige Situation der Klägerin in der aktuellen Covid-19-Krise und forderte die Beklagte auf, bis 27.4.2020 bekanntzugeben, dass sie mit dem angebotenen Dienstplan und mit Kurzarbeit einverstanden sei.
Mit Email vom 27.4.2020 teilte die Beklagte mit, aufgrund der Betreuung ihrer beiden Töchter den vorgegebenen 5/10/5 Roster nicht einzuhalten können.
Im August 2020 gab es bei der klagenden Partei an allen Standorten etwa 560 Flugbegleiter, davon etwa 200 in Wien. Die Klägerin setzt auch Flugbegleiter ein, die bei anderen Unternehmen beschäftigt sind. Am Standort Wien sind insgesamt etwa 300 Flugbegleiter tätig.
Noch vor der Corona-Krise wurde Flugbegleiter des Mutterunternehmens R***** für die Klägerin ausgebildet, da geplant war, von 23 auf 38 Flugzeuge aufzustocken. Aufgrund der Corona-Krise gab es von 17.3.2020 bis 1.10.2020 keine Flüge der beklagten Partei, folglich auch keine Einnahmen. Die bereits geschlossene Basis wurde nach der Unterfertigung des neuen Kollektivvertrages mit 1.7.2020, jedoch in reduziertem Ausmaß, wieder eröffnet. Anstatt der geplanten 18 Flugzeuge mit 10 Millionen Passagieren jährlich sind mit Stand August 2020 10 Flugzeuge mit geschätzt 5 Millionen Passagieren jährlich eingesetzt.
Bei der klagenden Partei gibt es Früh-, Mittags- und Nachmittagsflüge. Der früheste Check-in beginnt um 5:00 Uhr. Es wird nur Kurz- und Mittelstrecke geflogen, die weiteste Destination sind die kanarischen Inseln. Bei der Übernahme am 1.3.2018 gab es keine festen Dienstpläne, sondern lediglich bestimmte Vorgaben, etwas wie viele Tage im Monat mindestens frei sein mussten, ebenso die Einhaltung der gesetzlichen Ruhezeiten. Zur Optimierung wurde in der Folge ein fixes Dienstplanmodelle für eine bessere Ressourcenplanung und eine bessere Kostenkontrolle eingeführt. Es wurde vorerst - ab September 2018 für Vollzeitkräfte - das Modell S/2/5/2 eingeführt, ab 1.7.2020 das Modell S/3/5/3 (5 Tage Frühflüge, 2 bzw. 3 Tage frei, 5 Tage Spätflüge, 2 bzw. 3 Tage frei). Die Teilzeitkräfte wurden vorerst entsprechend ihren individuellen Vereinbarungen eingesetzt. Für Teilzeitmitarbeiter wurde später - etwa im Juni 2020 - das Modell 5/11/5/11 (5 Tage Frühflüge, 11 Tage frei, 5 Tage Spätflüge, 11 Tage frei) eingeführt.
Mitarbeiter können, müssen aber an den Flugtagen nicht eingeteilt werden, fix sind jedenfalls die freien Tage. Auswärtsübernachtungen gibt es nicht. Für Krankenstände sind Ersatzkapazitäten (Standby) vorhanden. Die klagende Partei setzt nur Arbeiterinnen in der Elternteilzeit ein, die sich an den vorgegebenen Dienstplan halten und dem neuen Kollektivvertrag zustimmen. Mitarbeiterinnen, die eine Vereinbarung wie jene der Klägerin haben und sich nicht dem neuen System unterwerfen, werden nicht eingesetzt, diese sind dienstfrei gestellt und wurden Klagen auf Zustimmung zur Kündigung eingebracht. Die Änderung der Dienstpläne brachte massive Einsparungen für die Klägerin mit sich, darüber hinaus sind die freien Tage für die Mitarbeiter lange im Vorhinein fixiert. In der Abteilung Dienstplanung sind nunmehr statt zwölf nur mehr zwei Mitarbeiter tätig und konnte die Gesamtzahl der Mitarbeiter pro Flugzeug reduziert werden.
Die zwei Kinder der Beklagten besuchen den Kindergarten, welcher von 6:30 bis 17:30 Uhr geöffnet ist. Der Ehegatte der Klägerin studiert und besucht unter der Woche Lehrveranstaltungen. Er ist mit 20 Wochenstunden teilzeitbeschäftigt und arbeitet an (allen) Wochenenden (Samstag und Sonntag; meist Frühschicht von 4:00 Uhr bis 14:30 Uhr oder 15:00 Uhr). Derzeit arbeitet er auch montags von 7:00 Uhr bis 16:00 Uhr. Die Eltern der Beklagten sind schon in Pension, ihr Vater ist über 70 Jahre alt. Eine regelmäßige Betreuung der Kinder wäre für beide aufgrund der gesundheitlichen Situation längerfristig nicht zumutbar, lediglich ein gelegentliches Abholen aus dem Kindergarten wäre möglich. Der Schwiegervater der Beklagten ist im Schichtdienst tätig, ihre Schwiegermutter arbeitet bis 16:30 Uhr. Es besteht die Möglichkeit, dass der Ehemann der Beklagten die Kinder in den Kindergarten bringt wenn sie Frühdienst hat. Die Betreuung der Kinder durch den Ehegatten oder die Großeltern an den Wochenenden ist nicht möglich bzw. nicht zumutbar.
Für die klagende Partei ist die Einteilung der Beklagten nach einem vom System 5/11/5 abweichenden Plan mit zusätzlichem organisatorischem Aufwand verbunden. Es kann jedoch nicht festgestellt werden, dass die Einteilung der Klägerin entsprechend ihrem Teilzeitwunsch oder der Vereinbarung betreffend Teilzeitvereinbarung mit nennenswertem finanziellen oder personellen Aufwand verbunden oder gar nicht möglich wäre.
Rechtliche Beurteilung
Rechtliche Beurteilung:
Ad I.:
Zum Unterbrechungsantrag:
Die Klägerin brachte beim Landesgericht Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht eine Klage auf Zustimmung zur Kündigung ein.
Nach § 190 Abs. 1 ZPO kann der Senat anordnen, dass das Verfahren auf so lange Zeit unterbrochen werde, bis in Ansehung dieses Rechtsverhältnisses eine rechtskräftige Entscheidung vorliegt, wenn die Entscheidung eines Rechtsstreites ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Rechtsverhältnisses abhängt, welches Gegenstand eines anderen anhängigen gerichtlichen Verfahrens ist oder welches in einem anhängigen Verwaltungsverfahren fest stellen ist. Ob unterbrochen wird, ist - außer nach Sonderbestimmungen - fakultativ und eine Frage der Zweckmäßigkeit (Fucik in Rechberger ZPO4 § 190 Rz 1). Das von der klagenden Partei im angeführten Verfahren erhobene Klagebegehren ist keine Vorfrage zum gegenständlichen Verfahren. Im Gegenteil hat das Gericht im speziellen Verfahren nach dem Mutterschutzgesetz über den Anspruch auf Elternteilzeit nach dem MSchG bzw. die genaue Ausformung der Elternteilzeit zu entscheiden. Ein Verfahren, in welchem die allenfalls zu erteilende Zustimmung zu einer in Zukunft auszusprechenden Kündigung Verfahrensgegenstand ist, ist keine Vorfrage zur hier zur lösende Frage. Weiters ist es nicht zweckmäßig, ein rasch zu erledigendes Verfahren mit Rechtsmittelausschluss gemäß § 15l Abs. 5 i.V.m. § 15k Abs. 6 MSchG für ein Verfahren mit Rechtsmittelmöglichkeiten zu unterbrechen. Der Unterbrechungsantrag war daher abzuweisen.
Zum Ablehnungsantrag:
Die ZPO regelt die Ablehnung von Richtern und Sachverständigen, eine Ablehnung von Zeugen kennt sie hingegen nicht. Inhaltlich handelt es sich bei den Ausführungen der klagenden Partei eher um Argumente, die die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen in Zweifel ziehen sollen. Die Beweiswürdigung obliegt jedenfalls dem Gericht, und können die Ausführungen nicht die Befragung der Zeuginnen verhindern. Ob die Betriebsratswahl im Betrieb der Klägerin ordnungsgemäß abgehalten wurde und die Zeuginnen daher Mitglieder des Betriebsrates sind, ist für deren Befragung irrelevant. Der Ablehnungsantrag war jedenfalls abzuweisen.
Ad II.:
Nach § 15h Abs. 1 MSchG hat eine Dienstnehmerin Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung längstens bis zum Ablauf des siebenten Lebensjahres oder einem späteren Schuleintritt des Kindes, wenn 1. das Dienstverhältnis zum Zeitpunkt des Eintritts der Teilzeitbeschäftigung ununterbrochen drei Jahre gedauert hat, 2. die Dienstnehmerin zu diesem Zeitpunkt in einem Betrieb mit mehr als 20 Dienstnehmern und Dienstnehmerinnen beschäftigt ist und 3. die wöchentliche Normalarbeitszeit mindestens 20 vH reduziert wird und 12 Stunden nicht unterschreitet.
Für den Fall des Anspruches auf Teilzeitbeschäftigung sieht § 15k Abs. 2 MSchG, wenn nach vier Wochen ab Bekanntgabe des Teilzeitwunsches keine Einigung über Dauer, Ausmaß oder Lage der Teilzeitbeschäftigung zustande kommt vor, dass die Dienstnehmerin die Teilzeitbeschäftigung den von ihr bekannt gegebenen Moment antreten darf, sofern der Dienstgeber nicht binnen weiterer zwei Wochen beim zuständigen Arbeits- und Sozialgericht einen Antrag nach § 433 Abs. 1 ZPO zu gütlichen Einigung stellt. Kommt binnen vier Wochen ab Einlangen des Antrages beim Arbeits- und Sozialgericht keine gütliche Einigung zu Stande, so hat der Dienstgeber nach § 15k Abs. 3 MSchG binnen einer weiteren Woche die Dienstnehmerin auf Einwilligung in die von ihm vorgeschlagenen Bedingungen der Teilzeitbeschäftigung klagen, anderenfalls kann die Dienstnehmerin die Teilzeitbeschäftigung zu den von ihr bekannt gegebenen Bedingungen antreten. Das Arbeits- und Sozialgericht hat der Klage des Dienstgebers dann stattzugeben, wenn die betrieblichen Erfordernisse die Interessen der Dienstnehmerin überwiegen und eine Interessenabwägung vorzunehmen.
Besteht kein Anspruch auf Elternteilzeit nach § 15h MSchG, kommt eine vereinbarte Teilzeitbeschäftigung nach § 15i MSchG infrage. Kommt keine Einigung zustande, so kann hier die Dienstnehmerin den Dienstgeber auf Einwilligung in eine Teilzeitbeschäftigung klagen (§ 15l MSchG).
Im vorliegenden Fall bestreitet die klagende Partei den Anspruch der Beklagten auf Elternteilzeit, da sie noch nicht drei Jahre im Betrieb beschäftigt sei.
Nach Punkt 8. des Dienstvertrages werden bei der N***** GmbH geleistete Dienstzeiten als Dienstzeiten beim Dienstgeber anerkannt und etwa bei der Einordnung des Dienstnehmers in das beim Dienstgeber bestehende Gehaltsschema, bei der Berechnung des Urlaubsanspruches und bei allen anderen Anwendungsbereichen, in denen die Seniorität ausschlaggebend ist, herangezogen.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies auch für den Anspruch auf Elternteilzeit zutrifft. Im Übrigen geht wohl auch die klagende Partei davon aus und anerkennt den Anspruch, da sie - entsprechend dem Verfahren nach dem MSchG bei Anspruch auf Elternteilzeit - den Antrag auf gütliche Einigung stellte, die Klage einbrachte und die Feststellung des im Betrieb verwendeten Teilzeitmodelles 11/5/11 bis zum Ablauf des siebenten Lebensjahres des Kindes begehrt. Inhaltlich richtet sie sich damit nicht gegen den Anspruch auf Elternteilzeit, sondern gegen die von der Beklagten bekanntgegebene und gewünschte Lage der Arbeitszeiten.
Da sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind hat die Beklagte Anspruch auf Elternteilzeit nach § 18h MSchG. Es ist eine Interessenabwägung zwischen dem Vorschlag des Arbeitgebers und dem der Arbeitnehmerin vorzunehmen. Der Arbeitgeber bringt mit seiner Klage durch, wenn die betrieblichen Erfordernisse gegenüber den Interessen der Arbeitnehmerin überwiegen. Nach den Materialien muss es sich bei den betrieblichen Interessen um Umstände handelt, die negative Auswirkungen auf den Betrieb in seiner Eigenschaft als eine dem Zweck der Leistungsklassen Erbringung gewidmete Organisation haben. Es ist der Klage nur dann stattzugeben, wenn die betrieblichen Interesse überwiegen. Bei Gleichwertigkeit der Interessenlage kann die Arbeitnehmerin die Teilzeitbeschäftigung antreten. Der Arbeitgeber muss bei Elternteilzeit gegebenenfalls auch Umorganisationen und finanziellen Nachteile in Kauf nehmen (Schrittwieser in Burger-Ehrnhofer/Schrittwieser/Bauer, MSchG und VKG3, § 15k, Rz 33f).
Ausgehend vom festgestellten Sachverhalt ist die Betreuung der Kinder der Beklagten an Wochenenden durch Familie und Kindergarten nicht möglich. Ein Zurückgreifen auf sämtliche mögliche Kinderbetreuungsangebote, wie dies die klagende Partei durch Vorlage einer Internet-Annonce ins Spiel bringt, ist nicht zumutbar. Die Kinder der Beklagten besuchen den Kindergarten, lediglich eine Betreuung am Wochenende ist weder durch diese Einrichtung noch durch den Vater und die Großeltern möglich. Wenn die Beklagte vorbringt, die Zeiten seien aufgrund des fixen Planes lange vorausplanbar und es seien nur wenige Wochenenden im Jahr betroffen, so ist daraus für die Beklagte nichts gewonnen, da eine Betreuung am Wochenende durch die üblichen Betreuungspersonen auch mit langer Vorlaufzeit und an wenigen Wochenenden nicht möglich ist. Auch die Argumentation der Klägerin, der Beklagten seien die flexiblen Arbeitszeiten schon bei ihrem Eintritt bekannt gewesen und von ihr akzeptiert worden, überzeugen nicht. Durch die Möglichkeit der Elternteilzeit anerkennt der Gesetzgeber Kinderbetreuungspflichten als besonders wichtig und schützenswert. Folgte man der Klägerin, würden Eltern mit für die Kinderbetreuung ungünstigen Arbeitszeiten keinen Anspruch auf Elternteilzeit haben bzw. bei der Interessenabwägung unterliegen, da sie sich schon bei der Entscheidung für ihren Beruf oder ihre Arbeitsstelle der Arbeitszeiten bewusst waren. Dies widerspricht der Intention des Gesetzgebers.
Da nach den Angaben der klagenden Partei eine Einteilung nicht an allen Arbeitstagen erfolgen müsse versuchte die Beklagte hier, dem Arbeitgeber entgegenzukommen, indem sie die in der Vereinbarung aus 2018 angeführten Arbeitszeiten bzw. in eventu die Einteilung nach dem Dienstplan akzeptiert hätte, falls sie an den Wochenenden nicht eingeteilt würde. Dies hat die Klägerin abgelehnt. Aus dem gesamten Vorbringen ist zudem ersichtlich, dass es der klagenden Partei zumindest auch um die Unterwerfung unter den neuen Kollektivvertrag, und dabei scheinbar um den Verzicht auf einzelvertragliche Rechte geht. Hingegen sind ausgehend vom festgestellten Sachverhalt keinerlei Gründe ersichtlich, die eine Einteilung der Beklagten außerhalb des Teilzeit-Rasters unzumutbar oder unmöglich machen würden. Auch erfolgte die Einteilung seit September 2019 entsprechend den individuellen Vereinbarungen. Die Abwägung muss daher zugunsten der Beklagten erfolgen. Da jedoch nachvollziehbar ist, dass die Einteilung im Flugbetrieb für den Arbeitgeber einfacher ist, je größer die mögliche Zeitspanne ist, erscheint dem Senat die Festsetzung im Rahmen des 1. Eventualbegehrens der Beklagten als für beide Parteien zumutbar und sachgemäß. Es handelt sich dabei schließlich um eine zwischen den Parteien getroffene Vereinbarung. Ausgehend vom festgestellten Sachverhalt ist kein Grund ersichtlich, aus welchem die Einteilung der Beklagten entsprechend der von der klagenden Partei angebotenen Teilzeittätigkeit nun nicht mehr möglich sein sollte.
Die zum Schluss der Verhandlung für Ende Oktober 2020 geplante Einstellung des gesamten Flugbetriebes war nicht zu berücksichtigen.
Die Befragung der von der beklagten Partei beantragten Zeugin ***** konnte unterbleiben, da schon - insbesondere im Hinblick auf die Beweismittelverzichte der klagenden Partei - aufgrund der bisherigen Beweisergebnisse zugunsten der Klägerin entschieden werden konnte.
|
JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000
|
ECLI:AT:LG00046:2020:1910BL00069.20I.1214.000
|
191Bl69/20i
|
Justiz
|
LG für Strafsachen Wien
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000/JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000.html
| 1,607,904,000,000
| 1,867
|
Kopf
Das Landesgericht für Strafsachen Wien als Vollzugsgericht am Sitz des Oberlandesgerichtes Wien (§ 16 Abs 3 StVG) hat durch den Vorsitzenden Dr. Pohnert sowie die weiteren Senatsmitglieder Richterin Mag. Hahn und Oberstleutnant Ing. Faymann als fachkundigen Laienrichter über die Beschwerde des H***** K***** vom ***** gegen die Entscheidung des Leiters der Justizanstalt ***** vom 8.9.2020 nichtöffentlich den
B e s c h l u s s
gefasst:
Spruch
Der Beschwerde wird nicht Folge gegeben.
Text
B e g r ü n d u n g :
Mit Entscheidung des Leiters der Justizanstalt ***** vom 8.9.2020 wurde dem Antrag des H***** K***** vom 7.9.2020, in dem er um Gewährung eines ***** Ausganges nach § 99a StVG am 10.9.2020 zwecks Teilnahme am Begräbnis seines Cousins M***** W***** nicht stattgegeben, da kein Kontakt bestanden habe.
Gegen diese Entscheidung richtet sich die am ***** beim Landesgericht für Strafsachen Wien eingelangte fristgerechte Beschwerde des H***** K***** vom *****, in der er das in der Entscheidungsbegründung angeführte mangelnde Naheverhältnis zum Verstorbenen bestreitet und darauf verweist, dass Letztgenannter auf Grund einer Gehirnhautentzündung beeinträchtigt und besachwaltet war. In seiner Replik auf die Stellungnahme des Anstaltsleiters merkt der Beschwerdeführer überdies an, dass es M***** W***** mangels barrierefreien Zugangs in die JA ***** nicht möglich war ihn mit einem Rollstuhl zu besuchen.
Folgender Sachverhalt wird als erwiesen angenommen und der gegenständlichen Entscheidung zu Grunde gelegt:
Die Strafregisterauskunft (ON 7) des H***** K***** weist insgesamt sieben großteils massive Verurteilungen ausschließlich nach dem SMG auf.
Derzeit wird an ihm - mit voraussichtlichem Entlassungszeitpunkt ***** - eine Freiheitsstrafe in der Dauer von ***** vollzogen, die anlässlich der Verurteilung des Landesgerichts ***** vom *****, AZ *****, rechtskräftig seit *****, wegen Verbrechens des Suchtgifthandels nach § 28a Abs 1 vierter Fall, Abs 4 Z 3 SMG über ihn verhängt wurde, weil er in ***** und anderen Orten im raschen Rückfall
I./ im bewussten und gewollten Zusammenwirken als Mittäter mit B***** A***** und D***** D***** im Zeitraum von ***** bis ***** vorschriftswidrig Suchtgift, und zwar 2 Kilogramm Kokain, enthaltend 85,3% Cocain, in einer das 25-fache der Grenzmenge übersteigenden Menge der Vertrauensperson „L*****“ zu einem Preis von € 90.000,-- angeboten hat, und
II./ am ***** vorschriftswidrig Suchtgift, und zwar 500 Gramm, enthaltend 85,3% Cocain, in einer das 25-fache der Grenzmenge (§ 28b SMG) vielfach übersteigenden Menge der Vertrauensperson „L*****“ zu einem Preis von € 25.000,-- angeboten hat.
Bereits davor hatte der Beschwerdeführer insgesamt ***** in Haft verbracht und findet sich in den seit ***** geführten Aufzeichnungen über die Besuche des H***** K***** lediglich einer des M***** W***** in der Justizanstalt *****, und zwar am ***** 2010 (AS 26 in ON 4). In den Kontaktdaten der Telefonfreischaltung wurde M***** W***** nie als Telefonkontakt von H***** K***** definiert und bestand zwischen dem Beschwerdeführer und M***** W***** kein besonderes Naheverhältnis.
Aktuell wird H***** K***** im gelockerten Vollzug angehalten. Es kommt ihm grundsätzlich die Möglichkeit zu, Ausgänge gemäß § 126 Abs 2 Z 4 StVG zu konsumieren.
Auf Grund der im Jahr 2020 herrschenden COVID-19-Pandemie und der aus diesem Anlass ergangenen Verordnung der Bundesministerin für Justiz, BGBl II 120/2020 in der für den verfahrensgegenständlichen Zeitpunkt geltenden Fassung BGBl II 376/2020 (in Kraft getreten am 1.9.2020) galt nach § 7, dass Freiheitsmaßnahmen nach §§ 99, 99a, 126 Abs 2 Z 4 und Abs 4 StVG bis zum 30. September 2020 grundsätzlich unzulässig sind und Ausnahmen nur zur Erledigung unaufschiebbarer, nicht substituierbarer persönlicher Angelegenheiten sowie im Einzelfall, etwa zur Vorbereitung der Entlassung, bewilligt werden, sofern durch entsprechende Präventiv- und Hygienemaßnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann.
Mit Ansuchen vom 7.9.2020 erbat H***** K***** die Gewährung eines Ausgangs am 10.9.2020 in der Zeit von ***** Uhr bis ***** Uhr gemäß § 99a StVG und begründete sein Begehren mit der Teilnahme am Begräbnis seines Cousins M***** W***** am ***** Friedhof um ***** Uhr.
Diesem Ansuchen wurde mit am 9.9.2020 verkündeter Entscheidung vom 8.9.2020 nicht stattgegeben und begründend auf die durchgeführten Erhebungen, die keinen Kontakt belegen, verwiesen. Die vom Beschwerdeführer gegenüber dem Sozialen Dienst angeführte enge Beziehung zum Verstorbenen, die durch die Schwester des Insassen bestätigt worden sei, war nicht erweisbar, weil seit der ersten Haft lediglich ein Besuch am ***** 2010 von M***** W***** erfolgte und dieser nicht in der Telefonliste eingetragen ist.
Beweiswürdigend stützt sich der festgestellte Sachverhalt auf die in Klammerzitat angeführten einzelnen Fundstellen im Akt sowie die Einsichtnahme in die sonstigen von der Anstaltsleitung vorgelegten aktenmäßig erfassten Vorgänge, insbesondere die Stellungnahme des Leiters der Justizanstalt ***** vom ***** (ON 4) und die damit vorgelegten Unterlagen, nämlich insbesondere das Ansuchen vom 7.9.2020 samt Entscheidung vom 8.9.2020, die Parte des M***** W*****, aus der dessen Ableben am ***** sowie dessen Begräbnis am 10.9.2020, ***** Uhr, auf dem Friedhof ***** hervorgeht, und die Besucherliste des H***** K*****. Zudem wurde amtswegig eine Strafregisterauskuunft und das der derzeit in Vollzug befindlichen Strafe zu Grunde liegende Urteil des Landesgerichts ***** vom *****, AZ *****, samt bezughabender Rechtmittelentscheidung beigeschafft (ON 6).
Dass kein besonderes Naheverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und M***** W***** bestanden hatte, war – trotz der entgegengesetzten Behauptung des H***** K*****, der sich auf die Behinderung seines Cousines berief – auf Grund des bloß einmaligen Besuchskontakts in den vielen Jahren der Haft des Beschwerdeführers am ***** 2010 im Zusammenhalt mit dem vom Beschwerdeführer nicht in Abrede gestellten Umstand eines gänzlich fehlenden Telefonkontaktes feststellbar.
Rechtliche Beurteilung
Rechtlich folgt:
Gemäß § 120 Abs 1 StVG können sich die Strafgefangenen gegen jede ihre Rechte betreffende Entscheidung oder Anordnung und über jedes ihre Rechte betreffende Verhalten der Strafvollzugsbediensteten beschweren. Über die Art der ärztlichen Behandlung können sich die Strafgefangenen jedoch nur nach § 122 StVG beschweren. Die Beschwerde hat die angefochtene Entscheidung, Anordnung oder das Verhalten zu bezeichnen und die Gründe für die Erhebung der Beschwerde, soweit sie nicht offenkundig sind, darzulegen und ist nach Abs 2 leg cit binnen 14 Tagen einzubringen.
Nach § 121 Abs 1 StVG hat über Beschwerden gegen Strafvollzugsbedienstete oder deren Anordnungen der Anstaltsleiter zu entscheiden. Richtet sich eine Beschwerde gegen eine Entscheidung, Anordnung oder ein Verhalten des Anstaltsleiters oder gegen die Verletzung der Entscheidungspflicht durch den Anstaltsleiter, und hilft er der Beschwerde nicht selbst ab, so hat darüber das Vollzugsgericht (§ 16 Abs 3 StVG) zu entscheiden.
Gemäß § 16 Abs 3 StVG entscheidet das Vollzugsgericht am Sitz des Oberlandesgerichts, in dessen Sprengel die Freiheitsstrafe vollzogen wird, über Beschwerden Z 1. gegen eine Entscheidung oder Anordnung des Anstaltsleiters,
Z 2. wegen Verletzung eines subjektiven Rechts durch ein Verhalten des Anstaltsleiters,
Z 3. wegen Verletzung der Entscheidungspflicht durch den Anstaltsleiter.
Entscheidungen sind inhaltliche Erledigungen von Ansuchen oder Beschwerden sowie Ordnungsstraferkenntnisse. Entscheidungen sind – anders als Anordnungen – immer dem Anstaltsleiter zuzurechnen, auch wenn sie im Rahmen des innerbehördlichen Mandats von einem anderen Strafvollzugsbediensteten getroffen wurden und kommt es dabei nicht auf die Form der Entscheidung an (Drexler/Weger, StVG4 § 120 Rz 4; Pieber in WK²-StVG § 16 Rz 11/3).
Somit ist die Zuständigkeit des Vollzugsgerichts gegeben und ist auch von der Rechtzeitigkeit der am ***** beim Landesgericht ***** eingelangten Beschwerde vom ***** (Postaufgabedatum *****) gegen die am 9.9.2020 verkündete Entscheidung vom 8.9.2020 auszugehen.
Der Beschwerde kommt jedoch aus nachfolgenden Erwägungen keine Berechtigung zu:
Strafgefangene haben unter den in § 99 Abs 1 und § 99a Abs 1 StVG genannten Voraussetzungen einen subjektiv-öffentlichen Rechtsanspruch auf Gewährung eines Ausganges. Demnach ist einem nicht besonders gefährlichen Strafgefangenen, der nach der Art und dem Beweggrund der strafbaren Handlung, deretwegen er verurteilt worden ist, sowie nach seinem Lebenswandel vor der Anhaltung und seiner Aufführung während dieser weder für die Sicherheit des Staates, noch für die der Person oder des Eigentums besonders gefährlich ist, auf sein Ansuchen höchstens zweimal im Vierteljahr zu gestatten, die Anstalt in der Dauer von höchstens zwölf Stunden am Tag zu verlassen, wenn die voraussichtlich noch zu verbüßende Strafzeit drei Jahre nicht übersteigt und der Strafgefangene den Ausgang zu einem der im § 93 Abs 2 StVG genannten Zwecke, sohin zur Regelung wichtiger persönlicher, wirtschaftlicher oder rechtlicher Angelegenheiten, die weder schriftlich erledigt noch bis zur Entlassung aufgeschoben werden können, sowie zur Aufrechterhaltung familiärer und sonstiger persönlicher Bindungen, benötigt. Der Ausgang ist dabei gemäß §§ 99a Abs 3 iVm 99 Abs 5 StVG vom Anstaltsleiter allenfalls nur unter gewissen Auflagen, wie etwa jener der Begleitung durch einen Strafvollzugsbediensteten zu gewähren.
Für die angesprochenen Rechtsgüter ist ein Verurteilter dann besonders gefährlich, wenn es wahrscheinlich ist, dass er in Freiheit Straftaten nicht bloß leichter Art zum Schaden dieser Rechtsgüter wiederholen oder ausführen wird, wobei im Sinne eines beweglichen Systems bereits eine geringere Wahrscheinlichkeit einer schweren Straftat ebenso die besondere Gefährlichkeit begründet, wie eine mit höherer Wahrscheinlichkeit zu erwartende wiederholte Begehung weniger schwerwiegender Straftat, weil in beiden Fällen ein vergleichbares Schutzbedürfnis der Gesellschaft besteht. An eine solche „Tatbegehungsgefahr“ begründende Umstände ist ein weniger strenger Maßstab anzulegen, als in den Fällen des § 173 Abs 2 Z 3 StPO (vgl Pieber in WK2 StVG § 99, 99a Rz 1 iVm § 5 Rz 28 f mwN).
Unter den in §§ 99 Abs 1, 99a Abs 1 StVG genannten Voraussetzungen haben Strafgefangene ein subjektiv-öffentliches Recht auf Gewährung der Lockerung des Ausgangs, wobei § 99 Abs 1 Z 1 lit b StVG in diesem Zusammenhang normiert, dass einem Strafgefangenen, dessen voraussichtlich noch zu verbüßende Strafzeit drei Jahre nicht übersteigt, über seinen Antrag eine Unterbrechung der Freiheitsstrafe in der Dauer von höchstens acht Tagen zur Teilnahme an dem Begräbnis eines Angehörigen oder einem anderen ihm besonders nahestehenden Menschen zu gewähren ist, wenn er nach der Art und dem Beweggrund der strafbaren Handlung, deretwegen er verurteilt worden ist, sowie nach seinem Lebenswandel vor der Anhaltung und seiner Aufführung während dieser weder für die Sicherheit des Staates, noch für die der Person oder des Eigentums besonders gefährlich ist.
§§ 99 und 99a StVG dienen grundsätzlich somit dazu, das soziale Netz des Strafgefangenen außerhalb der Anstalt zu erhalten und soziale Beziehungen einschließlich der wirtschaftlichen und rechtlichen Angelegenheiten zu pflegen. Bei einem Ausgang (§ 99a StVG) handelt sich um „soziales Training“ zur Hintanhaltung negativer Begleiterscheinungen der Haft (Drexler/Weger, StVG4 § 99a Rz 1).
Diese Bestimmungen, sowie auch die des § 126 Abs 2 Z 4 StVG erfahren allerdings auf Grund des zum Entscheidungszeitpunkt anzuwenden gewesenen § 7 Abs 1 der Verordnung der Bundesministerin für Justiz über besondere Vorkehrungen im Anwendungsbereich des Strafvollzugsgesetzes zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19, BGBl II 120/2020 idF BGBl II Nr. 376/2020 die Einschränkung, dass diese Freiheitsmaßnahmen bis zum Ablauf des 30. September 2020 grundsätzlich unzulässig waren. Ausnahmen konnten gemäß § 7 Abs 2 dieser Verordnung idF BGBl II Nr. 241/2020 nur zur Erledigung unaufschiebbarer, nicht substituierbarer persönlicher Angelegenheiten sowie im Einzelfall, etwa zur Vorbereitung der Entlassung, bewilligt werden, sofern durch entsprechende Präventiv- und Hygienemaßnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann.
Ausgehend von den getroffenen Feststellungen, wonach einerseits kein besonderes Naheverhältnis zwischen dem verstorbenen M***** W***** und dem Beschwerdeführer bestand und andererseits es sich bei der Teilnahme an einem Begräbnis nicht um eine nicht substituierbare persönliche Angelegenheit handelt und diese auch nicht zur Vorbereitung der erst in mehreren Jahren vorgesehenen Entlassung notwendig ist, lag im konkreten Fall somit keine Ausnahme iSd § 7 Abs 2 der Verordnung der Bundesministerin für Justiz über besondere Vorkehrungen im Anwendungsbereich des Strafvollzugsgesetzes zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 idF BGBl. II Nr. 376/2020 vor.
Es ist daher die bekämpfte Entscheidung des Anstaltsleiters nicht zu beanstanden, sodass spruchgemäß zu entscheiden war.
|
JJT_20200407_LG00119_02200R00004_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00004.20Y.0407.000
|
22R4/20y
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00004_20Y0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00004_20Y0000_000.html
| 1,586,217,600,000
| 2,487
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. J***** H*****, 2. H***** H*****, beide vertreten durch Dr. Michael Wukoschitz, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei I***** S.A., vertreten durch Kraft Rechtsanwalts GmbH & Co KG in Wien, wegen EUR 800,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 21.10.2019, 16 C 418/19w-14, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird in der Hauptsache nicht Folge gegeben.
Der Berufung im Kostenpunkt wird Folge gegeben und die angefochtene Kostenentscheidung dahin abgeändert, dass sie zu lauten hat:
„Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien jeweils die Hälfte der mit EUR 824,24 (darin EUR 117,75 USt und EUR 117,70 Barauslagen) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu ersetzen.“
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien jeweils die Hälfte der mit EUR 308,33 (darin EUR 51,39 USt) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger verfügten über eine einheitliche bestätigte Buchung für nachstehende Flüge:
- IB 3825 ab Las Palmas 11.08.2017, 14:25 Uhr, an Madrid 11.08.2017, 18:05 Uhr, und
- IB 3124 ab Madrid 11.08.2017, 19:40 Uhr, an Wien 11.08.2017, 22:35 Uhr.
Die tatsächliche Flugzeit des Fluges IB 3825 war: ab Las Palmas 11.08.2017, 18:09 Uhr, an Madrid 11.08.2017, 21:46 Uhr.
Die Kläger verpassten den planmäßig um 19:40 Uhr von Madrid gestarteten Anschlussflug IB 3124, wurden auf den Flug IB 3120 am 12.08.2017 umgebucht und erreichten ihr Endziel am 12.08.2017 um 11:49 Uhr. Die nach der Großkreismethode berechnete Flugdistanz von Las Palmas nach Wien beträgt 3.547 km.
Mit der am 04.12.2018 beim Bezirksgericht für Handelssachen Wien eingebrachten und zu 1 EuM 3450/18h registrierten Klage im Europäischen Mahnverfahren begehrten die Kläger von der Beklagten jeweils die Zahlung von EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 12.09.2017 und brachten vor, ihnen stehe der Klagsbetrag wegen der Verspätung des Zubringerfluges, der dadurch verursachten Versäumung des Anschlussfluges und der mehr als 13-stündigen Ankunftsverspätung am Endziel zu. Anspruchsgegner des Ausgleichsanspruches nach Art 5, 7 der Fluggastrechte-VO sei das ausführende Luftfahrtunternehmen. Die I***** E***** habe im Rahmen eines sogenannten Wet-Lease als leasendes Luftfahrtunternehmen ihr Flugzeug samt Besatzung, Wartung und Assekuranz gänzlich der Beklagten zur Durchführung eines allein in ihrer Verantwortung stehenden und ausschließlich unter dessen Flugnummer durchgeführten Fluges überlassen. Die Beklagte sei ausführendes Luftfahrtunternehmen und passiv legitimiert. Die I***** E***** sei eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Beklagten und habe den Flug IB 3825 nicht im eigenen Namen, sondern im Namen der Beklagten durchgeführt. Dies ergäbe sich aus dem Vermerk „operated by I***** E***** on behave of I*****“. Der Einfluss des Alleineigentümers auf die Tochtergesellschaft begründe die Passivlegitimation der Muttergesellschaft als ausführendes Luftfahrtunternehmen.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, dass zwischen den Prozessparteien kein Vertragsverhältnis bestehe, es sei ein I*****-E*****-Flug bei D***** gebucht worden. Der Flug I2 3825 sei nicht von der Beklagten, sondern von der I***** E*****, S.A. durchgeführt worden. Diese wäre zu klagen gewesen. Dass zum selben Flug sowohl eine I2 als auch eine IB Flugnummer aufscheine, zeige, dass es sich um einen klassischen Code-Shareflug handle, bei dem bloß die Vermarktung über die Beklagte durchgeführt werde. Das Urteil des EuGH in der Rechtssache Wirth sei nicht anwendbar, dort sei eine Buchungsbestätigung gegenständlich gewesen, die den Sachverhaltsdarstellungen im Urteil widersprochen habe. Im Boardingpass werde die Bezeichnung der durchführenden Fluglinie regelmäßig richtig gestellt.
Mit dem angefochtenen Urteil verpflichtete das Erstgericht die Beklagte, den Klägern jeweils EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 22.02.2019 zu zahlen, das Zinsenmehrbegehren von 4% Zinsen vom 12.09.2017 bis 21.02.2019 aus jeweils EUR 400,-- wies es ab. Es traf die auf Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ON 14 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass das ausführende Luftfahrtunternehmen den Ausgleichsanspruch zu leisten habe, wobei die Passagiere von um mehr als drei Stunden verspäteter Flüge den Passagieren annullierter Flüge gleichgestellt würden. Nach der Rechtsprechung des EuGH würden mehrere aufgrund einer einheitlichen Buchung auch von mehreren Luftfahrtunternehmen durchgeführte Flügen eine Einheit bilden, zahlungspflichtig könne ausschließlich das ausführende Luftfahrtunternehmen sein. Der EuGH habe nicht ausgesprochen, dass es auf eine unmittelbare vertragliche Beziehung zwischen dem den ersten Flug durchführenden Luftfahrtunternehmen und dem Fluggast ankomme. Die Leistungspflicht nach Art 7 Fluggastrechte-VO hänge ausschließlich davon ab, ob das konkret beklagte Luftfahrtunternehmen die operationelle Verantwortung für die Durchführung des verspäteten Fluges getragen habe. Diese Ansicht untermauerte das Erstgericht in weiterer Folge mit Hinweisen auf die Gleichbehandlung der Passagiere und die Regressmöglichkeit nach Art 13 [Fluggastrechte-VO] im Innenverhältnis. Da die Beklagte nicht substanziell bestritten habe, zumindest den Anschlussflug durchgeführt zu haben, sei sie zumindest eines der den einheitlichen Gesamtflug von Gran Canaria nach Wien durchführenden Luftfahrtunternehmen und hafte daher für den Ausgleichsanspruch der Kläger. Feststellungen, wer den Flug IB 3825 tatsächlich durchgeführt habe, seien ohne Relevanz. Schließlich verneinte das Erstgericht das Vorliegen einer Durchgriffshaftung der Beklagten für ihre Tochtergesellschaft nach inländischem Recht und verwies darauf, dass eine solche Haftung nach spanischen Recht nicht behauptet wurde. Verzugszinsen würden bei Schadenersatzansprüchen in der Regel eine bezifferte Mahnung voraussetzen. Im Rahmen der Kostenentscheidung führte das Erstgericht zu den Einwendungen der Beklagten gegen die Kostennote der Kläger (ON 12) aus, dass der vorbereitende Schriftsatz der Kläger vom 22.08.2019 (ON 10) zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendig gewesen sei. Es sei in der Regel zulässig, den im europäischen Mahnverfahren knapp dargelegten Sachverhalt in einem vorbereitenden Schriftsatz zu erweitern, insbesondere hätten die Kläger auch ihre rechtlichen Entgegnungen präzisiert.
Gegen den klagsstattgebenden Teil dieses Urteiles richtet sich die Berufung der Beklagten aus den Berufungsgründen der unrichtigen rechtlichen Beurteilung sowie im Kostenpunkt mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt. Hinsichtlich der Kostenentscheidung wird kein gesonderter Berufungsantrag gestellt.
Die Kläger beantragen, der Berufung keine Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin setzt sich zunächst damit auseinander, dass das Erstgericht Feststellungen zum Zubringerflug IB 3825 bzw. I2 3825 getroffen hat. Sie steht auf dem Standpunkt, dass kein Anhaltspunkt dafür bestehe, dass es sich um eine „Wet-Lease“-Vereinbarung handle, sondern um einen klassischen Code-Share-Flug. Insgesamt nimmt die Berufungswerberin den Rechtsstandpunkt ein, dass der Zubringerflug (nicht von ihr, sondern) von der I***** E***** ausgeführt worden sei. Im Fall České aerolinie habe die Beklagte in Anspruch genommen werden können, weil die Eigenschaft als ausführendes Luftfahrtunternehmens des ersten Fluges und eine vertragliche Grundlage im Sinne eines unmittelbaren Vertrages zwischen dem Luftfahrtunternehmen und den Passagieren bestanden habe. Der Bejahung der Passivlegitimation sei nämlich vorausgesetzt worden, dass das Luftfahrtunternehmen Vertragspartner der Passagiere gewesen sei.
Dem ist zu entgegnen, dass das Erstgericht sich mit der Frage, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen des allein verspäteten Zubringerfluges war, nicht auseinandergesetzt hat; dies aufgrund der Überlegung, dass von niemandem bestritten wurde, dass die Beklagte ausführendes Luftfahrtunternehmen des Anschlussfluges war, und bereits aufgrund dieses Umstandes die Kläger gegen die Beklagten einen Anspruch auf Ausgleichsleistung haben. Dies wird in weiterer Folge noch zu überprüfen sein. Wenn dies zutrifft, ist es für den Prozessausgang unerheblich, ob die Beklagte auch ausführendes Luftfahrtunternehmen des Zubringerfluges war oder nicht. Stellt sich jedoch heraus, dass die Kläger wider die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen des Anschlussfluges den Ausgleichsanspruch nicht mit Erfolg geltend machen können, läge der von der Berufungswerberin geltend gemachte sekundäre Feststellungsmangel vor.
Zu dem gerade angesprochenen Thema setzt sich die Berufungswerberin umfangreich mit den Urteilen des EuGH in den Rechtssachen C-537/17 Wegener und C-502/18 České aerolinie auseinander und argumentiert, diese Entscheidungen würden andere Sachverhalte betreffen. In weiterer Folge verwendet die Berufungswerberin ein argumentum ad absurdum und vermeint, würde ein ausführendes Luftfahrtunternehmen eines Teilfluges für das Luftfahrtunternehmen eines anderen Teilfluges haften, ohne dass ein direkter Vertrag vorliege, könnte der Passagier den Prozessgegner wählen, es bestehe das Risiko unzähliger Regressprozesse. Im Falle von Annullierungen, Verspätungen oder Nichtbeförderung seien sie von jenem ausführenden Luftfahrtunternehmen zu informieren, zu betreuen und allenfalls Ersatz zu befördern, welches unmittelbar vor Ort sei.
Zur zitierten Judikatur des EuGH:
In der Rechtssache C-502/18 České aerolinie verfügte der Passagier über eine bestätigte Buchung für die Flugreise von Prag über Abu Dhabi nach Bangkok. Die Flüge waren Gegenstand einer Code-Sharing-Vereinbarung. Die im Ausgangsstreit beklagte tschechische Fluglinie führte den Flug von Prag nach Abu Dhabi durch und landete pünktlich. Der von der arabischen Fluglinie durchgeführte Flug von Abu Dhabi erreichte dessen Endziel mit erheblicher Verspätung. Der EuGH musste die Frage klären, ob diese Verspätung der tschechischen Fluglinie angelastet werden kann. Der EuGH verwies auf seine bisherige Rechtsprechung und führte aus, dass Flüge, die Gegenstand einer einzigen Buchung waren, als Einheit anzusehen sind. Das ausführende Luftfahrtunternehmen, das für die erste Teilstrecke verantwortlich ist, kann sich nicht darauf berufen, dass die mangelhafte Durchführung auf einer späteren Teilstrecke erfolgte, für die sie nicht verantwortlich war. Zur Begründung dieser Ansicht verwies der EuGH einerseits auf die in der Rechtssache Wegener enthaltene Rechtsprechung, andererseits auf die Möglichkeit des tschechischen Luftfahrtunternehmens, beim arabischen Luftfahrtunternehmen gemäß Art 13 Fluggastrechte-VO Regress zu nehmen.
Das Argument der einheitlichen Buchung als Grundlage für die Zurechnung findet sich im Urteil des EuGH in der Rechtssache C-11/11 Folkerts. Der dort zu entscheidende Sachverhalt unterscheidet sich jedoch in zwei wesentlichen Punkten von dem in der Rechtssache zu C-537/15. Die Passagierin Wegener verfügte ebenso wie die Familie Folkerts über eine bestätigte Buchung für zwei Flüge ein und des selben Luftfahrtunternehmens; überdies war der Zubringerflug geringfügig verspätet. Die Entscheidungsgründe in der Rechtssache Folkerts stützen sich nicht auf den Umstand der einheitlichen Buchung, sondern erwähnen ihn nur im Rahmen der Wiedergabe des Sachverhaltes. In der Rechtssache Wegener überträgt der EuGH diese Erwägungen in seine rechtliche Beurteilung, wobei sich die Begründung durch Aufnahme eines Verweises erschöpft, es liege der selbe Beförderungsvorgang wie in der Rechtssache Folkerts vor (Jarec, Zur Haftung für Verspätungen am Endziel trotz pünktlichen Zubringerfluges, RRa 2019/251 [252]).
Im deutschsprachigen Schriftum ist seit jeher anerkannt, dass die Definition des ausführenden Luftfahrtunternehmens in Art 2 lit b Fluggastrechte-VO dahingehend zu verstehen ist, dass nicht zwingend ein Vertragsverhältnis zwischen dem befördernden Luftfahrtunternehmen und dem Fluggast bestehen muss (Staudinger in Staudinger/Keiler Fluggastrechte-VO Art 2 Rz 2, Hopperditzel in Schmid, Beck OK Fluggastrechte-VO [13. Edition, Stand 01.01.2020] Art 2 Rn 24, Führich in Führich/Staudinger, Reiserecht8, 850). Gleiches gilt für die Judikatur des EuGH. Im Urteil vom 07.03.2018 (das einen Zuständigkeitsstreit betrifft) in den verbundenen Rechtssachen C-274/16, C-447/16 und C-448/16 flightright u.a. führte der EuGH aus, dass Art 3 Abs 5 Satz 2 Fluggastrechte-VO bestimmt, dass, wenn ein ausführendes Luftfahrtunternehmen, das in keiner Vertragsbeziehung mit dem Fluggast steht, Verpflichtungen im Rahmen dieser Verordnung erfüllt, davon ausgegangen wird, dass es im Namen der Person handelt, die in der Vertragsbeziehung mit dem betreffenden Fluggast steht.
Richtig ist die Argumentation der Berufungswerberin, dass das nationale Gericht, das dem EuGH die Rechtssache C-502/18 České aerolinie vorgelegt hatte, vom Bestehen eines Vertrages mit der dort beklagten Fluglinie ausging. Dies war genau der Anlass des Vorabentscheidungsersuchens, das dadurch veranlasst wurde, dass das tschechische Verfassungsgericht dem vorliegenden Berufungsgericht auftrug, sich mit der (offenbar von der tschechischen Rechtsprechung abweichenden) Judikatur des deutschen Bundesgerichtshofes auseinanderzusetzen (Vorabentscheidungsersuchen des Stadtgerichtes Prag vom 30.07.2018, Rn 6, 7). Dem entspricht die Formulierung der Vorlagefrage des Stadtgerichtes Prag nach dem Luftfahrtunternehmen der Gemeinschaft des Vertrags schließendes Luftfahrtunternehmen (Urteil Rs České aerolinie Rn 14). Der EuGH formulierte jedoch die Vorlagefrage um (Urteil České aerolinie Rn 15) und blendete in weiterer Folge das Vertragsverhältnis zwischen den Parteien des nationalen Ausgangsstreites aus. Dementsprechend nimmt der Tenor des Urteiles (Rn 33) auch auf ein solches Vertragsverhältnis nicht mehr Bezug. Aus all dem kann nur geschlossen werden, dass es entgegen der Ansicht der Berufungswerberin nach der Rechtsprechung des EuGH für die Frage, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen bei einem segmentierten Flug ist, gerade nicht auf eine Vertragsbeziehung des Luftfahrtunternehmens mit dem Passagier ankommt. Auf die diesbezüglich umfangreiche und schlüssige Argumentation des Erstgerichtes wird verwiesen (§ 500a ZPO) mit Ausnahme des Umstandes, dass es nicht um eine „Haftung“ der Beklagten „für den Ausgleichsanspruch“ geht (Seite 6 in ON 14), sondern darum, dass die Beklagte den Ausgleichsanspruch schuldet.
Insgesamt kommt daher das Berufungsgericht zum Ergebnis, dass die Beklagte, die einen Anschlussflug flugplangemäß durchführt, als ausführendes Luftfahrtunternehmen im Sinne des Art 2 lit b Fluggastrechte-VO in Anspruch genommen werden kann, wenn der Passagier zuvor einen Zubringerflug eines anderen Luftfahrtunternehmens in Anspruch nimmt, der wiederum verspätet ist, was dazu führt, dass er den von der Beklagten flugplangemäß durchgeführten Anschlussflug verpasst. Dies gilt unter der Voraussetzung, dass Zubringerflug und Anschlussflug einheitlich gebucht wurden.
Die von der Berufungswerberin gegen den Begründungsansatz des EuGH vorgetragenen Argumente mögen zutreffen. Die Problematik des Regresses ist im Hinblick auf die Vertragsbeziehungen der beiden Luftfahrtunternehmungen zu sehen, wobei sich Probleme des Kollisionsrechtes und der internationalen Zuständigkeit ergeben. Richtig erkennt auch die Berufungswerberin das Problem, dass die vom EuGH gefundene Lösung für die Ausgleichsleistung nach Art 7 Fluggastrechte-VO praktikabel ist, nicht jedoch für Sachleistungen. Schließlich wäre noch hinzuzufügen, dass nach der Lösung des EuGH offen bleibt, inwieweit sich die Beklagte auf das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstandes nach Art 5 Abs 3 Fluggastrechte-VO stützen kann, weil das Vorkommnis, das zur Leistungsstörung führt, ja ein anderes Luftfahrtunternehmen trifft (vgl. zum Ganzen Jarec aaO 253). Diese grundsätzlich nicht von der Hand zu weisenden Bedenken an den Ausführungen des EuGH ändern jedoch nichts am Auslegungsergebnis des Unionshöchstgerichtes. Das Berufungsgericht sieht sich durch die Berufungsausführungen nicht veranlasst, von der (bindenden) Auslegung des EuGH abzugehen.
Eine sonstige, etwa dem Art 5 Abs 3 Fluggastrechte-VO entsprechende Einrede gegen diesen Anspruch wurde von der Beklagten nicht erhoben. Das Erstgericht hat daher zurecht den Anspruch der Kläger auf Ausgleichsleistung infolge der „großen“ Verspätung am Endziel gegenüber der Beklagten bejaht.
Der Berufung in der Hauptsache war daher nicht Folge zu geben.
Im Rahmen der Berufung im Kostenpunkt führt die Berufungswerberin aus, der vorbereitende Schriftsatz vom 22.08.2019 sei nicht zu honorieren, das Vorbringen hätte in der Klage oder in der Verhandlung erstattet werden können.
Unabhängig von der Frage der generellen Zulässigkeit ist ein vorbereitender Schriftsatz nur dann zu honorieren, wenn er der zweckentsprechenden Rechtsverfolgung gedient hat. Dies ist dann nicht der Fall, wenn sein Inhalt bereits früher vorgetragen werden hätte können oder wenn sein Inhalt zwar Neuigkeitswert hat, diese neuen Tatsachen aber auch ohne nennenswerte Schwierigkeiten in der nächsten Verhandlung vorgetragen werden können (Obermaier, Kostenhandbuch², Rz 674). Die Berufungswerberin zeigt zutreffend auf, dass im Schriftsatz bloß die Behauptung einer Wet-Lease-Vereinbarung als neue Tatsache vorgetragen wurde. Dieser Umstand hätte in der Klage oder in der der vorbereitenden Tagsatzung erstattet werden können. Da der Einspruch der Beklagten „leer“ war, handelt es sich nicht um eine wohl zu honorierende Replik auf ein gegnerisches Vorbringen. Schließlich spielte die behauptete Wet-Lease-Vereinbarung bei der Falllösung keine Rolle. Damit war auch der hier gegenständliche Schriftsatz als nicht zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung erforderlich nicht zu honorieren.
Der Berufung im Kostenpunkt war daher Folge zu geben.
Die Kostenentscheidung im Berufungsverfahren beruht auf §§ 41, 50 ZPO. Kosten eines Kostenrekurses wurden wurden in der Berufung nicht verzeichnet (vgl. 8 ObA 30/09h).
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200407_LG00119_02200R00014_20V0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00014.20V.0407.000
|
22R14/20v
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00014_20V0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00014_20V0000_000.html
| 1,586,217,600,000
| 2,166
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Parteien [1] S***** M*****, [2] P***** M*****, vertreten durch Mag Stefan Lichtenegger LLM, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei R*****, vertreten durch DSC Doralt Seist Csoklich Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen EUR 550,-- sA, infolge Berufung der klagenden Parteien gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 14.10.2019, 1 C 258/19f-11, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die klagenden Parteien sind schuldig, der beklagten Partei binnen 14 Tagen je die Hälfte der mit EUR 193,06 bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Beklagtenvertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger buchten bei der Fa L***** eine Pauschalreise, die ua folgende Flüge umfasste:
– FR 122Y am 16.09.2018 von 05:45 Uhr ab Wien (VIE) bis 16.09.2018, 08:10 Uhr, an Palma de Mallorca (PMI);
– FR 123Y am 23.09.2018 von 22:25 Uhr ab PMI bis 24.09.2018, 00:55 Uhr, an VIE.
Die Flugstrecke PMI-VIE beträgt weniger als 1.500 km.
In der von der Fa L***** ausgestellten Reise-bestätigung wurde als ausführendes Flugunternehmen die Beklagte angeführt; die angegebenen Flugnummern beinhalten auch den IATA-Airline-Code der Beklagten (FR).
Tatsächlich wurde der von den Klägern in Anspruch genommene Hinflug VIE-PMI von der Laudamotion zur Flugnummer OE 122 durchgeführt, wobei der IATA-Code OE auch jener der Laudamotion ist. Der Rückflug PMI-VIE mit der Flugnummer OE 123 sollte ebenfalls von der Laudamotion durchgeführt werden, was für die Kläger [aus den Boardingpässen1*] klar ersichtlich war. Nach mehreren Verschiebungen wurde den Klägern am 24.09.2018, 01:30 Uhr, mitgeteilt, dass der Flug OE 123 annulliert worden sei, ohne ihnen eine anderweitige Beförderung anzubieten.
Es konnte nicht festgestellt werden, dass die Beklagte den Flug PMI-VIE unter der Flugnummer FR 123Y geplant hatte. Das Streckennetz der Beklagten umfasst auch gar keine Flüge nach VIE.
Mit Aufforderungsschreiben vom 16.11.2018, das am 19.11.2018 mittels E-Mail versendet wurde, begehrte der Klagevertreter von der Beklagten die Zahlung des nunmehrigen Klagsbetrags. Die Beklagte reagierte darauf nicht. Die Fa LMX Touristik verwies die Kläger mit ihren Ansprüchen mit Schreiben vom 27.12.2018 auf die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen.
Die Kläger begehrten den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 7 Abs 1 lit b (offenbar gemeint: lit a iVm Art 5 Abs 1 lit c) der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von je EUR 250,-- samt Zinsen sowie den Ersatz „pauschaler Unkosten“ für Telefonate, E-Mails und Verpflegung von insgesamt EUR 50,--. Die Beklagte sei passiv klagslegitimiert, weil sie (die Kläger) einen Flug mit der Beklagten als ausführendes Luftfahrtunternehmen gebucht hätten, was sich aus der Buchungsbestätigung ergebe. Im Zweifel sei jenes Unternehmen als ausführend anzusehen, das in den Buchungsunterlagen angegeben werde. Sämtliche Buchungs- und sonstigen Unterlagen im Zusammenhang mit dem gegenständlichen Flug, und zwar auch die vorprozessuale Korrespondenz würden allein auf die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen verwiesen. Im Übrigen stehe eine enge unternehmerische Verbindung zwischen Laudamotion und der Beklagten, die sich ebenfalls aus den Unterlagen ergebe. Für den Fall der Verneinung der Passivlegitimation der Beklagten werde beantragt, dieser die Prozesskosten aufzuerlegen, weil sie erstmals im vorbereitenden Schriftsatz die mangelnde Passivlegitimation eingewendet habe.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung und wendete im Wesentlichen ein, dass sie nicht ausführendes Luftfahrtunternehmen gewesen und damit nicht passiv klagslegitimiert sei. Die Kläger seien auch schon beim Hinflug VIE-PMI von Laudamotion mit der Flugnummer OE 122 befördert worden. Auf den Boarding-Karten der Kläger sei zusätzlich der eindeutige Verweis auf Laudamotion ersichtlich gewesen. Bei der von den Klägern vorgelegten Bestätigung (Beilage ./A) handle es sich um keine Buchungsbestätigung der Beklagten, sondern um eine Reisebestätigung der Fa L*****. Auskünfte des Reisebüros seien der Beklagten aber nicht zurechenbar, weil sie mit diesem keine Vertragsbeziehung habe.
Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht das Klagebegehren zur Gänze ab und verhielt die Kläger zum Ersatz der Prozesskosten. Dazu traf es die aus den Seiten 3 und 4 der Urteilsausfertigung ON 11 ersichtlichen unbekämpfbaren (§ 501 ZPO) Feststellungen, deren wesentlicher Inhalt gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt oben wiedergegeben ist. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass gemäß Artikel 3 Abs 5 der EU-FluggastVO diese Verordnung für alle ausführenden Luftfahrtunternehmen gelte, die Beförderung für Fluggäste im Sinne der Abs 1 und 2 erbringen. Erfülle ein ausführendes Unternehmen, das in keiner Vertragsbeziehung mit dem Fluggast stehe, Verpflichtungen im Rahmen dieser Verordnung, so werde davon ausgegangen, dass es im Namen der Person handle, die in einer Vertragsbeziehung mit dem betreffenden Fluggast stehe. Gemäß Art 2 lit b der VO sei „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ ein Luftfahrtunternehmen, das im Rahmen eines Vertrags mit einem Fluggast oder im Namen einer anderen juristischen oder natürlichen Person, die mit dem betreffender Fluggast in einer Vertragsbeziehung stehe, einen Flug durchführe oder durchzuführen beabsichtige. Gemäß Erwägungsgrund 7 der VO sollte, damit diese Verordnung wirksam angewandt werde, die durch sie geschaffenen Verpflichtungen dem ausführenden Luftfahrtunternehmen obliegen, das einen Flug durchführt oder durchzuführen beabsichtige, und zwar unabhängig davon, ob der Flug mit einem eigenen Luftfahrzeug oder mit einem mit oder ohne Besatzung gemieteten Luftfahrzeug oder in sonstiger Form durchgeführt werde. Die Kläger hätten kein Vorbringen zur Beantragung der Slots erstattet. Sie hätten aber konkret vorbringen und beweisen müssen, dass die Beklagte tatsächlich passiv legitimiert sei. Sie hätten auch nicht vorgebracht, dass die Beklagte die operationelle Verantwortung für die Ausführung des Fluges FR 123Y getragen hätte, was jedoch Voraussetzung für das Vorliegen der Passivlegitimation sei. Die alleinige Berufung auf den IATA-Code in der Reisebestätigung des Reisebüros sei zu wenig. Die Tatsache, dass eine bestimmte Fluggesellschaft „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ gewesen sei, sei eine anspruchsbegründende Tatsache, für die der Fluggast als Kläger die volle Darlegungs- und Beweislast trage. Indem die Beklagte auf das Aufforderungsschreiben der Kläger nicht reagiert habe, habe sie auch keinen Anlass für die irrtümliche Annahme der Kläger gegeben, dass sie ausführendes Luftfahrtunternehmen sei. Ein Kostenzuspruch an die Kläger komme nicht in Betracht.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Kläger aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung einschließlich des Fehlens von Feststellungen aufgrund unrichtiger rechtlicher Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren zur Gänze stattgegeben werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
[1] Deren Behandlung sind folgende grundsätzliche Erwägungen voranzustellen: Bei Annullierung eines Fluges wird den betroffenen Fluggästen vom ausführenden Luftfahrtunternehmen ein Anspruch auf Ausgleichsleistungen gemäß Art 7 EU-FluggastVO eingeräumt (sofern keine Ausnahme gemäß Art 5 Abs 1 lit c Nr i bis iii vorliegt, oder sich das ausführende Luftfahrtunternehmen nicht gemäß Art 5 Abs 3 befreien kann). Art 2 lit b der VO definiert das ausführende Luftfahrtunternehmen als „ein Luftfahrtunternehmen, das im Rahmen eines Vertrags mit einem Fluggast oder im Namen einer anderen – juristischen oder natürlichen – Person, die mit dem betreffenden Fluggast in einer Vertragsbeziehung steht, einen Flug durchführt oder durchzuführen beabsichtigt“. Es kommt nicht entscheidend darauf an, mit wem der Fluggast in einem Vertragsverhältnis steht, sondern wer die Beförderungsleistung tatsächlich erbringt, wer also das Betriebsunternehmen des Fluges ist. Entscheidend ist ausschließlich, welches Unternehmen den Flug betreibt, welches die Verantwortung für die Abwicklung des Fluges hat, indem es die Flugsteuerung übernimmt, für den Flug einen der ihm zugeteilten Slots nutzt und insbesondere die Flughafeneinrichtungen sowie das Boden- und Abfertigungspersonal am Flughafen beauftragt und damit am Flughafen unmittelbar die offiziellen Rahmenbedingungen für die Durchführung des Fluges vorhält (Hopperdietzel in BeckOK Fluggastrechte-VO13 Art 2 Rz 7; AG Hamburg 12 C 23/16).
Maßgeblich ist dabei allein, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen ist bzw (bei einem annullierten Flug) sein sollte, zumal die EU-FluggastVO keine Anscheinshaftung kennt. Eine solche scheidet auch schon deshalb aus, weil die Beklagte gar nicht Vertragspartnerin der Kläger war (LG Düsseldorf 22 S 234/12), und die Mitteilung über das ausführende Luftfahrtunternehmen vom Pauschalreiseveranstalter als Vertragspartner der Kläger stammte.
Nicht geteilt werden kann daher auch die auf Art 11 der EU-VO Nr 2111/2005 gestützte Rechtsansicht (ua in der von den Klägerin ins Treffen geführten Entscheidung des BGHS Wien zu 11 C 413/13k), die der Unterrichtung über die Identität des ausführenden Luftfahrtunternehmens gleichsam konstitutive Wirkung zuerkennt. Zwar hat der deutsche Bundesgerichtshof in seinem Urteil zu Xa ZR 132/08 dieser Bestimmung insofern Bedeutung beigemessen, als bei Code-Sharing-Flügen nur dasjenige Luftfahrtunternehmen, das den Flug tatsächlich durchführe, „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ iSd Art 2 lit b EU-FluggastVO sei, wofür die Verpflichtung zur Bekanntgabe des ausführenden Unternehmens ein Indiz sei. Auch dieser Entscheidung lässt sich aber nicht entnehmen, dass mit der Bekanntgabe das – mittels Wissenserklärung - genannte Luftfahrtunternehmen jedenfalls zum „ausführenden“ werde. Diese Ansicht hätte nämlich zur Folge, dass eine – unter Umständen bewusste – Fehlinformation für das tatsächlich durchführende Unternehmen exkulpierende Wirkung hätte, was wohl nicht ernsthaft vertreten werden kann (LG Korneuburg 22 R 40/16m).
[2] Dem nach der Erhebung des Einwands der mangelnden Passivlegitimation erstatteten Vorbringen der Kläger lässt sich nun (ebenso wie den Berufungsausführungen) nicht mit hinreichender Deutlichkeit erkennen, ob sie sich weiterhin (wie in der Klage) darauf stützen, dass die Beklagte tatsächlich ausführendes Luftfahrtunternehmen gewesen sei, oder lediglich auf einen – durch wen auch immer geschaffenen, im Sinne der obigen Ausführungen aber nicht ausreichenden – Rechtsschein. Da das Berufungsgericht angesichts der gesetzmäßig ausgeführten Rechtsrüge die rechtliche Beurteilung aber in jede Richtung hin zu überprüfen hat (RS0041820), ist auch auf die Frage, ob die Beklagte ausführendes Luftfahrtunternehmen des annullierten Fluges war, einzugehen.
[3] Von der oben zu [1] behandelten Rechtsfrage, welche Umstände ein Luftfahrtunternehmen zum „ausführenden“ machen, zu trennen ist die auf Tatsachenebene zu lösende Frage, ob dem klagenden Fluggast der Beweis, dass es sich bei dem belangten Luftfahrtunternehmen auch um das „ausführende“ handelt, gelungen ist. Wie schon das Erstgericht zutreffend dargestellt hat, handelt es sich dabei um eine für die Kläger günstige, weil anspruchsbegründende Tatsache, für die diese die volle Darlegungs- und Beweislast zu tragen haben (LG Düsseldorf 22 S 234/12). Im Zusammenhang mit Beweisfragen (aber auch nur mit diesen) kann der EU-VO Nr 2111/2005 jedoch sehr wohl Bedeutung zukommen. So hat der „Vertragspartner“ (des Fluggastes; gegebenenfalls der Reiseveranstalter [Art 2 lit c]) den Fluggast über die Identität des ausführenden Luftfahrtunternehmens bei der Buchung (Art 11 Abs 1), allenfalls bei späterem Bekanntwerden (Art 11 Abs 2) oder aus Anlass des Wechsels des ausführenden Luftfahrtunternehmens (Art 11 Abs 3) zu unterrichten. Diese Mitteilung stellt zunächst ein Indiz dafür dar, dass es sich bei dem angegebenen Luftfahrtunternehmen auch tatsächlich um das ausführende gehandelt hat.
Gleichwohl muss es jeder Partei frei stehen, dieses Indiz durch entsprechende Prozessbehauptungen und Beweise zu entkräften. Nichts anderes ergibt sich aus der von den Berufungswerbern zitierten Entscheidung des Landgerichts Düsseldorf (22 S 234/12).
Während die Kläger kein konkretes Vorbringen erstatteten, das die durch die Auskunft des Reiseveranstalters iSd Art 11 der EU-VO Nr 2111/2005 geschaffene Indizienlage stützen könnte, hat die Beklagte dargelegt und anhand der Boarding-Karten (Beilagen ./E und ./F), die nicht nur Laudamotion als ausführendes Luftfahrtunternehmen sondern auch deren IATA-Airline-Code „OE“ ausweisen, diese Indizienlage hinreichend entkräftet. Auch nach der von den Berufungswerbern zitierte Entscheidung des Amtsgerichts Rüsselsheim (3 C 5696/13), das vom erkennenden Berufungsgericht nicht in all seinen Facetten geteilt wird, kommt es bei der Frage, welches Unternehmen als „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ im Sinne der EU-FluggastVO anzusehen sei, maßgeblich auf den Auftritt vor Ort nach außen gegenüber dem Kunden an. Dies wäre aber die die mit ihrem IATA-Airline-Code versehenen Boarding-Karten ausstellende Laudamotion gewesen.
Ob damit der Beklagten der volle Beweis, dass Laudamotion tatsächlich ausführendes Luftfahrtunternehmen (iSd unter [1] angeführten Grundsätze) war, gelungen ist, kann dahingestellt bleiben; der Beweis war angesichts der die Kläger treffende Beweislast aber auch nicht erforderlich. Auch die Nicht-Feststellbarkeit des ausführenden Luftfahrtunternehmens (non liquet) ginge somit zu Lasten der Kläger.
[4] Sofern sich die Berufungswerber (zumindest hauptsächlich) auf einen Rechtsschein stützen, der einerseits durch die unterlassene (!) Reaktion der Beklagten auf ein Aufforderungsschreiben, andererseits durch die Auskunft des Pauschalreiseveranstalters, dass die Ansprüche gegen die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen zu richten seien2*, geschaffen worden sei, ist auf die obigen Ausführungen zu verweisen, wonach eine Anscheinshaftung nicht in Betracht kommt. Wie das Erstgericht zutreffend ausgeführt hat, können unrichtige Auskünfte aber Schadenersatzansprüche nach sich ziehen (so auch Hopperdietzel in BeckOK Fluggastrechte-VO13 Art 2 Rz 23 mit Verweis auf LG Düsseldorf 22 S 234/12).
[5] Abschließend sei angemerkt, dass Art 3 Abs 5 EU-FluggastVO, auf den das Erstgerichts ausdrücklich Bezug genommen hat, hier nicht einschlägig ist. Diese Bestimmung greift nur dann ein, wenn der faktische Beförderer Verpflichtungen im Rahmen der Verordnung (zB nach Art 7) erfüllt; erst dann handelt die Fluggesellschaft für und gegen den Reiseveranstalter. Die Vorschrift soll aber nicht zu einer Erweiterung des aus dem Sekundärrechtsakt verpflichteten Personenkreis führen (Staudinger in Staudinger/Keiler, FluggastrechteVO Art 3 Rz 24).
Der unberechtigten Berufung war daher ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO. Der Berufungsgegnerin steht allerdings nur der einfache Einheitssatz zu (§ 23 Abs 10 RATG).
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
1 *dislozierte Feststellung im Rahmen der Beweiswürdigung
2 *Entgegen den Ausführungen in der Berufung bedurfte es dazu keiner ergänzenden (ausdrücklichen) Feststellung, weil die Beklagte dieses Vorbringen nicht bestritten und auch Echtheit und Richtigkeit des Schreibens der Fa L***** vom 27.12.2018 Beklagten zugestanden hatte.
|
JJT_20200407_LG00119_02200R00040_20T0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00040.20T.0407.000
|
22R40/20t
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00040_20T0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00040_20T0000_000.html
| 1,586,217,600,000
| 2,847
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei E***** eU, vertreten durch Mag Volkan Kaya, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 1.250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 04.12.2019, 21 C 516/19v-12, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 314,71 (darin EUR 52,45 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen des Klagevertreters ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Fluggäste M***** J*****, A***** H*****, I***** M*****, B***** P***** und V***** H***** (im Folgenden nur: die Fluggäste) verfügten über bestätigte Buchungen für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OE 123 von Palma de Mallorca (PMI) nach Wien (VIE) mit der planmäßigen Flugzeit 23.09.2018, 22:25 Uhr bis 24.09.2018, 00:55 Uhr (jeweils Ortszeit). Die Flugstrecke PMI-VIE beträgt nach der Großkreisberechnung weniger als 1.500 km. Der Flug wurde am Abflugtag annulliert.
Mit schriftlichen Abtretungserklärungen vom 11.06.2019 bzw 19.02.2019 traten die Fluggäste ihre allfälligen aus dem gegenständlichen Flug resultierenden Ausgleichs-ansprüche nach der EU-FluggastVO gegen die Beklagte an die klagende Partei zur Geltendmachung und Besicherung der entstehenden Kosten ab; die klagende Partei nahm diese Abtretung an.
Die klagende Partei begehrt den Zuspruch von Ausgleichsleistungen gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 [Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 1.250,-- samt Zinsen. Dazu brachte sie im Wesentlichen vor, dass der Flug infolge eines allein von der Beklagten zu verantwortenden Umstands annulliert worden sei. Es seien keine außergewöhnlichen Umstände vorgelegen, und die Beklagte habe auch nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung getroffen. Insbesondere bestritt sie (das Vorbringen der Beklagten offenbar missverstehend), dass Grund für die Annullierung ein Blitzschlag auf der Vorrotation gewesen sei. Der Flug OE 104 sei auch nicht der [unmittelbare] Vorflug des gegenständlichen Fluges gewesen. Doch selbst wenn, so sei dieser bereits mit einer Verspätung von 2:26 h gestartet. Wäre er rechtzeitig gestartet, wäre die Maschine auch nicht vom Blitz getroffen worden. Der Beklagten wäre es zumutbar gewesen, ein anderes Flugzeug zu chartern oder eine Umbuchung vorzunehmen.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien: Das Fluggerät, das für die Durchführung des gegenständlichen Fluges vorgesehen gewesen sei, sei am Vorvorflug OE 103 von PMI nach Hamburg (HAM) durch Blitzschlag beschädigt worden, was eine entsprechende Inspektion erforderlich gemacht habe. Das Fluggerät sei nach der Ankunft in HAM um 16:07 Uhr (UTC) umgehend von einem Techniker inspiziert worden. Da eine Durchführung der nachfolgenden Flüge ohne vorherige Überprüfung aus Sicherheitsgründen nicht möglich gewesen wäre, und eine solche Inspizierung einige Zeit in Anspruch nehme, hätten die nachfolgenden Flüge nur verspätet durchgeführt werden können. Nach Abschluss sämtlicher Inspektionsarbeiten sei das Fluggerät wieder einsatzbereit gewesen, sodass der Folgeflug OE 104 (HAM-PMI) um 19:14 Uhr (UTC) – anstatt wie geplant um 16:50 Uhr (UTC) – starten habe können. Ein Ersatzfluggerät sei ihr in HAM nicht zur Verfügung gestanden. Auch wäre die Verbringung eines solchen samt Crew nach HAM für sie nicht zumutbar gewesen, weil kein geeignetes Fluggerät zur Verfügung gestanden sei und hierfür die Annullierung anderer Flüge erforderlich gewesen wäre, was wiederum den Passagieren der zu annullierenden Verbindungen ebenfalls nicht zumutbar gewesen wäre. Der Abflug des gegenständlichen Fluges von OE 123 wäre für 20:25 Uhr (UTC [= 22:25 Uhr Ortszeit]) geplant gewesen. Allerdings sei der Vorflug OE 104 (HAM-PMI) erst um 21:53 Uhr (UTC [= 23:53 Uhr Ortszeit]) in PMI angekommen. Der frühestmögliche Abflug in PMI wäre erst um 22:35 Uhr (UTC [= 00:35 Uhr Ortszeit]) möglich gewesen und wäre die Landung in VIE um 01:05 Uhr (UTC [= 03:05 Uhr Ortszeit]) des nächsten Tages erfolgt. Da der Dienst der Crew um 12:25 Uhr (UTC) begonnen habe, hätte der verspäte Abflug von OE 123 in PMI eine wesentliche – und daher unzulässige – Überschreitung der höchstzulässigen Dienstzeit der Crew von zwölf Stunden zur Folge gehabt. Aus diesem Grund sowie aufgrund der in VIE herrschenden Wetterverhältnisse, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, sei dem diensthabenden Kapitän keine andere Möglichkeit geblieben, als den Flug OE 123 zu annullieren. Sie habe bereits dadurch zumutbare Maßnahmen ergriffen, dass sie den Fluggästen eine gleichwertige Umbuchung angeboten habe. Im Übrigen bestritt die Beklagte nicht nur die Tatsache der Abtretung der Ansprüche an die klagende Partei sondern in eventu auch deren Gültigkeit, weil es sich lediglich um eine Inkassozession handle, was zur Folge habe, dass die klagende Partei verpflichtet bleibe, die Leistung an den Zedenten [die Fluggäste] abzuführen.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 1.250,-- samt Zinsen an die klagende Partei sowie zu Ersatz der Prozesskosten. Dazu traf es die aus Seite 3 der Urteilsausfertigung ON 12 ersichtlichen unbekämpfbaren (§ 501 ZPO) Feststellungen (lediglich zur Abtretung), deren Inhalt gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt oben wiedergegeben ist. In rechtlicher Hinsicht führte es zunächst aus, dass eine gültige Zession vorliege. Ob es sich lediglich um eine Inkassozession handle, sei nicht entscheidungswesentlich, weil auch bei einer solchen die prozessuale Verfügungsgewalt beim Zessionar liege. Ein allfälliger Verstoß gegen eine Vorschrift der GewO als verwaltungsrechtlicher Vorschrift würde nicht zu einer absoluten Nichtigkeit der Abtretung führen oder der Prozessführung durch den Zessionar entgegenstehen. Bei Annullierung eines Fluges mit einer Entfernung von bis zu 1.500 km hätten die Fluggäste gegen das ausführende Luftfahrtunternehmen einen Anspruch auf Ausgleichsleistung gemäß Art 7 Abs 1 lit a der EU-FluggastVO von jeweils EUR 250,--. Die Ausgleichsleistung sei gemäß Art 5 Abs 3 der VO jedoch nicht zu leisten, wenn das ausführende Luftfahrtunternehmen nachweisen könne, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Die Behauptungs- und Beweislast dafür treffe das Luftfahrtunternehmen. Es sei notwendig, konkrete auf den jeweiligen Flug bezogene überprüfbare Tatsachen vorzubringen, die eine Beurteilung zulassen, ob es sich um einen außergewöhnlichen Umstand gehandelt habe und ob im konkreten Fall zumutbare Maßnahmen ergriffen worden seien. Sei der konkrete Flug nicht direkt von dem außergewöhnlichen Umstand betroffen, sei ein enger zeitlicher Zusammenhang gefordert. Berufe sich das Flugunternehmen auf ein Ereignis in größerem zeitlichem Abstand bei einem der Vorflüge des Flugzeugs, welches für den annullierten Flug vorgesehen gewesen sei, so könne dies regelmäßig nicht entlasten. Wenn der behauptete außergewöhnliche Umstand schon bei einem Vorvorflug eingetreten sei, so sei dieser grundsätzlich nicht zu berücksichtigen. Nach dem Vorbringen der Beklagten habe sich der Blitzschlag beim Landeanflug des Vorvorfluges und damit schon mehr als 4:30 h vor dem gegenständlichen Flug ereignet. Damit sei er im Verhältnis zum gegenständlichen Flug nicht zu berücksichtigen. Schon deshalb sei dem Klagebegehren stattzugeben gewesen. Ein Blitzschlag sei für das Vorliegen eines „außergewöhnlichen Umstandes“ zudem lediglich indikativ. Das Luftfahrtunternehmen müsse konkret und substanziell vortragen, dass trotz dieses Vorfalls mit zumutbaren Maßnahmen eine Annullierung nicht zu vermeiden gewesen wäre. Es sei grundsätzlich gehalten auf solche Ereignisse innerhalb einer angemessenen Frist zu reagieren und die unerwünschten Folgen zu vermeiden. Je größer der Zeitabstand sei, und je mehr weitere Flüge mit dem betroffenen Flugzeug dazwischen lägen, umso höhere Anforderungen seien an das Flugunternehmen zu stellen. Die Beklagte habe in Anbetracht dessen kein ausreichend konkretes Vorbringen erstattet. So habe sie schon nicht dargestellt, warum die Inspektion, welche „einige“ Stunden in Anspruch genommen habe, nicht schneller durchgeführt werden habe können. Konkrete zeitliche Angaben, etwa wann der Blitzschlag tatsächlich bekannt geworden sei bzw wann durch das Gewitter geflogen worden sei und wie lange genau die Inspektion selbst gedauert habe, seien nicht vorgetragen worden. Ebenso wenig sei vorgebracht worden, warum – obwohl schon bei Eintritt des Blitzschlages damit gerechnet werden habe müssen, dass die Crew-Dienstzeit überschritten werden könnte – keine andere Crew für den gegenständlichen Flug OE 123 bereitgestellt werden habe können. Es sei auch nicht vorgetragen worden, ob und allenfalls warum für den gegenständlichen Flug keine Ersatzmaschine zur Verfügung gestellt oder ein Flugzeug von einer anderen Fluggesellschaft gechartert werden habe können. Zu den angedeuteten schlechten Wetterverhältnissen sei überhaupt kein konkretes Vorbringen erstattet worden, welches den Schluss zulasse, dass es sich dabei um einen außergewöhnliche Umstände gehandelt hätte.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die klagende Partei beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
[1] Zunächst meint die Berufungswerberin, dass die Aktivlegitimation nicht nachgewiesen sei. Die erst-gerichtliche Feststellung zu den Abtretungen sei zwar nicht bekämpfbar (§ 501 ZPO); allerdings habe das Erst-gericht die Beweislastregeln unrichtig angewendet, wenn es ausführe, dass keine gegenteiligen Beweisergebnisse vorlägen. Die Tatsache der Abtretung wäre jedoch zu beweisen gewesen.
Dabei übersieht die Berufungswerberin zweierlei: Einerseits greifen die Regeln über die Beweislastverteilung nur dann ein, wenn das Beweisverfahren ohne subsumtionsfähiges Sachverhaltsergebnis geblieben ist (RS0039872); dies ist hier aber nicht der Fall, hat das Erstgericht den Vorgang der Abtretung und Annahme der Forderungen doch ausdrücklich festgestellt. Für die Anwendung von Beweislastregeln bleibt daher im vorliegenden Fall kein Raum. Andererseits gibt die Berufungswerberin die Beweiswürdigung des Erstgerichts nur unvollständig wieder und suggeriert damit, dass es nach dessen Ansicht ausreiche, wenn der bloßen Behauptung der klagenden Partei keine Beweisergebnisse entgegenstünden. Tatsächlich hat das Erstgericht aber darauf hingewiesen, dass die Beweiskraft der Urkunde, Beilage ./A, nicht durch gegenteilige Beweisergebnisse erschüttert worden sei.
Auf die Frage der Gültigkeit der Zession kommt die Beklagte in der Berufung ebenso nicht mehr zurück wie auf die Frage, ob die Zession der klagenden Partei die Aktivlegitimation verschafft habe, sodass darauf nicht mehr einzugehen ist und auf die zutreffende Ansicht des Erstgerichts verwiesen werden kann (§ 500a ZPO).
[2] Zur Frage der Befreiung vom Ausgleichsanspruch gemäß Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO argumentiert die Berufungswerberin einerseits zusammengefasst, dass der außergewöhnliche Umstand eigentlich erst als am unmittelbaren Vorflug des gegenständlichen Fluges aufgetreten anzusehen sei; andererseits komme es ohnehin nicht darauf an, dass der außergewöhnliche Umstand am unmittelbaren Vorflug aufgetreten sein müsse, um entlastend wirken zu können; es genüge ein enger örtlicher und zeitlicher Zusammenhang (offenbar gemeint: zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem annullierten Flug). Andererseits habe das Erst-gericht die Anforderungen an die Behauptungslast zum Ergreifen der zumutbaren Maßnahmen überspannt.
Obwohl der Ansicht der Berufungswerberin zur Frage der Grenzen der Zurechnung eines Ereignisses als „außergewöhnliche Umstände“ grundsätzlich beizupflichten ist, kann sie sich im vorliegenden Fall dennoch nicht iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO entlasten.
[a] Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO bestimmt, dass ein ausführendes Luftfahrtunternehmen nicht verpflichtet ist, Ausgleichszahlungen gemäß Art 7 der VO zu leisten, wenn es nachweisen kann, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgeht, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären, wobei das Kriterium der Vermeidbarkeit auch auf die Annullierung – und nicht wie der Text der VO nahelegt nur auf den außergewöhnlichen Umstand selbst – zu beziehen ist (Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 139e; EuGH C-294/10 [ErwGr 27]).
Auch wenn ein Ereignis als „außergewöhnlicher Umstand“ zu qualifizieren ist, stellt sich die Frage, ob nur Ereignisse und Umstände berücksichtigt werden können, die während des vom Fluggast gebuchten Fluges eingetreten sind oder ob auch solche berücksichtigt werden dürfen, die sich auf einem vorangegangenen Flug ereignet haben. Im letzteren Fall stellt sich die weitere Frage, wie viele solcher Vorflüge noch herangezogen werden können. Diese Frage wird – in ausufernder Kasuistik – von den Gerichten unterschiedlich beantwortet (siehe die ausführliche Judikaturübersicht bei Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 136 ff).
Nach Ansicht des Berufungsgerichts bedarf es dieser strikten Abgrenzungsversuche, ab dem wievielten Vorflug eine Zurechnung nicht mehr zulässig ist, jedoch nicht. Den Überlegungen ist voranzustellen, dass der eigentliche Verordnungstext eine Einschränkung nicht vornimmt. Gleichwohl kann Erwägungsgrund 15 zur EU-FluggastVO entnommen werden, dass vom Vorliegen außergewöhnlicher Umstände ausgegangen werden sollte, wenn eine Entscheidung des Flugverkehrsmanagements zu einem einzelnen Flugzeug an einem bestimmten Tag zur Folge hat, dass es bei einem oder mehreren Flügen des betreffenden Flugzeugs zu einer großen Verspätung, einer Verspätung bis zum nächsten Tag oder zu einer Annullierung kommt, obgleich vom betreffenden Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden, um die Verspätungen oder Annullierungen zu verhindern. Daraus kann abgeleitet werden, dass auch ein außergewöhnlicher Umstand, der auf einem beliebigen vorangegangenen Flug aufgetreten ist, von der Ausgleichspflicht befreien kann, sofern zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem gegenständlichen Flug ein enger kausaler und zeitlicher Zusammenhang besteht. Bei Flugzeugen, die auf Kurz- und Mittelstrecken eingesetzt werden, sind mehrere Umläufe an demselben Tag üblich, um eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung des Flugzeugs zu ermöglichen. Die EU-FluggastVO setzt diese wie andere übliche wirtschaftliche und technische Gegebenheiten des Luftverkehrs voraus und will sie weder unterbinden noch steuern (BGH X ZR 121/13). Dabei wird es auch auf die planmäßige Dauer der Flüge während des Flugumlaufverfahrens ankommen: bei mehreren sehr kurzen Flügen kann der zeitliche Zusammenhang etwa beim vierten Vorflug noch immer enger sein als bei längeren Flügen beim unmittelbaren Vorflug. Überdies ist zu berücksichtigen, dass auch außergewöhnliche Umstände denkbar sind, die nicht zwingend „auf einem (Vor-)Flug“ eingetreten sind. Die nach strikten numerischen Abgrenzungen suchende Rechtsprechung übersieht, dass befriedigende Lösungen im Einzelfall letztlich ohnehin nur anhand der Prüfung der „zumutbaren Maßnahmen“ gefunden werden können: je weniger zwingend der Kausalzusammenhang und je größer die zeitliche Distanz zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und der drohenden Annullierung oder Verspätung des zu beurteilenden Fluges, desto eher wird es dem ausführenden Luftfahrtunternehmen möglich sein, zumutbare Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung oder Verspätung zu ergreifen bzw umso strenger wird eine entsprechende Prüfung auszufallen haben.
Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass bei einem allfälligen außergewöhnlichen Umstand, der nur wenig mehr als acht Stunden vor dem geplanten Abflug des gegenständliches Fluges während des Vorvorfluges des Fluggeräts aufgetreten ist, mit dem der gegenständliche Flug durchgeführt werden sollte, der kausale und zeitliche Zusammenhang eine Subsumtion unter Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO noch nicht zwingend ausschließt.
[b] Beruft sich ein Luftfahrtunternehmen auf einen außergewöhnlichen Umstand, muss es aber auch vortragen und beweisen, dass es unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel versucht hat, die Annullierung oder Verspätung zu vermeiden, und warum es ihm nicht möglich war, unter Berücksichtigung seiner Kapazitäten diese Mittel einzusetzen (EuGH C-315/15; Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 147).
Selbst wenn der von der Beklagten behauptete Vorfall (Blitzschlag mit nachfolgender, aus Sicherheitsgründen zwingender Überprüfung) nachgewiesen und als „außergewöhnlicher Umstand“ zu qualifizieren wäre, wäre die Beklagte ihrer Darlegungslast nicht im erforderlichen Umfang nachgekommen.
Nach dem Vorbringen der Beklagten musste der gegenständliche Flug ja letztlich deshalb annulliert werden, weil bei Durchführung des Fluges die höchstzulässige Dienstzeit der Crew überschritten worden wäre. Dazu brachte sie lediglich vor, dass die Verbringung eines Ersatzflugzeuges nach HAM (zur Durchführung des unmittelbaren Vorfluges HAM-PMI und in weiterer Folge des gegenständlichen Fluges PMI-VIE) nicht zumutbar gewesen wäre, weil dafür kein geeignetes Flugzeug zur Verfügung gestanden wäre. Nach den Behauptungen der Beklagten scheiterte die Durchführung des gegenständlichen Fluges OE 123 aber ohnehin nicht am nicht vorhandenen Fluggerät sondern an der nicht mehr einsatzfähigen Crew. Dass aufgrund der Verzögerungen in HAM eine Überschreitung deren Dienstzeit droht, hätte die Klägerin aber – unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Dauer für die Flüge HAM-PMI und PMI-VIE sowie der Turn-Around-Zeit in PMI – bereits vor dem Abflug des Vorfluges vorhersehen können. Die naheliegendste Maßnahme zur Vermeidung der Annullierung des gegenständlichen Fluges (und wohl auch wesentlich kostengünstigere als die Anmietung eines Ersatzflugzeuges) wäre es daher gewesen, entweder schon den Vorflug HAM-PMI – und folglich auch den Flug PMI-VIE – von einer Ersatzcrew durchführen zu lassen; oder in HAM eine Ersatzcrew aufzunehmen, die mit dem Flug HAM-PMI befördert wird, damit diese in der Folge den Flug PMI-VIE durchführen hätte können. Aus welchen Gründen dies unterblieben ist oder dies allenfalls schon grundsätzlich keine zumutbare Maßnahme dargestellt hätte, hat die Beklagte aber nicht behauptet.
Dem beklagten Luftfahrtunternehmen kann zwar nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten, weil es sonst vorrangig vom Detailwissen zum Luftfahrtwesen des jeweiligen Richters abhängig wäre, ob die Beklagte ihrer Behauptungslast genügt hätte. Vorzutragen sind hingegen Prozessbehauptungen zu Maßnahmen, die sich auch bei eingeschränkten Kenntnissen des Flugverkehrs geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (vgl LG Korneuburg 21 R 76/19b). Unter diesem Gesichtspunkt kann das von der Beklagten zur ihrer Entlastung erstattete Prozessvorbringen jedoch nicht als ausreichend angesehen werden.
[c] Sofern sich die Beklagte auch auf die „herrschenden Wetterverhältnisse“ gestützt hat, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, so vermochte sie nicht einmal ansatzweise darzutun, welche konkreten (der Durchführung des Fluges entgegenstehenden) Wetterverhältnisse geherrscht hätten.
Zusammengefasst ist daher festzuhalten, dass die Beklagte nicht hinreichend darlegen konnte, welche ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung – selbst wenn diese auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen gewesen wäre – sie ergriffen hat bzw warum ihr dies allenfalls nicht möglich gewesen wäre, weshalb die Ausgleichsansprüche zu Recht bestehen, womit der Berufung ein Erfolg zu versagen war.
Die Kostenentscheidung für das Berufungsverfahren gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200602_LG00119_02200R00046_20Z0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00046.20Z.0602.000
|
22R46/20z
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200602_LG00119_02200R00046_20Z0000_000/JJT_20200602_LG00119_02200R00046_20Z0000_000.html
| 1,591,056,000,000
| 2,837
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Rak und Mag. Jarec, LL.M. in der Rechtssache der klagenden Partei A***** Ltd, vertreten durch Dr. Daniel Stanonik, LL.M., Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm Rechtsanwälte in Wien, wegen zuletzt EUR 400,-- s.A., infolge Berufung der klagenden Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 27.11.2019, 25 C 62/19h-11, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei zu Handen der Beklagtenvertreter die mit EUR 210,84 (darin EUR 35,14 USt.) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Passagierin C***** S***** verfügte über eine bestätigte Buchung für den Flug der Beklagten mit der Flugnummer OE 99 am 17.07.2018 mit einem geplanten Abflug vom Flughafen Teneriffa Süd um 11:00 Uhr und einer geplanten Ankunftszeit am Flughafen Berlin-Tegel um 16:55 Uhr. Der tatsächliche Abflug des Fluges OE 99 erfolgte um 17:05 Uhr, die tatsächliche Ankunft in Berlin-Tegel um 22:34 Uhr. Die Passagierin erreichte ihr Endziel Berlin-Tegel daher mit einer mehr als dreistündigen Verspätung.
Die Flugstrecke von Teneriffa Süd nach Berlin-Tegel beträgt aufgrund der Großkreisberechnung mehr als 1.500 Kilometer, aber weniger als 3.500 Kilometer.
Die Passagierin trat ihre Forderung gegen die Beklagte aus dem Flug OE 99 vom 17.07.2018 an die Klägerin ab. Diese nahm die Abtretung gemäß ihren Nutzungsbedingungen an.
Der planmäßige Abflug des Fluges OE 99 von Teneriffa Süd war nicht möglich, weil die für die Durchführung des Fluges vorgesehene Maschine, eine Boeing 737-800 Konfiguration Ryan Air, die mit der Vorrotation OE 98 von Berlin-Tegel nach Teneriffa Süd verbracht hätte werden sollen, nicht startbereit zur Verfügung stand, sondern sich zu diesem Zeitpunkt nach einer Umleitung noch in Teneriffa Nord befand, von wo sie erst um 15:25 Uhr nach Teneriffa Süd überstellt werden konnte und schlussendlich um 16:00 Uhr in Teneriffa Süd landete.
Grund für die Ausweichlandung der OE 98 auf Teneriffa Nord waren die an diesem Tag generell und speziell auch zum geplanten Landezeitpunkt um 10:10 Uhr Ortszeit über Teneriffa Süd herrschenden Winde, wobei die Windgeschwindigkeiten bereits ab 08:30 Uhr UTC 18 Knoten betrugen und sich ab 09:00 Uhr UTC bis 18:30 Uhr UTC konstant bei über 20 Knoten einpendelten. Der Pilot des klagsgegenständlichen Fluges versuchte dennoch zweimal in Teneriffa Süd zu landen, musste jedoch beide Male wieder durchstarten und entschied sich aus Sicherheitsgründen letztlich für eine Ausweichlandung in Teneriffa Nord.
Die Herstellervorgaben der für den klagsgegenständlichen Flug vorhergesehenen Maschine des Typs Boeing 737-800 Konfiguration Ryan Air sehen vor, dass aus Sicherheitsgründen nur bei Windgeschwindigkeiten bis maximal 33 Knoten und ansonsten optimalen Wetterbedingungen gelandet werden darf, wobei bei wechselnden Windverhältnissen wie sie unter anderem zwischen 09:00 Uhr UTC und 10:00 Uhr UTC, zwischen 12:00 Uhr und 12:30 Uhr UTC und zwischen 13:30 Uhr UTC bis 14:30 Uhr UTC geherrscht haben, nicht mehr von ansonsten optimalen Bedingungen gesprochen werden kann.
Die Vorrotation OE 98 hatte – abgesehen von der Verspätung, die der Umleitung nach Teneriffa Nord geschuldet war – zusätzlich auch eine Abflugverspätung von Berlin-Tegel von zwei Stunden und 51 Minuten und war statt wie geplant um 06:00 Uhr Ortszeit erst um 08:51 Uhr gestartet. Der verspätete Start aus Berlin-Tegel war nicht den Wetterverhältnissen auf Teneriffa Süd geschuldet, sondern alleine dem Umstand, dass die Vorrotation des Fluges OE 98, sprich die Vorvorrotation des klagsgegenständlichen Fluges, erst in den frühen Morgenstunden des 17.07.2018 nach Berlin-Tegel überstellt werden konnte. Grund für die Umleitung der Vorvorration OE 205, die am 16.07.2018 planmäßig von Faro nach Berlin-Tegel fliegen hätte sollen, war, dass diese aufgrund von ATC Slots in das Nachtflugverbot von Berlin-Tegel fiel und von der Flugsicherung nach Berlin-Schönefeld umgeleitet wurde. Es konnte nicht festgestellt werden, welche Slots der Flug OE 205 hatte und aus welchem Grund.
Die Beklagte verfügte über keine Ersatzmaschine in Teneriffa Süd, eine solche hätte erst organisiert werden müssen, was jedoch sehr zeitaufwendig ist und jedenfalls mehrere Stunden in Anspruch nimmt.
Mit vorliegender Klage begehrte die Klägerin gestützt auf Artikel 7 der Verordnung (EG) Nr. 261/2004 eine Ausgleichszahlung von zuletzt EUR 400,-- samt Zinsen und brachte zur Begründung im Wesentlichen vor, dass die Verspätung des Fluges OE 99 aus der Verspätung der Vorrotation OE 98 resultiert habe. Verspätungen der Vorvorration am Vortag würden keinen außergewöhnlichen Umstand begründen. Am Flughafen Teneriffa bestünden stets windige Verhältnisse. Die Durchführung des Fluges OE 98 sei ebenfalls für den 17.07.2018 geplant gewesen. Das Fluggerät sei am Vortag für eine Rotation von Berlin nach Faro und von Faro nach Berlin eingesetzt gewesen. Die Vorvorvorrotation, nämlich der Flug OE 204 von Berlin nach Faro sei von 14:50 Uhr bis 17:25 Uhr geplant gewesen. Tatsächlich sei der Flug erst um 18:22 Uhr gelandet. Die nachfolgende Rotation, also der Vorvorflug sei der Flug OE 205 gewesen, und zwar von Faro nach Berlin mit einer geplanten Flugzeit von 18:15 Uhr und einer geplanten Ankunftszeit von 22:40 Uhr. Dieser Flug sei tatsächlich um 20:15 Uhr durchgeführt worden und anschließend nach Berlin-Schönefeld umgeleitet worden, woraus sich ergebe, dass schon aufgrund der Verspätung der Vorvorrotation die klagsgegenständliche Rotation verspätet gewesen sei. In Teneriffa hätten am 17.07.2018 um 17:30 Uhr Windgeschwindigkeiten von 50 km/h geherrscht, dies in östlicher Richtung 90 Grad. Da die Piste in Richtung 70 Grad zeige, sei der Wind überwiegend von vorne gekommen und habe nahezu keine Seitenwindkomponente bestanden. Selbst wenn der Wind vollständig als Seitenwindkomponente gekommen wäre, würde dies noch keine Einschränkung des Luftverkehrs bedeuten, weil die Seitenwindkomponente bei Verkehrsflugzeugen in der Regel bis zu 30 Knoten betragen dürfe. Die Abflugstatistik zeige, dass es zu keinen Flugeinschränkungen am Flughafen Teneriffa Süd gekommen sei. Die Vorrotation OE 98 sei erst mit einer rund dreistündigen Verspätung aus Berlin-Tegel gestartet.
Die Beklagte beantragte Klagsabweisung, bestritt das Klagebegehren und wandte ein, dass sie an der Verspätung kein Verschulden treffe und diese nicht von ihr zu vertreten sei. Die Verspätung des Fluges OE 99 sei einer Verspätung und Umleitung der Vorrotation (OE 98) aufgrund der in Teneriffa Süd herrschenden Wetterverhältnisse geschuldet gewesen. Das Fluggerät, das für die Durchführung des Fluges OE 98 bzw. OE 99 vorgesehen gewesen sei, sei am Vorabend wegen eines Slot-Delays in das ab 23:00 Uhr geltende Nachtflugverbot in Berlin-Tegel geraten und daher von der Flugsicherung nach Berlin-Schönefeld umgeleitet worden. Das Fluggerät sei nach dem Ende des Nachtflugverbots am nächsten Morgen, dem 17.07.2018, zum ehestmöglichen Zeitpunkt nach Berlin-Tegel überstellt worden, um den Flug OE 98 nach Teneriffa Süd durchführen zu können. Aufgrund der in Teneriffa Süd ab 11:00 Uhr Ortszeit herrschenden böigen Winde, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, sei der Flug OE 98 von der Flugsicherung nach Teneriffa Nord umgeleitet worden. Die Passagiere seien anschließend von der Beklagten mit dem Bus nach Teneriffa Süd verbracht worden. Nach einer Wetterbesserung in Teneriffa Süd sei das Fluggerät nach Teneriffa Süd übergesetzt worden, um den verfahrensgegenständlichen Flug OE 99 durchführen zu können. Die gegenständliche Umleitung der Vorrotation des verfahrensgegenständlichen Fluges durch die Flugsicherung sei ausschließlich auf die Windböen zurückzuführen gewesen. Die Homebase der Beklagten befinde sich in Wien. Das Bereithalten einer Ersatzmaschine am Flughafen Teneriffa Süd sei für die Beklagte daher keinesfalls zumutbar gewesen. Zudem wäre ein Ersatzflug mit denselben Problemen im Anflug auf Teneriffa Süd konfrontiert gewesen wie OE 98. Die Umleitung der Vorrotation sei ausschließlich der Wettersituation und den damit verbundenen Anordnungen der Flugsicherung in Teneriffa Süd geschuldet gewesen. Hievon seien zahlreiche andere Flüge betroffen gewesen. Da die am Flughafen Teneriffa Süd herrschenden Wetterverhältnisse einen sicheren Anflug nicht zugelassen hätten, seien für die eingetretene Verspätung jedenfalls außergewöhnliche Umstände im Sinne des Artikel 5 Abs 3 Fluggast-VO vorgelegen, welche trotz des Ergreifens sämtlicher der Beklagten zumutbaren Maßnahmen nicht verhindert hätten werden können. Ein Ausgleichsanspruch im Sinne des Artikels 7 der Fluggast-VO stehe somit nicht zu. Da die Verspätung der Vorrotation auch aufgrund von außergewöhnlichen Umständen eingetreten sei, sei diese auch für den gegenständlichen Flug von Relevanz. Bei Windgeschwindigkeiten von 46 km/h handle es sich keinesfalls um Windgeschwindigkeiten, die regelmäßig herrschen würden. Diese seien auch in keinster Weise vorhersehbar gewesen. Die konkreten Herstellerbeschränkungen für das gegenständliche Fluggerät (Boeing 737-800 Konfiguration Ryan Air) seien bei Windgeschwindigkeiten von 23 Knoten überschritten gewesen, sodass schon aufgrund der Herstellervorgabe eine sichere Landung nicht möglich gewesen sei. Der Pilot habe zweimal versucht in Teneriffa Süd zu landen, habe jedoch aufgrund der starken Seitenwinde jeweils durchstarten müssen und habe nach zwei erfolglosen Landeversuchen die Umleitung des Fluges nach Teneriffa Nord angeordnet. Die unternehmens- bzw. herstellerseitigen Vorgaben seien im konkreten Zeitpunkt der versuchten Landung überschritten gewesen. Der Flug OE 98 habe eine Abflugverspätung von weniger als drei Stunden aufgewiesen. Die weitere Verspätungsdauer sei ausschließlich auf die erforderlichen Landeversuche bzw. die Ausweichlandung in Teneriffa Nord zurückzuführen. Nach der Judikatur des EuGH sei die zusätzliche Verspätung, welche auf außergewöhnlichen Umständen beruhe, abzuziehen, sodass eine Ankunftsverspätung von weniger als drei Stunden vorliege und somit auch kein Ausgleichsanspruch zustehe. Nach erfolgter Ausweichlandung in Teneriffa Nord habe die Beklagte zugewartet und schnellstmöglich eine spätere Überstellung nach Teneriffa Süd veranlasst und seien somit sämtliche zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden. In dem Zeitpunkt, in dem die Landung versucht worden sei, sei eine sichere Landung nicht möglich gewesen.
Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht das Klagebegehren zur Gänze ab und verpflichtete die Klägerin zum Ersatz der mit EUR 1.184,57 bestimmten Verfahrenskosten. Es traf die in den wesentlichen Punkten – gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt – oben wiedergegebenen Feststellungen und folgerte daraus rechtlich, dass zwei Gründe für die verspätete Ankunft am Endziel ausschlaggebend gewesen seien, nämlich die Sicherheitserwägungen geschuldete Ausweichlandung auf Teneriffa Nord aufgrund der wechselnden Windverhältnisse auf Teneriffa Süd und die Abflugverspätung der OE 98 aus Berlin-Tegel, die aufgrund der Umleitung der Vorrotation von OE 98 nach Berlin-Schönefeld zum geplanten Abflugzeitpunkt in Berlin-Tegel nicht startbereit gewesen sei. Die Ausweichlandung auf Teneriffa Nord sei als außergewöhnlicher Umstand im Sinne der Verordnung zu beurteilen, zumal sich die Beklagte offenbar aus Sicherheitsgründen an die herstellerbedingten Landebeschränkungen gehalten habe und im Dienste der Flugsicherheit getroffene Entscheidungen im Allgemeinen nicht der Einhaltung von Flugplänen und daraus folgend der Vermeidung von Ausgleichsansprüchen geopfert werden sollten. Selbst wenn die Herstellerangaben eine Landung bis maximal 33 Knoten zulassen würden, sei zu berücksichtigen, dass der Pilot die Finalentscheidung treffe und die Verantwortung für eine sichere Landung zu tragen habe. Demgegenüber sei der verspätete Abflug von OE 98 nicht dem Wetter sondern dem Umstand geschuldet gewesen, dass das dafür vorgesehene Fluggerät nicht pünktlich startbereit gewesen sei und erst in den frühen Morgenstunden nach Berlin-Tegel überstellt habe werden müssen. Die diesbezüglich getroffene Negativfeststellung hinsichtlich des Grundes der Umleitung gehe zu Lasten der Beklagten. Ein außergewöhnlicher Umstand im Sinne der Richtlinie liege daher in diesem Punkt nicht vor. Von der Verspätung von insgesamt fünf Stunden und 39 Minuten beruhe nur eine Verspätung von zwei Stunden und 51 Minuten auf einem nicht außergewöhnlichen Umstand. Zur Frage, ob bei einem pünktlichen Start von OE 98 allenfalls eine Landung auf Teneriffa Süd möglich gewesen wäre, gebe es kein Vorbringen. Die Beklagte habe auch sämtliche zumutbaren Maßnahmen getroffen, zumal sie bei nächster Gelegenheit das für den klagsgegenständlichen Flug vorgesehene Fluggerät nach Teneriffa Süd überstellt habe, um den Flug verspätet durchzuführen.
Gegen dieses Urteil richtet sich die rechtzeitige Berufung der Klägerin aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren zur Gänze stattgegeben werde; hilfsweise stellt die Berufungswerberin einen Aufhebungsantrag.
Die Beklagte beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin moniert – neben dem Vorliegen sekundärer Feststellungsmängel – dass aufgrund der Wetterverhältnisse auf Teneriffa keinesfalls ein außergewöhnlicher Umstand vorgelegen sei.
Dazu ist vorerst auf die – zutreffenden – allgemeinen Ausführungen des Erstgerichtes zum Vorliegen außergewöhnlicher Umstände zu verweisen (§ 500a ZPO) und ergänzend darauf, dass als außergewöhnliche Umstände Vorkommnisse angesehen werden können, die ihrer Natur und Ursache nach nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des betreffenden Luftfahrtunternehmens sind und von diesem auch nicht tatsächlich beherrschbar sind. Diese beiden Bedingungen müssen kumulativ vorliegen (EuGH vom 26.06.2019, Rechtssache C-159/18 Rn 16). Nach den Feststellungen des Erstgerichtes war der Grund für die Ausweichlandung von OE 98 auf Teneriffa Nord die an diesem Tag generell und speziell auch zum geplanten Landezeitpunkt um 10:10 Uhr Ortszeit auf Teneriffa Süd herrschenden Winde, wobei die Windgeschwindigkeiten bereits ab 08:30 Uhr UTC 18 Knoten betragen und sich ab 09:00 Uhr UTC bis 18:30 Uhr UTC bei über 20 Knoten eingependelt hätten. Der Pilot des klagsgegenständlichen Fluges habe dennoch zweimal auf Teneriffa Süd zu landen versucht, habe jedoch zweimal durchstarten müssen und sich aus Sicherheitsgründen letztlich für eine Ausweichlandung in Teneriffa Nord entschieden. Auch wenn die Herstellervorgaben der für den Flug vorgesehenen Maschine vorsehen, dass aus Sicherheitsgründen nur bei Windgeschwindigkeiten bis maximal 33 Knoten und ansonsten optimalen Wetterbedingungen gelandet werden dürfe, so könne bei wechselnden Windverhältnissen, wie sie unter anderem zwischen 09:00 Uhr UTC und 10:00 Uhr UTC, zwischen 12:00 Uhr UTC und 12:30 Uhr UTC und zwischen 13:30 Uhr UTC bis 14:30 Uhr UTC geherrscht hätten, nicht mehr von ansonsten optimalen Bedingungen gesprochen werden.
An diesem Tag herrschte den erstgerichtlichen Feststellungen zufolge auf Teneriffa Süd somit starker – konstant über 20 Knoten liegender – Wind mit wechselnden Windverhältnissen. Die Windverhältnisse waren im Zeitpunkt der versuchten Landung jedenfalls so, dass der Pilot bei zwei Landeversuchen jeweils durchstarten musste und sich letztlich aus Sicherheitsgründen für eine Ausweichlandung in Teneriffa Nord entschied.
Es war somit eine aus Sicherheitserwägungen getroffene Entscheidung des Piloten nach Teneriffa Nord auszuweichen. Grundsätzlich kann die Entscheidung des Piloten, dass eine Landung des Flugzeuges wegen schlechter Wetterbedingungen zu gefährlich ist, wegen der „nautischen Entscheidungsgewalt“ des Piloten von einem Gericht nur eingeschränkt auf grobe Fehler überprüft werden (vgl. Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO14 Artikel 5 Rz 65 mwN). Nachdem die Klägerin in erster Instanz kein Vorbringen zu einem allfälligen Unvermögen des Piloten oder auch zum Einsatz eines allfälligen ungeeigneten Fluggeräts (was schon nach den Feststellungen des Erstgerichtes, wonach die Windgeschwindigkeit unter der maximal zulässigen Windgeschwindigkeit lag, nicht der Fall ist) erstattet hat, liegen gegenständlich keinerlei Anhaltspunkte für einen groben Fehler im Sinne obiger Ausführungen vor. Abgesehen davon sollen im Dienste der Flugsicherheit getroffene Pilotenentscheidungen im Allgemeinen nicht der Einhaltung von Flugplänen und – daraus folgend – der Vermeidung von Ausgleichsansprüchen geopfert werden (vgl. Landesgericht Korneuburg vom 19.03.2019, 21 R 19/19w). Nachdem somit davon auszugehen ist, dass derart widrige Windverhältnisse vorlagen, dass der Pilot bei zwei Landeversuchen zweimal durchstarten musste, ist die Beurteilung des Erstgerichtes, wonach jener Teil der Verspätung, der auf die auf eine Entscheidung des Piloten zurückzuführende aus Sicherheitsgründen erfolgte Ausweichlandung in Teneriffa Nord beruht, als außergewöhnlicher Umstand zu qualifizieren ist, nicht zu beanstanden. Daran vermögen auch die begehrten weiteren Feststellungen nichts zu ändern.
Darüber hinaus ist das Erstgericht hinsichtlich der Abflugverspätung von Berlin-Tegel – ausgehend vom festgestellten Sachverhalt – zu Recht davon ausgegangen, dass dieser Teil der Verspätung nicht auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen ist, zumal zu den Gründen hiefür im Wesentlichen nur Negativfeststellungen getroffen wurden, was zu Lasten des Luftfahrtunternehmens geht.
Auch das Nachtflugverbot liegt im Risikobereich des Luftfahrtunternehmens und stellt daher – zumindest dann, wenn das Luftfahrtunternehmen nicht aufgrund von außergewöhnlichen Umständen in das Nachtflugverbot geraten ist oder zu geraten droht – keinen außergewöhnlichen Umstand dar (vgl Landesgericht Korneuburg vom 4.12.2018, 21 R 341/18x).
Das Erstgericht hat weiters – im Hinblick darauf, dass die Ankunftsverspätung von insgesamt fünf Stunden und 39 Minuten sowohl auf einen außergewöhnlichen als auch auf einen nicht außergewöhnlichen Umstand zurückzuführen ist – zutreffend auf die Entscheidung des EuGH C-315/15 verwiesen, wonach Artikel 5 Abs 3 FluggastVO im Lichte des 14. Erwägungsgrundes dieser Verordnung dahingehend auszulegen ist, dass im Fall einer um drei Stunden oder mehr verspäteten Flugankunft, die nicht nur auf einem außergewöhnlichen Umstand beruht, der nicht durch der Situation angemessene Maßnahmen zu verhindern war und gegen dessen Folgen das Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Vorbeugungsmaßnahmen ergriffen hat, sondern auch auf einen anderen Umstand, der nicht in diese Kategorie fällt, die auf dem erstgenannten Umstand beruhende Verspätung von der gesamten Verspätungszeit bei Ankunft des betreffenden Fluges abzuziehen ist, um zu beurteilen, ob für diese verspätete Flugankunft Ausgleichszahlungen gemäß Artikel 7 FluggastVO zu leisten sind.
Von der Gesamtverspätung von fünf Stunden und 39 Minuten sind somit zwei Stunden und 51 Minuten nicht auf einen außergewöhnlichen Umstand zurückzuführen. Zwei Stunden und 48 Minuten beruhen hingegen – wie oben dargelegt – auf einen außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Artikel 5 Abs 3 Fluggast-VO. Die Beklagte ist diesbezüglich somit exkulpiert. Dies gilt aber nicht für die verbleibenden zwei Stunden und 51 Minuten. Nachdem dieser Teil der Verspätung jedoch drei Stunden nicht erreicht, hat das Erstgericht schon aus diesem Grund das Begehren auf Zahlung einer Ausgleichsleistung zu Recht abgewiesen.
Die Feststellungen des Erstgerichtes reichen somit aus, um den Sachverhalt abschließend rechtlich beurteilen zu können. Weiterer Feststellungen bedurfte es daher nicht. Den geplanten Landezeitpunkt des Fluges OE 98 auf Teneriffa Süd hat das Erstgericht im Übrigen ohnedies festgestellt (Urteil Seite 3 unten).
Die Argumente der Berufungswerberin vermochten insgesamt somit nicht zu überzeugen.
Der Berufung war daher nicht Folge zu geben.
Die Kostenentscheidung gründet sich auf §§ 41, 50 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200603_LG00119_02200R00056_20W0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00056.20W.0603.000
|
22R56/20w
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200603_LG00119_02200R00056_20W0000_000/JJT_20200603_LG00119_02200R00056_20W0000_000.html
| 1,591,142,400,000
| 1,775
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei A***** Ltd, vertreten durch Stanonik Rechtsanwälte in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 400,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 15.11.2019, 23 C 1339/19p-8, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 175,70 bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreter zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Fluggast M***** V***** verfügte über eine bestätigte Buchung für die folgende von der Beklagten durchzuführende Flugverbindung:
- OS 452 von London (LHR) nach Wien (VIE) am 01.04.2019, 09:05 Uhr bis 12:25 Uhr;
- OS 773 von VIE nach Belgrad (BEG) am 01.04.2019, 13:05 Uhr bis 14:10 Uhr.
Der Flug OS 452 startete tatsächlich erst um 10:08 Uhr in LHR und landete um 13:20 Uhr in VIE, sodass der Fluggast den Anschlussflug OS 773 verpasste. Der Fluggast wurde in der Folge von der Beklagten auf eine andere Flugverbindung nach BEG umgebucht und erreichte sein Endziel um 23:45 Uhr desselben Tages, sohin mit einer Verspätung von mehr als drei Stunden. Die Flugstrecke LHR-BEG beträgt nach der Großkreisberechnung mehr als 1.500 km aber weniger als 3.500 km.
Der Fluggast trat den klagsgegenständlichen Anspruch an die Klägerin ab; diese nahm die Abtretung an.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 iVm Art 7 [Abs 1 lit b] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 400,-- samt Zinsen. Dazu brachte sie im Wesentlichen vor, dass keine außergewöhnlichen Umstände (iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO) vorgelegen seien; Flüge aus London würden regelmäßig ATC1*-Verspätungen aufweisen. Darüber hinaus sei für den Umstieg in Wien lediglich ein Zeitraum von 40 min eingeplant gewesen; dies sei im vorliegenden Fall, in dem auch Pass- und Sicherheitskontrollen zu absolvieren gewesen seien, nicht ausreichend gewesen; die Beklagte habe daher nicht die für einen Umstieg auf den Anschlussflug erforderlichen Zeitreserven eingeplant. Auch die Vergabe eines geänderten Abflugslots in LHR sei nicht verwunderlich, weil bereits die Vorrotation eine Verspätung aufgewiesen habe.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Verspätung des Fluges OS 452 auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien: schon die Verspätung des unmittelbaren Vorfluges OS 451 sei auf Vorgaben der britischen Flugsicherung, somit auf eine in diesem Ausmaß ungewöhnliche hoheitliche Maßnahme, auf die die Beklagte keinen Einfluss gehabt habe, zurückzuführen; im Konkreten auf den IATA-Delay-Code 83, der Einschränkungen am Zielflughafen („ATFM due to RESTRICTION AT DESTINATION AIRPORT, airport and/or runway closed due to obstruction, industrial action, staff shortage, political unrest, noise abatement, night curfew, special flights“) anzeige. Die bereits dadurch eingetretene Verspätung sei durch ständig – insgesamt sechsmal – geänderte Slot-Vergaben für den gegenständlichen Flug OS 452 vergrößert worden; diese Slot-Änderungen seien der Beklagten mit dem IATA-Delay-Code 81 („AIR TRAFFIC FLOW MANAGEMENT due to ATC EN-ROUTE DEMAND/CAPACITY, standard demand/capacity problems“) angezeigt worden. Letztlich habe man einen Abflug-Slot für 09:25 Uhr (offenbar gemeint: UTC = 10:25 Uhr Ortszeit [vgl Beilage ./1]) erhalten.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 400,-- samt Zinsen an die Klägerin sowie zum Ersatz der Prozesskosten. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass die Beklagte der sie treffenden Behauptungslast zum angeblichen außergewöhnlichen Umstand nicht ausreichend nachgekommen sei; dafür wäre es notwendig gewesen, konkrete, überprüfbare und „entscheidungswesentliche“ Tatsachen vorzubringen, die eine Beurteilung zulassen, ob es sich tatsächlich um einen außergewöhnlichen Umstand gehandelt habe. Aus dem Vorbringen der Beklagten ergebe sich lediglich, dass die Verspätungen der Flüge OS 451 und OS 452 auf kapazitätsbedingte Slot-Einschränkungen der Flugsicherung in London zurückzuführen seien. Die Berufung auf Anordnungen der Flugverkehrsbehörde könne das Luftfahrtunternehmen jedoch nicht davon befreien, konkrete und überprüfbare Behauptungen zu den näheren Umständen aufzustellen, weil andernfalls die Beurteilung des Vorliegens eines außergewöhnlichen Umstands nicht möglich sei. Maßnahmen der Flugsicherung könnten derart mannigfaltig sein, dass keine allgemein gültige Aussage darüber getroffen werden könne, ob diese nun außergewöhnliche Umstände darstellen oder nicht. Das Luftfahrtunternehmen müsse daher behaupten und beweisen, dass die konkrete Maßnahme weder Teil der normalen Ausübung seiner Tätigkeit sei (und daher aufgrund ihrer Unüblichkeit nicht damit gerechnet werden müsse); noch dürfe die Maßnahme vom Luftfahrtunternehmen beherrschbar sein. Erst bei Vorliegen beider Voraussetzungen sei zu prüfen, ob das Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe, um die Verspätung oder Annullierung zu vermeiden.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Zusammengefassten vermeint die Berufungswerberin, dass das Erstgericht die sie treffende Darlegungs- und Beweislast überspannt habe. Sie wendet sich gegen die Ansicht des Erstgerichts, dass die Slot-Beschränkungen keinen außergewöhnlichen Umstand darstellten, und meint, es könne dem Luftfahrtunternehmen weder vorgehalten werden, dass es zu Slot-Beschränkungen gemäß IATA-Delay-Code 83, noch, dass es – noch dazu kurzfristig – zu derart langen Abflugverzögerungen (gemäß IATA Delay-Code 81) komme, insbesondere weil es keinen Einfluss auf die Slot-Vergabe nehmen könne. Damit seien insbesondere die in ErwGr 15 der Verordnung genannten Voraussetzungen erfüllt, unter denen vom Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands ausgegangen werden sollte.
Dem ist zu entgegnen: Nach dem unstrittigen Sachverhalt erreichte der Fluggast sein Endziel mit großer Verspätung, weil seine Flugreise aus zwei Flugsegmenten bestand, und der Zubringerflug zu einem Zeitpunkt landete, zu dem der Anschlussflug bereits abgeflogen war. Beruft sich das Luftfahrtunternehmen auf einen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO, ist daher zu prüfen, ob die verspätete Landung des Zubringerfluges auf einem außergewöhnlichen Umstand beruht oder nicht.
Soweit die Berufungswerberin wie auch schon im erst-instanzlichen Verfahren den Standpunkt einnimmt, die Slot-Vergabe liege nicht in ihrem Einflussbereich, ist zu entgegnen, dass als außergewöhnliche Umstände Vorkommnisse angesehen werden können, die [a] ihrer Natur und Ursache nach nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des betreffenden Luftfahrtunternehmens und [b] von ihm nicht tatsächlich beherrschbar sind, wobei diese beiden Bedingungen kumulativ vorliegen müssen (ständige Rechtsprechung des EuGH; zuletzt Urteil vom 26.6.2019 in der Rechtssache C-159/18 Moens Rn 16). Es mag zutreffen, dass das Luftfahrtunternehmen die behördliche Anordnung einer Slot-Reduktion hinzunehmen hat; insoweit ist das Vorkommnis nicht beherrschbar. Dies lässt aber die Frage unberührt, ob das Vorkommnis seiner Natur und Ursache nach Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des Luftfahrtunternehmens ist. Zu diesem Sachverhaltselement hat die Beklagte aber – wie das Erstgericht zutreffend erkannt hat – nur ein in keiner Weise ausreichendes Vorbringen erstattet:
Zur Verspätung der Vorrotation beruft sich die Beklagte auf „unvorhergesehene Vorgaben der englischen Flugsicherung gemäß IATA-Delay-Code 83“, „konkret“ Einschränkungen am Zielflughafen. Abgesehen davon, dass die Beklagte unter Missachtung des Art 8 B-VG bzw § 53 Abs 1 Geo die Umschreibung des Delay-Codes 83 ausschließlich in englischer Sprache vornimmt (möge diese auch für das Berufungsgericht verständlich sein), enthält diese Umschreibung ein ganzes Bündel unterschiedlichster und bloß allgemein umrissener möglicher Gründe für „Restriktionen am Zielflughafen“, die eine Feststellung, welches konkrete Ereignis zu den Restriktionen geführt hat, und damit auch die rechtliche Beurteilung, ob dieses im vorliegenden Einzelfall als außergewöhnlicher Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zu qualifizieren ist, unmöglich macht.
Damit kann der Hinweis auf Restriktionen der Flugsicherung unter schlichter Anführung eines IATA-Delay-Codes allein nie geeignet sein, ein konkretes Vorbringen – welches Ereignis, das aus den üblichen und erwartbaren Abläufen des Luftverkehrs herausragt (Schmid in BeckOK FluggastrechteVO14 Art 5 Rz 28 mwN), nun zu den die Annullierung oder die Verspätung auslösenden Maßnahmen der Flugsicherung geführt hat – zu ersetzen.
Dies gilt in verstärktem Maße für die Bezugnahme auf den IATA-Delay-Code 81, der vereinfacht gesagt Kapazitätsprobleme beschreibt, hinsichtlich des gegenständlichen Fluges OS 452. (Neu-)Zuteilungen von Slots aufgrund von Überlastungen des Luftraums oder eines Flughafens sind nicht einmal ungewöhnliche – geschweige denn außergewöhnliche (zur Differenzierung vgl Schmid aaO Art 5 Rz 26 f) – Vorkommnisse und gehören zum betrieblichen Risiko des Luftfahrtunternehmens (Schmid aaO Art 5 Rz 103a). Dieser Standpunkt wird vom erkennenden Senat geteilt: die starke Be- und mitunter Überlastung des europäischen Luftraums und die eng getakteten Verbindungen im weitgehend praktizierten Flugumlaufverfahren bilden einerseits die Grundlage dafür, dass häufig auftretende und bagatellhafte Vorkommnisse immer wieder zu erheblichen Verwerfungen gegenüber den geplanten Flugabläufen führen; andererseits sind diese Vorkommnisse aber gerade deshalb als Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des Luftfahrtunternehmens und damit als luftfahrttypisches Risiko anzusehen.
Im Übrigen ist die Zuteilung eines neuen Slots für einen Flug, der wegen einer Verspätung auf der Vor-rotation den ihm ursprünglich zugeteilten Slot nicht ausnützen konnte, eine logische Konsequenz der bereits aufgebauten Verspätung und kann auch dann keinen außergewöhnlichen Umstand darstellen, wenn – etwa aus Kapazitätsgründen – kein neuer Slot für genau jenen Zeitpunkt erteilt werden kann, in dem das Fluggerät startbereit ist.
Ergänzend ist noch Folgendes anzumerken:
Sofern keines der Vorkommnisse zwangsläufige Folge eines anderen Vorkommnisses ist (vgl EUGH Rs C-315/15
Pešková und Peška Rn 35), ist für jedes Vorkommnis gesondert zu prüfen, ob ein außergewöhnlicher Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorliegt (LG Korneuburg 21 R 297/18a = RRa 2019, 146). Selbst wenn eines der beiden (nicht aber das jeweils andere) von der Beklagten behaupteten Vorkommnisse als außergewöhnlicher Umstand zu qualifizieren wäre, ließe sich eine Betrachtung, welche Anteile an der Gesamtverspätung jedem der beiden Gründe zuzuordnen wären, nicht anstellen, weil die Beklagte auch nicht behauptet hat, wann – also mit welcher Verspätung – der Vorflug OS 451 in LHR gelandet ist.
Zusammengefasst ist daher festzuhalten, dass die Beklagte keinen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO behauptet hat, der ihr eine Befreiung von der Zahlung einer Ausgleichsleistung gemäß Art 7 der Verordnung ermöglicht hätte, womit das Erstgericht allein unter Zugrundelegung des unstrittigen Sachverhalts dem Klagebegehen zu Recht stattgegeben hat. Damit war auch der Berufung ein Erfolg zu versagen.
Der Anregung der Berufungsgegnerin, den Europäischen Gerichtshof im Zuge eines Vorabentscheidungsverfahrens – zusammengefasst – mit der Frage zu befassen, ob eine verspätete Starterlaubnis durch die Luftverkehrskontrolle allein einen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO darstellt, war nicht zu folgen. Nach einhelliger Auffassung (vgl Judikaturübersicht bei Schmid in BeckOK FluggastrechteVO14 Art 5 Rz 102) entzieht sich die Frage in dieser Allgemeinheit schon deshalb einer Beantwortung, weil der Grund für die verspätete Starterlaubnis ein luftfahrttypischer und allein aus der Sphäre des beklagten Luftfahrtunternehmens stammender sein könnte, womit das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands jedenfalls zu verneinen wäre.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
1Â *Air Traffic Control
|
JJT_20200407_LG00119_02200R00069_19F0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00069.19F.0407.000
|
22R69/19f
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00069_19F0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00069_19F0000_000.html
| 1,586,217,600,000
| 2,309
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in den verbundenen Rechtssachen der klagenden Parteien [1] B***** H*****, [2] M***** B*****, [3] P***** G****, [4] T***** W*****, [5] K***** P*****, [6] H***** L*****, [7] C***** S*****, [8] C***** P*****, [9] A***** S*****, alle vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die jeweils beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen jeweils EUR 250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 23.09.2019, 23 C 304/19g-10, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien binnen 14 Tagen je ein Neuntel der mit EURÂ 505,59 (darin EUR 84,27 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreterin ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger verfügten über bestätigte Buchungen für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OE 123 von Palma de Mallorca (PMI) nach Wien (VIE) mit der planmäßigen Flugzeit 23.09.2018, 22:25 Uhr bis 24.09.2018, 00:55 Uhr (jeweils Ortszeit). Die Flugstrecke PMI-VIE beträgt nach der Großkreisberechnung weniger als 1.500 km. Der Flug wurde am Abflugtag annulliert; anschließend bot die Beklagte den Klägern Umbuchungen an.
Die Kläger begehrten den Zuspruch von Ausgleichsleistungen gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 Abs 1 [lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von je € 250,-- samt Zinsen. Dazu brachten sie im Wesentlichen vor, dass der Flug infolge eines allein von der Beklagten zu verantwortenden Umstands annulliert worden sei. Es seien keine außergewöhnlichen Umstände vorgelegen, und die Beklagte habe auch nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung getroffen. Insbesondere werde bestritten, dass Grund für die Annullierung ein Blitzschlag auf der Vorrotation gewesen sei. Darüber hinaus gehe die Überschreitung der Dienstzeit der Crew nicht ausschließlich auf die durch den Blitzschlag notwendig gewordene Inspektion zurück, zumal bereits der vermeintlich vom Blitzschlag getroffene Flug OE 103 mit einer Verspätung von knapp eineinhalb Stunden durchgeführt worden sei.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien: Das Fluggerät, das für die Durchführung des gegenständlichen Fluges vorgesehen gewesen sei, sei am Vorvorflug OE 103 von PMI nach Hamburg (HAM) durch Blitzschlag beschädigt worden, was eine entsprechende Inspektion erforderlich gemacht habe. Das Fluggerät sei nach der Ankunft in HAM um 16:07 Uhr (UTC) umgehend von einem Techniker inspiziert worden. Da eine Durchführung der nachfolgenden Flüge ohne vorherige Überprüfung aus Sicherheitsgründen nicht möglich gewesen wäre, und eine solche Inspizierung einige Zeit in Anspruch nehme, hätten die nachfolgenden Flüge nur verspätet durchgeführt werden können. Nach Abschluss sämtlicher Inspektionsarbeiten sei das Fluggerät wieder einsatzbereit gewesen, sodass der Folgeflug OE 104 (HAM-PMI) um 19:14 Uhr (UTC) – anstatt wie geplant um 16:50 Uhr (UTC) – starten habe können. Ein Ersatzfluggerät sei ihr in HAM nicht zur Verfügung gestanden. Auch wäre die Verbringung eines solchen samt Crew nach HAM für sie nicht zumutbar gewesen, weil kein geeignetes Fluggerät zur Verfügung gestanden sei und hierfür die Annullierung anderer Flüge erforderlich gewesen wäre, was wiederum den Passagieren der zu annullierenden Verbindungen ebenfalls nicht zumutbar gewesen wäre. Davon abgesehen wäre auch so eine Verspätung „von mehr als drei Stunden“ entstanden. Der Abflug des gegenständlichen Fluges von OE 123 wäre für 20:25 Uhr (UTC [= 22:25 Uhr Ortszeit]) geplant gewesen. Allerdings sei der Vorflug OE 104 (HAM-PMI) erst um 21:53 Uhr (UTC [= 23:53 Uhr Ortszeit]) in PMI angekommen. Der frühestmögliche Abflug in PMI wäre erst um 22:35 Uhr (UTC [= 00:35 Uhr Ortszeit]) möglich gewesen und wäre die Landung in VIE um 01:05 Uhr (UTC [= 03:05 Uhr Ortszeit]) des nächsten Tages erfolgt. Da der Dienst der Crew um 12:25 Uhr (UTC) begonnen habe, hätte der verspäte Abflug von OE 123 in PMI eine wesentliche – und daher unzulässige – Überschreitung der höchstzulässigen Dienstzeit der Crew von zwölf Stunden zur Folge gehabt. Aus diesem Grund sowie aufgrund der in VIE herrschenden Wetterverhältnisse, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, sei dem diensthabenden Kapitän - vor allem aus Sicherheitsgründen – keine andere Möglichkeit geblieben, als den Flug OE 123 zu annullieren. Eine mehr als dreistündige Verspätung in VIE wäre keinesfalls vermeidbar gewesen.
Sie habe bereits dadurch zumutbare Maßnahmen ergriffen, dass sie den Klägern eine Umbuchung angeboten habe. Die Erstklägerin sei auf die Verbindung OE 105 (PMI-VIE) am 24.09.2018 und der Neuntkläger auf die Verbindung OE 501 (PMI-VIE) am 23.09.2018 umgebucht worden. Die anderen Kläger hätten jeweils eine Ticketrückerstattung erhalten.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte ohne Durchführung eines Beweisverfahrens zur Zahlung von EUR 250,-- samt Zinsen an jeden der Kläger sowie zum Ersatz der Prozesskosten. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass ein Blitzschlag, selbst wenn ein solcher grundsätzlich einen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO darstellen könne, im konkreten Fall nicht zum Entfall der Haftung der Beklagten führen könne, weil er bereits am Vorvorflug aufgetreten und „entdeckt“ worden sei. Eine beliebige Verlängerung der Kausalkette widerspreche aber der klaren Zielsetzung der EU-FluggastVO, nämlich der Stärkung der Fluggastrechte. Daher müsse auf die Frage, ob die Beklagte sämtliche zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe, nicht mehr eingegangen werden.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass die Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Kläger beantragen der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Zusammengefasst argumentiert die Berufungswerberin einerseits, dass der außergewöhnliche Umstand eigentlich erst als am unmittelbaren Vorflug des gegenständlichen Fluges aufgetreten anzusehen sei; andererseits komme es ohnehin nicht darauf an, dass der außergewöhnliche Umstand am unmittelbaren Vorflug aufgetreten sein müsse, um entlastend wirken zu können; es genüge ein enger örtlicher und zeitlicher Zusammenhang (offenbar gemeint: zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem annullierten Flug).
Obwohl der Berufungswerberin in der zuletzt genannten Ansicht grundsätzlich beizupflichten ist, kann sie sich im vorliegenden Fall dennoch nicht iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO entlasten:
[a] Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO bestimmt, dass ein ausführendes Luftfahrtunternehmen nicht verpflichtet ist, Ausgleichszahlungen gemäß Art 7 der VO zu leisten, wenn es nachweisen kann, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgeht, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären, wobei das Kriterium der Vermeidbarkeit auch auf die Annullierung – und nicht wie der Text der VO nahelegt nur auf den außergewöhnlichen Umstand selbst – zu beziehen ist (Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 139e; EuGH C-294/10 [ErwGr 27]; Näheres dazu unter [e]).
Auch wenn ein Ereignis als „außergewöhnlicher Umstand“ zu bewerten ist, stellt sich die Frage, ob nur Ereignisse und Umstände berücksichtigt werden können, die während des vom Fluggast gebuchten Fluges eingetreten sind oder ob auch solche berücksichtigt werden dürfen, die sich auf einem vorangegangenen Flug ereignet haben. Im letzteren Fall stellt sich die weitere Frage, wie viele solcher Vorflüge noch herangezogen werden können. Diese Frage wird – in ausufernder Kasuistik – von den Gerichten unterschiedlich beantwortet (siehe die ausführliche Judikaturübersicht bei Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 136 ff).
Nach Ansicht des Berufungsgerichts bedarf es dieser strikten Abgrenzungsversuche, ab dem wievielten Vorflug eine Zurechnung nicht mehr zulässig ist, jedoch nicht. Den Überlegungen ist voranzustellen, dass der eigentliche Verordnungstext eine solche Einschränkung nicht vornimmt. Gleichwohl kann Erwägungsgrund 15 zur EU-FluggastVO entnommen werden, dass vom Vorliegen außergewöhnlicher Umstände ausgegangen werden sollte, wenn eine Entscheidung des Flugverkehrsmanagements zu einem einzelnen Flugzeug an einem bestimmten Tag zur Folge hat, dass es bei einem oder mehreren Flügen des betreffenden Flugzeugs zu einer großen Verspätung, einer Verspätung bis zum nächsten Tag oder zu einer Annullierung kommt, obgleich vom betreffenden Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden, um die Verspätungen oder Annullierungen zu verhindern. Daraus kann abgeleitet werden, dass auch ein außergewöhnlicher Umstand, der auf einem beliebigen vorangegangenen Flug aufgetreten ist, von der Ausgleichspflicht befreien kann, sofern zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem gegenständlichen Flug ein enger kausaler und zeitlicher Zusammenhang besteht. Bei Flugzeugen, die auf Kurz- und Mittelstrecken eingesetzt werden, sind mehrere Umläufe an demselben Tag üblich, um eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung des Flugzeugs zu ermöglichen. Die EU-FluggastVO setzt diese wie andere übliche wirtschaftliche und technische Gegebenheiten des Luftverkehrs voraus und will sie weder unterbinden noch steuern (BGH X ZR 121/13). Dabei wird es auch auf die planmäßige Dauer der Flüge während des Flugumlaufverfahrens ankommen: bei mehreren sehr kurzen Flügen kann der zeitliche Zusammenhang etwa beim vierten Vorflug noch immer enger sein als bei längeren Flügen beim unmittelbaren Vorflug. Überdies ist zu berücksichtigen, dass auch außergewöhnliche Umstände denkbar sind, die nicht zwingend „auf einem (Vor-)Flug“ eingetreten sind. Die nach strikten numerischen Abgrenzungen suchende Rechtsprechung übersieht, dass befriedigende Lösungen im Einzelfall letztlich ohnehin nur anhand der Prüfung der „zumutbaren Maßnahmen“ gefunden werden können: je weniger zwingend der Kausalzusammenhang und je größer die zeitliche Distanz zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und der drohenden Annullierung oder Verspätung des zu beurteilenden Fluges, desto eher wird es dem ausführenden Luftfahrtunternehmen möglich sein, zumutbare Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung oder Verspätung zu ergreifen bzw umso strenger wird eine entsprechende Prüfung auszufallen haben.
Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass bei einem allfälligen außergewöhnlichen Umstand, der nur wenig mehr als acht Stunden vor dem geplanten Abflug des gegenständliches Fluges während des Vorvorfluges des Fluggeräts aufgetreten ist, mit dem der gegenständliche Flug durchgeführt werden sollte, der kausale und zeitliche Zusammenhang eine Subsumtion unter Art 5 Abs 3 EU-EU-FluggastVO noch nicht zwingend ausschließt.
[b] Beruft sich ein Luftfahrtunternehmen auf einen außergewöhnlichen Umstand, muss es aber auch vortragen und beweisen, dass es unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel versucht hat, die Annullierung oder Verspätung zu vermeiden, und warum es ihm nicht möglich war, unter Berücksichtigung seiner Kapazitäten diese Mittel einzusetzen (EuGH C-315/15; Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 147).
Selbst wenn der von der Beklagten behauptete Vorfall (Blitzschlag mit nachfolgender, aus Sicherheitsgründen zwingender Überprüfung) nachgewiesen und als „außergewöhnlicher Umstand“ zu qualifizieren wäre, wäre die Beklagte ihrer Darlegungslast nicht im erforderlichen Umfang nachgekommen.
Nach dem Vorbringen der Beklagten musste der gegenständliche Flug ja letztlich deshalb annulliert werden, weil bei Durchführung des Fluges die höchstzulässige Dienstzeit der Crew überschritten worden wäre. Dazu brachte sie lediglich vor, dass die Verbringung eines Ersatzflugzeuges nach HAM (zur Durchführung des unmittelbaren Vorfluges HAM-PMI und in weiterer Folge des gegenständlichen Fluges PMI-VIE) nicht zumutbar gewesen wäre, weil dafür kein geeignetes Flugzeug zur Verfügung gestanden wäre. Nach den Behauptungen der Beklagten scheiterte die Durchführung des Fluges PMI-VIE aber ohnehin nicht am nicht vorhandenen Fluggerät sondern an der nicht mehr einsatzfähigen Crew. Dass aufgrund der Verzögerungen in HAM eine Überschreitung deren Dienstzeit droht, hätte die Klägerin aber – unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Dauer für die Flüge HAM-PMI und PMI-VIE sowie der Turn-Around-Zeit in PMI – bereits vor dem Abflug des Vorfluges vorhersehen können. Die naheliegendste Maßnahme zur Vermeidung der Annullierung des gegenständlichen Fluges (und wohl auch wesentlich kostengünstigere als die Anmietung eines Ersatzflugzeuges) wäre es daher gewesen, entweder schon den Vorflug HAM-PMI – und folglich auch den Flug PMI-VIE – von einer Ersatzcrew durchführen zu lassen; oder in HAM eine Ersatzcrew aufzunehmen, die mit dem Flug HAM-PMI befördert wird, damit diese in der Folge den Flug PMI-VIE durchführen hätte können. Aus welchen Gründen dies unterblieben ist oder allenfalls schon grundsätzlich keine zumutbare Maßnahme dargestellt hätte, hat die Beklagte aber nicht behauptet.
Dem beklagten Luftfahrtunternehmen kann zwar nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten, weil es sonst vorrangig vom Detailwissen zum Luftfahrtwesen des jeweiligen Richters abhängig wäre, ob die Beklagte ihrer Behauptungslast genügt hätte. Vorzutragen sind hingegen Prozessbehauptungen zu Maßnahmen, die sich auch bei eingeschränkten Kenntnissen des Flugverkehrs geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (vgl LG Korneuburg 21 R 76/19b). Unter diesem Gesichtspunkt kann das von der Beklagten zur ihrer Entlastung erstattete Prozessvorbringen jedoch nicht als ausreichend angesehen werden.
[c] Sofern sich die Beklagte auch auf die „herrschenden Wetterverhältnisse“ gestützt hat, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, so vermochte sie nicht einmal ansatzweise darzutun, welche konkreten (der Durchführung des Fluges entgegenstehenden) Wetterverhältnisse geherrscht hätten.
[d] Letztlich wäre es auch unbeachtlich, ob die Beklagte auch bei entsprechendem Bemühen eine drei Stunden überschreitende Ankunftsverspätung nicht vermeiden hätte können, weil die übergroße Verspätung – entsprechende Exkulpierung (Art 5 Abs 3 der VO) vorausgesetzt – gerade keinen Ausgleichsanspruch zur Folge gehabt hätte.
[e] Abschließend ist kurz auf das im erstinstanzlichen Verfahren gebrauchte Argument der Beklagten, sie hafte schon deshalb nicht, weil sie die Kläger auf die nächstmögliche Verbindung umgebucht habe, zu erwidern. Ohne auf die kontroversiell entschiedene Frage, ob eine individuelle Umbuchung (bzw das Anbieten einer solchen) zu den zumutbaren Maßnahmen iSd Art 5 Abs 3 der VO zählt (vgl BGH 12.06.2014, X ZR 121/13; ggt OGH 03.07.2013, 7 Ob 65/13d), eingehen zu müssen, kommt eine Haftungs-befreiung der Beklagten schon aus anderen Gründen nicht in Betracht: Unabhängig von der Frage, ob das Luftfahrtunternehmen nach Eintritt des Annullierungsfalles zur Setzung zumutbarer Maßnahmen zur Abmilderung der Folgen der Annullierung verpflichtet ist, hat sie jedenfalls zunächst alle ihr zumutbaren Maßnahmen zu ergreifen, um die Annullierung selbst (als mögliche Folge eines außergewöhnlichen Umstandes: hier der notwendigen Inspektion nach Blitzschlag) zu vermeiden (Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO Art 5 Rz 139; wohl zu eng, weil nur auf die Vermeidung des außergewöhnlichen Umstandes abstellend: Bosch/Lorz NZV 2013, 105, 108; Maruhn in Staudinger/Keiler, Fluggastrechte-VO Art 5 Rz 30).
Zusammengefasst ist daher festzuhalten, dass die Beklagte nicht hinreichend darlegen konnte, welche ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung sie ergriffen hat bzw warum ihr dies allenfalls nicht möglich gewesen wäre, weshalb der Ausgleichsanspruch der Kläger zu Recht besteht, womit der Berufung ein Erfolg zu versagen war.
Die Kostenentscheidung für das Berufungsverfahren gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200623_LG00119_02200R00071_20A0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00071.20A.0623.000
|
22R71/20a
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200623_LG00119_02200R00071_20A0000_000/JJT_20200623_LG00119_02200R00071_20A0000_000.html
| 1,592,870,400,000
| 1,726
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei J***** G*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei E***** GmbH, vertreten durch Vlpianvs, Rechtsanwälte in Düsseldorf (Einvernehmensanwälte: Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien) wegen EUR 250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 23.10.2019, 21 C 625/19y-17, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 176,28 (darin EUR 29,38 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreterin ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin verfügte über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchgeführten Flug EW 5833 am 27.07.2018, 20:00 Uhr bis 23:05 Uhr von London-Stansted (STN) nach Wien (VIE). Der Flug verspätete sich derart, dass sie VIE erst um 04:15 Uhr des Folgetags erreichte. Die Entfernung STN-VIE beträgt nach der Großkreisberechnung weniger als 1.500 km.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung von EUR 250,-- samt Zinsen gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 Abs 2 [richtig: Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11.02.2004 (EU-FluggastVO). Die Verspätung sei auf allein von der Beklagten zu vertretende Umstände zurückzuführen. Außergewöhnliche Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO seien nicht vorgelegen; allenfalls habe die Beklagte auch nicht alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Verspätung getroffen.
Die Beklagte beantragte die Klagsabweisung, bestritt und brachte vor, dass die Verspätung auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen sei, die sich auch durch zumutbare Maßnahmen nicht vermeiden habe lassen. Für den gegenständlichen Flug hätte das Fluggerät des Vorfluges (EW 5832, VIE-STN) eingesetzt werden sollen. Der Vorflug hätte um 18:00 Uhr in VIE starten und um 19:15 Uhr in STN landen sollen. Seit dem späten Nachmittag habe über dem Flughafen STN ein sehr starkes Gewitter geherrscht, das sowohl die Sicht als auch den Pistenzustand beeinträchtigt habe; der Flugbetrieb habe zwischenzeitlich eingestellt werden müssen. Die Sicht sei unterhalb des erforderlichen Minimums gelegen. Zudem hätten starke variable Winde mit Böengeschwindigkeiten von 22 kn geherrscht. Starke und insbesondere variablen Winde würden dazu führen, dass der Wind nicht mehr konstant und gleichmäßig auf die Flüge einblase, wodurch ein mögliches plötzliches Absacken nicht mehr kontrolliert werden könne. Eine Durchführung des EW 5832 sei daher nicht zu verantworten gewesen. Aufgrund der Stärke des Gewitters sei der gesamte Flugbetrieb am Flughafen STN nicht mehr planmäßig durchführbar gewesen. Erst nach Besserung der Wetter-situation habe der Vorflug und danach auch der gegenständlichen Flug durchgeführt werden können. Weiters machte die Beklagte allgemeine Ausführungen zu METARs (Météoroligique Aviation Régulière) und brachte letztlich vor, dass sie die „Annullierung“ nicht durch zumutbare Maßnahmen verhindern habe können; es sei ihr keine andere Möglichkeit verblieben, als die Besserung der Wetter-bedingungen abzuwarten.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 250,-- samt Zinsen an die Klägerin sowie zum Ersatz der Prozesskosten. Es traf keine über den unstrittigen Sachverhalt hinausgehenden Tatsachenfeststellungen und führte in rechtlicher Hinsicht zusammengefasst Folgendes aus: Gewitter würden grundsätzlich zu den Vorkommnissen zählen, die häufig auftreten und mit denen ein Luftfahrtunternehmen zu rechnen habe. Sie stellten keinen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO dar, weil auch unvermeidbare Hindernisse für die planmäßige Durchführung eines Fluges, die nicht auf den üblichen und erwartbaren Abläufen des Flugverkehrs herausragen, der Risikosphäre eines Luftfahrtunternehmens zugeordnet werden. Die Beklagte habe lediglich pauschales Vorbringen erstattet, das eine Beurteilung, ob ein außergewöhnlicher Umstand vorgelegen sei, nicht zulasse. Auch das Vorbringen zu allfälligen zumutbaren Maßnahmen sei zu wenig konkret geblieben, wobei zu beachten sei, dass der allfällige außergewöhnliche Umstand bereits den Vorflug betroffen habe.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde. Hilfsweise wird beantragt, den Europäischen Gerichtshof im Zuge eines Vorabentscheidungsverfahrens mit den Fragen zu befassen, ob – vereinfacht dargestellt – [1] die aufgrund vorherrschender Wetterverhältnisse vorliegende Unmöglichkeit des Vorflugs am Abflugort des gegenständlichen Fluges zu landen, einen außergewöhnlichen Umstand begründen könne; und [2] ein über dem Flughafen herrschendes Gewitter, das aufgrund nicht ausreichender Sichthöhe und variabler Winde die Gefahr eines unkontrollierten Aufschlagens auf der Landebahn in sich berge, einen außergewöhnlichen Umstand begründe.
Die Klägerin beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Aus systematischen Gründen folgt das Berufungsgericht bei der Darstellung der Berufungsargumente nicht der von der Berufungswerberin gewählten Reihenfolge.
[a] Die Berufungswerberin wendet sich gegen die Rechts-ansicht des Erstgerichts, wonach Gewitter grundsätzlich keinen außergewöhnlichen Umstand begründen können.
Es entspricht der ständigen Rechtsprechung des Berufungsgerichts, dass widrige Wetterbedingungen nicht per se einen außergewöhnlichen Umstand darstellen, für sich allein also noch nicht als außergewöhnliche Umstände anzusehen sind, jedoch letztlich zu solchen führen können (so schon 22 R 34/15b uvm); dies entspricht auch der weitgehend einhelligen Rechtsprechung anderer Unions- gerichte (vgl Übersicht bei Schmid in BeckOK FluggastrechteVO14 Art Rz 56). Gewitter können daher nur dann zu außergewöhnlichen Umständen führen, wenn sie aus den üblichen und erwartbaren Abläufen des Luftverkehrs herausragen (Schmid aaO Rz 57). Insofern ist die vom Erstgericht dargelegte Rechtsansicht, dass Gewitter grundsätzlich keinen außergewöhnlichen Umstand darstellen, nicht zu beanstanden.
[b] Aufgrund der oben dargestellten Grundsätze zur Qualifikation widriger Wetterbedingungen als Indiz für einen außergewöhnlichen Umstand bedarf es daher eines konkreten Vortrags des beweisbelasteten (Schmid aaO Rz 176; Führich in Führich/Staudinger, Reiserecht8 § 40 Rz 42) beklagten Luftfahrtunternehmens, in dem der im konkreten Einzelfall bestehende Kausalzusammenhang zwischen den widrigen Wetterbedingungen und der (vorläufigen) Undurchführbarkeit des (Vor-)Fluges schlüssig dargestellt wird.
Dieser Obliegenheit ist die Beklagte im vorliegenden Fall aber nur mangelhaft nachgekommen. Dazu kann im Wesentlichen auf die zutreffenden Ausführungen des Erstgerichts verwiesen werden, denen die Berufungswerberin nichts Stichhältiges entgegenzusetzen hat (§ 500a ZPO).
Eine Windgeschwindigkeit von 22 kn entspricht knapp 41 km/h oder einer Windstärke am Übergang von 5 zu 6 auf der Beaufort-Skala („frische Brise“/“starker Wind“). Warum eine Landung bei Windspitzen in dieser Größenordnung nicht möglich sein soll, hat die Beklagte nicht dargelegt, ist doch gerichtsbekannt, dass die Möglichkeit ein Flugzeug bei Wind gefahrlos zu landen überwiegend einerseits von der Bauart des Flugzeuges, andererseits von der Windrichtung im Verhältnis zur Flugrichtung abhängt. Zu beidem fehlt Vorbringen der Beklagten.
Um weiters das zeitliche Ausmaß einer allfälligen Einschränkung des Luftverkehrs beurteilen zu können, wäre es erforderlich gewesen darzulegen, zu welchem Zeitpunkt die Beklagte über welche konkreten Wetterinformationen verfügt hat, auf die sie ihre Entscheidung, erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt von VIE in Richtung STN zu starten, gegründet hat.
Dem vorgetragenen Sachverhalt lässt sich also insbesondere nicht entnehmen, welche Erwägungen der – nicht erheblich verspäteten – Durchführung des Fluges angesichts der Wettermeldungen entgegenstanden: beruhte die vorläufige Nichtdurchführung also etwa auf den Herstellerangaben für das eingesetzte Fluggerät, auf allgemeinen, von den Dispatchern der Beklagten bekannten Erfahrungssätzen, auf der Einschätzung des Piloten oder auf anderen Faktoren? Ohne die Feststellung dieser Umstände ist eine Beurteilung, ob die Beklagte den Vorflug insofern früher hätte durchführen können, als der gegenständliche Flug mit weniger als dreistündiger Verspätung das Endziel hätte erreichen können, nicht möglich.
Zusammengefasst lässt sich also dem Vortrag der Beklagten weder entnehmen, ob überhaupt Wetterbedingungen vorherrschten, welche die Durchführung des Vorfluges für sie (vorläufig) unmöglich gemacht habe oder diese zumindest unverantwortlich gewesen wäre; noch lässt sich das zeitliche Ausmaß der Einschränkungen ermessen.
Verfehlt ist die Ansicht der Berufungswerberin, wonach es Aufgabe des Erstgerichts gewesen wäre, die maßgeblichen Umstände erst im Zuge des Beweisverfahrens zu erheben. Nach den Grundsätzen der österreichischen Zivilprozessordnung können Beweisergebnisse fehlendes Vorbringen nicht ersetzen (RS0037915, RS0038037, RS0043157). Auch wenn der Berufungswerberin zuzugestehen ist, dass das Vorbringen nicht in allen nur denkmöglichen Details erstattet werden muss, so fehlt es im vorliegenden Fall dennoch an einem Aufzeigen, [1] welche Umstände die widrigen Wetterbedingungen zu einem Ereignis gemacht haben, das aus den üblichen und erwartbaren Verhältnissen des Luftverkehrs herausragt, und vor allem [2] in welchem Zeitraum diese Wetterbedingungen [3] welche konkreten Auswirkungen auf die Durchführung des Vorfluges und damit auch des gegenständlichen Fluges hatten.
[c] Sofern die Berufungswerberin argumentiert, dass das Erstgericht seine Anleitungspflicht verletzt und ihr keine Gelegenheit gegeben habe, ihren Vortrag zu ergänzen, ist einerseits darauf hinzuweisen, dass in Verfahren mit einem EUR 2.700,-- nicht übersteigenden Streitwert Verfahrensmängel vom Berufungsgericht nicht aufgegriffen werden können (§ 501 ZPO); andererseits ist auf das Protokoll der Tagsatzung vom 17.10.2019 zu verweisen, wonach das Erstgericht das Sachvorbringen mit den Parteien in rechtlicher Hinsicht erörtert und auf das für eine Entlastung der Beklagten unzureichende Vorbringen hingewiesen, die Beklagte daraufhin aber kein weiteres Vorbringen erstattet hat.
[d] Weiters argumentiert die Berufungswerberin ausführlich, dass die Rechtsansicht des Erstgerichts unrichtig sei, wonach außergewöhnliche Umstände, die nicht den streitgegenständlichen Flug sondern den Vorflug betreffen, grundsätzlich nicht nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO entlasten könnten.
Dem ist jedoch zu entgegnen, dass das Erstgericht diese Auffassung nicht vertreten hat. Es hat lediglich im Rahmen der Darlegung, dass auch das Vorbringen zu den allfällig erforderlichen zumutbaren Maßnahmen nicht ausreichend sei, darauf hingewiesen, dass der außergewöhnliche Umstand bereits den Vorflug betroffen habe, und damit offenbar gemeint, dass zumutbare Maßnahmen umso eher zu ergreifen seien, als der außergewöhnliche Umstand nicht erst den gegenständlichen Flug betroffen habe.
Dies entspricht auch der ständigen Rechtsprechung des Berufungsgerichts, wonach die Qualifikation eines Ereignisses als außergewöhnlicher Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-Fluggast-VO nicht schon deshalb ausgeschlossen ist, weil das Ereignis bereits früher als am unmittelbaren Vorflug aufgetreten ist (RKO0000008); dass aber die Anforderungen an die dem Luftfahrtunternehmen zumutbaren Maßnahmen umso strenger zu beurteilen sein werden, je weniger zwingend der Kausalzusammenhang und je größer die zeitliche Distanz zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und der drohenden Annullierung oder Verspätung des zu beurteilenden Fluges ist (LG Korneuburg 22 R 69/19f, 22 R 40/20m).
Dem kommt aber im vorliegenden Zusammenhang ohnehin keine Bedeutung mehr zu, weil das Erstgericht – wie oben aufgezeigt – schon das Vorbringen der Beklagten zum Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands zu Recht als nicht ausreichend beurteilt hat.
[e] Daher muss auch auf die Rüge der Berufungswerberin, dass das Erstgericht auch das Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen zu Unrecht als nicht ausreichend erachtet habe, nicht weiter eingegangen werden.
[f] Auch das von der Berufungswerberin angeregte Vorabentscheidungsverfahren war nicht einzuleiten, weil die aufgeworfenen Fragen letztlich nicht entscheidungs-wesentlich waren.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200623_LG00119_02200R00075_20I0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00075.20I.0623.000
|
22R75/20i
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200623_LG00119_02200R00075_20I0000_000/JJT_20200623_LG00119_02200R00075_20I0000_000.html
| 1,592,870,400,000
| 1,702
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei C***** S*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 31.01.2020 (richtig: 23.01.2020), 24 C 224/19z-7, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 176,28 (darin EUR 29,38 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung für die folgende von der Beklagten durchzuführende Flugverbindung:
- OS 134 von Frankfurt/Main (FRA) nach Wien (VIE) am 05.08.2018, 10:50 Uhr bis 12:10 Uhr;
- OS 785 von VIE nach Sibiu (SBZ) am 05.08.2018, 12:55Â Uhr bis 15:20 Uhr.
Der Flug OS 134 landete tatsächlich erst um 13:03 Uhr in VIE, sodass der Kläger den Anschlussflug OS 785 verpasste. Er wurde in der Folge auf eine andere Flugverbindung nach SBZ umgebucht und erreichte sein Endziel um 00:55 Uhr des Folgetages, sohin mit einer Verspätung von mehr als drei Stunden. Die Flugstrecke FRA-SBZ beträgt nach der Großkreisberechnung nicht mehr als 1.500 km.
Der Kläger begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 Abs 2 [richtig: Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 250,-- samt Zinsen. Dazu brachte er im Wesentlichen vor, dass hinsichtlich des Fluges OS 134 keine außergewöhnlichen Umstände (iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO) vorgelegen seien.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Verspätung des Fluges OS 134 auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien:
[a] Aufgrund erhöhten Verkehrsaufkommens auf der Strecke FRA-VIE und aus diesem Grund von der Flugsicherung erteilten Restriktionen (gemäß IATA-Delay-Code 81) sei es zu einer Verspätung von 36 min gekommen. Der genannte Delay-Code beschreibe kapazitätsengpassbedingte Restriktionen durch die Flugsicherung („AIR TRAFFIC FLOW MANAGEMENT due to ATC EN-ROUTE DEMAND/CAPACITY, standard demand/capacity problems"). Diese Vorgaben durch die Flugsicherung seien für die Beklagte nicht beherrschbar oder kontrollierbar, weil es sich um hoheitliche Maßnahmen handle, auf die sie keinen Einfluss gehabt habe. Konkret sei um 08:50 Uhr für 11:03 Uhr ein Slot vergeben, dann aber wieder gestrichen worden; erst um 10:59 Uhr sei ein neuer Slot für 11:40 Uhr vergeben worden. Der tatsächliche Abflug habe dann bei optimaler Ausnutzung dieses Slots um 11:31 Uhr durchgeführt werden können. Solche Kapazitätsengpässe sowie die damit verbundenen Slot-Reduktionen durch die Flugsicherung seien ungewöhnlich und in diesem Ausmaß weder planbar noch beeinflussbar.
[b] Hinzugetreten sei eine Verspätung von 5 min aufgrund des IATA-Delay-Codes 85, der zwingende Sicherheitsmaßnahmen in Zusammenhang mit Gepäckidentifikation bzw -entladung beschreibe.
[c] Da aber auch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen im Luftraum geherrscht habe, sei trotz Fliegens mit Maximalgeschwindigkeit eine weitere Verspätung von 12 min auf der Strecke FRA-VIE hinzugetreten, was in Summe zur Gesamtverspätung von 53 Minuten geführt habe.
Die Beklagte habe bei der (wohl gemeint: Planung der) gegenständlichen Flugverbindung nicht nur die Minimum Connecting Time (MCT) von 25 min eingehalten, sondern noch einen weiteren Zeitpuffer von 20 min vorgesehen.
Sie habe den Kläger auf die nächstmögliche gleichwertige Verbindung nach SBZ umgebucht; die Verspätung habe sich daher auch mit zumutbaren Maßnahmen nicht verhindern lassen. Jedenfalls sei das Anbieten irgendeiner Umbuchung als ausreichende zumutbare Maßnahme anzusehen.
Mit dem angefochtenen – in der Tagsatzung vom 23.01.2020 verkündeten und fälschlich mit dem Datum 31.01.2020 ausgefertigten – Urteil verhielt das Erst- gericht die Beklagte – ohne über den unstrittigen Sachverhalt hinausgehende Feststellungen zu treffen – zur Zahlung von EUR 250,-- samt Zinsen an die Klägerin sowie zum Ersatz der Prozesskosten. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass die Beklagte der sie treffenden Behauptungslast zum angeblichen außergewöhnlichen Umstand nicht nachgekommen sei. Grundsätzlich seien Maßnahmen der Flugsicherung derart mannigfaltig, dass eine allgemein gültige Aussage darüber, ob diese außergewöhnliche Umstände (iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO) darstellen, unmöglich sei. Das Luftfahrtunternehmen müsse behaupten und beweisen, dass die konkrete Maßnahme nicht Teil der normalen Ausübung seiner Tätigkeit sei. Überlastungen des Luftraums seien auf ein erhöhtes Verkehrsaufkommen zurückzuführen und kämen gerade in den Sommermonaten regelmäßig vor. Es handle sich somit um keinen Umstand, der aus den üblichen und erwartbaren Abläufen des Luftverkehrs herausrage. Dass eine Slot-Restriktion für das Luftfahrtunternehmen nicht beherrschbar sei, ändere daran nichts, weil es sich dabei nur um ein weiteres kumulativ erforderliches Tatbestandsmerkmal handle. Soweit sich die Beklagte auf den Delay-Code 85 berufe, sei das Vorbringen zu unsubstantiiert, weil aus der Nennung des Codes allein nicht abgeleitet werden könne, was passiert sei. Im Übrigen sei dieses Ereignis aufgrund des geringen zeitlichen Ausmaßes ohnehin nicht kausal für das Verpassen des Anschlussfluges gewesen.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Der Kläger beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Zusammengefasst vermeint die Berufungswerberin – insbesondere gestützt auf Erwägungsgrund 15 zur EU-FluggastVO – dass eine kurzfristige verhängte „Slot-Beschränkung“ im behaupteten Ausmaß einen außergewöhnlichen Umstand darstelle, der auch nicht von ihm beherrschbar sei.
Diese Ausführungen überzeugen nicht:
Als außergewöhnliche Umstände können Vorkommnisse angesehen werden, die [a] ihrer Natur und Ursache nach nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des betreffenden Luftfahrtunternehmens und [b] von ihm nicht tatsächlich beherrschbar sind, wobei diese beiden Bedingungen kumulativ vorliegen müssen (ständige Rechtsprechung des EuGH; zuletzt Urteile vom 26.06.2019 in der Rechtssache C-159/18 Moens und vom 11.06.2020 in der Rechtssache C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses SA).
Es mag zutreffen, dass das Luftfahrtunternehmen die behördliche Anordnung einer Slot-Reduktion hinzunehmen hat; insoweit ist das Vorkommnis nicht beherrschbar. Dies lässt aber die Frage unberührt, ob das Vorkommnis seiner Natur und Ursache nach Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des Luftfahrtunternehmens ist.
Erwägungsgrund 15 zur EU-FluggastVO lautet:
Vom Vorliegen außergewöhnlicher Umstände sollte ausgegangen werden, wenn eine Entscheidung des Flugverkehrsmanagements zu einem einzelnen Flugzeug an einem bestimmten Tag zur Folge hat, dass es bei einem oder mehreren Flügen des betreffenden Flugzeugs zu einer großen Verspätung, einer Verspätung bis zum nächsten Tag oder zu einer Annullierung kommt, obgleich vom betreffenden Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden, um die Verspätungen oder Annullierungen zu verhindern.
Zutreffend hat aber das Erstgericht erkannt, dass nicht jedwede Entscheidung des Flugverkehrsmanagements bereits per se einen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO darstellt, können doch den Anordnungen des Flugverkehrsmanagements derartig unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen, sodass Erwägungsgrund 15 entgegen seinem scheinbar umfassenden Verständnis einschränkend zu lesen ist. So kann etwa kein Zweifel daran bestehen, dass sich das ausführende Luftfahrtunternehmen nicht auf einen außergewöhnlichen Umstand berufen kann, wenn es selbst die Ursache für die Erteilung eines späteren als des ursprünglich vorgesehenen Abflug-Slots gesetzt hat. In gleicher Weise muss es sich aber „Slot-Verschiebungen“ zurechnen lassen, die ihre Ursache in den üblichen und erwartbaren Abläufen des Luftverkehrs haben. Dazu zählen nach der ständigen Rechtsprechung des Berufungsgerichts auch Kapazitätsengpässe aufgrund der Überlastung des Luftraums (22 R 56/20w, 22 R 67/20p, 22 R 72/20y). Die starke Be- und mitunter Überlastung des europäischen Luftraums und die eng getakteten Verbindungen im weitgehend praktizierten Flugumlaufverfahren bilden einerseits die Grundlage dafür, dass häufig auftretende und bagatellhafte Vorkommnisse immer wieder zu erheblichen Verwerfungen gegenüber den geplanten Flugabläufen führen; andererseits sind diese Vorkommnisse aber gerade deshalb als Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des Luftfahrtunternehmens und damit als luftfahrttypisches Risiko anzusehen.
Auch die in der Berufung zitierte Entscheidung des Handelsgerichts Wien vom 13.12.2019 zu 1 R 164/19t bietet für das Berufungsgericht keinen Grund von seiner bisherigen Rechtsprechung abzugehen. Zu jener Entscheidung ist vorauszuschicken, dass auch das Handelsgericht Wien zunächst betont, dass keine allgemeine Aussage darüber getroffen werden kann, ob eine Maßnahme der Flugsicherung einen außergewöhnlichen Umstands darstellt oder nicht. Die Ansicht, dass die Unmöglichkeit und Unvorhersehbarkeit der durch Kapazitätsengpässe im Anflugsektor des Flughafens VIE hervorgerufenen Flugsicherungsmaßnahme der Herabsetzung der Landerate allein aus einer quantitativen Betrachtung der konkreten Verspätung (14 min) einerseits gegenüber der bei diesem Restriktionsgrund im September 2017 „durchschnittlich“ auftretenden Verspätung (6 min), andererseits gegenüber der tatsächlichen Flugdauer (45 min) ergebe, wird vom Berufungsgericht nicht geteilt. Abgesehen davon, dass allein die Dauer einer „durchschnittlichen“ Verspätung (offensichtlich im Sinn eines arithmetischen Mittels) ohne nähere Angaben, etwa ob es sich dabei um die mittlere Verspätung aller Flüge oder nur der verspäteten Flüge handelt, wie hoch die mediane Verspätung aller Flüge war, und wie viele Flüge überhaupt verspätet waren, kaum aussagekräftig ist, erscheint es fraglich, die quantitative (zeitliche) Überschreitung des keinen außergewöhnlichen Umstands darstellenden „Durchschnittsgeschehens“ als außergewöhnlichen Umstand ausreichen zu lassen, ohne die qualitativen Merkmale eines Umstands auf seine Außergewöhnlichkeit zu prüfen. Dabei ist vor allem zu berücksichtigen, dass der von der EU-FluggastVO verwendeten Formulierung „außergewöhnlich“ („extraordinary“, „extraordinaire“) ein anderer Bedeutungsinhalt zukommt als bloß „ungewöhnlich“ („unusual“, „inhabituel“; vgl auch EuGH C-12/11 McDonagh uvm; Schmid in BeckOK Fluggastrechte-VO14 Art 5 Rz 26).
Zum Vorbringen zur Verspätung wegen des Delay-Codes 85 kann auf die überzeugenden Ausführungen des Erstgerichts verwiesen werden, denen die Berufungswerberin nichts Stichhältiges entgegenzusetzen hat (§ 500a ZPO).
Zusammengefasst ist daher festzuhalten, dass die Beklagte keinen außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO behauptet hat, der ihr eine Befreiung von der Zahlung einer Ausgleichsleistung gemäß Art 7 der Verordnung ermöglicht hätte.
Damit muss auf die Frage, ob die Beklagte auch alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Verspätung bzw deren Folgen ergriffen hat, nicht mehr eingegangen werden.
Anzumerken bleibt jedoch, dass die vormals vom Berufungsgericht vertretene Ansicht, dass das Luftfahrtunternehmen – sofern es alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung oder Verspätung selbst ergriffen hat – bereits mit dem Anbieten irgendeiner Umbuchung alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Folgen der Annullierung oder Verspätung ergriffen hat, nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses SA nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.
Zusammengefasst hat das Erstgericht allein unter Zugrundelegung des unstrittigen Sachverhalts dem Klage-begehen zu Recht stattgegeben, womit auch der Berufung ein Erfolg zu versagen war.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200528_LG00119_02200R00076_20M0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00076.20M.0528.000
|
22R76/20m
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200528_LG00119_02200R00076_20M0000_000/JJT_20200528_LG00119_02200R00076_20M0000_000.html
| 1,590,624,000,000
| 4,566
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Parteien 1.) Mag. F***** W*****, 2.) Dr. M***** W*****, 3.) P***** W*****, 4.) mj H***** W*****, 5.) mj L***** W*****, Viert- und Fünftklägerin vertreten durch Erstkläger und Zweitklägerin als gesetzliche Vertreter, alle vertreten durch Mag. Julian Korisek MBA, LL.M., Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei E***** GmbH, vertreten durch VLPIANVS Rechtsanwälte & Steuerberater in Düsseldorf, wegen zuletzt EUR 370,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 27.01.2020, 21 C 687/19s-12 (Berufungsinteresse: EUR 370,--), in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben und das angefochtene Urteil dahin abgeändert, dass es – unter Einschluss des als unbekämpft in Rechtskraft erwachsenen Teiles – insgesamt zu lauten hat:
"[1] Die beklagte Partei ist schuldig, der erstklagenden Partei 4% Zinsen aus EUR 5.509,50 vom 23.09.2019 bis 01.10.2019 binnen 14 Tagen zu zahlen.
[2] Die beklagte Partei ist schuldig, der zweit- bis fünftklagenden Partei jeweils 4% Zinsen aus EUR 600,-- vom 23.09.2019 bis 01.10.2019 binnen 14 Tagen zu zahlen.
[3] Das Mehrbegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der erstklagenden Partei EUR 370,-- samt 4% Zinsen seit 23.09.2019 zu zahlen, wird abgewiesen.
[4] Die beklagte Partei ist schuldig, der erstklagenden Partei drei Viertel und der zweit- bis fünftklagenden Partei jeweils ein Zwölftel der mit EUR 1.959,31 (darin EUR 171,76 USt. und EUR 928,75 Barauslagen) bestimmten Verfahrenskosten zu Handen des Klagevertreters binnen 14 Tagen zu ersetzen.
[5] Die erstklagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 1.840,60 (darin EURÂ 293,88 USt.) bestimmten Verfahrenskosten zu ersetzen."
Die erstklagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 279,08 (darin EUR 33,38 USt. und EUR 70,-- Barauslagen) bestimmten Kosten der Berufung binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Mit der beim Erstgericht am 23.09.2019 eingebrachten Klage begehrten die Kläger von der Beklagten zunächst die Zahlung von EUR 8.279,50 samt 4% Zinsen seit Klagseinbringung und brachten vor, die Kläger hätten mit der Beklagten einen Beförderungsvertrag über einen Flug am 26.07.2019 von Wien nach Düsseldorf und von Düsseldorf nach Newark abgeschlossen. Der Flug von Düsseldorf nach New York City am 26.07.2019 hätte um 11:35 Uhr starten sollen. Nach Verschiebungen hätten die Kläger um 20:07 Uhr ein Mail mit Informationen bekommen, dass der Flug gestrichen würde. Sie hätten sich selbstständig einen Ersatzflug buchen müssen, wofür sie EUR 4.819,50 aufgewendet hätten. Für die Fahrt vom 26.07.2019 zum Hotel und am 27.07.2019 wieder zum Flughafen hätten sie EUR 90,-- aufgewendet. Weiters hätten die Kläger vorab für den Aufenthalt in New York City Sightseeingpässe für USD 412,-- bzw. EUR 370,-- gebucht, diese hätten die Kläger nicht nutzen können. Die Entfernung des geplanten Fluges hätte über 3.500 km betragen, sodass die Kläger gemäß Art 7 Abs 1 lit c EU-FluggastVO Anspruch auf eine Ausgleichszahlung von EUR 600,--, insgesamt für fünf Fluggäste von EUR 3.000,-- hätten.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, sie habe am 01.10.2019 EUR 7.909,50 auf das Konto der Kläger überwiesen; die Forderungen auf Ausgleichszahlung, die Taxikosten sowie der Schadenersatzanspruch für die aufgewandten Kosten des Ersatzfluges seien durch Erfüllung erloschen. Hinsichtlich der Kosten für die Sightseeingpässe berief sich die Beklagte auf die Anrechnung der Ausgleichsleistung auf den Schadenersatzanspruch gemäß Art 12 EU-FluggastVO.
Mit vorbereitendem Schriftsatz vom 20.01.2020 (ON 7) schränkten die Kläger das Klagebegehren auf Zahlung von EUR 370,-- samt 4% Zinsen aus EUR 8.279,50 ab Klagseinbringung bis 21.10.2019 sowie 4% Zinsen aus EUR 370,-- ab 21.10.2019 ein. In der Tagsatzung vom 27.01.2020 formulierten die Kläger das Klagebegehren, dass die Beklagte schuldig sei, dem Erstkläger EUR 370,-- samt 4% Zinsen ab 21.10.2019 sowie 4% Zinsen aus EUR 5.509,50 ab Klagseinbringung bis 01.10.2019 sowie den Zweit- bis Fünftklägern jeweils 4% Zinsen aus EUR 600,-- ab Klagseinbringung bis 01.10.2019 zu zahlen. Sie replizierten, dass der verbliebene Anspruch von EUR 370,-- für die Sightseeingpässe nicht einer zwingenden Verrechnung mit der Ausgleichszahlung unterliegen würde, bei Art 12 EU-FluggastVO handle es sich um eine Kann-Bestimmung. Ausgleichszahlungen nach Art 7 EU-FluggastVO würden unabhängig vom Vorliegen eines materiellen Anspruchs jedenfalls zustehen, es handle sich nicht um eine Form des pauschalierten Schadenersatzes, der allfällige Vermögensschäden der Flugreisenden im Kontext von Flugausfällen oder Verspätungen mitumfasse. Es handle sich vielmehr um eine Kompensation für den entstandenen Zeitverlust. Neben der Ausgleichszahlung nach Art 7 Abs 1 lit c EU-FluggastVO sowie den Leistungen nach Art 8 und 9 EU-FluggastVO stehe dem Erstkläger ein eigenständiger Schadenersatzanspruch zu. Unstrittig sei eine Verspätung bei der Luftbeförderung entstanden. Nach Art 19 des Übereinkommens zur Vereinheitlichung bestimmter Vorschriften über die Beförderung im internationalen Luftverkehr (Montrealer Übereinkommen) hafte die Beklagte als Luftfrachtführer für den Schaden, der durch Verspätung bei der Luftbeförderung des Erstklägers als Reisenden entstanden sei. Der zustehende Schadenersatzanspruch übersteige den Höchstbetrag nach Art 22 MÜ von aktuell EUR 6.660,83 nicht. Die Sightseeingpässe habe zur Gänze der Erstkläger bezahlt.
Mit dem angefochtenen Urteil verpflichtete das Erstgericht, dem Erstkläger EUR 370,-- samt 4% Zinsen seit 23.09.2019 und 4% Zinsen aus EUR 5.509,50 vom 23.09.2019 bis 01.10.2019 sowie den Zweit- bis Fünftkläger jeweils 4% Zinsen aus EUR 600,-- vom 23.09.2019 bis 01.10.2019 zu zahlen. Es folgerte aus dem vorgetragenen Sachverhalt, dass lediglich strittig sei, ob die dem Erstkläger nach Art 7 EU-FluggastVO geleistete Ausgleichszahlung auf die ihm entstandenen frustrierten Aufwendungen im Zusammenhang mit den Sightseeingpässen nach Art 12 EU-FluggastVO anzurechnen sei. Dass die frustrierten Aufwendungen grundsätzlich Folge der von der Beklagten zu vertretenden Annullierung seien und einen Schaden im Vermögen des Erstklägers darstellen würden, sei von der Beklagten nicht bestritten worden. Nach der Rechtsprechung des EuGH sei davon auszugehen, dass der Ausgleichsanspruch lediglich die mit dem Zeitverlust einer Annullierung, Nichtbeförderung oder Verspätung einhergehenden Unannehmlichkeiten ausgleiche und damit allein ein Ausgleich für immaterielle Schäden und allenfalls solche pauschalen Unkosten, welche für sämtliche Passagiere in ähnlicher Weise anfallen würden, darstelle. Den Ausführungen des BGH, dass der Ausgleichsanspruch auch dem Ersatz der materiellen Schäden diene, könne in dieser Allgemeinheit nicht gefolgt werden. Bei den gegenständlichen frustrierten Aufwendungen handle es sich um einen individuellen materiellen Schadenersatzanspruch, der gerade nicht jedem Fluggast praktisch ident entstehe. Würde auf einen solchen völlig individuellen und materiellen Anspruch eine Anrechnung erfolgen, würde der Zweck des Ausgleichsanspruches in diesen Fällen unterwandert werden. Ein Fluggast, dem zusätzlich zu den Unannehmlichkeiten und allgemein zu erwartenden Unkosten kein weiterer Schaden entstanden sei, wäre in diesem Fall besser gestellt als ein Fluggast, der infolge der Annullierung etwa einen Verdienstausfall erlitten habe oder individuelle frustrierte Aufwendungen zu tragen gehabt hätte. Es liege auch keine Überkompensation vor.
Gegen dieses Urteil, soweit dem Erstkläger EUR 370,-- samt 4% Zinsen seit 23.09.2019 zugesprochen wurde, richtet sich die Berufung der Beklagten mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren des Erstklägers von EUR 370,-- samt 4% Zinsen aus diesem Betrag ab 23.09.2019 abgewiesen werde.
„Die Kläger“ beantragen, der Berufung keine Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist berechtigt.
Die Berufungswerberin hält (wörtlich) an ihrer Auffassung fest, dass eine Anrechnung der bereits geleisteten Ausgleichszahlung auf die geforderte Erstattung der Aufwendungen für die Sightseeingpässe zu erfolgen habe und verweist darauf, die Ausführungen, wonach mit weitergehendem Schaden nur immaterieller Schaden gemeint sein solle, seien nicht haltbar. Es gäbe keinerlei Grundlage für eine Differenzierung danach, ob es sich um einen materiellen oder immateriellen Schaden handle. Es sei kein individueller Schaden gegeben, der durch die spezifische Situation der betroffenen Fluggäste bedingt sei. Vielmehr seien touristische Reisen stets davon geprägt, dass am Urlaubsort kostenauslösende Unternehmungen durchgeführt würden.
Diesen (kursorischen) Ausführungen kommt im Ergebnis Berechtigung zu.
Einleitend ist darauf hinzuweisen, dass das Erstgericht zutreffend erkannt hat, dass
- die Beklagte (unter anderem) dem Erstkläger eine Ausgleichszahlung von EUR 600,-- aufgrund der Annullierung des Fluges EW 1112 von Düsseldorf nach Wien mit der geplanten Abflugszeit 26.07.2019, 11:35 Uhr überwies,
- der Erstkläger einen Schadenersatzanspruch wegen der daraus resultierenden Frustrierung seines Aufwandes für Sightseeingpässe in der Höhe von EUR 370,-- (zuzüglich Zinsen) geltend machte, und
- die Beklagte (nur) den Einwand erhob, der Schadenersatzanspruch sei durch die Leistung der Ausgleichszahlung getilgt. Von allen Elementen des Schadenersatzanspruches hat das Berufungsgericht daher nur diesen Einwand zu prüfen (vgl LG Korneuburg 27.02.2020, 22 R 9/20h).
Bislang bejahte das Berufungsgericht die Anrechnung der Ausgleichsleistung auf Kosten der Ersatzbeförderung nach österreichischem Sachrecht (LG Korneuburg 24.03.2017, 21 R 25/17z); ebenso auf Taxi- und Generalunkosten, allerdings ohne Ausführungen, nach welchem nationalen Sachrecht diese vorzunehmen ist (LG Korneuburg 01.10.2019, 21 R 237/19d). An dieser Rechtsprechung ist festzuhalten und zur Klarstellung zu ergänzen:
Mit der Schaffung der EU-FluggastVO setzte sich der Unionsgesetzgeber das Ziel, das Ärgernis und die Unannehmlichkeiten, die den Fluggästen durch die Annullierung von Flügen entstehen, zu verringern. Dies sollte dadurch erreicht werden, dass die Luftfahrtunternehmen veranlasst werden, die Fluggäste vor der planmäßigen Abflugszeit über Annullierungen zu unterrichten und ihnen darüber hinaus eine zumutbare anderweitige Beförderung anzubieten, sodass die Fluggäste umdisponieren können. Andernfalls sollten die Luftfahrtunternehmen den Fluggästen einen Ausgleich leisten und auch eine angemessene Betreuung anbieten, es sei denn, die Annullierung geht auf außergewöhnliche Umstände zurück (ErwGr 12).
Art 12 EU-FluggastVO ist mit „Weitergehender Schadenersatz“ überschrieben und lautet in seinem Absatz 1: „Diese Verordnung gilt unbeschadet eines weitergehenden Schadenersatzanspruchs des Fluggastes. Die nach dieser Verordnung gewährte Ausgleichsleistung kann auf einen solchen Schadenersatzanspruch angerechnet werden.“ Die Norm ist ob ihres schwer verständlichen Inhaltes im Schrifttum und bei den nationalen Gerichten sehr umstritten. Vergleichsweise klarer ist Art 14 Abs 5 RL (EU) 2015/2302 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25.11.2015 über Pauschalreisen und verbundene Reiseleistungen (Pauschalreiserichtlinie) formuliert. Die dort normierte wechselseitige Anrechnung von nationalen Schadenersatz- und Gewährleistungsansprüchen sowie unions- und völkerrechlichen Ansprüchen hat ausdrücklich den Zweck, eine Überkompensation zu verhindern (ErwGr 36). Denselben Zweck messen Judikatur und Schrifttum in Deutschland dem Art 12 EU-FluggastVO zu (X ZR 128/18 und X ZR 165/18; Maruhn in Schmid, BeckOK Fluggastrechte-VO [14.Ed. Stand 01.04.2020] Art 12 Rn 34; Führich in Führich/Staudinger Reiserecht8, § 42 Rz 71, Bollweg in Staudinger/Keiler, Fluggastrechte-VO Art 12 Rz 9).
Der EuGH stellte in seinem Urteil vom 13.10.2011 in der Rechtssache C-83/10 Sousa RodrÃguez u.a. klar, dass die Bestimmung dem nationalen Gericht ermöglicht, das Luftfahrtunternehmen zum Ersatz des den Fluggästen wegen der Nichterfüllung des Luftbeförderungsvertrages entstandenen Schadens auf einer anderen Rechtsgrundlage als der EU-FluggastVO zu verurteilen, das heißt insbesondere unter den Voraussetzungen des Übereinkommens von Montreal oder des nationalen Rechts (Urteil Sousa RodrÃguez u.a, Rz 38).
Die Abgrenzung zum Übereinkommen von Montreal ist völkerrechtlich geboten. Art 29 MÜ regelt das Verhältnis der Haftungsregelung des MÜ zu konkurrierenden nationalen Anspruchsgrundlagen. Die dazu vertretenen Lösungen werden als Verdrängungslösung bzw. als Rahmenlösung bezeichnet (anschaulich Reuschle, Montrealer Übereinkommen2 Art 29 Rz 4). Dies führt dazu, dass der Rückgriff auf nationale Anspruchsgrundlagen innerhalb des Regelungsbereiches des MÜ zufolge dessen Art 29 ausgeschlossen ist (2 Ob 58/15s mit der Festlegung auf die Verdrängungslösung). Das MÜ ist gegenüber der EU-FluggastVO höherrangig (LG Korneuburg 10.01.2019, 21 R 397/18g). Es ist daher völkerrechtlich geboten, zwischen den Ansprüchen nach dem MÜ und nach der EU-FluggastVO abzugrenzen. Dies nimmt der EuGH (GK) in seinem Urteil vom 10.01.2006 in der Rechtssache C-344/04 IATA und ELFAA derart vor, dass er auslegt, dass das MÜ nur regelt, unter welchen Voraussetzungen Fluggäste Ansprüche auf Schadenersatz als individuelle Wiedergutmachung, also auf Ausgleich gegen die Beförderungsunternehmen geltend machen können (Urteil IATA und ELFAA Rn 44; ebenso Urteil Sousa Rodriguez u.a. Rn 39). Das MÜ steht jedoch nicht der Regelung des Gemeinschaftsgesetzgebers von standardisierten sofortigen Unterstützungs- und Betreuungsleistungen und eines Ausgleichsanspruches zur Wiedergutmachung des Schadens entgegen (Urteil IATA und ELFAA Rn 45 bis 48).
Diese (wie gesagt völkerrechtlich zwingende) Abgrenzung übertrug der EuGH auch auf die Abgrenzung von Ansprüchen der EU-FluggastVO zum nationalen Schadenersatzansprüchen (Urteil Sousa Rodriguez u.a. Rn 37 und 38). Das nationale Recht ist aber dem Unionsrecht gegenüber nachrangig (Art 288 Abs 2 AEUV). Das nationale Gericht hat dem Unionsrecht entgegen stehendes nationales Recht unangewendet zu lassen, ohne dass es die vorherige Beseitigung dieser Bestimmung auf gesetzgeberischem Wege oder durch irgendein anderes verfassungsrechtliches Verfahren beantragen oder abwarten müsste (EuGH Urteil vom 09.03. 1978 in der Rechtssache
106/77 Simmenthal Rn 26). Während es also am Beginn der Rechtsprechung des EuGH um die Frage ging, ob höherrangiges Völkerrecht es verhindert, dem Fluggast über seine individuellen Schadenersatzansprüche einen pauschalierten Schadenersatzanspruch unter anderem wegen Annullierung oder großer Verspätung zuzubilligen, geht es in der Abgrenzung zum nationalen Recht darum, dass es der Unionsgesetzgeber zulässt, den von ihm vorgesehenen pauschalierten Schadenersatzanspruch im Falle des Vorliegens eines individuellen Schadenersatzanspruch aufgrund nationaler Rechtsvorschriften durch Anrechnung entfallen zu lassen.
In Fortführung dieser Rechtsprechung sprach der EuGH in dem vom Erstgericht zutreffend zitierten Urteil vom 29.07.2019 in der Rechtssache C-354/18 Rusu aus, dass die Ausgleichsleistung nach Art 7 EU-FluggastVO nur den Schaden ausgleichen soll, der für alle betroffenen Fluggäste praktisch identisch ist und die Verordnung nicht den Ausgleich eines durch den Grund der Reise der betroffenen Fluggäste bedingten individuellen Schadens vorsieht, dessen Wiedergutmachung zwangsläufig die Prüfung seines Umfanges im Einzelfall erfordert und deshalb nur Gegenstand eines nachträglichen und individualisierten Ausgleichs sein kann, was er für einen infolge Nichtbeförderung erlittenen Verdienstentfall, der darauf zurückzuführen ist, dass es den Fluggästen wegen der verspäteten Ankunft am Zielort nicht möglich war, an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen, bejahte (Urteil Rusu Rn 30 bis 32).
Das Berufungsgericht teilt die Rechtsansicht des Erstgerichtes, dass es sich beim klagsgegenständlichen Schadenersatzanspruch um einen solchen handelt, der gerade nicht jedem Fluggast praktisch ident entsteht. Bereits in der Klage ist angeführt, dass die Kläger die Sightseeingpässe nicht hätten nutzen können, weil sie durch die Streichung des Fluges über 24 Stunden verloren hätten, sodass die geplanten zwei Tage Aufenthalt in New York City nicht zur Verfügung gestanden seien, da die Kläger am 29.07.2019 bereits die Abreise zu ihrem nächsten Ziel hätten antreten müssen (Seite 3 in ON 1). Gerade die individuelle Reiseplanung der Kläger führte dazu, dass die Aufwendungen des Erstklägers für die Sightseeingpässe nutzlos wurden. Ein solcher Schaden kann nur individuell beurteilt werden (Urteil Rusu Rn 38). Es handelt sich um einen personalisierten Schaden, bei dem es Sache des nationalen Gerichtes ist, die verschiedenen Tatbestandsmerkmale dieses Schadens und den Umfang des Ausgleiches für den Schaden anhand der einschlägigen Rechtsgrundlage zu bestimmen und zu beurteilen (Urteil Rusu Rn 40).
Hingegen vermag das Berufungsgericht die weiteren Überlegungen des Erstgerichtes, dass die Frage der Anrechnung des Ausgleichsanspruches auf den gegenständlichen Schadenersatzanspruch durch Auslegung der EU-FluggastVO klären möchte, nicht zu teilen. Der EuGH führte vielmehr aus, dass die verschiedenen Tatbestandsmerkmale des Schadens und der Umfang seines Ausgleiches anhand der einschlägigen Rechtsgrundlage zu bestimmen und zu beurteilen sind (Urteil Rusu Rn 41). Der EuGH legt Art 12 Abs 1 EU-FluggastVO derart aus, dass die Bestimmung dem nationalen Gericht erlaubt, die Ausgleichsleistung auf den weitergehenden Schadenersatzanspruch anzurechnen, es aber nicht dazu verpflichtet und ihm keine Bedingungen für die Anrechnung vorgibt (Urteil Rusu Rn 47). Anders formuliert steht die EU-FluggastVO einer nationalen Rechtsvorschrift nicht entgegen, die eine Anrechnung der Ausgleichsleistung auf einen dem nationalen Recht entspringenden Schadenersatzanspruch vorsieht.
GA Sharpston hob in ihren Schlussanträgen vom 28.06.2011 in der Rechtssache C-83/10 Sousa RodrÃguez u.a. hervor, dass diese Frage, ob neben dem Ausgleichsanspruch ein weitergehender Anspruch nationalem Recht zusteht, nach nationalem Recht zu entscheiden ist
, das seinerseits das MÜ berücksichtigen muss
(Rn 59). Für Kosten, die entstanden sind, weil das Luftfahrtunternehmen seinen Verpflichtungen aus den Art 8 oder 9 EU-FluggastVO nicht nachgekommen ist, schloss sie die Berechtigung zur Anrechnung aus (Rn 59 bis 64). Maruhn (aaO Art 12 Rn 34) schließt aus der nicht ausdrücklichen und klaren Stellungnahme des EuGH, dass das Gericht der Generalanwältin folgt.
Entgegen der Ansicht des Erstgerichtes steht die von ihm zitierte Entscheidung des deutschen BGH vom 06.08.2019, X ZR 128/18 = Zak 2019/482 nicht entgegen. Vom BGH war unter anderem ein Anspruch auf Erstattung eines gebuchten, aber nicht genutzten Hotelzimmers zu entscheiden (Rn 2). In weiterer Folge prüfte der BGH die Anrechnung nach den Grundsätzen seiner Rechtsprechung zur Vorteilsausgleichung (Rn 10). Der Geschädigte darf einerseits im Hinblick auf das schadensersatzrechtliche Bereicherungsverbot nicht besser gestellt werden, als er ohne das schädigende Ereignis stünde. Andererseits sind nur diejenigen durch das Schadensereignis bedingten Vorteile auf den Schadensersatzanspruch anzurechnen, deren Anrechnung mit dem jeweiligen Zweck des Ersatzanspruchs übereinstimmt, also dem Geschädigten zumutbar ist und den Schädiger nicht unangemessen entlastet (Rn 10). Im Ergebnis entscheidet der BGH die Frage, ob eine Anrechnung stattfindet oder nicht, nach nationalem Recht (vgl auch die Erwägungen des BGH in seinem Vorlagebeschluss vom 30.07.2013, X ZR 111/12 = RRa 2013, 233 Rn 28). Für den OGH findet die Anrechnung bei der Bemessung des [dort: Preisminderungs-] Anspruches statt (6 Ob 146/18s [ErwGr 7.6]). Insgesamt kommt das Berufungsgericht unter Berufung auf das Urteil Rusu (Rn 47) und die SA GA Sharpston in der RS Sousa RodrÃguez u.a. (Rn 59) zum Schluss, dass die Anrechnung ihre Rechtsgrundlage im nationalen Recht hat und Art 12 EU-FluggastVO eine solche Anrechnung zulässt. Die gegenteiligen Auffassung (Bollweg aaO Rz 60, Führich aaO Rz 110: Bindung des Gerichtes an die Einrede des Schuldners; offen lassend Maruhn aaO Rz 32) wird nicht geteilt.
Da die Frage der Anrechnung nicht im MÜ geregelt ist (vgl. SA GA Sharpston Rn 59), ist nach Art 5 Rom I-VO zu ermitteln, welches Recht auf den Beförderungsvertrag anzuwenden ist (7 Ob 5/13f). Bei Fehlen einer Rechtswahl ist das Recht jenes Staates anwendbar, in dem die beförderte Person ihren gewöhnlichen Aufenthalt hat, wenn sich dort auch der Abgangs- oder Bestimmungsort befindet, sonst das Recht jenes Staates, in dem der Beförderer seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat (Musger in KBB5 Art 5 Rom I-VO Rz 4). Nach den – unbestrittenen – Klagsbehauptungen schlossen die Kläger mit der Beklagten einen Beförderungsvertrag über einen Flug von Wien über Düsseldorf nach Newark. Da sich sowohl der Abgangsort als auch (offensichtlich) der gewöhnliche Aufenthalt der Kläger in Wien befinden, ist der Anspruch auf Ersatz der frustrierten Aufwendungen des Erstklägers nach österreichischem Sachrecht zu prüfen.
Die ältere Judikatur hielt frustrierte Aufwendungen nicht für ersatzfähige Schäden (2 Ob 72/94 zu frustrierten Reisekosten). Erst unter Einfluss deutscher Lehre begann der OGH, die Ersatzpflicht des Schädigers für die frustrierten Reisekosten zu bejahen, etwa für die als Aufwendung zur Schadensminderung anzusehende Stornogebühr
(2 Ob 113/09w). Er sprach auch Ersatz für jenen Teil der Kosten des Urlaubs zu, der auf jenen Urlaubstag entfällt, der wegen einer verschuldeten Reiseverzögerung nicht genutzt werden konnte (8 Ob 101/10a). Stand aufgrund des vertragswidrigen Verhaltens des Schuldners den Aufwendungen des Gläubigers, die er auch bei vertragsgetreuem Verhalten des Schuldners zu machen hatte, keine entsprechende Gegenleistung gegenüber, so ist der frustrierte Aufwand als Nichterfüllungsschaden zu ersetzen, wenn der Schuldner nicht beweist, dass sich der Vertrag bei ordnungsgemäßer Erfüllung durch ihn als Verlustgeschäft erwiesen hätte (RS0018499).
Die österreichische Judikatur anerkennt auch die Rechtsfigur des Vorteilsausgleiches. Die Vorteilsausgleichung hat nicht von Amts wegen zu erfolgen, sondern nur über Einwendung des Schädigers, den für deren Voraussetzungen die Behauptungslast und Beweislast trifft (RS0036710). Dazu gehört auch ein substanziiertes Vorbringen des Schädigers zur sachlichen und zeitlichen Kongruenz (9 Ob 51/10f). Beim Vorteilsausgleich geht es um die Schadenshöhe (6 Ob 54/04s; 9 Ob 51/10f; anders noch die ältere Rechtsprechung)
Eine Vorteilsanrechnung kann nur bei sachlich kongruenten Leistungen infrage kommen (RS0122868). Die Berechnung eines Vermögensschadens erfolgt durch Vergleichung des Unterschiedes zweier Zustände, nämlich des tatsächlichen Zustandes vor und nach der Beschädigung. Es sind jene Vermögensbestandteile des Geschädigten in den Kreis der Betrachtung einzubeziehen, die durch die Beschädigung irgendwie beeinflusst wurden, aber auch Vermögensbestandteile (Aktiva oder Passiva), die erst durch das schädigende Ereignis gebildet wurden und deren Bildung durch dasselbe verhindert wurde; daher ist auch ein Vorteil des Geschädigten, der ohne die erfolgte Beschädigung nicht entstanden wäre, grundsätzlich zugunsten des Schädigers zu buchen (RS0022834). Anzurechnen sind solche Vorteile, die mit dem Schadenersatzanspruch in einem besonderen Zusammenhang stehen. Dass Schaden und Vorteil nicht aus demselben Ereignis entsprungen sind, schließt die Vorteilsausgleichung nicht aus, weil es genügt, wenn beide im selben Tatsachenkomplex wurzeln, wenn also das schädigende Ereignis nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge auch zu einem Vorteil des Geschädigten führt. Die Berücksichtigung von Vorteilen kommt nur aber nur gegenüber sachlich und zeitlich kongruenten Schadenersatzansprüchen in Betracht (9 Ob 22/19d). Aus der EU-FluggastVO kann nicht abgeleitet werden, dass nicht gleichzeitig auch Ansprüche gegen den Reiseveranstalter bestehen, wobei von einer Fluglinie erbrachte Leistungen bei entsprechender Kongruenz auch den Reiseveranstalter befreien. Daher sind etwa gewährte Entschädigungen bei der Bemessung eines allfälligen Preisminderungsanspruchs zu berücksichtigen. Dass bei dieser Auslegung die Fluggastrechte „unterwandert“ würden, weil der Vertragspartner des Reisenden die Leistung dann unter Umständen kondizieren könne, ist nicht stichhaltig, weil dem Reisenden die Leistung nach der EU-FluggastVO zusteht und sie somit nicht rechtsgrundlos erbracht wurde. Zu einer Anrechnung würde es hingegen kommen, wenn der Reisende, der bereits von der Fluglinie eine Entschädigung erhalten hat, vom Veranstalter eine zusätzliche Entschädigung begehrt (6 Ob 146/18s). Die Vorteilsanrechnung ist eine Schadenberechnungsmethode, sie resultiert nicht aus einem Anspruch des Schädigers gegen den Geschädigten. Falls ein Vorteil anzurechnen ist, geht es um eine Frage der Höhe des Anspruches (Reischauer in Rummel3 § 1312 Rz 8b).
Schließlich ist darauf zu verweisen, dass der Unionsgesetzgeber in Art 14 Abs 5 PauschalreiseRL eine wechselseitige Anrechnung von Schadenersatzzahlungen oder Preisminderungsansprüchen unter anderem der EU-FluggastVO und der Pauschalreiserichtlinie vorsieht. Diese wechselseitige Anrechnung ist in Österreich mit § 12 Abs 5 PRG, in Deutschland mit § 651p Abs 3 BGB umgesetzt. Den wechselseitigen Sachverhaltsvorträgen im erstinstanzlichen Verfahren ist nicht zu entnehmen, ob es sich bei der Reise der Kläger um eine Pauschalreise handelt oder sonst um eine in den Anwendungsbereich des PRG fallende Reise oder nicht. Die PauschalreiseRL lässt es ausdrücklich zu, sie auf Bereiche anzuwenden, die nicht in deren Anwendungsbereich fallen (ErwGr 21). Das zugrundeliegende Argument, es soll eine Überkompensation des Fluggastes vermieden werden, kann daher auch außerhalb des Anwendungsbereiches der PauschalreiseRL bzw. des PRG fruchtbar gemacht werden (vgl. zum Ganzen Maruhn aaO 12 Rz 10a; Scherhaufer/Wukoschitz in Bammer PRG § 12 Rz 20).
Nach Ansicht des Berufungsgerichtes führt die hier in Rede stehende Vorteilsanrechnung zur Verhinderung einer Überkompensation. Die Ermittlung der im Einzelfall angemessenen Kompensation ist gleichermaßen wie die Anrechnung von dem geschädigten zugekommenen Vorteile ein Vorrang der Berechnung der Schadenshöhe. Beide Instrumente (Vorteilsanrechnung wie Anrechnung nach Art 12 EU-FluggastVO) bewegen sich somit auf derselben Ebene der Ermittlung der Schadenshöhe und verfolgen denselben Zweck. Die österreichische Judikatur zur Vorteilsanrechnung steht daher im Einklang mit der unionsrechlichen Anrechnungsregel und führt nicht zu einer Unterwanderung der aus der EU-FluggastVO gewährten Rechte.
Anderes gilt für die Frage, ob dies auch für die Anrechnung auf Ansprüche gilt, die dem Fluggast aufgrund der Verletzung von Verpflichtungen zustehen, die die EU-FluggastVO dem ausführenden Luffahrtunternehmen auferlegt. Ein Luftfahrtunternehmen kann sich nicht von der Verpflichtung befreien, Betreuung und Unterstützung zu leisten, indem es sie mit der anderen verrechnet (SA GA Sharpston in der RS Sousa RodrÃguez u.a. Rn 64). Ansprüche wegen Verletzung von Art 8 und 9 EU-FluggastVO können nämlich nicht als „weiter gehender“ Schadensersatz angesehen werden (Urteil Sousa RodrÃguez u.a. Rn 43; Maruhn aaO Rz 13, Führich aaO Rz 79). Die Nichterfüllung der Betreuungspflicht nach Art 9 EU-FluggastVO führt unmittelbar aufgrund der Verordnung zu einem Entschädigungsanspruch des Fluggastes, ein Rückgriff auf Anspruchsgrundlagen des nationalen Rechts ist daher nicht erforderlich (17 Ob 8/19d; Führich aaO Rz 77; aA Bollweg aaO Rz 21).
Aufgrund der in Österreich und in Deutschland vergleichbaren Behandlung des frustrierten Aufwandes und des Vorteilsausgleiches folgt das Berufungsgericht dem vom Erstgericht zitierten, inhaltlich jedoch von ihm nicht übernommenen Urteil des BGH, wonach die geltend gemachten reiserechtlichen Ersatzansprüche wie die den Klägern auf der Grundlage der EU-FluggastVO gewährten Ausgleichszahlungen auf der Weigerung des den gebuchten Flug ausführenden Luftverkehrsunternehmens, die Kläger auf diesem Flug zu befördern, beruhen und dem Ausgleich derselben durch die verweigerte Beförderung und die dadurch bedingte spätere Ankunft am Reiseziel entstandenen Schäden dienen (Rn 12). Wie der BGH kommt das Berufungsgericht zum Schluss, dass sich der Erstkläger die bereits erhaltenen Ausgleichszahlungen anrechnen lassen muss mit der Folge, dass sein reiserechtlicher Ersatzanspruch, deren Höhe dahinter zurückbleibt, erloschen ist (Rn 12). Gegen die Argumentation des Erstgerichtes, ein Fluggast, der infolge der Annullierung etwa einen Verdienstausfall erlitten habe oder individuelle frustrierte Aufwendungen zu tragen gehabt hätte, wäre schlechter gestellt, ist unter Hinweis auf den BGH zu entgegnen, dass dies als einer pauschalierten Abgeltung immanent hinzunehmen ist (Rn 13). Die Argumentation des Erstgerichtes, die Anrechnung deshalb ausschließen zu lassen, weil es sich beim Anspruch der Kläger um einen individuellen materiellen Schadenersatzanspruch handelt, der Ausgleichsanspruch den Ausgleichen immaterieller Schäden und pauschaler Unkosten darstellt, kann nicht dazu führen, die sachlichen Kongruenz der beiden Ansprüche zu verneinen. Wendete man die Grenzziehung zwischen dem im Unionsrecht verankerten Anspruch und den weitergehenden Ansprüchen als Kriterium an, ob eine Anrechnung im Wege des Vorteilsausgleichs stattfindet oder nicht, verbliebe Art 12 Abs 1 Satz 2 EU-FluggastVO kein Anwendungsbereich mehr: Sämtliche dem nationalen Recht zu entnehmende weitergehenden Ansprüche wären von Vorteilsausgleich und damit von der Anrechnung ausgeschlossen.
Zusammengefasst zeigt die Berufungswerberin im Ergebnis zurecht auf, dass der vom Erstkläger behauptete Schadenersatzanspruch durch die Zahlung der Ausgleichsleistung, die im Wege des Vorteilsausgleiches auf den klagsgegenständlichen verbliebenen Anspruch anzurechnen ist, erloschen ist. Der Berufung war daher Folge zu geben und das angefochtene Urteil im Ausmaß der Anfechtung abzuändern, dass der Anspruch des Erstklägers auf Zahlung von EUR 370,-- zuzüglich Zinsen abgewiesen wird.
Die abändernde Entscheidung macht die Neufassung der Kostenentscheidung erforderlich. Im Hinblick auf die Klagseinschränkung infolge Zahlung waren Verfahrensabschnitte zu bilden. Im ersten Verfahrensabschnitt begehrten die Kläger EUR 8.279,50 und unterlagen mit EUR 370,--. Dieses geringfügige, 5% nicht übersteigende Unterliegen rechtfertigt die Anwendung des § 43 Abs 2 ZPO. Im ersten Verfahrensabschnitt waren den Klägern die gesamten Kosten zuzuerkennen. Dies betrifft die Kosten der Klage und der pflegschaftsgerichtlichen Genehmigung. Wie das Erstgericht bereits zutreffend und unwidersprochen ausführte, hätte die Vorlage der pflegschaftsgerichtlichen Genehmigung bereits mit der Klage erfolgen müssen. Die Urkundenvorlage vom 06.12.2019 war daher nicht zu honorieren. Die übrigen Positionen blieben von der Beklagten ungerügt. Da nach der Klarstellung der Kläger in der Tagsatzung vom 27.01.2020 den Zweit- bis Fünftklägern nur die Ausgleichsleistung zustehen soll, die übrigen Ansprüche offenbar solche allein des Erstklägers waren, war der in diesem Verfahrensabschnitt zustehende Ersatzanspruch der Kläger auf diese im Verhältnis ihrer Forderungen aufzuteilen, sodass vom gesamten zugesprochenen Betrag dem Erstkläger drei Viertel zustehen, den übrigen Klägern jeweils ein Zwölftel. Die dabei entstehende Unschärfe, die darin besteht, dass die pflegschaftsgerichtliche Genehmigung nur hinsichtlich der Viert- und Fünftklägerin einzuholen war, kann vernachlässigt werden. Im zweiten Verfahrensabschnitt ab Klagseinschränkung obsiegte die Beklagte zur Gänze und hat somit Anspruch auf Ersatz der gesamten Verfahrenskosten (§ 41 ZPO). Dieser Abschnitt umfasst die Kosten des als Klagebeantwortung bezeichneten Schriftsatzes, die Kosten der Verhandlung vom 27.01.2020 sowie die Kosten der Berufungsanmeldung. Dabei war (auch ohne Rüge gemäß § 54 Abs 1a ZPO: 7 Ob 111/12t) wahrzunehmen, dass die Beklagtenvertreterin für ihre Vertretungsleistung gegenüber der Beklagten, die ebenso wie sie den Sitz in Deutschland hat, zu Unrecht die Umsatzsteuer mit dem in Österreich geltenden 20%-igen Satz verzeichnete. Der Beklagten waren daher nur die in Deutschland zustehenden 19 % Umsatzsteuer zuzusprechen (LG Korneuburg 22.08.2019, 21 R 180/19x; 01.10.2019, 21 R 237/19d).
Die Kostenentscheidung im Berufungsverfahren beruht auf §§ 41, 50 ZPO. Neben der bereits nach den oben Gesagten ebenfalls notwendigen Kürzung im Bereich der Umsatzsteuer war wahrzunehmen, dass aufgrund des eingeschränkten Streitwertes von EUR 370,-- im erstinstanzlichen Verfahren nur der einfache Einheitssatz gebührt. Da sich die Berufung der Beklagten ausschließlich gegen den Zuspruch an den Erstkläger richtet, gebührt der Berufungswerberin kein Streitgenossenzuschlag. Dieser steht in allen Verfahrensarten nur für jene tatsächlich im konkreten Verfahren aktiv als Parteien aufgetretenen Personen zu (Obermaier, Kostenhandbuch3 Rz 325). Die Pauschalgebühr beträgt aufgrund des Berufungsinteresses von EUR 370,-- nur EUR 70,--, zu denen ebenfalls kein Streitgenossenzuschlag hinzuzurechnen ist (§ 19a GGG).
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200616_LG00119_02200R00082_20V0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00082.20V.0616.000
|
22R82/20v
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200616_LG00119_02200R00082_20V0000_000/JJT_20200616_LG00119_02200R00082_20V0000_000.html
| 1,592,265,600,000
| 4,946
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Straßl in der Rechtssache der klagenden Partei Ing. T**** S*****, MBA, vertreten durch Skribe Rechtsanwaelte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 280,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil das Bezirksgerichtes Schwechat vom 03.02.2020, 24 C 274/19b-16, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird teilweise Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird dahin abgeändert, dass es zu lauten hat:
„[1] Die Klagsforderung besteht mit EUR 105,45 zu Recht.
[2] Die Gegenforderung besteht nicht zu Recht.
[3] Die beklagte Partei ist daher schuldig, der klagenden Partei EUR 105,45 samt 4 % Zinsen seit 21.03.2018 binnen 14 Tagen zu zahlen.
[4] Das Mehrbegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der klagenden Partei EUR 174,55 samt 4 % Zinsen seit 21.03.2018 zu zahlen, wird abgewiesen.
[5] Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit EUR 18,-- (Barauslagen) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu ersetzen.
[6] Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 162,85 (darin EUR 27,14 USt.) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu ersetzen“.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 59,86 (darin EUR 5,88 USt. und EUR 24,60 Barauslagen) bestimmten Kosten der Berufung binnen 14 Tagen zu Handen der Beklagtenvertreter zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung unter anderem für den von der Beklagten durchgeführten Flug OS 571 ab Wien 22.03.2018, 07.15 Uhr, an Genf 22.03.2018, 08.55 Uhr. Die Beklagte annullierte den Flug am 21.03.2018, 15.09 Uhr und buchte den Kläger auf den Flug OS 577 ab Wien 21.03.2018, 20.15 Uhr, an Genf 21.03.2018, 21.55 Uhr, um und zahlte dem Kläger eine Ausgleichsleistung gemäß Art 7 EU-FluggastVO von EUR 125,--.
Mit der beim Erstgericht am 17.08.2018 eingebrachten Klage begehrte der Kläger von der Beklagten die Zahlung von EUR 280,-- samt 4 % Zinsen seit 21.03.2018 und brachte vor, der Flug OS 571 am 22.03.2018 sei aufgrund des alleinigen Verschuldens der Beklagten storniert worden. Aufgrund der Stornierung sei die Beklagte mit ihrer Hauptleistungspflicht in Schuldnerverzug geraten. Der Kläger habe die Erfüllung des Vertrages verlangt und keine andere Möglichkeit gehabt als die Umbuchung auf den Flug am Vortag. Die zweite Alternative am 22.03.2018 um 15.10 wäre für ihn zu spät gewesen. Durch den Abschluss eines neuen Vertrages mit der Beklagten über die Durchführung eines Fluges von Wien nach Genf am 21.03.2018 als Alternative für den annullierten Flug am 22.03.2018 sei er schlüssig und ohne Nachfristsetzung vom Vertrag über den ursprünglichen Flug zurückgetreten. Dadurch seien Kosten für die Übernachtung in einem Hotel von EUR 154,45 und der zweimaligen Nutzung eines Taxis von EUR 125,55 entstanden. Eine andere Möglichkeit im Sinne der Schadenminderungspflicht habe es nicht gegeben. Das Hotel sei anders als die Arbeitsstätte, die er in Genf habe aufsuchen müssen, nicht in Gehdistanz zum Flughafen gewesen. Es sei unbillig, zusätzlich zur beruflichen Vorbereitung auf einen Termin in Genf und dem ohnehin erhöhten Organisationsaufwand durch die vonnöten gewordene Hotelbuchung und die verfrühte Anreise sich auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln der Schweiz sowie Frankreichs vertraut zu machen. Es handle sich um einen Verspätungsschaden, dieser könne nicht zuletzt aus einer verfrüht erbrachten Leistung im Entstehen begriffen sein. Ansprüche aus der EU-FluggastVO seien darauf nicht anzurechnen. Es bestehe eine planwidrige Lücke der Art 5 und 9 EU-FluggastVO in Bezug auf verfrühte Flüge. Die geleisteten EUR 125,-- sollten das Ärgernis und die Unannehmlichkeiten, die durch die Annullierung entstanden sei, verringern. Die Aufwendungen seien jedoch notwendiges Übel gewesen. Transportkosten vom Flughafen zum Hotel und wieder zurück seien keine Sowiesokosten, weil der Kläger, wäre er mit dem ursprünglich gebuchten Flug angereist, den kostenlosen Shuttleservice vom Airport ins Stadtzentrum genutzt hätte. Der Differenzanspruch aus dem Deckungsgeschäft sei weder der Ersatz eines mittelbaren Schadens noch eines Folgeschadens noch ein Schadenersatz mit pönalem Charakter im Sinne von Punkt 15.3.4. der Beförderungsbedingungen. Die Bestimmung sei gröblich benachteiligend. Der Klagsbetrag seien die aus der konkreten Schadensberechnung sich ergebenden Mehrkosten des abgeschlossenen Deckungsgeschäftes. Zu der von der Beklagten als Entlastungsgrund vorgetragenen Betriebsversammlung brachte der Kläger vor: Bereits beim ersten Versuch, die Betriebsversammlung abzuhalten, seien rund 10.000 Passagiere und 140 Flüge betroffen gewesen seien. Diese seien sogar ausgefallen, obwohl die Betriebsversammlung abberaumt worden sei. Es sei daher davon auszugehen gewesen, dass bei einer Verlegung der Betriebsversammlung von zwei bis drei Wochen nach hinten sich an deren Auswirkungen nichts ändere. Die Beklagte habe für das Verhalten ihres Personals als Erfüllungsgehilfen einzustehen. Ein Verschulden der Beklagten werde gesetzlich vermutet. Der Beklagten sei die Betriebsversammlung mindestens über eine Woche vor dem 22.03.2018 bekannt gewesen, sie hätte ihn über den möglichen Ausfall informieren müssen.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, die geleistete Zahlung sei gemäß Art 12 Abs 1 EU-FluggastVO auf einen allfälligen Schadenersatzanspruch des Klägers anzurechnen, umsichtshalber werde die unstrittig geleistete Zahlung von EUR 125,-- aufrechnungsweise gegen die Klagsforderung eingewendet. In der Zahlung liege kein Anerkenntnis der Anwendbarkeit der EU-FluggastVO. Die Vorverlegung eines Fluges sei keine Annullierung. Betreuungsleistungen am Zielort seien nach der EU-FluggastVO nicht zu erbringen. Gemäß Art 15.3.4. ihrer Beförderungsbedingungen sei die Übernahme von mittelbaren Schäden oder Folgekosten auch ausdrücklich ausgeschlossen. Die geltend gemachten Mehrkosten seien ausschließlich aufgrund der Handlungen des Klägers entstanden. Eine Beförderung vom Flughafen zum Hotel wäre in keinem Fall zu ersetzen, weil es sich unzweifelhaft um Sowiesokosten handle. Der Kläger habe die Beförderung am 21.3. selbst gewählt und damit auch Hotel- und Transportkosten billigend in Kauf genommen. Ein Verspätungsschaden liege nicht vor, weil die Beklagte mit ihrer Leistung nicht in Verzug geraten sei. Für die Beklagte sei nicht abschätzbar gewesen, wie viele Mitarbeiter der Beklagten tatsächlich an der Betriebsversammlung teilnehmen würden. Ihr wäre es arbeitsrechtlich gar nicht erlaubt, von ihren Mitarbeitern verbindliche Aussagen über deren Teilnahme bekannt zu geben. Die konkret zu setzenden Maßnahmen bzw. deren Ausmaß seien im Vorhinein unmöglich bestimmbar.
Der Kläger habe seine Schadenminderungspflicht verletzt. Das vom Kläger ausgewählte Hotel sei 29,1 km vom Flughafengelände entfernt gewesen. In der unmittelbaren Nähe des Flughafens Genf stünden 25 Hotels zur Verfügung. Ein Hotel, das in 1,5 km Entfernung zum Flughafen liege, werde für EUR 30,-- in der Nacht angeboten. Zu den in Anspruch genommenen Taxikosten werde ausgeführt, dass auch die Beförderung mittels Straßenbahn, Zug oder Bus möglich gewesen wäre, die Kosten würden diesfalls zwischen EUR 8,-- und EUR 21,-- betragen.
Mit dem angefochtenen Urteil stellte das Erstgericht die Klagsforderung mit EUR 280,-- als zu Recht bestehend fest, zur Gegenforderung sprach es aus, dass diese nicht aufrechenbar sei. Es verpflichtete die Beklagte, dem Kläger EUR 280,-- samt 4 % Zinsen seit 21.03.2018 zu zahlen. Es traf die auf Seiten 5 und 6 der Urteilsausfertigung ON 16 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass der Kläger nicht die Verbrauchereigenschaft nach dem KSchG in Anspruch nehmen könne. Die Beklagte habe ihre Hauptleistungspflicht aus dem Beförderungsvertrag vorsätzlich verletzt. Daher sei der Haftungsausschluss für vorsätzliche Schadenszufügung sittenwidrig und unbeachtlich. Der Luftbeförderungsvertrag werde nicht als absolutes Fixgeschäft aufgefasst. Wenn ein entgeltlicher Vertrag von einem Teil nicht in der gehörigen Zeit, am gehörigen Ort oder auf die bedungene Weise erfüllt werde, könne der andere gemäß § 918 Abs 1 ABGB entweder Erfüllung und Schadenersatz wegen der Verspätung begehren oder unter Festsetzung einer angemessenen Frist zur Nachholung den Rücktritt vom Vertrag erklären. Die Beklagte sei in subjektiven Schuldnerverzug geraten. Dem Kläger seien durch die Annullierung und Umbuchung auf einen früheren Flug konkrete Aufwendungen in Form der notwendig gewordenen Hotelübernachtung und Fahrtkosten zum und vom Hotel entstanden; diese seien von der Beklagten aus dem Titel des Schadenersatzes zu ersetzen. Zum Einwand der Verletzung der Schadensminderungspflicht führte es aus, dass zu den Hotelkosten nicht habe festgestellt werden können, dass ein günstigeres Hotel zum Zeitpunkt der Buchung verfügbar gewesen sei. Zu den Taxifahrten führte es aus, dass dem Kläger nicht zuzumuten gewesen sei, bei einer derart kurzfristigen Umbuchung sich noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eines fremden Landes auseinanderzusetzen; in der vergleichbaren Situation hätte wohl jeder andere Mensch genauso wie der Kläger gehandelt und einen Transport mit dem Taxi gewählt. Der Kläger habe versucht, die Kosten durch den Transport mittels UBER gering zu halten. Zur „Gegenforderung“ führte das Erstgericht aus, dass Unterstützungsleistungen unentgeltlich zu erbringen und nicht auf den Ausgleichsanspruch anzurechnen seien. Die beiden Konstellationen der Umbuchung auf einen späteren oder auf einen früheren Flug seien vergleichbar, es wäre sachwidrig, den jeweiligen Ersatz anders zu behandeln. Nach der Begründung der Kostenentscheidung (unter Berufung auf § 41 Abs 1 ZPO) führte das Erstgericht noch aus, dass das Klagebegehren auch aufgrund Art 5 Abs 1 lit b iVm mit Art 9 Abs 1 lit b und c EU-FluggastVO zuzusprechen sei, eine Anrechnung habe zu unterbleiben.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Der Kläger beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist teilweise berechtigt.
Die Berufungswerberin wendet sich gegen die Auffassung des Erstgerichtes, bei der Annullierungsentscheidung handle es sich um eine vorsätzliche Schädigung des Klägers; vielmehr sei der Haftungsausschluss für mittelbare Schäden und Folgeschäden in den Allgemeinen Beförderungsbedingungen der Beklagten wirksam vereinbart worden und gelange zur Anwendung. Durch die alternative Beförderung am Abend des Vortages liege kein Schuldnerverzug vor. Der Kläger habe sich für diese Beförderung entschieden. Im Nachhinein aus der einvernehmlichen Vertragsveränderung dem Kläger Schadenersatzansprüche zuzusprechen, sei nicht nachvollziehbar. Die Fahrtkosten seien Sowiesokosten, die auch dann entstanden wären, wenn der Kläger seinen Zielort erst am nächsten Tag erreicht hätte. Er hätte sich auch bei einer Ankunft zum ursprünglichen Zeitpunkt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eines fremden Landes auseinanderzusetzen gehabt, in der Stadt Genf werde grundsätzlich auch Deutsch gesprochen. Es habe sich um keine Beförderung mit UBER gehandelt, die Rechnung stamme von einem Taxi bzw. Transportunternehmen. Die frühere Beförderung werde von der EU-FluggastVO nicht als anspruchsbegründend betrachtet, deshalb sei eine Anrechnung von Ausgleichsleistungen mit sonstigen Schadenersatzansprüchen möglich.
Der Berufungsgegner hält dem entgegen, dass keine Vorverlegung des Fluges vorliege, sondern eine Annullierung mit einer Ersatzbeförderung auf einen früheren Flug. In analoger Anwendung von Art 9 Abs 1 EU-FluggastVO habe der Kläger Anspruch auf Ersatz der Hotel- und Taxikosten. Es handle sich um eine Ermessensentscheidung des Gerichtes, ob der Anspruch auf Ausgleichsleistung anzurechnen sei oder nicht. Die Allgemeinen Beförderungsbedingungen seien nichtig, weil sie die Rechte von Fluggästen nach der EU-FluggastVO einschränke. Der Kläger sei durch den früheren Flug am Vortag seiner Schadensminderungspflicht nachgekommen. Hätte er das nicht gemacht und den Geschäftstermin versäumt, wäre ein noch viel größerer Schaden entstanden.
Den Berufungsausführungen kommt teilweise Berechtigung zu.
[1] Einleitend ist zu bemerken, dass das Berufungsgericht die vom Erstgericht vertretene analoge Anwendung der Verpflichtung zur Unterstützungsleistung nach Art 5 Abs 1 lit b EU-FluggastVO nicht teilt. Die vom Erstgericht zitierte Stelle der Verordnung spricht ausdrücklich von der zu erwartenden Abflugszeit des neuen Fluges erst am Tag nach der planmäßigen Abflugszeit des annullierten Fluges. Im selben Art 5 EU-FluggastVO wird dem Umstand Rechnung getragen, wenn nach Annullierung eines Fluges die Ersatzbeförderung durch einen Flug erfolgt, der vor der ursprünglichen planmäßigen Abflugszeit abfliegt (Art 5 Abs 1 lit c Z 2 und 3 EU-FluggastVO). Eine Planwidrigkeit der Lücke, dass keine weiteren Betreuungsleistungen für einen annullierten und dann durch Ersatzbeförderung „vorverlegten“ Flug am Endziel vorgesehen sind, ist daher nicht anzunehmen. Schließlich ist auf die Rechtsprechung des EuGH zu verweisen, wonach der „Obhutszeitraum“ (mag der Begriff im Kontext der EU-FluggastVO auch nicht zutreffend sein) mit dem Öffnen der Flugzeugtüren endet (Urteil des EuGH vom 4.9.2014 in der Rechtssache C-452/13 Henning Rn 24).
Zusammengefasst kommt das Berufungsgericht zum Ergebnis, dass im Falle der Annullierung eines Fluges und Durchführung der Ersatzbeförderung vor dem planmäßigen Abflugs- und Ankunftszeitpunkt ein Anspruch auf Ersatz der (zusätzlichen) Hotel- und Transportkosten am Endziel nicht auf die EU-FluggastVO gestützt werden kann.
[2.1] Charakteristischer Vertragsinhalt und gleichzeitig Hauptleistungspflicht des Beförderers ist die Beförderung, also die Verbringung einer Person oder Sache vom Abflugsort zum gewünschten Bestimmungsort, wobei es sich ausnahmsweise – bei Rundflügen – um ein und den selben Ort handeln kann. Er muss nach dem Willen der Parteien auf eine Ortsveränderung gerichtet sein. Ist der Vertrag entgeltlich, handelt es sich um einen Werkvertrag (2 Ob 58/15s). Ein Personenbeförderungsvertrag mittels Luftfahrzeugen mit bestimmten Hin- und Rückflugterminen im Linienverkehr ist ein relatives Fixgeschäft im Sinne des § 919 Satz 2 ABGB, weil Natur und Zweck der vereinbarten Flugtermine schon im allgemeinen erkennen lassen, dass der Gläubiger (hier: Fluggast) an einer verspäteten Leistung kein Interesse mehr hat (RS0018434; Reidinger in Schwimann/Kodek ABGB4 § 919 Rz 6; Gruber in Kletecka/Schauer, ABGB/ON1.06 § 919 Rz 8; BGH 28.5.2009, Xa ZR 113/08; Führich in Führich/Staudinger, Reiserecht8, 762). Bei einem relativen Fixgeschäft ist die Erfüllung nach dem vereinbarten Leistungstermin noch möglich, und der Schuldner muss mit einem Erfüllungsbegehren des Gläubigers rechnen. Der Erfüllungsanspruch des Gläubigers setzt aber nach § 919 ABGB voraus, dass der Gläubiger dies dem Schuldner ohne Verzug anzeigt (2 Ob 74/12i [ErwGr 5.1]; 9 Ob 50/15s [ErwGr 4]). Anzeige ohne Verzug bedeutet „ohne schuldhaftes Zögern“. Unterlässt der Gläubiger die Anzeige, so verliert er seinen Erfüllungsanspruch und es kommt zum Zerfall des Vertrages. Die rechtzeitige Anzeige des Erfüllungsbegehrens wandelt das (relative) Fixgeschäft in ein normales Termingeschäft um. Wählt der Gläubiger beim relativen Fixgeschäft die Erfüllung, so hat er Anspruch auf Ersatz des Verspätungsschadens (Gruber in Kletecka/Schauer, ABGB/ON1.06 § 919 Rz 11 bis 13). Nach Annahme der verspätet angebotenen Leistung scheidet eine Berufung auf Vertragsunwirksamkeit infolge der Versäumung des Fixtermines aus; der Gläubiger kann bei schuldhafter Verzögerung nur Ersatz des Verspätungsschadens fordern (RS0018422; Bydlinski in KBB5 § 919 Rz 2; Reischauer in Rummel/Lukas ABGB4 § 918 RZ 144). Bei einer Annullierung eines Fluges hat der Fluggast weiterhin einen Erfüllungsanspruch (Lintschinger, Zum rechtlichen Nachspiel in der Reisebranche aufgrund des Vulkanausbruches in Island, wbl 2010, 321 [327] unter Berufung auf Janköster, Fluggastrechte im internationalen Verkehr). Ist die vereinbarte Reiseveranstaltung zur vorgesehen Zeit überbucht und werden die Reiseleistungen später erbracht, ist das keine Ersatzreise, sondern eine verspätete Vertragserfüllung (Fischer-Czermak, Leistungsstörungen beim Reiseveranstaltungsvertrag, JBl 1997, 274).
Das österreichische Recht erlaubt die vorzeitige Erfüllung nur in gesetzlichen Sonderregelungen, die hier nicht in Betracht kommen. Vorzeitige Leistung muss nicht angenommen werden (Reischauer in Rummel ABGB³ § 1413 Rz 2). Von der Berechtigung des Schuldners, vorzeitig zu leisten, ist jedoch die nachträgliche Änderung des vereinbarten Fälligkeitstermines zu unterscheiden. Außerdem ist der Gläubiger in Ausnahmefällen – spiegelbildlich zur vorzeitigen Erfüllung – berechtigt, vorzeitig zu fordern, der Schuldner darf aber nicht von sich aus früher leisten (Koller in Klang³ § 904 Rz 7). Da die nicht gehörige Erfüllung und beim Fixgeschäft auch die nicht zeitgerechte Erfüllung der Nichterfüllung gleichstehen, liegen in Wahrheit nur zwei verschiedene Fälle vor, nämlich jener der Nichterfüllung und der verspäteten Erfüllung beim Nichtfixgeschäft (RS0032114).
Im konkreten Fall handelt es sich zwar nicht um eine verspätete Leistung, sondern um eine verfrühte Leistung. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es sich nicht um eine gehörige Erfüllung im Sinne des § 918 ABGB handelt. Wenn in der Rechtsprechung und im Schrifttum regelmäßig vom „Verspätungsschaden“ gesprochen wird, ergibt sich dies zwangsläufig daraus, dass im Falle der Nichterfüllung zum vereinbarten Zeitpunkt eine Nachfrist zu setzen ist. Daraus ergibt sich zwingend, dass eine allfällige verspätete Erfüllung nur nach dem ursprünglich vereinbarten Erfüllungszeitpunkt vorliegen kann. Dies gilt für das (relative) Fixgeschäft nicht. Im Falle des relativen Fixgeschäftes handelt es sich nach dem oben Gesagten auch bei der Erfüllung vor dem ursprünglich vereinbarten Zeitpunkt um eine Leistungsstörung, bei der der Gläubiger nicht verpflichtet ist, dem Schuldner eine Nachfrist zu setzen. Insgesamt besteht daher für das Berufungsgericht kein Anlass, den „Verfrühungsschaden“ anders zu werten als den „Verspätungsschaden“.
Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass zwischen den Streitteilen ein Werkvertrag zustande gekommen ist, der als relatives Fixgeschäft aufzufassen ist. Die mit Zustimmung des Klägers vorgenommene Vertragsänderung im Sinne einer Vorverlegung des Fluges führt dazu, den vorverlegten Flug als Erfüllung der ursprünglichen vertraglichen Verpflichtung gemäß der Buchung aufzufassen. Der Kläger hat somit nicht Anspruch auf Ersatz eines Nichterfüllungsschadens, sondern nur des „Verspätungsschaden“.
[2.2] Die Berufungswerberin zeigt zutreffend auf, dass ihr vorsätzliches Verhalten durch die Annullierung des Fluges zu Unrecht unterstellt wurde. Vorsätzliches Verhalten liegt nur dann vor, wenn nicht nur eine bewusste Missachtung einer vertraglichen Verpflichtung, sondern auch die Billigung des Schadenseintrittes vorliegt. Erforderlich ist demnach auch eine vorsätzliche Schadenszufügung, nicht bloß die vorsätzliche Vertragsverletzung (7 Ob 533/93). Dass die Beklagte im Zeitpunkt der Annullierung des vom Kläger gebuchten Fluges den Vorsatz hatte, dem Kläger einen Schaden durch zusätzliche Hotel- und Transportkosten zuzufügen, hat der Kläger im erstinstanzlichen Verfahren nicht behauptet. Der Beklagten ist daher eine vorsätzliche Schädigung des Klägers nicht anzulasten.
[2.3] Die Beklagte stützte sich im erstinstanzlichen Verfahren darauf, dass sie die Annullierung wegen der Betriebsversammlung durchführte.
Hat beim
Werkvertrag der Unternehmer vertragswidrig erfüllt und kommt die vertragswidrige Erfüllung als Schadensursache in Betracht, so ist es seine Sache zu beweisen, dass die Vertragsverletzung nicht kausal für den Schaden war. Gelingt ihm dieser Beweis nicht, tritt bezüglich des Verschuldens die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB ein (allgemein RS0026134, RS0112247; für das Reiserecht RS0038355; für die Luftbeförderung von Personen 8 Ob 14/18v).
Das Erstgericht stellte dazu fest, dass Grund für die Annullierung eine Betriebsversammlung der Mitarbeiter der Beklagten gewesen sei (Seite 5 in ON 16). Inwieweit Mitarbeiter an der Betriebsversammlung teilnahmen oder ihre Teilnahme auch nur ankündigten, die für die Durchführung des später annullierten Fluges vorgesehen waren, wurde weder behauptet noch festgestellt. Der Ursachenzusammenhang der Betriebsversammlung einerseits und der Annullierungsentscheidung andererseits muss daher offen bleiben. Im Übrigen ist darauf zu verweisen, dass es bei Unterstellung eines Kausalzusammenhanges der Betriebsversammlung auch mit dem konkreten Flug die Beklagte sich nicht auf mangelndes Verschulden berufen kann. Grundsätzlich ist mangels einer Behauptung einer vertraglichen Einschränkung die Beklagte berechtigt gewesen, die Werkherstellung, in concreto den Transport des Klägers von Wien nach Genf, auch zur Gänze einem Dritten zu übertragen (Bydlinski in KBB5 § 1165 Rz 3, Reiner in Schwimann/Neumayr ABGB4 § 1165 Rz 17, Rebhahn/Kietaibl in Schwimann/Kodek ABGB4 § 1165 Rz 44, Kletecka in Kletecka/Schauer ABGB-ON1.03 § 1166 Rz 29). Die Beklagte hat im erstinstanzlichen Verfahren weder behauptet noch den Nachweis erbracht, dass ihr die Übertragung der Luftbeförderung an einen Dritten nicht möglich gewesen wäre.
Die Einberufung einer Betriebsversammlung stellt für sich keinen Grund dar, die Luftbeförderung des Klägers nicht durchzuführen. Den Einberufer der Betriebsversammlung trifft neben der Verständigung des Betriebsinhabers die weitere Pflicht, eine Interessensabwägung durchzuführen. Dabei ist das Interesse der Arbeitnehmerschaft an der Teilnahme möglichst vieler Arbeitnehmer an der Versammlung dem Interesse des Betriebsinhabers an einer möglichst störungsfreien Betriebsablaufes gegenüber zu stellen. Ist der Betriebsinhaber der Auffassung, dass der vom Betriebsrat festgesetzte Zeitpunkt den Betriebsablauf in unzumutbarer Weise stört, so kann er dies dem Einberufer mitteilen und im Streitfall beim Arbeits- und Sozialgericht auf Unterlassung klagen. In diesem Falle wäre unter Umständen auch die Erlassung einer Einstweiligen Verfügung denkbar (Schneller in Gahleitner/Mosler Arbeitsverfassungsrecht12 § 47 ArbVG Rz 5; Risak in Tomandl, Arbeitsverfassungsgesetz § 57 ArbVG Rz 8).
Als weiteres Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass der Beklagten der Nachweis, sie treffe kein Verschulden an den Schäden des Klägers, deshalb nicht gelungen ist, weil ein Ursachenzusammenhang zwischen der Betriebsversammlung und der Annullierung nicht festgestellt wurde, und weil im Falle einer nach umfangreicher Interessenabwägung einberufenen Betriebsversammlung diese den Betriebsablauf insoweit nicht zu stören vermag, dass die Annullierung des Fluges des Klägers erforderlich ist. Für den Fall, dass eine Annullierung eines Fluges doch erforderlich geworden wäre, hätte die Beklagte als Betriebsinhaberin gegen die Anberaumung der Betriebsversammlung gerichtlich vorgehen können. Schließlich hätte sie, für den Fall, dass eine gerichtliche Entscheidung zu spät erfolgt oder nicht hätte durchgesetzt werden können, die Luftbeförderung einem Dritten übertragen können (grundsätzlich zur Umbuchung siehe das Urteil des EuGH vom 11.6.2020 in der Rechtssache C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 59). Allfällige Unaufklärbarkeiten des Sachverhaltes gehen zu Lasten der Beklagten (8 Ob 14/18v). Die Schadenszufügung ist der Beklagten daher vorwerfbar, der ihr obliegende Entlastungsbeweis ist ihr nicht geglückt.
[2.4] Weiters ist das Argument zu behandeln, dass der Kläger ja in die alternative Beförderung eingewilligt hat. Dieser Umstand ändert nichts am Vorliegen des adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen der Annullierung des Fluges und den Aufwendungen des Klägers. Die Zurechnung der Schadensfolge erscheint nur dann nicht gerechtfertigt, wenn dies auf einem selbständigen, durch den haftungsbegründenden Vorgang nicht herausgeforderten Entschluss des Verletzten selbst beruht, der sie deshalb auch alleine zu verantworten hat (RS0022912). Die Beklagte hat auch gar nicht vorgetragen, dass eine umfassende Interessensabwägung ergeben würde, dass die Belastungsmomente auf Seiten des Geschädigten jene des Schädigers bei weitem überwiegen würden (vgl. 2 Ob 155/97a). Daher ist die Argumentation im erstinstanzlichen Verfahren, der Kläger sei die Aufwendungen freiwillig eingegangen und habe sie selbst verschuldet, verfehlt. Die Ausgaben für Hotel und Taxi beruhen auf dem haftungsbegründenden Vorgang, nämlich der Annullierung des Fluges. Die Bereitschaft des Klägers, schon am Vortag nach Genf zu fliegen, war daher nicht anspruchsvernichtend.
[2.5] Was den vertraglichen Ausschluss des insoweit zu Recht bestehenden Schadenersatzanspruches durch die allgemeinen Beförderungsbedingungen der Beklagten betrifft, ist zunächst darauf zu verweisen, dass die wirksame Vereinbarung insbesondere des Punktes 15.3.4. von den Parteien im Rechtsmittelverfahren nicht mehr in Frage gestellt wird; eine Geltungskontrolle ist somit nicht vorzunehmen. Abgesehen vom Ausschluss von Schadenersatzansprüchen mit pönalem Charakter, die hier unstreitig keine Rolle spielen, ist zu prüfen, ob ein Haftungsausschluss für mittelbare Schäden oder Folgeschäden anzuwenden ist.
Zum einen ist darauf hinzuweisen, dass nach ständiger Rechtsprechung ein bloß mittelbar Geschädigter nicht anspruchsberechtigt ist (RS0021473). Des weiteren spricht man bei einem Schaden, der außerhalb des Schutzzweckes der übertretenen Norm liegt, von einem (ebenfalls nicht zu ersetzenden) mittelbaren Schaden (vergleiche Karner in KBB5 § 1295 Rz 13). Eine vergleichbare Bestimmung wurde jüngst als intransparent im Sinne des Verbraucherrechtes qualifiziert (OLG Wien 20.2.2020, 4 R 151/19h). Dazu ist zu bemerken, dass es sich bei dem vom OLG Wien entschiednen Fall um eine Verbandsstreitigkeit handelt, und die Intransparenz im vorliegenden Fall keine Rolle spielt, weil einander zwei Unternehmer gegenüber stehen. Dies ändert nichts daran, dass die herrschende Rechtsprechung unter mittelbaren Schäden solche versteht, die ohnedies nicht zu ersetzen sind und im konkreten Fall gar nicht geltend gemacht wurden. Zum anderen ist zu prüfen, ob ein Folgeschaden vorliegt. Auch dies ist zu verneinen. Vielmehr handelt es sich nach dem oben Gesagten um das auf das Erfüllungsinteresse reduzierte verbleibende Restausmaß des Schadens, wenn es zu einer Vertragsänderung kommt und ein relatives Fixgeschäft in ein Termingeschäft verwandelt wird. Damit ist der Verspätungsschaden als in den Rahmen des Nichterfüllungsschadens fallend zu qualifizieren (Hödl in Schwimann/Neumayr ABGB4 § 921 Rz 6). Es handelt sich daher gerade nicht um einen Folgeschaden (eines anderen Schadens oder eines Mangels), sondern um einen unmittelbaren Schaden. Im Übrigen wird in Deutschland die Auffassung vertreten, dass die nicht zeitgerechte Durchführung eines Fluges keinen Werkmangel darstellt. Ein Mangel setzt voraus, dass das Werk selbst infolge der Zeitverzögerung nicht die geschuldete Beschaffenheit aufweist. Bei einer Flugreise oder einer sonstigen Beförderungsleistung ist dies regelmäßig nicht der Fall. Die Beförderungsleistung wird nicht dadurch schlechter, da sie erst zu einem späteren Zeitpunkt erbracht wird (BGH 28.5.2009, Xa ZR 113/08 Rn 17). Es ist somit bereits die Mangelhaftigkeit der Vertragserfüllung durch die Beklagte zu verneinen, weshalb die Qualifikation der geltend gemachten Aufwendungen des Klägers als Mangelfolgeschaden ausscheidet. Schließlich ist zu ergänzen, dass ein Haftungsausschluss bei Mangelfolgeschäden für leichte Fahrlässigkeit insbesondere dann unzulässig iSd § 879 Abs 3 ABGB ist, wenn er auch bei Verletzung vertraglicher Verpflichtungen zum Tragen kommt und eine sachliche Rechtfertigung für einen solchen weitgehenden Haftungsausschluss nicht zu erkennen ist (4 Ob 228/17h [ErwGr 6.3.3]). Diese Norm ist auch auf Verträge zwischen Unternehmern anzuwenden (10 Ob 54/04w [damals: Kaufleute]).
Als weiteres Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass die Allgemeinen Beförderungsbedingungen der Beklagten der Geltendmachung der vom Kläger getätigten Aufwendungen nicht entgegensteht.
[2.6] Es stellt einen Verstoß gegen die Schadensminderungspflicht dar, wenn der Geschädigte Handlungen unterlassen hat, die geeignet gewesen wären, den Schaden abzuwehren oder zu verringern, die – objektiv beurteilt – von einem verständigen Durchschnittsmenschen gesetzt worden wären, um eine nachteilige Veränderung des eigenen Vermögens hintanzuhalten, bzw. wenn er Handlungen gesetzt hat, die geeignet waren, den Schaden zu vergrößern und von einem verständigen Durchschnittsmenschen nicht gesetzt worden wären, und dies der Geschädigte bei gehöriger Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen und dieser Einsicht nach hätte er handeln können (RS0023573). Wird die Verletzung der Schadensminderungspflicht bejaht, hat der Geschädigte die von ihm zu vertretende Schadenserhöhung alleine zu tragen (9 Ob 26/09b).
Zu den Einzelpositionen ist auszuführen, dass sich der Einwand der Verletzung der Schadensminderungspflicht (vgl. 2 Ob 48/16x) im erstinstanzlichen Verfahren nur generell darauf stützt, dass es billigere Hotels als das vom Kläger gebuchte gäbe. Dieser Einwand wird in der Berufung nicht mehr aufrecht erhalten, weshalb das Berufungsgericht nicht dazu Stellung nehmen braucht. Was die Kosten des Transportes vom Flughafen Genf zum Hotel betrifft, legte die Beklagte eine Routenplanung für den 08.01.2020, 12.50 Uhr, vor. Dazu fehlt jeglicher Vortrag der Beklagten im erstinstanzlichen Verfahren, dass dieselben Verkehrsmittel dem Kläger auch bei einer Ankunftszeit um 22.00 Uhr noch zur Verfügung gestanden wären. Insbesondere ist auf die erste Position zu verweisen, wonach es sich um eine Umsteigverbindung mit einem Zug und zwei Straßenbahnen handelt. Ob diese Verbindung nächtens auch so dem Kläger zur Verfügung gestanden wäre, wurde nicht vorgetragen. Auch hinsichtlich dieser Position ist die Verletzung einer Schadensminderungspflicht nicht zu erkennen.
Anders ist der Transport am 22.03.2018 vom Hotel in das Stadtzentrum Genf zu bewerten. Die Notwendigkeit der Verwendung eines Taxis oder eines Mietwagens (UBER) für die morgendliche Beförderung ist nicht ersichtlich, weil auch bei der flugplanmäßigen Durchführung der Kläger in den Morgenstunden nach der Ankunft ein öffentliches Verkehrsmittel genutzt hätte. Weiters wäre er im Stande gewesen, ohne größeren Zeitdruck sich im Hotel an der Rezeption nach öffentlichen Verkehrsmitteln ins Stadtzentrum zu erkundigen. Zwar stellte das Erstgericht die konkreten Kosten des Transportes mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht fest, allerdings gestand die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren zu, dass diese Kosten bis zu EUR 21,-- betragen können.
Zusammengefasst ist im Rahmen der Verletzung der Schadensminderungspflicht nur wahrzunehmen, dass für die Fahrt vom Hotel in die Stadt Genf anstelle der Transportkosten von CHF 55,-- nur EUR 21,-- als Kosten einer alternativen Beförderung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zuzusprechen waren.
Im übrigen sind die Voraussetzungen des Schadenersatzanspruches gegeben, die dem Kläger ungekürzt zuzusprechen waren.
[3] Was die Anrechnung der unstreitig geleisteten Ausgleichszahlung von EUR 125,-- auf die in Rede stehenden Schadenersatzansprüche betrifft, ist von einer Anrechnung auszugehen. Der erkennende Senat hat in seinem Urteil vom 28.05.2020, 22 R 76/20m, ausführlich begründet, dass
- nach Art 12 Abs 1 EU-FluggastVO die Anrechnung einer bereits geleisteten Ausgleichszahlung auf dem nationalen Recht entspringende Ansprüche grundsätzlich zulässig ist,
- die Frage der Anrechnung nach nationalem Recht zu beurteilen ist,
- in der Judikatur zum Vorteilsausgleich bei der Berechnung des Schadens eine Anrechnungsbestimmung zu sehen ist,
- auch die PauschalreiseRL von einer weitgehenden Anrechnung von unvölkerrechtlichen-, unionsrechtlichen und nationalen Ansprüchen ausgeht,
- die PauschalreiseRL es grundsätzlich zulässt, dass die nationalen Umsetzungen ihre Regelungen nicht nur für Pauschalreisen und verbundene Reisen, sondern für sonstige Reisen vorsehen können,
- daher die nationale Judikatur zum Vorteilsausgleich bei der Schadensberechnung weiterhin aufrecht erhalten kann.
Zu ergänzen ist bloß, dass sich aus dem mit Gründen versehenen Beschluss des EuGH nach Art 99 der Verfahrensordnung des Gerichtshofes (ebenfalls vom 28.05.2020 in der Rechtssache C-153/19 DER Touristik Rn 36) keine neuen Aspekte ergeben haben, die es notwendig erscheinen lassen, von der in der zitierten Entscheidung des erkennenden Senates vom selben Tag getätigten Ausführungen abzugehen. Ebenso vermögen die Ausführungen in den Rechtsmittelschriftsätzen nichts beizutragen, die ein Abgehen von der ausführlich begründeten Entscheidung erforderlich macht. Die geleistete Ausgleichszahlung ist daher dem Vorbingen der Beklagten folgend auf die Klagsforderung anzurechnen.
[4] Insgesamt kommt das Berufungsgericht zum Ergebnis, dass der Kläger Anspruch auf Ersatz seiner Auslagen für das Hotel und für die Kosten der Transporte vom Flughafen zum Hotel und vom Hotel in das Stadtzentrum von Zürich hat. Davon waren dem Kläger die Hotelkosten und die Kosten des Transportes vom Flughafen zum Hotel ungekürzt zuzusprechen. Hinsichtlich der Kosten der Fahrt vom Hotel in das Stadtzentrum ist dem Kläger die Verletzung der Schadensminderungspflicht vorzuwerfen, was dazu führt, dass der Anspruch auf das Ausmaß zu kürzen ist, hätte er seine Schadensminderungspflicht nicht verletzt. Insgesamt errechnet sich ein Anspruch von EUR 230,45. Auf diesen Anspruch ist die bereits geleistete Ausgleichszahlung von EUR 125,-- anzurechnen. Daraus ergibt sich eine Berechtigung der Klagsforderung mit EUR 105,45. Im Hinblick darauf, dass durch die Anrechnung die Gegenforderung der Beklagten getilgt wurde, ist die aufweisungsweise geltend gemachte Forderung erloschen, sodass die Gegenforderung als nicht zu Recht bestehend festzustellen war. Insgesamt waren dem Kläger EUR 105,45 (zuzüglich Zinsen) zuzusprechen, ein Mehrbegehren von EUR 174,55 (zuzüglich Zinsen) war abzuweisen.
[5] Die Abänderung des erstinstanzlichen Urteiles macht die Neufassung der Kostenentscheidung erforderlich. Der Kläger ist mit rund 40 % durchgedrungen, die Beklagte hat mit 60 % obsiegt. Dem Kläger gebühren daher 40 % der Barauslagen, der Beklagten gebührt 20 % (= 60 % - 40 %) des Anwaltshonorars.
Hinsichtlich der Barauslagen des Klägers ist darauf zu verweisen, dass er über sein Kostenverzeichnis hinaus in der Mahnklage (vom Erstgericht unberücksichtigt) EUR 10,-- an Portopauschale verzeichnet hat. Der Kläger verzeichnete diese Position in seinem Kostenverzeichnis nicht und bot auch keine Aufklärung an, woraus er diese Kostenforderung ableitet. Einerseits ist möglich, dass es sich um die Portokosten der Übersendung der Mahnklage handelt, andererseits kann es sich um einen außergerichtlichen Briefverkehr handeln. In den beiden Fällen wären die konkreten Kosten, die dem Kläger aufgelaufen sind, zu bescheinigen gewesen (Obermaier, Kostenhandbuch³ Rz 1.54). Dem Kläger waren daher als Barauslagen nur die (anteiligen) Kosten der Pauschalgebühr zuzuerkennen (§ 43 Abs 1 ZPO).
[6] Die Kosten im Berufungsverfahren waren nach § 43 Abs 1, 50 ZPO zu bestimmen, wobei auf die Berechnung der Obsiegensquote im erstinstanzlichen Verfahren verwiesen wird.
[7] Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200702_LG00119_02200R00100_20S0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00100.20S.0702.000
|
22R100/20s
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200702_LG00119_02200R00100_20S0000_000/JJT_20200702_LG00119_02200R00100_20S0000_000.html
| 1,593,648,000,000
| 2,235
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei R***** B*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwaelte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch MMag. Christoph Krones, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 400,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 26.02.2020, 23 C 1346/19t-10, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit EUR 210,84 (darin EUR 35,14 USt.) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung für die nachstehenden von der Beklagten durchgeführten Flüge:
- OS 180 ab Stuttgart 26.05.2019, 07:45 Uhr, an Wien 26.05.2019, 09:05 Uhr und
- OS 619 ab Wien 26.05.2019, 09:50 Uhr, an Odessa 26.05.2019, 12:40 Uhr.
Die tatsächlichen Flugzeiten waren:
- OS 180 ab Stuttgart 26.05.2019, 08:33 Uhr, an Wien 26.05.2019, 09:28 Uhr und
- OS 619 ab Wien 26.05.2019, 10:15 Uhr, an Odessa 26.05.2019, 12:35 Uhr.
Der Kläger verpasste den Anschlussflug OS 619 und wurde von der Beklagten auf einen Ersatzflug am selben Tag umgebucht. Er erreichte sein Endziel mit einer mehr als dreistündigen Verspätung. Die Entfernung von Stuttgart nach Odessa beträgt mehr als 1.500 km, aber weniger als 3.500 km.
Mit der beim Erstgericht am 28.06.2019 eingebrachten Klage begehrte der Kläger den Zuspruch von EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 27.05.2019 und brachte vor, dass sich der Flug OS 180 infolge eines allein von der Beklagten zu verantwortenden Umstandes verspätet habe; durch diese Verspätung sei der Anschlussflug OS 619 versäumt worden. Es werde bestritten, dass schlechtes Wetter der Grund für die Flugunregelmäßigkeit gewesen sei. Der Einordnung der Geschehnisse als außergewöhnlich iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO scheide aus. Zur planmäßigen Abflugzeit des Fluges OS 180 habe 7 kn Wind, uneingeschränkte Sicht sowie „clouds & visibility Ok“ geherrscht. Warum Schlechtwetter für die Verspätung ursächlich gewesen sein sollte, erschließe sich dem Kläger nicht. Der Anschlussflug habe Verspätung gehabt; mit Unterstützung der Beklagten wäre ein Erreichen des Anschlussfluges möglich gewesen.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, der Zubringerflug habe am Flughafen Stuttgart nicht wie geplant um 07:45 Uhr gestartet werden können, weil es am 26.05.2019 zu besonders schlechten Wetterverhältnissen im Raum Stuttgart gekommen sei. Planmäßige Abflüge seien zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen. Aufgrund von Vorgaben der Flugsicherung, die auch auf die erwähnten Beeinträchtigungen zurückzuführen seien und sich aus dem IATA-Delay-Code 81 ergeben würden, habe der Flug OS 180 erst mit einer Verspätung von 37 Minuten den Flughafen Stuttgart verlassen. Dieser Code stehe für Restriktionen der Flugsicherung auf der Flugroute oder deren Kapazität. Weder auf Wettereignisse noch auf Maßnahmen der Flugsicherung bzw. des Flughafens habe die Beklagte Einfluss nehmen können. Selbst wenn die klagsgegenständliche Verspätung nicht auf Wetterbedingungen zurückzuführen gewesen sei, seien diese sehr wohl auf die Vorgaben der Flugsicherung zurückzuführen, die die Startfreigabe für 08:33 Uhr erteilt habe. Am 26.05.2019 hätten auch im zumindest gleichen Umfang in Wien schlechte Wetterverhältnisse geherrscht. Im Zeitpunkt der geplanten Landung sei eine Ratenreduktion auf 25 Anflüge pro Stunde erfolgt. Grund dafür sei gewesen, dass die Austro Control zu diesem Zeitpunkt nicht über ausreichend Personal verfügt habe. Das Boarding des Anschlussfluges sei kurz vor dem planmäßigen Abflug geschlossen worden, sodass der Anschlussflug vom Kläger jedenfalls nicht habe erreicht werden können. Der Kläger sei auf die nächstmögliche Flugverbindung umgebucht worden, nämlich PS 0846 von Wien nach Kiew und PS 0055 von Kiew nach Odessa.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, traf die auf Seiten 3 und 4 der Urteilsausfertigung ON 10 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit b EU-FluggastVO bei der Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von mehr als 1.500 km und weniger als 3.500 km eine Ausgleichszahlung von EUR 400,-- gebühre. Nach der Rechtsprechung des EuGH seien Fluggäste verspäteter Flüge im Hinblick auf die Anwendung des Ausgleichsanspruches den Fluggästen annullierter Flüge gleichgestellt, wenn sie wegen eines verspäteten Fluges einen Zeitverlust von drei Stunden oder mehr erleiden würden. Die Beklagte könne sich nicht von der Zahlung einer Ausgleichsleistung befreien. Dem Zubringerflug OS 180 sei ein entsprechender Slot durch die EUROCONTROL zugeteilt worden. Die Reduzierung der Anflugrate am Flughafen Wien auf 25 Anflüge pro Stunde sei einem Personalmangel bei der Flugsicherung geschuldet. Diese Maßnahmen seien von der Beklagten nicht zu beeinflussen. Es liege ein außergewöhnlicher Umstand im Sinne von Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vor. Dem Kläger wären bei einem pünktlichen Abflug des Anschlussfluges immer noch 22 Minuten bis zu dessen Start verblieben. Es sei nicht auszuschließen, dass die effektive Umsteigezeit des Klägers sogar noch länger gewesen wäre. Die Beklagte habe nicht nachweisen können, warum es ihr nicht möglich gewesen sei, den Kläger dahin zu unterstützen, dass er seinen Folgeflug noch erreiche. Es habe nicht einmal festgestellt werden können, dass die Beklagte irgendwelche Maßnahmen getroffen habe, um den Kläger einen schnelleren Transfer zwischen den beiden Flügen zu ermöglichen. Im Hinblick auf die Minimum-Connecting-Time (MCT) am Flughafen Wien von lediglich 25 Minuten sei bei einer Gesamtbetrachtung der Umstände nicht davon auszugehen, dass die Beklagte sämtliche ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe, um die mehr als dreistündige Ankunftsverspätung des Klägers hintanzuhalten.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren stattgegeben werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Der Kläger beantragt in seiner Berufungsbeantwortung, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin zieht die Rechtsansicht des Erstgerichtes in Zweifel, wonach es bei der Prüfung der zumutbaren Maßnahmen auf die potenzielle Umsteigezeit zwischen der tatsächlichen Ankunftszeit des Zubringer- und der planmäßigen Abflugszeit des Anschlussfluges abzustellen sei, und führt aus, es sei auf die tatsächliche Umsteigezeit zwischen der tatsächlichen Ankunftszeit des Zubringer- und der tatsächlichen Abflugszeit des Anschlussfluges abzustellen. Ob die Beklagte bewusst oder unverschuldet mit dem Abflug des Anschlussfluges zugewartet habe, könne keine Rolle spielen. Dem Kläger wäre eine ausreichend lange Umsteigezeit zur Verfügung gestanden. Weiters rügt die Berufungswerberin als sekundären Feststellungsmangel, dass das Erstgericht hätte feststellen können, dass es dem Kläger möglich gewesen wäre, seinen Anschlussflug zu erreichen.
Diesen Ausführungen kommt keine Berechtigung zu. Der erkennende Senat hat sich in seinem Aufhebungsbeschluss vom 26.05.2020, 22 R 51/20k, ausführlich mit den auch hier relevanten Fragen auseinandergesetzt, die sich unter dem Begriff „Kausalitätsprüfung bei Verpassen des Anschlussfluges nach Verspätung des Zubringerfluges“ zusammenfassen lassen. In diesem Aufhebungsbeschluss werden ausführlich die Begriffe der Mindestumsteigezeit (MCT) erläutert und vom Begriff der „echten“ Umsteigezeit abgegrenzt. Das Berufungsgericht nahm Stellung zu Fragen der Beweislast und der Frage, inwieweit das Vorliegen von außergewöhnlichen Umständen nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO eine Rolle spielt oder nicht. An den dort dargelegten Erwägungen wird festgehalten. Insbesondere sei erwähnt, dass dort die Aufhebung des angefochtenen Urteiles notwendig war, um die tatsächliche Abflugszeit des Anschlussfluges zu ermitteln, weil mit der Feststellung bzw. Außerstreitstellung der planmäßigen Abflugszeit des Anschlussfluges nicht das Auslangen gefunden werden konnte.
Besteht eine Flugreise aus Zubringer- und Anschlussflug, besteht ein Anspruch auf Ausgleichsleistung nach Art 5 iVm Art 7 EU-FluggastVO dann, wenn der Fluggast sein Endziel mit einer Verspätung von drei oder mehr Stunden erreicht (EuGH [GK] 26.02.2013 Rechtssache C-11/11 Folkerts u.a. Rn 47). Eine Leistungsstörung bloß am Zubringerflug, ohne dass es zu einer großen Verspätung am Endziel kommt, führt zu keinem Anspruch auf Ausgleichsleistung (Urteil EuGH 30.04.2020 Rechtssache C-191/19 Air Nostrum Rn 34).
Kommt es zur Verspätung des Zubringerfluges, versäumt der Fluggast den Anschlussflug und erreicht sein Endziel erst mit einer Verspätung von drei oder mehr Stunden, ist zu prüfen, ob die Verspätung des Zubringerfluges ursächlich für die Versäumung des Anschlussfluges war. Dem beklagten Luftfahrtunternehmen steht der Anscheinsbeweis offen, der dadurch erbracht wird, dass die für die konkrete Flugverbindung vom Flughafen vorgegebene Mindestumsteigezeit (MCT) noch zur Verfügung stand. Dazu ist die tatsächliche Ankunftszeit des Zubringerfluges der tatsächlichen Abflugszeit des Anschlussfluges gegenüberzustellen. Wird die MCT zwischen den beiden Flügen eingehalten, spricht der Beweis des ersten Anscheins für einen Umstand in der Sphäre des Fluggastes. Es ist dann Sache des Klägers, Umstände zu behaupten und nachzuweisen, warum im konkreten Fall die MCT (für ihn) nicht ausgereicht habe. Wird die MCT unterschritten, muss das Luftfahrtunternehmen darlegen und beweisen, dass der Fluggast in der konkreten Situation den Anschlussflug dennoch erreichen hätte können. Im konkreten Fall lag zwischen der tatsächlichen Ankunftszeit des Zubringerfluges und der tatsächlichen Abflugszeit des Anschlussfluges ein Zeitraum, der die MCT für die konkrete Flugverbindung überschritt. Allerdings brachte die Beklagte selbst im erstinstanzlichen Verfahren vor, dass das Boarding des Anschlussfluges kurz vor dem planmäßigen Abflug geschlossen worden sei, sodass der Anschlussflug vom Kläger jedenfalls nicht habe erreicht werden können. Es ist daher unstrittig, dass die Zeitspanne zwischen dem tatsächlichen Zeitpunkt der Landung des Zubringerfluges und dem tatsächlichen Zeitpunkt des Abfluges des Anschlussfluges zwar die MCT überstieg, in concreto dem Fluggast jedoch nicht zur Verfügung stand, sondern der Anschlussflug nach dem Schließen des Gates am Flughafen zuwarten musste und mit 25 Minuten Verspätung startete. Die von der Berufungswerberin vermisste Feststellung, dem Kläger wäre es möglich gewesen, den Anschlussflug zu erreichen, widerspricht somit dem eigenen Sachverhaltsvortrag. Weiters ist die Negativfeststellung, es könne nicht festgestellt werden, wann das Boarding für den Flug OS 619 geschlossen wurde, nicht vom Vorbringen der Parteien gedeckt, daher „überschießend“ und entgegen dem Standpunkt des Berufungsgegners unbeachtlich. Die tatsächlich dem Fluggast zur Verfügung stehende Zeit kann die Beklagte somit nicht unter Hinweis auf die MCT unter (Anscheins-)Beweis stellen. Es ist daher davon auszugehen, dass die Verspätung des Zubringerfluges ursächlich für die große Verspätung des Fluggastes am Endziel war.
In einem solchen Fall bedarf es der Prüfung nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO, ob ein außergewöhnlicher Umstand vorlag, und ob das Luftfahrtunternehmen alles getan hat, um dem Fluggast das pünktliche Erreichen seines Endzieles zu gewährleisten, wozu auch – wie der Berufungsgegner zutreffend hinweist - die Behauptung gehört, dass ein möglicherweise verspätet erschienener Passagier nicht mehr hätte mitgenommen werden können.
Die Rechtsansicht des Erstgerichtes, eine Slot-Reduzierung aufgrund Personalmangels der Flugsicherung stellt einen außergewöhnlichen Umstand nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO dar, wird von den Parteien im Berufungsverfahren nicht mehr in Zweifel gezogen.
Nach mittlerweile ständiger Rechtsprechung des Berufungsgerichtes muss ein verspätet erschienener Passagier mitgenommen werden, solange dies ohne Beeinträchtigung des Flugbetriebes möglich ist (AG Düsseldorf, 12.8.1999, 27 C 20229/98). Dass der möglicherweise verspätet erschienene Passagier nicht mehr hätte mitgenommen werden können (LG Korneuburg 21 R 203/18b, 22 R 5/20w), ist dem Vorbringen nicht mit der erforderlichen Klarheit zu entnehmen. Die Beklagte brachte nur vor, das Boarding des Anschlussfluges sei kurz vor dem planmäßigen Abflug geschlossen worden, sodass der Anschlussflug vom Kläger jedenfalls nicht habe erreicht werden können, ohne dass eine ziffernmäßige Festlegung dem Vorbringen zu entnehmen ist. Gerade im Hinblick auf die 25-minütige Abflugverspätung des Anschlussfluges wäre aber auszuführen, weshalb ein Zuwarten mit der Schließung des Gates des Anschlussfluges nicht möglich gewesen wäre. Da die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren der diesbezüglichen Behauptungs- und Beweislast nicht nachgekommen ist, hat sie nicht im ausreichenden Ausmaß behauptet und nachgewiesen, alles getan zu haben, um dem Passagier ein Erreichen des Anschlussfluges zu ermöglichen. Es mag sein, dass das Zuwarten des Anschlussfluges dazu hätte führen können, dass bereits geboardete Passagiere ihrerseits wieder ihre Anschlussflüge hätten verpassen können. Dass Passagiere ihre Anschlussflüge verpassen können, ist gerichtsbekannt. Dem Vorbringen ist jedoch nicht zu entnehmen, ob mit dem Anschlussflug Passagiere befördert wurden, bei denen in concreto die Gefahr bestand, dass sie ihre Anschlussflüge verpassen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund zu sehen, dass der Anschlussflug ohnedies 25 Minuten verspätet abflog. Es wäre daher Vorbringen zu erstatten gewesen,
- ob und in welchem Ausmaß es notwendig gewesen wäre, den Anschlussflug derart verspätet starten zu lassen, dass der Passagier dies noch hätte erreichen können,
- ob und in welchem Ausmaß dies zu einer Ankunftsverspätung des Anschlussfluges geführt hätte und
- ob dadurch auf dem Anschlussflug beförderte Passagiere zusätzlich (über die ohne das weitere Zuwarten durch die bereits eingetretene Abflugverspätung hinausgehende Zahl) ihre Anschlussflüge verpasst hätten (LG Korneuburg 7.4.2020, 22 R 45/20b; 28.05.2020, 22 R 73/20w).
Dem Luftfahrtunternehmen zumutbare Maßnahmen können aber auch die Unterstützung durch bevorzugte Abfertigungen an Sonderschaltern, die Unterstützung bei der Bewältigung des Weges im Terminal durch Zurverfügungstellung eines Elektrofahrzeuges (wie sie Luftfahrtunternehmen beschränkt mobilen Menschen zukommen lassen), die begleitete Beförderung des Fluggastes von Flugzeug zu Flugzeug über das Vorfeld, die Bitte an das Luftfahrtunternehmen, das den Anschlussflug durchführt, die Beendigung des Boarding noch wenige Minuten zu verzögern etc sein. Das Luftfahrtunternehmen muss daher vortragen und beweisen, dass solche Maßnahmen nicht möglich, nicht zumutbar oder von Vorneherein nicht erfolgversprechend gewesen wären (Schmid in BeckOK Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 153b mwN). Auch dazu hat die Beklagte kein Vorbringen erstattet.
Das Erstgericht hat der Beklagten daher im Ergebnis zu Recht die Berufung auf außergewöhnliche Umstände nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO verwehrt. Es bedarf daher weder einer Auseinandersetzung mit den Argumenten, die sich mit der Notwendigkeit von auf die Mindestumstiegszeit aufzuschlagenden Puffern beschäftigen, noch bedarf es einer Prüfung, ob die in diesem Zusammenhang stehenden und von der Berufungswerberin vermissten Feststellungen hätten getroffen werden müssen.
Insgesamt war daher der Berufung ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41, 50 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 502 ZPO.
|
JJT_20200702_LG00119_02200R00106_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00106.20Y.0702.000
|
22R106/20y
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200702_LG00119_02200R00106_20Y0000_000/JJT_20200702_LG00119_02200R00106_20Y0000_000.html
| 1,593,648,000,000
| 1,831
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei C***** S*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwaelte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch MMag. Christoph Krones, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 400,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 24.02.2020, 25 C 91/19y-10, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben und das angefochtene Urteil dahin abgeändert, dass es zu lauten hat:
„[1] Das Klagebegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der klagenden Partei EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 21.10.2017 zu zahlen, wird abgewiesen.
[2] Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 747,53 (darin EUR 124,59 USt.) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu Handen des Beklagtenvertreters zu ersetzen.“
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 280,84 (darin EUR 35,14 USt. und EURÂ 70,-- Barauslagen) binnen 14 Tagen zu Handen des Beklagtenvertreters zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin verfügte über eine bestätigte Buchung für nachstehende von der Beklagten durchgeführten Flüge:
- OS 152 ab Düsseldorf 20.10.2017, 10:10 Uhr, an Wien 20.10.2017, 11:50 Uhr und
- OS 861 ab Wien 20.10.2017, 12:30 Uhr, an Tel Aviv 20.10.2017, 17:00 Uhr.
Die tatsächlichen Flugzeiten waren:
- OS 152 ab Düsseldorf 20.10.2017, 10:40 Uhr, an Wien 20.10.2017, 12:14 Uhr und
- OS 861 ab Wien 20.10.2017, 12:40 Uhr.
Die Klägerin verpasste den Anschlussflug, wurde auf den Flug OS 859 von Wien nach Tel Aviv umgebucht und erreichte ihr Endziel mit mehr als dreistündiger Verspätung.
Mit der beim Erstgericht am 04.04.2019 eingebrachten Klage begehrte die Klägerin von der Beklagten die Zahlung von EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 21.10.2017 und brachte vor, infolge eines alleine von der Beklagten zu verantwortenden Umstandes habe sich der Zubringerflug verspätet. Die Reduzierung der An-und Abflugrate aufgrund schwerer Regenfälle sei nicht ursächlich für das Verpassen des Anschlussfluges gewesen. Zur geplanten Abflugzeit habe es in Düsseldorf nicht einmal Regen gegeben. 20 Minuten vorher habe es leichten Regen und uneingeschränkte Sicht gegeben, dies sei nicht außergewöhnlich. Es werde bestritten, dass schlechtes Wetter der Grund für die Verspätung gewesen sei. Es habe an diesem Tag keine extremen Wetterverhältnisse, kein schweres Gewitter, keine Hurrikan, keine Tornados und keinen Vulkanausbruch gegeben, das Wetter sei konkret [XXX] gewesen. Die zu lösende Rechtsfrage laute daher: „Ist [XXX] Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des Luftfahrtunternehmens.“ [sic!]. Wenn eine Fluggesellschaft Flüge mit knappen Umsteigezeiten verkaufe, liege es ausschließlich in der Sphäre der Beklagten und sei von ihr zu vertreten. Der Anschlussflug habe zehn Minuten Verspätung gehabt, sodass mit entsprechender Unterstützung der Beklagten ein Erreichen des Anschlussfluges möglich gewesen wäre.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, der Zubringerflug habe aufgrund von außergewöhnlichen Umständen nicht planmäßig durchgeführt werden können, wodurch der Klägerin keine Ausgleichsleistungen zustehen würden. Konkret habe die Wettersituation in Düsseldorf in Form von starken Regenfällen und einer damit verbundenen Ab- und Anflugratenreduktion durch die Flugsicherung dazu geführt, dass mehrere Flüge, sowie auch der klagsgegenständliche Flug, als verspätet hätten durchgeführt werden können. Dies hätte zur Folge gehabt, dass die ursprünglich von der Flugsicherung ausgegebenen Slots operationell nicht mehr im normalen Tagesbetrieb hätten abgeflogen bzw. durchgeführt werden können. Weder auf Wetterereignisse noch auf die Maßnahmen der Flugsicherung bzw. des Flughafens könne die Beklagte Einfluss nehmen. Die Klägerin sei umgehend auf die nächstmögliche Flugverbindung umgebucht worden. Weiters sei die Verspätung des Zubringerfluges auch auf Wetterverhältnisse am Flughafen Wien und die daraus resultierende Slotvergabe zurückzuführen gewesen.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, traf die auf Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ON 10 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit b EU-FluggastVO bei der Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von mehr als 1.500 km, aber weniger als 3.500 km eine Ausgleichszahlung von EUR 400,-- gebühre, nach der Rechtsprechung des EuGH seien Fluggäste verspäteter Flüge im Hinblick auf die Anwendung des Ausgleichsanspruches den Fluggästen annullierter Flüge gleichgestellt und könnten einen Ausgleichsanspruch somit ebenfalls geltend machen, wenn sie wegen eines verspäteten Fluges einen Zeitverlust von drei Stunden oder mehr erleiden würden. Die Ausgleichsleistung sei nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO jedoch nicht zu leisten, wenn das ausführende Luftfahrtunternehmen nachweisen könne, dass die Verspätung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe. Die Verspätung des Zubringerfluges sei auf einen von der Flugsicherung erteilten Slot aufgrund des zum Landezeitpunkt in Wien vorherrschenden schlechten Wetters in Form von Nebel und einer tiefen Wolkenuntergrenze zurückzuführen. Auf diese Maßnahme habe die Beklagte keinen Einfluss. In einem nächsten Schritt sei daher zu prüfen, ob die Beklagte sämtliche ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe. Dazu sei festzuhalten, dass ein Luftfahrtunternehmen bei einheitlich gebuchten Anschlussflugverbindungen die Umsteigezeit so kalkulieren müsse, dass für den Fluggast ein Umstieg auch dann möglich sei, wenn der Flug mit einer Verspätung am Umsteigeflughafen ankomme. Es könne dabei nicht die vom Flughafen angegebene Umsteigezeit zugrunde liegen, sondern die „echte Umsteigezeit“. Die für die gegenständlichen Flüge vom Flughafen Wien vorgegebene Minimum-Connecting-Time (MCT) von 25 Minuten sei laut Plan um 15 Minuten überschritten worden. Die Slotverspätung von ca. 40 Minuten aufgrund des Wetters könne von der Beklagten jedoch nicht eingeplant werden. Die getroffene Negativfeststellung vor allem zur Frage, ob die Beklagte Vorkehrungen getroffen habe, um der Klägerin das Erreichen ihres Anschlussfluges noch zu ermöglichen im Zusammenhalt mit dem Umstand, dass der Anschlussflug selbst um zehn Minuten verspätet gewesen sei, gehe zu Lasten der diesbezüglich beweisbelasteten Beklagten. Es stehe gerade nicht fest, aus welchem Grund der Folgeflug verspätet gewesen sei. Es könne sohin auch nicht beurteilt werden, ob nicht etwa schon aus diesem Grund die Möglichkeit bestanden hätte, durch entsprechende Informationen zu erreichen, dass auf das Eintreffen der Klägerin gewartet werde, ohne dass es dadurch zu einer größeren Verspätung des Folgefluges komme.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung (inklusive Feststellungsmängel aufgrund unrichtiger rechtlicher Beurteilung) mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren stattgegeben werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist berechtigt.
Die Berufungswerberin zieht die Rechtsansicht des Erstgerichtes in Zweifel, wonach es bei der Prüfung der zumutbaren Maßnahmen auf die potenzielle Umsteigezeit zwischen der tatsächlichen Ankunftszeit des Zubringer- und der planmäßigen Abflugszeit des Anschlussfluges abzustellen sei, und führt aus, es sei auf die tatsächliche Umsteigezeit zwischen der tatsächlichen Ankunftszeit des Zubringer- und der tatsächlichen Abflugszeit des Anschlussfluges abzustellen. Ob die Beklagte bewusst oder unverschuldet mit dem Abflug des Anschlussfluges zugewartet habe, könne keine Rolle spielen. Der Klägerin wäre eine ausreichend lange Umsteigezeit zur Verfügung gestanden. Weiters rügt die Berufungswerberin als sekundären Feststellungsmangel, dass das Erstgericht hätte feststellen können, dass es dem Kläger möglich gewesen wäre, seinen Anschlussflug zu erreichen.
Diesen Ausführungen kommt keine Berechtigung zu. Der erkennende Senat hat sich in seinem Aufhebungsbeschluss vom 26.05.2020, 22 R 51/20k, ausführlich mit den auch hier relevanten Fragen auseinandergesetzt, die sich unter dem Begriff „Kausalitätsprüfung bei Verpassen des Anschlussfluges nach Verspätung des Zubringerfluges“ zusammenfassen lassen. In diesem Aufhebungsbeschluss werden ausführlich die Begriffe der Mindestumsteigezeit (MCT) erläutert und vom Begriff der „echten“ Umsteigezeit abgegrenzt. Das Berufungsgericht nahm Stellung zu Fragen der Beweislast und der Frage, inwieweit das Vorliegen von außergewöhnlichen Umständen nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO eine Rolle spielt oder nicht. An den dort dargelegten Erwägungen wird festgehalten. Insbesondere sei erwähnt, dass dort die Aufhebung des angefochtenen Urteiles notwendig war, um die tatsächliche Abflugszeit des Anschlussfluges zu ermitteln, weil mit der Feststellung bzw. Außerstreitstellung der planmäßigen Abflugszeit des Anschlussfluges nicht das Auslangen gefunden werden konnte.
Besteht eine Flugreise aus Zubringer- und Anschlussflug, besteht ein Anspruch auf Ausgleichsleistung nach Art 5 iVm Art 7 EU-FluggastVO dann, wenn der Fluggast sein Endziel mit einer Verspätung von drei oder mehr Stunden erreicht (EuGH [GK] 26.02.2013 Rechtssache C-11/11 Folkerts u.a. Rn 47). Eine Leistungsstörung bloß am Zubringerflug, ohne dass es zu einer großen Verspätung am Endziel kommt, führt zu keinem Anspruch auf Ausgleichsleistung (Urteil EuGH 30.04.2020 Rechtssache C-191/19 Air Nostrum Rn 34).
Kommt es zur Verspätung des Zubringerfluges, versäumt der Fluggast den Anschlussflug und erreicht sein Endziel erst mit einer Verspätung von drei oder mehr Stunden, ist zu prüfen, ob die Verspätung des Zubringerfluges ursächlich für die Versäumung des Anschlussfluges war. Dem beklagten Luftfahrtunternehmen steht der Anscheinsbeweis offen, der dadurch erbracht wird, dass die für die konkrete Flugverbindung vom Flughafen vorgegebene Mindestumsteigezeit (MCT) noch zur Verfügung stand. Dazu ist die tatsächliche Ankunftszeit des Zubringerfluges der tatsächlichen Abflugszeit des Anschlussfluges gegenüberzustellen. Wird die MCT zwischen den beiden Flügen eingehalten, spricht der Beweis des ersten Anscheins für einen Umstand in der Sphäre des Fluggastes. Es ist dann Sache der Klägerin, Umstände zu behaupten und nachzuweisen, warum im konkreten Fall die MCT (für sie) nicht ausgereicht habe. Wird die MCT unterschritten, muss das Luftfahrtunternehmen darlegen und beweisen, dass der Fluggast in der konkreten Situation den Anschlussflug dennoch erreichen hätte können. Im konkreten Fall lag zwischen der tatsächlichen Ankunftszeit des Zubringerfluges und der tatsächlichen Abflugszeit des Anschlussfluges ein Zeitraum, der die MCT für die konkrete Flugverbindung erreichte. Nach dem oben Gesagten wäre es Sache der Klägerin gewesen, entweder den Anscheinsbeweis zu entkräften oder (Vollbeweis) Umstände zu behaupten und nachzuweisen, warum im konkreten Fall die MCT (für sie) nicht ausgereicht habe. Solche Behauptungen wurden von der Klägerin im erstinstanzlichen Verfahren nicht aufgestellt. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass die Verspätung des Zubringerfluges – aus welchen Gründen diese auch immer eingetreten ist – nicht ursächlich dafür war, dass die Klägerin den Anschlussflug verpasste und ihr Endziel letztlich mit einer mehr als dreistündigen Verspätung erreichte, weil die Klägerin nichts zur Entkräftung des der Beklagten zugute kommenden Anscheinsbeweises unternommen hat.
Zusammengefasst ist auszuführen, dass der Beklagten der Nachweis in Form des Anscheinsbeweises geglückt ist, dass die Verspätung des Zubringerfluges nicht ursächlich für das Nichterreichen des Anschlussfluges durch die Klägerin und damit das mehrstündig verspätete Erreichen des Endzieles war. Die Klägerin hat diesen Anscheinsbeweis weder entkräftet noch den Vollbeweis angetreten, dass die Verspätung des Anschlussfluges ursächlich für das Nichterreichen des Anschlussfluges war. Ein Anspruch auf Ausgleichsleistung besteht daher nicht.
Der Berufung war daher Folge zu geben und das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abzuweisen war.
Dem Hinweis der Berufungsgegnerin in der Berufungsbeantwortung auf die Entscheidung des erkennenden Senates vom 28.05.2020, 22 R 74/20w, ist zu entgegnen, dass in der wörtlich zitierten Passage das Ergreifen zumutbarer Maßnahmen durch die dort Beklagte geprüft wurde. Diese Prüfung ist im vorliegenden Fall entbehrlich, weil das Vorkommnis, dass zur Verspätung des Zubringerfluges führte, nicht ursächlich für das Nichterreichen des Anschlussfluges durch die Klägerin und damit das mehrstündig verspätete Erreichen des Endzieles war.
Die Kostenentscheidung im erstinstanzlichen Verfahren beruht auf § 41 ZPO. Die Klägerin erhob keine Einwände gegen das Kostenverzeichnis der Beklagten, dieses weist auch keine offenkundigen Unrichtigkeiten auf.
Die Kostenentscheidung im Berufungsverfahren beruht auf §§ 41, 50 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 502 ZPO.
|
JJT_20200915_LG00119_02200R00108_20T0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00108.20T.0915.000
|
22R108/20t
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200915_LG00119_02200R00108_20T0000_000/JJT_20200915_LG00119_02200R00108_20T0000_000.html
| 1,600,128,000,000
| 2,090
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Straßl und Mag Rak in der Rechtssache der klagenden Parteien [1] S***** A***** [u.a.], alle vertreten durch Dr Dominik Schärmer, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei B***** Plc., vertreten durch Cerha Hempel Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen EUR 2.400,-- sA, infolge Berufung der klagenden Parteien gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 12.02.2020, 1 C 385/19g-16, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird teilweise Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird dahin abgeändert, dass es zu lauten hat:
„[1] Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien binnen 14 Tagen jeweils EUR 300,-- samt 4 % Zinsen seit 07.01.2019 zu zahlen.
[2] Das Mehrbegehren, die beklagte Partei sei schuldig, den klagenden Parteien jeweils weitere EUR 300,-- samt 4 % Zinsen seit 07.01.2019 zu zahlen, wird abgewiesen.
[3] Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien binnen 14 Tagen je ein Viertel der mit EUR 102,60 bestimmten Prozesskosten zu Handen des Klagevertreters zu ersetzen.“
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien zu Handen des Klagevertreters binnen 14 Tagen je ein Viertel der mit EUR 171,-- bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger verfügten über eine bestätigte Buchung für folgende Flugverbindung:
BA 699 von Wien (VIE) nach London (LHR) am 22.12.2018, 07:50 bis 09:30 Uhr;
BA 1528/AA 0039 von London (LHR) nach Miami (MIA) am 22.12.2018, 10:35 bis 15:40 Uhr.
Tatsächlich betrugen die Flugzeiten wie folgt:
BA 699 am 22.12.2018, 08:06 Uhr 09:43 Uhr;
BA 1528/AA 0039 am 22.12.2018, 10:31 Uhr bis 15:22 Uhr.
Den Klägern wurde die Beförderung mit dem Flug BA 1528/AA 0039 verweigert. Sie wurden mit dem Flug BA 0209 mit den geplanten Flugzeiten ab LHR 22.12.2018, 14:15 Uhr und an MIA 22.12.2018, 19:10 Uhr, ersatzbefördert. Tatsächlich startete der Flug BA 0209 ab LHR am 22.12.2018, 14:29 Uhr und landete in MIA am 22.12.2018 um 19:29 Uhr.
Die Flugstrecke von Wien nach Miami beträgt nach der Großkreisberechnung mehr als 3.500 km.
Der Flug BA 699 wurde von der Beklagten durchgeführt, der Flug BA 1528/AA 0039 von American Airlines („Code-Sharing“).
Die Kläger begehrten den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit c der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von jeweils EUR 600,-- samt Zinsen. Dazu brachten sie vor, dass sie über eine Internetplattform beim Reisebüro „Elumbus Reisen“ unter dem einheitlichen Buchungscode „POEQMZ“ für alle vier Personen eine Flugreise von Wien nach Miami über London und zurück gebucht hätten. Die Beklagte habe den Zubringerflug durchgeführt. Der Ersatzflug habe ihren Zielort erst mit einer über vierstündigen Verspätung erreicht. Die Kläger hätten die Flüge in einer einheitlichen Buchung gebucht und sei die Beklagte als Partei des Beförderungsvertrages sowie als ausführendes Luftfahrtunternehmen daher passiv legitimiert.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und wandte mangelnde Passivlegitimation ein. Dazu brachte sie vor, dass schon aus den Ausführungen der Kläger resultiere, dass die Nichtbeförderung aus einer Überbuchung resultiere. Sie habe den Flug nicht ausgeführt und die Passagiere nicht zurückgewiesen und sei daher nicht passiv legitimiert. Im Übrigen hätten die Kläger das Endziel mit einer Verspätung von unter vier Stunden erreicht, sodass eine Ausgleichszahlung nach Art 7 abs 2 lit c EU-FluggastVO zu kürzen sei.
Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht das Klagebegehren ab und verpflichtete die Kläger zum Kostenersatz. Dazu traf es die auf Seite 5 der Urteilsausfertigung ON 16 ersichtlichen Feststellungen, auf die verwiesen wird. Rechtlich folgerte es, dass die Beklagte, die nicht ausführendes Flugunternehmen gewesen sei, für eine Ausgleichszahlung nach Art 5 Abs 1 lit c EU-FluggastVO nicht passiv legitimiert sei. Zwar sei der Zubringerflug verspätet in London Heathrow eingetroffen, die Kläger seien aber rechtzeitig zum Boarding für den Anschlussflug BA 1528/AA 0039 eingetroffen, weil auch andere Passagiere nach ihnen zum Boarding zugelassen worden seien. Die Verspätung des Zubringerfluges BA 699 sei daher nicht ursächlich für die verspätete Ankunft am Zielort gewesen. Der Flug BA 1528/AA 0039 sei von American Airlines durchgeführt worden. Diese hätten den Klägern das Boarding verweigert. Diese Weigerung sei nicht der Beklagten zurechenbar, sondern sei ein eigener Sachverhalt der Nichtbeförderung verwirklicht worden, weshalb die Klage mangels Passivlegitimation abzuweisen sei.
Gegen dieses Urteils richtet sich die Berufung der Kläger aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren stattgegeben werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt. Weiters regen die Berufungswerber an, eine (näher formulierte) Frage dem Europäischen Gerichtshof zur Vorabentscheidung vorzulegen.
Die Beklagte beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist teilweise berechtigt.
Die Berufungswerber beanstanden die Rechtsansicht des Erstgerichts, wonach die Beklagte nicht für die Leistung einer Ausgleichszahlung passiv legitimiert sei. Die Buchung sei unter einem einheitlichen Buchungscode über eine Internetplattform bei der Beklagten gebucht worden. Dass es sich bei den gebuchten Flügen jeweils um Flüge der Beklagten gehandelt habe, sei ausdrücklich bestätigt worden. Die Code-Sharing-Vereinbarung sei gegenüber den Klägern bei der Buchung nicht offengelegt worden. Aufgrund der einheitlichen Buchung stelle der Flug eine Gesamtheit dar. Die Beklagte habe den Flug im Rahmen eines einheitlichen Beförderungsvertrages durchgeführt und sei daher als ausführendes Unternehmen zu qualifizieren. Die Luftunternehmen könnten wechselseitig argumentieren, dass das Verschulden einer Nichtbeförderung dem jeweils anderen Unternehmen zuzurechnen sei. Im Ergebnis würde keines der Unternehmen haften und entstehe eine Rechtsschutzlücke. Konkret sei ein Grund für die Nichtbeförderung nicht offen gelegt worden. Die Kläger seien nachweislich 30 Minuten – wie von American Airlines gefordert – vor dem Abflug beim Boarding eingetroffen und dieses sei noch im Gange gewesen. Durch die EU-FluggastVO müsse die Identität des Anspruchsberechtigten leicht festzustellen sein. Eine Differenzierung, ob die Zwischenlandung innerhalb der Europäischen Union stattfinde oder nicht, sei nicht beabsichtigt, was dem Urteil des EuGH C-502/18 České aerolinie a.s. zu entnehmen sei. Auch interne Vereinbarungen zwischen den Luftfahrtunternehmen, etwa im Wege des Code-Sharings, seien für einen Ausgleichsanspruch nicht von Bedeutung. Nach dieser Entscheidung komme es auch nicht darauf an, dass das Luftfahrtunternehmen, das den Zubringerflug ausgeführt habe, selbst eine Verspätung bzw die Nichtbeförderung mit dem Anschlussflug zu verantworten habe. Es solle dem Fluggast möglichst einfach gemacht werden, seine Ansprüche durchzusetzen, sodass es sachgerecht sei, jedes ausführende Luftfahrunternehmen haften zu lassen. Den Klägern sei die Ursache, weshalb ihnen das Boarding des Anschlussfluges verweigert worden sei, nicht mitgeteilt worden, sodass ihnen die Möglichkeit genommen worden sei, den tatsächlichen Verursacher mit der notwendigen Sicherheit festzustellen. Ein Ausgleich zwischen den Flugunternehmen solle erst nach Leistung der Entschädigung im Regressweg erfolgen. Somit hätte das Erstgericht unter Anwendung der zitierten Urteile des EuGH die Beklagte nicht nur als Vertragspartner, sondern auch als ausführendes Flugunternehmen ansehen und der Klage stattgeben sollen.
Zudem sei unstrittig, dass der Zubringerflug erst mit einer Verspätung von 13 Minuten gelandet sei. Da der Grund für die Nichtbeförderung nicht in einer Überbuchung gelegen sei, könne nur die Verspätung des Zubringerfluges durch die Beklagte ursächlich für die Nichtbeförderung gewesen sein.
Das Berufungsgericht hat dazu erwogen:
Sofern die Berufungswerber davon ausgehen, dass eine Verspätung des Zubringerfluges ursächlich für die Nichtbeförderung am Anschlussflug gewesen sei, weichen sie vom festgestellten Sachverhalt ab, aus dem sich zweifelsfrei ergibt, dass sie gerade nicht deshalb zurückgewiesen worden waren, weil sie zu spät am Abfluggate erschienen waren.
Es liegt daher zweifellos ein Fall der Nichtbeförderung gemäß Art 4 EU-FluggastVO vor.
Wird Fluggästen gegen ihren Willen die Beförderung verweigert, so hat das ausführende Luftfahrunternehmen Ausgleichsleistungen gemäß Art 7 EU-FluggastVO zu erbringen. Art 2 lit b der VO definiert das ausführende Luftfahrtunternehmen als „ein Luftfahrtunternehmen, das im Rahmen eines Vertrages mit einem Fluggast oder im Namen einer anderen – juristischen oder natürlichen - Person, die mit dem betreffenden Fluggast in einer Vertragsbeziehung steht, einen Flug durchführt oder durchzuführen beabsichtigt“. Dabei kommt es nicht entscheidend darauf an, mit wem der Fluggast in einem Vertragsverhältnis steht, sondern wer die Beförderungsleistung tatsächlich erbringt, wer also das Betriebsunternehmen des Fluges ist. Entscheidend ist ausschließlich, welches Unternehmen den Flug betreibt, welches die Verantwortung für die Abwicklung des Fluges hat, indem es die Flugsteuerung übernimmt, für den Flug einen der ihm zugeteilten Slots nutzt und insbesondere die Flughafeneinrichtungen sowie das Boden- und Abfertigungspersonal am Flughafen beauftragt und damit am Flughafen unmittelbar die offiziellen Rahmenbedingungen für die Durchführung des Fluges vorhält. Wird ein Flug sowohl mit der Flugnummer eines bestimmten Luftfahrtunternehmens als auch unter Ausnützung der von diesem beantragten und diesem zugewiesenen Slots durchgeführt, kann nur dieses als ausführendes Unternehmen iSd Art 2 lit b der VO angesehen werden (Hopperdietzel in BeckOK Fluggastrechte-VO15 Art 2 Rz 7; AG Hamburg 12 C 23/16; LG Korneuburg 22 R 516/15b, 22 R 40/16m, 22 R 14/20v). Maßgeblich ist allein, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen ist (bzw. bei einem annullierten Flug sein sollte) (LG Düsseldorf 22 S 234/12; LG Korneuburg 22 R 14/20v).
Im vorliegenden Fall war die Beklagte das vertragsschließende Luftfahrtunternehmen und ausführendes Flugunternehmen des Fluges BA 699.
Fest steht, dass der Flug BA 1528/AA 0039 von American Airlines durchgeführt wurde und Mitarbeiter der American Airlines den Klägern das Boarding verweigerten.
In seiner Entscheidung EuGH C-502/18 České aerolinie a.s. legte der Europäische Gerichtshof Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 der EU-FluggastVO dahin aus, dass ein Fluggast, der bei einem aus zwei Teilflügen bestehenden Flug mit Umsteigen mit Abflug von einem Flughafen im Gebiet eines Mitgliedstaats, Zwischenlandung auf dem Flughafen eines Drittlands und Zielflughafen in einem anderen Drittland, der Gegenstand einer einzigen Buchung war, seinen Zielort mit einer Verspätung von drei Stunden oder mehr erreicht, die auf den zweiten Teilflug zurückgeht, der im Rahmen einer Code-Sharing-Vereinbarung von einem Luftfahrtunternehmen mit Sitz in einem Drittland durchgeführt wurde, seine Klage auf Ausgleichszahlung nach dieser Verordnung gegen das Luftfahrtunternehmen der Gemeinschaft richten kann, das den ersten Flug durchgeführt hat.
Die Beklagte vermeint, dass die Entscheidung EuGH C-502/18 nicht einschlägig sei, weil nach dem dieser Entscheidung zugrundeliegenden Sachverhalt die Zwischenlandung auf dem Flughafen eines Drittlands erfolgt sei, wohingegen im gegenständlichen Fall die Zwischenlandung im Gebiet eines (damaligen) Mitgliedstaates stattgefunden habe.
Die teils systemfremd anmutenden Ausführungen des EuGH in C-502/18, Rn 29, können systemkonform nur so verstanden werden, dass die (sich auch im Urteilstenor wiederfindende) Code-Sharing-Vereinbarung zwischen den beiden Luftfahrtunternehmen die für die Anwendung der Art 5 ff EU-FluggastVO grundsätzlich erforderliche vertragliche (wenn auch nicht unbedingt unmittelbar zwischen Fluggast und ausführendem Luftfahrtunternehmen bestehende) Grundlage (Art 2 lit b: „… im Rahmen eines Vertrags …“) auf den Anschluss- oder Zubringerflug erstreckt. Das hatte im Fall České aerolinie zur Folge, dass die dort Beklagte für einen Flug einzustehen hatte, der für sich allein betrachtet nicht in den Anwendungsbereich der EU-FluggastVO gefallen wäre. Der Schluss, dass der Umstand, dass der Anschluss- oder Zubringerflug für sich allein betrachtet nicht in den Anwendungsbereich der EU-FluggastVO fiele, eine Voraussetzung für dessen Zurechnung an die Beklagte bildete, lässt sich daraus aber nicht ableiten. Der EuGH lässt damit in der Entscheidung zu C-502/18 ein Luftfahrtunternehmen haften, das selbst keine Leistungsstörung zu verantworten hat, sodass kein Grund ersichtlich ist, die in dieser Entscheidung aufgestellten Grundsätze nicht auch auf Fälle der Nichtbeförderung durch das den Code-Sharing-Flug ausführende Unternehmen anzuwenden.
Dass der Flug BA 1528/AA 0039 – wie von den Klägern behauptet – Gegenstand einer Code-Sharing-Vereinbarung mit der Beklagten war, hat diese nicht bestritten.
Daraus folgt im Ergebnis, dass die Kläger ihren Anspruch auf Ausgleichszahlung infolge der Nichtbeförderung mit dem Flug BA 1528/AA 0039 nach Art 4 Abs 3 iVm Art 7 Abs 1 lit c EU-FluggastVO gegen die Beklagte richten können.
Die Beklagte beruft sich auf die Kürzung des Ausgleichsanspruchs um 50 % nach Art 7 Abs 2 lit c EU-FluggastVO. Demnach kann das ausführende Luftfahrtunternehmen die Ausgleichszahlung um 50 % kürzen, wenn den Fluggästen gemäß Art 8 der VO eine anderweitige Beförderung zu ihrem Endziel mit einem Alternativflugangeboten wurde, dessen Ankunftszeit – wie hier (planmäßige Ankunft des Fluges BA 1528/AA 0039 in Miami am 22.12.2018 um 15:40 Uhr und tatsächliche Ankunft mittels Ersatzbeförderung am 22.12.2018 um 19:28 Uhr) - nicht später als vier Stunden erfolgte. Der Klagsanspruch war somit um 50 % zu kürzen und jeweils mit EUR 300,-- zuzusprechen; Das Mehrbegehren war abzuweisen.
Der Berufung war daher teilweise Folge zu geben.
Der Anregung der Kläger, ein Vorabentscheidungsverfahren an den EuGH einzuleiten, war nicht zu entsprechen, zumal die anzuwendenden Rechtsgrundlagen keiner weiteren Auslegung durch den EuGH bedürfen.
Die Kostenentscheidung des erstinstanzlichen Verfahrens beruht auf § 43 Abs 1 Fall 1 ZPO, wobei die Gerichts- gebühren im Verhältnis des Obsiegens zuzusprechen waren.
Die Kostenentscheidung des Berufungsverfahrens gründet sich auf §§ 43 Abs 1 Fall 1, 50 ZPO. Auch hier waren die Gerichtsgebühren im Verhältnis des Obsiegens zuzusprechen.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200813_LG00119_02200R00119_20K0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00119.20K.0813.000
|
22R119/20k
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200813_LG00119_02200R00119_20K0000_000/JJT_20200813_LG00119_02200R00119_20K0000_000.html
| 1,597,276,800,000
| 2,171
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Straßl in den verbundenen Rechtssachen der jeweils klagenden Partei A***** Ltd, vertreten durch Dr Daniel Stanonik LLM, Rechtsanwalt in Wien, wider die jeweils beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,--sA (25 C 111/19i) und EUR 1.000,-- sA (25 C 115/19b), infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 25.03.2020, 25 C 111/19i-19, in nicht öffentlicher Sitzung die
B e s c h l ü s s e
gefasst:
Spruch
[I] Die Berufungsbeantwortung der Klägerin wird zurückgewiesen.
[II] Der Berufung wird Folge gegeben, das angefochtene Urteil aufgehoben, und dem Erstgericht eine neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Kosten der Berufung der Beklagten bilden weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die Fluggäste M***** A***** (25 C 111/19i) sowie G***** M*****, H***** M*****, L***** M***** und L***** M***** (25 C 115/19b) verfügten über je eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OE 543 am 17.07.2018 von Palma de Mallorca (PMI) nach Salzburg (SZG) mit der geplanten Flugzeit 14:40 Uhr bis 16:45 Uhr. Der Flug wurde annulliert. Die Flugstrecke PMI-SZG beträgt weniger als 1.500 km.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß [Art 5 Abs 1 lit c iVm] Art 7 [Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von insgesamt EUR 1.250,-- samt Zinsen. Die Ausgleichsansprüche von jeweils EUR 250,-- seien ihr von den Fluggästen abgetreten worden. Weiters brachte sie im Wesentlichen vor, dass keine außergewöhnlichen Umstände (iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO) vorgelegen seien; allenfalls sei ein solcher Umstand bereits auf dem Vorvorflug des gegenständlichen Fluges aufgetreten und daher nicht geeignet, den Befreiungstatbestand zu begründen. Die Beklagte habe auch keine ausreichenden Pufferzeiten eingeplant, um etwaige Verzögerungen abfedern zu können.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Verspätung des Fluges OE 543 auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien: Das Fluggerät, das für die Durchführung des gegenständlichen Fluges vorgesehen gewesen sei, sei auf dem Vorvorflug OE 545 vom PMI nach Linz (LNZ) um etwa 10:00 Uhr (Ortszeit) von einem Vogelschlag am Triebwerk betroffen gewesen und habe gemäß den Herstellervorgaben vor einer Inspektion und Freigabe durch einen Techniker nicht wieder in Betrieb genommen werden dürfen. Der Techniker, der aus Wien eingeflogen worden sei, habe ab 14:40 Uhr die technische Überprüfung durchgeführt und um 16:12 Uhr abgeschlossen. In LNZ sei kein qualifizierter Techniker zur Verfügung gestanden. Dieser Regionalflughafen verfüge nicht über eine entsprechende Anzahl lizenzierter Techniker für die erforderliche Inspektion. LNZ sei auch keine Homebase der Beklagten, weshalb sie dort weder Techniker noch Ersatzflugzeuge oder Ersatzcrews habe; die Bereithaltung von entsprechendem Personal und Gerät in LNZ sei ihr auch nicht zumutbar. Der Einsatz eines Ersatzflugzeuges hätte die Annullierung anderer Flüge erforderlich gemacht und wäre daher ebenfalls unzumutbar gewesen. Da nicht absehbar gewesen sei, wann das betroffene Flugzeug wieder einsatzbereit sein werde, habe sie die nachfolgenden Flüge OE 544 (LNZ-PMI) und OE 543 (PMI-SZG) und die Passagiere auf andere Flüge umgebucht, womit sichergestellt werden habe können, dass die Passagiere nicht auf unbestimmte Zeit auf eine Beförderung durch den ursprünglichen gebuchten Flug ausharren müssen und ihre Endziele so rasch wie möglich erreichen. Im Übrigen bestritt die Beklagte die Aktivlegitimation der Klägerin, weil offenbar Inkassozessionen vorlägen.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von insgesamt EUR 1.250,-- samt Zinsen an die Klägerin sowie zum Ersatz der Prozesskosten. Es traf keine über den unstrittigen Sachverhalt hinausgehenden Feststellungen, bejahte in rechtlicher Hinsicht zunächst die Aktivlegitimation der Klägerin und führte im Übrigen zusammengefasst aus: gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO gebühre bei Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von weniger als 1.500 km eine Ausgleichszahlung in Höhe von EUR 250,--. Gemäß Art 5 Abs 3 der VO könne sich das ausführende Luftfahrtunternehmen vom Ausgleichsanspruch befreien, wenn es nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Um von einem außergewöhnlichen Umstand ausgehen zu können, müsste ein untypisches, nicht dem üblichen Flugbetrieb zuordenbares und nicht beherrschbares Risiko vorliegen. Der Europäische Gerichtshof habe in der Rechtssache C-315/15 zwar ausgesprochen, dass die Kollision eines Flugzeugs mit einem Vogel als außergewöhnlicher Umstand zu qualifizieren sei. Nach „ständiger Judikatur“ sei aber nur ein auf dem unmittelbaren Vorflug eingetretener oder entdeckter außergewöhnlicher Umstand zu berücksichtigen, weil sich andernfalls die Kausalkette beliebig verlängern ließe, was der klaren Zielsetzung der EU-FluggastVO widerspräche. Da schon das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands zu verneinen sei, sei auf die Frage, ob die Beklagte alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe, nicht mehr einzugehen.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass die Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Rechtliche Beurteilung
[I] Die Berufung der Beklagten wurde dem Klagevertreter am 03.06.2020 im Wege des ERV zugestellt. Die am 02.07.2020 eingebrachte Berufungsbeantwortung ist somit verspätet (§ 464 Abs 1 ZPO) und war daher zurückzuweisen (§§ 471 Z 2 iVm § 473 Abs 1 ZPO per ananlogiam).
[II] Die Berufung ist im Sinne des eventualiter gestellten Aufhebungsantrages berechtigt.
[1] Voranzustellen ist, dass die Berufungswerberin die aktive Klagslegitimation der Klägerin in ihrem Rechtsmittel nicht mehr anzweifelt.
[2][a] Vorauszuschicken ist weiters, dass das Berufungsgericht die vom Erstgericht auf die Entscheidung des EuGH in der Rechtssache C-315/15 Pešková und Peška gestützte Ansicht, dass die Kollision eines Flugzeugs mit einem Vogel unter den Begriff außergewöhnliche Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zu subsumieren sei, ausdrücklich teilt (vgl LG Korneuburg 21 R 326/19t).
[b] Zutreffend wendet sich die Berufungswerberin gegen die Rechtsansicht des Erstgerichts, wonach ein auf dem Vorvorflug eingetretener oder entdeckter außergewöhnlicher Umstand im Zuge der Prüfung gemäß Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO nicht zu berücksichtigen sei. Nach der nunmehr ständigen Rechtsprechung des Berufungsgerichts ist die Qualifikation eines Ereignisses als außergewöhnlicher Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-Fluggast-VO nicht schon deshalb ausgeschlossen, weil das Ereignis bereits früher als am unmittelbaren Vorflug aufgetreten ist (RKO0000008). Auch ein außergewöhnlicher Umstand, der auf einem beliebigen vorangegangenen Flug aufgetreten ist, kann von der Ausgleichspflicht befreien, sofern zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem gegenständlichen Flug ein enger kausaler und zeitlicher Zusammenhang besteht. Bei Flugzeugen, die auf Kurz- und Mittelstrecken eingesetzt werden, sind mehrere Umläufe an demselben Tag üblich, um eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung des Flugzeugs zu ermöglichen. Die EU-FluggastVO setzt diese wie andere übliche wirtschaftliche und technische Gegebenheiten des Luftverkehrs voraus und will sie weder unterbinden noch steuern (BGH X ZR 121/13). Dabei wird es auch auf die planmäßige Dauer der Flüge während des Flugumlaufverfahrens ankommen: bei mehreren sehr kurzen Flügen kann der zeitliche Zusammenhang etwa beim vierten Vorflug noch immer enger sein als bei längeren Flügen beim unmittelbaren Vorflug. Überdies ist zu berücksichtigen, dass auch außergewöhnliche Umstände denkbar sind, die nicht zwingend „auf einem (Vor-)Flug“ eingetreten sind. Die nach strikten numerischen Abgrenzungen suchende Rechtsprechung übersieht, dass befriedigende Lösungen im Einzelfall letztlich ohnehin nur anhand der Prüfung der „zumutbaren Maßnahmen“ gefunden werden können: je weniger zwingend der Kausalzusammenhang und je größer die zeitliche Distanz zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und der drohenden Annullierung oder Verspätung des zu beurteilenden Fluges, desto eher wird es dem ausführenden Luftfahrtunternehmen möglich sein, zumutbare Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung oder Verspätung zu ergreifen bzw umso strenger wird eine entsprechende Prüfung auszufallen haben.
Der enge zeitliche und kausale Zusammenhang muss im vorliegenden Fall, in dem sich der außergewöhnliche Umstand am selben Tag und nur wenige Stunden vor dem geplanten gegenständlichen Flug ereignet hat, bejaht werden. Mag sich auch die Annullierung des Fluges OE 543 nicht zwingend und unmittelbar auf den Vogelschlag zurückführen lassen, sondern zusätzlich auf die Entscheidung der Beklagten, die Annullierung ungeachtet (oder aus ihrer Sicht: gerade wegen) des ungewissen Endes der erzwungenen Flugpause des betroffenen Fluggeräts vorzunehmen, so kann in Anbetracht der Umstände, dass die Beklagte einerseits offenbar einschätzen konnte, wann das Fluggerät wegen der erforderlichen Anreise des Technikers frühestens einsatzbereit sein werde, und andererseits dass die folgenden beiden (letztlich annullierten) Flüge verhältnismäßig kurze Strecken betroffen haben – sodass Anlass zur Annahme bestand, dass nach Abschluss der Inspektion und allfälliger Freigabe des Fluggeräts dieses seine vorgesehene Rotation (unter Entfall der der Flüge OE 544 und OE 543) möglichst verspätungsfrei wieder aufnehmen werde können – die Annullierung der Flüge OE 544 und OE 543 als zweckmäßige Maßnahme zur möglichst störungsfreien Abwicklung des Flugbetriebs angesehen werden. Die Annullierungsentscheidung stellt daher keine für die Beklagte nachteilige Durchbrechung des Kausal- zusammenhangs zwischen außergewöhnlichem Umstand und Leistungsstörung dar.
[3] Ist aber das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands in einem ersten Schritt zu bejahen, ist weiters zu prüfen, ob das beklagte Luftfahrtfahrtunternehmen alle zumutbaren Maßnahmen gesetzt hat; diese müssen nach der Rechtsprechung des EuGH [a] auf die Vermeidung der außergewöhnlichen Umstände selbst (EuGH C-549/07 Wallentin-Hermann, C-315/15 Pešková u Peška), [b] der Vermeidung einer daraus resultierenden Annullierung (bzw einer großen Verspätung; C-501/17 Germanwings/Pauels; LG Korneuburg 21 R 375/19y, 22 R 69/19f; Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 139; zu eng, weil nur auf die Vermeidung des außergewöhnlichen Umstandes abstellend: Bosch/Lorz NZV 2013, 105, 108; Maruhn in Staudinger/Keiler, Fluggastrechte-VO Art 5 Rz 30) und [c] auf die Vermeidung der unerwünschten Folgen der Annullierung gerichtet sein (C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses; LG Korneuburg 22 R 83/20s).
Ob die Beklagte alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen hat, hat das Erstgericht bislang nicht geprüft und insbesondere kein Beweisverfahren dazu abgeführt. Das dazu erstattete Vorbringen der Beklagten kann – vorbehaltlich weiterer substantiierter Vorhalte der Klägerin, der es im fortgesetzten Verfahren freisteht, bislang nicht hervorgekommene Aspekte aufzuzeigen – als ausreichend berücksichtigungswürdig angesehen werden. Dem beklagten Luftfahrunternehmen kann nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten. Es sind jedoch Prozessbehauptungen zu Maßnahmen zu erstatten, die sich geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (LG Korneuburg 22 R 69/19f, 21 R 76/19b, 22 R 61/20f, 22 R 88/20a) oder zu denen die Klagsseite substantiiertes Vorbringen erstattet hat.
[a] Im Urteil vom 04.04.2019 in der Rechtssache C-501/17 Germanwings schloss der EuGH aus den Ergebnissen seiner mündlichen Verhandlung, dass Flugzeugreifen regelmäßig gewartet und standardmäßig ausgetauscht würden, wobei die Luftfahrtunternehmen auf den von ihnen ange-flogenen Flughäfen, einschließlich derjenigen, an denen sie nicht ihren Hauptstandort haben, Verträge mit Luftfahrzeugwartungsunternehmen über den Reifentausch abschließen können, die ihnen eine vorrangige Behandlung beim Austausch der Reifen gewährleisten (Urteil Germanwings Rn 32). Der EuGH schließt daraus, dass es Sache des Luftfahrtunternehmens ist, nachzuweisen, dass es alle ihm zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel eingesetzt hat, um zu vermeiden, dass der Austausch des durch einen Fremdkörper auf dem Rollfeld eines Flughafens beschädigten Reifens nicht zur großen Verspätung des betreffenden Fluges führt (aaO Rn 33). Der EuGH verlangt in diesem Zusammenhang den Abschluss von Verträgen, die dem von einem technischen Defekt betroffenen Luftfahrtunternehmen eine (sogar vorrangige) Behandlung gewährleisten. Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb die vom EuGH für die Beschädigung eines Flugzeugreifens getätigten Ausführungen nicht auch für die (mögliche) Beschädigung durch einen Vogelschlag gelten sollen.
Dem Vorbringen der Beklagten lässt sich nun zwar entnehmen, dass sie für den Flughafen LNZ keine derartigen Verträge abgeschlossen hat; sie verweist aber auf Umstände, wonach der Abschluss solcher Verträge für den Flughafen LNZ entweder gar nicht möglich oder zumindest nicht sinnvoll sei. Sollten sich diese behaupteten Umstände im fortgesetzten Verfahren als zutreffend herausstellen, wäre davon auszugehen, dass der Abschluss derartiger Verträge in diesem speziellen Fall nicht als (von der Beklagten versäumte) zumutbare Maßnahme anzusehen wäre.
[b] Weiters hat die Beklagte vorgebracht, dass ihr in der konkreten Situation keine freien Ersatzflugzeuge zur Verfügung gestanden seien.
[c] Anzumerken ist letztlich, dass der EuGH im Urteil 11.06.2020 in der Rechtssache C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses (TAP) vom Luftfahrtunternehmen – als zumutbare Maßnahme zur Vermeidung der Folgen der Annullierung – die Suche nach anderen direkten oder indirekten Flügen verlangt, die gegebenenfalls von anderen Luftfahrtunternehmen, die derselben Luftgesellschaftsallianz angehören oder auch nicht, durchgeführt werden und mit weniger Verspätung als der nächste Flug des betreffenden Luftfahrtunternehmens ankommen (Urteil TAP Rn 59). Dieser Rechtsansicht hat sich der erkennende Senat angeschlossen (LG Korneuburg 22 R 88/20a, 22 R 109/20i). In diesem Zusammenhang wäre daher – sofern dies von der Klägerin nicht außer Streit gestellt wird – auch zu prüfen, ob die von der Beklagten vorgenommenen Umbuchungen der Fluggäste den vom EuGH aufgestellten Kriterien entsprechen.
[4] Da das Erstgericht zu den zumutbaren Maßnahmen keine Beweise aufgenommen und folglich auch keine Feststellungen getroffen hat, ist die Aufhebung des Urteils unumgänglich. Das Erstgericht wird im fortgesetzten Verfahren die oben dargestellten Behauptungen der Beklagten (bzw allfällige weitere, prima facie zwar nicht naheliegende, möglicherweise aber von der Klägerin aufgezeigte Aspekte) zu den zumutbaren Maßnahmen nach der erforderlichen Ergänzung des Beweisverfahrens zu prüfen haben.
[5] Abschließend ist anzumerken, dass das – offenbar routinemäßig – erstattete Vorbringen der Klägerin, die Beklagte habe keine ausreichenden Pufferzeiten eingeplant, jedenfalls im konkreten Fall kein beachtliches Argument darstellt. Es bedarf keiner näheren Erörterung, dass der Beklagten bei der Flugplanung die Festlegung derart großer Zeitabstände zwischen einzelnen Flügen, durch die allfällige stundenlange Verzögerungen durch erforderlich gewordene Inspektionen abgefangen werden können, nicht abzuverlangen ist.
Der Kostenvorbehalt gründet auf § 52 ZPO.
|
JJT_20200723_LG00119_02200R00124_20W0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00124.20W.0723.000
|
22R124/20w
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200723_LG00119_02200R00124_20W0000_000/JJT_20200723_LG00119_02200R00124_20W0000_000.html
| 1,595,462,400,000
| 2,667
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Straßl in der Rechtssache der klagenden Partei A***** Ltd., vertreten durch Dr. Daniel Stanonik, LL.M., Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Dr. Martin Brenner & Dr. Martin Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 1.200,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 20.03.2020, 23 C 1341/19g-10, in nicht öffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben, das angefochtene Urteil aufgehoben und die Rechtssache zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Kosten des Berufungsverfahrens bilden weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung
Die Fluggäste S***** und E***** B***** sowie J***** H***** verfügten über eine bestätigte Buchung für folgende von der Beklagten durchgeführten Flüge:
- OS 678 ab Zagreb 04.04.2019, 18:45 Uhr, an Wien 04.04.2019, 19:40 Uhr und
- OS 331 ab Wien, 04.04.2019, 20:30 Uhr, an Oslo 04.04.2019, 22:50 Uhr.
Der Flug OS 678 startete in Zagreb um 19:45 Uhr und landete in Wien um 20:38 Uhr, die Fluggäste verpassten den Anschlussflug und wurden von der Beklagten auf den Flug OS 335 von Wien nach Oslo auf den Folgetag umgebucht. Sie erreichten ihr Endziel mit einer knapp 22-stündigen Verspätung am 05.04.2019 um 20:38 Uhr. Die Flugstrecke von Zagreb nach Oslo beträgt aufgrund der Großkreisberechnung mehr als 1.500 km, aber weniger als 3.500 km. Die Fluggäste traten ihre Ansprüche wider die Beklagte an die Klägerin ab.
Mit der beim Erstgericht am 26.06.2019 eingebrachten Klage begehrte die Klägerin von der Beklagten die Zahlung von EUR 1.200,-- und brachte vor, gemäß Art 7 EU-FluggastVO stehe den Fluggästen [insgesamt] eine Entschädigung von EUR 1.200,-- zu. Bereits die Vorrotation des Zubringerfluges sei am Gate um eine Stunde verspätet gewesen. Die Wetterverhältnisse am Flughafen Wien seien für den Flugbetrieb in Ordnung gewesen. Andere Flüge hätten mit geringer Verspätung durchgeführt werden können. Die Beklagte habe für den Turn-Around in Zagreb lediglich 45 Minuten vorgesehen. Veranschlage man eine gewöhnliche Minimum-Turn-Around-Zeit von 40 Minuten, habe die Beklagte nur fünf Minuten Zeitreserve vorgesehen. Die Planung eines derartig eng getakteten Flugplanes ohne ausreichende Berücksichtigung von Zeitreserven könne die Beklagte nicht von ihrer Ausgleichsleistung befreien. Die Beklagte bringe nicht vor, welche Flugsicherung konkret die Maßnahmen verhängt habe und wie sich diese Verspätungen konkret auf die jeweiligen Flüge ausgewirkt habe. Bei einem kleinen Flughafen wie Zagreb sei keinesfalls nachvollziehbar, wie der Delay Code „Personalmangel bei der Flugsicherung“ zu einer Verspätung von 40 Minuten hätte führen können, dies umso mehr, als andere Fluglinien ihre Flüge plangemäß hätten durchführen können. Wären außergewöhnliche Umstände vorgelegen, hätten dies gleichermaßen sämtliche Fluglinien betreffen müssen. Eine ad-hoc- Recherche habe ergeben, dass die durchschnittliche Abflugverspätung aufgrund eines Berichtes der EUROCONTROL für den Monat April 2019 14 Minuten und die durchschnittliche Ankunftsverspätung 12 Minuten betragen habe. Die Vergabe von ATC-Slots sei demnach keinesfalls außergewöhnliche Maßnahme, sondern ein tägliches Vorkommnis des Luftverkehrs in Europa.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, die Verspätung sei ausschließlich auf die Verspätung der Vorrotation OS 677 zurückzuführen, die durch Restriktionen von der Flugsicherung bedingt gewesen sei. Bei diesen Anordnungen handle es sich um eine hoheitliche Maßnahme, auf die die Beklagte keinerlei Einfluss gehabt habe. Die vorliegenden Restriktionen seien ungewöhnlich bzw. in diesem Ausmaß weder plan- noch beeinflussbar, sodass außergewöhnliche Umstände vorliegen würden. Der IATA-Delay-Code-82 beschreibe Restriktionen durch die Flugsicherung, konkret seien es personelle Engpässe gewesen. Die damit verbundenen Vorgaben der Flugsicherung seien ungewöhnlich bzw. in diesem Ausmaß weder plan- noch beeinflussbar. Der Ausfall des Flugsicherungspersonales habe Auswirkungen auf die Slots geführt, die für die Beklagte vergeben worden seien. Offenbar habe sich die Flugsicherung nicht rechtzeitig darum gekümmert, kranke Mitarbeiter ehestmöglich nachzubesetzen. Diese Restriktionen habe die Flugsicherung in Zagreb ausgesprochen. Der Vorflug OS 677 sei mit einer Verspätung von einer Stunde und 8 Minuten in Zagreb gelandet, der gegenständliche Zubringerflug sei schlussendlich mit einer 58-minütigen Verspätung in Wien angekommen, wobei diese Verspätung nach den Unterlagen der Beklagten ebenfalls mit einem Delay-Code-82, also Personalengpässen bei der Flugsicherung, begründet worden sei. In weiterer Folge brachte die Beklagte vor, dass sich die Abflugverspätung des Vorfluges des Zubringerfluges im Umfang von 40 Minuten aus dem Delay-Code-82, und im Umfang von 20 Minuten aus dem Delay-Code-95, also einem Zuspätkommen des Kapitäns zusammengesetzt habe. Man habe in diesen 20 Minuten auf die Crew gewartet, die aufgrund nicht bekannter Umstände zu spät gekommen sei. In der Folge sei der Slot für den Vorflug des Zubringerfluges noch einige Male verändert worden; der erste Slot sei um 15:15 Uhr für 17:38 Uhr, letztendlich sei um 17:44 Uhr ein Slot für einen Abflug um 18:30 Uhr publiziert worden; dieser Slot sei auch ausgenützt worden. Zeitgleich sei für den Zubringerflug OS 678 aufgrund Personalmangels bei der Flugsicherung gemäß Code-82 ein späterer Slot vergeben worden, der sich sechs Mal verändert habe. Der erste Slot sei um 17:36 Uhr für 19:17 Uhr publiziert worden; um 19:24 Uhr sei ein Slot für 19:48 Uhr publiziert worden, dieser Slot sei ausgenützt worden. Das heiße, dass die Slots zu Zeiten bekanntgegeben worden seien, zu denen die Verspätung des Vorfluges noch nicht bekannt gewesen sei. Die Verspätung des Vorfluges OS 677 habe daher keine Auswirkungen auf die Slotvergabe des Zubringerfluges OS 678 gehabt. Die zumutbaren Maßnahmen würden sich nicht auf das Erreichen des Anschlussfluges beziehen, sondern auf die Vermeidung der Verspätung. Die Beklagte habe sämtliche ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen, um eine weitergehende Verspätung zu vermeiden. Zwischen dem versäumten Anschlussflug und dem Vorflug sei eine Umsteigezeit von 50 Minuten eingeplant gewesen, was bedeute, dass die MCT um 25 Minuten überschritten worden sei. Aufgrund der verspäteten Landung des Zubringerfluges und der daraus resultierenden Unterschreitung der MCT sei ein Erreichen des Anschlussfluges nicht mehr möglich gewesen. Die Verspätung mit dem Delay-Code-95 habe sich nicht auf die Verspätung des Zubringerfluges ausgewirkt. Die Beklagte habe die Fluggäste unverzüglich auf die nächstmögliche gleichwertige Verbindung, nämlich OS 335 am nächsten Tag umgebucht. Die durchgeführte Ersatzbeförderung sei für die Beurteilung der Vermeidbarkeit der Verspätung ohnedies nicht heranzuziehen, weil sich die eingetretene Verspätung von OS 678 auch nicht durch die erfolgte Umbuchung hätte vermeiden lassen. Die Frage der Umbuchung individueller Fluggäste sei nicht im Rahmen der zumutbaren Maßnahmen nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zu lösen. Zu prüfen sei lediglich, dass das Luftfahrtunternehmen irgendeine Umbuchung versucht habe.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, traf die auf Seite 3 der Urteilsausfertigung ON 10 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit b EU-FluggastVO bei der Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von mehr als 1.500 Kilometer, aber weniger als 3.500 Kilometer eine Ausgleichszahlung in Höhe von EUR 400,-- gebühre. Nach der Rechtsprechung des EuGH seien Fluggäste verspäteter Flüge im Hinblick auf die Anwendung des Ausgleichsanspruches den Fluggästen annullierter Flüge gleichgestellt und könnten einen Ausgleichsanspruch somit ebenfalls geltend machen, wenn sie wegen eines verspäteten Fluges einen Zeitverlust von drei Stunden oder mehr erleiden würden. Die Verspätungen der Flüge OS 677 und OS 678 seien nicht auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen. Zum einen sei die verspätete Ankunft des Kapitäns jedenfalls ein von der Beklagten zu beherrschender Umstand. Zum anderen seien die Verspätungen Personalengpässen bei der Flugsicherung geschuldet. Eine Berufung auf eine Anordnung der Flugverkehrsbehörde könne das Luftfahrtunternehmen nicht davon befreien, konkrete und überprüfbare Behauptungen zu den näheren Umständen aufzustellen, weil andernfalls die Beurteilung des Vorliegens eines außergewöhnlichen Umstandes nicht möglich sei. Personalengpässe bei der Flugsicherung gerade im österreichischen Luftraum würden relativ oft vorkommen, sodass diese keinesfalls unüblich seien, sondern als Teil der normalen Tätigkeit der Beklagten zu betrachten seien. Im Ergebnis sei die Verspätung des Fluges OS 678 (bzw. des Vorfluges OS 677) sohin vielmehr einer "klassischen Rotationsverspätung" geschuldet. Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass die vorliegenden Slotverspätungen einen außergewöhnlichen Umstand darstellen würden, wäre für die Beklagte nichts gewonnen, weil sie nicht sämtliche ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe. Sie habe dadurch, dass sie die vorgeschriebene Mindest-Turn-Around-Zeit um lediglich fünf Minuten überschritten habe, keine ausreichend große Zeitreserve eingeplant, um kurzfristigen Verzögerungen im Flugverkehr vorzubeugen und einen Zeitpuffer zur Verfügung zu haben, um den Folgeflug wieder planmäßig oder zumindest mit einer geringeren Verspätung durchführen zu können. Im Übrigen habe sie auch kein Vorbringen dazu erstattet, warum es ihr nicht möglich gewesen sei, den von den Personalengpässen betroffenen Luftraum zu umfliegen oder in Wien Unterstützungsmaßnahmen wie beispielsweise das Zuwarten des Anschlussfluges zu ergreifen, die es den Passagieren auch ermöglicht hätten, den Flug OS 331 zu erreichen.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung, mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte beantragt, der Berufung keine Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist in ihrem hilfsweise gestellten Aufhebungsantrag berechtigt.
Die Berufungswerberin hält ihren Standpunkt aufrecht, dass sie sich auf außergewöhnliche Umstände berufen dürfe. Es könne keine Rede davon sein, dass Slotverspätungen, die auf Personalengpässen bei der Flugsicherung beruhen würden, relativ oft vorkämen. Diese kämen nicht häufig vor und seien daher auch nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit der Beklagten. Dem Schluss des Erstgerichtes, die Beklagte habe nicht sämtliche zumutbaren Maßnahmen ergriffen, weil sie die Mindest-Turn-Around-Zeit lediglich um fünf Minuten überschritten habe, hält die Berufungswerberin entgegen, dass es sich im konkreten Fall um keine kurzfristige Verzögerung, sondern um eine solche von zumindest 40 Minuten gehandelt habe. Die Beklagte hätte einen Puffer von zumindest 40 Minuten einplanen müssen. Dass dies nicht im Sinne der Fluggäste oder der Fluglinie sein könne, liege auf der Hand. Die eingeplante Zeitreserve bei der Turn-Around-Zeit sei daher nicht kausal für die Verspätung des Fluges bzw. das Versäumen des Anschlussfluges gewesen. Den Ausführungen des Erstgerichtes, die Beklagte habe kein Vorbringen dazu erstattet, warum es ihr nicht möglich gewesen sei, den von Personalengpässen betroffenen Luftraum zu umfliegen oder in Wien Unterstützungsmaßnahmen zu ergreifen, hält die Berufungswerberin entgegen, dass nur solche Umstände im Rahmen der Prüfung miteinzubeziehen seien, zu denen die Parteien vorgetragen hätten oder die sich zumindest als zumutbar und erfolgversprechend aufdrängen würden. Erst im Urteil sei der Beklagten der Vorwurf einer nicht ergriffenen Maßnahme gemacht worden, die weder im Verfahren thematisiert noch von der Klägerin aufgeworfen worden seien. Ein Zuwarten des Anschlussfluges von zumindest 40 Minuten sei weder für das Luftfahrtunternehmen noch für sämtliche bereits geboardete Passagiere des Anschlussfluges zumutbar.
Die Berufungsgegnerin setzt sich mit diesen Argumenten inhaltlich auseinander und verweist zuletzt auf die Anforderung, die den Schlussanträgen des Generalanwaltes Pikamäe vom 27.02.2020 in der Rechtssache C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses ausformuliert wurden (Rz 72, 73).
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob Umstände, die der Sphäre der Flugsicherung zuzuordnen sind, einen außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO darstellen oder nicht, in der Judikatur nicht abschließend geklärt ist. Zum einen wurde entschieden, dass ein folgenschwerer und langanhaltender Computerausfall bei der Flugsicherung in England zweifelsfrei dahingehend zu qualifizieren sei, dass außergewöhnliche Umstände vorgelegen seien (LG Korneuburg 07.05.2015, 21 R 97/15k). Zum anderen wurde ausgeführt, dass der Ausfall eines Radargerätes der Flugsicherung nicht ungewöhnlich und damit keinesfalls außergewöhnlich ist (HG Wien 19.10.2018, 60 R 74/18i = RWH 0000052 [ErwGr 3.5]).
Ob Personalprobleme der Flugsicherung dem Luftfahrtunternehmen die Berufung auf einen außergewöhnlichen Umstand eröffnen, und ob im konkreten Fall die knappen Feststellungen des Erstgerichtes den Schluss zulassen, dass diese Personalengpässe zur Verspätung des Zubringerfluges oder eines seiner Vorflüge verursachten, kann mangels näherer Feststellungen derzeit nicht abschließend beurteilt werden. Das Erstgericht stellte lediglich fest, dass die Durchflugrate in diesem Sektor von 10:00 Uhr bis 20:00 Uhr auf 49 Maschinen pro Stunde (ausgehend von welchem Normalwert?) beschränkt wurde und Sloteinschränkungen aufgrund von Personalengpässen [bei der Flugsicherung in Österreich] "relativ häufig" vorkommen würden (S 3 in ON 10).
Das angefochtene Urteil war daher aufzuheben und dem Erstgericht die neuerliche Entscheidung nach Erörterung der Frage aufzutragen, die eine verlässliche Beurteilung zulassen, ob der konkrete Personalengpass ein Vorkommnis ist, das seiner Natur oder Ursache nach nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des betroffenen Luftfahrtunternehmens und von ihm tatsächlich nicht zu beherrschen ist. Als Kriterien sind – beispielshaft aufgezählt – zu nennen: die Häufigkeit und Vorsehsehbarkeit von Personalengpässen, die Beeinflussbarkeit durch die betroffenen Luftfahrtunternehmen, die Notwendigkeit oder Vermeidbarkeit, den betroffenen Sektor in Anspruch nehmen zu müssen, die Auswirkungen auf den konkreten Flug, der Zeitpunkt des Bekanntwerdens des Personalengpasses einerseits und der Slotverschiebung andererseits (vgl. LG Korneuburg 12.03.2019, 21 R 32/19g zu Thema Streik der Flugsicherung.
Zutreffend verweist die Berufungsgegnerin auf das während der Berufungs- und Berufungsbeantwortungsfrist anhängig gewesene Verfahren des EuGH in der Rechtssache C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses. Mittlerweile erging in dieser Rechtssache am 11.06.2020 das Urteil der Vierten Kammer, das sich unter anderem mit den Kriterien der Umbuchung als zumutbare Maßnahme auseinandersetzt. Dazu gehört die Suche nach anderen direkten oder indirekten Flügen, die gegebenenfalls von anderen Luftfahrtunternehmen, die der selben Fluggesellschaftsallianz angehören oder auch nicht, durchgeführt werden und mit weniger Verspätung als der nächste Flug des betreffenden Luftfahrtunternehmens ankommen (Rn 59). Zur Frage, wann diese Maßnahmen zu setzen sind, führte der EuGH aus, bei Eintritt eines außergewöhnlichen Umstandes dürfe sich das Luftfahrtunternehmen nicht darauf beschränken, den betroffenen Fluggästen eine andere Beförderung zu ihrem Endziel durch den nächsten Flug anzubieten (Rn 58). Es ist also zu prüfen, ob die Beklagte bereits bei Eintritt des außergewöhnlichen Umstandes eine entsprechende Umbuchung vorgenommen hat oder nicht. Die Beklagte wusste nach ihrem eigenen Vorbringen bereits um 15:15 Uhr von der Verschiebung des Abflugslots des Vorfluges des Zubringerfluges (OS 677) auf einen Zeitpunkt, der es den Fluggästen unmöglich machen würde, den Flug OS 678 pünktlich durchzuführen sowie um 17:36 Uhr von der Verschiebung des Abflugslots des Zubringerfluges (OS 678) auf einen Zeitpunkt, der es den Fluggästen unmöglich machen würde, den Anschlussflug in Wien (OS 331) zu erreichen. Die dem Fluggast zur Verfügung stehende Umsteigezeit war nur 25 Minuten über der auf die konkreten Verbindung anzuwendende MCT. Unstrittig nahm sie eine Umbuchung vor, augenscheinlich erst nach der Landung des Zubringerfluges und Versäumung des Anschlussfluges in Wien. Diese Umbuchung wird den vom EuGH aufgestellten Kriterien jedoch möglicherweise nicht gerecht. Jedenfalls unter den Umständen wie im konkreten Fall, wonach bei Abflug des Zubringerfluges klar war, dass es dem Fluggast unmöglich sein wird, den Anschlussflug noch zu erreichen, ist vom ausführenden Luftfahrtunternehmen zu fordern, bereits vor Abflug des Zubringerfluges Umbuchungsmöglichkeiten zu prüfen. Da die Entscheidung des EuGH den Streitteilen im erstinstanzlichen Verfahren noch nicht bekannt war, würde das Berufungsgericht gegen das Verbot der Überraschungsentscheidung verstoßen, wenn es der Beklagten vorwirft, ein solches Vorbringen nicht erstattet zu haben (LG Korneuburg 09.01.2020, 21 R 368/19v).
Dem Erstgericht war daher die neuerliche Entscheidung nach Erörterung auch der Frage aufzutragen, ob der Beklagten nicht vorzuwerfen ist, nicht bereits vor Abflug des Zubringerfluges eine Umbuchung des Fluggastes vorgenommen zu haben, die den Kriterien des EuGH im Urteil in der Rechtssache Transportes Aéreos Portugueses Rn 61 entspricht und dem Fluggast somit schneller an sein Endziel befördert hätte, außer eine solche Umbuchung wäre ein nicht tragbares Opfer für die Beklagte gewesen. Auf die darüber hinausgehende Frage, ob dem Luftfahrtunternehmen vorzuwerfen ist, über die Minimum-Turn-Around-Zeit hinausgehend keine zusätzlichen Puffer geplant zu haben, braucht daher nicht eingegangen werden, zumal nicht bekannt ist, in welchem Ausmaß im Allgemeinen und im vorliegenden Fall im Besonderen bei den offiziell angegebenen Flugzeiten gewisse Puffer nicht ohnehin bereits berücksichtigt sind. Eine undifferenzierte Betrachtung der Minimum-Turn-Around-Zeit allein könnte somit zur Folge haben, dass ein Luftfahrtfahrtunternehmen, das beispielsweise einen Puffer von 20 min in seine nominelle Flugzeit einkalkuliert hat, womit eine Überschreitung der Minimum-Turn-Around-Zeit von beispielsweise nur 5 min verbleibt, sich den Vorwurf gefallen lassen müsste, riskanter gehandelt zu haben als ein Luftfahrtfahrtunternehmen, das nur 10 min Reserve in die nominelle Flugzeit einplant und somit eine Reserve der Minimum-Turn-Around-Zeit von 15 min ausweisen kann, obwohl die Summe aus Puffer und Überschreitung der Minimum-Turn-Around-Zeit in beiden Fällen 25 min beträgt. Da nicht bekannt ist, ob und bejahendenfalls in welchem Ausmaß die Beklagte in die nominellen Flugzeiten des Fluges OS 677 bereits einen Puffer „eingepreist“ hat, kann die Verletzung einer allfälligen Verpflichtung zur Planung mit einer längeren Turn-Around-Zeit hier nicht beurteilt werden.
Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52 ZPO.
|
JJT_20200903_LG00119_02200R00152_20P0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00152.20P.0903.000
|
22R152/20p
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200903_LG00119_02200R00152_20P0000_000/JJT_20200903_LG00119_02200R00152_20P0000_000.html
| 1,599,091,200,000
| 3,098
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Parteien [1] E***** C*****, [2] W***** C*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** AG, vertreten durch MMag Christoph Krones, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 500,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 10.03.2020, 20 C 847/19p-11, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien binnen 14 Tagen je die Hälfte der mit EUR 231,67 (darin EUR 38,61 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger verfügten über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OS 174 von Hamburg (HAM) nach Wien (VIE) am 25.08.2018, 15:15 Uhr bis 16:45 Uhr. Der Flug wurde an diesem Tag annulliert. Die Kläger wurden von der Beklagten auf eine Flugverbindung von HAM über Frankfurt (FRA) und Stuttgart (STR) nach VIE mit der planmäßigen Ankunft am Endziel am 26.08.2018, 11:50 Uhr, umgebucht. Die Flugstrecke HAM - VIE beträgt weniger als 1.500 km.
Die Kläger begehrten den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 Abs 1 [lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von jeweils EUR 250,-- samt Zinsen. Dazu brachten sie im Wesentlichen vor, dass ihnen keine Umbuchung auf eine Flugverbindung im zeitlichen Rahmen des Art 5 Abs 1 lit c [Nr iii] EU-FluggastVO angeboten worden sei. Es seien auch keine außergewöhnlichen Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorgelegen; es werde bestritten, dass ein Vogelschlag Ursache für die Annullierung gewesen sei. Die Beklagte habe auch nicht alle zumutbaren Maßnahmen, ua zur Vermeidung des allenfalls eingetretenen außergewöhnlichen Umstands (zB Aufmalen einer „Weißen Wendel“ am Triebwerk) getroffen.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung ihre Ursache in einer auf dem unmittelbaren, um 13:10 Uhr in HAM gelandeten Vorflug OS 173 geschehenen Kollision mit einem Vogel gehabt habe, was zur Beschädigung einer Tragfläche der auch für den gegenständlichen Flug vorgesehenen Maschine (OE-LXD) geführt habe. Sie habe alle ihr zumutbaren Maßnahmen (hier gemeint: zur Vermeidung des Vogelschlags) ergriffen, indem sie – im einzelnen näher beschriebene – Vogelvergrämungsmaßnahmen mit dem Flug-hafenbetreiber besprochen und abgeklärt habe. Darüber hinaus seien auf ihren Flugzeugen Landelichter und „Weiße Wendeln“ angebracht, die dazu beitragen würden, Vögel fernzuhalten. Der Vogelschlag habe eine sowohl vom Hersteller des Luftfahrzeugs als auch von ihr als Luftfahrtfahrtunternehmen vorgesehene Sicherheitsüberprüfung zur Folge gehabt, die den gesamten weiteren Tag beansprucht hätte. Nach der Überprüfung des Schadens sei die Maschine außer Dienst gestellt und ohne Passagiere nach VIE überstellt worden, wo ihre Techniker die notwendigen Reparaturen durchgeführt hätten, weil die Reparaturen nicht vor Ort, sondern nur am Heimatflughafen durchgeführt werden hätten können. Die Durchführung des Fluges mit Passagieren hätte ein zu großes Sicherheitsrisiko dargestellt. Sie habe alle Passagiere des Fluges OS 174 „kurz nach“ dem Vogelschlag über „die zutreffenden und notwendigen Maßnahmen sowie von der zu erwartenden Annullierung bzw Umbuchung“ informiert. Es wäre ihr auch nicht möglich gewesen, ein Ersatzflugzeug nach HAM zu überstellen. Die Annullierung des Fluges sei damit nicht zu vermeiden gewesen. Sie habe die Kläger schließlich auf die schnellstmögliche Verbindung nach VIE umgebucht.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung einer Ausgleichsleistung von insgesamt EUR 500,-- samt Zinsen sowie zum Ersatz der Prozesskosten an die Kläger. Es traf keine über den eingangs wiedergegebenen unstrittigen Sachverhalt hinausgehenden Feststellungen, und führte in rechtlicher Hinsicht zusammengefasst aus:
Gemäß Art 5 Abs 1 lit a Fluggastrechte-VO werde bei Annullierungen eines Fluges den betroffenen Fluggästen vom ausführenden Luftfahrtunternehmen ein Anspruch auf Ausgleichsleistung gemäß Art 7 EU-FluggastVO eingeräumt, die gemäß Art 7 Abs 1 lit a der VO bei allen innergemeinschaftlichen Flügen über eine Entfernung von 1.500 km oder weniger EUR 250,-- betrage. Die Ausgleichsleistung sei nach Art 5 Abs 3 der VO jedoch nicht zu leisten, wenn das Luftfahrtunternehmen behaupte und nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Entsprechend der Substantiierungstheorie obliege es dem behauptungspflichtigen Luftfahrtfahrtunternehmen seinen Einwendungen ein konkretes Tatsachenvorbringen zugrunde zu legen, wofür es notwendig sei, konkrete auf den jeweiligen Flug bezogene, überprüfbare und entscheidungswesentliche Tatsachen vorzubringen. Die behaupteten Vorkommnisse seien genau und überprüfbar zu beschreiben; andernfalls liege eine Behauptungslücke vor.
Es beurteilte zunächst – gestützt auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu C-315/15 – die Kollision des Flugzeugs mit einem Vogel als außergewöhnlichen Umstand iSd des Art 5 Abs 3 der VO.
Allerdings habe die Beklagte trotz Erörterung kein ausreichendes Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen erstattet. Berufe sich ein Luftfahrtunternehmen auf einen außergewöhnlichen Umstand, müsse es auch vorbringen und beweisen, dass es unter Einsatz aller ihm zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel versucht habe, die Annullierung oder Verspätung zu vermeiden, und warum es ihr nicht möglich gewesen sei, unter Berücksichtigung seiner Kapazitäten diese Mittel einzusetzen. Das Vorbringen müsse so beschaffen sein, dass das Gericht situationsbedingt beurteilen könne, ob das betroffene Luftfahrtunternehmen auf technischer und administrativer Ebene in der Lage gewesen sei, direkt oder indirekt Vorkehrungen zu treffen, die geeignet waren, die Folgen der Annullierung oder großen Verspätung zu verringern oder zu vermeiden. Es bedürfe somit in zeitlicher, örtlicher und technischer Hinsicht eines konkreten und substantiierten Vorbringens des Luftfahrtunternehmens. Da von einer flexiblen, vom Einzelfall abhängigen Bedeutung des Begriffs „zumutbare Maßnahme“ auszugehen sei, sei es von besonderer Wichtigkeit, dass der Sachverhalt konkret dargelegt werde. Dem Luftfahrtunternehmen könne zwar nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten; vorzutragen seien aber Prozess- behauptungen zu Maßnahmen, die sich auch bei eingeschränkten Kenntnissen des Flugverkehrs geradezu aufdrängen oder bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen. Das Luftfahrtunternehmen müsse vortragen, aus welchen Gründen solche naheliegenden Maßnahmen nicht möglich gewesen seien. Vorliegend habe die Beklagte keine konkreten auf den Einzelfall abstellende Behauptungen aufgestellt, wann sie welche Maßnahmen gesetzt habe, oder aus welchen Gründen sie solche nicht habe setzen können, um die Annullierung des Fluges OS 174 zu vermeiden. Sie habe nicht überprüfbar dargelegt, wann sie die jeweiligen Schritte konkret veranlasst bzw gesetzt habe. Werde ein durch einen Vogelschlag beschädigtes Flugzeug erst nach einer Zeitspanne, die erheblich über jener liege, die für eine Reparatur notwendig und üblich sei, wieder zum Einsatz bereitgestellt, müsse das Luftfahrtunternehmen auch darlegen, warum eine frühere Beendigung der Reparatur und Bereitstellung des Flugzeuges nicht möglich gewesen sei, und warum weitere Maßnahmen, die sich allenfalls angeboten haben, um eine frühere Reparatur sicherzustellen, nicht ergriffen worden seien. Der pauschale Vortrag, diese Maßnahmen hätten den ganzen weiteren Tag beansprucht, sei keine genaue und überprüfbare Darstellung der Geschehnisse, weil daraus in zeitlicher Hinsicht nicht ableitbar ist, wann die jeweils vorgebrachten einzelnen Schritte von der Beklagten veranlasst worden seien. Sie habe auch kein ausreichendes Vorbringen zu dem Umstand erstattet, warum die Maschine nicht durch einen Techniker vor Ort in HAM repariert werden habe können. Es sei bekannt, dass es im Luftverkehr üblich sei, dass auf Flughäfen, an denen das Luftfahrtunternehmen selbst keine Basis habe, auf ortsansässige Techniker zurückgegriffen werde. Wenn ein Luftfahrtunternehmen aber aufgrund betriebswirtschaftlicher Überlegungen keinerlei Vorsorge dafür treffe, liege es in seiner Risikosphäre, wenn es im Fall eines Ausfalls des Fluggeräts spontan keine Abhilfe schaffen könne. Der Einsatz von ortsansässigen Technikern bzw der Abschluss dahingehender Abkommen zwischen den Fluggesellschaften sei auch als eine zumutbare Maßnahme anzusehen, um eine Annullierung oder große Verspätung zu vermeiden. Wann die Beklagte sodann in Kenntnis der Reparaturbedürftigkeit des Flugzeugs welche Schritte tatsächlich unternommen habe, um die Durchführung des Fluges OS 174 mit einer Abflugzeit um 15:15 Uhr oder auch allfällig mit einer Verspätung von weniger als drei Stunden sicherzustellen, habe sie nicht ausreichend dargelegt. Dabei sei zu beachten, dass sie schon ab dem behaupteten Vogelschlag um 13:10 Uhr damit rechnen habe müssen, dass der Folgeflug eine Verspätung erleiden werde. Sie habe auch kein ausreichendes Vorbringen zum möglichen Einsatz eines Ersatzflugzeugs – allenfalls im Wege eines Subcharters – erstattet. Sie habe nicht dargelegt, wie viele Ersatzflugzeuge am gegenständlichen Flugtag tatsächlich bereit gestanden seien, wo sich diese befunden hätten, in welchem Verhältnis [deren Anzahl] zur [Größe der] gesamten Flotte gestanden sei, und warum keines der Ersatzflugzeuge zur Verfügung gestellt werden habe können; bzw ob und wann sie bei welcher Fluglinien konkret nach der Möglichkeit eines Subcharters angefragt habe und welche Antworten sie erhalten habe. Da die Tatbestandsvoraussetzungen für den Ausgleichsanspruch der Kläger erfüllt seien, und die Beklagte sich von der Verpflichtung zur Ausgleichsleistung nicht befreien habe können, sei dem Klagebegehren stattzugeben.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus den Berufungsgründen der Mangelhaftigkeit des Verfahrens und der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Kläger beantragen der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
[A] Als Mangelhaftigkeit des Verfahrens rügt die Berufungswerberin, dass das Erstgericht den von ihr zum Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstands und des Ergreifens aller zumutbaren Maßnahmen beantragten Zeugen Lukas Sebastian Ulses nicht vernommen habe.
Dazu ist die Berufungswerberin zunächst auf § 501 ZPO zu verweisen, wonach das Urteil nur wegen Nichtigkeit und einer ihm zugrunde liegenden unrichtigen rechtlichen Beurteilung der Sache angefochten werden kann, wenn der Streitgegenstand – so wie hier – EUR 2.700,-- nicht übersteigt. Allfällige Verfahrensmängel des Erstgerichts, die nicht die Qualität eines Nichtigkeitsgrundes erreichen, können daher vom Berufungsgericht nicht aufgegriffen werden.
Ungeachtet dessen war die Einvernahme des Zeugen nicht erforderlich, weil das Erstgericht einerseits ohnehin – zutreffend – vom Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstand ausgegangen ist, und andererseits eine Zeugenaussage nicht geeignet gewesen wäre, das lückenhafte Vorbringen der Beklagten zum Ergreifen zumutbarer Maßnahmen zu sanieren, worauf schon das Erstgericht zutreffend hingewiesen hat, und wozu auf die folgende Behandlung der Rechtsrüge verwiesen wird.
[B] In ihrer Rechtsrüge wendet sich die Berufungswerberin gegen die vom Erstgericht vertretene Ansicht, dass ihr Vorbingen zu den zumutbaren Maßnahmen unzureichend gewesen sei. Sie habe die Vorkommnisse genau und überprüfbar beschrieben und damit den Sachverhalt klar nachvollziehbar dargelegt. Bei ihrem Vorbringen handle es sich – insbesondere in Verbindung mit den von ihr vorgelegten Urkunden – nicht bloß um eine ungefähre, illustrative Darstellung. Das Erstgericht wäre verhalten gewesen, aufgrund ihres ausreichenden Sachverhaltsvortrags sowie des darauf aufbauenden Beweisverfahrens Feststellungen zu den von ihr ergriffenen zumutbaren Maßnahmen zu treffen.
[a] Vorweg ist festzuhalten, dass aus den von den Parteien vorgelegten Urkunden allenfalls ersichtliche Tatsachen die erforderlichen Prozessbehauptungen grundsätzlich nicht ersetzen können (RS0037915; vgl RS0038037 [T7]; RS0001252 [T12]; zu den sachgerechten Ausnahmen vgl RS0037420). Urkunden sind in erster Linie Beweismittel, sodass sich die Frage der Verwertbarkeit der ihnen zu entnehmenden Inhalte erst dann stellt, wenn ein ausreichend konkretisierter Sachverhalt behauptetet wurde, den es in der Folge zu beweisen gilt. Es ist aber nicht Aufgabe des Erstgerichts, das fehlende Parteienvorbringen durch von ihm erst zu ermittelnde Urkundeninhalte zu ergänzen oder zu präzisieren (vgl RS0001252 [T12]).
[b] Wie schon das Erstgericht unter Hinweis auf die ständige Rechtsprechung des Berufungsgerichts dargelegt hat, kann dem beklagten Luftfahrunternehmen zwar nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten; es sind jedoch Prozessbehauptungen zu Maßnahmen zu erstatten, die sich geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (LG Korneuburg 22 R 69/19f, 21 R 76/19b, 22 R 61/20f, 22 R 88/20a ua) oder zu denen die Klagsseite substantiiertes (!) Vorbringen erstattet hat (LG Korneuburg 22 R 119/20k).
Um überprüfen zu können, welche zumutbaren Maßnahmen nach den genannten Kriterien im Einzelfall überhaupt in Betracht zu ziehen sind, bedarf es aber eines – vor allem auch im Hinblick auf die zeitlichen Abläufe – konkreten Tatsachenvorbringens. Dies resultiert vor allem aus dem Umstand, dass der Begriff der „zumutbaren Maßnahmen“ per se zu wenig determiniert ist, als sich daraus allein noch nicht ergibt, worauf die zumutbare Maßnahme gerichtet sein muss. Aus der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs lässt sich nunmehr hinreichend deutlich ableiten, dass die Maßnahmen in drei Kategorien einzuteilen sind:
[1] Maßnahmen zur Vermeidung der außergewöhnlichen Umstände selbst (EuGH C-549/07 Wallentin-Hermann, C-315/15 Pešková u Peška);
[2] Maßnahmen zur Vermeidung einer daraus resultierenden Annullierung (bzw einer großen Verspätung; EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels; C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 57; LG Korneuburg 21 R 375/19y, 22 R 69/19f; Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 139; zu eng, weil nur auf die Vermeidung des außergewöhnlichen Umstandes abstellend: Bosch/Lorz NZV 2013, 105, 108; Maruhn in Staudinger/Keiler, Fluggastrechte-VO Art 5 Rz 30); und
[3] Maßnahmen zur Vermeidung der unerwünschten Folgen der Annullierung für den einzelnen Fluggast (EuGH C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 58 ff; LG Korneuburg 22 R 83/20s).
Da Ursachen, Natur und Ausprägung der außergewöhnlichen Umstände äußerst unterschiedlich sein können (vgl Überblick bei Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 37-135), können auch zu den auf ihre Vermeidung gerichteten zumutbaren Maßnahmen (erste Kategorie) kaum allgemeine Aussagen getroffen werden, zumal auch außergewöhnliche Umstände denkbar sind, die etwa aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit als schlicht unabwendbar angesehen werden müssen, sodass allenfalls wirksame Präventionsmaßnahmen – uU auch bloß in Anbetracht des administrativen, personellen und wirtschaftlichen Aufwands – grundsätzlich als unzumutbar angesehen werden müssen.
Die zweite Kategorie der zumutbaren Maßnahmen stellt auf die Durchbrechung bzw Vermeidung eines Kausal- zusammenhangs zwischen einem eingetretenen außergewöhnlichen Umstand und der Annullierung – bzw einer zumindest dreistündigen („großen“) Verspätung am Endziel (EuGH C-402/07 Sturgeon/Condor) – ab; während
die zumutbaren Maßnahmen der dritten Kategorie in jenen Fällen zu prüfen sind, in denen die Annullierung (bzw große Verspätung) eingetreten ist, wobei das Ergreifen solcher Maßnahmen mitunter auch schon vor dem tatsächlichen Eintritt der Annullierung (oder großen Verspätung) geboten sein kann (EuGH C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 59; Jarec in RRa 2020, Heft 5 [in Druck]); dies folgt schon daraus, dass es im Belieben des Luftfahrtunternehmens steht, wann es den – mitunter bereits erheblich abflugverspäteten – Flug förmlich annulliert, sodass nicht allein auf diesen Zeitpunkt abgestellt werden kann. In den allermeisten Fällen wird eine zumutbare Maßnahme der dritten Kategorie allein in einer Ersatzbeförderung des Fluggastes liegen können, an die der Europäische Gerichtshof in seiner Entscheidung zu C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses (Rn 59 f) erstmals in aller Deutlichkeit strenge Anforderungen gestellt hat (vgl Jarec aaO).
Ob ein Vorbringen so weit spezifiziert ist, dass es als Anspruchsgrundlage hinreicht, bzw wie weit ein bestimmtes Vorbringen einer
Konkretisierung zugänglich ist, ist eine Frage des Einzelfalles (RS0042828 [T9]). Für den vorliegenden Fall bedeutet dies Folgendes:
[1] Zu den Maßnahmen der ersten Kategorie hat die Beklagte einerseits vorgebracht, dass sie mit dem Flug-hafenbetreiber in HAM Absprachen im Hinblick auf Vogelvergrämungsmaßnahmen getroffen habe, und auf dem Flugzeug „Weiße Wendeln“ angebracht gewesen seien. Damit hat die Beklagte nach Ansicht des erkennenden Senats hinreichend dargelegt, dass sie alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung des Eintritts des außergewöhnlichen Umstands (Beschädigung des Flugzeugs durch Vogelschlag) ergriffen hat. Da sich die Kollision mit einem Vogel grundsätzlich als schicksalhaftes Ereignis darstellt, zumal einerseits eine Einflussnahme auf Vogelflugrouten und andererseits ein spontanes Ausweichmanöver durch den Piloten wohl nur in äußerst beschränktem Ausmaß möglich ist, ist nicht erkennbar, welche weiteren Maßnahmen zur Vermeidung von Kollisionen mit Vögeln und daraus entstehenden Schäden einem Luftfahrtunternehmen zu Gebote stehen könnten. Auch die Kläger haben weder vor dem Erstgericht noch in ihrer Berufungsbeantwortung das von Beklagten verabsäumte Ergreifen weiterer zumutbarer Maßnahmen zur Vermeidung des außergewöhnlichen Umstands aufgezeigt.
Abgesehen davon, dass mittlerweile gerichtsbekannt ist, dass in Fachkreisen umstritten ist, ob „Weiße Wendeln“ überhaupt ein taugliches Mittel zur Vermeidung eines Vogelschlags darstellen, sind die Ausführungen in der Berufungsbeantwortung, die Beklagte habe an ihrem Flugzeug keine „Weißen Wendeln“ angebracht, schon deshalb unbeachtlich, weil die Beklagte das Gegenteil behauptet, das Erstgericht dazu jedoch keine Feststellungen getroffen hat.
[2] Nach Auffassung des Berufungsgerichts ist dem Erstgericht in seiner Ansicht, die Beklagte habe kein ausreichendes Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen erstattet, allerdings beizupflichten, zumal der Sachverhaltsvortrag der Beklagten insofern zu unpräzise ist, als er nicht erkennen lässt, welche zumutbaren Maßnahmen in Anbetracht des konkreten Geschehensablaufs überhaupt in Betracht gekommen wären.
So würde etwa die Anmietung eines Ersatzflugzeugs, die gerichtsbekannt aufgrund des damit verbundenen organisatorischen und administrativen Aufwands eine nicht unbeträchtliche Vorlaufzeit in Anspruch nimmt, dann keine zumutbare Maßnahme mehr darstellen, wenn die Fluggäste ihr Endziel voraussichtlich ohnehin früher im Wege einer Ersatzbeförderung erreichen.
Das Erstgericht listet eine Vielzahl an denkbaren Maßnahmen auf, zu denen die Beklagte kein oder nur zu unbestimmtes Vorbringen erstattet hat. Dass diese Aufzählung als ausufernd und überschießend erscheinen mag, liegt aber in erster Linie an der – vor allem in zeitlicher Hinsicht – allzu kursorischen Darstellung der Geschehnisse ab der Landung des Vorfluges OS 173 um 13:10 Uhr in HAM.
So wäre es für die Prüfung, welche Maßnahmen im vorliegenden Fall zumutbar gewesen wären, vor allem erforderlich gewesen, darzustellen, wann für die Beklagte erkennbar war, dass der Flug annulliert werden wird müssen – entweder weil das Flugzeug schon aus technischen Gründen an diesem Tag keinesfalls mehr einsatzfähig gewesen wäre, oder weil die für die technische Überprüfung des Fluggeräts erforderliche Dauer aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen (Arbeitszeitbeschränkungen der Crew, Nachtflugverbot) eine Durchführung des Fluges unmöglich machen werde. Dieser Zeitpunkt ist auch nicht zwangsläufig mit dem der Beendigung der technischen Überprüfung (nach dem unpräzisen Vorbringen der Beklagten offenbar irgendwann in den späten Abendstunden) gleichzusetzen.
Zusammengefasst ist es also der Beklagten selbst zuzuschreiben, dass sich das Spektrum der theoretisch denkbaren zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung des gegenständlichen Fluges nicht auf die im konkreten Fall zielführenden eingrenzen lässt.
[3] Die eben dargestellten Erwägungen haben aber auch für die Frage, ob die Beklagte – vor allem im Lichte der Entscheidung EuGH C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses – alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Folgen der Annullierung für die Fluggäste ergriffen hat, Bedeutung.
Die Beklagte hat zwar vorgebracht, dass sie die Kläger auf die frühestmögliche Flugverbindung an ihr Endziel umgebucht hat. Daraus lässt sich aber nicht erkennen, ausgehend von welchem Zeitpunkt (des Vogelschlags; des Erkennens des Schadens; der Erkennbarkeit, dass der Flug annulliert werden wird müssen; der tatsächlichen Annullierung; der Entscheidung, die Fluggäste umzubuchen?) es sich um die frühestmögliche Ersatzbeförderung handelte.
Da die Beklagte aber kein Vorbringen dazu erstattet hat, zu welchen Zeiten die oben in Klammern angeführten Ereignisse stattgefunden haben, wäre auch nicht beurteilbar, ob sie die Kläger tatsächlich auf die frühestmögliche – rechtlich gebotene! - Ersatzbeförderung umgebucht hat.
Das Erstgericht ist daher im Ergebnis zu Recht davon ausgegangen, dass der von der für die anspruchsvernichtenden Tatsachen behauptungs- und beweispflichtigen Beklagten vorgetragene Sachverhalt die rechtliche Beurteilung, dass sie alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung bzw der nachteiligen Folgen derselben für die Kläger ergriffen hat, nicht zulässt. Der anspruchsvernichtende Sachverhalt ist daher nicht ausreichend konkret behauptet worden.
Der unberechtigten Berufung war daher ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20200929_LG00119_02200R00174_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00174.20Y.0929.000
|
22R174/20y
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200929_LG00119_02200R00174_20Y0000_000/JJT_20200929_LG00119_02200R00174_20Y0000_000.html
| 1,601,337,600,000
| 2,128
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei K***** K*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch MMag Christoph Krones, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 25.06.2020, 23 C 1531/19y-10, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 176,28 (darin EUR 29,38 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin verfügte über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OS 174 von Hamburg (HAM) nach Wien (VIE) am 25.08.2018, 15:15 Uhr bis 16:45 Uhr. Der Flug wurde an diesem Tag annulliert. Die Klägerin wurde von der Beklagten auf eine Flugverbindung von HAM über Frankfurt (FRA) nach VIE umgebucht und erreichte ihr Endziel VIE am 26.08.2018, 14:20 Uhr. Die Flugstrecke HAM - VIE beträgt weniger als 1.500 km.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 Abs 1 [lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 250,-- samt Zinsen. Dazu brachte sie im Wesentlichen vor, dass ihr keine Umbuchung auf eine Flugverbindung im zeitlichen Rahmen des Art 5 Abs 1 lit c [Nr iii] EU-FluggastVO angeboten worden sei. Es seien auch keine außergewöhnlichen Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorgelegen; es werde bestritten, dass ein Vogelschlag Ursache für die Annullierung gewesen sei. Die Beklagte habe auch nicht alle zumutbaren Maßnahmen, ua zur Vermeidung des allenfalls eingetretenen außergewöhnlichen Umstands (zB Aufmalen einer „Weißen Wendel“ am Triebwerk) getroffen. Die Beklagte habe auch nicht die schnellstmögliche Ersatzbeförderung angeboten.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung ihre Ursache in einer auf dem unmittelbaren, um 13:10 Uhr in HAM gelandeten Vorflug OS 173 geschehenen Kollision mit einem Vogel gehabt habe, was zur Beschädigung einer Tragfläche der auch für den gegenständlichen Flug vorgesehenen Maschine (OE-LXD) geführt habe. Der Flughafen-betreiber in HAM führe zwar Vogelvergrämungsmaßnahmen durch; dennoch seien vereinzelte Kollisionen von Luftfahrzeugen mit Vögeln nicht vermeidbar. Der Vogelschlag habe eine sowohl vom Hersteller des Luftfahrzeugs als auch von ihr als Luftfahrtfahrtunternehmen vorgesehene Sicherheitsüberprüfung zur Folge gehabt. Es werde stets versucht, eine Begutachtung und Reparatur ehestmöglich durchzuführen. Eine rasche Reparatur sei angesichts der Beschädigung aber nicht möglich gewesen. Nach der Überprüfung des Schadens sei die Maschine außer Dienst gestellt und ohne Passagiere nach VIE überstellt worden, wo ihre Techniker die notwendigen Reparaturen vorgenommen hätten. Die Durchführung des Fluges mit Passagieren hätte ein zu großes Sicherheitsrisiko dargestellt. Sie habe alle Passagiere des Fluges OS 174 „kurz nach“ dem Vogelschlag über „die zutreffenden und notwendigen Maßnahmen sowie von der zu erwartenden Annullierung bzw Umbuchung“ informiert. Ein Ersatzflugzeug sei ihr an diesem Tag nicht zur Verfügung gestanden, weil aufgrund der Hauptreisezeit alle ihre Maschinen im Einsatz gewesen seien; die Anmietung eines Ersatzflugzeugs würde erfahrungsgemäß mehr Zeit als die Umbuchung erfordern. Die Annullierung des Fluges sei damit nicht zu vermeiden gewesen. Sie habe die Klägerin schließlich auf die schnellstmögliche Verbindung nach VIE umgebucht.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung einer Ausgleichsleistung von EUR 250,-- samt Zinsen sowie zum Ersatz der Prozesskosten an die Klägerin. Es traf die aus den Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ersichtlichen Feststellungen, und führte in rechtlicher Hinsicht zusammengefasst aus:
Gemäß Art 5 Abs 1 lit a Fluggastrechte-VO werde bei Annullierungen eines Fluges den betroffenen Fluggästen vom ausführenden Luftfahrtunternehmen ein Anspruch auf Ausgleichsleistung gemäß Art 7 EU-FluggastVO eingeräumt, die gemäß Art 7 Abs 1 lit a der VO bei allen Flügen über eine Entfernung von 1.500 km oder weniger EUR 250,-- betrage. Die Ausgleichsleistung sei nach Art 5 Abs 3 der VO jedoch nicht zu leisten, wenn das Luftfahrtunternehmen behaupte und nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Es beurteilte zunächst – gestützt auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu C-315/15 – die Kollision des Flugzeugs mit einem Vogel als außergewöhnlichen Umstand iSd des Art 5 Abs 3 der VO. Allerdings habe die Beklagte trotz Erörterung kein ausreichendes Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen erstattet. Berufe sich ein Luftfahrtunternehmen auf einen außergewöhnlichen Umstand, müsse es auch vorbringen und beweisen, dass es unter Einsatz aller ihm zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel versucht habe, die Annullierung oder Verspätung zu vermeiden, und warum es ihr nicht möglich gewesen sei, unter Berücksichtigung seiner Kapazitäten diese Mittel einzusetzen. So sei schon die Chronologie der Reparaturarbeiten unklar geblieben. Die Beklagte habe aber auch nicht vorgebracht, warum es ihr unzumutbar gewesen wäre, ein Ersatzflugzeug zur Verfügung zu stellen; sie müsse auch zu stärker frequentierten Reisezeiten auf derartige Zwischenfälle vorbereitet sein und stets eine gewisse Anzahl an Ersatzfluggeräten bereithalten. Auch das Vorbringen zur Unzumutbarkeit der Anmietung eines Ersatzflugzeugs sei nicht ausreichend. Letztendlich seien aber auch keine Beweisergebnisse vorgelegen, dass die Beklagte ehestmöglich mit der Inspektion und Reparatur des von Vogelschlag betroffenen Fluggeräts begonnen habe. Ebenso sei und unklar geblieben, ob die Klägerin tatsächlich auf die nächstmögliche Verbindung an ihr Endziel umgebucht worden sei.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin wendet sich gegen die vom Erst-gericht vertretene Ansicht, dass ihr Vorbingen zu den zumutbaren Maßnahmen unzureichend gewesen sei. Sie sei ihrer Behauptungs- und Beweislast im Hinblick auf das Ergreifen der konkret zumutbaren Maßnahmen zur Verhinderung der Annullierung nachgekommen.
Die ständige Rechtsprechung des Berufungsgerichts verlangt dem beklagten Luftfahrunternehmen zwar nicht ab, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten; es sind jedoch Prozessbehauptungen zu Maßnahmen zu erstatten, die sich geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (LG Korneuburg 22 R 69/19f, 21 R 76/19b, 22 R 61/20f, 22 R 88/20a ua) oder zu denen die Klagsseite substantiiertes (!) Vorbringen erstattet hat (LG Korneuburg 22 R 119/20k).
Um überprüfen zu können, welche zumutbaren Maßnahmen nach den genannten Kriterien im Einzelfall überhaupt in Betracht zu ziehen sind, bedarf es aber eines – vor allem auch im Hinblick auf die zeitlichen Abläufe – konkreten Tatsachenvorbringens. Dies resultiert vor allem aus dem Umstand, dass der Begriff der „zumutbaren Maßnahmen“ per se zu wenig determiniert ist, als sich daraus allein noch nicht ergibt, worauf die zumutbare Maßnahme gerichtet sein muss. Aus der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs lässt sich nunmehr hinreichend deutlich ableiten, dass die zumutbaren Maßnahmen in drei Kategorien einzuteilen sind:
[1] Maßnahmen zur Vermeidung der außergewöhnlichen Umstände selbst (EuGH C-549/07 Wallentin-Hermann, C-315/15 Pešková u Peška);
[2] Maßnahmen zur Vermeidung einer daraus resultierenden Annullierung (bzw einer großen Verspätung; EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels; C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 57; LG Korneuburg 21 R 375/19y, 22 R 69/19f; Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 139; zu eng, weil nur auf die Vermeidung des außergewöhnlichen Umstandes abstellend: Bosch/Lorz NZV 2013, 105, 108; Maruhn in Staudinger/Keiler, Fluggastrechte-VO Art 5 Rz 30); und
[3] Maßnahmen zur Vermeidung der unerwünschten Folgen der Annullierung für den einzelnen Fluggast (EuGH C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 58 ff; LG Korneuburg 22 R 83/20s).
Da Ursachen, Natur und Ausprägung der außergewöhnlichen Umstände äußerst unterschiedlich sein können (vgl Überblick bei Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 37-135), können auch zu den auf ihre Vermeidung gerichteten zumutbaren Maßnahmen (erste Kategorie) kaum allgemeine Aussagen getroffen werden, zumal auch außergewöhnliche Umstände denkbar sind, die etwa aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit als schlicht unabwendbar angesehen werden müssen, sodass allenfalls wirksame Präventionsmaßnahmen – uU auch bloß in Anbetracht des administrativen, personellen und wirtschaftlichen Aufwands – grundsätzlich als unzumutbar angesehen werden müssen.
Die zweite Kategorie der zumutbaren Maßnahmen stellt auf die Durchbrechung bzw Vermeidung eines Kausal- zusammenhangs zwischen einem eingetretenen außergewöhnlichen Umstand und der Annullierung – bzw einer zumindest dreistündigen („großen“) Verspätung am Endziel (EuGH C-402/07 Sturgeon/Condor) – ab;
während die zumutbaren Maßnahmen der dritten Kategorie in jenen Fällen zu prüfen sind, in denen die Annullierung (bzw große Verspätung) eingetreten ist, wobei das Ergreifen solcher Maßnahmen mitunter auch schon vor dem tatsächlichen Eintritt der Annullierung (oder großen Verspätung) geboten sein kann (EuGH C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 59; Jarec in RRa 2020, Heft 5 [in Druck]); dies folgt schon daraus, dass es im Belieben des Luftfahrtunternehmens steht, wann es den – mitunter bereits erheblich abflugverspäteten – Flug förmlich annulliert, sodass nicht allein auf diesen Zeitpunkt abgestellt werden kann. In den allermeisten Fällen wird eine zumutbare Maßnahme der dritten Kategorie allein in einer Ersatzbeförderung des Fluggastes liegen können, an die der Europäische Gerichtshof in seiner Entscheidung zu C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses (Rn 59 f) erstmals in aller Deutlichkeit strenge Anforderungen gestellt hat (vgl Jarec aaO).
Ob ein Vorbringen so weit spezifiziert ist, dass es als Anspruchsgrundlage hinreicht, bzw wie weit ein bestimmtes Vorbringen einer
Konkretisierung zugänglich ist, ist eine Frage des Einzelfalles (RS0042828 [T9]). Für den vorliegenden Fall bedeutet dies Folgendes:
[1] Zu den Maßnahmen der ersten Kategorie hat die Beklagte vorgebracht, dass der Flughafenbetreiber in HAM Vogelvergrämungsmaßnahmen getroffen habe. Dem Vorbringen der Klägerin, dass am betroffenen Flugzeug keine „Weißen Wendeln“ angebracht gewesen seien, ist die Beklagte nicht substantiiert entgegengetreten. Abgesehen davon, dass mittlerweile gerichtsbekannt ist, dass in Fachkreisen umstritten ist, ob „Weiße Wendeln“ überhaupt ein taugliches Mittel zur Vermeidung eines Vogelschlags darstellen, muss jedoch auf die Frage, ob das Vorbringen der Beklagten zur Ergreifung zumutbarer Maßnahmen zur Vermeidung des außergewöhnlichen Umstands selbst (des Vogelschlags), ausreichend konkret war, nicht eingegangen werden, weil dies für das Vorbringen zu den anderen beiden Kategorien an zumutbaren Maßnahmen jedenfalls nicht gilt.
[2] Nach Auffassung des Berufungsgerichts ist dem Erstgericht in seiner Ansicht, die Beklagte habe kein ausreichendes Vorbringen erstattet, beizupflichten, zumal der Sachverhaltsvortrag der Beklagten insofern zu unpräzise ist, als er nicht erkennen lässt, welche zumutbaren Maßnahmen in Anbetracht des konkreten Geschehensablaufs überhaupt in Betracht gekommen wären (RKO0000013).
So würde etwa die Anmietung eines Ersatzflugzeugs, die gerichtsbekannt aufgrund des damit verbundenen organisatorischen und administrativen Aufwands eine nicht unbeträchtliche Vorlaufzeit in Anspruch nimmt, dann keine zumutbare Maßnahme mehr darstellen, wenn die Fluggäste ihr Endziel voraussichtlich ohnehin früher im Wege einer Ersatzbeförderung erreichen.
Auch wäre es für die Prüfung, welche Maßnahmen im vorliegenden Fall zumutbar gewesen wären, vor allem erforderlich gewesen, darzustellen, wann für die Beklagte erkennbar war, dass der Flug annulliert werden wird müssen – entweder weil das Flugzeug schon aus technischen Gründen an diesem Tag keinesfalls mehr einsatzfähig gewesen wäre, oder weil die für die technische Überprüfung des Fluggeräts erforderliche Dauer aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen (Arbeitszeitbeschränkungen der Crew, Nachtflugverbot) eine Durchführung des Fluges unmöglich machen werde. Dieser Zeitpunkt ist auch nicht zwangsläufig mit dem der Beendigung der technischen Überprüfung gleichzusetzen.
Zusammengefasst ist es also der Beklagten selbst zuzuschreiben, dass sich das Spektrum der theoretisch denkbaren zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung des gegenständlichen Fluges nicht auf die im konkreten Fall zielführenden eingrenzen lässt.
[3] Die eben dargestellten Erwägungen haben aber auch für die Frage, ob die Beklagte – vor allem im Lichte der Entscheidung EuGH C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses – alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Folgen der Annullierung für die Fluggäste ergriffen hat, Bedeutung.
Die Beklagte hat zwar vorgebracht, dass sie die Klägerin auf die frühestmögliche Flugverbindung an ihr Endziel umgebucht hat. Daraus lässt sich aber nicht erkennen, ausgehend von welchem Zeitpunkt (des Vogelschlags; des Erkennens des Schadens; der Erkennbarkeit, dass der Flug annulliert werden wird müssen; der tatsächlichen Annullierung; der Entscheidung, die Fluggäste umzubuchen?) es sich um die frühestmögliche Ersatzbeförderung handelte.
Da die Beklagte aber kein Vorbringen dazu erstattet hat, zu welchen Zeiten die oben in Klammern angeführten Ereignisse stattgefunden haben, wäre auch nicht beurteilbar, ob sie die Klägerin tatsächlich auf die frühestmögliche – rechtlich gebotene! - Ersatzbeförderung umgebucht hat.
Letztlich meint die Berufungswerberin, dass das Erst-gericht aufgrund unrichtiger rechtlicher Beurteilung keine Feststellungen zu den zumutbaren Maßnahmen „im Sinne der notwendigen Reparaturarbeiten und der Überstellung des Flugzeugs“ getroffen habe.
Diese Ausführungen lassen allerdings die Darlegung vermissen, aufgrund welcher konkreten Beweisergebnisse welche konkreten – weiteren – Feststellungen zu treffen gewesen wären.
Das Erstgericht ist daher im Ergebnis zu Recht davon ausgegangen, dass der von der für die anspruchsvernichtenden Tatsachen behauptungs- und beweispflichtigen Beklagten vorgetragene Sachverhalt die rechtliche Beurteilung, dass sie alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung bzw der nachteiligen Folgen derselben für die Klägerin ergriffen hat, nicht zulässt. Der anspruchsvernichtende Sachverhalt ist daher nicht ausreichend konkret behauptet worden.
Der unberechtigten Berufung war daher ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201006_LG00119_02200R00176_20T0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00176.20T.1006.000
|
22R176/20t
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201006_LG00119_02200R00176_20T0000_000/JJT_20201006_LG00119_02200R00176_20T0000_000.html
| 1,601,942,400,000
| 2,128
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Straßl in der Rechtssache der klagenden Partei A***** Ltd, vertreten durch Stanonik Rechtsanwälte in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch MMag Christoph Krones, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 400,--sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 12.05.2020, 23 C 1591/19x-12, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 175,70 bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen des Klagevertreters ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Fluggast A***** G***** verfügte über eine bestätigte Buchung für die folgende am 05.06.2019 durchzuführende Flugverbindung:
- OS 606 von Moskau (DME) nach Wien (VIE),
06:45 Uhr bis 08:35 Uhr;
- OS 563 von VIE nach Zürich (ZRH),
15:20Â Uhr, bis 16:45 Uhr; und
- OS 8815 von ZRH nach Lugano (LUG),
17:25 Uhr bis 18:10 Uhr.
Der Flug OS 563 startete verspätet in VIE und landete in ZRH anstatt um 16:45 Uhr erst um 17:18 Uhr, wodurch der Fluggast den Anschlussflug OS 8815, der gemäß der unbestritten gebliebenen Behauptung der Klägerin auch tatsächlich um 17:25 Uhr in ZRH startete, verpasste. Einzige Ursache für die Verspätung des Fluges OS 563 war ein verspäteter Abflugslot, der seine Ursache in prognostizierten widrigen Wetterbedingungen (Gewittern) in ZRH hatte, die zu einer Reduzierung der Anflugrate führten.
Nach dem unbestritten gebliebenen Vorbringen der Beklagten wurde der Fluggast in der Folge auf den schnellstmöglichen Ersatzflug LX 2914 von ZRH nach LUG umgebucht, wodurch er sein Endziel LUG um 21:35 Uhr erreichte.
Die Parteien gehen offenbar übereinstimmend davon aus, dass die Beklagte ausführendes Luftfahrtfahrtunternehmen (Art 2 lit b des der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates [EU-FluggastVO]) sämtlicher gebuchter Teilflüge war.
Die Flugstrecke DME-LUG beträgt mehr als 1.500 km, aber weniger als 3.500 km.
Der Fluggast trat seinen Ausgleichsanspruch an die Klägerin ab; diese nahm die Abtretung an.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß [Art 5 Abs 1 lit c iVm] Art 7 [Abs 1 lit b] der EU-FluggastVO von EUR 400,-- samt Zinsen. Sie brachte im Wesentlichen vor, dass keine außergewöhnlichen Umstände [iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO] vorgelegen seien. Die Beklagte habe auch keine ausreichende Umsteigezeit in ZRH eingeplant. Diese hätte nur 40 min betragen, was genau der vom Flughafen ZRH angegebenen Mindestumsteigezeit (MCT) entspreche.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte – soweit im Berufungsverfahren noch von Interesse – im Wesentlichen vor, dass die Verspätung des Fluges OE 563 auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien, und verwies dabei auf die wetterbedingten Restriktionen der Flugsicherung, auf die sie keinen Einfluss gehabt habe; ohne diese Einschränkungen hätte der Flug in VIE eine Abflugverspätung von lediglich 10 min gehabt, womit der Fluggast den Anschlussflug problemlos erreichen hätte können. Durch die Umbuchung des Fluggasts auf die schnellstmögliche Ersatzverbindung habe sie alle zumutbaren Maßnahmen [zur Vermeidung einer großen Verspätung des Fluggasts am Endziel] ergriffen.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 400,-- samt Zinsen an die Klägerin sowie zum Ersatz der Prozesskosten. Es traf die aus den Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ON 12 ersichtlichen Feststellungen, deren wesentlicher Inhalt gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt oben wiedergegeben wurde. In rechtlicher Hinsicht führte es aus, dass gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit c EU-FluggastVO bei Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von mehr als 1.500 km, aber weniger als 3.500 km eine Ausgleichszahlung von EUR 400,-- gebühre. Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes (C-402/07 ua) seien die Fluggäste verspäteter Flüge im Hinblick auf die Anwendung des Ausgleichsanspruchs den Fluggästen annullierte Flüge gleichgestellt, wenn sie [am Endziel] einen Zeitverlust von drei Stunden oder mehr erleiden. Gemäß Art 5 Abs 3 der VO könne sich das ausführende Luftfahrtunternehmen vom Ausgleichsanspruch befreien, wenn es nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche – also unvorhersehbare und unbeherrschbare – Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Es bejahte die Qualifikation der wetterbedingten Flugrestriktionen als außergewöhnlichen Umstand. Zu den zumutbaren Maßnahmen stellte es folgende Erwägung an: Ein Luftfahrtunternehmen müsse bei einer einheitlich gebuchten Anschlussflugverbindung die Umsteigezeit so kalkulieren, dass für den Fluggast ein Umstieg auch dann möglich sei, wenn der Flug mit Verspätung am Umsteigeflughafen ankomme. Es dürfe dabei nicht die vom Flughafen angegebene Umsteigezeit zugrunde legen, sondern die „echte Umsteigezeit“. Bei einer einheitlich gebuchten Umsteigeverbindung reiche es nicht aus, wenn die Umsteigezeit so bemessen werde, dass der Anschlussflug tatsächlich nur dann erreicht werden könne, wenn der Zubringerflug planmäßig durchgeführt werde. Die Beklagte habe [bei der Flugplanung] in Anbetracht der in ZRH geltenden MCT von 40 min überhaupt keine Zeitreserve eingeplant, um kurzfristigen Verzögerungen im Flugverkehr, wie sie bei wetterbedingten Restriktionen immer wieder vorkommen, vorzubeugen und um einen Zeitpuffer zur Verfügung zu haben, sodass den Passagieren das Erreichen ihrer Anschlussflüge ermöglicht werde. Bereits geringfügige Abflug- oder Ankunftsverspätungen führten daher – wie auch im vorliegenden Fall – zwangsläufig dazu, dass die Passagiere ihren Anschlussflug nicht mehr erreichen könnten.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
[a] Die Berufungswerberin meint im Wesentlichen, dass das Erstgericht zu Unrecht davon ausgegangen sei, dass sie nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen habe. Es sei nicht darauf abzustellen, ob das Luftfahrtfahrtunternehmen neben der MCT noch eine allfällige Zeit- reserve bei ihren Flügen einplane. Die MCT allein müsse bereits ausreichen, um den Passagieren das Erreichen ihres Anschlussfluges zu ermöglichen. Wäre dazu noch eine Zeitreserve einzuplanen, wäre die Vorgabe der MCT als einheitliche Größe unnötig. Die Beklagte gehe, wie jedes andere Luftfahrtunternehmen auch, regelmäßig und zutreffend davon aus, dass ihre Flüge planmäßig durchgeführt werden können – dies sei bei mehr als 90 % ihrer Flüge der Fall – und demnach die MCT ausreiche.
Bei der Minimum Connecting Time (MCT) handelt es sich um einen von der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA in ihrer Resolution 765 genau definierten Begriff1* (vgl LG Korneuburg 22 R 51/20k, 22 R 117/20s). Wenn das Erstgericht nun bei der Planung der gegenständlichen Umsteigeverbindung die Berücksichtigung eines Zeitpuffers vermisst, ist zu bedenken, dass nicht bekannt ist, in welchem Ausmaß im Allgemeinen und im vorliegenden Fall im Besonderen bei den nominellen Flugzeiten gewisse Puffer nicht ohnehin bereits berücksichtigt sind. Eine undifferenzierte Betrachtung der MCT allein könnte somit zur Folge haben, dass ein Luftfahrtfahrtunternehmen, das beispielsweise einen Puffer von 20 min in seine nominelle Flugzeit einkalkuliert hat, womit eine Überschreitung der MCT von beispielsweise nur 5 min verbleibt, sich den Vorwurf gefallen lassen müsste, riskanter gehandelt zu haben als ein Luftfahrtfahrtunternehmen, das nur 10 min Reserve in die nominelle Flugzeit einplant und somit eine MCT-Reserve von 15 min ausweisen kann, obwohl die Summe aus Puffer und Überschreitung der MCT in beiden Fällen 25 min beträgt. Da nicht bekannt ist, ob und bejahendenfalls in welchem Ausmaß die Beklagte in die nominellen Flugzeiten des Fluges OS 563 bereits einen Puffer „eingepreist“ hat, kann die Verletzung einer allfälligen Verpflichtung zur Planung mit einer die MCT überschreitenden Umsteigezeit hier nicht beurteilt werden.
[b] Wenn sich bei einer einheitlich gebuchten Umsteigeverbindung der erste Flug verspätet, ist auch zu prüfen, ob das Luftfahrtunternehmen durch zumutbare Maßnahmen das Verpassen des Anschlussflugs hätte vermeiden können. Solche zumutbaren Maßnahmen können die Unterstützung durch bevorzugte Abfertigungen an Sonderschaltern, die Unterstützung bei der Bewältigung des Weges im Terminal durch Zurverfügungstellung eines Elektrofahrzeuges (wie sie Luftfahrtunternehmen beschränkt mobilen Menschen zukommen lassen), die begleitete Beförderung des Fluggasts von Flugzeug zu Flugzeug über das Vorfeld, die Bitte an das Luftfahrtunternehmen, das den Anschlussflug durchführt, die Beendigung des Boarding noch wenige Minuten zu verzögern (bzw – wenn es selbst den Anschlussflug durchführt – diese Maßnahme von sich aus durchzuführen) etc sein. Das Luftfahrtunternehmen muss daher vortragen und beweisen, dass solche Maßnahmen nicht möglich, nicht zumutbar oder von vornherein nicht erfolgversprechend gewesen wären (Schmid in BeckOK Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 153b mwN).
Im vorliegenden Fall lag zwischen der tatsächlichen Ankunft des Vorfluges OS 563 (17:18 Uhr) und dem tatsächlichen Abflug des Anschlussfluges OS 8815 (17:25 Uhr) ein Zeitraum von 7 min, womit zwar die MCT deutlich unterschritten wurde, es prima facie aber dennoch nicht schlichtweg ausgeschlossen erscheint, dass die Beklagte, hätte sie dem Fluggast eine Sonderbehandlung in Form einer oder mehrerer der obgenannten Maßnahmen angedeihen lassen, diesem ein Erreichen des Anschlussfluges doch noch ermöglichen hätte können.
Dem beklagten Luftfahrunternehmen kann zwar nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten. Es sind jedoch Prozessbehauptungen zu Maßnahmen zu erstatten, die sich geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (LG Korneuburg 22 R 69/19f, 21 R 76/19b, 22 R 61/20f, 22 R 88/20a).
Da die Beklagte zu allfälligen Maßnahmen zur Erreichung des Anschlussflugs keinen Sachverhaltsvortrag erstattet hat, ist das Erstgericht im Ergebnis zu Recht davon ausgegangen, dass sich die Beklagte nicht darauf berufen kann, sie habe alle ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen, um eine große Verspätung des Fluggasts am Endziel zu vermeiden. Wenn man also davon ausgeht, dass das Verpassen des Anschlussfluges und damit die große Verspätung am Endziel auf außergewöhnlichen Umständen beruht – diese vom Erstgericht vertretene Rechtsansicht wird von der Berufungsgegnerin nicht angegriffen – hat die dafür behauptungs- und beweispflichtige Beklagte (Schmid in BeckOK Fluggastrechte-VO15 Art 5 Rz 176) kein ausreichendes Vorbringen zur Ergreifung zumutbarer Maßnahmen (zu den Gründen, warum diese unterblieben sind) erstattet.
[c] Die Berufungswerberin führt in diesem Zusammenhang auch ins Treffen, dass die Klägerin nicht konkret vorgebracht habe, weshalb dem Fluggast das Erreichen des Anschlussflugs nicht möglich gewesen sei.
Eines solchen Vorbringens bedurfte es im vorliegenden Fall allerdings nicht: Kommt es zur Verspätung des Zubringerfluges, versäumt der Fluggast den Anschlussflug und erreicht sein Endziel erst mit einer Verspätung von drei oder mehr Stunden, ist zu prüfen, ob die Verspätung des Zubringerfluges ursächlich für die Versäumung des Anschlussfluges war. Dem beklagten Luftfahrtunternehmen steht der Anscheinsbeweis offen, der dadurch erbracht wird, dass die für die konkrete Flugverbindung vom Flughafen vorgegebene Mindestumsteigezeit (MCT) noch zur Verfügung stand. Dazu ist die tatsächliche Ankunftszeit des Zubringerfluges der tatsächlichen Abflugzeit des Anschlussfluges gegenüberzustellen. Wird die MCT zwischen den beiden Flügen eingehalten, spricht der Beweis des ersten Anscheins für einen Umstand in der Sphäre des Fluggastes. Es ist dann Sache des Klägers, Umstände zu behaupten und nachzuweisen, warum im konkreten Fall die MCT (für sie) nicht ausgereicht habe. Wird die MCT aber – wie hier (noch dazu deutlich) – unterschritten, muss das Luftfahrtunternehmen darlegen und beweisen, dass der Fluggast in der konkreten Situation den Anschlussflug dennoch erreichen hätte können (RKO0000011). Es wäre daher vielmehr auch hier Sache der Beklagten gewesen, entsprechende Behauptungen aufzustellen.
[d] Sofern die Berufungswerberin einen sekundären Feststellungsmangel releviert, weil das Erstgericht keine Feststellungen zu den zumutbaren Maßnahmen getroffen habe, was aufgrund der Aussage des Zeugen Lukas Sebastian Ulses möglich gewesen wäre, kann darauf schon deshalb nicht eingegangen werden, weil die Berufungswerberin nicht anführt, welche konkreten Feststellungen sie vermisst.
[e] Auf die – von der Berufungswerberin ebenfalls vermisste – Feststellung, dass der Fluggast ohne Vorliegen des außergewöhnlichen Umstands den Anschlussflug erreicht hätte, kommt es angesichts der Ausführungen zu [b] und [c] nicht an; die Kausalität des außergewöhnlichen Umstands für die große Verspätung am Endziel führt nicht zu einer Entlastung des Luftfahrtfahrtunternehmens, wenn es nicht auch alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen hat.
Der unberechtigten Berufung war daher ein Erfolg sagen zu versagen.
Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO. Für die Berufungsbeantwortung steht nur der einfache Einheitssatz zu (§ 23 Abs 10 RATG). Die Berufungsgegnerin verzeichnete auch zu Unrecht 20 % USt. Da die Berufungsgegnerin Unternehmerin mit Sitz in Hongkong ist, gilt die Vertretungsleistung der Klagevertreterin gemäß § 3a Abs 6 UStG als an dem Ort ausgeführt, von dem aus der Empfänger sein Unternehmen betreibt (W Doralt, Steuerrecht 2017/18, TZ 319). Die Leistung ist daher in Österreich nicht steuerbar. Da die Höhe des in Hongkong anfallenden Steuersatzes nicht bescheinigt wurde, war der Berufungsgegnerin Umsatzsteuer nicht zuzusprechen (LG Korneuburg 21 R 144/18a, 21 R 248/18w, 21 R 249/18t; all diese Entscheidungen betrafen dieselben Parteien und dieselben Parteienvertreter).
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision gründet auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
1 * „For the purpose of Resolution 765, in a passenger context, Minimum Connecting Time (MCT) interval is defined as the shortest time interval required in order to transfer a passenger and his luggage from one flight to a connecting flight, in a specific location“ („[…] ist als die Zeit definiert, die mindestens zwischen der Landung des einen Flugzeugs und dem Start des nächsten liegen muss, damit der Fluggast und sein Gepäck an einem bestimmten Ort seinen Anschlussflug erreicht […]“).
|
JJT_20201215_LG00119_02200R00177_20I0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00177.20I.1215.000
|
22R177/20i
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201215_LG00119_02200R00177_20I0000_000/JJT_20201215_LG00119_02200R00177_20I0000_000.html
| 1,607,990,400,000
| 1,784
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Straßl und Mag Rak in der Rechtssache der klagenden Partei H***** L*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwaelte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch MMag Christoph-Mathias Krones, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 400,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 08.05.2020, 23 C 1643/19v-12, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird dahin abgeändert, dass es insgesamt wie folgt lautet:
„Das Klagebegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der klagenden Partei EUR 400,-- samt 4 % Zinsen seit 23.05.2019 zu zahlen, wird abgewiesen.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei binnen 14 Tagen die mit EUR 747,53 (hierin EUR 124,59 USt) bestimmten Prozesskosten zu Handen des Beklagtenvertreters zu ersetzen.“
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei binnen 14 Tagen die mit EUR 301,02 (hierin EUR 38,50 USt und EUR 70,-- Barauslagen) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen des Beklagtenvertreters zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung für folgende von der Beklagten durchzuführende Flugverbindung:
- OS 216 von Leipzig (LEJ) nach Wien (VIE) am 22.05.2019, 08:05 Uhr bis 09:25 Uhr;
- OS 831 von Wien (VIE) nach Larnaka (LCA) am 22.05.2019, 10:25 Uhr bis 14:30 Uhr.
Der Flug OS 216 startete in Leipzig verspätet um 09:16 Uhr und landete in Wien um 10:30 Uhr; der Kläger versäumte den Anschlussflug OS 831. Er wurde von der Beklagten auf den Flug OS 835 von Wien nach Larnaka am 22.05.2019 umgebucht und erreichte sein Endziel mit einer Verspätung von mehr als drei Stunden am 23.05.2019 um 0:41 Uhr. Die Flugstrecke von Leipzig nach Larnaka beträgt nach der Großkreisberechnung mehr als 1.500 km, aber nicht mehr als 3.500 km.
Der Kläger begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistungen gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 [Abs 1 lit b] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 400,-- samt Zinsen. Dazu brachte er im Wesentlichen vor, dass er sich rechtzeitig zu der von der Beklagten angegebenen Zeit zum Check-In (Abfertigung) eingefunden bzw sich jedenfalls mehr als 45 Minuten vor dem planmäßigen Check-In (Abfertigung)/Abflugzeit zur Abfertigung eingefunden habe. Infolge eines alleine von der Beklagten zu verantwortenden Umstands habe sich der Flug OS 216 verspätet. Es seien keine außergewöhnlichen Umstände vorgelegen. Es werde bestritten, dass schlechtes Wetter der Grund für die Flugunregelmäßigkeit gewesen sei. Die Beklagte habe schlichtweg kein Flugzeug pünktlich in Leipzig startbereit gehabt. Schon der Vorflug nach Leipzig sei erheblich verspätet gewesen. Es habe an diesem Tag keine extremen Wetterverhältnisse, wie etwa ein schweres Gewitter, Hurricanes, Tornados oder einen Vulkanausbruch gegeben. Laut den METAR-Daten habe an diesem Tag nur leichter Regen geherrscht, sodass es zu keinem außergewöhnlichen Umstand gekommen sein könne. Die Beklagte sei ihrer Darlegungspflicht nicht nachgekommen. Sie habe auch nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Verspätung dieses Fluges getroffen. Trotz Verspätung des Fluges OS 216 wäre es ihr zumutbar gewesen, ihm noch Zutritt zur Maschine für den Flug OS 831 zu verschaffen, um ihm ein rechtzeitiges Erreichen seines Endziels zu ermöglichen. Das sei im vorliegenden Fall jedoch nicht passiert.
Die Beklagte begehrte Klagsabweisung, bestritt und wandte zusammengefasst ein, dass die Verspätung des Fluges OS 216 auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen sei. Es sei am Vormittag des 22.05.2019 immer wieder zu Einschränkungen durch die Flugsicherung auf Grund des Wetters in Wien gekommen. Am Vormittag habe in Wien Regen und eine extrem starke Bewölkung geherrscht. Diese Umstände hätten dazu geführt, dass die Anflugintervalle am Flughafen Wien verlängert hätten werden müssen. Für den Flug OS 216 sei der Beklagten um 06:13 Uhr seitens der Flugsicherung ein Slot für 08:50 Uhr, und nach mehreren Slotverschiebungen um 08:47 Uhr ein Slot für 09:21 Uhr bekannt gegeben worden. Dieser habe mit einem Abflug um 09:16 Uhr genützt werden können. Die Verspätung ergebe sich aus den Fluginformationen, für den vorliegenden Flug OS 216 aus dem Delay-Code 84 wegen des Wetters in Wien. Auf die Maßnahmen der Flugsicherung bzw des Flughafens habe sie keinen Einfluss. Ein früherer Abflug des Fluges OS 216 in Leipzig wäre ihr nicht möglich gewesen bzw könne ein solches Sicherheitsrisiko weder von ihr noch von der Flugsicherung eingegangen werden. Es handle sich daher um außergewöhnliche Umstände. Im Rahmen einer solchen Slotverspätung könnten Flüge nicht abgefertigt werden. Alle in diesem Zeitraum geplanten Flüge würden sich nach hinten verschieben bzw müssten annulliert werden. Das Flugzeug, welches den Flug OS 216 hätte durchführen sollen, sei jedenfalls planmäßig für den Start in Leipzig zur Verfügung gestanden. Der Kläger sei sodann von ihr umgehend auf die nächstmögliche Flugverbindung OS 835 von Wien nach Larnaca umgebucht worden. Dabei habe es sich um die schnellste Möglichkeit gehandelt, den Kläger an sein Endziel zu befördern. Sie habe daher alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen. Die Reduzierung der Anflugrate habe auf jeden Fall schon in den frühen Morgenstunden bis zum Vormittag gegolten und sei schon während der Zeit der Slot-Verschiebungen ab 06:05 Uhr intakt gewesen.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 400,-- samt Zinsen sowie zum Ersatz der Prozesskosten. Es traf die aus den Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ersichtlichen Feststellungen, auf die verwiesen wird, und führte in rechtlicher Hinsicht zusammengefasst aus, dass die Verspätung des Fluges OS 216 auf einen von der Flugsicherung erteilten Slot zurückzuführen sei, der angesichts der zum geplanten Landezeitpunkt in Wien herrschenden Restriktionen, die aufgrund des schlechten Wetters in Form von starkem Regen verhängt hätten werden müssen, erteilt worden sei. Auf diese Maßnahmen habe die Beklagte keinen Einfluss und seien die Maßnahmen der Flugsicherung in Zusammenschau mit den vorherrschenden Wetterbedingungen daher außergewöhnliche Umstände im Sinne der Verordnung. Es sei jedoch auch der Anschlussflug des Klägers OS 831 verspätet gewesen, sodass das Boarding bis 10:50 Uhr möglich gewesen sei. Es wären dem Kläger daher rund 20 Minuten zur Verfügung gestanden, um seinen Anschlussflug OS 831 doch noch zu erreichen. Die getroffene Negativfeststellung zur Frage, inwiefern die Beklagte irgendwelche Maßnahmen ergriffen habe, die es dem Kläger ermöglicht hätten, seinen Anschlussflug doch noch zu erreichen, gehe zu Lasten der diesbezüglich beweisbelasteten Beklagten. Diese habe kein Vorbringen erstatten, warum es ihr nicht möglich gewesen sei, Unterstützungsmaßnahmen zu ergreifen und habe sich nur auf die Umbuchung berufen. Sie habe daher nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren vollinhaltlich abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Der Kläger beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist im Ergebnis berechtigt.
[1] Zunächst wendet sich die Berufungswerberin gegen die Rechtsansicht des Erstgerichts, dass sie nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen getroffen habe, um den Kläger schnellstmöglich an sein Endziel zu befördern. Es sei unrichtig, davon auszugehen, dass die Mindestumsteigezeit von 25 Minuten am Flughafen Wien nach der Verspätung der Landung des Fluges OS 216 und der Verspätung des Starts des Fluges OS 831 nicht ausreichend gewesen wäre und die Beklagte einen Planungsfehler zu verantworten habe. Ursprünglich sei eine ausreichend lange Umsteigezeit – wären beide Flüge pünktlich durchgeführt worden – zur Verfügung gestanden. Eine Einplanung einer noch weitergehenden Zeitreserve für das Umsteigen wäre eine Überspannung der zumutbaren Maßnahmen. Eine andere zumutbare Maßnahme als die Umbuchung auf den nächstmöglichen Flug OS 835 habe es nicht gegeben. Aufgrund der bereits erfolgten Abfertigung des Fluges OS 835 habe die Beklagte auch keinerlei Einflussmöglichkeit auf ein allfälliges Zuwarten dieses Fluges gehabt.
Abgesehen davon, dass sich dem angefochtenen Urteil der Vorwurf, die Beklagte habe keine ausreichende Zeitreserve eingeplant, nicht entnehmen lässt, kommt es im vorliegenden Fall darauf ebenso wenig an wie auf das Ergreifen sonstiger zumutbarer Maßnahmen; ja nicht einmal darauf, ob die Verspätung des Zubringerfluges OS 216 auf einem außergewöhnlichen Umstand beruhte.
[2] Die Berufungswerberin weist nämlich auch – zu Recht – darauf hin, dass der Kläger nicht konkret vorgebracht hat, weshalb ihm das Erreichen des Anschlussfluges nicht möglich gewesen sei (sodass von dessen subjektiven Verschulden auszugehen sei).
Kommt es zur Verspätung des Zubringerfluges, versäumt der Fluggast den Anschlussflug und erreicht sein Endziel erst mit einer Verspätung von drei oder mehr Stunden, ist zu prüfen, ob die Verspätung des Zubringerfluges ursächlich für die Versäumung des Anschlussfluges war: Dem beklagten Luftfahrtunternehmen steht der Anscheinsbeweis offen, der dadurch erbracht wird, dass die für die konkrete Flugverbindung vom Flughafen vorgegebene Mindestumsteigezeit (MCT) noch zur Verfügung stand. Dazu ist die tatsächliche Ankunftszeit des Zubringerfluges der tatsächlichen Abflugzeit des Anschlussfluges gegenüberzustellen. Wird die MCT zwischen den beiden Flügen eingehalten, spricht der Beweis des ersten Anscheins für einen Umstand in der Sphäre des Fluggastes. Es ist dann Sache des Klägers, Umstände zu behaupten und nachzuweisen, warum im konkreten Fall die MCT (für ihn) nicht ausgereicht habe. Wird die MCT unterschritten, muss das Luftfahrtunternehmen darlegen und beweisen, dass der Fluggast in der konkreten Situation den Anschlussflug dennoch erreichen hätte können (RKO0000011).
Die MCT am Flughafen Wien beträgt im gegenständlichen Fall 25 Minuten. Die tatsächliche Ankunftszeit des Zubringerfluges OS 216 in Wien war 10:30 Uhr. Die tatsächliche Abflugzeit des Anschlussfluges OS 831 war 11:02 Uhr. Die MCT von 25 Minuten wurde somit eingehalten (und sogar um sieben Minuten überschritten). Der Beklagten ist daher der Anscheinsbeweis, dass dem Kläger für die konkrete Flugverbindung die vom Flughafen vorgegebene MCT noch zur Verfügung stand, gelungen.
In diesem Fall wäre es Sache des Klägers gewesen, Umstände zu behaupten und nachzuweisen, warum im konkreten Fall die MCT (für ihn) nicht ausgereicht habe, um den Anschlussflug zu erreichen.
Der Kläger brachte lediglich vor, dass „die Beklagte nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Verspätung dieses Fluges getroffen habe. Trotz Verspätung des Fluges OS 216 wäre es ihr zumutbar gewesen, ihm noch Zutritt zur Maschine für den Flug OS 831 zu verschaffen, um ihm ein rechtzeitiges Erreichen seines Endziels zu ermöglichen. Das sei im vorliegenden Fall jedoch nicht passiert.“
Diesem Vorbringen ist jedoch nicht zu entnehmen, weshalb es dem Kläger – trotz Einhaltung der MCT – nicht möglich gewesen sei den Anschlussflug OS 831 zu erreichen. Der Kläger ist daher seiner Behauptungspflicht für die Kausalität der Verspätung des Zubringerfluges für das Verpassen des Anschlussfluges nicht nachgekommen.
Der Berufung der Beklagten war daher Folge zu geben und das Klagebegehren zur Gänze abzuweisen.
Damit war auch die Kostenentscheidung für das erstinstanzliche Verfahren neu zu fassen. Diese beruht dem Grunde nach auf § 41 ZPO; der Höhe nach auf dem Kostenverzeichnis der Beklagten, gegen das keine Einwendungen erhoben wurden und das keine offenkundigen Unrichtigkeiten aufweist.
Die Kostenentscheidung für das Berufungsverfahren gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201008_LG00119_02200R00186_20P0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00186.20P.1008.000
|
22R186/20p
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201008_LG00119_02200R00186_20P0000_000/JJT_20201008_LG00119_02200R00186_20P0000_000.html
| 1,602,115,200,000
| 1,562
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Straßl in der Rechtssache der klagenden Partei M***** E*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,-- sA, infolge Berufung der klagenden Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 10.07.2020, 17 C 1408/19s-11, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 176,28 (darin EUR 29,38 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Beklagtenvertreter zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin verfügte über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten am 01.09.2019 durchgeführten Flug OE 524 von Düsseldorf (DUS) nach Palma de Mallorca (PMI) mit den geplanten Flugzeiten 16:45 Uhr bis 19:10 Uhr. Das dafür vorgesehene Fluggerät führte davor den Flug OE 185 von Faro (FAO) nach DUS durch und landete dort statt planmäßig um 13:35 Uhr um 16:59 Uhr, wobei der Grund für diese Verspätung nicht feststellbar ist. Durch die verspätete Ankunft des Fluges OE 185 verspätete sich der Abflug des Fluges OE 524 um zumindest 49 Minuten. Dem Flug OE 524 wurde erstmals um 14:46 Uhr von der Eurocontrol ein geänderter ATC-Slot zugewiesen, und zwar für eine voraussichtliche Abflugzeit um 17:24 Uhr. Die Eurocontrol modifizierte diesen Slot mehrmals, bis sie zuletzt um 18:19 Uhr einen Slot für 20:20 Uhr vergab. Der Grund für die Slot-Vergaben waren mehrere Stunden dauernde technische Probleme der Flugsicherung in Frankreich, von denen insbesondere der Sektor Marseille betroffen war, den ein Flug von DUS nach PMI bei direktem Anflug durchfliegen muss. Der Flug OE 524 ging um 20:04 Uhr off-block und ging um 22:20 Uhr in „Düsseldorf“ (offenbar gemeint: FAO) on-block, daher 3:10 Stunden verspätet. Die Türen öffneten sich maximal fünf Minuten später um 22:25 Uhr. Es kann nicht festgestellt werden, welche Verspätung der Flug OE 524 aufgewiesen hätte, wenn die Beklagte schon zur ursprünglichen Abflugzeit ein (Ersatz-)Flugzeug in DUS zur Verfügung gestellt, den Sektor Marseille umflogen, die sich abzeichnende Vorverspätung früher gemeldet oder beim E-Helpdesk der Eurocontrol um eine Slotverbesserung wegen „disproportionate delays“ angesucht hätte. Die technischen Schwierigkeiten der Flugsicherung in Frankreich und die dadurch bewirkten Slot-Vergaben der Eurocontrol hätten aber jedenfalls eine Verspätung von zumindest 20 Minuten bis zur On-Block-Zeit verursacht. Auch bis zum Öffnen der Türen für die Passagiere wäre eine Verspätung von mehr als 20 Minuten aufgrund der Maßnahmen der Flugsicherung unvermeidbar gewesen.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 [Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 250,-- samt Zinsen. Dazu brachte sie im Wesentlichen vor, dass die mehr als dreistündige [Ankunfts-]Verspätung allein auf von der Beklagten zu vertretende Ursachen zurückzuführen sei; insbesondere seien keine außergewöhnlichen Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorgelegen. Es treffe nicht zu, dass die Beklagte keine rechtzeitige Startfreigabe erhalten habe bzw dass die Verspätung auf Vorgaben der Flugsicherung beruhe. Die Beklagte habe sehr wohl Einfluss auf die Vergabe der Slots; dazu erstattete die Klägerin weitwendiges Vorbringen zur üblichen Vorgangsweise bei der Zuweisung eines Slots, mit dem sie im Wesentlichen auf die Tatsache hinweist, dass ein Luftfahrtunternehmen einen späteren Slot erhalte, wenn es nicht in der Lage sei, den zunächst vergebenen Slot auszunützen. Der Flug sei verspätet gewesen, weil die Beklagte über kein startbereites Flugzeug verfügt habe.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Verspätung in einem Ausmaß von 2:30 Stunden auf unvorhergesehene Restriktionen der Flugsicherung im Zeitraum 14:40 Uhr bis etwa 20:00 Uhr gemäß IATA-Delay-Code 82 zurückzuführen sei; der Luftraum [im Sektor] Marseille sei aufgrund von Störungen der Computer- und Kommunikationssysteme von massiven Slot-Restriktionen betroffen gewesen. 49 Minuten der Verspätung würden auf die verspätete Ankunft des Fluggeräts in DUS (IATA-Delay-Code 93) zurückzuführen. Die Ankunftsverspätung habe daher ihre (zumindest maßgebliche) Ursache in außergewöhnlichen Umständen iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO. Die Verspätung wäre auch durch zumutbare Maßnahmen nicht zu verhindern gewesen.
Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht das Klagebegehren ab und verhielt die Klägerin zum Ersatz der Prozesskosten an die Beklagte. Es traf die aus den Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ON 11 ersichtlichen unbekämpfbaren (§ 501 ZPO) Feststellungen, die gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt oben wiedergegeben sind. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass der Fluggast bei („mehr als“) dreistündiger [Ankunfts-]Verspätung ein Anspruch auf Ausgleichsleistung gemäß Art 7 EU-FluggastVO gewährt werde. Gemäß Art 5 Abs 3 der VO könne sich das ausführende Luftfahrtunternehmen aber vom Ausgleichsanspruch befreien, wenn es nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Der technische Ausfall im Bereich der Flugsicherung sei als außergewöhnlicher Umstand zu qualifizieren; allerdings habe die Beklagte nicht beweisen können, dass ein 20 Minuten übersteigender Anteil an der Gesamtverspätung auf solche außergewöhnlichen Umstände zurückgehe. Da aber die nicht durch außergewöhnliche Umstände hervorgerufene Verspätung die Dauer von drei Stunden „nicht übersteige“ (richtig: nicht erreiche [C-402/07 u C-432/07 Sturgeon ua]), sei – im Sinne der Entscheidung des EuGH C-315/15 Pešková ua, wonach die auf einem außergewöhnlichen Umstand beruhende Verspätung von der Gesamtverspätung abzuziehen sei – sei das Klagebegehren abzuweisen. Aufgrund der relativ geringfügigen Verspätung wegen mehrfach wechselnder Slots sei ex ante nicht absehbar gewesen, ob eine Umbuchung überhaupt eine Verbesserung für die Passagiere gebracht hätte; damit wäre eine solche Maßnahme nicht von der Beklagten zu verlangen gewesen.
Dagegen richtet sich die Berufung der Klägerin aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren zur Gänze stattgegeben werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Vorauszuschicken ist, dass sich die Berufung, die auch die Qualifikation der im konkreten Einzelfall vorgelegenen technischen Probleme im Bereich der Flugsicherung als außergewöhnlichen Umstand iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO nicht angreift, mit den tragenden Argumenten der bekämpften Entscheidung nicht auseinandersetzt.
[a] Zunächst wiederholt die Berufungswerberin wörtlich ihre allgemein gehaltenen Ausführungen zum üblichen Prozedere einer Slotvergabe, zu denen sie anmerkt, dass dies ohnehin allgemein bekannt sei; die Beklagte habe dieses Vorbringen mangels substantiierter Bestreitung zugestanden. Da dieser pauschale Vortrag zu üblichen Abläufen jegliche Bezugnahme auf ein im konkreten Fall gebotenes Handeln oder Unterlassen der Beklagten vermissen lässt, kann aber der „zugestande Sachverhalt“ für die rechtliche Beurteilung auch nicht nutzbar gemacht werden.
[b] Wenn die Berufungswerberin in weiterer Folge darauf verweist, dass die Beklagte ein startbereites (allenfalls: Ersatz-)Flugzeug stellen hätte müssen, übersieht sie offenbar, dass das Erstgericht ohnehin davon ausgegangen ist, dass sich die Beklagte hinsichtlich jenes Teils der Verspätung, die nicht auf die technischen Probleme im Bereich der Flugsicherung entfallen sind – damit also auch alle Verzögerungen, die direkt oder indirekt Folge der verspäteten Landung des Vorfluges in DUS waren – nicht entlasten konnte.
Folglich hat das Erstgericht unter Hinweis auf die Entscheidung des EuGH in der Rechtssache C-315/15 Pešková ua zutreffend von der Gesamtverspätung jenen Teil abgezogen, der auf einen außergewöhnlichen Umstand zurückzuführen war, und hat so eine Verspätungsdauer errechnet, die das relevante Ausmaß von drei Stunden nicht erreicht hat.
Wenn die Berufungswerberin in diesem Zusammenhang unter Verweis auf die Entscheidung des Berufungsgerichts zu 21 R 158/19m moniert, dass das Erstgericht nicht auf hypothetische Abläufe abstellen hätte dürfen, ignoriert sie nicht nur das in der Rechtssache C-315/15 Pešková ua gewonnene Auslegungsergebnis sondern übersieht auch, dass sich der isoliert aus der genannten Entscheidung des Berufungsgerichts herausgegriffene Satz auf eine gänzlich andere Konstellation (behauptete voraussichtliche Verspätung eines Fluges, der jedoch tatsächlich annulliert wurde) bezogen hat.
[c] Letztlich moniert die Berufungswerberin, dass das Erstgericht keine Feststellungen dazu getroffen hat, welche konkreten Umbuchungsmaßnahmen getroffen worden seien.
Diese Rüge geht aber schon deshalb ins Leere, weil die Beklagte zu Umbuchungsmaßnahmen gar kein Vorbringen erstattet hat, aufgrund dessen Feststellungen getroffen werden hätten können.
Das Erstgericht hat zutreffend aufgezeigt, dass es eines solchen Vorbringens im vorliegenden Fall auch nicht bedurfte. Wie das Berufungsgericht bereits mehrfach (zuletzt 22 R 152/20p) ausgesprochen hat, kann dem beklagten Luftfahrunternehmen nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten; es sind aber Prozessbehauptungen zu Maßnahmen zu erstatten, die sich geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen oder zu denen die Klagsseite substantiiertes (!) Vorbringen erstattet hat (LG Korneuburg 22 R 119/20k). Der EuGH hat in der Entscheidung C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses (Rn 58 bis 60) hohe Anforderungen an die von Luftfahrtunternehmen zu ergreifenden zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Folgen einer Annullierung bzw großen Verspätung gestellt. Ist allerdings – so wie in diesem Fall, in dem das Fluggerät letztlich mit einer Verspätung von 3:10 Stunden on-block ging – offenbar zu keinem Zeitpunkt bis kurz vor dem Boarding vorhersehbar, dass der Flug jedenfalls zumindest drei Stunden verspätet sein werde, so kann dem Luftfahrtunternehmen eine Prüfung von Umbuchungsmaßnahmen nicht abverlangt werden. (Anderes könnte nur dann gelten, wenn der Klägerin durch die vorhersehbare Ankunftsverspätung in PMI die Versäumung eines Anschlussflugs und dadurch eine jedenfalls große Verspätung an ihrem Endziel gedroht hätte [vgl LG Korneuburg 22 R 115/20x].)
Da die Berufungswerberin keine rechtliche Fehlbeurteilung durch das Erstgericht aufzeigen konnte, war der Berufung ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201027_LG00119_02200R00198_20B0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00198.20B.1027.000
|
22R198/20b
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201027_LG00119_02200R00198_20B0000_000/JJT_20201027_LG00119_02200R00198_20B0000_000.html
| 1,603,756,800,000
| 2,413
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei f***** GmbH, vertreten durch Dr Friederike Wallentin-Hermann, Rechtsanwältin in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 500,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 02.06.2020 (ausgefertigt mit 23.06.2020), 24 C 167/19t-10, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EURÂ 210,84 (darin EURÂ 35,14 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Fluggäste H***** M***** und M***** M***** (im Folgenden nur: „die Fluggäste“) verfügten über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OS 373 von Wien (VIE) nach Amsterdam (AMS) am 24.08.2018, 15:05 Uhr bis 17:00 Uhr. An diesem Tag kam es in VIE den gesamten Tag über zu mehreren schweren Gewittern und starken Winden. Konkret gab es ab 09:20 Uhr Cumulonimbuswolken (Gewitterwolken), die aus Sicherheitsgründen nicht durchflogen werden dürfen und die in von 10:20 Uhr bis 15:50 Uhr andauernde Gewitter übergingen. Danach lagen immer noch Cumulonimbuswolken vor, die ab 17:50 Uhr wieder in ein Gewitter umschlugen. Zwischen 11:50 Uhr und 13:20 Uhr sowie zwischen 17:50 Uhr und 18:50 Uhr kam es überdies zu besonders starken Windböen von bis zu 30 kn.
Die Flugsicherung reagierte auf die vorliegende Wettersituation mit einer Reduktion der Anflugrate im Zeitraum von 15:00 Uhr „und“ (offenbar gemeint: „bis“ [vgl Zeuge L***** U***** auf S 2 des gemäß § 281a ZPO verlesenen Protokolls zu 24 C 178/19k-9]) 21:40 Uhr auf 25 Anflüge pro Stunde. Die normale Anflugrate in VIE beträgt 44 Anflüge pro Stunde bzw 48 Anflüge pro Stunde bei optimalen Bedingungen.
Die Beklagte erhielt für den Flug OS 373 planmäßig zwei Stunden vor dem geplanten Abflug einen Slot für den Abflug, der aufgrund der vorherrschenden Wettersituation eine Abflugzeit von 16:28 Uhr vorsah. In weiterer Folge kam aufgrund eines Personalmangels bei der Flugsicherung im Südsektor Deutschlands ein weiterer Regulationscode hinzu. Die Beklagte erhielt letztlich dennoch einen (verbesserten) Abflugslot für 15:47 Uhr, den sie auch hätte einhalten können. Sie hatte sich jedoch schon zuvor mit der Flugsicherung und der Meteorologie abgestimmt und um 14:22 Uhr die Entscheidung getroffen, den Flug OS 373 zu annullieren. Es konnte nicht festgestellt werden, dass der Beklagten die Reduktion der Anflugrate vor der Entscheidung zur Annullierung bereits bekannt war. Sie annullierte den Flug, weil sie befürchtete, dass sich dessen Verspätung durch den weiteren Tag ziehen und sich bei den nachfolgenden Rotationen vergrößern würde, wodurch es notwendig werden würde, später am Tag Annullierung vorzunehmen.
Auf den Flug OS 373 wirkten sich die Maßnahmen der Flugsicherung nicht aus. In der Zeit von 14:50 Uhr bis 17:45 fanden in VIE 150 Abflüge (zT als Codeshare-Flüge) statt. Hiervon wurden lediglich vier Flüge – allesamt Flüge der Beklagten – annulliert. Alle übrigen Flüge fanden – wenn auch mit Verspätung – statt.
Die Fluggäste wurden umgebucht und ersatzbefördert und erreichten ihr Endziel AMS um 22:13 Uhr, sohin mit einer mehr als fünfstündigen Verspätung.
Sie traten ihre Ausgleichsansprüche aus der Annullierung des gegenständlichen Fluges an die Klägerin ab, und diese nahm die Abtretung an.
Die Klägerin begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß [Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 500,-- samt Zinsen. Dazu brachten sie im Wesentlichen vor, dass keine außergewöhnlichen Umstände [iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO], insbesondere keine für die Annullierung ursächliche Wettersituation, vorgelegen seien. Die Beklagte habe auch nicht alle zumutbaren Maßnahmen getroffen; sie hätte den Flug so durchführen können, dass die Fluggäste mit einer weniger als dreistündigen Verspätung in AMS angekommen wären.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung der Wettersituation bzw den damit verbundenen Anordnungen der Flugsicherung in VIE geschuldet gewesen sei. Aufgrund der keinesfalls gewöhnlichen langanhaltenden schweren Gewitter und der heftigen Winde habe die Flugsicherung die Anflugrate reduziert. Sie habe zwar zuletzt einen Slot für 15:47 Uhr erhalten; aufgrund des Umfangs und der Unvorhersehbarkeit der Dauer der Einschränkungen habe sie aber nicht davon ausgehen können, dass sie den Flug mit einer weniger als dreistündigen Verspätung durchführen hätte können. Ein unbefristetes Zuwarten hätte zu „zwangsweisen“ Annullierungen von zahlreichen Folgeflügen geführt. Am Nachmittag könnten Passagiere leichter auf andere Flüge umgebucht werden als abends. Damit wäre ihr aber eine andere Maßnahme als die Annullierung der Rotation OS 373/374 nicht zumutbar gewesen, um ein Zusammenbrechen des Flugplans zu verhindern. Ein Zuwarten auf bessere Wetterbedingungen wäre wegen der Unvorhersehbarkeit der Dauer der Einschränkungen weder für sie noch für die Fluggäste zumutbar gewesen; schon im Zeitpunkt der Annullierung sei bekannt gewesen, dass eine mehr als sechsstündige Einschränkung der Anflugrate erfolgen werde. Sowohl die Wetterphänomene als auch die damit verbundenen Vorgaben der Flugsicherung stellten außergewöhnliche Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO dar, die trotz Ergreifens aller zumutbarer Maßnahmen nicht verhindert werden hätten können.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 500,-- samt Zinsen an die Klägerin sowie zum Ersatz der Prozesskosten. Es traf die aus den Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ON 10 ersichtlichen unbekämpfbaren (§ 501 ZPO) Feststellungen, die einleitend gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt wiedergegeben wurden. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO bei Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von weniger als 1.500 km eine Ausgleichszahlung in Höhe von EUR 250,-- gebühre. Gemäß Art 5 Abs 3 der VO könne sich das ausführende Luftfahrtunternehmen vom Ausgleichsanspruch befreien, wenn es nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Die außergewöhnlichen Umstände müssten für die Annullierung aber auch kausal gewesen sein. Vorliegend sei die Annullierung aber nicht unmittelbar auf die Wettersituation sondern auf das Bestreben der Beklagten, ihren Flugplan aufrecht zu erhalten, zurückzuführen. Die Reduktion der Anflugrate habe sich jedenfalls nicht auf den gegenständlichen Flug ausgewirkt. Wenn sich die Beklagte dafür entscheide, ihre Flüge – offenbar um ihre Gewinne zu erhöhen – in enger Taktung einzusetzen, könne diese Flugplanung nicht zu Lasten einzelner Fluggäste gehen. Die Flugplanung gehöre zum unternehmerischen Risiko der Beklagten, wobei sie so auszugestalten sei, dass sie unter gewöhnlichen Umständen in der Lage sei, ihren vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Fluggästen nachzukommen. Die unternehmerischen Ziele seien jedoch keinesfalls geeignet, als rechtsvernichtende Tatsache gegen einen geltend gemachten Ausgleichsanspruch eingesetzt zu werden.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragt der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin moniert die Rechtsansicht des Erstgerichts als unrichtig und hält ihr im Wesentlichen entgegen, es könne einem Luftfahrtunternehmen nicht vorgeworfen werden, auf Basis von entsprechenden Prognosen und Erfahrungswerten eine Annullierungs- entscheidung bei Vorliegen außergewöhnlicher Umstände zu treffen. Vorausschauende Annullierungen, um ein Zusammenbrechen des Flugplanes zu verhindern, seien auch im Sinne der Fluggäste von anderen Flügen der Beklagten am selben Tag. Sie befinde sich im Dilemma, dass sie im Rahmen ihrer Verantwortung für den Flugplan diesen in seiner Gesamtheit erfassen und entsprechend koordinieren müsse, um im Falle des Auftretens von außergewöhnlichen Umständen deren Auswirkungen möglichst so abzufangen, dass die Auswirkungen auf den Flugplan und damit die Gesamtheit der Passagiere möglichst gering gehalten werde. Andernfalls wäre ein Luftfahrtunternehmen gezwungen, ein Fluggerät blockiert zu halten, obwohl es bereits davon ausgehen könne, dass sich eine Annullierung oder erhebliche Verspätung nicht mehr vermeiden lasse; es müsste tatenlos abwarten, bis ein Flug tatsächlich mehr als drei Stunden verspätete wäre, bevor es weitere Maßnahmen setzen dürfe. Es könne nur im Sinne der Fluggäste sein, einen Flug zu einem Zeitpunkt zu annullieren, zu welchem absehbar sei, dass dieser nicht mehr oder wenn, dann nur mit erheblicher Verspätung durchgeführt werden könne, den Passagieren das Ärgernis des Wartens zu ersparen und sie umzubuchen. Sie habe die Annullierungsentscheidung an diesem von außergewöhnlichen Umständen betroffenen Tag zu einem Zeitpunkt getroffen, zu dem sie anhand von Erfahrungswerten davon ausgehen habe können, dass sich die Lage aufgrund der Wetterbedingungen und Slotrestriktionen nicht verbessern werde. Würde man bei der vorsorglichen Annullierung eines Fluges untertags, welche dazu diene, eine Vielzahl von Annullierungen in den Abendstunden zu vermeiden, nur auf eine „Organisationsentscheidung“ abstellen, würde man das Luftfahrtunternehmen letztlich dazu zwingen, sehenden Auges mit möglichen Annullierungen so lange zuzuwarten, bis die Auswirkungen von außergewöhnlichen Umständen voll einschlagen und damit auch die maximalen Auswirkungen erzielen. In diesem Sinne könnte sich – folgt man der Rechtsansicht des Erstgerichts – ein Luftfahrtunternehmen leichter auf außergewöhnliche Umstände stützen, wenn es zunächst abwartet, bis sich diese massiv und ungehindert ausgewirkt haben, anstatt diesem zugute zu halten, dass es entsprechend früh reagiert und durch gezielte und möglichst wenig invasive Maßnahmen (wie eine strategische Annullierung einzelner Flüge) gröbere Auswirkungen verhindert habe. Hinzu komme, dass sich Annullierungen untertags – wie hier gegenständlich – leichter abfangen ließen, indem die Passagiere auf spätere Flüge am gleichen Tag umgebucht würden, während Annullierungen in den Abendstunden grundsätzlich dazu führen würden, dass die Passagiere zunächst in Hotels untergebracht werden müssten und sich die Auswirkungen auf den Flugverkehr bis in den Folgetag erstrecken würden.
Die Umbuchung auf den Flug OS 377 (VIE–AMS) am selben Tag sei sowohl ex ante, als auch ex post betrachtet, die schnellste Möglichkeit, um die Fluggäste bestimmungsgemäß zu befördern.
Dem ist zunächst zu entgegnen, dass sich die großteils allgemein gehaltenen Ausführungen der Berufungswerberin in einem wesentlichen Punkt nicht mit dem festgestellten Sachverhalt in Einklang bringen lassen. Es konnte nämlich nicht festgestellt werden, dass – und schon gar nicht bereits im Zeitpunkt der Annullierungsentscheidung – absehbar gewesen sei, dass sich der zuletzt erhaltene, um 42 Minuten verspätete Abflugslot weiter nach hinten verschieben werde.
Den – allerdings weitgehend nicht auf den konkreten Fall bezogenen – Ausführungen der Berufungswerberin ist insoweit beizupflichten, als ein Luftfahrtfahrtunternehmen alle der Situation angemessenen Maßnahmen zu ergreifen hat, indem es alle ihm zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Maßnahmen einsetzt, um zu vermeiden, dass das Vorkommnis zur Annullierung oder großen Verspätung des betroffenen Fluges führt, ohne dass jedoch von ihm angesichts der Kapazitäten seines Unternehmens zum maßgeblichen Zeitpunkt nicht tragbare Opfer verlangt werden können (EuGH C-501/17 Pauels Rn 31).
In diesem Sinne verkennt das Berufungsgericht keineswegs, dass ein Luftfahrtfahrtunternehmen vor der Situation stehen kann, in der absehbar ist, dass aufgrund des Vorliegens außergewöhnlicher Umstände die Durchführung aller mit demselben Fluggerät vorgesehenen Flüge an diesem Tag zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr möglich sein wird, und es dadurch mit der Entscheidung konfrontiert wird, entweder Änderungen in seinem Flugplan vorzunehmen oder nicht einzugreifen und den Lauf der Dinge abzuwarten.
Dem steht – entgegen der offenkundigen Ansicht des Erstgerichts – auch nicht entgegen, dass das Fluggerät im Flugumlaufverfahren eingesetzt wird. Bei Flugzeugen, die auf Kurz- und Mittelstrecken eingesetzt werden, sind mehrere Umläufe an demselben Tag üblich, um eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung des Flugzeugs zu ermöglichen. Die EU-FluggastVO setzt diese wie andere übliche wirtschaftliche und technische Gegebenheiten des Luftverkehrs voraus und will sie weder unterbinden noch steuern (BGH X ZR 121/13; LG Korneuburg 22 R 119/20k ua). Damit kann die Maßnahme, Flugzeuge nicht im Flugumlaufverfahren einzusetzen, jedenfalls nicht als zumutbare Maßnahme zur Vermeidung von Annullierungen oder großen Verspätungen aufgrund des Eintritts außergewöhnlicher Umstände angesehen werden, weil sie im Regelfall zu untragbaren Opfern auf Seiten der Luftfahrtfahrtunternehmen führen würde.
Auch das vom Erstgericht thematisierte offenkundige Gewinnstreben der Beklagten steht der Beurteilung einer bestimmten Maßnahme als unzumutbar nicht grundsätzlich entgegen; immerhin handelt es sich bei der Beklagten um eine Aktiengesellschaft und nicht etwa um eine auf Gemeinnützigkeit ausgerichtete Körperschaft.
Aus der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs lässt sich nunmehr hinreichend deutlich ableiten, dass die zumutbaren Maßnahmen iSd Art 5 Abs 3 der VO in drei Kategorien einzuteilen sind, von denen eine die Maßnahmen zur Vermeidung einer aus einem außergewöhnlichen Umstand resultierenden Annullierung (bzw einer großen Verspätung) umfasst (EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels Rn 31; C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 57; LG Korneuburg 21 R 375/19y, 22 R 69/19f). Diese Kategorie der zumutbaren Maßnahmen stellt also auf die Durchbrechung bzw Vermeidung eines Kausalzusammenhangs zwischen einem eingetretenen außergewöhnlichen Umstand und der Annullierung (bzw einer großen Verspätung) ab (RKO0000014).
Auch die Entscheidung über die weitere Vorgangsweise nach dem Aufbauen einer Rotationsverspätung aufgrund eines außergewöhnlichen Umstands hat sich daher stets am Kriterium der Zumutbarkeit, wie sie in der Entscheidung des EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels zum Ausdruck kommt, zu orientieren. Trifft das Luftfahrtfahrtunternehmen also wie im vorliegenden Fall die Entscheidung, einen Flug, für den es über einen – wenn auch verspäteten – Abflugslot verfügt, vorsorglich zu annullieren, hat es im Streitfall auch darzulegen, aus welchen konkreten Gründen eine andere Vorgangsweise als diese Annullierung ihr (noch) weniger zumutbar gewesen wäre.
Die Berufungswerberin argumentiert mehrfach und ausführlich, die Annullierungsentscheidung sei sogar geboten, um das Zusammenbrechen des Flugplanes zu verhindern. Dem ist entgegenzuhalten, dass es die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren verabsäumt hat, den weiteren Flugplan dem Gericht auch nur ansatzweise darzulegen. Insbesondere fehlt Vorbringen dazu, dass und auf welcher Strecke und zu welchen Zeiten das Fluggerät, das für den Flug OS 373 vorgesehen war, nach Durchführung des Fluges nach der Landung in AMS in weiterer Folge noch hätte eingesetzt werden sollen. Soweit sich die Beklagte auf „Prognosen“ stützt, wurden diese weder dem Erstgericht noch dem Berufungsgericht zur inhaltlichen Überprüfung zugänglich gemacht. Der Sachverhaltsvortrag der Beklagten lässt somit auch nicht erkennen, welche konkreten nachteiligen Folgen eine verspätete Durchführung des gegenständlichen Fluges (bzw der gegenständlichen Rotation OS 373/374) voraussichtlich gehabt hätte, sodass nicht beurteilt werden kann, ob die verspätete Durchführung der Beklagten weniger zumutbar gewesen wäre als die Annullierung unter voraussichtlich pünktlicher Abwicklung der Folgerotation(en).
Zusammengefasst könnte die – von der Klägerin als verabsäumt beanstandete – Maßnahme der Aufrechterhaltung des Fluges OS 373 nur dann als nicht zumutbar angesehen werden, wenn sie der Beklagten weniger zumutbar gewesen wäre als die Annullierung des Fluges, wozu die Beklagte aber kein hinreichendes Vorbringen erstattet hat.
Letztlich hat also die Beklagte den Kausalzusammenhang zwischen den allenfalls einen außergewöhnlichen Umstand darstellenden Wetterbedingungen und der Restriktionen der Flugsicherung als deren unmittelbare Folge nicht nachweisen können bzw blieb Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen zur Durchbrechung des Kausalzusammenhangs zwischen außergewöhnlichem Umstand und Annullierung unzureichend.
Damit war auch der Berufung ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201120_LG00119_02200R00208_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00208.20Y.1120.000
|
22R208/20y
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201120_LG00119_02200R00208_20Y0000_000/JJT_20201120_LG00119_02200R00208_20Y0000_000.html
| 1,605,830,400,000
| 1,558
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei B***** S*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 400,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 06.07.2020, 18 C 354/19y-16, in nicht öffentlicher Sitzung den
B e s c h l u s s
gefasst:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben, das angefochtene Urteil aufgehoben, und dem Erstgericht eine neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Kosten des Berufungsverfahrens bilden weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten ausgeführten Flug OE 99 am 17.07.2018 mit einem geplanten Abflug von Teneriffa-Süd (TFS) um 11:00 Uhr und einer geplanten Ankunft in Berlin-Tegel (TXL) um 16:55 Uhr. Der tatsächliche Abflug in TFS erfolgte um 17:05 Uhr.
Die Flugstrecke TFS-TXL beträgt aufgrund der Großkreisberechnung mehr als 1.500 km, aber weniger als 3.500 km.
Der Kläger begehrte den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 5 Abs 1 [lit c] iVm Art 7 Abs 2 [richtig: Abs 1 lit b] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 400,-- samt Zinsen. Dazu brachte er im Wesentlichen vor, dass er sein Endziel TXL erst um 22:34 Uhr erreicht habe, und dass die Verspätung nicht auf außergewöhnliche Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zurückzuführen sei; es werde bestritten, dass die Verspätung auf „wetterbedingte Kapazitätsengpässe“ zurückzuführen sei (was die Beklagte jedoch gar nicht behauptet hatte). Vielmehr beruhe die Verspätung auf einer Umleitung des Vor-Vorfluges nach Berlin-Schönefeld (SXF), was zur Folge gehabt habe, dass das Fluggerät erst am Morgen des gegenständlichen Flugtages nach TXL verbracht werden habe müssen, womit der erste Flug der Tagesrotation, der Flug OE 98 von TXL nach TFS bereits mit einer Verspätung von 3:04 Stunden gestartet sei. Starke Winde über Teneriffa – die bekannt seien und daher bei der Flugplanung ohnehin berücksichtigt werden hätten müssen – seien hingegen nicht ursächlich für die Verspätung gewesen. Die von der Beklagten behaupteten Herstellerbeschränkungen von 33 kt seien an diesem Tag nicht überschritten worden.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen Folgendes vor: Das Fluggerät, das für die Durchführung der Flüge OE 98 und OE 99 vorgesehen gewesen sei, sei am Vorabend wegen einer Verspätung („Slot-Delay“) in das ab 23:00 Uhr geltende Nachtflugverbot in TXL geraten und daher von der Flugsicherung nach SXF umgeleitet worden. Nach dem Ende des Nachtflugverbots sei es am nächsten Morgen zum ehestmöglichen Zeitpunkt nach TXL überstellt worden, um den Flug OE 98 nach TFS durchführen zu können. Die planmäßige Flugzeit wäre von 06:00 Uhr bis 10:00 Uhr gewesen; tatsächlich sei die Maschine um 08:51 Uhr in TXL gestartet und um 14:20 Uhr gelandet – allerdings nicht in TFS sondern Teneriffa-Nord (TFN). Über TFS hätten den ganzen Tag über böigen Winde geherrscht, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten. Der Pilot habe dennoch zweimal versucht in TFS zu landen, habe aber jeweils wieder durchstarten müssen und sich letztlich für eine Ausweichlandung in TFN entschieden bzw sei von der Flugsicherung dorthin umgeleitet worden. Nach einer Wetterbesserung sei das Fluggerät im Zeitraum 15:25 Uhr bis 16:00 Uhr nach TFS überstellt worden, um den Flug OE 99 durchführen zu können. Die gegenständliche Umleitung der Vorrotation des verfahrensgegenständlichen Fluges durch die Flugsicherung sei ausschließlich auf die Windböen zurückzuführen gewesen. Weiters erstattete die Beklagte Vorbringen zur Unzumutbarkeit der Vorhaltung von Ersatzmaschinen, zumal ihre Homebase VIE sei. Damit seien für die Verspätung jedenfalls außergewöhnliche Umstände vorgelegen, die trotz des Ergreifens sämtlicher ihr zumutbaren Maßnahmen nicht verhindert hätten werden können (Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO). Ein Ausgleichsanspruch gemäß Art 7 EU-FluggastVO stehe dem Kläger daher nicht zu. Da die Verspätung der Vorrotation OE 98 (auch) aufgrund von außergewöhnlichen Umständen eingetreten sei, sei dies auch für den gegenständlichen Flug von Relevanz. Durch die schnellstmögliche Überstellung von TFN nach TFS habe sie alle ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 400,-- samt Zinsen sowie zum Ersatz der Prozesskosten an den Kläger. Es traf keine Tatsachenfeststellungen und folgerte allein aus dem vorgetragenen Sachverhalt in rechtlicher Hinsicht, dass das Bestreitungsvorbringen der Beklagten aus mehreren Gründen unschlüssig geblieben sei: zunächst fehle jegliches Vorbringen zur Ursache der Verspätung der „Vorrotation OE 98“, die zu einer Umleitung des für den streitgegenständlichen Flug eingesetzten Flugzeuges nach SXF geführt habe. Weiters sei das Vorbringen, wann der Flug OE 99 wo auf Teneriffa gelandet sei, in sich widersprüchlich. Die Beklagte habe selbst vorgebracht, dass die ungünstigen Windverhältnisse an diesem Tag jeweils relativ kurz angedauert hätten, und es dazwischen längere Zeiten mit entsprechend günstigeren Windverhältnissen gegeben habe. Es fehle das unbedingt präzise zu erstattende Vorbringen, wie sich die Windverhältnisse konkret auf den streit-gegenständlichen Flug ausgewirkt haben sollen. Schließlich sei der Beklagten bereits am Vortag bekannt gewesen, dass es auf Grund der Verspätung der „Vorrotation OE 98“ zu einer erheblichen Verspätung des streitgegenständlichen Fluges kommen würde. Die Beklagte hätte darlegen müssen, dass ihr keine naheliegenden Maßnahmen zur Vermeidung der Verspätung des streitgegenständlichen Fluges, wie Umbuchung auf einen Ersatzflug oder Ausweichen auf den Ersatzflughafen TFN zur Verfügung gestanden seien.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde; hilfsweise stellt die Berufungswerberin einen Aufhebungsantrag.
Der Kläger beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist im Sinne des hilfsweise gestellten Aufhebungsantrags berechtigt.
Zutreffend verweist die Berufungswerberin darauf, dass ihr Vorbringen entgegen der Ansicht des Erstgerichts, das den Sachverhaltsvortrag der Beklagten in der rechtlichen Beurteilung des angefochtenen Urteils teils verkürzt, teils unrichtig wiedergibt, weder unschlüssig noch widersprüchlich geblieben ist.
Zutreffend ist allein, dass die Beklagte zur Begründung der Abflugverspätung des Vorfluges OE 98 von TXL im Ausmaß von – nach der Behauptung der Beklagten – 2:51 Stunden keinen Sachverhalt behauptet hat, der die Annahme außergewöhnlicher Umstände rechtfertigen könnte; ein „Slot-Delay“ des letzten Fluges des Vorabends, also die Zuteilung bzw Ausnützung eines späteren Slots (wobei auch unklar bleibt, ob es sich um einen Airport- oder um einen Airway-Slot gehandelt hat) kann derart mannigfaltige Ursachen haben, dass sich für die Frage nach der Qualifikation als außergewöhnlicher Umstand daraus nichts gewinnen lässt.
Von der von der Beklagten (geringfügig vom Klagsvorbringen abweichend) behaupteten Ankunftsverspätung des klagsgegenständlichen Fluges OE 99 am Endziel TXL von 5:31 Stunden entfällt damit selbst nach dem (unzureichenden) Vorbringen der Beklagten ein Teil von 2:51 Stunden nicht auf einen außergewöhnlichen Umstand.
Im Urteil C-315/15 Pešková ua hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO im Lichte des 14. Erwägungsgrundes dieser Verordnung dahingehend auszulegen ist, dass im Fall einer um drei Stunden oder mehr verspäteten Flugankunft, die nicht nur auf einem außergewöhnlichen Umstand beruht, der nicht durch der Situation angemessene Maßnahmen zu verhindern war und gegen dessen Folgen das Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Vorbeugungsmaßnahmen ergriffen hat, sondern auch auf einen anderen Umstand, der nicht in diese Kategorie fällt, die auf dem erstgenannten Umstand beruhende Verspätung von der gesamten Verspätungszeit bei Ankunft des betreffenden Fluges abzuziehen ist, um zu beurteilen, ob für diese verspätete Flugankunft Ausgleichszahlungen gemäß Art 7 EU-FluggastVO zu leisten sind.
Dies bedeutet für den vorliegenden Fall, dass derzeit noch nicht beurteilt werden kann, ob eine zumindest dreistündige Verspätung auf Gründen beruht, die nicht als außergewöhnliche Umstände zu qualifizieren sind:
Nach der Behauptung der Beklagten waren die Windverhältnisse im Zeitpunkt der versuchten Landung des Fluges OE 98 jedenfalls so, dass der Pilot bei zwei Landeversuchen jeweils durchstarten musste und sich letztlich aus Sicherheitsgründen für eine Ausweichlandung in TFN entschied. Grundsätzlich kann die Entscheidung des Piloten, dass eine Landung des Flugzeugs wegen schlechter Wetterbedingungen zu gefährlich ist, wegen der „nautischen Entscheidungsgewalt“ des Piloten von einem Gericht nur eingeschränkt auf grobe Fehler überprüft werden (Schmid in BeckOK, Fluggastrechte-VO14 Artikel 5 Rz 65 mwN; LG Korneuburg 22 R 46/20z [den selben Flug betreffend]; 22 R 225/20y). Im Dienste der Flugsicherheit getroffene Pilotenentscheidungen sollen im Allgemeinen nicht der Einhaltung von Flugplänen und – daraus folgend – der Vermeidung von Ausgleichsansprüchen geopfert werden (LG Korneuburg 21 R 19/19w).
Da das Erstgericht zu den – in diesem Sinne entscheidungswesentlichen – Vorgängen beginnend mit dem versuchten Landeanflug des Fluges OE 98 auf TFS keine Feststellungen getroffen hat, kann noch nicht beurteilt werden, ob der Anteil an der Gesamtverspätung in einem drei Stunden erreichenden Ausmaß auf Umstände zurückzuführen ist, die der Beklagten keine Berufung auf den Befreiungstat-bestand des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO ermöglichen; oder anders ausgedrückt: sollten zumindest neun weitere Minuten der Ankunftsverspätung von OE 99 in TXL nach dem um 2:51 Stunden verspätet erfolgten Start von OE 98 in TXL nicht auf außergewöhnliche Umstände iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zurückzuführen sein, wäre der Beklagten eine Berufung auf diesen Befreiungstatbestand verwehrt; im umgekehrten Fall könnte sie den Ausgleichsanspruch des Klägers erfolgreich abwehren.
Das Erstgericht wird daher das Vorbringen der Parteien zu den – von ihnen geringfügig abweichend dargestellten – Zeitabläufen und vor allem den Gründen für die ab dem Start des Vorfluges OE 98 in TXL aufgetretene – weitere – Verspätung in einem Beweisverfahren zu überprüfen und dazu Feststellungen zu treffen haben, die die rechtliche Beurteilung ermöglichen, in welchem Ausmaß die Gesamtverspätung am Endziel des Klägers auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen war, die sich auch durch Ergreifen aller zumutbaren Maßnahmen nicht verhindern hätten lassen.
Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52 ZPO.
|
JJT_20201027_LG00119_02200R00210_20T0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00210.20T.1027.000
|
22R210/20t
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201027_LG00119_02200R00210_20T0000_000/JJT_20201027_LG00119_02200R00210_20T0000_000.html
| 1,603,756,800,000
| 2,284
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei T***** B*****, vertreten durch Mag. Ulrike Kargl, Rechtsanwältin in Wien, wider die beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen zuletzt EUR 991,54 s.A., infolge Berufung der klagenden Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 29.07.2020, 18 C 102/20g-9, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 280,54 (darin EUR 46,76 USt.) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung zu Handen der Beklagtenvertreter binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger, Nicole Berger und Pascal Berger verfügten über eine bestätigte Buchung für den Flug der Beklagten OE 501 am 01.09.2019 von Palma de Mallorca nach Wien. Die Beklagte annullierte diesen Flug und beförderte die Reisenden mit dem Flug OE 543 am 03.09.2019 von Palma de Mallorca nach Salzburg. Am 20.04.2020 zahlte die Beklagte dem Kläger EUR 897,35.
Mit der beim Erstgericht am 20.03.2020 eingebrachten Klage begehrte der Kläger von der Beklagten zunächst die Zahlung von EUR 1.888,89 samt 4% Zinsen seit 23.02.2020 und brachte vor, ihm seien zusätzliche Kosten entstanden, die „bezahlte Reservierung sei nicht eingehalten“ worden, zwei weitere Urlaubstage hätten konsumiert werden müssen, und die Urlaubsfreuden seien stark minimiert worden. Die Hotelkosten von 02.09. bis 03.09.2019 hätten EUR 158,66 betragen, an Transferkosten seien EUR 19,90 und 3 x EUR 1,90 angefallen, die Ortstaxe habe EUR 8,80 betragen. Die Verpflegungskosten hätten EUR 13,75, EUR 5,25, EUR 5,20, EUR 8,55, EUR 3,90, EUR 2,20, EUR 16,20, EUR 17,-- und EUR 5,90 betragen. Die Westbahntickets hätten 3 x EUR 34,60 betragen, Getränke hätten EUR 2,80, EUR 2,90 und EUR 6,80 gekostet. Die nicht durchgeführte Reservierung habe EUR 30,-- gekostet. Der Verdienstentgang habe EUR 116,67, EUR 173,63 und EUR 215,28 betragen. Die verhinderte Urlaubsfreude durch zweitägige Verspätung habe EUR 483,-- betragen. Die Kosten der ursprünglichen Reise hätten EUR 1.448,99 betragen, somit ein Urlaubstag EUR 483,--. Nicole Berger und Pascal Berger hätten ihm ihre Ansprüche aus dem gegenständlichen Flug abgetreten. Der geforderte Verdienstentgang sei für jeden Tag jeweils ein 30-stel des Monatsgehaltes. Eine Pauschalreise liege nicht vor.
Infolge der Zahlung schränkte der Kläger das Klagebegehren auf Zahlung von EUR 897,35 samt 4% Zinsen aus EUR 1.888,89 von 23.02. bis 20.04.2020 und aus EUR 991,54 seit 21.04.2020 ein. Er brachte vor, der Flug sei zehn Minuten vor dem Bording per Mail als gecancelt angezeigt worden. Erst nach vier Stunden habe der Kläger neue Bordingpässe für den Rückflug nach Österreich am 03.09.2019 erhalten, dieser Flug habe nicht nach Wien, sondern nach Salzburg geführt. Die Beklagte habe die Übernachtungsmöglichkeit in einem Vier-Sterne-Hotel beigestellt. Der weitere Aufenthalt, die Verpflegung und die neuerliche Anreise zum Flughafen habe die Reisegruppe selbst bestreiten müssen. Von den Mitgliedern der Reisegruppe seien zwei weitere Urlaubstage zu konsumieren gewesen. Ursache des Ausfalles sei ein Pilotenstreik gewesen.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, eine frühere Alternativverbindung sei trotz sämtlicher Bemühungen der Beklagten nicht zur Verfügung gestanden. Sie habe dem Kläger Kosten von EUR 43,55 für Verpflegung ersetzt, eine Ausgleichsleistung für den Kläger, seinen Schwager und seine Lebensgefährtin von EUR 750,-- geleistet und die „Flugtickets“ (offenbar gemeint: Zugtickets) von EUR 103,80 bezahlt. Ein weiterer Kostenersatz für frustrierte Reiseplatzreservierungen von EUR 30,-- sowie Barauslagen für weitere Verpflegung, Transfer und Nächtigung von EUR 387,31 sowie ein Schadenersatz für entgangene Urlaubsfreude von EUR 966,-- würden nicht zustehen. Ein etwaiger Verdienstentgang stehe in der Regel nur bei Körperverletzung zu. Der Ersatz entgangener Urlaubsfreude gebühre nach § 12 PRG, dieses finde auf den Beförderungsvertrag zwischen den Streitteilen keine Anwendung.
Mit dem angefochtenen Urteil verpflichtete das Erstgericht die Beklagte, dem Kläger 4% Zinsen aus EUR 897,35 vom 20.03.2020 bis 20.04.2020 zu zahlen und wies das Mehrbegehren von EUR 991,54 samt 4% Zinsen seit 23.02.2020 sowie 4% Zinsen aus EUR 897,35 vom 23.02.2020 bis 19.03.2020 ab. Es traf die auf Seite 2 der Urteilsausfertigung ON 9 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass die Ausgleichsansprüche auf Ersatzbeträge wegen der erfolgten Stornierung des Fluges auf Kosten der Ersatzbeförderung und Generalunkosten anzurechnen seien. Zum Anspruch auf Verdienstentgang wäre vorzubringen gewesen, welche Person von welchem konkreten Arbeitgeber aufgrund welcher konkreten Umstände welche Einkommensminderung habe hinnehmen müssen. Ein Anspruch auf Entschädigung wegen entgangener Urlaubsfreude gebühre nach § 12 PRG. Der Kläger habe nicht einmal vorgebracht, dass er mit der Beklagten einen Pauschalreisevertrag abgeschlossen hätte. Es sei nicht ersichtlich, warum aufgrund der Flugannullierung ein Ersatzanspruch für den tatsächlich verbrachten Urlaub in Palma de Mallorca zustehen solle.
Gegen dieses Urteil (richtig: gegen seinen klagsabweisenden Teil) richtet sich die Berufung des Klägers aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren stattgegeben werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte beantragt, der Berufung keine Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Der Berufungswerber moniert, dass die außergerichtliche Forderung des Klägers von der Beklagten nicht bestritten worden sei. Die Beklagte hätte nur aufgrund von Behauptungen ohne Vorlage von Belegen keinerlei Kosten übernommen. Dem Anerkenntnis der Beklagten sei nicht zu entnehmen, wie sich die Zahlung zusammensetze. Mit dem Betrag von EUR 750,-- habe die Beklagte erkennbar den Verdienstentgang und einige nicht näher aufgeschlüsselte Kosten ersetzen wollen. Der Verdienstentgang sei somit nicht mehr verfahrensgegenständlich. Den Anspruch auf entgangene Urlaubsfreuden stütze der Kläger nicht auf § 12 PRG, sondern auf das allgemeine Schadenersatzrecht und bediene sich lediglich für die Berechnung der Schadenshöhe des PRG. Das Erstgericht habe die Beweisaufnahme unterlassen und damit das rechtliche Gehör des Klägers verletzt.
Der Stellungnahme zu den einzelnen Positionen der Klagsforderung ist voranzustellen, dass ein ursprünglich schlüssiges Klagebegehren durch eine unsubstanziierte Klagseinschränkung, aufgrund derer die geltend gemachten mehreren Ansprüchen nicht mehr im Einzelnen ziffernmäßig bestimmt und individualisiert sind, unschlüssig werden kann (RS0114849). Liegen nicht deckungsgleiche Anspruchsgrundlagen vor, können einzelne Ansprüche ein unterschiedliches rechtliches Schicksal haben. In einem solchen Fall einer objektiven Klagenhäufung muss nach Lehre und Rechtsprechung jeder der Ansprüche zumindest in der Begründung ziffernmäßig bestimmt und individualisiert sein, um dem Bestimmtheitsgebot des § 226 ZPO zu entsprechen. Wird – wie hier - nur ein Teilanspruch infolge Anrechnung einer außergerichtlichen Zahlung geltend gemacht, so hat der Kläger klarzustellen, welche Teile von seinem pauschal formulierten Begehren erfasst sein sollen. Es ist ansonsten nicht nachvollziehbar, wie sich der vom Kläger geltend gemachte Betrag auf die einzelnen Anspruchspositionen aufteilt (vgl. 10 Ob 49/11w). Zwar nimmt die Beklagte in ihrem vorbereitenden Schriftsatz vom 17.06.2020 (ON 6) eine Widmung der anerkannten und bezahlten Beträge vor; der Kläger schränkt sein Klagebegehren jedoch unter Außerachtlassung der Widmung der Beklagten in seinem vorbereitenden Schriftsatz vom selben Tag (ON 5) ein, ohne klarzustellen, auf welche der einzelnen Klagspositionen eine Anrechnung erfolgt oder nicht. Dies führt insgesamt zur Unschlüssigkeit der gesamten (eingeschränkten) Klage, sodass bereits aus diesem Grund die Abweisung des Klagebegehrens durch das Erstgericht im Ergebnis als berechtigt anzusehen ist.
Die Streitteile waren im erstinstanzlichen Verfahren unterschiedlicher Ansicht, wie die - unstrittige – Zahlung der Beklagten zu widmen ist. Die Beklagte nahm in ihrem vorbereitenden Schriftsatz vom 17.06.2020 (ON 6) eine Widmung der anerkannten und bezahlten Beträge auf die Positionen „Ausgleichsleistung“ (nicht verfahrensgegenständlich), „Verpflegung“ und „Tickets“ (beide verfahrensgegenständlich) vor; der Kläger rechnete in seinem vorbereitenden Schriftsatz vom selben Tag (ON 5) nur auf verfahrensgegenständliche Forderungen (pauschal) an. Beide Schriftsätze wurden in der vorbereitenden Tagsatzungung unverändert vorgetragen. Dadurch widersprach der Kläger letztlich der von der Beklagten vorgenommenen Widmung.
Sofern Schuldner und Gläubiger keine Vereinbarung getroffen haben, welche von mehreren Schuldposten getilgt werden soll, gilt jene Schuld als abgetragen, die der Schuldner (ausdrücklich oder schlüssig) bezeichnet, es sei denn, der Gläubiger würde dagegen Widerspruch erheben. Eine einseitige „Umwidmung“ durch den Gläubiger ist nicht möglich (3 Ob 209/15d). Bei fehlender oder zweifelhafter Widmungserklärung greift die gesetzliche Tilgungsfolge des § 1416 ABGB ein. Die §§ 1415 Satz 2 und 1416 ABGB stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Sie stellen eine gesetzliche Tilgungsregelung für den Fall auf, dass zwischen einem Gläubiger und einem Schuldner mehrere Verbindlichkeiten (Schuldposten) bestehen und der Schuldner eine Leistung erbringt, die zur Erfüllung aller seiner Verbindlichkeiten gegenüber dem Gläubiger nicht ausreicht (7 Ob 201/13d). Die gesetzliche Tilgungsreihenfolge knüpft an verschiedene selbständige Schuldposten wie Zinsen und Kapitalien an. Widerspricht der Gläubiger der Zahlungswidmung des Schuldners, ist dessen Leistung daher auf die für das zuerst fällig gewordene selbständige Kapital verfallenen Zinsen, dann auf dieses Kapital, schließlich auf die für das nächste fällig gewordene Kapital verfallenen Zinsen, dann auf dieses Kapital und so weiter anzurechnen (RS0105482). Die gesetzliche Tilgungsfolge des § 1416 ABGB sieht eine Rangfolge unter den Gesichtspunkten der bereits eingeforderten oder der schon fälligen Schuld sowie in letzter Linie der Beschwerlichkeit der einzelnen Schulden vor. Tilgungspriorität kommt also jener Schuldpost zu, die der Gläubiger bereits eingefordert hat. Einforderung bedeutet gerichtliche oder außergerichtliche Geltendmachung, also das Dringen des Gläubigers auf Erfüllung auf einem dieser beiden Wege. Unter mehreren eingeforderten Schuldposten entscheidet die Intensität der Einforderung, die von der Rechtsprechung zum Teil auch unter dem Blickwinkel der Beschwerlichkeit beurteilt wird (3 Ob 209/15d).
Auf den konkreten Fall angewendet bedeutet dies, dass die eingeklagten Forderungen die dringlicheren im Vergleich zu nicht verfahrensgegenständlichen Forderungen sind. Eine Anrechnung der Zahlung auf „Ausgleichsleistung“ kommt daher nicht in Betracht. Hingegen sind die eingeklagten Forderungen „Westbahntickets“ zur Gänze und „Verpflegung“ zum Teil (mit EUR 43,55) getilgt. Hinsichtlich der restlichen Klagspositionen ist zu prüfen, welche von ihnen schon nach dem Klagsvorbringen unschlüssig sind und ohne Beweisaufnahme abgewiesen werden können.
Sowohl vor als auch nach Klagseinschränkung ist die Position entgangene Urlaubsfreude unschlüssig. Es liegt bereits ein unauflösbarer Widerspruch vor, wenn aus Anlass der Annullierung des Fluges am 01.09.2019 und der Ersatzbeförderung am 03.09.2019 für diesen Zeitraum von zwei Tagen sowohl ein Anspruch auf entgangene Urlaubsfreude als auch ein Anspruch auf Verdienstentgang geltend gemacht wird. Zum einen ist gemäß dem Bestreitungsvorbringen der Beklagten im erstinstanzlichen Verfahren darauf zu verweisen, dass ein Anspruch auf Ersatz des immateriellen Schadens eines Reisenden nur bei Vorliegen einer Pauschalreise gewährt wird. Dieser Anspruch war bis zur Erlassung des Pauschalreisegesetzes (Bundesgesetz über Pauschalreisen und verbundene Reiseleistungen [PRG], BGBl I Nr. 50/2017) in § 31e Abs 3 letzter Satz KSchG geregelt. In Umsetzung des Erwägungsgrundes 34 der Pauschalreiserichtlinie, ABl L 11.12.2015, 326/1, wurde das bisherige Schutzniveau aufrecht erhalten und mit § 12 Abs 2 PRG ein Anspruch auf angemessenen Ersatz der entgangenen Urlaubsfreude vorgesehen, wenn es sich um eine erhebliche Vertragswidrigkeit handelt. Der Anspruch ist gegen den Reiseveranstalter gerichtet (Scherhaufer/Wukoschitz in Bammer, PRG, § 12 Anm 5). Darüber hinausgehende Ansprüche bestehen nach EU-Verordnungen über Flug- und Fahrgastrechte sowie über die Unfallhaftung sowie nach internationalen Übereinkünften etwa gegen Veranstalter, Beförderungsunternehmen oder gegen sonst haftende Personen (ErlRV 1513 BlgNR XXV. GP, 16). Da ein Anspruch gegen den Reiseveranstalter nicht geltend gemacht wird, scheidet der Ersatz von entgangener Urlaubsfreude bereits dem Grunde nach aus, ohne dass die Frage erörtert werden muss, warum bei einer „Verlängerung“ des Urlaubes ein Ersatz wegen entgangener Urlaubsfreude überhaupt in Betracht kommt.
Ebenso unschlüssig ist der Anspruch auf Verdienstentgang. Der Kläger legt nicht dar, ob und inwieweit er und seine Mitreisenden überhaupt einen Verdienstausfall hatten. Soweit er von einem „Monatsgehalt“ spricht, ist prima vista an ein Angestelltendienstverhältnis zu denken. Im Falle der Lohnfortzahlung gemäß § 8 AngG kommt es zu einer bloßen Schadensverlagerung. Die Ersatzpflicht des Schädigers wird durch die Lohnfortzahlung nicht ausgeschlossen. Der Ersatzanspruch gegen den Schädiger geht analog §§ 1358 ABGB, 67 VersVG mit der Lohnfortzahlung auf den Dienstgeber über. Dieser hat Anspruch auf Ersatz nicht nur des Bruttolohnes, sondern auch der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung (RS0043287). Die Differenzierung zwischen Angestellten und Arbeitern kommt hier schon deshalb nicht zum Tragen, weil es sich nicht um einen Lohnfortzahlungsfall aus den Gründen der Krankheit, sondern der sonstigen Dienstverrichtung handelt, der in § 8 Abs 3 AngG geregelt ist und – soferne nicht eine für das jeweilige Dienstverhältnis erlassene Sonderregel gilt – seinen allgemeinen Niederschlag in § 1154b Abs 5 ABGB gefunden hat. Umfasst sind auch Gründe, die die Person des Arbeitnehmers (bloß) betreffen, also den Arbeitnehmer angehen und ihn entweder durch eine unmittelbare Einwirkung an der Arbeitsleistung hindern oder nach Recht, Sitte oder Herkommen wichtig genug erscheinen, um ihn davon abzuhalten (Rebhahn/Ettmayer in Kletecka/Schauer, ABGB-ON1.04, § 1154b Rz 14). Zusammengefasst ist davon auszugehen, dass ein Lohnfortzahlungsfall nach § 1154b Abs 5 ABGB oder nach einer vergleichbaren, auf das jeweilige Dienstverhältnis anwendbaren Norm vorgetragen wurde, sodass eine Schadensverlagerung vom Kläger und seinen Mitreisenden auf den jeweiligen Dienstgeber anzunehmen ist, weshalb sich somit auch der Anspruch auf Verdienstentgang als unschlüssig erweist.
Zur Vollständigkeit sei darauf hingewiesen, dass die vom Kläger in der Berufung vorgenommene Widmung eines Teiles der Zahlung auf Verdienstentgang (1) dem Neuerungsverbot widerspricht, (2) dem Gläubiger eine einseitige Umwidmung nicht zusteht und (3) eine bloße teilweise Bekämpfung des erstinstanzlichen Urteiles (unter Fallenlassen des Anspruches auf Verdienstententgang) nicht vorgenommen wurde.
Vom ursprünglichen Klagsbetrag von EUR 1.888,89 erweisen sich die Positionen Verdienstentgang mit EUR 505,58 und entgangene Urlaubsfreude mit EUR 966,-- als unschlüssig. Es verbleiben EUR 417,31 an schlüssiger Klagsforderung (Hotel, Transfer- und Verpflegungskosten), von denen EUR 43,55 für Verpflegung und EUR 103,80 für Zugtickets getilgt sind. Auf den Restbetrag der ursprünglichen Klagsforderung von EUR 269,96 samt Zinsen sind somit die von der Beklagten geleisteten weiteren EUR 750,-- zur Tilgung anzurechnen. Die allenfalls berechtigten restlichen Klagsforderungen sind damit zur Gänze getilgt.
Hinsichtlich des Begehens der Beklagten in ihrer Berufungsbeantwortung auf Anrechnung nach Art 12 EU-FluggastVO ist auszuführen, dass das Anrechnungsbegehren als unzulässige Neuerung anzusehen ist (§ 482 Abs 1 ZPO).
Insgesamt erweist sich daher das gesamte verbliebene Klagebegehren als unberechtigt und war daher der Berufung der Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41, 50 ZPO
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201027_LG00119_02200R00216_20Z0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00216.20Z.1027.000
|
22R216/20z
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201027_LG00119_02200R00216_20Z0000_000/JJT_20201027_LG00119_02200R00216_20Z0000_000.html
| 1,603,756,800,000
| 2,244
|
Kopf
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei H***** M*****, vertreten durch Skribe Rechtsanwaelte GmbH in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 26.05.2020, 20 C 863/19s-15, in nicht öffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben, das angefochtene Urteil aufgehoben und die Rechtssache zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Kosten des Berufungsverfahrens bilden weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung für den Flug der Beklagten:
- OS 532 ab Florenz 05.05.2019, 15:05 Uhr, an Wien 05.05.2019, 16:35 Uhr.
Die gebuchte Flugstrecke beträgt aufgrund der Großkreisberechnung nicht mehr als 1.500 km. Der Beginn des Zinsenlaufes steht mit 30.05.2019 außer Streit.
Mit der beim Erstgericht am 05.06.2019 eingebrachten und zunächst zu 20 C 538/19x registrierten Klage begehrte der Kläger von der Beklagten die Zahlung von EUR 250,-- samt 4% Zinsen seit 06.05.2019 und brachte vor, er habe sich rechtzeitig zu der von der Beklagten angegebenen Zeit zur Abfertigung eingefunden. Die tatsächliche Ankunftszeit des Fluges sei 20:09 Uhr in Wien gewesen. Die Verspätung habe daher mehr als drei Stunden betragen. Fluggäste verspäteter Flüge seien im Hinblick auf die Anwendung des Ausgleichsanspruches den Fluggästen annullierter Flüge gleichgestellt und könnten somit den in Art 7 EU-FluggastVO vorgesehenen Ausgleichsanspruch geltend machen, wenn sie wegen eines verspäteten Fluges einen Zeitverlust am Endziel von drei Stunden oder mehr erleiden würden. Dem Kläger stehe ein Anspruch von EUR 250,-- als Ausgleichsleistung gemäß Art 5 iVm Art 7 Abs 2 (richtig: Abs 1) EU-FluggastVO zu.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, die Verspätung des Fluges OS 532 sei auf die Verspätung der Vorrotation OS 531 von Wien nach Florenz und der schlechten Wetterlage, insbesondere starkem Rückenwind und nasser Fahrbahn zurückzuführen. Die Vorrotation habe nach Pisa umgeleitet werden müssen. Dies habe zu einem verspäteten Abflug in Florenz und damit einhergehend zu einer verspäteten Ankunft in Wien geführt.
In weiterer Folge wurde das Verfahren zu 24 C 109/19p und letztlich zu 20 C 863/19s fortgesetzt.
Mit vorbereitendem Schriftsatz vom 31.03.2020 (ON 9) brachte die Beklagte weiters vor, der Abflug des Vorfluges OS 531 sei in Wien für 12:50 Uhr Ortszeit geplant gewesen, er sei tatsächlich jedoch um 21 Minuten verspätet um 13:11 Uhr erfolgt. Die Verspätung sei ausschließlich auf Restriktionen der Flugsicherung gemäß IATA-Delay-Code 89 zurückzuführen. Es handle sich um hoheitliche Vorgaben durch die Flugsicherung, denen sich die Beklagte nicht entziehen und auf sie keinen Einfluss nehmen könne. Da eine Landung in Florenz nicht möglich gewesen sei, sei der Flug nach Pisa umgeleitet worden und dort um 14:37 Uhr gelandet. Ab etwa 08:20 Uhr hätten in Florenz Gewitter und starke Regenfälle geherrscht, die bis 15:50 Uhr angehalten hätten. Eine Landung unter diesen Umständen wäre aus Sicherheitsgründen nicht zulässig gewesen. Die Entscheidung, ob eine sichere Landung möglich sei, werde binnen Sekunden vom verantwortlichen Piloten getroffen. Als sich die Lage in Florenz gebessert hätte, sei das Fluggerät umgehend von Pisa nach Florenz überstellt worden. Die Überstellung sei ab 17:15 Uhr und die Ankunft um 17:45 Uhr in Florenz erfolgt. Der Abflug von OS 532 sei um 18:54 Uhr erfolgt. Zwei Stunden der Abflugverspätung in Florenz würden auf der Umleitung und anschließenden Überstellung gemäß IATA-Delay-Code 93 beruhen. Eine Stunde der Abflugverspätung würde auf dem Aussteigen der Fluggäste bzw. des Umsetzen einiger Fluggäste und das Einsteigen der in Florenz wartenden Fluggäste beruhen. Restriktionen von der Flugsicherung gemäß IATA-Delay-Code 81 resultierten in einer Abflugverspätung von 49 Minuten. Von der 3 Std. 49 Min. betragenden Abflugverspätung in Florenz hätten 15 Minuten durch Fliegen der Strecke mit Maximalgeschwindigkeit eingeholt werden können, Wien habe mit einer Ankunftverspätung von 3 Std. und 24 Min. erreicht werden können. Wetterverhältnisse, die einen sicheren Anflug nicht zugelassen hätten, seien kausal für die Umleitung des Fluges und in der Folge für die Verspätung des klagsgegenständlichen Fluges gewesen. Es würden außergewöhnliche Umstände im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorliegen. Das Bereithalten einer Ersatzmaschine am Flughafen Florenz sei der Beklagten nicht zumutbar gewesen. Die Verbringung eines Ersatzflugzeuges sei unmöglich gewesen, weil dieses mit denselben Wetterproblemen am Standort Florenz konfrontiert gewesen wäre. Auch die Beschaffung eines Flugzeuges einer anderen Fluggesellschaft sei nicht möglich gewesen.
Mit vorbereitendem Schriftsatz vom 19.05.2020 (ON 11) brachte der Kläger vor, dass das Vorbringen in der Klage korrigiert würde. Der Kläger sei gegen seinen Willen mit dem Flug OS 532 am 05.05.2019 nicht befördert worden. Am Flughafen Florenz sei eine Verspätung angekündigt worden, aber ohne Grund. Ein Mitarbeiter der Beklagten habe nach längerer Wartezeit am Flughafen gesagt, dass der Flug annulliert sei und das Gepäck wieder ausgehändigt werde. Anderen Passagieren sei ein Bustransfer nach Pisa angeboten worden, nicht aber dem Kläger, weil der Shuttle voll gewesen sei. Der Kläger sei sodann gezwungen gewesen, auf eigene Faust und auf eigene Kosten mit der Bahn nach Wien zu fahren. Wäre der Flug OS 531 pünktlich aus Wien abgeflogen, wäre auch eine pünktliche Landung möglich gewesen. Auch der streitgegenständliche Flug OS 532 hätte noch pünktlich starten können. Die Verspätung beim Abflug sei nicht als außergewöhnlicher Umstand zu beurteilen.
Die Beklagte replizierte, dass bestritten werde, dass der Flug OS 532 annulliert [sic!] worden wäre. Nach seiner Umleitung sei das Flugzeug von Pisa nach Florenz transferiert worden, von wo der Flug OS 532 verspätet durchgeführt worden sei.
In weiterer Folge erörterte das Erstgericht mit den Streitteilen den Sachverhalt, wobei es erkennbar vom ursprünglich vom Kläger behaupteten und von der Beklagten bestrittenen Sachverhalt und den daraus abgeleiteten Anspruch auf Ausgleichsleistung wegen großer Ankunftsverspätung ausging.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, indem es die Beklagte verpflichtete, dem Kläger die begehrte Ausgleichsleistung zuzüglich 4% Zinsen ab dem außer Streit stehenden Tag des Beginn des Zinsenlaufes zu zahlen. Das in der Klage geltend gemachte Zinsenmehrbegehren ließ das Erstgericht unberücksichtigt. Es folgerte aus dem vorgetragenen Sachverhalt, dass es auf dem Flug zu einer Flugunregelmäßigkeit gekommen sei. Es sei nicht von Relevanz, ob eine Verspätung oder eine Annullierung vorgelegen sei. In weiterer Folge erörterte das Erstgericht die Voraussetzungen von außergewöhnlichen Umständen nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO. Zur Landung des Flugzeuges wegen widriger Wetterbedingung verwies es auf die dem Piloten zukommende nautische Entscheidungsgewalt; das Luftfahrtunternehmen müsse aber hinreichende Tatsachen vortragen, damit das Gericht die Entscheidung des Piloten überhaupt überprüfen könne. Der unkonkrete Vortrag der Beklagten sei aber nicht geeignet, die 21-minütige Abflugverspätung des Vorfluges OS 531 und Art. 5 Abs 3 EU-FluggastVO zu stützen. Die Beklagte habe auch nicht darzutun vermocht, welche der Durchführung des Vorfluges OS 531 entgegenstehende Wetterverhältnisse geherrscht hätten. Schließlich habe die Beklagte keine einzelfallbezogenen und überprüfbaren Behauptungen zu dem Teil der Ankunftverspätung von 49 Minuten erstattet, weil sie sich pauschal auf Restriktion der Flugsicherung nach IATA-Delay-Code 81 gestützt habe. Insgesamt verneinte das Erstgericht das Vorliegen eines substanziierten Vorbringens zu außergewöhnlichen Umständen nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO. Weiters vermisste das Erstgericht den Vortrag zu den zumutbaren Maßnahmen, um die rechtzeitige Durchführung des Fluges OS 532 sicherzustellen, insbesondere zum Einsatz eines Ersatzflugzeuges oder eines Subcharters.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Der Kläger beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist in ihrem hilfsweise gestellten Aufhebungsantrag berechtigt.
Die Berufungswerberin zeigt zutreffend auf, dass es für eine erfolgreiche Geltendmachung eines Ausgleichsanspruches nicht ausreichend sein könne, sich generell auf eine Flugunregelmäßigkeit zu berufen. Während die Streitteile zunächst davon ausgingen, beim Flug OS 532 liege eine Ankunftsverspätung vor, änderte der Kläger durch Einbringung und Vortrag des vorbereitenden Schriftsatzes vom 19.05.2020 (ON 11) sein Vorbringen dahin ab, dass er behauptete, sein Gepäck sei wieder ausgeladen worden, es sei ein Bustransfer von Florenz nach Pisa organisiert worden, an dem er nicht habe teilnehmen können. Mag sich der Kläger im vorbereitenden Schriftsatz zwar auf die Rechtsgrundlagen der Art 5 und Art 7 EU-FluggastVO stützen, liegt nach dem vorgetragenen Sachverhalt wohl eher eine Nichtbeförderung im Sinne des Art 2 lit j EU-FluggastVO vor, sodass zu prüfen wäre, ob nach Art 4 Abs 3 EU-FluggastVO ein Anspruch auf Ausgleichsleistung gebührt oder nicht. Mit dieser Frage hat sich das Erstgericht jedoch nicht auseinandergesetzt. Allenfalls ist der rechtlichen Beurteilung des Erstgerichtes zu entnehmen, dass es den vom Kläger geändert vorgetragenen Sachverhalt insgesamt als Fall der Annullierung des Fluges auffasst (Seiten 4 und 5 in ON 15).
Zwar trifft zu, dass der Anspruch auf Ausgleichsleistung in sämtlichen der drei genannten Leistungsstörungen in Betracht kommt und im Falle der Annullierung oder großen Verspätung dann entfällt, wenn die Beklagte einen außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO behauptet und unter Beweis stellt. Vergleichbares ist für den Tatbestand der Nichtbeförderung aber nicht vorgesehen. Allerdings liegt eine Nichtbeförderung im Sinne des Art 2 lit j EU-FluggastVO dann nicht vor, wenn es vertretbare Gründe für die Nichtbeförderung gibt. Tatsachenvorbringen, die diese Annahme zuließen, wurden jedoch nicht erstattet. Dies bedeutet – aufs Wesentliche zusammengefasst –, dass im Fall, dass die noch zu treffenden Feststellungen die Erfüllung des Nichtbeförderungstatbestandes zuließen, dem Klagebegehren grundsätzlich stattzugeben wäre.
Zum selben Ergebnis käme man, wenn die Rechtsansicht des Erstgerichtes zutreffen würde, einerseits handle es sich unter Zugrundelegung der Leistungsstörungen der Annullierung oder Verspätung um keinen außergewöhnlichen Umstand, andererseits habe die Beklagte nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen erfüllt. In beiden Varianten wäre der Beklagten die Berufung auf Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zu versagen. Die vom Erstgericht vertretene Rechtsansicht wird jedoch vom Berufungsgericht nicht geteilt.
Richtig ist die Rechtsansicht des Erstgerichtes insoweit, als die 21-minütige Abflugverspätung des Vorfluges OS 531 außer Betracht zu bleiben hat. Im Falle des Vorliegens eines Verspätungsfalles wird dieser Zeitraum allerdings bloß gesondert zu beurteilen sein (Urteil des EuGH vom 04.05.2017 in der Rechtssache C-315/15 Pešková und Peška Rn 54). Gleiches gilt für die nicht näher belegte Verspätung von 49 Minuten des gegenständlichen Fluges, wobei sich die Beklagte bloß auf nicht näher genannte Restriktion der Flugsicherung nach dem IATA-Delay-Code 81 stützt.
Zu Unrecht qualifiziert das Erstgericht den Zustand der Landebahn in Florenz zum Zeitpunkt des Anfluges des Vorfluges OS 531 nicht als außergewöhnlichen Umstand. Wie es zutreffend ausführt, ist auf die „nautische Entscheidungsgewalt“ des Piloten zu verweisen, was nach der Rechtsprechung des erkennenden Senates dazu führt, dass bloß grobe Ermessensfehler aufgegriffen werden können (LG Korneuburg 19.03.2019, 21 R 19/19w; 02.06.2020, 22 R 46/20z; 21.07.2020m, 22 R 110/20m; Schmid in Schmid BeckOK, Fluggastrechte-VO [16. Editition Stand 01.10.2020] Art 5 Rz 66a mwN). Dass ein solcher grober Ermessensfehler vorliegt, ist auch prima facie aus dem Vorbringen der Streitteile nicht ableitbar. Es wäre daher davon auszugehen, dass die Verspätung (allenfalls Annulierung) auf einem Vorkommnis beruht, das einen außergewöhnlichen Umstand nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO darstellt.
Aber auch die vom Erstgericht vermissten und zumutbaren Maßnahmen wurden nach dem Vorbringen der Beklagten im erstinstanzlichen Verfahren (so es unter Beweis gestellt werden kann) ergriffen. Unter Zugrundelegung dieses Vorbringens, insbesondere der geplanten Ankunftszeit in Florenz um 14:20 Uhr und der tatsächlichen Landung des Vorfluges in Pisa um 14:37 Uhr, somit mit 17-minütiger Verspätung, ist die vom Erstgericht vermisste Überprüfung des Einsatzes eines Ersatzfluggerätes sowie der Organisation eines Subcharters bei Weitem überzogen und kommen beide Maßnahmen nicht als zumutbare Maßnahmen im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO in Betracht.
Als zumutbare Maßnahmen nach der Landung auf dem Ersatzflughafen kommen augenscheinlich zwei Maßnahmen in Betracht:
- Einerseits die Überstellung des Fluggerätes auf den Flughafen Florenz. Richtigerweise wäre zu prüfen, warum angesichts der Landung des Fluggerätes am Ersatzflughafen um 14:37 Uhr die Überstellung erst um 17:50 Uhr erfolgte. Nach dem Vortrag der Beklagten hielten die Gewitter- und Regenfälle in Florenz nur bis 15:50 Uhr an. Allerdings trug die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren weiters vor, als sich die Lage in Florenz verbessert hätte, sei das Fluggerät „umgehend“ nach Florenz überstellt worden. Somit wären nach diesem Vorbringen die zumutbare Maßnahme der Überstellung des Fluggerätes schnellstmöglich erfolgt.
- Andererseits käme die Überstellung der Passagiere vom Flughafen Florenz auf den Ersatzflughafen Pisa in Betracht. Dazu erstattete die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren kein Vorbringen. Allerdings trug der Kläger in seinem bereits erwähnten vorbereitenden Schriftsatz vor, dass ein solcher Bustransfer organisiert worden sei. Wie das Berufungsgericht bereits ausführte, ist zur Überprüfung der Voraussetzungen des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO das Vorbringen beider Parteien zu berücksichtigen. Somit scheidet nach dem Vorbringen des Klägers aus, dass die Beklagte diese in Betracht kommende Maßnahme nicht ergriffen hat.
Zusammengefasst ist nach dem bisher erstatteten Vorbringen unter Zugrundelegung der Leistungsstörungen Annullierung oder große Verspätung davon auszugehen, dass es sich um einen außergewöhnlichen Umstand handelt, und die Beklagte alle ihr zumutbaren Maßnahmen ergriffen hat. Das Klagebegehren wäre - würde der Sachverhalt so festgestellt - demgemäß abzuweisen.
Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass es für die Falllösung von entscheidender Bedeutung ist, welche der drei in der EU-FluggastVO geregelten Leistungsstörungen im konkreten Fall vorlag. Denn aus dem von der Beklagten vorgetragenen Sachverhalt besteht die Möglichkeit, dass ihr im Fall einer Annullierung oder Verspätung - entsprechende Feststellungen vorausgesetzt – die Berufung auf Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO gelingen und die Zuerkennung des Ausgleichsanspruches abwehren kann.
Der Berufung war daher Folge zu geben, das angefochtene Urteil war aufzuheben und dem Erstgericht aufzutragen, sich in weiterer Folge mit den von den Streitteilen vorgetragenen Sachverhaltskonstellationen auseinanderzusetzen und Feststellungen zu treffen, die eine verlässliche Beurteilung zulassen, welche der in der EU-FluggastVO genannten Leistungsstörungen im konkreten Fall vorlag.
Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52 ZPO.
|
JJT_20201103_LG00119_02200R00222_20G0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00222.20G.1103.000
|
22R222/20g
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201103_LG00119_02200R00222_20G0000_000/JJT_20201103_LG00119_02200R00222_20G0000_000.html
| 1,604,361,600,000
| 1,798
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei E***** K*****, vertreten durch Mag. Maximilian Kocher, Rechtsanwalt in Brunn am Gebirge, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 06.08.2020, 26 C 38/20p-15, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit EUR 176,28 (darin EUR 29,38 USt.) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu Handen des Klagevertreters zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin verfügte über eine bestätigte Buchung unter anderem für folgenden von der Beklagten durchzuführenden Flug:
- OS 977 ab Wien 24.11.2017, 17:25 Uhr, an Graz 24.11.2017, 18:00 Uhr.
Die Beklagte annullierte den Flug um 16:05 Uhr und bot der Klägerin eine Ersatzbeförderung mit dem Flug OS 975 an, mit dem die Klägerin Graz um 23:20 Uhr erreicht hätte. Die Klägerin lehnte diese Ersatzbeförderung ab. Der Zinsenlauf beginnt mit 19.10.2018.
Mit der beim Erstgericht am 08.11.2019 eingebrachten und zunächst zu 24 C 670/19p registrierten Klage begehrte die Klägerin von der Beklagten die Zahlung von EUR 250,-- samt 4% Zinsen seit 19.10.2018 und brachte vor, die Annullierung des Fluges beruhe nicht auf einem außergewöhnlichen Umstand wie Unwetter oder Streik. Weiters sei von der Beklagten nachzuweisen, dass keine zumutbaren Maßnahmen zur Verfügung gestanden hätten, die Annullierung zu verhindern oder die Klägerin rechtzeitig oder mit geringerer Verspätung an ihr Ziel zu bringen, wie etwa die Umbuchung auf einen anderen Flug, das Chartern einer Ersatzmaschine oder die Benutzung eines alternativen Beförderungsmittels wie Bus oder Bahn. Aufgrund der Entfernung von 196 km für die Strecke Wien-Graz betrage die Ausgleichszahlung gemäß Art 7 EU-FluggastVO EUR 250,--.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte in dem zu 26 C 38/20p fortgeführten Verfahren vor, die Annullierung sei der Wettersituation bzw. den damit verbundenen Anordnungen der österreichischen Flugsicherung geschuldet gewesen. Aufgrund starken Nebels am Standort Flughafen-Wien sei eine Durchführung des Fluges nicht möglich gewesen. Bereits der direkte Vorflug OS 646 von Iaşi nach Wien sei statt wie geplant um 15:55 Uhr erst um 17:43 Uhr, mit einer Abflugverspätung von einer Stunde und 48 Minuten gestartet und statt um 16:50 Uhr um 18:47 Uhr, mit einer Ankunftsverspätung von einer Stunde 57 Minuten gelandet. Der Vorflug habe zunächst einen Abflugslot um 16:21 Uhr erhalten und hätte somit eine Verspätung von 26 Minuten gehabt. Dieser Slot habe sich zunehmend verschlechtert. Grund für die Verspätung des Vorfluges seien zum einen die am Flughafen Wien vorherrschenden Wetterverhältnisse gepaart mit Einschränkungen durch die Flugsicherung im Ausmaß von einer Stunde 18 Minuten gewesen und zum anderen, das auch der Vor-Vorflug eine Verspätung von 30 Minuten gehabt habe. In Wien habe sich die Wettersituation derart dargestellt, dass schlechte Sichtverhältnisse bzw. eine sehr niedrig (auf 100 Fuß) hängende Wolkendecke die vollkommen den Himmel bedeckt habe geherrscht hätten. Eine Wolkendecke von 100 Fuß ergebe eine äußerst schwierige Anflugsituation. Hinzu sei gekommen, dass am Flughafen Wien feuchter Dunst bzw. Nebel vorgeherrscht hätten, was eine zusätzliche Sichtbeeinträchtigung dargestellt habe. Die übliche Abflugrate von 44 bis 48 Anflüge pro Stunde sei im Zeitraum 15:20 Uhr bis 21:00 Uhr auf 15 Anflüge pro Stunde reduziert worden. Dies stelle einen Extremfall dar. Die Annullierung des Fluges sei die einzige für die Beklagte verbliebene Möglichkeit gewesen, um eine Aufrechterhaltung des Flugplanes zu ermöglichen bzw. dessen Zusammenbrechen zu vermeiden. Für die erfolgte Annullierung seien außergewöhnliche Umstände im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorgelegen. Eine Beförderung mittels Bahn sei keine Beförderung unter vergleichbaren Bedingungen. Es wäre an der Klägerin gelegen, eine Beförderung mittels Busses oder Bahn zu verlangen. Sie habe vielmehr sofort die Reise mit dem Taxi angetreten. Da bereits eine erhebliche Verspätung des Vorfluges absehbar gewesen sei, sowie aufgrund des generellen Rückstaus, der sich durch die Reduktion der Ankunftsrate ergeben habe, die sich auch auf den Start der Flugzeuge auswirke, sei abzusehen gewesen, dass der gegenständliche Flug jedenfalls nicht mit einer Verspätung von weniger als drei Stunden hätte durchgeführt werden können. Ersatzflugzeuge seien keine zur Verfügung gestanden. Auch die Durchführung mit einem Ersatzflugzeug hätte nicht zu einer solchen Durchführung geführt, die zu einer geringeren als dreistündigen Verspätung geführt hätte.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, traf die auf Seiten 3 und 4 der Urteilsausfertigung ON 15 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, die Beklagte habe den Flug von Wien nach Graz am Tag des Abfluges annulliert, sodass der Klägerin grundsätzlich ein Ausgleichsanspruch im Sinne des Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO zustehe. Die Ausgleichsleistung sei nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO nicht zu leisten, wenn das ausführende Luftfahrtunternehmen nachweisen könne, dass die Annullierung oder Verspätung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Zwar könne die wetterbedingte schlechte Sicht im Zusammenschau mit damit einhergehenden Einschränkungen durch die Flugsicherung, die letztlich zu der Verspätung des Vorfluges geführt habe, grundsätzlich als außergewöhnlicher Umstand qualifiziert werden, jedoch habe die Beklagte nicht alle ihr zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mitteln ausgeschöpft, um die Annullierung des Fluges zu vermeiden. Flüge seien grundsätzlich auch mit Verspätung durchzuführen, wenn dadurch eine Annullierung vermieden werden könne; ob es bei der verspäteten Durchführung zu einer Verspätung von mehr als drei Stunden kommen würde, sei dabei irrelevant. Die Annullierung sei daher nicht erforderlich gewesen, zumal der Flug – wenn auch mit Verspätung – durchgeführt hätte werden können; vielmehr sei sie aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen erfolgt.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Klägerin beantragt, die Berufung der Beklagten zurückzuweisen, in eventu ihr nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin erörtert das Ergreifen zumutbarer Maßnahmen und führt aus, es müsse einem Luftfahrtunternehmen erlaubt sein, auf Basis von entsprechenden Prognosen und Erfahrungswerten eine Annullierungsentscheidung bei Vorliegen außergewöhnlicher Umstände zu treffen. Abgesehen von der Notwendigkeit einer entsprechenden vorausschauenden Annullierung, um ein Zusammenbrechen des Flugplanes zu verhindern, was natürlich auch im Sinne der Fluggäste von anderen Flügen der Beklagten am selben Tag sei. Die Umbuchung auf den Flug OS 975 am selben Tag sei sowohl ex ante als auch ex post betrachtet die schnellste Möglichkeit gewesen, um die Klägerin bestimmungsgemäß zu befördern. Würde die Beklagte stets zuwarten, bis beispielsweise eine dreistündige Verspätung vorliege, so würde dies eine Kettenreaktion auf den Flugplan in Hinblick auf Flugverspätungen und Annullierungen auslösen und damit wiederum Passagiere anderer Flüge mit dem Ärgernis einer Verspätung oder Annullierung konfrontieren bzw. würde dadurch die Möglichkeit, sich hinsichtlich einer Ausgleichsleistung durch außergewöhnliche Umstände bei Ergreifung aller zumutbaren Maßnahmen zu befreien, verunmöglicht werden. Annullierungen untertags würden sich leichter abfangen lassen, indem die Passagiere auf spätere Flüge am gleichen Tag umgebucht werden, während Annullierungen in den Abendstunden grundsätzlich dazu führten, dass die Passagiere zunächst in Hotels untergebracht werden müssten, und sich die Auswirkungen auf den Flugverkehr bis in den Folgetag erstrecken würden.
Dazu ist auszuführen:
Ein Luftfahrtunternehmen ist nur dann von der Zahlung der Ausgleichsleistung nach Art 7 EU-FluggastVO befreit, wenn es nachweist, dass
- ein außergewöhnlicher Umstand vorliegt;
- die Annullierung (oder große Verspätung) auf einen solchen zurückgeht und
- es alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Folgen der Annullierung (oder großen Verspätung) ergriffen hat. Die Frage, ob ein Luftfahrtunternehmen sich entlasten kann, ist daher dreistufig zu prüfen (LG Korneuburg 14.02.2019, 21 R 23/19h = BeckRS 2019, 5250; zuletzt 12.05.2020, 22 R 169/20p; Schmid in Schmid, FluggastrechteVO Beck OK [16. Edition, Stand 01.10.2020] Art 5 Rz 19, 20). Im Rahmen dieser dreistufigen Prüfung ist die Beklagte behauptungs- und beweispflichtig, dass das von ihr vorgetragene Vorkommnis, nämlich die massiven Wetterprobleme und die damit verbundenen Restriktionen, ursächlich für die Annullierung des Fluges OS 977 war.
Im vorliegenden Fall war der unmittelbare Vorflug von einer Verspätung betroffen. Nach dem Vorbringen der Beklagten im vorbereitenden Schriftsatz vom 19.05.2020 (ON 8) erhielt der Flug OS 646 um 12:32 Uhr UTC = 14:32 Uhr Lokalzeit (OEZ) einen Abflugslot für 14:21 Uhr UTC 16:21 Uhr Lokalzeit (OEZ). Die Beklagte annullierte den gegenständlichen Flug um 16:05 Uhr Lokalzeit (MEZ), das ist 15:05 Uhr UTC. Zum Zeitpunkt der Annullierungsentscheidung konnte die Beklagte somit von einer Verspätung des Vorfluges von bloß 26 Minuten rechnen. Zwar trug die Beklagte vor, der Slot habe sich zunehmend verschlechtert. Sie trug aber nicht vor, dass es vor dem Zeitpunkt der Annullierungsentscheidung um 15:05 Uhr UTC einen späteren als den Slot 14:21 Uhr UTC gegeben hätte. Welche konkreten Überlegungen die Beklagte dazu brachte, ungeachtet der zu diesem Zeitpunkt relativ geringen Verspätung des Vorfluges die Annullierung von OS 977 vorzunehmen, ist dem Vorbringen der Beklagten im erstinstanzlichen Verfahren nicht zu entnehmen. Die in der Berufung angeführten Prognosen und Erfahrungswerte wurden im erstinstanzlichen Verfahren nicht offengelegt, sie sind auch in der Berufung nicht näher erklärt. Ex ante war und ist die Annullierungsentscheidung daher nicht nachvollziehbar.
Auch in der ex-post-Betrachtung ist unter Zugrundelegung der Ankunftsverspätung des Vorfluges von einer Stunde und 57 Minuten nicht ersichtlich, warum das gegenständliche Fluggerät nicht zur Durchführung des Fluges OS 977 hätte eingesetzt werden können. Somit ist ein Kausalzusammenhang zwischen der Ankunftsverspätung des Vorfluges einerseits und der Annullierungsentscheidung andererseits nicht zu erkennen. Die Beklagte konnte nicht dartun, welcher ursächliche Zusammenhang zwischen den von ihr als Vorkommnis angenommenen Wettersituation samt Slotreduzierung einerseits und der Annullierungsentscheidung andererseits besteht, was einer Berufung auf außergewöhnlichen Umstände im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO entgegensteht (LG Korneuburg, 22 R 169/20p, 22 R 198/20b). Auch die Entscheidung über die weitere Vorgangsweise nach dem Aufbauen einer Rotationsverspätung aufgrund eines außergewöhnlichen Umstands hat sich daher stets am Kriterium der Zumutbarkeit, wie sie in der Entscheidung des EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels zum Ausdruck kommt, zu orientieren. Trifft das Luftfahrtunternehmen also wie im vorliegenden Fall die Entscheidung, einen Flug, für den es über einen – wenn auch verspäteten – Abflugslot verfügt, vorsorglich zu annullieren, hat es im Streitfall auch darzulegen, aus welchen konkreten Gründen eine andere Vorgangsweise als diese Annullierung ihr (noch) weniger zumutbar gewesen wäre.
Auf die Frage, ob es eine frühere Möglichkeit gegeben hätte, die Klägerin an ihr Endziel zu befördern, braucht daher nicht mehr eingegangen werden.
Der Klägerin steht daher die Ausgleichsleistung in der begehrten Höhe zu, ohne dass auf den Zubringerflug von den Malediven Bedacht zu nehmen wäre (§ 405 ZPO).
Der Berufung war daher der Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41, 50 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201203_LG00119_02200R00224_20A0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00224.20A.1203.000
|
22R224/20a
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201203_LG00119_02200R00224_20A0000_000/JJT_20201203_LG00119_02200R00224_20A0000_000.html
| 1,606,953,600,000
| 1,734
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in den verbundenen Rechtssachen der klagenden Parteien [1] mj L***** T*****, [2] mj V***** T*****, vertreten durch E***** T*****, ebendort, als gesetzlichen Vertreter (20 C 935/19d), [3] f***** GmbH (20 C 884/19d), alle vertreten durch Dr Friederike Wallentin-Hermann, Rechtsanwältin in Wien, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen [1] EUR 250,-- sA, [2] EUR 250,-- sA, [3] EUR 250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 29.05.2020, 20 C 935/19d-11, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien je ein Drittel der mit EURÂ 322,24 (darin EURÂ 53,71 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Erst- und die Zweitklägerin sowie der Fluggast A***** B***** (im Folgenden nur: „die Fluggäste“) verfügten über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OS 410 von Paris (CDG) nach Wien (VIE) am 07.07.2019, 17:55 Uhr bis 19:55 Uhr.
Die Beklagte erhielt für diesen Flug um 15:30 Uhr einen Abflugslot für 19:39 Uhr. Dennoch annullierte die Beklagte den Flug um 17:58 Uhr. Die Fluggäste wurden am Folgetag ersatzbefördert und erreichten ihr Endziel daher mit deutlich mehr als dreistündiger Verspätung.
A***** B***** trat ihren Ausgleichsanspruch aus der Annullierung des gegenständlichen Fluges an die Klägerin ab, und diese nahm die Abtretung an.
Die Kläger begehrten den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß [Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von jeweils EUR 250,-- samt Zinsen. Dazu brachten sie im Wesentlichen vor, dass keine außergewöhnlichen Umstände [iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO], insbesondere keine für die Annullierung ursächliche Wettersituation, vorgelegen seien. Die Beklagte habe auch nicht alle zumutbaren Maßnahmen getroffen; sie hätte den Flug – selbst wenn es zunächst wetterbedingt zu Verzögerungen gekommen wäre – verspätet durchführen können.
Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung der Wettersituation bzw den damit verbundenen Anordnungen der Flugsicherung in VIE geschuldet gewesen sei. Aufgrund starker Winde und Regen, insbesondere der damit verbundenen Notwendigkeit des Umfliegens von permanenten Gewitterwolken habe die Flugsicherung die Anflugrate von 14:00 Uhr bis 18:00 Uhr von 46-48/h auf 20/h reduziert, was zu [einer Verschiebung von] Ankunfts- und Abflugslots von zwei Stunden und mehr geführt habe. Die Wettersituation und die damit verbundenen Einschränkungen durch die Flugsicherung seien ungewöhnlich bzw in diesem Ausmaß weder plan- noch beeinflussbar gewesen. Trotz des für 19:39 Uhr erhaltenen Slots sei ihr keine andere Möglichkeit verblieben, als den Flug (wie auch den Flug OS 419 von VIE nach CDG) zu annullieren, um ein Zusammenbrechen des Flugplans zu verhindern. Der Einsatz eines Ersatzfluggeräts, das erst von VIE nach CDG verbracht werden hätte müssen, wäre ihr nicht zumutbar gewesen. Sie habe die Fluggäste auf den nächstmöglichen gleichwertigen Verbindungen umgebucht.
Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 750,-- samt Zinsen – undifferenziert – an „die Kläger“ sowie zum Ersatz der Prozesskosten. Es traf keine über den unstrittigen Sachverhalt hinausgehenden Feststellungen und führte in rechtlicher Hinsicht – zusammengefasst – aus: Gemäß Art 5 Abs 1 lit c iVm Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO gebühre bei Annullierung eines Fluges über eine Entfernung von weniger (richtig: nicht mehr) als 1.500 km eine Ausgleichszahlung in Höhe von EUR 250,--. Gemäß Art 5 Abs 3 der VO könne sich das ausführende Luftfahrtunternehmen vom Ausgleichsanspruch befreien, wenn es nachweise, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Ungünstige Wetterbedingungen könnten zwar prinzipiell außergewöhnliche Umstände begründen; die Beklagte habe aber nicht dargetan, inwieweit die wetterbedingte Reduzierung der Anflugrate für die Annullierung des gegenständlichen Fluges überhaupt relevant gewesen sei. Hätte die Beklagte den Flug mit dem vergebenen Slot durchgeführt, hätte jener um 21:39 Uhr in VIE ankommen können. Die Beklagte habe auch kein ausreichendes Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen erstattet, indem sie nicht dargetan habe, welche Maßnahmen sie gesetzt habe bzw nicht setzen habe können, um die Annullierung zu vermeiden; letztlich wäre es das Naheliegendste gewesen, den Flug einfach verspätet duchzuführen. Die Beklagte habe den Flug offenbar aus betriebswirtschaftlichen Gründen annulliert. Auch zum möglichen Einsatz eines Ersatzflugzeugs habe die Beklagte nur widersprüchliches oder nicht ausreichendes Vorbringen erstattet.
(Sofern das Erstgericht zwar keine Feststellungen trifft, in der rechtlichen Beurteilung aber beweiswürdigende Ausführungen zu den von der Beklagten vorgelegten Urkunden macht, ist darauf nicht einzugehen.)
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass die Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Kläger beantragen der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Die Berufungswerberin moniert in Bezug auf das Vorliegen allfälliger außergewöhnlicher Umstände zunächst zusammengefasst, dass das Erstgericht ihr Vorbringen zu den Wetterverhältnissen unrichtig interpretiert und zu Unrecht als nicht ausreichend bzw widersprüchlich qualifiziert habe. In diesem Zusammenhang verweist sie zwar zutreffend darauf, dass sie sich im erstinstanzlichen Verfahren gar nicht darauf berufen habe, dass das eingesetzte Fluggerät wegen der operationalen Limits den Flug aufgrund der Wetterphänomene nicht durchführen hätte können, legt aber nicht dar, welche weiteren Schlussfolgerungen daraus zu ziehen wären.
Es ist daher an die ständige Rechtsprechung des Berufungsgerichts zu erinnern, dass als außergewöhnliche Umstände Vorkommnisse angesehen werden können, die [a] ihrer Natur und Ursache nach nicht Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des betreffenden Luftfahrtunternehmens und [b] von ihm nicht tatsächlich beherrschbar sind, wobei diese beiden Bedingungen kumulativ vorliegen müssen (EuGH C-159/18 Moens; C-74/19 Transportes Aéros Portugueses SA; Schmid in BeckOK FluggastrechteVO15 Art 5 Rz 24; LG Korneuburg 22 R 149/20x uvm). Es mag zutreffen, dass das Luftfahrtunternehmen die behördliche Anordnung einer Slot-Reduktion hinzunehmen hat; insoweit ist das Vorkommnis nicht beherrschbar. Dies lässt aber die Frage unberührt, ob das Vorkommnis seiner Natur und Ursache nach Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des Luftfahrtunternehmens ist (LG Korneuburg 22 R 114/20z uvm). Sind die Anordnungen der Flugsicherung auf widrige Wetterbedingungen zurückzuführen, kommt es darauf an, ob diese selbst unter Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zu subsumieren sind. Sie stellen vor allem dann einen außergewöhnlichen Umstand dar, wenn sie aus den üblichen zu erwartenden Abläufen des Luftverkehrs herausragen, wobei von außergewöhnlich widrigen Wetterbedingungen idR erst dann auszugehen ist, wenn diese geeignet waren, den Luftverkehr oder die Betriebstätigkeit eines oder mehrerer Luftverkehrsunternehmen ganz oder teilweise zum Erliegen zu bringen (vgl LG Korneuburg 21 R 343/19t).
[b] Darauf, ob dies hier der Fall war, kommt es aber schon deshalb nicht an, weil die Beklagte nicht nachvollziehbar dargelegt hat, aus welchem Grund die Annullierung des gegenständlichen Fluges überhaupt erforderlich geworden sei; oder anders formuliert: falls die wetter- bedingten Anordnungen der Flugsicherung tatsächlich einen außergewöhnlichen Umstand darstellten, lägen keine ausreichenden Behauptungen zu einem allfälligen Kausal- zusammenhang zwischen außergewöhnlichem Umstand und Annullierung vor.
Aus der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs lässt sich nunmehr hinreichend deutlich ableiten, dass die zumutbaren Maßnahmen iSd Art 5 Abs 3 der VO in drei Kategorien einzuteilen sind, von denen eine die Maßnahmen zur Vermeidung einer aus einem außergewöhnlichen Umstand resultierenden Annullierung (bzw einer großen Verspätung) umfasst (EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels Rn 31; C-74/19 Transportes Aéreos Portugueses Rn 57; LG Korneuburg 21 R 375/19y, 22 R 69/19f). Diese Kategorie der zumutbaren Maßnahmen stellt also auf die Durchbrechung bzw Vermeidung eines Kausalzusammenhangs zwischen einem eingetretenen außergewöhnlichen Umstand und der Annullierung (bzw einer großen Verspätung) ab (RKO0000014).
In diesem Punkt hat sich die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren allein auf die erforderliche Verhinderung des „Zusammenbrechens des Flugplans“ gestützt, ohne dieses Vorbringen weiter zu konkretisieren. Die vertiefenden Ausführungen dazu in der Berufung verstoßen daher gegen das Neuerungsverbot (§ 482 Abs 1 ZPO); so hat die Beklagte weder vorgebracht, dass absehbar gewesen sei, dass der Flug an diesem Tag überhaupt nicht mehr durchgeführt werden könne, noch, dass die Unterlassung der Annullierung zu einer „Kettenreaktion“ geführt hätte.
In diesem Sinne verkennt das Berufungsgericht keineswegs, dass ein Luftfahrtfahrtunternehmen vor der Situation stehen kann, in der absehbar ist, dass aufgrund des Vorliegens außergewöhnlicher Umstände die Durchführung aller mit demselben Fluggerät vorgesehenen Flüge an diesem Tag zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr möglich sein wird, und es dadurch mit der Entscheidung konfrontiert wird, entweder Änderungen in seinem Flugplan vorzunehmen oder nicht einzugreifen und den Lauf der Dinge abzuwarten. Auch die Entscheidung über die weitere Vorgangsweise nach dem Aufbauen einer Rotationsverspätung aufgrund eines außergewöhnlichen Umstands hat sich daher stets am Kriterium der Zumutbarkeit, wie sie in der Entscheidung des EuGH C-501/17 Germanwings/Pauels zum Ausdruck kommt, zu orientieren. Trifft das Luftfahrtfahrtunternehmen also wie im vorliegenden Fall die Entscheidung, einen Flug, für den es über einen – wenn auch verspäteten – Abflugslot verfügt, vorsorglich zu annullieren, hat es im Streitfall auch darzulegen, aus welchen konkreten Gründen eine andere Vorgangsweise als diese Annullierung ihr (noch) weniger zumutbar gewesen wäre (RKO0000017). Die Beklagte hat es aber im erst- instanzlichen Verfahren verabsäumt, den weiteren Flugplan dem Gericht auch nur ansatzweise darzulegen. Insbesondere fehlt Vorbringen dazu, dass und auf welcher Strecke und zu welchen Zeiten das Fluggerät, das für den Flug OS 410 vorgesehen war, in weiterer Folge noch hätte eingesetzt werden sollen. Der Sachverhaltsvortrag der Beklagten lässt somit auch nicht erkennen, welche konkreten nachteiligen Folgen eine verspätete Durchführung des gegenständlichen Fluges (bzw der Rotation OS 410 / OS 419) voraussichtlich gehabt hätte, sodass nicht beurteilt werden kann, ob die verspätete Durchführung der Beklagten weniger zumutbar gewesen wäre als die Annullierung unter voraussichtlich pünktlicher Abwicklung der Folgerota-tion(en).
Letztlich hat also die Beklagte den Kausalzusammenhang zwischen den allenfalls einen außergewöhnlichen Umstand darstellenden Wetterbedingungen und der Restriktionen der Flugsicherung als deren unmittelbare Folge nicht nachweisen können bzw blieb das Vorbringen zu den zumutbaren Maßnahmen zur Durchbrechung des Kausalzusammenhangs zwischen außergewöhnlichem Umstand und Annullierung unzureichend rudimentär.
Abschließend ist auf den vom Erstgericht vermissten Sachverhaltsvortrag zum Einsatz einer Ersatzmaschine (ev durch Subcharter) einzugehen. Die Überstellung oder Anmietung einer Ersatzmaschine kann nur in jenen Situationen eine – sinnvolle – zumutbare Maßnahme darstellen, in denen die Durchführung des Fluges daran scheitert, dass dem Luftfahrtfahrtunternehmen ein Fluggerät am Abflugort nicht zur Verfügung steht (vgl die vom Erstgericht zitierte Entscheidung des Berufungsgerichts zu 21 R 145/19z). Dies war hier aber offenbar nicht der Fall.
Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201103_LG00119_02200R00225_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00225.20Y.1103.000
|
22R225/20y
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201103_LG00119_02200R00225_20Y0000_000/JJT_20201103_LG00119_02200R00225_20Y0000_000.html
| 1,604,361,600,000
| 1,561
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. P***** T*****, vertreten durch JBB Rechtsanwälte Jaschinski Biere Brexl Partnerschaft mbH in Berlin, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 03.08.2020, 26 C 11/20t-13, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird Folge gegeben und das angefochtene Urteil dahingehend abgeändert, das es zu lauten hat:
„Das Klagebegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der klagenden Partei EUR 250,-- zu zahlen, wird abgewiesen.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 831,38 (darin EUR 138,56 USt.) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu Handen der Beklagtenvertreter zu ersetzen.“
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 214,28 (darin EUR 29,38 USt. und EURÂ 41,-- Barauslagen) bestimmten Kosten der Berufung binnen 14 Tagen zu Handen der Beklagtenvertreter zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger verfügte über eine bestätigte Buchung für den von der Beklagten durchgeführten Flug:
- OS 527 ab Wien 28.05.2019, 20:20 Uhr, an Venedig 28.05.2019, 21:25 Uhr.
Die Piloten hatten im Landeanflug auf dem Flughafen Venedig keine ausreichende Sicht auf die Landebahn und entschieden sich, zurück zum Flughafen Wien zu fliegen. Die Beklagte buchte den Kläger auf die Flüge LH 1247 und LH 0324 von Wien über Frankfurt nach Venedig um. Der Kläger erreichte Venedig mit einer Verspätung von 12 Stunden und 46 Minuten. Die Flugstrecke von Wien nach Venedig beträgt aufgrund der Großkreisberechnung weniger als 1.500 km.
Mit der beim Erstgericht am 22.01.2020 eingebrachten und zunächst zu 24 C 75/20 registrierten Klage begehrte der Kläger von der Beklagten die Zahlung von EUR 250,-- (ohne Zinsen) und brachte vor, die Klägerin habe Anspruch auf Zahlung der Ausgleichsleistung wegen der Annullierung des Fluges gemäß Art 5 und 7 Abs 1 EU-FluggastVO. In dem zu 26 C 11/20t fortgesetzten Verfahren brachte der Kläger vor, dass es keine Anhaltspunkte gäbe, dass der Flug zwar mit Verspätung, aber wie ursprünglich geplant nach Venedig durchgeführt worden wäre. Nach dem Vortrag der Beklagten sei nicht nachvollziehbar, ob die konkret herrschenden Witterungsbedingungen der Durchführung des Fluges entgegengestanden wären. Den vorgelegten Daten der Beklagten lasse sich nicht entnehmen, dass zum Zeitpunkt der planmäßigen Landung in Venedig starke Gewitter oder Stürme geherrscht hätten. Es werde bestritten, dass die Witterungsbedingungen am Flughafen Venedig sowohl subjektiv als auch objektiv eine Landung des Fluges nicht zugelassen hätten und dieser daher wieder nach Wien habe zurückkehren müssen.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, der Flug OS 527 habe aufgrund von massivem Schlechtwetter, insbesondere wegen schlechter Sicht und starkem Regen nach Wien zurückkehren müssen. Die Piloten hätten 40 Minuten in der Warteschleife verbracht, bis sie sich für die Diversion zurück nach Wien entschieden hätten. Es entscheide der Kapitän, ob eine sichere Landung möglich sei, weil er für die Sicherheit der Passagiere verantwortlich sei, und die Wetterlage bzw. die Sichtweiten und sohin die Gesamtsituation, die in diesem Moment vorliege, am besten beurteilen könne. Der Flug habe eine Ausweichlandung vornehmen müssen und sei zum Ausweichflughafen Wien zurückgekehrt. Die Umleitung nach Wien sei auf außergewöhnliche Umstände im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO zurückzuführen. Sie habe den Kläger in der Folge auf die nächstmögliche gleichwertige Verbindung umgebucht, eine frühere Alternativbeförderung sei nicht zur Verfügung gestanden.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, traf die auf Seite 3 der Urteilsausfertigung ON 13 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass Art 5 EU-FluggastVO bei Annullierungen eines Fluges den betroffenen Fluggästen gegen das ausführende Luftfahrtunternehmen einen Anspruch auf Ausgleichsleistungen gemäß Art 7 EU-FluggastVO einräume. Die Ausgleichsleistung sei nicht zu leisten, wenn das ausführende Luftfahrtunternehmen nachweisen könne, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Die Umstände, die letztlich dazu geführt hätten, dass der Flug OS 527 nicht in Venedig habe landen können, seien als außergewöhnlich zu qualifizieren. Die Benutzung eines nahegelegenen Ersatzflughafens sei eine zumutbare Maßnahme. Es habe nicht festgestellt werden können, dass eine Landung auf einem Ersatzflughafen im Umfeld Venedigs mit einer darauffolgenden Bodenbeförderung nicht möglich gewesen wäre und dass dies nicht zu einer früheren Ankunft des Klägers geführt hätte. Es habe nicht festgestellt werden können, dass die Flüge von Wien über Frankfurt nach Venedig die für den Kläger nächstmögliche Verbindung nach Venedig dargestellt hätte. Die Beklagte habe somit nicht alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen, sodass sie sich nicht gemäß Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO von ihrer Verpflichtung zur Leistung einer Ausgleichsleistung befreien könne.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Der Kläger beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist berechtigt.
Gegen die Qualifikation des Vorkommnisses, dass dazu führte, dass der gegenständliche Flug nicht in Venedig landete, als außergewöhnlichen Umstand nach Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO wird im Berufungsverfahren ebenso wenig argumentiert wie gegen die Rechtsauffassung des Erstgerichtes, dass die Rückkehr des Flugzeuges zum Ausgangsflughafen als Annullierung des Fluges zu werten ist (vgl. Urteil des EuGH vom 13.10.2011 in der Rechtssache C-83/10 Sousa RodrÃguez u.a. Rn 35).
Zurecht verweist die Berufungswerberin auf die Rechtsprechung des Berufungsgerichtes zur nautischen Entscheidungsgewalt des Piloten. Die Einschätzung des Piloten, dass eine Landung des Flugzeuges wegen schlechter Wetterbedingungen zu gefährlich sei, kann wegen der nautischen Entscheidungsgewalt des Piloten von einem Gericht nur eingeschränkt auf grobe Fehler überprüft werden (LG Korneuburg 02.06.2020, 22 R 46/20z; 21.07.2020, 22 R 110/20m). Grundsätzlich ist dem Erstgericht und dem Berufungsgegner beizupflichten, dass die Benutzung eines nahegelegenen Ersatzflughafens eine zumutbare Maßnahme darstellt (7 Ob 65/13d), wobei auch die Landung anstelle von Venedig in Bologna oder Triest in Betracht kommt (vgl. LG Korneuburg 10.09.2020, 22 R 153/20k zum Ersatzflughafen Triest). Im konkreten Fall steht fest, dass die Auswahl des Ersatzflughafens Teil der Entscheidung der Piloten war (Seite 3 in ON 13). Die nautische Entscheidungsgewalt der Piloten umfasst somit einerseits nicht nur die Entscheidung, nicht in Venedig zu landen, sondern andererseits auch, als Ersatzflughafen Wien anzufliegen. Zwar muss das Luftfahrtunternehmen hinreichende Anknüpfungstatsachen vortragen, damit das Gericht die Entscheidung des Piloten gegebenenfalls auf grobe Fehler durch ein Sachverständigengutachten überprüfen lassen kann (Schmid in Schmid, Fluggastrechte-VO [16. Edition 01.10.2020] Rn 66a). Diesen Aufforderungen ist die Beklagte im erstinstanzlichen Verfahren nachgekommen; ein grober Ermessensfehler wurde vom Kläger wiederum im erstinstanzlichen Verfahren nicht geltend gemacht. Dem beklagten Luftfahrunternehmen kann nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten; es sind aber Prozessbehauptungen zu Maßnahmen zu erstatten, die sich geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen oder zu denen die Klagsseite substantiiertes (!) Vorbringen erstattet hat (ständige Rsp des Berufungsgerichtes, zuletzt LG Korneuburg 08.10.2020, 22 R 186/20p). Es wäre daher auch Sache des Klägers gewesen, allfällige grobe Ermessensfehler des Piloten zu behaupten und unter Beweis zu stellen. In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass vorgetragen wurde, dass es sich beim Klagevertreter um einen Spezialisten in Sachen der Fluggastrechte handle, und es einen vergleichbaren Vertreter im Sprengel des Bezirksgerichtes Schwechat nicht gebe (Seite 2 in ON 8). Aus der Entscheidung des BGH vom 15.01.2019, X ZR 15/18, ist abzuleiten, dass nicht nur das beklagte Luftfahrtunternehmen, sondern auch der klagende Passagier verpflichtet ist, Prozessbehauptungen aufzustellen und Beweise anzubieten (Jarec, Kein Strom in Atlanta, RRa 2019, 153 [124]).
Die witterungsbedingte Umkehr zum Abflughafen Wien und (in rechtlicher Würdigung) die Annullierung des Fluges beruhen somit auf einem außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO.
Weiters weist die Berufungswerberin zurecht darauf hin, dass sie im erstinstanzlichen Verfahren zur Ersatzbeförderung vorgebracht habe, dass eine andere Möglichkeit einer direkten oder indirekten Beförderung nicht zur Verfügung gestanden sei und dass der Kläger Gegenteiliges nicht behauptet habe. Insoweit liegt ein bloßes unsubstantiiertes Bestreiten vor, das im konkreten Fall als Geständnis anzusehen ist (vgl. RS0039927). Es bedeutet keine unzumutbare Ausdehnung der Darlegungslast, vom Kläger im erstinstanzlichen Verfahren zu verlangen, eine Ersatzbeförderung zu nennen, die ihn früher an sein Ziel Venedig gebracht hätte als die von der Beklagten behauptete. Da dies nicht geschehen ist, liegen gewichtige Indizien vor, die für ein schlüssiges Geständnis sprechen, sodass die unterbliebene Bestreitung als ein solches gewertet werden kann (8 Ob 100/03v). Somit ist das Vorbringen der Beklagten, die schnellstmögliche Ersatzbeförderung angeboten und durchgeführt zu haben, unbestritten geblieben und der Entscheidung zugrunde zu legen. Die dem unstrittigen Sachverhalt entgegenstehende (Negativ-) Feststellung des Erstgerichtes (S 3 in ON 13) hat demnach unbeachtet zu bleiben.
Insgesamt ist somit der Beklagten im erstinstanzlichen Verfahren der Nachweis gelungen, sämtliche ihr zumutbaren Maßnahmen getroffen zu haben. Der Berufungswerberin ist somit die Berufung auf Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO geglückt.
Der Berufung war daher Folge zu geben und das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen wird.
Die Kostenentscheidung beruht im erstinstanzlichen Verfahren auf § 41 ZPO. Das Kostenverzeichnis der Beklagten blieb im erstinstanzlichen Verfahren ungerügt, dazu war noch die aufgetragene Urkundenvorlage vom 29.06.2020 zu honorieren.
Die Kostenentscheidung für das Berufungsverfahren beruht auf §§ 41, 50 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201105_LG00119_02200R00237_20P0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00237.20P.1105.000
|
22R237/20p
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201105_LG00119_02200R00237_20P0000_000/JJT_20201105_LG00119_02200R00237_20P0000_000.html
| 1,604,534,400,000
| 1,165
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Partei A***** Ltd, vertreten durch Stanonik Rechtsanwälte in Wien, wider die beklagte Partei A***** A*****, vertreten durch Brenner & Klemm Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 250,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 31.07.2020, 23 C 1549/19w-10, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird nicht Folge gegeben.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit EUR 146,90 bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu Handen der Klagevertreter zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Passagierin B***** D***** verfügte über eine bestätigte Buchung für nachfolgende Flüge, die Gegenstand einer einheitlichen Buchung bei der Beklagten waren:
- OS 420 ab Paris 20.05.2019, 07:20 Uhr, an Wien 20.05.2019, 09:20 Uhr, und
- OS 713 ab Wien 20.05.2019, 10:00 Uhr, an Budapest 20.05.2019, 10:50 Uhr.
Die tatsächlichen Flugzeiten des Fluges OS 420 waren: ab Paris 20.05.2019, 07:25 Uhr, an Wien 20.05.2019, 09:39 Uhr. Die Beklagte annullierte den Flug OS 713 und beförderte die Passagierin mit dem Bus von Wien nach Budapest. Die Passagierin erreichte ihr Endziel mit einer mehr als dreistündigen Verspätung. Die Flugstrecke von Wien nach Budapest beträgt nach der Großkreisberechnung weniger als 1.500 km. Die Passagierin trat ihre Ansprüche wider die Beklagte an die Klägerin ab, die Klägerin nahm diese Abtretung an.
Mit der beim Erstgericht am 30.08.2019 eingebrachten Klage begehrte die Klägerin von der Beklagten die Zahlung von EUR 250,-- (ohne Zinsen) und brachte vor, der Flug sei annulliert worden, der Passagierin stehe gemäß Art 7 EU-FluggastVO eine Entschädigung von EUR 250,-- zu. Außergewöhnliche Umstände würden nicht vorliegen. Die Beklagte habe es überdies unterlassen, alle zumutbaren Maßnahmen zu ergreifen, um den Fluggast an sein Endziel zu befördern. Die Beklagte habe keinen Ersatzflug oder eine gleichwertige Beförderung angeboten und stattdessen den Fluggast zwei Stunden später mit einem Bus befördert, der über drei Stunden und dreißig Minuten gebraucht habe.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, der Zubringerflug sei verspätet gewesen. Aufgrund von Restriktionen der Flugsicherung sei er um fünf Minuten verspätet in Paris gestartet und sei während des Fluges weitere 14 Minuten verspätet gewesen. Die eingetretene Verspätung von 19 Minuten sei ausschließlich der Slotreduktion durch die Flugsicherung gemäß IATA-Delay-Code 81 geschuldet. Die vorliegenden wetterbedingten Slotreduktionen seien weder ungewöhnlich bzw. in diesem Ausmaß weder plan-, noch beeinflussbar. Kapazitätsbedingte Einschränkungen durch die Flugsicherungen seien außergewöhnliche Umstände im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO. Die Minimum-Connecting-Time am Flughafen Wien-Schwechat betrage bei Verbindungen von OS auf OS 25 Minuten. Die Beklagte habe im konkreten Fall 40 Minuten Umsteigezeit vorgesehen. Aufgrund der slotbedingten verspäteten Ankunft des Zubringerfluges sei die MCT aufgrund des planmäßigen Abfluges des Anschlussfluges unterschritten worden. Das Fluggerät, mit dem der Anschlussflug hätte durchgeführt werden sollen, habe technische Probleme gehabt, der Flug habe annulliert werden müssen. Die Passagierin hätte den Anschlussflug auch nicht erreicht, wenn dieser nicht annulliert worden wäre. Eine frühere Verbindung als der Bodentransfer noch am selben Tag sei nicht zur Verfügung gestanden.
Die Klägerin replizierte, dass geringfügige Einschränkungen in den Morgenstunden von gerade einmal 19 Minuten keinesfalls außergewöhnlich seien. Dass der Fluggast den Flug ohnehin nicht erreicht hätte, beruhe auf einem Planungsfehler der Beklagten.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem Klagebegehren statt, traf die auf Seite 3 der Urteilsausfertigung ON 10 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass gemäß Art 5 Abs 1 lit c EU-FluggastVO bei Annullierungen eines Fluges den betroffenen Fluggästen vom ausführenden Luftfahrtunternehmen ein Anspruch auf Ausgleichsleistungen gemäß Art 7 eingeräumt werde. Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO bestimme die Höhe der Ausgleichsleistung bei allen innergemeinschaftlichen Flügen über eine Entfernung von 1.500 km oder weniger mit EUR 250,--. Nach der Rechtsprechung des EuGH seien die Art 5 bis 7 EU-FluggastVO dahingehend auszulegen, dass die Fluggäste verspäteter Flüge im Hinblick auf die Anwendung des Ausgleichsanspruchs den Fluggästen annullierter Flüge gleichgestellt würden und somit den in Art 7 vorgesehenen Ausgleichsanspruch ebenfalls geltend machen könnten, wenn sie wegen eines verspäteten Fluges einen Zeitverlust von drei Stunden oder mehr erleiden würden. Im konkreten Fall seien die Restriktionen der Flugsicherung auf Kapazitätsengpässe zurückzuführen, was regelmäßig vorkomme. Es handle sich daher um ein typisches und dem üblichen Flugbetrieb zuordenbares sowie vorhersehbares Risiko. Der Argumentation der Beklagten, dass die Passagierin den aufgrund eines technischen Gebrechens annullierten Flug ohnehin nicht hätte erreichen können, sei nicht zu folgen, zumal nach Durchführung des Beweisverfahrens offen bleiben habe müssen, inwiefern es dem Fluggast nicht noch möglich gewesen wäre – zumindest mit einer allfälligen Unterstützung seitens der Beklagten – ihren Anschlussflug doch noch zu erreichen. Ein Bustransfer könne nur in begrenzten Ausnahmefällen und nur hinsichtlich ganz kurzer Strecken als gleichwertig angesehen werden.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren abgewiesen werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist nicht berechtigt.
Zunächst zeigt die Berufungswerberin die jüngste Rechtsprechung des erkennenden Senates zum Thema Kapazitätsprobleme auf und stellt sie unter anderem der Entscheidung des Berufungsgerichtes vom 24.10.2019, 21 R 273/19y gegenüber.
Abgesehen davon dass der erkennende Senat mittlerweile den Rechtssatz gebildet hat, dass Kapazitätsengpässe aufgrund von Überlastungen des Luftraums in der Regel Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des ausführenden Luftfahrtunternehmens sind und somit ein luftfahrttypisches Risiko bilden, sie daher - mögen die damit einhergehenden Regulierungen des Luftraums als hoheitliche Maßnahmen auch nicht für das Luftfahrtunternehmen beherrschbar sein - keinen außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO darstellen (RKO0000010), liegen sämtlichen in diesem Zusammenhang abgehandelten Sachverhalten (große) Ankunftsverspätungen am Endziel zu Grunde. Ein solcher Fall liegt hier jedoch nicht vor. Vielmehr annullierte die Beklagte den Anschlussflug der Passagierin. Der EuGH macht in seinem Urteil vom 13.10.2011, C-83/10 Sousa RodrÃguez u.a. deutlich, dass allein die individuelle Situation jedes auf diese Weise beförderten Fluggastes maßgeblich ist; das heißt der Umstand, dass in Bezug auf den betreffenden Fluggast die ursprüngliche Planung des Fluges aufgegeben wurde (Rn 31). Das Berufungsgericht hat bereits in seinem Urteil vom 23.08.2018, 21 R 222/18x bejaht, dass im Fall einer Annullierung einer Teilstrecke eines aus mehreren Segmenten zusammengesetzten Fluges insgesamt der Flug als annulliert zu werten ist.
Da sohin die Flugverbindung des Fluggastes jedenfalls annulliert wurde, ohne dass die Beklagte behauptet hätte, dass der Entfall des Anschlussfluges auf außergewöhnlichen Umständen iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO beruht habe, ist es gänzlich irrelevant, ob sich die Beklagte hinsichtlich der Verspätung des Zubringerfluges auf solche Umstände berufen könnte.
Im Ergebnis hat sich die Klägerin im erstinstanzlichen Verfahren zurecht auf die Leistungsstörung der Annullierung berufen, sodass der Berufung nicht Folge zu geben war.
Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41, 50 ZPO.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201124_LG00119_02200R00246_20M0000_000
|
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00246.20M.1124.000
|
22R246/20m
|
Justiz
|
LG Korneuburg
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201124_LG00119_02200R00246_20M0000_000/JJT_20201124_LG00119_02200R00246_20M0000_000.html
| 1,606,176,000,000
| 6,254
|
Kopf
Im Namen der Republik
Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Parteien 1.) DI S***** R*****, 2.) M***** R*****, beide vertreten durch Goldsteiner Rechtsanwalt GmbH in Wiener Neustadt, wider die beklagte Partei A***** A***** AG, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 2.260,52 s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 28.08.2020, 25 C 365/19t-13 (Berufungsinteresse: EUR 1.982,64) in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird teilweise Folge gegeben und das angefochtene Urteil hinsichtlich des Zuspruches an die erstklagende Partei sowie im Kostenpunkt dahingehend abgeändert, dass es insgesamt zu lauten hat:
„1. Die beklagte Partei ist schuldig, der erstklagenden Partei EUR 1.162,-- samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 binnen 14 Tagen zu zahlen.
Das Mehrbegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der erstklagenden Partei weitere EUR 459,58 samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 zu zahlen, wird abgewiesen.
2. Die beklagte Partei ist schuldig, der zweitklagenden Partei EUR 500,-- samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 binnen 14 Tagen zu zahlen.
Das Mehrbegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der zweitklagenden Partei weitere EUR 138,94 samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 zu zahlen, wird abgewiesen.
3. Die beklagte Partei ist schuldig, der erstklagenden Partei 70% und der zweitklagenden Partei 30% der mit EUR 1.085,91 (darin EUR 166,27 USt. und EUR 88,28 Barauslagen) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen. “
Die beklagte Partei ist schuldig, der erstklagenden Partei die mit EUR 148,06 (darin EUR 24,68 USt.) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die beklagte Partei ist schuldig, der zweitklagenden Partei die mit EUR 88,84 (darin EUR 14,73 USt.) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu Handen der Klagevertreterin zu ersetzen.
Die erstklagenden Partei ist schuldig, der beklagte Partei die mit EUR 32,-- (Barauslagen) bestimmten Kosten der Berufung binnen 14 Tagen zu Handen der Beklagtenvertreter zu ersetzen.
Die Revision ist jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger verfügten jeweils über bestätigte Buchung für nachstehende von der Beklagten durchzuführenden Flüge:
- OS 353 ab Wien 19.07.2018, 15:20 Uhr, an Brüssel 19.07.2018, 16:55 Uhr, und
- OS 354 ab Brüssel 23.07.2018, 17:50 Uhr, an Wien 23.07.2018, 19:35 Uhr. Die Beklagte annullierte beide Flüge und buchte die Kläger am 20.07.2018 auf den Flug SN 2902 von Wien nach Brüssel sowie am 24.07.2018 auf die Flüge LH 1025 von Brüssel nach Frankfurt und LH 1234 von Frankfurt nach Wien um. Die Entfernung zwischen Wien und Brüssel beträgt aufgrund der Großkreisberechnungsmethode weniger als 1.500 km.
Mit der beim Erstgericht am 22.01.2019 eingebrachten und zunächst zu 23 C 310/19i registrierten Klage begehrten die Kläger von der Beklagten zunächst die Zahlung von EUR 1.835,86 samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 und brachten vor, der Hinflug habe mehrere Stunden Verspätung gehabt und sei letztlich storniert worden. Dadurch hätten die Kläger den ersten Tag des bereits gebuchten „Tomorrowland-Festivals“ nicht mehr besuchen können, wodurch bei den Klägern eine Reihe von frustrierten Aufwendungen entstanden seien, weil die bereits gebuchten Tickets für das Festival nicht mehr umbuchbar gewesen seien. Die frustrierten Aufwendungen seien der Airport-Shuttle von jeweils EUR 18,--, der frustrierte erste Tag des viertägigen Festivals von jeweils EUR 81,32, der frustrierte anteilige Zeltpreis von jeweils EUR 18,62 und der Transfer Flughafen-Festivalgelände von jeweils EUR 39,--. Die Ankunft in Wien hätte um 19:34 Uhr stattfinden sollen, tatsächlich habe der Rückflug erst am 24.07.2018 um 07:00 Uhr stattgefunden. Für Montag 24.07.2018 hätte der Erstkläger mit der Group DF International GmbH einen Termin bezüglich EDV-Leistungen zu einem Preis von acht Stunden á EUR 95,--, insgesamt EUR 760,-- zuzüglich 20% USt., insgesamt EUR 912,-- vereinbart. Aufgrund der Flugverspätung habe der Erstkläger diesen Termin nicht wahrnehmen können, die EDV-Dienstleistung sei von einem anderen Unternehmen erbracht worden. Weiters habe der Erstkläger für die Zweitklägerin, die beim Erstkläger angestellt sei, die Gesamtkosten von EUR 109,98 aufwenden müssen, ohne dass die Zweitklägerin eine Dienstleistung habe erbringen können. Gemäß Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO stehe den Klägern für die erlittenen Unannehmlichkeiten ein Ausgleichsanspruch von jeweils EUR 250,-- zu.
Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, der Beklagten komme an den Annullierungen kein Verschulden zu bzw. seien diese nicht von ihr zu vertreten. Diese seien einerseits einem Versagens der Technik des Flughafens in Brüssel (OS 353) sowie kapazitätsbedingten Slotbeschränkungen am Flughafen Wien (OS 354) geschuldet gewesen, die den Flugverkehr in Wien teilweise fast völlig zum Erliegen gebracht hätten. Die Beklagte sei sämtlichen sie aufgrund des Beförderungsvertrages treffenden Pflichten nachgekommen; eine Vertragsverletzung, die einen Schadenersatzanspruch rechtfertigen würde, liege mangels Verschuldens nicht vor. Die Kosten für den Transfer zum Flughafen und zum Festgelände wären auch im Falle der Nichtannullierung angefallen und seien somit nicht durch die Stornierung bzw. die daraufhin erfolgte Umbuchung und Ersatzbeförderung verursacht worden. Das Tomorrowland-Festival habe vom 20.07.2018 bis 22.07.2018 stattgefunden. Die Ersatzbeförderung sei am 20.07.2018 erfolgt, die Kläger hätten Brüssel um 11:05 Uhr erreicht. Der erste Tag des dreitägigen Festivals sei sohin keinesfalls frustriert, weil die Aufführungen erst ab 12:00 Uhr begonnen hätten. Der erste Festivaltag habe sohin zur Gänze konsumiert werden können, weshalb ein Ersatzanspruch mangels frustrierter Aufwendungen nicht zustehe. Die Kläger hätten Wien am 20.07.2018 um 10:10 Uhr erreicht. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der an diesem Tag stattfindende Termin in der Dauer von acht Stunden nicht hätte wahrgenommen werden können. Die Dienstleistung hätte an diesem Tag erbracht werden können, es stehe kein Ersatzanspruch zu. Gleiches gelte für die frustrierte Entgeltzahlung. Den Klägern stehe weder ein Schadenersatz- noch ein Ausgleichsanspruch zu. Selbst wenn ein Ausgleichsanspruch zustehen würde, sei dieser gemäß Art 12 Abs 1 EU-FluggastVO auf einen weitergehenden Schadenersatz anzurechnen.
Im zu 25 C 365/19 fortgesetzten Verfahren dehnten die Kläger ihr Klagebegehren aus und schränkten es ein. Sie begehrten die Zahlung von EUR 2.260,52 samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 und brachten vor, sowohl dem Erst- als auch der Zweitklägerin stehe für die Flüge OS 353 und OS 354 ein Ausgleichsanspruch von [ausgedehnt] jeweils EUR 250,-- zu. Sie hätten vorab EUR 18,-- pro Person für den Transport vom Flughafen zum Festivalgelände für den Busshuttle bezahlt, das Ticket sei für den 19.07.2018, 18:00 Uhr gültig gewesen. Aufgrund der Flugannullierung hätten die Kläger die Transfergelegenheit nicht wahrnehmen können und hätten ein Taxi nehmen müssen, wofür sie EUR 78,-- gezahlt hätten. Die Kläger hätten daher Sowiesokosten von [eingeschränkt] nur EUR 18,-- pro Person gehabt. Aufgrund der Verspätung würden die Kläger die Taxikosten in Höhe von EUR 78,-- jeweils zur Hälfte, somit EUR 39,-- begehren. Sie hätten für die Tickets des Tomorrowland-Festivals EUR 650,57 bezahlt. Der annullierte Hinflug hätte am 19.07.2018 um 16:55 Uhr ankommen sollen, sie seien erst am nächsten Tag um 09:00 Uhr abgeflogen. Sie hätten daher die Pre-Party am Dreamville-Gelände am Abend des 19.07.2018 nicht wahrnehmen können, die nur speziellen Ticketbesitzern des „Magnificent Greens Package“ zustehen würde. Für die Besitzer dieses Tickets würde das Festival bereits am Donnerstag dem 19.07.2018 beginnen. Dieser Tag sei frustriert, der Ticketpreis sei daher durch vier zu teilen, was einem Betrag von EUR 162,64 entspreche. Die Kläger würden davon jeweils den halben Betrag von EUR 81,32 begehren. Das gelte auch für die Zeltgebühr, die für vier Tage insgesamt EUR 149,-- betragen habe. Der anteilige Ersatzbetrag der Kläger sei EUR 18,62. Der Erstkläger habe seinen Auftraggeber, die Group DF International GmbH, über seine Flugannullierung und den Ersatzflug informiert. Dies habe zur Folge gehabt, dass der Auftraggeber des Erstklägers den Auftrag storniert habe, weil der EDV-Support bereits ab der Früh gebraucht worden sei. Der Auftrag sei an einen Mitbewerber vergeben worden. Die Zweitklägerin sei beim Erstkläger angestellt und hätte am 24.07.2018 ihren Dienst von fünf Stunden zu verrichten gehabt. Aufgrund der Flugannullierung und Verspätung habe die Zweitklägerin ihren Dienst von 08:00 Uhr bis 13:00 Uhr nicht verrichten können. Durch die Lohnfortzahlung habe der Erstkläger einen Schaden von [eingeschränkt] EUR 70,64 erlitten. Dem Erstkläger stehe daher eine Gesamtforderung von EUR 1.621,58 zu, der Zweitklägerin von EUR 638,94, beinhaltend jeweils Ausgleichsansprüche für die annullierten Flüge OS 353 und OS 154, den frustrierten ersten Festivaltag von je EUR 81,32, den frustrierten Aufwand Zeltpreis von je EUR 18,62 und den Transfer Flughafen-Festival von je EUR 39,--. Weiters mache der Erstkläger den Verdienstentgang EDV-Dienstleistung von EUR 912,-- und den frustrierten Aufwand Entgeltzahlung von EUR 70,64 geltend. Die Allgemeinen Beförderungsbedingungen seien nicht Vertragsinhalt zwischen den Streitteilen geworden. Der Haftungsausschluss sei gröblich benachteiligend und an ungewöhnlicher Stelle angeführt, die AGBs seien sittenwidrig.
Die Beklagte bestritt auch das ausgedehnte bzw. eingeschränkte Klagebegehren und brachte vor, dass es am 19.07.2018 am Flughafen Brüssel zu einem Versagen der Technik gekommen sei, der Flugbetrieb sei ab etwa 15:00 Uhr bis etwa 17:00 Uhr gänzlich zum Erliegen gekommen. In diesem Zeitraum seien keinerlei Flüge abgefertigt worden. Der Flug OS 353 hätte um 16:55 Uhr in Brüssel ankommen sollen, dies falle genau in den kritischen Zeitraum. Es sei das Flight Data Processing System des Flughafens Brüssel ausgefallen. Die Probleme hätten um 12:30 Uhr Lokalzeit begonnen und bis 22:00 Uhr Lokalzeit angehalten. Das Fluggerät selbst sei pünktlich zum Abflug bereit gestanden, habe jedoch aufgrund der Slotvergaben nicht abheben können. Die Passagiere, die bereits auf ihren Plätzen gesessen seien, seien zurück zum Gate gebracht worden. Der nächste Slot sei erst für 16:04 Uhr (UTC) veröffentlicht worden, was zu einer Abflugverspätung von drei Stunden geführt hätte. Dieser Slot habe sich seit dem ersten Slot um 14:47 Uhr beständig teilweise deutlich verschlechtert. Der letzte Slot für den Flug OS 353 sei um 16:36 Uhr für eine Startzeit für 18:04 Uhr vergeben worden. Es sei sehr wahrscheinlich gewesen, dass sich der Slot noch weiter verschlechtert hätte. Da nicht erkennbar gewesen sei und auch keine weiteren Informationen seitens der Flugsicherung erfolgt seien, wann das Problem behoben würde, sei um 15:15 Uhr (vorbereitender Schriftsatz vom 03.01.2020, Punkt 7 in ON 7) bzw. um 16:38 Uhr (Seite 14 in ON 12) die Entscheidung getroffen worden, den Flug zu annullieren, um auch den Passagieren weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen. In der instabilen „Recovery-Phase“, in der die Flugsicherung versucht habe, das System wieder hochzufahren, sei es zu zahlreichen Verspätungen und Verzögerungen gekommen. Es würden für die vorgenommene Annullierung außergewöhnliche Umstände im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO vorliegen.
Die Annullierung des Fluges OS 354 sei ausschließlich kapazitätsbedingten Restriktionen der österreichischen Flugsicherung geschuldet gewesen. Die Flugsicherung habe eine Slotreduktion gemäß IATA-Delay-Code 81 verhängt. Die Einschränkungen hätten von 15:00 Uhr bis 23:00 Uhr gegolten, wobei eine Slotverspätung von fast eineinhalb Stunden außergewöhnlich unüblich sei. Die Vorgabe durch die Flugsicherung sei für die Beklagte in keinster Weise beherrsch- bzw. kontrollierbar. Der unmittelbare Vorflug von OS 354, nämlich OS 353 mit einem geplanten Abflug um 15:10 Uhr in Wien und einer Ankunft um 16:55 Uhr in Brüssel, habe bereits um 13:10 Uhr einen Slot für 15:44 Uhr erhalten, der sich weiter verschlechtert habe, bis schließlich um 14:36 Uhr ein Slot für 16:41 Uhr vergeben worden sei. Aufgrund dieser bereits eineinhalbstündigen Verspätung habe die Beklagte die gesamte Rotation OS 353/OS 354 annullieren müssen, weil der übrige Flugplan sonst zusammengebrochen wäre, und in späterer Folge in den Abendstunden mindestens eine, wenn nicht sogar mehrere Rotationen ebenfalls hätten annulliert werden müssen. Eine Beförderung sämtlicher Passagiere noch am selben Tag sei nicht möglich gewesen. Auch hinsichtlich dieser Verspätung (gemeint: Annullierung) würden außergewöhnliche Umstände im Sinne der EU-FluggastVO vorliegen.
Wider die geltend gemachten Schäden werde ein Verstoß gegen die Schadensminderungspflicht eingewendet. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb sich die Kläger für einen Transport am 20.07.2018 nicht desselben Shuttle-Services bedient hätten, der für den Transport am 19.07.2018 in Anspruch genommen hätte werden sollen. Die Ticketkosten wären um ein Vielfaches günstiger gewesen für das stattdessen in Anspruch genommene Taxi. Es sei nicht ableitbar, dass der Betrag von EUR 78,-- für den vorgebrachten Transport mit einem Taxi aufgewendet worden sei. Das Versäumen der Abendveranstaltung sei nicht mit dem Versäumen eines vollen Tages gleichzusetzen, sodass die Schadensberechnung von einem Viertel nicht nachvollziehbar sei. Die Beklagte bestritt, dass die Group DF International GmbH der Beklagten (gemeint: dem Erstkläger) einen Auftrag für den 24.07.2018 erteilt hätte und von diesem zurückgetreten wäre bzw. dass es sich um ein Fixgeschäft gehandelt hätte. Für den Ersatz des entgangenen Gewinnes sei Verschulden erforderlich, das im konkreten Fall nicht vorliege. Die geltend gemachten Kosten des Erstklägers für die Zweitklägerin wären unabhängig davon, welche Leistungen die Zweitklägerin an diesem Tag erbracht hätte. Mangels Verschuldens könnten die Kosten nicht der Beklagten angelastet werden. Für sämtliche Folgeansprüche gelte, dass aufgrund der Haftungsbeschränkungen in den Allgemeinen Beförderungsbedingungen Folgeschäden in keinem Fall ersetzt würden.
Mit dem angefochtenen Urteil verpflichtete das Erstgericht die Beklagte, dem Erstkläger EUR 1.482,64 und der Zweitklägerin EUR 500,--, jeweils zuzüglich 4% Zinsen seit 04.09.2018 zu zahlen, das Mehrbegehren des Erstklägers und der Zweitklägerin von jeweils EUR 138,94 samt 4% Zinsen seit 04.09.2018 wies es ab. Schließlich verpflichtete das Erstgericht die Beklagte, „den klagenden Parteien“ die mit EUR 1.552,19 bestimmten Verfahrenskosten zu ersetzen. Es traf die auf Seiten 4 bis 8 der Urteilsausfertigung ON 13 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, der Ausfall des FDPS-Systems am Flughafen Brüssel sei ein außergewöhnlicher Umstand. Es sei betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, dass die Beklagte den Flug annulliert habe. Zu den ihr zumutbaren Maßnahmen gehöre es aber, den Flug verspätet durchzuführen. Die Durchführung mit Verspätung wäre zum Zeitpunkt der Annullierung möglich gewesen. Zum Flug OS 354 führte das Erstgericht aus, dass Slotzuteilungen aufgrund von Überlastungen des Luftraums keine ungewöhnlichen geschweige denn außergewöhnliche Vorkommnisse seien und zum betrieblichen Risiko des Luftfahrtunternehmens gehören würden. Ein außergewöhnlicher Umstand liege nicht vor. Zu den weiteren Ansprüchen der Kläger führte das Erstgericht zunächst aus, dass nicht habe festgestellt werden können, dass die Allgemeinen Geschäftsbedingungen Bestandteil des zwischen den Streitteilen abgeschlossenen Luftbeförderungsvertrages geworden seien. Die Beklagte treffe im Rahmen der vertraglichen Haftung nach dem Luftbeförderungsvertrag die Beweislast für ein mangelndes Verschulden nach § 1298 ABGB. Der Beklagten sei der Beweis, dass sie jeweils kein Verschulden an der Annullierung treffe, insoweit nicht gelungen, als eine Flugdurchführung in beiden Fällen aufgrund eines im Zeitpunkt der Annullierung aufrechten Slots möglich gewesen wäre und die Beklagte insbesondere auch nicht sämtliche ihr zumutbaren Maßnahmen getroffen haben, um zumindest eine verspätete Flugdurchführung zu gewährleisten. Die Voraussetzung eines weitergehenden Schadenersatzes gemäß Art 12 EU-FluggastVO seien grundsätzlich erfüllt. Sowohl der Verdienstausfall als auch die Kosten der Lohnfortzahlung seien individuelle Schäden, die durch die spezifische Situation der betroffenen Fluggäste bedingt seien und nicht unter die in Art 7 Abs 1 lit a EU-FluggastVO vorgesehene pauschale Ausgleichsleistung fielen. Diese Kosten seien dem Erstkläger daher zuzusprechen. Anders verhalte es sich bei den frustrierten Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Festivalbesuch. Unter Hinweis auf Entscheidungen des erkennenden Senates, des EuGH und des BGH zu frustrierten Kosten seien die Ansprüche der Kläger auf Ersatz der frustrierten anteiligen Kosten der versäumten Pre-Party, der frustrierten anteiligen Zeltkosten und für eine Übernachtung zu verneinen, da sich die Kläger ihre Ausgleichsansprüche darauf anrechnen lassen müssten. Ebenso sei der Ausgleichsanspruch auf die begehrten Taxikosten anzurechnen. Die Kostenentscheidung gründete das Erstgericht auf § 41 ZPO.
Gegen den stattgebenden Teil dieses Urteils richtet sich die Berufung der Beklagten mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Kläger beantragen, die Berufung zu verwerfen und das Urteil zu bestätigen.
Rechtliche Beurteilung
Die Berufung ist hinsichtlich des Erstklägers teilweise und hinsichtlich der Zweitklägerin nicht berechtigt.
[1] Zu den Ansprüchen auf Ausgleichsleistungen:
Die Berufungswerberin wendet sich hinsichtlich beider Flüge gegen die Rechtsansicht des Erstgerichtes, die Beklagte hätte wegen der aufrechten Slots die Flüge nicht annullieren dürfen, sondern hätte sie mit Verspätung durchführen müssen. Sie bringt dagegen vor, es müsse einem Luftfahrtunternehmen erlaubt sein, anhand der entsprechenden Prognose eine Annullierungsentscheidung zu treffen. Eine entsprechend vorausschauende Annullierung auf Basis von entsprechenden Prognosen und der Erfahrungswerten sei notwendig, um ein Zusammenbrechen des Flugplans zu verhindern. In weiterer Folge setzt sich die Berufungswerberin mit einigen Entscheidungen des Berufungsgerichtes zum Thema kapazitätsbedingte Restriktionen durch die Flugsicherung auseinander und stellt diese Entscheidungen des HG Wien gegenüber.
[1.1] Das Erstgericht hat zutreffend erkannt, dass im konkreten Fall fraglich ist, ob die von der Beklagten vorgetragenen Vorkommnisse, nämlich die auch festgestellten Störungen des FDPS-Systems am 19.07.2018 zwischen 12:30 Uhr und 22:00 Uhr am Flughafen Brüssel sowie die Kapazitätsprobleme im Luftraum Österreich am 23.07.2018 Ursache der Annullierung der beiden Flüge durch die Beklagte war. Ein Luftfahrtunternehmen ist nur dann von der Zahlung der Ausgleichsleistung nach Art 7 EU-FluggastVO befreit, wenn es nachweist, dass
- ein außergewöhnlicher Umstand vorliegt;
- die Annullierung (oder große Verspätung) auf einen solchen zurückgeht und
- es alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Folgen der Annullierung (oder großen Verspätung) ergriffen hat. Die Frage, ob ein Luftfahrtunternehmen sich entlasten kann, ist daher dreistufig zu prüfen (LG Korneuburg 14.02.2019, 21 R 23/19h = BeckRS 2019, 5250; zuletzt 01.10.2020, 22 R 182/20z; 27.10.2020, 22 R 207/20a; Schmid in Schmid, FluggastrechteVO Beck OK [16. Edition, Stand 01.10.2020] Art 5 Rz 19, 20). Im Rahmen dieser dreistufigen Prüfung ist die Beklagte behauptungs- und beweispflichtig, dass die von ihr vorgetragene Vorkommnis, nämlich die festgestellten Störungen des FDPS-Systems am 19.07.2018 zwischen 12:30 Uhr und 22:00 Uhr am Flughafen Brüssel sowie die behaupteten Kapazitätsprobleme im Luftraum Österreich am 23.07.2018 Ursache der Annullierung der beiden Flüge OS 353 und OS 354 durch die Beklagte war.
Welche Prognosen und Erfahrungswerte die Beklagte zur Annullierungsentscheidung geführt haben, legte diese weder im erstinstanzlichen Verfahren noch im Berufungsverfahren offen. Weder dem Erstgericht noch dem Berufungsgericht ist es daher möglich, allfällige Prognosen und Erfahrungswerte zu überprüfen, ob die von der Beklagten vorgetragenen Vorkommnisse Ursache der Annullierungsentscheidung sein können oder nicht (ständige Rechtsprechung des erkennenden Senates, zuletzt 10.09.2020, 22 R 153/20k; 27.10.2020, 22 R 198/20b). Zur Frage eines drohenden Zusammenbrechens des Flugplanes hat das Berufungsgericht bereits ausgeführt, wenn das Luftfahrtunternehmen die Entscheidung trifft, einen Flug, für den es über einen – wenn auch verspäteten – Abflugslot verfügt, vorsorglich zu annullieren, es im Streitfall auch darzulegen hat, aus welchen konkreten Gründen eine andere Vorgangsweise als diese Annullierung ihr (noch) weniger zumutbar gewesen wäre. Die bloße Berufung auf ein andernfalls drohendes Zusammenbrechen des Flugplanes stellt in diesem Zusammenhang kein ausreichendes Tatsachenvorbringen dar (RKO0000017). Insbesondere lässt sich weder dem erstinstanzlichen Vorbringen noch den Ausführungen in der Berufung entnehmen, welcher Flugplan der Beklagten zusammengebrochen und warum die Durchführung der Flüge jeweils mit Verspätung ihr weniger zumutbar gewesen wäre als die Annullierung des Flugplanes.
Die Beklagte vermochte somit den Ursachenzusammenhang zwischen den festgestellten bzw. behaupteten Vorkommnissen einerseits und den Annullierungsentscheidungen andererseits nicht ausreichend zu behaupteten bzw. nachzuweisen.
[1.2] Gegen die Einstufung des Vorkommnisses vom 19.07.2018 am Flughafen Brüssel als außergewöhnlicher Umstand im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO wird im Berufungsverfahren nichts mehr ins Treffen geführt, sodass es genügt, auf die zutreffende Rechtsansicht des Erstgerichtes zu verweisen (§ 500a ZPO). Hingegen vermeint die Berufungswerberin, das Erstgericht habe zu Unrecht kapazitätsbedingte Restriktionen nicht als außergewöhnlichen Umstand im Sinne der genannten Bestimmung eingestuft. Da der von der Berufungswerberin verwendete Textbaustein bereits mehrfach Gegenstand von Erörterungen des Berufungsgerichtes war, genügt es auch in diesem Zusammenhang auf den seit 24.06.2020 im RIS veröffentlichten Rechtssatz zu verweisen: Kapazitätsengpässe aufgrund von Überlastungen des Luftraums sind in der Regel Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit des ausführenden Luftfahrtunternehmens und bilden somit ein luftfahrttypisches Risiko. Sie stellen daher – mögen die damit einhergehenden Regulierungen des Luftraums („Slot-Probleme“) als hoheitliche Maßnahmen auch nicht für das Luftfahrtunternehmen beherrschbar sein – keinen außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO dar (RKO0000010).
Zusammenfassend ist auszuführen, dass hinsichtlich beider annullierter Flüge ein Ursachenzusammenhang mit den von der Beklagten vorgetragenen Vorkommnissen am Flughafen Brüssel einerseits und im österreichischen Luftraum andererseits nicht nachgewiesen wurde. Der Beklagten ist vorzuwerfen, nicht alles ihr Zumutbare getan zu haben, um die Annullierung beider Flüge zu vermeiden, nämlich durch verspätete Durchführung der Flüge. Hinsichtlich des Fluges OS 354 scheitert die Berufung auf Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO, weil das zugrundeliegende Vorkommnis ein luftfahrttypisches Risiko darstellt.
[2] Zu den Schadenersatzansprüchen:
Ungeachtet der möglicherweise zu Missverständnissen Anlass gebenden Formulierungen des Erstgerichtes (Seiten 16 und 17 in ON 13) sind dessen Rechtsausführungen insoweit zu verstehen, dass es sämtliche über die Ansprüche auf Ausgleichsleistung hinausgehenden Ansprüche als Schadenersatzansprüche auffasste, die es dem Grunde und der Höhe nach als zu Recht bestehend qualifizierte. Soweit das Erstgericht dennoch zur Abweisung von Teilen des Klagebegehrens kam, ist dies in der Anwendung der Anrechnungsvorschrift des Art 12 EU-FluggastVO begründet. Wie die Erwähnung des § 1298 ABGB deutlich macht, ist das Erstgericht der Auffassung, dass diese Schadenersatzansprüche der Verschuldenshaftung der §§ 1293 ff ABGB unterliegen. Für das Berufungsverfahren ist festzuhalten, dass
- die Anwendung der Verschuldenshaftung der §§ 1293 ff ABGB von den Streitteilen nicht in Zweifel gezogen wird,
- die Ansprüche dem Grund und der Höhe nach nicht mehr bestritten werden,
- die Berufungswerberin den Entfall der Schadenersatzansprüche nicht mehr auf Bestimmungen ihrer Beförderungsbedingungen stützt,
- den Schadenersatzansprüchen nur mehr entgegenhält, dass die Beklagte kein Verschulden treffe und
- die Beklagte die Anrechnung der Ausgleichsleistungen auf die Schadenersatzansprüche begehrt.
Dies führt dazu, dass von allen Elementen die Schadenersatzansprüche das Berufungsgericht nur die verbliebenen Einwände zu prüfen hat (vgl. LG Korneuburg 27.02.2020, 22 R 9/20h; 28.05.2020, 22 R 76/20m).
[2.1] Das mangelnde Verschulden argumentiert die Berufungswerberin einerseits damit, dass die Annullierung kein vorsätzliches Verhalten darstellt.
Diese Ausführungen sind zutreffend, insbesondere der Hinweis auf das Urteil des erkennenden Senates vom 16.06.2020, 22 R 82/20v. Die Ausführungen sind bloß insoweit ergänzungsbeürftig, als sowohl im gegenständlichen Verfahren als auch in dem von der Berufungswerberin zitierten Verfahren ein solches Vorbringen durch die jeweiligen Kläger nicht erstattet wurde. Das Berufungsgericht hatte einen entsprechenden Hinweis in seiner Entscheidung nur aus dem Grund aufzunehmen, weil die erstinstanzliche Entscheidung in ihrer rechtlichen Beurteilung von einer vorsätzlichen Schädigung des Fluggastes ausging, weil der Flug annulliert wurde. Da sich solche Ausführungen im angefochtenen Urteil nicht finden, kann diese Frage auf sich beruhen.
[2.2] Weiters bringt die Berufungswerberin vor, dass die Annullierung weder aufgrund Nachlässigkeiten, Organisationsfehlern oder mangelnder Vorkehrungen durch die Beklagte erforderlich worden sei, die festgestellten Slotvorgaben seien ein Eingriff der Flugsicherung von außen, auf die die Beklagte keinen Einfluss gehabt habe. Der Beklagten komme daher kein Verschulden zu.
Dem ist zu entgegnen, dass die von den Klägern geltend gemachten Schadenersatzansprüche nicht nur mit dem Vorbringen geltend gemacht wurden, die Flügen seien "storniert" (Seite 4 in ON 1) bzw. annulliert (Seite 5 in ON 6) worden, sondern auch darauf, dass die Flüge derart durchgeführt worden seien, dass die Kläger ihre Reise verspätet angetreten hätten (Seite 4 in ON 1) und der Flug verspätet gewesen sei (Seite 5 in ON 6). Daher wird vom Erstgericht zutreffend ausgeführt, dass vor allem zu prüfen ist, ob das Verschulden der Beklagten darin liegt, den Flug nicht auf Basis der im Zeitpunkt der jeweiligen Annullierungsentscheidung noch aufrechten Slots durchgeführt und damit eine, wenn auch verspätete, Flugdurchführung gewährleistet zu haben.
Der erkennende Senat hat bereits ausgesprochen, dass ein Personenbeförderungsvertrag mittels Luftfahrzeug mit bestimmten Hin- und Rückflugterminen im Linienverkehr ein relatives Fixgeschäft im Sinne des § 919 Satz 2 ABGB ist, weil Natur und Zweck der vereinbarten Flugtermine schon im Allgemeinen erkennen lassen, dass der Gläubiger (hier: Fluggast) an einer verspäteten Leistung kein Interesse mehr hat. Bei einem relativen Fixgeschäft ist die Erfüllung nach dem vereinbarten Leistungstermin auch möglich, und der Schuldner muss mit dem Erfüllungsbegehren des Gläubigers rechnen. Der Erfüllungsanspruch des Gläubigers setzt aber nach § 919 ABGB voraus, dass der Gläubiger dies dem Schuldner ohne Verzug anzeigt. Anzeige ohne Verzug bedeutet „ohne schuldhaftes Zögern“. Unterlässt der Gläubiger die Anzeige, so verliert er seinen Erfüllungsanspruch und es kommt zum Zerfall des Vertrages. Die rechtzeitige Anzeige des Erfüllungsbegehrens wandelt das (relative) Fixgeschäft in ein normales Termingeschäft um. Wählt der Gläubiger beim relativen Fixgeschäft die Erfüllung, so hat er Anspruch auf Ersatz des Verspätungsschadens. Nach Annahme der verspätet angebotenen Leistung scheidet eine Berufung auf Vertragsunwirksamkeit infolge der Versäumung des Fixtermines aus; der Gläubiger kann bei schuldhafter Verzögerung nur Ersatz des Verspätungsschadens fordern. Bei Annullierung eines Fluges hat der Fluggast weiterhin einen Erfüllungsanspruch. Ist die vereinbarte Reiseveranstaltung zur vorgesehenen Zeit überbucht und werden die Reiseleistungen später erbracht, ist dies keine Ersatzreise, sondern eine verspätete Vertragserfüllung. Da die nicht gehörige Erfüllung und beim Fixgeschäft auch die nicht zeitgerechte Erfüllung der Nichterfüllung gleichstehen, liegen in Wahrheit nur zwei verschiedene Fälle vor, nämlich jene der Nichterfüllung und der verspäteten Erfüllung beim Nichtfixgeschäft (LG Korneuburg 16.06.2020, 22 R 82/20v mwN). Die Kläger haben somit zwar nicht Anspruch auf Ersatz eines Nichterfüllungsschaden, jedoch des Verspätungsschadens. Nur hinsichtlich der Verursachung der Verspätungsschäden ist zu prüfen, ob der Beklagten gelungen ist, sich vom Verschuldensvorwurf nach § 1298 ABGB „freizubeweisen“.
Im Hinblick auf die obigen Ausführungen zu den zumutbaren Maßnahmen kommt der Berufungssenat zum Ergebnis, dass der Beklagten dieser Beweis nicht gelungen ist. Zutreffend hat das Erstgericht bereits aufgezeigt, dass den Feststellungen insgesamt zu entnehmen ist, dass die beiden annullierten Flüge – wenn auch mit Verspätung – hätten durchgeführt werden können. Vor diesem Hintergrund sind die jeweils durch die Entscheidung, die Flüge zu annullieren, gegenüber dem rechtmäßigen Verhalten, nämlich die Flüge verspätet durchzuführen, zu prüfen. Bei sämtlichen Ansprüchen ist davon auszugehen, dass bei verspäteter Durchführung der beiden Flüge anstelle einer Annullierung die Schäden bei den Klägern nicht eingetreten wären. Dies mag allerdings nicht für die Mehrkosten gelten, die den Klägern dadurch entstanden sind, anstelle des bereits gebuchten Shuttle-Services am 19.07.2018, der gemäß der Beilage ./B um 18:00 Uhr abfuhr (was zwar nicht festgestellt, aber auch nicht bestritten wurde), am darauffolgenden Tag ein Taxi in Anspruch nehmen haben müssen (Beilage ./C). Den Feststellungen zufolge hätte der Flug OS 353 am 19.07.2018 um 18:04 Uhr starten können (Seite 5 in ON 13). Der Shuttle-Service hätte somit auch unter Zugrundelegung der verspäteten Durchführung des Fluges nicht mehr erreicht werden können. Diese Überlegungen können jedoch im Ergebnis auf sich beruhen, weil – wie noch zu zeigen sein wird – auf einen allfälligen Schadenersatzanspruch wegen der Mehrkosten des Taxis gegenüber dem Shuttle-Service der oben erörterte Anspruch auf Ausgleichszahlung anzurechnen ist.
Zusammenfassend ist auszuführen, dass der Beklagten nicht der Beweis gelungen ist, ungeachtet der beiden von ihnen vorgetragenen Vorkommnisse, nämlich des FTPS Systemausfalls am Flughafen Brüssel und der Kapazitätsbeschränkungen im österreichischen Luftraum die beiden annullierten Flüge nicht verspätet durchgeführt zu haben. Durch die Umbuchung der Kläger auf eine verspätete Beförderung hat sich das relative Fixgeschäft der Streitteile in ein einfaches Termingeschäft umgewandelt. Die Kläger haben somit Anspruch auf Ersatz ihrer Verspätungsschäden. Auf ein mangelndes Verschulden am Zustandekommen der den Annullierungen vorangegangenen Vorkommnisse kommt es nicht an. Die Gründe, die die Beklagte ins Treffen führte, die Flüge zu annullieren und nicht verspätet durchzuführen, vermögen nichts daran ändern, dass sie den Entlastungsbeweis nach § 1298 ABGB nicht erbrachte, sie habe kein Verschulden an der verpäteten Erfüllung der Luftbeförderungsverträge.
[3] Zur Anrechnung der Ausgleichsleistung auf Schadenersatzansprüche:
Die Berufungswerberin hält es für nicht nachvollziehbar, dass das Erstgericht zwar auf die Rechtsprechung des Berufungsgerichtes Bezug nimmt, jedoch eine Anrechnung nur für die anteiligen Kosten der Pre-Party der frustrierten Zeltkosten und der Taxikosten vornehme, nicht aber auf die weiteren zugesprochenen Klagsansprüche, das sind Verdienstentgang und Lohnfortzahlung, erfolge. Die Berufungsgegner halten dem entgegen, dass sowohl der Verdienstausfall als auch die Kosten der Lohnfortzahlung als individuelle Schäden anzusehen seien, der durch die spezifische Situation der betroffenen Fluggäste bedingt sei [und beschränken sich damit auf die Wiedergabe der Argumenation des Erstgerichtes].
[3.1] Ausgangspunkt des Urteiles des EuGH vom 29.07.2019 in der Rechtssache C-354/18 Rusu war ein Fall der Nichtbeförderung der Fluggäste, Umbuchung der Fluggäste auf einen späteren Flug und die Geltendmachung eines Gehaltsverlustes durch die Kläger (Urteil Rusu Rn 16, 17 und 20). Steht fest, dass der Verdienstausfall individuell und nachträglich zu beurteilen ist und auf einer Nichtbeförderung gegen Willen des Fluggastes beruht, dessen Unannehmlichkeiten standardisiert nach der EU-FluggastVO ausgeglichen werden kann, so ist ein solcher Verdienstausfall als Schaden anzusehen, der Gegenstand des in Art 12 Abs 1 EU-FluggastVO vorgesehenen weitergehenden Schadenersatzanspruches sein kann (Urteil Rusu Rn 38 und 29). Daraus folgt, dass sich gerade aus dem Urteil Rusu ergibt, dass insbesondere ein Verdienstausfall Gegenstand der Anrechnung sein kann. Wie das Erstgericht zutreffend ausführt, ist die Anrechnung in Österreich durch Anwendung der nationalen Regeln des Vorteilsausgleiches vorzunehmen (LG Korneuburg 28.05.2020, 22 R 76/20m). Zu ergänzen ist noch, dass sich der erkennende Senat im Urteil vom 16.06.2020, 22 R 82/20v in der gebotenen Kürze mit dem Beschluss des EuGH vom 28.05.2020 in der Rechtssache C-153/19 DER Touristik nach Art 99 der Verfahrensordnung des Gerichtshofes kursorisch auseinandersetzte. Die im vorgelegten Fall zugrundeliegende Leistungsstörung war eine große Verspätung (Beschluss DER Touristik Rn 11). Damit ist für die Zwecke des vorliegenden Rechtsstreites klargestellt, dass eine Anrechnung der Ausgleichsleistung nicht nur wie im Fall Rusu dann gerechtfertigt erscheint, wenn es sich um den Fall einer Nichtbeförderung handelt, sondern auch dann, wenn im Falle einer großen Verspätung bei der Ankunft am Zielort vorliegt (Beschluss DER Touristik Rn 34). Die in den genannten Entscheidungen als Kriterien der Anrechnung genannten Umstände liegen hier vor, insbesondere die Individualität der Ansprüche auf Verdienstentgang und Lohnfortzahlung, die sich von vergleichbaren Ansprüche anderer Fluggäste unterscheiden und einzeln zu prüfen sind.
Zusammenfassend ist auszuführen, dass nicht nur die vom Erstgericht bereits im erstinstanzlichen Verfahren bei den frustrierten Aufwendungen und den zusätzlichen Transportkosten vorgenommene Anrechnung dem in Österreich geltenden Grundsatz des Vorteilsausgleiches entspricht, sondern auch die Anrechnung auf Verdienstentgang und Lohnfortzahlung.
Die von der Berufungswerberin begehrte Anrechnung sämtlicher Ausgleichsansprüche auf sämtliche Schäden kommt jedoch nicht in Betracht, weil eine Vorteilsanrechnung nur bei sachlich kongruenten Leistungen infrage kommen kann (LG Korneuburg 28.05.2020, 22 R 76/20m unter Berufung auf RS0122868).
[3.2] Soweit die Kläger Schadenersatz wegen des frustrierten ersten Festivaltages und des Zeltpreises geltend macht, kommt auf diese Schadenersatzansprüche nur die Anrechnung des eigenen Ausgleichsanspruches aufgrund der Annullierung des Fluges OS 353 in Betracht. Selbst wenn man unter Zugrundelegung der Rechtsansicht des Erstgerichtes vermeint, dass auch die zusätzlichen Transferkosten vom Flughafen zum Festivalgelände von der Beklagten verursacht und verschuldet wurden, ergibt sich ein Gesamtschadenersatzanspruch der Kläger aus der Annullierung des Fluges OS 353 von EUR 138,94, der deshalb nicht geltend gemacht werden kann, weil den Klägern bereits der Ausgleichsanspruch für die Annullierung des Fluges OS 353 zugesprochen wurde. Auf den Verdienstentgang des Erstklägers wegen der Verspätung des Fluges ist die aufgrund der Annullierung des Fluges OS 354 gebührende Ausgleichsleistung von EUR 250,-- anzurechnen. Eine Anrechnung auch des Ausgleichsanspruches der Zweitklägerin wegen der Annullierung des Fluges OS 354 scheidet mangels Kongruenz aus.
Problematisch ist die Durchführung der Anrechnung beim frustrierten Aufwand des Erstklägers aus dem Titel der Entgeltsfortzahlung für die Zweitklägerin.
[3.3] Im Falle der Lohnfortzahlung gemäß § 8 AngG kommt es zur bloßen Schadensverlagerung. Die Ersatzpflicht des Schädigers wird durch die Lohnfortzahlung nicht ausgeschlossen. Der Ersatzanspruch gegen den Schädiger geht analog § 1358 ABGB, § 67 VersVG mit der Lohnfortzahlung auf den Dienstgeber über. Dieser hat Anspruch auf Ersatz nicht nur des Bruttolohns, sondern auch der Beiträge zur Sozialversicherung. Die Differenzierung zwischen Angestellten und Arbeitern kommt hier schon deshalb nicht zum Tragen, weil es sich nicht um einen Lohnfortzahlungsfall aus den Gründen der Krankheit, sondern der sonstigen Dienstverrichtung handelt, der im § 8 Abs 3 AngG geregelt ist und – sofern nicht eine für das jeweilige Dienstverhältnis erlassene Sonderregel gilt – ihren allgemeinen Niederschlag im § 1154b Abs 5 ABGB gefunden hat. Umfasst sind auch Gründe, die die Person des Arbeitnehmers (bloß) betreffen, also den Arbeitnehmer angehen und ihn entweder durch eine unmittelbare Einwirkung an der Arbeitsleistung hindern oder nach Recht, Sitte oder Herkommen wichtig genug erscheinen, um ihn davon abzuhalten (Rebhahn/Ettmayer in Kletecka/Schauer, ABGB-ON1.04, § 1154b Rz 14). Zusammengefasst ist davon auszugehen, dass ein Lohnfortzahlungsfall nach § 1154b Abs 5 ABGB oder nach einer vergleichbaren, auf das jeweilige Dienstverhältnis anwendbaren Norm vorlag, sodass eine Schadensverlagerung von der Zweitklägerin auf den Erstkläger anzunehmen ist (LG Korneuburg 27.10.2020, 22 R 210/20t), sodass zwar nicht die Zweitklägerin, aber (allein) der Erstkläger den von ihm fortgezahlten Lohn wider den Schädiger geltend machen kann. Es wird damit kein Schaden in die Betrachtung einbezogen, der nicht ohnehin normalerweise beim unmittelbar Geschädigten eintritt und daher zu ersetzen wäre (1 Ob 210/08a). Die Rechtsprechung nimmt die Anrechnung von sachlich kongruenten Leistungen an den Dienstnehmer auch dann vor, wenn der Schadenersatzanspruch des Dienstnehmers im Lohnfortzahlungsfall auf den Dienstgeber im Zahlungszeitpunkt übergegangen ist. Rechnerisch wird so vorgegangen, dass ein auch zukünftiger Anspruch des unmittelbar geschädigten Dienstnehmers aufgrund der Lohnfortzahlung im Augenblick der Zahlung auf den Dienstgeber übergeht, und dass Gegenstand des Überganges des Anspruches nur der um die dem unmittelbar geschädigten Dienstnehmer zukommenden Beträge verminderten Lohnfortzahlungsanspruches ist (2 Ob 167/01z zur Frage der Anrechnung der der Dienstnehmerin zugekommenen Versehrtenrente auf den Ersatzanspruch des Dienstgebers wegen Lohnfortzahlung). Da es sich beim vom Erstkläger geltend gemachten frustrierten Aufwand für Entgeltfortzahlung nur um einen auf ihn übergegangenen Schadenersatzanspruch der Zweitklägerin handelt, erscheint es sachgerecht, den Ausgleichsanspruch der Zweitklägerin aufgrund der Annullierung des Fluges OS 354 auf den von ihr auf den Erstkläger übergegangenen Entgeltfortzahlungsanspruch anzurechnen. Dies bedeutet rechnerisch, dass im Zeitpunkt der Lohnfortzahlung des Erstklägers an die Zweitklägerin im Ausmaß von EUR 70,64 die Anrechnung der Ausgleichszahlung an die Zweitklägerin aufgrund der Annullierung des Rückfluges durchzuführen ist, sodass sich ihr Schadenersatzanspruch auf Null reduzierte und kein Anspruch von der Zweitklägerin auf den Erstkläger übergehen konnte.
[4] Ergebnis:
Dem Erstkläger stehen Ausgleichsansprüche wegen der Annullierung der Flüge OS 353 und OS 354 von insgesamt EUR 500,-- zu. Der Ausgleichsanspruch aufgrund der Annullierung des Hinfluges ist auf die frustrierten Aufwendungen oder Mehraufwendungen in Brüssel zur Gänze anzurechnen, der Ausgleichsanspruch infolge Annullierung des Rückfluges ist auf einen Teil des Verdienstentganges anzurechnen und sind von EUR 912,-- EUR 250,-- abzuziehen, weiters ist der Ausgleichsanspruch der Zweitklägerin aufgrund der Annullierung des Rückfluges auf den Ersatz des Entgeltfortzahlungsanspruches des Erstklägers zur Gänze anzurechnen. Daraus errechnet sich ein Schadenersatzanspruch von EUR 662,-- und ein Gesamtanspruch des Erstklägers von EUR 1.162,--.
Die Zweitklägerin hat aufgrund der Anrechnung ihres Ausgleichsanspruches aufgrund der Annullierung des Hinfluges keine weiteren Schadenersatzansprüche mehr. Ihr steht ein Anspruch von insgesamt EUR 500,-- zu. Der Berufung war daher nur hinsichtlich des Erstklägers, und auch nur zum Teil, Folge zu geben und das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Erstkläger bloß ein Anspruch von EUR 1.162,-- zuzüglich Zinsen zusteht, das Mehrbegehren war abzuweisen. Hinsichtlich der Zweitklägerin war das erstgerichtliche Urteil zu bestätigen.
[5] Die abändernde Entscheidung macht eine Neufassung der Kostenentscheidung der erstinstanzlichen Verfahrenskosten erforderlich. Beide Kläger haben teilweise obsiegt und teilweise sind sie unterlegen. Entgegen der Rechtsansicht des Erstgerichtes ist die Kostenentscheidung im Falle des bloß teilweisen Obsiegens nicht auf § 41 ZPO, sondern auf § 43 Abs 1 ZPO zu gründen. Das Erstgericht hat richtig erkannt, dass zwei Verfahrensabschnitte zu bilden sind. Bei der Ermittlung der Obsiegens- und Unterliegensquoten ist jedoch entgegen der Rechtsansicht des Erstgerichtes nicht von einer bloßen Klagsausdehnung auszugehen, sondern ist zu berücksichtigen, dass beide Kläger ihr Klagebegehren auch teilweise einschränkten. Während es für den zweiten Verfahrensabschnitt relativ leicht zu ermitteln ist, dass der Erstkläger mit rund 72% und die Zweitklägerin mit rund 78% obsiegten, lässt sich die Obsiegensquote im ersten Verfahrensabschnitt nicht leicht ausmachen. Es lässt sich weder dem ursprünglichen Klagebegehren noch der Klagsausdehnung und -einschränkung entnehmen, ob die von den Klägern zunächst geltend gemachten Ausgleichsansprüche aus der Annullierung des Fluges OS 353 oder des Fluges OS 354 abgeleitet werden. Im Hinblick auf den sogleich im Einspruch vorgenommenen Einwand der Anrechnung eines Ausgleichsanspruches auf einen weitergehenden Schadenersatz wäre zu überprüfen gewesen, aus welcher Leistungsstörung welches Fluges die Kläger jeweils eine Ausgleichsleistung begehrten, um für den ersten Verfahrensabschnitt ermitteln zu können, welcher der zu diesem Zeitpunkt geltend gemacht Ansprüche der Anrechnung unterliegen oder nicht. Da nach Kürzung des Kostenverzeichnisses der Kläger um den Antrag vom 29.04.2009 der erste Verfahrensabschnitt nur aus der Mahnklage besteht, und die Ermittlung der jeweiligen Obsiegensquoten der Kläger in diesem Abschnitt nicht ohne Schwierigkeiten erfolgen kann, entspricht es den dem Kostenrecht innewohnenden Vereinfachungsprinzip, für das gesamte Verfahren eine einzige Obsiegensquote heranzuziehen. Da die Obsiegensquoten der Kläger knapp über bzw. knapp unter 75% liegen, entspricht es demselben Vereinfachungsgedanken, für beide Kläger die Obsiegensquote mit 75% anzusetzen. Die Gesamtbetrachtung der Ansprüche beider Kläger in Summe nahm bereits das Erstgericht vor, ohne dass dieser Umstand von den Streitteilen gerügt wurde. Die Summe des Anwaltshonorars unter Kürzung um den Antrag vom 29.04.2019 beträgt EUR 1.662,72. Bei einem über beide Verfahrensabschnitte und für beide Kläger einheitlich angenommenen Obsiegensquote von 75% steht ihnen die Hälfte des Anwaltshonorars zu, das sind EUR 831,36. Die 20%-ige USt. beträgt davon EUR 166,27. Von den zu Recht verzeichneten Barauslagen, der Pauschalgebühr von EUR 117,70, stehen den Klägern 75%, somit EUR 88,28 zu. Insgesamt ergibt sich ein Kostenersatzanspruch der Kläger von EUR 1.085,91. Dieser war gemäß dem Anteil des Erstklägers und dem Anteil der Zweitklägerin am Gesamtinteresse im Verhältnis 70:30 auf die Kläger aufzuteilen.
Die Kostenentscheidungen im Berufungsverfahren beruhen hinsichtlich des Erstklägers auf §§ 43 Abs 1, 50 ZPO, hinsichtlich der Zweitklägerin auf §§ 41, 50 ZPO. Der Erstkläger konnte mit seiner Berufungsbeantwortung 78% bzw. 7/9-tel des Berufungsinteresses abwehren und hat somit Anspruch auf Ersatz von 5/9-tel der auf ihn entfallenden Kosten der Berufungsbeantwortung, die Zweitklägerin konnte mit ihrem Anteil an der Berufungsbeantwortung 100% des erstinstanzlichen Zuspruches und somit eine Bestätigung des Zuspruches durchsetzen. Der Anteil des Erstklägers am gesamten Berufungsinteresse beträgt ca. 3/4-tel und der Anteil der Zweitklägerin ca. 1/4-tel. Von den Gesamtbruttokosten der Berufungsbeantwortung von EUR 355,35 entfallen auf den Erstkläger gemäß seinem Anteil des Berufungsinteresse am Gesamtberufungsinteresse von 3/4-tel, das sind EUR 266,51. Gemäß seiner Obsiegensquote von 7/9-tel stehen dem Erstkläger davon 5/9-tel zu, das sind EUR 148,06, darin sind EUR 24,68 USt. enthalten. Der Anteil der Zweitklägerin ist gemäß ihrem Anteil des Berufungsinteresses am Gesamtberufungsinteresse von 1/4-tel mit EUR 88,84 (brutto) zu berechnen. Der Umsatzsteueranteil beträgt EUR 14,73. Umgekehrt hat die Beklagte Anspruch auf Ersatz von 2/9-tel der Pauschalgebühr (auf Basis des Gesamtberufungsinteresses, aber ohne Streitgenossenzuschlag) gegenüber dem Erstkläger, dass sind EUR 144,--. Davon 2/9-tel sind EUR 32,--.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
|
JJT_20201217_LG00239_01800R00078_20D0000_000
|
ECLI:AT:LG00239:2020:01800R00078.20D.1217.000
|
18R78/20d
|
Justiz
|
LG Wr. Neustadt
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201217_LG00239_01800R00078_20D0000_000/JJT_20201217_LG00239_01800R00078_20D0000_000.html
| 1,608,163,200,000
| 1,204
|
Kopf
Das Landesgericht Wiener Neustadt als Rekursgericht hat durch den Richter Mag. Edelmann als Vorsitzenden sowie die Richter MMag. Dr. Sengstschmid und Dr. Kaller-Pröll in der Rechtssache der klagenden Partei Ing. G. W., vertreten durch Mag. Bernhard Mlynek, Rechtsanwalt in Pressbaum, wider die beklagte Partei X., vertreten durch Dr. Markus Gilhofer, Rechtsanwalt in Wien, wegen EUR 1.252,14 s.A. über den Kostenrekurs der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Wiener Neustadt vom 07.06.2020, 2 C 881/18i-28, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Kostenrekurs wird Folge gegeben und das angefochtene Urteil dahin abgeändert, dass die Kostenentscheidung zu lauten hat:
„3. Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei binnen 14 Tagen zu Handen des Beklagtenvertreters bei sonstiger Exekution die mit EUR 2.378,48 (darin enthalten EUR 500,-- an Barauslagen und EUR 313,08 USt) bestimmten Prozesskosten zu ersetzen.“
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit EUR 225,05 (darin EUR 37,47 USt) bestimmten Kosten des Rekursverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Der Revisionsrekurs ist jedenfalls unzulässig.
Text
Begründung:
Der Kläger begehrte EUR 1.252,14 s.A. an Schadenersatz für die Beschädigung seines geparkten Fahrzeugs durch das unachtsame Öffnen der neben dem vom Kläger verwendeten Parkplatz befindlichen Mitarbeiter-Nebeneingangstür durch einen Mitarbeiter der Beklagten.
Die Beklagte beantragte Klagsabweisung.
Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht der Klage im Umfang von EUR 170,-- s.A. statt. Das Mehrbegehren wies es ab. In der Kostenentscheidung sprach es der Beklagten EUR 1.626,17 (darin EUR 500,-- an Barauslagen und EUR 271,03 USt) gemäß § 43 Abs 2 ZPO zu. Dabei seien die berechtigten Einwendungen gegen die Kostennote der Beklagten berücksichtigt worden. Die als vorbereiteter Schriftsatz titulierte Eingabe ON 7 datiere vom 02.01.2019. Die vorbereitete Tagsatzung sei am 08.01.2019 erfolgt. Aus dem Zweck des § 257 Abs 3 ZPO iVm dem ebenfalls durch die ZVN 2002 geschaffenen § 178 Abs 2 ZPO (Prozessförderungspflicht) folge, dass Schriftsätze, die außerhalb dieser 7-tägigen Frist bis zur vorbereiteten Tagsatzung beim Richter oder beim Gegner einlangten, nach den Intentionen des Gesetzgebers der ZVN 2002 nicht zu honorieren seien, dies selbst dann, wenn sie nicht zurückgewiesen würden. Die Frist sei gewahrt, wenn die elektronische Eingabe bei Gericht und Gegner (auch mit E-Mail) bis 24 Uhr des letzten Tages einlange. Da die Verspätung amtswegig wahrzunehmen sei, betreffe die Verzeichnung der Kosten verspäteter Schriftsätze eine „offenbare Unrichtigkeit der Kostennote“, die selbst ohne Kosteneinwendungen aufzugreifen wäre.
Dagegen richtet sich der rechtzeitige Rekurs der Beklagten mit dem Antrag, die Kostenentscheidung dahin abzuändern, dass ihr EUR 2.378,48 (darin EUR 500,-- an Barauslagen und EUR 313,08 USt) zugesprochen würden.
Der Kläger erstattete keine Rekursbeantwortung.
Rechtliche Beurteilung
Der Rekurs ist berechtigt.
Die Rekurswerberin argumentiert, das Erstgericht habe ihr nicht wie im Kostenverzeichnis EUR 1.878,48 zuzüglich Barauslagen in Höhe von EUR 500,--, sondern unrichtigerweise nur EUR 1.626,17 inklusive Barauslagen in Höhe von EUR 500,-- zugesprochen. Auch wenn das Erstgericht offensichtlich davon ausgehe, dass der Beklagten eine Honorierung des Schriftsatzes vom 02.01.2019 nicht zustehe, so seien ihr dennoch die Barauslagen und die übrigen Vertretungskosten im vollen Ausmaß zu ersetzen. Die Barauslagen seien nicht in die Vertretungskosten hineinzurechnen, sondern zu diesen zu addieren. Auch der bei der Tagsatzung vom 08.01.2019 ausdrücklich zugelassene Schriftsatz vom 02.01.2019 wäre im vollen Ausmaß zu honorieren gewesen, weil der 01.01.2019 ein gesetzlicher Feiertag gewesen sei und somit § 126 Abs 2 ZPO zur Anwendung gelange. Überdies habe die Beklagte mit der Einbringung des Schriftsatzes unmittelbar nach dem Jahreswechsel (damit noch innerhalb der verhandlungsfreien Zeit) eine zügige Replik auf den Schriftsatz der Gegnerin vom 30.12.2018 noch vor der vorbereiteten Tagsatzung am 08.01.2019 beabsichtigt. Die Beklagte habe das Gericht und den Prozessgegner mit diesem Schriftsatz insbesondere über die im Hinblick auf den Schriftsatz vom 30.12.2018 besonders strittigen Sachverhaltselemente informiert, diesbezüglich auch Beweise (Urkunden) vorgelegt und einen Zeugen nominiert. Aufgrund der Schriftsatzeinbringung vom 02.01.2019 sei dem Gericht und dem Prozessgegner eine noch bessere Vorbereitung auf den Gerichtstermin am 08.01.2019 möglich gewesen. Aus dem Verhandlungsprotokoll vom 08.01.2019 sei auch ableitbar, dass an diesem Tag ohne der Erstattung eines weiteren Vorbringens umfassend erörtert und rasch ein Prozessprogramm habe festgelegt werden können. Der Schriftsatz habe daher der Prozessbeschleunigung und
-vereinfachung gedient und sei daher auch zu honorieren.
Diesen Ausführungen kommt Berechtigung zu.
Der Rekurswerberin ist zunächst zuzustimmen, dass das Erstgericht offenbar irrtümlich die Barauslagen nicht zusätzlich zu den Vertretungskosten bestimmt, sondern als von diesen inkludiert ausgewiesen hat. Wie aus der Begründung des Erstgerichts ersichtlich, wollte dieses die Kostennote der Beklagten lediglich um den Schriftsatz vom 02.01.2019 kürzen.
Gemäß § 257 Abs 3 ZPO müssen vorbereitende Schriftsätze spätestens eine Woche vor der vorbereitenden Tagsatzung bei Gericht und beim Gegner einlangen.
Da die vorbereitende Tagsatzung am 08.01.2019 stattgefunden hat, wäre der letzte Tag der Frist sohin der 01.01.2019, ein gesetzlicher Feiertag, gewesen.
Fällt der letzte Tag einer Frist auf einen Samstag, Sonntag, Feiertag oder Karfreitag, ist jedoch nach § 126 Abs 2 ZPO der nächste Tag, der nicht einer der vorgenannten Tage ist, als der letzte Tag der Frist anzusehen.
Zur Frage, ob die Frist des § 257 Abs 3 ZPO gemäß § 126 Abs 2 ZPO verlängert wird, wenn der letzte Tag der Frist ein gesetzlicher Feiertag ist, ist weder veröffentlichte Judikatur noch Literatur ersichtlich.
Das Erstgericht ist offenbar davon ausgegangen, dass dem Gegner und dem Gericht eine volle Woche zur Vorbereitung auf die vorbereitende Tagsatzung zur Verfügung stehen muss und daher § 126 Abs 2 ZPO auf die gleichsam rückwärts vom Verhandlungstermin berechnete Frist nicht anwendbar wäre, weil dies dem Zweck des § 257 Abs 3 ZPO widerspräche.
Wenn auch eine derartige teleologische Reduktion des § 126 Abs 2 ZPO durchaus vertretbar erscheint, erachtet der erkennende Senat die Gründe dafür nicht für ausreichend:
Vielmehr ist mit der hM davon auszugehen, dass es auch im Falle dieser Frist jedenfalls ausreicht, wenn der Schriftsatz bis 24 Uhr des letzten Tages der Frist einlangt (Kodek in Fasching/Konecny3 § 257 ZPO Rz 20/1; Ziehensack in Höllwerth/Ziehensack, § 257 ZPO Rz 3; Obermaier, Kostenhandbuch3 Rz 3.57; jeweils mwN). Steht bereits dadurch dem Gericht und dem Gegner nicht immer eine Frist von sieben vollen Tagen zur Vorbereitung zur Verfügung, wäre es ein Wertungswiderspruch, § 126 Abs 2 ZPO ohne Anhaltspunkt im Gesetzestext nur deshalb nicht anzuwenden, weil dadurch die Vorbereitungsfrist um einen weiteren Tag (allenfalls in Sonderkonstellationen auch um mehrere weitere Tage) verkürzt wird.
Im Ergebnis ist also festzuhalten: Die Frist des § 257 Abs 3 ZPO wird gemäß § 126 Abs 2 ZPO verlängert, wenn der letzte Tag der Frist ein Samstag, Sonntag, gesetzlicher Feiertag oder Karfreitag ist. Diesfalls ist der nächste Tag, der nicht einer der vorgenannten Tage ist, als der letzte Tag der Frist anzusehen. Dass dadurch dem Gericht und dem Gegner nicht eine volle Woche zur Vorbereitung der vorbereitenden Tagsatzung verbleibt, ist unerheblich.
Im gegenständlichen Fall wurde die Frist des § 257 Abs 3 iVm § 126 Abs 2 ZPO daher durch Einbringung des Schriftsatzes am 02.01.2019 gewahrt. Der Schriftsatz war aus den im Rekurs genannten Gründen auch zweckmäßig und demgemäß zu honorieren.
Dem Kostenrekurs war daher Folge zu geben und der Kostenzuspruch auf EUR 2.378,48 zu erhöhen.
Die Kostenentscheidung des Rekursverfahrens ist in §§ 41,50 ZPO begründet. Der Erhöhungsbetrag nach § 23a RATG beträgt jedoch nur EUR 2,10, weil ein Kostenrekurs kein verfahrenseinleitender Schriftsatz ist.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit des Revisionsrekurses ist in § 528 Abs 2 Z 3 ZPO begründet.
|
JJT_20201126_LG00239_01900R00031_20Z0000_000
|
ECLI:AT:LG00239:2020:01900R00031.20Z.1126.000
|
19R31/20z
|
Justiz
|
LG Wr. Neustadt
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201126_LG00239_01900R00031_20Z0000_000/JJT_20201126_LG00239_01900R00031_20Z0000_000.html
| 1,606,348,800,000
| 5,412
|
Kopf
Das Landesgericht Wiener Neustadt als Rekursgericht hat durch die Richterin Mag. Schirnhofer als Vorsitzende sowie die Richter MMag. Dr. Sengstschmid und Dr. Kaller-Pröll in der außerstreitigen Wohnrechtssache der Antragstellerin G***** Gmbh, vertreten durch Telos Law Group Winalek, Wutte-Lang, Nikodem, Weinzinger Rechtsanwälte GmbH in Wien, wider die Antragsgegner 1. C*****, 3. Dr. F*****, 4. B***** Gesellschaft m.b.H., 5. Mag. P*****, 6. H*****, 8. U*****, 9. DI (FH) C*****, 10. P*****, 11. Mag. T*****, 12. A*****, 13. N*****, MSc, 15. Ing. C*****, 16. W*****, 17. R*****, 18. P*****, 19. I***** GmbH, 20. S*****, 22. C*****, diese vertreten durch Dr. Michael Tröthandl, Mag. Christina Maria Juritsch, Rechtsanwälte in Baden, 23. H*****, 24. Ing. S*****, 25. Ing. R******, 28. G*****, 29. G*****, 30. B*****, 31. G*****, diese vertreten durch Dr. Michael Tröthandl, Mag. Christina Maria Juritsch, Rechtsanwälte in Baden, 33. S*****, 34. Mag. Dr. P*****, 35. Dipl.-Ing. Dr. O*****, 36. S*****, und 37. M***** GmbH, wegen Beschlussanfechtung, über den Rekurs der Antragstellerin gegen den Sachbeschluss des Bezirksgerichtes Baden vom 21.02.2020, 21 MSch 9/17y (21 MSch 10/17w, 8 MSch 2/17y)-44, in nichtöffentlicher Sitzung den
SACHBESCHLUSS
gefasst:
Spruch
Dem Rekurs wird nicht Folge gegeben.
Die Antragstellerin ist schuldig, den 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen die mit EUR 764,59 (darin EUR 127,49 USt) bestimmten Kosten des Rekursverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Der Wert des Entscheidungsgegenstandes übersteigt jeweils EUR 10.000,00.
Der ordentliche Revisionsrekurs ist jeweils nicht zulässig.
Text
Begründung:
Die Antragstellerin und die Antragsgegner sind die Miteigentümer der Liegenschaft EZ *****. Auf dieser Liegenschaft ist eine Wohnhausanlage errichtet und Wohnungseigentum begründet. Gegenstand des erstgerichtlichen Sachbeschlusses und des Rekurses sind drei verbundene Beschlussanfechtungsverfahren betreffend einerseits einen Beschluss auf Kündigung der bestehenden Hausverwaltung und Bestellung einer neuen Hausverwaltung und andererseits einen Beschluss auf Wiederherstellung der Grundstücksmauer zu einer ebenfalls der Antragstellerin gehörenden Nachbarliegenschaft. Diese Beschlüsse wurden von der Antragstellerin jeweils in einem Beschlussanfechtungsverfahren nach § 24 Abs. 6 WEG angefochten, der zweitgenannte Beschluss auch in einem weiteren Beschlussanfechtungsverfahren nach § 29 Abs 1 WEG. Diese Verfahren wurden in erster Instanz verbunden.
Den beiden Umlaufbeschlüssen lag folgende Vorgangsweise zugrunde: Zunächst wurden einige Mit- und Wohnungseigentümer persönlich kontaktiert und von den beiden ins Auge gefassten Abstimmungen/Beschlussfassungen in Kenntnis gesetzt, was in der Zeit ab 20.02.2017 jedoch nur bei weniger als der Hälfte der Mit- und Wohnungseigentümer gelang. Nachdem die solcherart kontaktierten Wohnungseigentümer abgestimmt hatten, wurde am 13.03.2017 ein Schreiben samt den Abstimmungsunterlagen jenen Mit- und Wohnungseigentümern postalisch übermittelt, die nicht hatten persönlich erreicht werden können. Darin war eine Rücksendefrist bis 30.03.2017 genannt und angeführt, dass danach der Aushang erfolgen werde. Da von acht Mit- und Wohnungseigentümern keine Rückmeldung eingelangt war, wurde diesen am 20.04.2017 ein weiteres Schreiben samt Abstimmungsunterlagen übermittelt, wobei eine Nachfrist bis 05.05.2017 gesetzt wurde. Insgesamt stimmte in diesen drei Phasen der Beschlussfassung jeweils die nach Anteilen berechnete Mehrheit für die in Aussicht genommenen Umlaufbeschlüsse. Der Aushang der Abstimmungsergebnisse erfolgte jeweils am 09.05.2017.
Auf der Liegenschaft stand an der Grenze zu der im Alleineigentum der Antragstellerin stehenden Nachbarliegenschaft ursprünglich eine ca. 2 m hohe Steinmauer. Die Mauer war im Laufe der Jahre zum Großteil eingestürzt, wobei sich zwischen den noch an den beiden Enden der Grenze stehenden Mauerteilen eine ca. 10 m lange Lücke bildete, die eine faktische Durchgangsmöglichkeit zwischen den beiden Liegenschaften bot. Im Jahr 2016 errichtete die Antragstellerin auf der Liegenschaft an der Grenze zur Nachbarliegenschaft zwischen den noch stehenden Teilen der Mauer einen ca. 10 m langen Maschendrahtzaun mit – in Form einer Gartentüre bestehender – Durchgangsmöglichkeit, was einigen Mit- und Wohnungseigentümern missfiel. Im Verfahren 8 C 624/17t des Bezirksgerichtes Baden verpflichtete sich die Antragstellerin mit gerichtlichem Vergleich vom 22.01.2019 gegenüber der 31.-Antragsgegnerin dazu, den von ihr auf der Liegenschaft errichteten Zaun samt Türe, angrenzend zur Nachbarliegenschaft, bis spätestens drei Wochen nach Rechtswirksamkeit des geschlossenen Vergleiches zu beseitigen, wobei dieser Vergleich seit 13.02.2019 rechtswirksam ist. Die Antragstellerin kam der im Vergleich übernommenen Verpflichtung nach und entfernte den Maschendrahtzaun samt Türe, was bedeutet, dass es zwischen den beiden Liegenschaften in jenem Bereich, in dem sich der Zaun befunden hat, keine Grenzeinrichtung mehr gibt.
Zu 21 MSch 9/17y des Erstgerichtes focht die Antragstellerin am 09.06.2017 den Beschluss auf Kündigung der bestehenden Hausverwaltung und Bestellung einer neuen Hausverwaltung wegen formeller Mängel, Gesetzwidrigkeit und Fehlens der erforderlichen Mehrheit an. Der Initiator der Beschlussfassung sei unklar. Es sei anzunehmen, dass dies die beabsichtige zukünftige Hausverwaltung oder ein sonstiger Dritter sei. In den Abstimmungsunterlagen sei darauf hingewiesen worden, dass diese an die neue Hausverwaltung zu übermitteln seien. Die Antragstellerin habe einige Einwände gegen den gegenständlichen Beschluss gehabt und diese im Schreiben vom 02.05.2017 an die genannte Adresse übermittelt. Dieses Schreiben sei eingeschrieben versendet und mit dem Vermerk „nicht behoben“ von der Post retourniert worden. Dadurch sei das Äußerungsrecht der Antragstellerin beschnitten worden. Dieses sei weiters durch die kurze Dauer zwischen der Zustellung und des Schreibens vom 20.04.2017 und dem Ende der Frist für die Abstimmung verletzt worden. Es seien nicht hinreichende Informationen zur Auswahl der Hausverwaltung und zum Vertragsinhalt übermittelt worden. Die Abstimmungsvorgaben seien weiters irreführend gewesen, zumal die Anmerkung „nicht Zutreffendes bitte mit: X“ vorhanden gewesen sei, was jedoch handschriftlich durchgestrichen worden sei. Es sei daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einzelne Wohnungseigentümer nicht so abgestimmt hätten, wie sie es beabsichtigt hätten. Noch dazu seien in den zwei zeitgleich der Abstimmung unterzogenen Umlaufbeschlüssen unterschiedliche Abstimmungsmodalitäten angeführt gewesen. Aufgrund der Nichtannahme des Schriftstücks der Antragstellerin sei davon auszugehen, dass auch weitere Schriftstücke nicht angenommen worden seien, die Stimmen enthielten. Es werde daher bestritten, dass die Auszählung der Stimmen richtig gewesen sei.
Zu 21 MSch 10/17w des Erstgerichts focht die Antragstellerin am 09.06.2017 auch den Beschluss auf Wiederherstellung des Grundstücksmauer aus denselben Gründen an. Zur fehlenden Informationsbereitstellung und Aufklärung brachte sie hier jedoch vor, dass strittig sei, ob sich die ehemals vorhandene Mauer auf der Liegenschaft oder der Nachbarliegenschaft befunden habe. Die Antragstellerin sei der Meinung, dass sich diese Mauer auf der ihr gehörigen Nachbarliegenschaft befunden habe. Sofern der an der Stelle der alten Mauer befindliche Maschendrahtzaun aufgrund des angefochtenen Beschlusses entfernt und an dessen Stelle eine Grundstücksmauer errichtet werde, habe dies Schadenersatzansprüche, Unterlassungsansprüche und Wiederherstellungsansprüche zur Folge, zumal es eine Zustimmung der Hausverwaltung zur Errichtung des derzeit vor Ort befindlichen Maschendrahtzauns gegeben habe. Es habe hinsichtlich des Zauns bereits ein Besitzstörungsverfahren gegeben. Darüber seien die Wohnungseigentümer nicht informiert worden. Weiters sei der Beschlussgegenstand unklar definiert gewesen, weil dem gegenständlichen Umlaufbeschluss ein schwer leserlicher Satz handschriftlich beigefügt worden sei, wonach der Maschendrahtzaun ohne Türe bis zur Erstellung der Mauer erhalten bleiben solle. Es sei nicht nachvollziehbar, wer diesen handschriftlichen Zusatz vorgenommen habe und ob dies mit Zustimmung des Initiators erfolgt sei. Weiters sei unklar, was mit diesem Zusatz gemeint sei. Der derzeit vorhandene Maschendrahtzaun habe eine Türe, weshalb es denkunmöglich sei, diesen Beschlussbestandteil zu vollziehen, ohne Rechtsverletzungen zu begehen. Dieser Beschlussbestandteil fehle auch im ausgehängten Beschluss. Das Vorhaben könne schon aufgrund der zu erwartenden Kosten sowie der zu erwartenden rechtlichen Probleme nicht Gegenstand der ordentlichen Verwaltung sein, es handle sich aber auch nicht um eine Maßnahme der außerordentlichen Verwaltung, sondern um eine Verfügung über die Liegenschaft, die Einstimmigkeit voraussetze. Ein Wiederherstellen der eingestürzten und abgetragenen Mauer sei unmöglich. Weiters existiere das im Beschluss genannte Grundstück Nr. „353/.359“ nicht, sondern lediglich ein Grundstück 353. Weiters liege ein gravierender Verstoß gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit vor. Das auf der Liegenschaft befindliche Gebäude sei in einem äußerst schlechten Zustand, die Erhaltung werde kostenintensive Maßnahmen erforderlich machen. Die Wiederherstellung der Grundstücksmauer sei nicht notwendig und es widerspreche dem Grundsatz der Sparsamkeit diametral, hierfür Geld zu investieren, bevor zwingend Notwendiges durchgeführt werde.
Zu 8 MSch 2/17y des Erstgerichts focht die Antragstellerin am 09.08.2017 diesen Beschluss auch wegen übermäßiger Beeinträchtigung der Antragstellerin und mangelnder Kostendeckung in der Rücklage an. Wenn das Vorhaben im Sinne des Umlaufbeschlusses umgesetzt werde, ohne vorher zu prüfen, auf welcher Liegenschaft sich der Zaun befinde, sei die Antragstellerin der Gefahr ausgesetzt, in ihrem Eigentumsrecht verletzt zu werden. Weiters habe die Errichtung des Maschendrahtzauns auf Basis einer Vereinbarung stattgefunden, von der nicht ohne entsprechende Rechtsgrundlage abgegangen werden könne. Ein Umlaufbeschluss sei nicht geeignet, eine solche Vereinbarung aufzuheben oder zu kündigen. Dies stelle einen erheblichen Nachteil für die Antragstellerin dar, da die Kosten für den Maschendrahtzaun frustriert wären und die Antragstellerin ja persönlich anteilig auch für die Errichtung der Mauer bezahlen müsste. Weiters wäre die Antragstellerin gezwungen, die Umsetzung des Beschlusses durch gerichtliche Maßnahmen abzuwenden. Sie wäre damit quasi auf der Aktiv- und auf der Passivseite an dem Verfahren beteiligt und jedenfalls, unabhängig davon, wie das Verfahren ausgehe, mit Kosten belastet. Das auf der gegenständlichen Liegenschaft befindliche Gebäude sei in einem äußerst schlechten Zustand. Erhaltungs- und Instandhaltungsmaßnahmen seien notwendig, um eine weitere Verschlechterung des Zustandes hintan zu halten und zu verhindern, dass in Zukunft weitere kostenintensivere Maßnahmen notwendig würden, als jetzt bereits ergriffen werden müssten. Diese zwingenden und äußerst dringenden Erhaltungsarbeiten könnten nicht aus der Rücklage bezahlt werden. Die Mit- und Wohnungseigentümer müssten einen erheblichen Geldbetrag zuschießen. Dies sei auch der Grund, weshalb einzelne Wohnungseigentümer diese Instandhaltungs- und Erhaltungsarbeiten blockierten und zu verhindern versuchten. Sie würden Kosten von zumindest EUR 485.000,00 verursachen und wesentlich mehr als die Rücklage betrage. Somit könnten die Kosten der Veränderungen nicht aus der Rücklage gedeckt werden, unabhängig davon, wie hoch diese Kosten seien.
Erst in der Tagsatzung am 15.02.2019 begründete die Antragstellerin ihre Anträge auch damit, es liege ein unzulässiges additives Beschlussverfahren vor.
Die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen beantragten jeweils Antragsabweisung. Dazu legten sie Unterschriftenlisten vor, wonach sich weitere Antragsgegner diesem Begehren angeschlossen hätten.
Mit dem angefochtenen Sachbeschluss wies das Erstgericht alle drei Anträge ab. Es stellte den eingangs (soweit für die Rekursentscheidung wesentlich und unstrittig) zusammengefassten, auf den Seiten 13 bis 30 der Beschlussausfertigung ersichtlichen Sachverhalt fest und erkannte rechtlich: Die 1.-. 8.-, 10.-, 11.-, 12.-, 13.-, 14.-, 15.-, 22.-, 23.-, 30.-, 31.-, 32.- und 33.-Antragsgegner sowie die seinerzeitigen Mit- und Wohnungseigentümer S*****, K.P***** und W.P***** hätten durch Ankreuzen des „ja“ bzw. Durchstreichen des „nein“ und „Enthaltungen“ im Hinblick darauf, dass die Zeile „nicht Zutreffendes bitte mit: X“ durchgestrichen gewesen sei, in objektiver Hinsicht klar und zweifelsfrei zum Ausdruck gebracht, dass sie bei beiden Abstimmungen für den Gegenstand der Beschlussfassung stimmen wollten. Es ergebe sich daher bei beiden Abstimmungsgegenständen eine Mehrheit für den Gegenstand der Beschlussfassung. Nach den Feststellungen seien als Initiatoren Mit- und Wohnungseigentümer aufgetreten. Da der Antragstellerin das erste Schreiben bereits am 22.03.2017 zugegangen sei, sei ihr unter Berücksichtigung der gesetzten „Nachfrist“ bis 05.05.2017 tatsächlich eine ausreichend lange Überlegungs- und Entscheidungsfrist von mehr als sechs Wochen zur Verfügung gestanden. Es wäre an der Antragstellerin selbst gelegen, ab 22.03.2017 für ihren Standpunkt zu werben und sich Gehör bei den anderen Mit- und Wohnungseigentümern zu verschaffen, was sie – durch Übersendung ihres Schreiben vom 02.05.2017 – jedoch nur gegenüber der 13.-Antragsgegnerin (nicht auch gegenüber den übrigen Mit- und Wohnungseigentümern) getan habe. Es sei weder die Aufgabe der Initiatoren noch jene der neu in Aussicht genommenen Verwalterin gewesen, die schriftliche Äußerung der Antragstellerin an die anderen Mit- und Wohnungseigentümer weiterzuleiten oder diese auf sonstige Weise darüber in Kenntnis zu setzen, welche Meinung die Antragstellerin zu den beiden Beschlussfassungen vertrete. Die Äußerung der Antragstellerin sei im Übrigen kurz vor dem Ende der „Nachfrist“ erfolgt, weshalb es sich für die Initiatoren und die in Aussicht genommene Verwalterin innerhalb der gesetzten „Nachfrist“ gar nicht mehr ausgegangen wäre, das Schreiben der Antragstellerin weiterzuleiten bzw. die anderen Mit- und Wohnungseigentümer von deren Standpunkt in Kenntnis zu setzen. Die Behauptung, der mit der „neuen Hausverwaltung“ geschlossene Vertrag sei „in einigen Bereichen sehr nachteilig“, sei für das Verfahren ohne Relevanz, zumal es der Eigentümergemeinschaft unbenommen sei, einen für sie nicht (bzw. weniger) vorteilhaften Vertrag zu schließen. Bei der Abstimmung sei den Wohnungseigentümern u.a. der Verwaltungsvertrag zur Verfügung gestanden. Der Antragstellerin sei daher bekannt gewesen, zu welchen Konditionen die neue Hausverwaltung bestellt werden solle und sie habe damit über alle für die Ausübung des Stimmrechts erforderlichen Informationen verfügt. Entgegen der Ansicht der Antragstellerin sei es nicht erforderlich, dass die Initiatoren die übrigen Wohnungseigentümer in die Vertragsverhandlungen mit einbeziehen würden oder zum Zwecke der Bestellung einer Hausverwaltung eine Ausschreibung vornähmen. Auf die Behauptung, es sei ein unzulässiges additives Beschlussverfahren durchgeführt worden, sei nicht einzugehen, weil das diesbezügliche Vorbringen erst in der Tagsatzung am 15.02.2019 und damit außerhalb der Frist des § 24 WEG erstattet worden sei. Da es zwischen der Liegenschaft und der Nachbarliegenschaft keine Grenzeinrichtung mehr gebe, stelle es ein berechtigtes Interesse eines jedes Liegenschaftseigentümers dar, eine solche zu errichten, was auch in der in § 858 ABGB normierten Pflicht, wonach jeder Eigentümer verbunden sei, auf der rechten Seite seines Haupteingangs für die nötige Einschließung seines Raumes und die Abteilung vom fremden Raum zu sorgen, zum Ausdruck komme. Vor diesem Hintergrund erweise sich das Wiederherstellen der (ursprünglich über die ganze Länge vorhandenen) Grundstücksmauer als Maßnahme der ordentlichen Verwaltung. Im Übrigen seien dazu, welche (baulichen/bautechnischen) Maßnahmen zur Sanierung des Mehrparteienwohnhauses erforderlich seien und was das Setzen der erforderlichen Sanierungsmaßnahmen kosten würde, welche Kosten mit der Wiederherstellung der Grundstücksmauer verbunden wären und welche finanziellen Mittel der Eigentümergemeinschaft „zur Vorsorge für künftige Aufwendungen“ aktuell zur Verfügung stünden, Negativfeststellungen getroffen worden, was sich zu Lasten der für das Vorliegen der Tatbestandsvoraussetzungen des § 29 Abs. 2 WEG behauptungs- und beweispflichtigen Antragstellerin auswirke.
Rechtliche Beurteilung
Dagegen richtet sich der rechtzeitige Rekurs der Antragstellerin mit dem Antrag, den angefochtenen Sachbeschluss im den Anträgen der Antragstellerin stattgebendem Sinn abzuändern. Hilfsweise wird ein Aufhebungs- und Zurückverweisungsantrag gestellt.
Die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen beantragen, dem Rekurs nicht Folge zu geben.
Der Rekurs ist nicht berechtigt.
Mit ihrer Beweisrüge bekämpft die Rekurswerberin zunächst folgende Feststellungen:
„Aus diesem Grund beschlossen die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen in Abstimmung mit den 13.- und 15.-Antragsgegnerinnen sowie den damaligen Mit- und Wohnungseigentümern K.P***** und W.P***** eine weitere Beschlussfassung betreffend die Umbestellung der Hausverwaltung vorzubereiten und in die Wege zu leiten.“
„Aus diesem Grund beschlossen die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen auch eine Beschlussfassung betreffend die Wiederherstellung der Grundstücksmauer vorzubereiten und in die Wege zu leiten.“
„Den gesamten für die Vorbereitung (und spätere Auswertung) der beiden den Gegenstand dieses Verfahrens bildenden Beschlussfassungen erforderlichen organisatorischen Aufwand teilten sich die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen auf.“
Sie begehrt folgende Ersatzfeststellung:
„Die Schreiben vom 13.03.2017 und vom 20.04.2017 sowie die Abstimmungsbögen haben keine Information dahingehend beinhaltet, ob und welche Mit- und Wohnungseigentümer die Abstimmung initiiert haben. Es wurde ausschließlich eine dritte Person, nämlich die N***** GmbH, auf diesen Dokumenten genannt. Die N***** GmbH war die Initiatorin der verfahrensgegenständlichen Beschlussfassungen.“
Hilfsweise begehrt sie eine Negativfeststellung wie folgt:
„Es kann nicht festgestellt werden, wer Initiator der Beschlussfassungen war. Die Schreiben vom 13.03.2017 und vom 20.04.2017 sowie die Abstimmungsbögen haben keine Information dahingehend beinhaltet, ob und welche Mit- und Wohnungseigentümer die Abstimmung initiiert haben. Es wurde ausschließlich eine dritte Person, nämlich die N***** GmbH, auf diesen Dokumenten genannt.“
Dazu zitiert sie die Aussagen mehrerer Wohnungseigentümer sowie des Geschäftsführers der potentiellen neuen Hausverwaltung. Die potentielle neue Hausverwaltung sei laut Aussage ihres Geschäftsführers sehr intensiv in die Beschlussfassung eingebunden gewesen. Sie sei als einzig möglicher Ansprechpartner im Begleitschreiben für die Beschlussfassungen erwähnt gewesen und habe den 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen nach Aussage ihres Geschäftsführers Muster für die Umlaufbeschlüsse zur Verfügung gestellt. Da er sich an Umstände, die den Standpunkt der neuen Hausverwaltung geschwächt hätten, nicht mehr erinnern habe können, handle es sich um einen äußerst unglaubwürdigen Zeugen. Dennoch ergebe sich eindeutig, dass die Hausverwaltung massiv in die Beschlussfassungen eingebunden gewesen sei. Aus den weiteren Aussagen ergebe sich, dass in keiner Weise nachvollziehbar sei, wer tatsächlich die Beschlussfassung initiiert habe. Der einzig konstante Faktor sei jedoch die neue Verwaltung gewesen. Das Erstgericht stelle bei der Beweiswürdigung auf einige wenige Aussagen ab, aus denen die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen als Initiatoren hervorgegangen seien, diese seien aber selbst weder als Initiatoren erkennbar gewesen noch seien sie als Initiatoren genannt worden. Sie hätten sich selbst nicht als alleinige Initiatoren gesehen und dies weder ausgesagt noch vorgebracht.
Dazu ist festzuhalten, dass auf Basis der im Verfahren getätigten Aussagen die bekämpften Feststellungen keinen Bedenken begegnen. Vielmehr lässt sich bereits aus den von der Rekurswerberin zitierten Aussagen in Zusammenschau ohne Weiteres der Inhalt der bekämpften Feststellungen ableiten. Gemeinsam ist nämlich all diesen Aussagen, dass die 22.- und die 31.-Antragsgegenerinnen (zumindest auch) als Inititatorinnen genannt werden. Abweichungen gab es nur insofern, als in einigen Aussagen jeweils noch zusätzliche Mit- und Wohnungseigentümer als weitere Initiatoren genannt wurden. Dieser Umstand spricht nun keineswegs gegen die Glaubwürdigkeit der vernommenen Personen, sondern in Zusammenschau der Aussagen dafür, dass es eine Gruppe gab, die die Beschlussfassungen in die Wege leitete, wobei jedoch die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen als maßgebliche Initiatorinnen auftraten. Ob nun auch noch weitere Mit- und Wohnungseigentümer – entsprechend mancher Aussagen – als weitere Initiatoren zu werten sind, ist rechtlich irrelevant, zumal aus allen Aussagen mit hinreichender Deutlichkeit hervorgeht, dass jedenfalls nicht die in Aussicht genommene Verwalterin (also ein externer Dritter) die Initiative zur Beschlussfassung ergriffen hat. Wenn das Gericht weiters auch seine eigenen Wahrnehmungen von Vorsprachen der 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen bei Gericht als weiteres Indiz für ihre Initiatorinnenstellung verwertete, ist dies ebenfalls nicht zu beanstanden. Im Übrigen begehrt die Rekurswerberin lediglich Feststellungen dazu, was aus den schriftlichen Abstimmungsunterlagen ersichtlich war. Diese Feststellungen hat das Erstgericht aber ohnehin getroffen, dies dadurch, dass es die Abstimmungsunterlagen zum Bestandteil des Sachverhalts erklärt und dem Sachbeschluss angeschlossen hat.
Insgesamt vermag die Rekurswerberin sohin den bekämpften Feststellungen nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen.
Die Rekurswerberin bekämpft weiters folgende Feststellungen:
„Die Rücklage der Eigentümergemeinschaft wies zum 31.12.2017 einem Stand von EUR 6.062,19 auf, wobei nicht festgestellt werden kann, wie sich die in der Rücklage zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel in der Zeit seither entwickelt haben.
Das auf der Liegenschaft errichtete Mehrparteienwohnhaus ist sanierungsbedürftig, wobei nicht festgestellt werden kann, welcher konkrete Sanierungsbedarf besteht und was das Setzen der erforderlichen Sanierungsmaßnahmen kosten würde.
Es kann nicht festgestellt werden, welche Kosten mit der – den Gegenstand einer der beiden Beschlussfassungen bildenden – Wiederherstellung der (ursprünglich vorhandenen) Grundstücksmauer verbunden wären.“
Ersatzweise begehrt sie folgende Feststellungen:
„Die Rücklage der Eigentümergemeinschaft wies zum 31.12.2017 einen Stand von EUR 6.062,19 auf und wies im Zeitpunkt der Beschlussfassung etwa dieselbe Höhe auf. Diese hat sich seither nicht wesentlich verändert bzw. kann nicht festgestellt werden, dass sie höher wurde.
Das auf der Liegenschaft errichtete Mehrparteienwohnhaus ist sanierungsbedürftig. Die Sanierungskosten betragen etwa EUR 1 Mio.
Die – den Gegenstand einer der beiden Beschlussfassungen bildende – Wiederherstellung der (ursprünglich vorhandenen) Grundstücksmauer würde EUR 10.800,00 kosten.“
Das Erstgericht lasse in der Beweiswürdigung durchblicken, dass übereinstimmend ausgesagt worden sei, dass gravierende Sanierungsmaßnahmen notwendig seien. Da es sich bei den aussagenden Personen um technische Laien gehandelt habe, sei das Erstgericht davon ausgegangen, dass diese Aussagen nicht glaubwürdig gewesen seien und, dass keine seriösen Auskünfte erteilt worden seien, um konkrete Feststellungen zu treffen. Es möge zwar stimmen, dass die einzelnen Parteien und Zeugen keine relevanten technischen Ausbildungen genossen hätten, um die gestellten Fragen ausführlich zu beantworten. Es sei jedoch nicht um eine exakte Bewertung wie durch einen Sachverständigen gegangen, sondern vielmehr um eine ungefähre Größenordnung, um zu beurteilen, ob der Beschluss anfechtbar sei oder nicht, weil die Kosten für die Wiederherstellung nicht aus der Rücklage gedeckt werden können und beträchtliche weitere Ausgaben zu tätigen seien, um ernste Schäden vom Haus abzuwenden. Aus den – näher zitierten – Aussagen der vernommenen Personen sowie den Urkunden ./M und ./9 ergäben sich die begehrten Ersatzfeststellungen.
Da das Rekursgericht – wie im Rahmen der Behandlung der Rechtsrüge noch zu zeigen sein wird – die Beurteilung des Erstgerichtes, wonach es sich bei der Wiederherstellung der Mauer um eine Maßnahme der ordentlichen Verwaltung handelt, für zutreffend erachtet, erweisen sich die bekämpften Negativfeststellungen jedoch nicht als relevant.
Rechtliche Beurteilung:
In ihrer Rechtsrüge meint die Rekurswerberin zunächst, bei der ihr zur Äußerung zur Verfügung gestandenen Zeit sei nicht der Zeitraum ab dem 22.03.2017, sondern lediglich jener ab dem 21.04.2017 zu berücksichtigen. Es sei ihr gutes Recht gewesen, von ihrer Abstimmungsmöglichkeit nach dem ersten Schreiben keinen Gebrauch zu machen. Wenn eine Nachfrist gewährt werde, müsse davon ausgegangen werden, dass sämtliche Mit- und Wohnungseigentümern erneut eine Abstimmungsmöglichkeit erhielten. In einem solchen Fall stehe es der Antragstellerin zu, die Meinung zu ändern und doch mitzustimmen. Hiervon seien auch das Recht und die Möglichkeit umfasst, von nun an für die eigene Ansicht einzutreten. Die 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen hätten über einen größeren Zeitraum hinweg die Beschlussfassung geplant und über einen Zeitraum von mehr als zweieinhalb Monaten für den eigenen Standpunkt geworben und immer weitere Versuche unternommen, um die erforderliche Mehrheit zu erlangen. Die Antragstellerin habe jedoch erst mit der Fassung ihres Entschlusses, mitzustimmen und für den eigenen Standpunkt zu werben, Zeit, um herauszufinden, wer die Initiatoren gewesen seien und um mit den einzelnen Mit- und Wohnungseigentümern in Kontakt zu treten. Wie an der großen Anzahl von Antragstellern und -gegnern ersichtlich sei, sei es faktisch unmöglich, in einem derart kurzen Zeitraum an alle Mit- und Wohnungseigentümer heranzutreten. Dies sei auch dem Umstand geschuldet, dass die im Grundbuch ersichtlichen Adressen häufig nicht mehr den tatsächlichen Anschriften der Mit- und Wohnungseigentümer entsprächen. Die eingeräumte Frist seit somit wesentlich zu kurz bemessen gewesen, um der Antragstellerin ihr Anhörungsrecht zu gewähren. Es sei außerdem den Feststellungen nicht zu entnehmen, dass allen Mit- und Wohnungseigentümern die Gelegenheit zu einer Äußerung gegeben worden sei. Schon aus diesem Grund seien die Beschlüsse nicht wirksam zustande gekommen.
Diesen Ausführungen ist nicht zu folgen. Selbst wenn man lediglich den Zeitraum 21.04.2017 bis 05.05.2017 heranzieht, erscheint es ohne weiteres möglich, etwa von der bisherigen Verwalterin eine aktuelle Adressenliste zu erlangen und dadurch mit sämtlichen Mit- und Wohnungseigentümern innerhalb der Frist Kontakt aufzunehmen. Durch die Länge der Abstimmungsfrist wurde daher das Anhörungsrecht der Antragstellerin hinreichend gewahrt. Nach den Feststellungen wurde im Übrigen an sämtliche Mit- und Wohnungseigentümer, die nicht persönlich angetroffen werden konnten, das Schreiben vom 13.03.2017 übermittelt. Damit hatten sämtliche Mit- und Wohnungseigentümer Gelegenheit zu einer Äußerung.
Die Rekurswerberin meint weiter, dadurch, dass zunächst persönlich mit Mit- und Wohnungseigentümern in Kontakt getreten worden sei, um Stimmen zu bekommen (Abstimmungsabschnitt 1), dann das Schreiben vom 13.03.2017 mit den Abstimmungsbögen (Abstimmungsabschnitt 2) sowie schließlich das Schreiben vom 20.04.2017 mit den Abstimmungsbögen (Abstimmungsabschnitt 3) gesendet worden sei, handle es sich um ein unzulässiges additives Beschlussfassungsverfahren. Es sei unrichtig, dass das diesbezügliche Vorbringen nicht zu berücksichtigen sei. Ein additives Beschlussverfahren habe den Zweck, die erforderliche Mehrheit zu erreichen. Sie habe bereits im Antrag vorgebracht, dass die notwendigen Stimmen nicht erreicht worden seien und dargelegt, weshalb sie dieser Ansicht sei. Richtig sei, dass sie damals das additive Beschlussverfahren nicht erwähnt habe, sie habe jedoch auch nicht wissen können, dass ein solches Beschlussverfahren stattgefunden habe. Wesentlich sei, dass sie vorgebracht habe, dass die erforderliche Mehrheit nicht erreicht worden sei. Die Begründung, weshalb die Mehrheit nicht erreicht worden sei, sei zwar notwendig, um das Nichterreichen der Mehrheit darzulegen. Sei sie aber aus einem anderen Grund nicht erreicht worden, mache dies im Ergebnis keinen Unterschied. Der Grund für das Nichterreichen der Mehrheit sei nicht wesentlich, sondern der Umstand, dass die Mehrheit nicht erzielt worden sei. Gerade bei additiven Beschlussverfahren sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Mit- und Wohnungseigentümer keine Kenntnis von diesem Umstand erlangten. Eine andere Rechtsansicht als die der Rekurswerberin/Antragstellerin würde einem Missbrauch dieser Ansicht und damit einem geheimen additiven Beschlussverfahren wie im gegenständlichen Fall Tür und Tor öffnen. Die Rechtsansicht des Erstgerichtes zu der in § 24 Abs. 6 WEG normierten Dispositionsmaxime sei verfehlt, da die Präklusionsvorschrift ihrer Ratio nach der Verfahrensbeschleunigung durch Hintanhaltung einer etwaigen Verschleppungsabsicht diene. Tatbestandsvoraussetzung einer solchen Präklusion sei daher jedenfalls, dass der Antragsteller vor Ablauf der Frist des § 24 WEG überhaupt imstande gewesen sei, einen konkreten Anfechtungsgrund sofort geltend zu machen. Die Rekurswerberin habe erst durch das in der Tagsatzung vom 15.02.2019 durchgeführte Beweisverfahren, nämlich durch die Aussage der 22.- und 31.-Antragsgegnerinnen, Kenntnis über den konkreten Ablauf des Abstimmungsverfahrens erlangt, weshalb auch das entsprechende Vorbringen zum unzulässigen additiven Beschlussverfahren zum frühestmöglichen Zeitpunkt erstattet worden sei. Zu einem wesentlichen Teil sei den Mit- und Wohnungseigentümern das gegenständliche Abstimmungsverfahren erst mit dem Schreiben vom 13.03.2017 zur Kenntnis gelangt. Die zuvor eingeholten Abstimmungsbögen seien daher nicht mitzuzählen. Da die Antragstellerin und die anderen Wohnungseigentümer, denen dieses Schreiben vom 13.03.2017 und vom 20.04.2017 zugestellt worden sei, nicht wissen hätten können, dass bereits zuvor Versuche unternommen worden seien, einen Umlaufbeschluss zu erzielen, hätten die zuvor persönlich eingeholten Stimmen unberücksichtigt zu bleiben. Daraus ergebe sich (aus näher ausgeführten Gründen), dass die erforderliche Mehrheit nicht erreicht worden sei und nicht alle Mit- und Wohnungseigentümer in das Beschlussverfahren einbezogen worden seien. Es hätten zumindest zwei unabhängig zu betrachtende Beschlussverfahren stattgefunden. Als sekundärer Feststellungsmangel werde in diesem Zusammenhang das Fehlen folgender Feststellung gerügt:
„Die 1., 8., 10., 13., 15., 22., 23., 31., 32. und 33. Antragsgegner sowie die seinerzeitigen Mit- und Wohnungseigentümer K.P***** und W.P***** hatten mehr als 50 % der Miteigentumsanteile.“
Dazu ist zunächst festzuhalten, dass es der begehrten zusätzlichen Feststellung schon deshalb nicht bedarf, weil das Erstgericht die Anteile der einzelnen Wohnungseigentümer dadurch zum Gegenstand des festgestellten Sachverhalts gemacht hat, dass es einen Grundbuchsauszug per 01.06.2017 zum Bestandteil desselben erklärt und dem angefochtenen Sachbeschluss angeschlossen hat.
Im Übrigen ist das Erstgericht völlig zutreffend davon ausgegangen, dass der Anfechtungsgrund des Vorliegens eines additiven Beschlussanfechtungsverfahrens verfristet ist: Nach ständiger Judikatur gilt auch für die Anfechtung formeller Mängel gemäß § 24 Abs. 6 WEG entsprechend der Dipositionsmaxime, dass der Antragsteller den bestimmten Rechtsgrund, auf den er die Anfechtung stützt, anzuführen und das Gericht nicht von sich aus auch völlig andere Tatbestandsvoraussetzungen zu prüfen hat. Verspätet geltend gemachte („nachgeschobene“) Anfechtungsgründe sind auch bei der Berufung auf die Rechtsunwirksamkeit des Beschlusses wegen formeller Mängel präkludiert (RIS-Justiz RS0130835). Dass ein unzulässiges additives Beschlussfassungsverfahren vorliege, wurde von der Antragstellerin erstmals in der Tagsatzung am 15.02.2019, sohin weit außerhalb der einmonatigen Anfechtungsfrist, behauptet. Dass ihr dieser Umstand erst zu diesem Zeitpunkt erkennbar gewesen wäre, ist unrichtig, weil spätestens durch die Äußerung der 31. Antragsgegnerin vom 15.09.2017, ON 5, dieser Umstand klargestellt war. Unabhängig davon musste die Antragstellerin aber bereits aus der ihr gesetzten „Nachfrist“ vermuten, dass lediglich jene Wohnungseigentümer nochmals zu ihrer Stimmabgabe aufgefordert wurden, die sich bisher nicht geäußert hatten. Schon deshalb musste ein additives Beschlussfassungsverfahren nahe liegen.
Das Vorbringen, es sei nicht die erforderliche Mehrheit erzielt worden, umfasst keineswegs auch die Behauptung, die erforderliche Mehrheit sei zwar erzielt worden, dies jedoch lediglich auf Basis eines unzulässigen additiven Beschlussfassungsverfahrens. Ob bei der Auszählung der Stimmen ein Fehler passiert ist, ist deutlich davon zu unterscheiden, ob durch ein additives Beschlussfassungsverfahren die Anhörungsrechte der Wohnungseigentümer im Zuge der Beschlussfassung verletzt wurden.
Völlig zutreffend ist das Erstgericht daher davon ausgegangen, dass der diesbezügliche Anfechtungsgrund präkludiert und nicht zu prüfen war.
Unzutreffend ist auch die Ansicht, die vor dem Schreiben vom 13.03.2017 eingelangten Stimmen wären nicht zu zählen. Vielmehr entspricht es gerade dem Wesen eines Umlaufbeschlusses, dass die einzelnen Abstimmenden nicht zwingend zur selben Zeit von der Abstimmung informiert werden müssen und auch bereits abgegebene Stimmen vorliegen können, wenn andere Personen erstmals von der Abstimmungsmöglichkeit informiert werden. Allein daraus kann sohin nicht auf getrennte Abstimmungsverfahren oder die Ungültigkeit der vor Verständigung des letzten Wohnungseigentümers abgegebenen Stimmen geschlossen werden.
Die Rekurswerberin meint weiters, dass das Entfernen des Maschendrahtzauns während der Dauer des gegenständlichen Verfahrens nicht ausreiche, die Berechtigung der auf § 29 WEG gestützten Anträge zu verneinen. Bei der Beurteilung der Beschlussfassung und der Anträge komme es auf den Zeitpunkt der Beschlussfassung und der Antragstellung an. Zu diesem Zeitpunkt seien Verstöße gegen § 29 Abs. 2 WEG vorgelegen, weshalb der Beschluss aufzuheben sei. Der Umstand, dass zwischen den Liegenschaften ein Maschendrahtzaun situiert gewesen sei, betreffend den es rechtliche Auseinandersetzungen gegeben habe, habe dazu geführt, dass es sich beim gegenständlichen Beschluss zur Wiederherstellung der Mauer um eine Maßnahme der außerordentlichen Verwaltung gehandelt habe. Als Maßnahme der ordentlichen Verwaltung seien solche anzusehen, die der Erhaltung und Verwaltung des gemeinsamen Gutes dienten, die sich im gewöhnlichen Verlauf der Dinge als notwendig oder zweckmäßig erwiesen oder im Interesse aller Miteigentümer lägen. Zu den Maßnahmen der ordentlichen Verwaltung gehörten demnach sowohl ständig wiederkehrende Ausbesserungen als auch notwendige Instandsetzungsarbeiten, worunter auch bauliche Veränderungen fielen, die nicht über den bloßen Erhaltungszweck hinausgingen. Bei der Beschlussfassung über die Wiederherstellung einer Mauer und der dadurch notwendigen Entfernung eines Maschendrahtzauns, betreffend dessen Existenz rechtliche Unklarheiten bestünden, handle es sich eindeutig nicht um eine solche ordentliche Verwaltung, sondern um eine außerordentliche Verwaltung. In diesem Zusammenhang rügt die Rekurswerberin noch als sekundären Feststellungsmangel das Fehlen folgender Feststellungen:
„Zwischen der verfahrensgegenständlichen Liegenschaft und der Nachbarliegenschaft war im Zeitpunkt der Beschlussfassung ein Maschendrahtzaun situiert. An der Stelle, an der sich dieser Maschendrahtzaun befand, soll die Mauer wiederhergestellt werden. Betreffend den Maschendrahtzaun gab es rechtliche Differenzen zwischen der Antragstellerin und anderen Mit- und Wohnungseigentümern. Im Zeitpunkt der Beschlussfassung war unklar, welche rechtlichen Probleme bei der Wiederherstellung der Mauer und der damit verbundenen Notwendigkeit der Entfernung des Zaunes auftreten würden.“
Diesen Ausführungen ist nicht zuzustimmen. Richtig ist zwar, dass es nicht hinreicht, die nachträgliche Entfernung des Maschendrahtzauns während des laufenden Verfahrens festzustellen. Vielmehr kann die Frage, ob es sich um ordentliche oder außerordentliche Verwaltung gehandelt hat, nur bezogen auf den Zeitpunkt der angefochtenen Beschlussfassung geprüft werden.
Entgegen der Ansicht der Rekurswerberin kann es für die Qualifikation als außerordentliche Verwaltung aber nicht hinreichen, dass es rechtliche Auseinandersetzungen betreffend den Maschendrahtzaun gab. Auch der gerügte sekundäre Feststellungsmangel liegt daher nicht vor.
Auszugehen ist davon, dass die Erhaltung einer an der Grenze der Liegenschaft, aber noch auf dieser befindlichen Mauer gemäß § 28 Abs. 1 Z 1 WEG in den Bereich der ordentlichen Verwaltung fällt. Dies gilt zweifelsfrei auch dann, wenn die Mauer auf einem Teilbereich bereits eingestürzt war und Teile abgetragen wurden.
Zu prüfen ist daher lediglich, ob der Umstand, dass die Antragstellerin in diesem Bereich einen Maschendrahtzaun errichtet hatte, der für die Wiedererrichtung der Mauer entfernt werden musste, eine Einordnung in den Bereich der außerordentlichen Verwaltung gebietet. Das Erstgericht hat keine Feststellungen dazu getroffen, ob der Zaun mit Zustimmung der (bisherigen) Hausverwaltung errichtet wurde, wie dies von der Antragstellerin behauptet wurde. Eine derartige Feststellung ist jedoch auch nicht relevant: Bereits nach dem Vorbringen der Antragstellerin wurde der Maschendrahtzaun nämlich nicht als Verwaltungshandlung im Interesse sämtlicher Miteigentümer, sondern primär im Interesse der Antragstellerin selbst, die ja auch Miteigentümerin der Nachbarliegenschaft ist und in der Abgrenzung eine Türe haben wollte, errichtet. Auf diese Errichtung war daher § 16 WEG anzuwenden, weshalb auch die Zustimmung der durch den Verwalter vertretenen Eigentümergemeinschaft nicht ausreichen konnte; vielmehr hätte es einer Zustimmung aller anderen Mit- und Wohnungseigentümer oder deren Ersetzung durch gerichtlichen Sachbeschluss bedurft. Dementsprechend ergibt sich bereits aus dem Vorbringen der Antragstellerin selbst, dass der Maschendrahtzaun widerrechtlich errichtet worden war.
Der Umstand, dass für die Wiedererrichtung der Mauer ein widerrechtlich errichteter Maschendrahtzaun zu entfernen war, rechtfertigt jedoch nicht die Einordnung der Maßnahme als außerordentliche Verwaltung. Wie vor der Wiedererrichtung der Mauer der rechtmäßige Zustand herzustellen war, war nicht Gegenstand des angefochtenen Beschlusses, der auch keine Frist für die Wiederherstellung der Mauer enthielt. Es war nach dem angefochtenen Beschluss daher Sache der Verwalterin, die erforderlichen Schritte auszuwählen, um den rechtmäßigen Zustand durch Entfernen des Zaunes herzustellen und danach die Wiederherstellung der Mauer in Angriff zu nehmen.
Dementsprechend ist sohin von ordentlicher Verwaltung auszugehen, weshalb die Argumentation der Rekurswerberin zur mangelnden Deckung der Kosten in der Rücklage ins Leere geht.
Schließlich rügt die Rekurswerberin als sekundären Feststellungsmangel das Fehlen folgender Feststellungen:
„Die Schreiben vom 13.03.2017 und vom 20.04.2017 sowie die Abstimmungsbögen haben keine Information dahingehend beinhaltet, ob und welche Mit- und Wohnungseigentümer die Abstimmung initiiert haben. Es wurde ausschließlich eine dritte Person, nämlich die N***** GmbH auf diesen Dokumenten genannt.“
Dazu ist abermals darauf zu verweisen, dass der Inhalt der genannten Schreiben sowie der Abstimmungsbögen vom Erstgericht ohnehin zum Gegenstand von Feststellungen gemacht wurde. Ein sekundärer Feststellungsmangel liegt daher nicht vor.
Weiters macht die Rekurswerberin auch das Fehlen der im Rahmen der Beweisrüge zur Höhe der Rücklage, der Sanierungskosten und der Kosten der Wiederherstellung der Mauer als sekundären Feststellungsmängel geltend.
Abgesehen davon, dass zu diesen Themen Negativfeststellungen getroffen wurden, die zutreffend mit Beweisrüge bekämpft wurden, ist auch hier abermals auf die fehlende Relevanz der gewünschten Feststellungen hinzuweisen.
Dem Rekurs war daher insgesamt ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 52 Abs 2 WEG iVm § 37 Abs 3 Z 17 MRG. Es entspricht der Billigkeit, den obsiegenden Antragsgegnerinnen den Ersatz der Rekursbeantwortungskosten zuzusprechen. Der Streitgenossenzuschlag beträgt jedoch nur 10 %, weil von den Antragsgegnervertretern lediglich zwei Antragsgegnerinnen gegenüber einer Antragstellerin vertreten wurden.
Der Bewertungsausspruch ist darin begründet, dass aufgrund der Größe der Liegenschaft mit einem EUR 10.000,00 übersteigenden Hausverwaltungshonorar innerhalb kurzer Zeit zu rechnen ist. Hinsichtlich der Gartenmauer ist nach den Verfahrensergebnissen davon auszugehen, dass die Wiedererrichtung derselben Kosten von über EUR 10.000,00 erfordern wird.
Der Ausspruch über die Unzulässigkeit des ordentlichen Revisionsrekurses ist im § 62 Abs 1 AußStrG iVm § 52 Abs 2 WEG und § 37 Abs 3 Z 16 MRG und im Fehlen einer erheblichen Rechtsfrage begründet.
|
JJT_20200518_LG00239_05800R00027_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00239:2020:05800R00027.20Y.0518.000
|
58R27/20y
|
Justiz
|
LG Wr. Neustadt
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200518_LG00239_05800R00027_20Y0000_000/JJT_20200518_LG00239_05800R00027_20Y0000_000.html
| 1,589,760,000,000
| 2,100
|
Kopf
Das
Landesgericht Wiener Neustadt
als Rekursgericht hat durch den Richter Mag. Edelmann als Vorsitzenden sowie die weiteren Richter Mag. Schirnhofer und MMag. Hornberg in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. O... S..., 2. F... S..., beide ..., beide vertreten durch Urbanek & Rudolph Rechtsanwälte OG in St. Pölten, wider die beklagte Partei Mag. M... B..., MBA, ..., wegen Besitzstörung, über Rekurs der klagenden Parteien gegen den Endbeschluss des Bezirksgerichts Neunkirchen vom 16.1.2020, 18 C 95/19k-9 in nicht öffentlicher Sitzung den
BESCHLUSS
gefasst:
Spruch
Dem Rekurs wird nicht Folge gegeben.
Die klagenden Parteien haben die Kosten ihres Rechtsmittels selbst zu tragen.
Der Revisionsrekurs ist jedenfalls unzulässig.
Text
BEGRÜNDUNG:
Die Kläger sind Besitzer des Grundstücks ... der EZ ... KG ... Sie bieten auf ihrem Grundstück Abstellmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge an, welche gegen die Entrichtung einer Parkgebühr von EUR 2,-- für 4 Stunden und danach EUR 0,50 für jede weitere Stunde genutzt werden können. Diese Gebührenpflicht wird durch Schilder und einen Parkautomaten erkenntlich gemacht. Der Beklagte hat am 20.10.2019 seinen PKW Jeep mit dem polizeilichen Kennzeichen ... auf dem im Eigentum der Kläger stehenden Grundstück ... ab 12.30 Uhr abgestellt und dort für zumindest eine Stunde geparkt, ohne hierfür Parkgebühr zu entrichten. Die Kläger hinterließen am 20.10.2019 ein Schreiben an der Windschutzscheibe des Kraftfahrzeugs des Beklagten mit folgendem Text: „[…] An den/die Halter/in des KFZ mit dem Kennzeichen: Sie haben Ihr KFZ, mit dem Kennzeichen ... auf unserem Privatbesitz abgestellt, ohne die vereinbarte Gebühr am dafür vorgesehenen Automaten zu bezahlen. Damit haben Sie mich in meinem ruhigen Besitz gestört. Um Ihnen die Unannehmlichkeiten einer Besitzstörung und den damit verbundenen erheblichen Kosten zu ersparen, wird Ihnen die Möglichkeit gegeben, mit der Überweisung eines Betrags von EUR 100,-- als Bearbeitungskosten auf das Konto […] binnen 3 Tagen ab heute, diesen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. […] Sollte der Betrag nicht binnen 3 Tagen auf dem genannten Konto einlangen, werden zivilrechtliche Ansprüche gegen Sie geltend gemacht. Mit freundlichen Grüßen, Die Grundeigentümer. P.S. Bitte nehmen Sie von einer persönlichen Kontaktaufnahme Abstand, da dann jedenfalls eine Besitzstörungsklage eingereicht wird.“ Der Beklagte zahlte den Betrag nicht und nahm im Hinblick auf die Klagsandrohung auch Abstand von einer persönlichen Kontaktaufnahme. Mit Schreiben vom 13.11.2019 wurde der Beklagte von den Klagevertretern dazu aufgefordert, eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung mit nachstehendem Inhalt unterfertigt bis 18.11.2019 zu retournieren: „Ich, Mag. M... B..., MBA, ..., habe meinen PKW mit dem polizeilichen Kennzeichen ... am 20.10.2019 auf einer Privatparkfläche von O... und F... S... in ... ohne entsprechende Befugnis abgestellt und geparkt. Hiermit verpflichte ich mich gegenüber O... und F... S... 1. es ab sofort zu unterlassen, ein Fahrzeug auf den Privatparkflächen der Liegenschaft EZ ... mit dem Grundstück Nr ..., in ... abzustellen oder zu parken, ohne die auf den Hinweisschildern und den Parkautomaten ausgewiesene Gebühr zu entrichten; 2. die bisher angefallenen Kosten für zweckentsprechende Rechtsvertretung und Unkosten in Höhe von gesamt EUR 262,30 (darin enthalten EUR 36,00 20 % USt und EUR 15,30 Anfragegebühren) fristgerecht einzuzahlen auf das Konto der Urbanek & Rudolph Rechtsanwälte OG […].“ Der Beklagte unterfertigte und übermittelte die Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung am 15.11.2019 mit einem bei Punkt 2. angefügten Zusatz, mit dem er um Aufschlüsselung der Kosten und deren Zusammensetzung ersuchte. Die Klagevertreter antworteten dem Beklagten, dass sie nicht beauftragt seien, ihm zu antworten und daher Klage eingebracht worden sei, weshalb der Beklagte auch keine Zahlungen mehr leistete.
Mit ihrer am 19.11.2019 eingebrachten Besitzstörungsklage begehrten die Kläger die Erlassung folgenden Endbeschlusses:
„1. Der Beklagte hat dadurch, dass er oder eine ihm zurechenbare Person am 20.10.2019 ab 12.30 Uhr in der Dauer von zumindest einer Stunde den PKW Jeep mit dem polizeilichen Kennzeichen ... auf dem Grundstück ... der Liegenschaft EZ ... KG ... abstellte, die Kläger in ihrem ruhigen Besitz an diesem Grundstück gestört. 2. Der Beklagte ist gegenüber den Klägern bei sonstiger Exekution schuldig, ab sofort jede weitere derartige, im Punkt 1) dieses Endbeschlusses näher bezeichnete oder ähnliche Störung zu unterlassen.“ Sie brachten zusammengefasst vor, Besitzer des oben genannten Grundstücks zu sein und auf gut sichtbaren Schildern die Möglichkeit anzubieten, Kraftfahrzeuge auf ihrem Privatgrundstück gegen Entrichtung einer Gebühr zu parken. Der Beklagte habe sein Kraftfahrzeug abgestellt, die Gebühr aber nicht entrichtet. Die Wiederholungsgefahr sei aufgrund der Verletzung des ruhigen Besitzes der Kläger zu bejahen. Zudem bestehe die begründete Gefahr, der Beklagte werde das Auto zukünftig wieder auf dem Grundstück der Kläger abstellen. Dies ergebe sich insbesondere aus dem Parkraumbedarf in dieser Gegend. Die Kläger hätten dem Beklagten auch mitgeteilt, von einer Klage Abstand zu nehmen, wenn er bis 18.11.2019 eine Unterlassungserklärung unterfertige und eine Entschädigung für die entstandenen Kosten zahle. Dies sei nicht erfolgt. Das Anbieten einer außergerichtlichen Streitbeilegung sei nur bei vollständiger Annahme des Angebots als ein Verzicht auf Klagsführung zu werten. Der Beklagte habe dieses außergerichtliche Angebot nicht angenommen. Die bloße Erklärung des Beklagten, in Hinkunft gleichartige Störungen zu unterlassen, sei für den Wegfall der Wiederholungsgefahr nicht ausreichend; ansonsten würde jedwede Besitzstörungsklage verunmöglicht werden. Einen vollstreckbaren Unterlassungstitel habe der Beklagte nicht angeboten. Sein Verhalten indiziere Wiederholungsgefahr, zumal er bis heute die Parkgebühren und Unkosten nicht bezahlt habe. Die Annahme eines Vergleichsanbots des Beklagten dürfe für die Kläger mit keinen wie immer gearteten kostenrechtlichen Nachteilen verbunden sein.
Der Beklagte bestritt die Störung nicht. Die Rechtsvertretung der Kläger hätte eine außergerichtliche Einigung abgelehnt. Es drohe keine Wiederholung der Besitzstörung. Das Vorgehen von Kläger und Anwalt in seiner herabwürdigenden und einschüchternden Art der Kommunikation wirke wie ein unethisches Geschäftsmodell zur Einkommensgenerierung.
Mit dem angefochtenen Endbeschluss hat das Erstgericht das Klagebegehren abgewiesen. Er ging dabei von dem eingangs zur Darstellung gebrachten Sachverhalt aus und folgerte in rechtlicher Hinsicht, sofern ein zur Unterlassung Verpflichteter bereits einmal zuwidergehandelt habe, werde für den Regelfall vermutet, er werde neuerlich zuwiderhandeln, es sei denn, es lägen gewichtige Anhaltspunkte dafür vor, er sei ernstlich gewillt von künftigen Störungen Abstand zu nehmen. Der Beklagte habe seine Störung nie bestritten und eine vor Klagseinbringung von Klagsseite vorformulierte Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung abgegeben. Damit habe er Gewähr geleistet, vergleichbare Störungen zu unterlassen. Im Zeitpunkt der Einbringung der Besitzstörungsklage sei daher die Wiederholungsgefahr bereits weggefallen.
Gegen diesen Endbeschluss richtet sich der rechtzeitige Rekurs der Kläger mit dem Begehren der Klage stattzugeben.
Der Beklagte beteiligte sich nicht am Rekursverfahren.
Rechtliche Beurteilung
Der Rekurs ist nicht berechtigt.
Die Rekurswerber machen unrichtige rechtliche Beurteilung geltend und argumentieren, das Anbieten einer außergerichtlichen Streitbeilegung sei nur bei vollständiger Annahme des Angebots als ein Verzicht auf Klagsführung zu werten. Es gebe keine Rechtsgrundlage, den begehrten Kostenbeitrag „aufzuschlüsseln“. Im Übrigen sei eine Aufschlüsselung hinsichtlich Barauslagen und Umsatzsteuer erfolgt. Die Annahme eines Vergleichsanbots des Beklagten dürfe für die Kläger mit keinen wie immer gearteten kostenrechtlichen Nachteilen verbunden sein. Eine außergerichtliche Unterlassungserklärung erfülle den Unterlassungsanspruch noch nicht. Nach ständiger Rechtsprechung sei für den Wegfall der Wiederholungsgefahr das Anbieten eines vollstreckbaren Unterlassungsvergleichs notwendig. Folge man der Argumentation des Erstgerichts, würde alleine die Unterfertigung der Unterlassungserklärung die Wiederholungsgefahr beseitigen. Dies habe zur Folge, dass jede Besitzstörungsklage bei erstmaliger Störung aussichtslos sei, wenn der Störer lediglich schriftlich erkläre, von weiteren Störungen Abstand zu nehmen. Erst durch die Bezahlung des geforderten Kostenbeitrags könne davon ausgegangen werden, der Beklagte nehme die unterfertigte Unterlassungserklärung wirklich ernst und von weiteren Störungen Abstand. Der Auffassung des Erstgerichts, die Unterfertigung einer nicht vollstreckbaren Unterlassungserklärung beseitige die Wiederholungsgefahr, sei daher nicht zu folgen. Das Verhalten des Beklagten indiziere geradezu die Wiederholungsgefahr, zumal er bis heute nichts bezahlt habe. Er hätte darlegen müssen, weshalb die Wiederholungsgefahr ausnahmsweise nicht mehr gegeben sei, obwohl er keine Parkgebühren bezahlt habe und auch nicht nachträglich zur Zahlung derselben und entstandener weiterer Kosten, zumindest eines Kostenbeitrags, bereit gewesen sei und dadurch die Einsicht seiner rechtswidrigen Vorgehensweise zum Ausdruck gebracht habe.
Hierzu wurde erwogen:
Nach den von der Rechtsprechung zum UWG entwickelten, auch auf das Besitzstörungsverfahren anwendbaren (vgl Kodek in Fasching/Konecny2 § 454 ZPO Rz 99) Rechtsgrundsätzen beseitigt das (wenngleich vom Kläger abgelehnte) Angebot eines vollstreckbaren Unterlassungsvergleichs zumindest im Regelfall die Wiederholungsgefahr (RIS-Justiz RS0079899). Bei der Beurteilung der Wiederholungsgefahr kommt es darauf an, ob dem Verhalten des Verletzers in seiner Gesamtheit wichtige Anhaltspunkte dafür entnommen werden können, dass er ernstlich gewillt ist, von künftigen Störungen Abstand zu nehmen (RIS-Justiz RS0012087). Dabei kommt es immer auf die Art des Eingriffs und die Willensrichtung des Störers an, für welche insbesondere sein Verhalten nach der Beanstandung und während des Rechtsstreits wichtige Anhaltspunkte bieten kann (RIS-Justiz RS0079692). Hält er im Verfahren daran fest, zur beanstandeten Handlung berechtigt gewesen zu sein oder ist sein Prozessverhalten zwiespältig, so kann die Wiederholungsgefahr regelmäßig nur verneint werden, wenn er dem Kläger einen vollstreckbaren Exekutionstitel verschafft, der dem Kläger all das bietet, was er im Verfahren erreichen kann (RIS-Justiz RS0079899 [T15] und [T19]). Hat der Störer die Störung bereits begangen, so wird vermutet, dass er wieder zuwiderhandeln werde. Es ist daher Sache des Beklagten, Umstände zu behaupten und zu beweisen, denen gewichtige Anhaltspunkte dafür zu entnehmen sind, dass der Störer ernstlich gewillt ist, von künftigen Störungen Abstand zu nehmen (vgl RIS-Justiz RS0037661).
Der Beseitigung der Wiederholungsgefahr durch ein vorbehaltsloses und ausreichendes Vergleichsangebot steht nicht entgegen, dass der Beklagte von einem solchen Vergleich die Kostenfrage ausnimmt, in diesem Umfang also das Verfahren fortsetzen und eine gerichtliche Entscheidung über die Kostenersatzpflicht herbeiführen will (RIS-Justiz RS0079899 [T14] und [T18]). Nach der höchstgerichtlichen Rechtsprechung ist das Angebot eines vollstreckbaren Unterlassungsvergleichs zur Beseitigung der Wiederholungsgefahr sohin nicht jedenfalls, sondern dann erforderlich, wenn aufgrund des üblichen Verhaltens des Störers – wie etwa dem Bestreiten der Störungshandlung – nicht anzunehmen ist, er sei ernstlich gewillt, von künftigen Störungen Abstand zu nehmen. So darf bei der Prüfung der Wiederholungsgefahr nicht zu engherzig vorgegangen werden und ist diese schon dann gegeben, wenn der Störer seine Handlung im Prozess verteidigt, seine Unterlassungspflicht bestreitet und Indizien dafür, dass es mit dem einmaligen Verstoß sein Bewenden habe, nicht hervorkommen (vgl hg 58 R 21/17m mwN).
Den Rekurswerbern ist zuzugestehen, dass das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu
35 R 209/12p, 35 R 321/15p und 34 R 175/16m die Auffassung vertritt, nur bei vollständiger Annahme des Anbots sei dieses als Verzicht auf Klagsführung zu werten, sodass der Beklagte auch die Unkosten zahlen hätte müssen.
Dass die Kläger auf die Klagsführung verzichtet hätten, wurde von Beklagtenseite gar nicht eingewandt und ist im Übrigen auch nicht entscheidungsrelevant, weil es an der Wiederholungsgefahr fehlt.
Nach den erstgerichtlichen Feststellungen hat der Beklagte weder vorprozessual noch im Verfahren die Besitzstörung bestritten. Er war uneingeschränkt bereit, die von den Klägern vorgefertigte Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung zu unterschreiben und hat dies auch getan. Wie bereits betont, steht der Beseitigung der Wiederholungsgefahr nicht entgegen, dass der Beklagte von einem Vergleich die Kostenfrage ausnimmt bzw um Kostenaufschlüsselung ersucht. Zu 35 R 411/12v hat das Landesgericht für ZRS Wien festgehalten, der Umstand, dass der Störer der einen exekutiven Unterlassungsvergleich angeboten hat, nicht bereit ist, die vorprozessual von ihm vom Gestörten verlangten Kosten der rechtfreundlichen Vertretung zu bezahlen, nichts am Wegfall der Wiederholungsgefahr ändert.
Auch nach ständiger Rechtsprechung des Landesgerichts Wiener Neustadt ist grundsätzlich zwischen den Kosten eines vollstreckbaren Unterlassungsvergleichs und vorprozessualen Kosten zu unterscheiden. Kosten eines Vergleichs sind nämlich mangels anderer Vereinbarung als gegenseitig aufgehoben anzusehen (§ 47 ZPO) und können dann nicht gesondert als Schadenersatz gerichtlich geltend gemacht werden (vgl hg 58 R 40/16d).
Im Gegenstande haben die Kläger den Abschluss eines vollstreckbaren Unterlassungsvergleichs samt Tragung der diesbezüglichen Kosten nicht begehrt. Sie wollten die Unterfertigung der vorgefertigten Verpflichtungs- und Unterlassungserklärung unter gleichzeitiger Bezahlung von Vertretungs- und Unkosten. Ausgehend davon musste der Beklagte im Gegensatz zur Auffassung des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien auch keinen vollstreckbaren Unterlassungsvergleich anbieten um die Wiederholungsgefahr zu beseitigen. Eine Wiederholungsgefahr muss konkret und real sein; es muss ein gewisses Maß objektiver Wahrscheinlichkeit dafür bestehen, dass der Beklagte in der Zukunft seiner Unterlassungspflicht zuwiderhandeln werde (vgl RIS-Justiz RS0012064). Dies ist hier zu verneinen.
Den Klägern entsteht durch die vom Beklagten begehrte Vorgangsweise auch kein kostenrechtlicher Nachteil weil vorprozessuale Kosten aus dem Titel des Schadenersatzes geltend gemacht werden können. Der im Rechtsmittel gezogene Schluss, die Argumentation des Erstgerichts habe zur Folge, jede Besitzstörungsklage sei bei erstmaliger Störung aussichtslos, wenn der Störer lediglich schriftlich erkläre, von weiteren Störungen Abstand zu nehmen, greift daher zu kurz. Es kommt immer auf die Art des Eingriffs und die Willensrichtung des Störers an, für welche insbesondere sein Verhalten nach der Beanstandung und während des Rechtsstreits wichtige Anhaltspunkte bieten kann. Ausgehend von diesen Beurteilungskriterien hat das Erstgericht die Wiederholungsgefahr zutreffenderweise verneint. Die vorbehaltlose Unterfertigung der übermittelten Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung ist hier für den Wegfall der Wiederholungsgefahr ausreichend. Entstandene Kosten können klagsweise geltend gemacht werden, sodass kein kostenrechtlicher Nachteil vorliegt.
Dem unberechtigten Rekurs war daher ein Erfolg zu versagen.
Die Kostenentscheidung ist schon in der Erfolglosigkeit des Rechtsmittels begründet.
Gemäß § 528 Abs 2 Z 6 ZPO war auszusprechen, dass der Revisionsrekurs jedenfalls unzulässig ist.
|
JJT_20200205_LG00519_0050CG00104_19X0000_000
|
ECLI:AT:LG00519:2020:0050CG00104.19X.0205.000
|
5Cg104/19x
|
Justiz
|
LG Wels
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200205_LG00519_0050CG00104_19X0000_000/JJT_20200205_LG00519_0050CG00104_19X0000_000.html
| 1,580,860,800,000
| 1,533
|
Kopf
Das Landesgericht Wels hat durch die Richterin Mag. Sylvia Eichinger in der Rechtssache der klagenden Partei E*****, vertreten durch Dr. Roland Mühlschuster, Rechtsanwalt in Wels, wider die beklagte Partei B*****, vertreten durch Dr. Michael-Paul Parusel, Rechtsanwalt in Wien, wegen Euro 45.125,94 s.A., den
BESCHLUSS
gefasst:
Spruch
1. Die Klage wird zurückgewiesen.
2. Der Kläger ist schuldig, der Beklagten zu Handen des Beklagtenvertreters binnen 14 Tagen die Prozesskosten in Höhe von EUR 4.423,86 (darin enthalten EUR 737,31 an USt) zu ersetzen.
Text
Begründung:
Der Kläger begehrt mit seiner am 20.09.2019 beim Landesgericht Wels eingelangten Klage die Übertragung von 6.00114227 Bitcoins samt Zinsen auf sein Wallet mit der Walletadresse 1NfqtW3ei1VY81jWTKY8zEZoEDfB28mBkq und in eventu für den Fall, dass die Beklagte faktisch nicht in der Lage sei, Bitcoins zurück zu erstatten, die Zahlung eines Schadenersatzbetrages (gestützt auf das rechtswidrige und schuldhafte Verhalten der Beklagten bei Abschluss des Vertrages) in Höhe des Wertes dieser Bitcoins zum Zeitpunkt der Klagseinbringung von EUR 45.125,94. Zur Begründung wird vorgebracht, dass die Beklagte Investitionen in Bitcoins tätigen wollte, weshalb sie von mehreren Herren in Deutschland aufgesucht worden sei. In der Folge habe der Kläger, der persönlich bei diesem Termin nicht anwesend gewesen sei, der Beklagten am 18., 19. und 20.12. die begehrten Bitcoins leihweise von seiner Wallet übertragen. Die Zurverfügungstellung der Bitcoins sei über das mitgebrachte Handy des Klägers und gleichzeitiger Bekanntgabe eines Codes durch den Kläger auf die bereitgestellte Walletadresse der Beklagten erfolgt und sei nur deshalb vorgenommen worden, da der Bitcoin-Automat nicht funktioniert habe. Hingegen wird im vorbereitenden Schriftsatz des Klägers (ON 11) vorgebracht, dass die Beklagte den Herrn B***** angewiesen habe, die Transaktion der Bitcoins mit der Wallet des Klägers an konkrete Zahlenkonten durchzuführen. Es habe sich dabei bereits um Investitionen der Beklagten in Q*****, O***** und B***** gehandelt. Die Rücküberweisung hätte auf die Wallet des Klägers an seinem Wohnort binnen 4 Wochen vorgenommen werden sollen. Die Transaktion sei nicht im Rahmen eines unternehmerischen Geschäfts durchgeführt worden. Es handle sich um einen klassischen Leihvertrag bzw. Darlehensvertrag. Es würden keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Beklagten gelten. Die örtliche Zuständigkeit werde auf Art 7 Abs 1 EuGVVO gestützt, da der Erfüllungsort in Österreich gelegen sei. Gemäß § 907a ABGB liege der Erfüllungsort bei Geldschulden und damit verbundenen Überweisungen beim Gläubiger.
Die Beklagte bestreitet, beantragt kostenpflichtige Klagsabweisung und wendet die internationale sowie örtliche Unzuständigkeit des Landesgerichtes Wels ein. Zwischen den Parteien sei kein Darlehensvertrag zustande gekommen, es sei vielmehr – wenn überhaupt – ein Geschenk des Klägers an die Beklagte gewesen. Es habe kein Transfer auf ein Wallet der Beklagten stattgefunden. Im konkreten Fall handle es sich eindeutig um eine Schickschuld. Die behauptete Verpflichtung der Beklagten sei die Absendung von Bitcoins. Es bestehte keinerlei Bezug zu Österreich. Im übrigen würden die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Beklagten gelten, die in ihrem Arbeitszimmer ausgehängt gewesen wären und auf die der Kläger ausdrücklich mündlich hingewiesen worden sei.
Unter Berücksichtigung der vorgelegten Urkunden (Beilagen ./A bis ./C), der Einvernahme des Zeugen F***** sowie des Klägers ergibt sich folgender Sachverhalt:
Die Beklagte hat beruflich Werbemaßnahmen durchgeführt bzw. die Zustimmung zur Kontaktaufnahme von Unternehmen mit Konsumenten eingeholt, unter anderem für Lebensmittel wie B*****, E***** udgl. (PV Kläger)
Daneben interessierte sich die Beklagte privat für gewisse Projekte, mit denen unter anderem der Kläger zu tun hatte, namens O*****, B***** und Q*****. Der Kläger war bzw ist ein Mitglied bei diesen Projekten (PV Kläger). Eine Investition oder Veranlagung in diese Projekte war nur mit Bitcoins möglich. Aus diesem Grund fuhren im Dezember 2016 F***** und zwei weitere Herren nach Deutschland zur Beklagten. Der Kläger hätte auch mitkommen sollen, war aber aufgrund eines Todesfalles in der Familie verhindert. Es wurde ein Bitcoinautomat mitgenommen, um Euros in Bitcoins zu wechseln. Da dieser Automat nicht immer funktionstüchtig ist und bereits mehrmals ausgefallen war, nahm F***** das Handy des Klägers mit. (ZV H*****, PV Kläger).
Ob in der Wohnung der Beklagten Allgemeine Geschäftsbedingungen ausgehängt waren, kann nicht festgestellt werden.
Tatsächlich funktionierte in der Folge der Bitcoinautomat nicht, weshalb F***** telefonisch mit dem Kläger Kontakt aufnahm und fragte, ob er der Beklagten von seinem Wallet am Handy Bitcoins für die Investitionen zur Verfügung stellt. Der Kläger hatte an diesem Tag keinen direkten Kontakt mit der Beklagten, das lief alles über den Zeugen F*****. Der Kläger meinte dann gegenüber F***** am Telefon, dass die Beklagte aber die Menge von Bitcoins binnen 4 Wochen oder ungefähr einem Monat auf sein Wallet am Handy einzahlen soll. Daraufhin erklärte die Beklagte, die die Investitionen tätigen wollte, das würde funktionieren und der Kläger hat sodann F***** die Zugangsdaten für sein Wallet bekannt gegeben. Die Überweisung der Bitcoins vom Wallet des Klägers erfolgte direkt in die einzelnen Projekte (Vorbringen des Klägers, ZV H*****, Beilage ./B). All dies passierte in der Wohnung der Beklagten in Deutschland (ZV H*****).
Die Feststellungen basieren auf den in Klammer zitierten Beweismittel. Die Beklagte ist zur Verhandlung am 18.12.2019 nicht erschienen. Es wurde eine Krankenbestätigung vom 06.11.2019 vorgelegt, in der vermerkt ist, dass die Beklagte aufgrund ihrer derzeitigen gesundheitlichen Beschwerden langes Fahren vermeiden sollte. Dazwischen liegen einige Wochen, weshalb § 381 ZPO zur Anwendung gelangte. Es wurden von der Beklagten auch keine allgemeinen Geschäftsbedingungen vorgelegt. Die Bitcoins des Klägers wurden direkt investiert. Dies ergibt sich aus der Beilage ./B (verschiedene Walletadressen), dem Vorbringen des Klägers und den Angaben des Zeugen H*****, der meinte, dass es durchaus möglich ist, dass die Überweisung direkt vom Wallet des Klägers in die Projekte erfolgte. Von einer Anweisung durch die Beklagte hat der Zeuge H***** nicht gesprochen. Aufgrund nachfolgender rechtlicher Überlegungen konnte eine weitere Beweisaufnahme unterbleiben.
Rechtliche Beurteilung
Bitcoins sind technisch gesehen Datensätze und werden in der Literatur zu den unkörperlichen, beweglichen, verbrauchbaren und vertretbaren Sachen gezählt (ÖBA 2017, 385 ff, ÖJZ 2018, 437 ff).
Ein Wallet speichert die privaten Schlüssel eines Nutzers (privater Datensatz). Mit dem privaten Schlüssel können Transaktionen durchgeführt werden. Zusätzlich ermöglicht das Wallet den Zugang zum Kryptowährungssaldo eines Nutzers auf der Blockchain. Der Kontostand der jeweiligen Adresse des Nutzers wird durch das Wallet anhand aller auf der Blockchain stattgefundenen (öffentlichen) Transaktionen ermittelt. Wallets ermöglichen Nutzern die Durchführung von Überweisungen untereinander und den Zugang zu ihrer Transaktionshistorie (taxlex 2017, 388).
Die Besonderheit liegt darin, dass für die technische Übertragung der Einheiten virtueller Währungen von einer Absender-Adresse auf eine Empfänger-Adresse ein Vermerk in der Blockchain erforderlich ist. Durch die Übertragung von einer Adresse auf eine andere Adresse wird technisch sichergestellt, dass nur derjenige in Kenntnis eines privaten Schlüssels zur Weiterübertragung ist, dem die virtuellen Einheiten auch tatsächlich zugeordnet werden sollen (ÖBA 2017, 385 ff).
Im konkreten Fall hat der Kläger die Investitionen in die Projekte mit seinen Bitcoins getätigt. Die Bitcoins gingen nicht auf ein Wallet der Beklagten, sondern sind direkt über das Wallet des Klägers in die Projekte eingeflossen. Die Beklagte hat erklärt, diese Investitionen durch Einzahlung der gleichen Anzahl von Bitcoins binnen 4 Wochen bzw. binnen ca. einem Monat zu übernehmen. Es ist hier von einem Tauschvertrag auszugehen. Sämtliche nicht als gesetzliche Währungseinheit geltende Geldzeichen sind nicht als Geld, sondern als Ware anzusehen und können gegen Waren eingetauscht werden. Auch die Verpflichtung zur Hingabe „virtueller Währungen“ stellt Tausch dar, wenn die Gegenleistung nicht in Geld besteht (vgl. Verschraegen in Kletecka/Schauer, ABGB-ON § 1046 Rz 1).
Gemäß Art 7 Abs. 1 a EuGVVO kann eine Person, die ihren Wohnsitz im Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats hat, in einem anderen Mitgliedsstaat vor dem Gericht des Ortes, an dem die Verpflichtung erfüllt worden ist oder zu erfüllen wäre, verklagt werden, wenn ein Vertrag oder Ansprüche aus einem Vertrag den Gegenstand des Verfahrens bilden. Wo sich der Erfüllungsort befindet, ist nach dem auf den Vertrag anzuwendenden Recht zu beurteilen, wenn keine Vereinbarung des Erfüllungsortes durch die Parteien erfolgt ist. Bei einem Tauschvertrag liegt keine charakteristische Leistung vor, weshalb mangels Rechtswahl gemäß Art 4 Abs.2 ROM I das Recht des Staats maßgebend ist, zu dem er die engste Verbindung aufweist. Die Einzahlung auf ein Wallet des Klägers stellt keine Vereinbarung eines Erfüllungsortes dar. Aus dieser Zahlenkombination (siehe Klagebegehren) kann keine örtliche Zuordnung vorgenommen werden. Aber egal ob deutsches (§ 269 iVm § 480 BGB) oder österreichisches Recht (§ 905 ABGB) herangezogen wird, der Erfüllungsort ist der Ort des Schuldners; im konkreten Fall jener der Beklagten und somit Deutschland.
Es war daher mangels internationaler Zuständigkeit die Klage zurückzuweisen.
Die Kostenentscheidung gründet sich auf §§ 41, 54 Abs.1 a ZPO.
Entsprechend der Einwendungen des Klägers ist festzuhalten, dass die Bekanntgabe der Beklagten vom 12.10.2019 (ON 12) gemeinsam mit der Klagebeantwortung (ON 4) verbunden hätte werden können und daher nicht zu honorieren ist. Richtig ist weiters, dass bereits mit Antrag der Beklagten vom 26.11.2019 (ON 9) der Antrag vom 27.11.2019 (ON 10) gestellt hätte werden können, weshalb auch hier kein Entlohnungsanspruch besteht. Der Schriftsatz vom 16.12.2019 war verspätet, somit nicht zulässig - die Verhandlung war für den 18.12.2019 anberaumt – und wurde daher zurückgewiesen. Ebensowenig waren die begehrten Fahrtkosten/Übernachtung/Taxi zuzusprechen, da zum Einen für die mündliche Verhandlung der doppelte Einheitssatz begehrt wurde und somit diese Kosten als mitabgegolten gelten und zum Anderen diese Kosten nicht bescheinigt/belegt wurden. Im Übrigen wurden diese nicht unter dem Gesamtbetrag laut Honorarnote begehrt, sondern extra ohne Hinzuzählung auf dieser ausgewiesen. Aus obigen Gründen war ein Zuschlag von 25 % im Sinne des § 16 RATG ebenfalls nicht berechtigt. (vgl. Obermaier, Kostenhandbuch3 RZ 1.262 ff).
|
JJT_20200226_LG00519_02200R00011_20D0000_000
|
ECLI:AT:LG00519:2020:02200R00011.20D.0226.000
|
22R11/20d
|
Justiz
|
LG Wels
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_LG00519_02200R00011_20D0000_000/JJT_20200226_LG00519_02200R00011_20D0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 1,443
|
Kopf
Das Landesgericht Wels als Rekursgericht hat durch den VPräs. Dr. Obermaier als Vorsitzenden sowie die weiteren Richter Dr. Hohensinner und Mag. W. Niedermayr in der Rechtssache der Kläger A* B*, technischer Angestellter, und C* B*, kaufmännische Angestellte, beide D* **, E*, vertreten durch Dr. Gerhard Götschhofer, Rechtsanwalt in Vorchdorf, wider die Beklagte F*, Pensionistin, D* **, E*, vertreten durch Mag. Christian Aigner, Rechtsanwalt in Gmunden, wegen Besitzstörung, über den Rekurs der Kläger gegen den Endbeschluss des Bezirksgerichts Gmunden vom 8. November 2019, 2 C 12/19x-15, in nichtöffentlicher Sitzung den
BESCHLUSS
gefasst:
Spruch
Dem Rekurs wird Folge gegeben, der angefochtene Endbeschluss aufgehoben und dem Erstgericht die neuerliche Entscheidung nach allfälliger Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Kosten des Rekursverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Begründung
Text
Die Kläger sind je zur Hälfte Eigentümer der Liegenschaft EZ ** KG G* mit den Grundstücken 379,372/1,373/2, .37, .38, 371 und 368, die Beklagte ist Eigentümerin des Grundstücks 380/2, das Teil der EZ ** KG G* ist. Auf diesem Grundstück steht den Klägern die Dienstbarkeit des Geh- und Fahrtrechts zu.
Am 15. Jänner 2019 brachten die Kläger eine Besitzstörungsklage mit der Behauptung ein, sie hätten am 16. Dezember 2018 festgestellt, dass die Beklagte auf dem Grundstück 380/2 Betontröge und in der Folge Metallstangen aufgestellt habe, die die Kläger in der Ausübung ihres Fahrtrechts (von der A*brücke kommend) behindern. Die Beklagte habe sie dadurch in der Ausübung ihrer Dienstbarkeit im ruhigen Besitz des Fahrens über das Grundstück 380/2 gestört und sei verpflichtet, die aufgestellten Stangen zu entfernen. Letztlich habe die Beklagte an der genannten Stelle einen Holzzaun errichtet, der eine Behinderung und Erschwernis für sie als Dienstbarkeitsberechtigte darstelle. Der nunmehr gesperrte Kurvenbereich sei für sie erforderlich, um über die ** zu ihrem Anwesen zu zu fahren.
Die Beklagte bestritt das Klagsvorbringen und wendete ein, sie habe keinerlei Störungshandlung gesetzt. Es stehe den Klägern jederzeit eine Fahrbahn in einer Breite von 5 m zur Verfügung. Sie habe lediglich im Randbereich und außerhalb des Fahrkanals Steine aufgelegt, um die Flucht für das Versetzen des Zaunes herzustellen. Anschließend seien die Steine wieder entfernt und der Holzzaun versetzt worden. Dadurch sei zu keinem Zeitpunkt die Durchfahrt behindert gewesen. Die Klagsführung stelle Schikane bzw. Rechtsmissbrauch dar. Sie – die Beklagte – sei insbesondere nicht für ein allfällig nicht vorhandenes fahrtechnisches Können der Kläger haftbar zu machen.
Mit dem angefochtenen Endbeschluss hat der Erstrichter das Klagebegehren, die Beklagte habe dadurch, dass sie um den 16. Jänner 2018 auf dem Grundstück 380/2 Stangen aufgestellt habe, den ruhigen Besitz der Kläger am Fahren und der Ausübung der Dienstbarkeit des Fahrens über das Grundstück 380/2 gestört und sei schuldig, die aufgestellten Stangen zu entfernen und jede weitere derartige Störung zu unterlassen, abgewiesen. Dieser Entscheidung legte er folgenden Sachverhalt zugrunde: Die Beklagte beabsichtigte, den Zaun zur Fahrbahn, der aus dünnen Holzstangen/Holzstehern und dazwischen gespannten Drähten besteht, um einen halben Meter weiter nach außen (straßenseitig) zu versetzen. Ihr Lebensgefährte legte dazu am 12. Dezember 2018 Schalsteine im Randbereich des Grundstücks auf, die ihm als Flucht für die Versetzung des Zaunes dienen sollte. Bereits am nächsten Tag, nachdem sie den Zaun um etwa einen halben Meter versetzt hatten, entfernten die Beklagte und der Lebensgefährte die Steine wieder. In unmittelbarer Umgebung des Grundstücks befindet sich die A*brücke, die zwischen den vorhandenen Brückensockeln eine Breite von 3,5 m aufweist. An der gegenüberliegenden Westseite hat der Einmündungstrichter eine Länge von 12 bis 13 m, wobei insbesondere die trichterförmige Erweiterung Richtung Norden deutlich großzügiger ausgestaltet ist. An der hier betroffenen Ostseite ist von Beginn der trichterförmigen Erweiterung bis zur Verlängerung des von der Beklagten aufgestellten Zauns eine Trichtertiefe von etwas mehr als 10 m vorhanden. Die Trichterlänge ist beidseits in etwa gleich und beträgt 12 bis 13 m. Die Kläger haben auf der anderen Seite der Brücke den Großteil ihrer Grundstücke, weshalb sie die Brücke überfahren müssen. Ihr größter Traktor ist ein **, der samt Frontlade und Einachsladewagen eine Gesamtlänge von 11 m hat. Damit können die Kläger von ihrem Anwesen in einem 90° Rechtsbogen über die A*brücke fahren. Um diesen 90° Rechtsbogen fahren zu können, muss der Traktor mit der Frontlade ganz nahe an die linksseitig von der Beklagten aufgestellten Holzsteher des Zauns heran gelenkt werden. Anschließend wird der Traktor in einem weiten Bogen nach links auf die Brücke gelenkt, wobei es sich mit dem rechten Hinterrad des Ladewagens knapp ausgeht, dass es an den bei Brückenbeginn aufgestellten Schildern vorbei kommt. Wenn die Klägerin die andere Richtung fahren, stellt sich die Situation genauso dar. Den Klägern ist es möglich, die Rechtskurve über die A*brücke mit ihren landwirtschaftlichen Geräten in westliche Richtung zu befahren, ebenso die Linkskurve in die entgegengesetzte Richtung.
In rechtlicher Hinsicht begründete der Erstrichter seine Entscheidung dahin, der in seinem Besitz Gestörte habe gemäß § 339 ABGB das Recht, die Untersagung eines Eingriffs und den Ersatz des erweislichen Schadens gerichtlich zu fordern. Bei extrem geringfügigen Eingriffen, die kein vernünftiger Mensch als Nachteil empfinde, liege keine Störung im Rechtssinn vor. Die Rechtsprechung formuliere dies meist dahingehend, dass ein Nachteil bzw. der Eintritt eines „Schadens“ Voraussetzung für die Besitzstörung sei. Diesen Ausführungen folgend ergebe sich für den hier zu beurteilenden Fall, dass die Beklagte durch das Aufstellen bzw. Versetzen der Stangen für den Zaun gegenüber den Klägern keine Störungshandlung gesetzt habe. Aus dem Sachverhalt ergebe sich, dass die Kläger mit ihren landwirtschaftlichen Maschinen nach wie vor um die Kurve bei der A*brücke fahren könnten.
Gegen diesen Endbeschluss richtet sich der Rekurs der Kläger wegen unrichtiger rechtlicher Beurteilung, mit der sie eine Abänderung dahin anstreben, dass dem Klagebegehren stattgegeben werde. Hilfsweise stellten sie einen Aufhebungsantrag.
Die Beklagte erstattete eine Rekursbeantwortung mit dem Antrag, dem Rechtsmittel der Kläger nicht Folge zu geben.
Der Rekurs ist im Sinne der beschlossenen Aufhebung berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
Der Besitzschutz ist Ausdruck des Eigenmachtverbots und ihn genießt unter anderem der Rechtsbesitzer ohne Rücksicht auf die absolute oder obligatorische Natur seines Rechts. Soweit der Rechtsbesitz eines anderen reicht, steht dem Sachbesitzer kein Anspruch zu. Das Besitzstörungsverfahrens bleibt auf die Erörterung des Besitzes und auf die Gewährung des Besitzschutzes beschränkt, es bedarf nur der Erörterung und des Beweises des letzten Besitzstands und der erfolgten Störung (1 Ob 181/03d mwN). Besitzstörung ist jede tatsächliche Beeinträchtigung der Herrschaft, wie sie beim Sachbesitz eine Verletzung des Eigentums und beim Rechtsbesitz eine solche des besessenen Rechts bedeuten würde, bis hin zur Grenze der völligen Entziehung. Ein Nachteil des Besitzers, der auch im bloßen Durchkreuzen subjektiven Beliebens liegen kann, muss zumindest möglicherweise eintreten. Keine Störung liegt vor, wo vernünftigerweise im Verhältnis zur bisherigen Lage ein Nachteil nicht angenommen werden kann, vielmehr Schikane des „Gestörten“ naheliegt (Holzner in Rummel/Lukas, ABGB4 § 339 Rz 7 und 12). Der Besitzschutz beschränkt sich nicht nur auf die Bewahrung der Sachherrschaft, sondern erstreckt sich prinzipiell auch auf die Nutzungsmöglichkeit. Entscheidend für die Beurteilung, ob ein entsprechender Eingriff vorgenommen wurde, ist, ob die bisher bestehende Nutzungsmöglichkeit erhalten blieb. So ist z.B. das Aufstellen eines Zauns auch bei Verbleiben einer Restnutzungsmöglichkeit als Besitzstörungshandlung zu werten. Die Nutzung kann im Vergleich zum vor der Störungshandlung festgestellten Umfang insofern eingeschränkt sein, als Fahrzeuge die besagte Stelle nur erschwert passieren können (vgl. MietSlg 65.019).
Im hier zu beurteilenden Fall sind die Kläger aufgrund einer bestehenden Dienstbarkeit als Rechtsbesitzer berechtigt, das Grundstück 380/2 der Beklagten befahren. Nach ihren Behauptungen haben sie im Zuge der Ausübung der Dienstbarkeit eine nunmehr durch den errichteten Zaun abgesperrte Fläche befahren, insofern also Rechtsbesitz als Dienstbarkeitsberechtigte ausgeübt. Sollte diese Behauptung richtig sein und die Kläger tatsächlich in Ausübung der Dienstbarkeit bis zum Versetzen des Zaunes durch die Beklagte eine Fahrlinie unter Mitbenützung jetzt abgesperrter Teile des Grundstücks 380/2 mit ihren landwirtschaftlichen Fahrzeugen gewählt haben, so wäre das der Beklagten vorgeworfene Errichten des Zaunes an der nunmehrigen Stelle tatsächlich als Besitzstörung zu werten. Nachdem nach den insofern unbekämpften bzw. unbekämpfbaren Feststellungen das Befahren der A*brücke aktuell nur so möglich ist, dass es sich mit dem rechten Hinterrad des Ladewagens knapp ausgeht, dass dieses an den bei Brückenbeginn aufgestellten Schildern vorbei kommt, könnte – aus derzeitiger Sicht – auch von Rechtsmissbrauch oder Schikane wohl nicht gesprochen werden.
Es ist also durchaus möglich, dass tatsächlich eine Besitzstörung seitens der Beklagten stattgefunden hat. Eine abschließende Beurteilung setzt jedoch Feststellungen zur Frage, ob und inwieweit die Kläger vor Versetzen des Zaunes (nach Aussage der Beklagten einen halben Meter in Richtung Straße) den nunmehr abgetrennten Bereich des Grundstücks 380/2 befahren haben, voraus. Insofern ist also ein sekundärer Verfahrensmangel gegeben, den die Kläger in ihrer Rechtsrüge völlig zu Recht geltend machen.
Es war daher dem Rekurs im Sinne der beschlossenen Aufhebung des Endbeschlusses stattzugeben und der Erstrichter wird neuerlich einen Endbeschluss zu fassen haben, wobei es seiner Entscheidung überlassen bleibt, ob das Beweisverfahren zu ergänzen ist oder nicht.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 52 ZPO.
|
JJT_20201021_LG00519_02200R00235_20W0000_000
|
ECLI:AT:LG00519:2020:02200R00235.20W.1021.000
|
22R235/20w
|
Justiz
|
LG Wels
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201021_LG00519_02200R00235_20W0000_000/JJT_20201021_LG00519_02200R00235_20W0000_000.html
| 1,603,238,400,000
| 6,081
|
Kopf
Das
Landesgericht Wels
als Berufungsgericht hat durch Dr. Lengauer als Vorsitzenden sowie die weiteren Richter Dr. Anzinger und Mag. W. Niedermayr in der Rechtssache der klagenden Partei P*****, vertreten durch Landl + Edelmann Rechtsanwaltspartnerschaft in Vöcklabruck, wider die beklagte Partei S*****, vertreten durch Mag. Markus Dutzler, Rechtsanwalt in Linz, wegen EUR 700,-- s.A., über die Berufung der klagenden Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Vöcklabruck vom 12. August 2020, 50 C 853/19t-15, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Berufung wird teilweise Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird dahin abgeändert, dass es wie folgt zu lauten hat:
„Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen den Betrag von EUR 650,-- samt 4 % Zinsen aus EUR 600,-- seit 23. September 2019 und aus EUR 50,-- seit 22. November 2019 zu bezahlen und die mit EUR 1.763,08 (darin enthalten EUR 123,18 Umsatzsteuer und EUR 1.024,-- Barauslagen) bestimmten Prozesskosten zu ersetzen.
Das Mehrbegehren der klagenden Partei auf Zahlung eines weiteren Betrages von EUR 50,-- samt 4 % Zinsen seit 22. November 2019 wird abgewiesen.“
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EUR 280,84 (darin enthalten EUR 35,14 Umsatzsteuer und EUR 70,-- Pauschalgebühr) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu ersetzen.
Die Revision ist gemäß § 502 Abs 2 ZPO jedenfalls unzulässig.
Text
Entscheidungsgründe:
Der PKW Landrover Discovery 5 der klagenden Partei wurde am 23. August 2019 in der Waschanlage der beklagten Partei am Standort der E***** Tankstelle in S*****, im Zuge eines Waschvorganges derart beschädigt, dass der gesamte Heckspoiler abgerissen wurde.
Mit vorliegender Klage begehrte die Klägerin von der Beklagten den sich aus der Kaskoabrechnung ergebenden Selbstbehalt von EUR 600,-- sowie unfallkausale Spesen für diverse Telefonate und Fahrten von EUR 100,--. Der Geschäftsführer der klagenden Partei habe im Shop der Tankstelle ein Ticket für eine SUV-Wäsche erworben und das neben der Waschanlage befindliche Hinweisschild durchgelesen. Anschließend sei er in die Waschanlage eingefahren und habe er die Autowäsche gestartet. Er habe vor der Waschanlage gewartet, als er plötzlich ein lautes Geräusch aus der Waschanlage wahrgenommen habe. Er habe sofort den Not-Aus-Schalter gedrückt und die Waschanlage betreten. Dort habe er feststellen müssen, dass der Heckspoiler des Fahrzeugs während des Waschvorganges von der Waschanlage abgerissen und beschädigt wurde. Die klagende Partei habe das Fahrzeug im August 2019 gebraucht gekauft. Zum Abschluss einer Kaskoversicherung sei der PKW am 22.08.2019 von einem Sachverständigen besichtigt worden, wobei an Vor- bzw. Altschäden lediglich ein Reifenschaden an der rechten Achsenhälfte und eine Beschädigung der Felge vorne rechts festgestellt worden sei. Der zur Grundausstattung des Fahrzeuges gehörende Heckspoiler habe keinen Schaden gehabt. Es habe sich dabei um einen Originalteil und um keine Zusatz- oder Nachrüstausstattung gehandelt. Der PKW habe sich vor der Autowäsche in einem einwandfreiem Zustand befunden. Es habe insbesondere keinen Vor- bzw. Altschaden im Bereich des Heckspoilers gegeben. Die Waschanlage der Beklagten sei zum Vorfallzeitpunkt offensichtlich nicht richtig eingestellt gewesen oder für derartige Fahrzeuge grundsätzlich ungeeignet. Ein Hinweis, dass Fahrzeuge wie jenes der klagenden Partei für die Waschanlage ungeeignet seien bzw. bei diesen die Gefahr einer Beschädigung bestehe, sei weder seitens der Mitarbeiter der Beklagten mitgeteilt worden noch habe sich dies aus der im Bereich der Waschanlage angebrachten Hinweistafel ergeben. Auf dem Hinweisschild habe sich lediglich der Hinweis „Keine selbstgebastelten Heckspoiler!“ befunden. Aus dem zwischen den Streitteilen geschlossenen Werkvertrag ergebe sich die Verpflichtung der Beklagten, das zur Autowäsche übernommene Fahrzeug wieder so zurückzustellen, wie es überlassen wurde. Beim Werkvertrag habe der Unternehmer für den Erfolg auch dann einzustehen, wenn die Leistung oder Ausführung zwar nach den anerkannten Regeln der Technik erbracht wurde, sich aber dennoch als mangelhaft erweist, weil sie nicht den vereinbarten Erfolg erbringe. Die Beklagte sei ihrer Verkehrssicherungspflicht bzw. Pflicht zur Wartung der Waschanlage nicht gehörig nachgekommen. Es sei offensichtlich der Anpressdruck der Walze in der Waschanlage nicht richtig eingestellt gewesen. Tatsächlich sei es in der Waschanlage der Beklagten an diesem Standort bereits zu ähnlichen Vorfällen gekommen. So sei am 28.06.2019 während der Autowäsche bei einem PKW Toyota Verso S ebenfalls der zur Serienausstattung des Fahrzeugs gehörende Heckspoiler abgerissen worden. Trotzdem sei die im Bereich der Waschanlage angebrachte Hinweistafel bis zum gegenständlichen Vorfall nicht verändert oder ergänzt worden und werde weiterhin nur darauf verwiesen, dass man die Waschanlage nicht mit selbst gebastelten Heckspoilern befahren dürfe. Die von der Beklagten verwendete Klausel in Punkt 3 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen sei für Kunden gröblich benachteiligend und es brauche ein Kunde mit einer derartigen benachteiligenden Bestimmung bei Vertragsabschluss nicht zu rechnen. Die Klausel sei daher sittenwidrig, unzulässig und nicht wirksamer Bestandteil des zwischen den Streitteilen geschlossenen Vertrags. Entstehen einer Partei durch die Verletzung vertraglicher Haupt- oder Nebenpflichten Schäden, so habe sie weitreichende Schadenersatzansprüche, wobei insbesondere auch reine Vermögensschäden in den schadenersatzrechtlichen Schutzbereich fielen. Weiters werde nach ständiger Rechtsprechung auch der Ersatz von Generalunkosten zugesprochen.
Die Beklagte bestritt dieses Vorbringen, beantragte Klageabweisung und wendete ein, dass die behaupteten Beschädigungen am Fahrzeug der klagenden Partei nicht durch eine unrichtige Einstellung oder Fehlfunktion der Waschanlage während des Waschvorganges entstanden seien. Die Beklagte erfülle jedenfalls den geforderten Sorgfaltsmaßstab im Zusammenhang mit dem Betrieb (inklusive Wartung) der Waschanlage und verantworte somit keine Verletzung der sie treffenden Sorgfaltspflicht. Sie habe die von ihr geschuldete Hauptleistung, nämlich das Fahrzeug der klagenden Partei einer Autowäsche zu unterziehen, erbracht, sodass der geltend gemachte Klagsanspruch ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Schadenersatzrechtes zu beurteilen sei. In diesem Zusammenhang treffe den Gläubiger die Beweislast dafür, dass die beklagte Partei als Schuldner objektiv eine ihr obliegende Pflicht verletzt habe und diese Pflichtverletzung den Schaden in der Folge verursacht habe. Am gegenständlichen Standort seien am 23.08.2019 47, am 22.08.2019 31 und am 24.08.2019 43 Autowäschen durchgeführt worden und sei es bei all diesen Autowäschen – mit Ausnahme des von der klagenden Partei behaupteten Schadens – beim Betrieb der Waschanlage zu keinen Schäden an Kraftfahrzeugen gekommen. Wenn ein auch nur objektiv vertragswidriges Verhalten des Schädigers nicht feststellbar sei, könne die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB nur dann angewendet werden, wenn der Geschädigte beweise, dass nach aller Erfahrung die Schadensentstehung auf ein wenigstens objektiv fehlerhaftes (vertragswidriges) Verhalten des Schädigers zurückzuführen ist. Betreffend Sorgfaltsverbindlichkeiten habe somit jedenfalls der Geschädigte – neben der Kausalität – auch das Vorliegen einer objektiven Pflichtverletzung zu beweisen. Der im Rahmen der (neben-)vertraglichen Schutz- und Sorgfaltspflichten geschuldete sorgsame Umgang mit dem Fahrzeug der klagenden Partei während des Waschvorgangs stelle keine Erfolgsverbindlichkeit dar und werde daher mit dem Beweis des Nichteintritts des angestrebten Erfolgs (schadensfreie Abwicklung des Waschvorganges) nicht gleichzeitig auch die Nichteinhaltung des vertraglich Geschuldeten erwiesen. Die Beklagte habe somit auch keinen Entlastungsbeweis iSd § 1298 ABGB zu erbringen. Die gegenständliche Waschanlage sei mit weichen Waschlamellen ausgestattet, welche sich an angebrachten Fahrzeugteilen (wie z.B. Stoßstangen, Außenspiegel, Dachreling, Spoiler, Zierleisten, Markenembleme) nur verfangen könnten, wenn diese bereits Vorschäden (Risse, Sprünge, etc.) oder ein nicht serienmäßiges Spaltmaß aufwiesen bzw. nicht (mehr) ordnungsgemäß montiert/befestigt sind. Durch den Anpressdruck der Waschbürsten könnten ordnungsgemäß bzw. serienmäßig angebrachte Fahrzeugteile nicht abgerissen bzw. abgebrochen werden und auch keine Kratzer im Lack verursacht werden. Ein Ansteigen des vorgegebenen Anpressdrucks würde zu einer Störung und anschließenden automatischen Stilllegung der Anlage führen. Beim gegenständlichen Vorfall sei jedoch keine Störung aufgetreten – der Waschvorgang sei ohne Unterbrechung beendet worden – und sei daher der Anpressdruck auch nicht zu hoch gewesen. Der voreingestellte Anpressdruck sei auch nicht verändert worden und könne im Übrigen von der Beklagten selbst weder eingestellt noch verändert werden, sondern sei hierfür immer ein Servicetechniker der Herstellerfirma beizuziehen. Eine Beschädigung des zu waschenden Fahrzeugs sei für die Beklagte nicht vorhersehbar gewesen. Sporadische (etwa mechanische, elektrische bzw. elektronische, softwaremäßige) Fehler seien grundsätzlich immer denkbar und möglich, für den Betreiber einer Waschanlage aber jedenfalls nicht vorhersehbar. Zudem habe der in einem Vorverfahren beigezogene Sachverständige in seinem Gutachten festgestellt, dass eine Fehlfunktion der Waschanlage nicht objektivierbar sei und eine Wartung der Anlage im unmittelbaren Zeitraum vor diesem Vorfall stattgefunden habe. Technischerseits sei am leichtesten nachvollziehbar, dass eine der Befestigungen des Heckspoilers nicht mehr festsitzend gewesen sei; in diesem Fall sei es durchaus möglich, dass der Spoiler im Zuge des Waschvorganges abgerissen wird. Es habe somit keine Veranlassung für die Beklagte bestanden, den Betrieb der Waschanlage einzustellen oder die (ordnungsgemäße) Funktion derselben zu überprüfen. Die Waschanlage sei vor dem Vorfall zuletzt am 14.05.2019 einer umfangreichen Wartung unterzogen worden, bei welcher sämtliche Funktionen und Bestandteile der Waschanlage überprüft und dadurch ersichtliche Mängel am 17.06.2019 behoben worden seien. Überdies seien auch Klein- und Kleinstteile bzw. Verbrauchsteile der Waschanlage immer wieder zu wechseln bzw. sonstige Reparaturen vorzunehmen, wobei eine solche Reparatur samt Überprüfung zuletzt am 19.07.2019 stattgefunden habe. Bei diesen Überprüfungen und den anschließend regulär durchgeführten Probewäschen hätten weder unrichtige Einstellungen oder Fehlfunktionen noch sonstige Defekte, insbesondere keine Fehleinstellung im Zusammenhang mit dem Anpressdruck, festgestellt werden können, weshalb die Beklagte jedenfalls von der Funktionstüchtigkeit der Waschanlage ausgehen habe dürfen. Die AGB für Autowaschstraßen/Portalwaschanlagen und die Benützungshinweise seien bei der Einfahrt zur Waschanlage bzw. an der Waschanlage (automatische Lichtzeichen) deutlich sichtbar angebracht. Zudem befinde sich eine nicht übersehbare Hinweistafel bei der Einfahrt in die Waschhalle. Die Beklagte komme somit ihren Aufklärungspflichten als Waschanlagenbetreiberin im Zusammenhang mit dem Betrieb der Waschanlage jedenfalls in ausreichendem Maß nach. Der Hinweis in den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Beklagten auf „selbstgebastelte Heckspoiler“ stelle lediglich eine demonstrative Aufzählung dar, was sich aus dem Wortlaut der AGB eindeutig ergebe. Ein von der klagenden Partei geforderter Hinweis darauf, dass auch die Möglichkeit bestehe, dass Originalspoiler beschädigt werden, stelle im Übrigen eine Überspannung der Sorgfaltspflicht der Beklagten dar. Die Beklagte hafte gemäß den bei der Waschanlage ausgehängten AGB selbst bei Verschulden nur für den unmittelbaren Schaden am Fahrzeug der Klägerin. Die Haftung der Beklagten für die von der Klägerin geltend gemachten Spesen als Folgeschaden und somit „mittelbarer Schaden“ sei demnach ausgeschlossen. Punkt 3. der vereinbarten AGB der Beklagten sei weder gröblich benachteiligend, noch unzulässig bzw. sittenwidrig.
Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht das Klagebegehren ab, wobei es seiner Entscheidung folgenden wesentlichen Sachverhalt zugrunde legte:
Die klagende Partei erwarb den gegenständlichen Landrover Discovery, Erstzulassung am 09.05.2017, kurz vor dem Vorfall mit einem abgelesenen Kilometerstand von 44.074. Einen Tag vor dem Vorfall erfolgte eine Besichtigung des Fahrzeugs zum Zwecke des Abschlusses einer Kaskoversicherung und wurde diesbezüglich ein Besichtigungsbericht erstellt.
Der Geschäftsführer der klagenden Partei, der ab Erwerb keinerlei Veränderungen am Heckspoiler vorgenommen hatte, kontrollierte vor Einfahrt in die Waschstraße den Zustand des Originalheckspoilers am Fahrzeug nicht. Er fuhr mit dem Fahrzeug in die Waschanlage, scannte die bezahlte Rechnung ein und drückte auf „Start“. Während der Durchführung der Wäsche stand er vor dem (geschlossenen) Einfahrtstor und führte ein Telefonat. Nachdem er plötzlich einen Knall im Bereich der Waschanlage vernommen und bemerkt hatte, dass Teile des Fahrzeugs gegen die geschlossene Türe der Waschanlage geschleudert worden waren, drückte er die Not-Aus-Taste und verständigte das Tankstellenpersonal. Als er in der Folge die Waschanlage betrat, war das Auto noch zur Gänze nass; vor dem Not-Aus war offensichtlich gerade die Bürstenwäsche im Gange. Der zerbrochene heruntergerissene Heckspoiler hing nur mehr an einem Kabel haltend links vom Fahrzeug herunter.
Unmittelbar bei Einfahrt in die Waschstraße befinden bzw. befanden sich zwei Schilder mit der Überschrift (Wichtige Info: Allgemeine Geschäftsbedingungen Autowaschstraßen, Portalwaschanlagen). Im Punkt 1. der AGB wird darauf hingewiesen, dass die Haftung des Anlagenbetreibers insbesondere dann entfällt, wenn ein Schaden durch nicht ordnungsgemäß befestigte Fahrzeugteile oder durch nicht zur Serienausstattung des Fahrzeugs gehörende Fahrzeugteile (z.B.: Spoiler, Antenne, Zierleisten …) verursacht worden ist. Gemäß Punkt 3. haftet der Waschanlagenunternehmer bei Eintritt eines Schadens durch den Waschvorgang bei Verschulden nur für den unmittelbaren Schaden. Auf einem separaten, darunter angebrachten Schild unmittelbar neben der Einfahrt der Waschstraße befindet sich der Hinweis „Achtung keine Dachträger! … keine selbstgebastelten Heckspoiler!“.
Am Vorfallstag wurden in der Waschanlage insgesamt 47 Bürstenwäschen durchgeführt; zwei davon waren SUV-Wäschen. Im Zeitraum 28.06.2019 bis 23.08.2019 wurden insgesamt 1.693 Wäschen durchgeführt; 26 davon waren SUV-Wäschen. Am 28.06.2019 wurde in der Waschanlage bei einem Toyota Verso S der zur Serienausstattung gehörende Heckspoiler abgerissen.
Den Tankstellenmitarbeitern ist es nicht möglich, eine Veränderung der Voreinstellung der Waschanlage vorzunehmen. Die letzte Wartung der Waschanlage erfolgte am 19.07.2019. Zuvor erfolgten Überprüfungen der Waschanlage am 14.05.2019 und 17.06.2019. Darüber hinaus erfolgt eine halbjährliche Überprüfung der Waschanlage und eine anlassbezogene Überprüfung, wenn die Anlage eine Störung anzeigt.
Bei Erwerb eines Tickets wird der Kunde nicht explizit auf die Möglichkeit hingewiesen, dass der Spoiler beim Waschvorgang beschädigt werde.
Die klagende Partei ließ den Schaden reparieren und musste dafür einen Selbstbehalt von EUR 600,-- tragen. Darüber hinaus hatte die klagende Partei für Telefonate und Fahrten einen Aufwand von EUR 50,--.
Bei der gegenständlichen Waschanlage handelt es sich um eine Totalwaschanlage mit bewegbaren Waschautomaten, bei der Breiten bis 2,4 m und Höhen bis 2,5 m bedient werden können. Im Zuge der Spezialwäsche für SUV findet zwei Mal das Waschprogramm Aktivschaum und zwei Mal die Hochdruckreinigung sowie drei Mal die Trocknung statt.
Beim Heckspoiler des Fahrzeugs der Klägerin handelt es sich um eine Serienausstattung. Im Zuge der Durchführung der Wäsche kann – bedingt durch den Spoiler – ein gewisser Streifen nicht gewaschen werden, weil die Form des Spoilers die Walze der Waschbürste nicht den vollen Bereich erfassen lässt. Je nach Anpressdruck wird hier ein Streifen der Heckscheibe nicht gewaschen. Je höher nun der Anpressdruck eingestellt ist, desto geringer bzw. kleiner wird der nicht gewaschene Streifen.
Zum Zeitpunkt des Vorfalls funktionierte die Waschanlage normal, die Sicherheitsfunktionen waren in Ordnung. Da der Spoiler am Fahrzeug der klagenden Partei in sich zerbrach, war im Zuge des Waschvorgangs eine große Verformungskraft gegeben, sodass dieser Bruch auch tatsächlich eintreten konnte. Im Zuge der Bürstenwäsche erfolgt im Heckbereich eine Bewegung von unten nach oben. Beim Auftreffen auf den Spoiler zerbrach dieser bzw. wurde dieser heruntergerissen. Eine Überprüfung, ob und wann eine Umstellung des Anpressdrucks der Walze bei der Waschanlage erfolgte, ist nicht möglich, zumal nur das Programm geändert werden muss und keine Teile ausgetauscht werden müssen.
Für den Fall, dass der Spoiler sowohl am Fahrzeug der klagenden Partei als auch bei dem zuvor in der gegenständlichen Waschanlage beschädigten PKW nicht richtig befestigt bzw. locker war, kann „der Waschanlage“ kein Fehlverhalten nachgewiesen werden. Für den Fall, dass die Spoiler weder locker noch unrichtig befestigt waren, war die Einstellung der Anpresskraft in der Waschanlage jedoch zu hoch. Zum Vorfallszeitpunkt war die Waschanlage, was die technischen Vorschriften und die Sicherheitseinrichtungen betrifft, in Ordnung.
Ob der Spoiler am Fahrzeug der klagenden Partei ordnungsgemäß montiert war und kein Vorschaden an diesem bestand, kann nicht festgestellt werden. Es kann ebenfalls nicht festgestellt werden, ob ein Materialfehler am Spoiler vorlag. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass der voreingestellte Anpressdruck beim Waschvorgang überschritten wurde.
In rechtlicher Hinsicht führte das Erstgericht aus, dass beim Vertrag über die Inanspruchnahme einer Waschanlage das Waschen des Kraftfahrzeugs die vertragliche Hauptleistungspflicht bilde; die reibungslose Abwicklung, insbesondere dass dabei weder die zu bearbeitende Sache selbst noch andere mit der Hauptleistung in Kontakt kommende Güter des Bestellers beschädigt werden, stelle dabei eine vertragliche Nebenpflicht dar. Dass die vertragliche Hauptleistungspflicht von der Beklagten nicht erfüllt worden wäre, werde von der klagenden Partei nicht behauptet; vielmehr habe die beklagte Partei gegen Schutz- und Sorgfaltspflichten (Hinweispflichten) verstoßen.
Eine Umkehr der Beweislast gemäß § 1298 ABGB bei Verletzung vertraglicher oder gesetzlicher Pflichten trete ein, wenn durch die Nichterfüllung einer Verbindlichkeit ein Schaden entstanden ist. Sei jedoch jemand anlässlich einer Schulderfüllung geschädigt worden, so müsse der Geschädigte das Verschulden des Schädigers beweisen. Die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB finde auch bei Verletzung einer vertraglichen Schutz- und Sorgfaltspflicht ohne Rücksicht auf die Art des Vertragsverhältnisses statt. Sie trete jedoch nur dann ein, wenn die klagende Partei zunächst beweist, dass der Schädiger objektiv seine Pflicht nicht erfüllt habe. Sei ein vertragswidriges Verhalten des Schädigers nicht feststellbar, könne die Beweislastumkehr gemäß § 1298 ABGB nur dann angewendet werden, wenn der Geschädigte beweist, dass die Schadensentstehung auf ein wenigstens objektiv fehlerhaftes und vertragswidriges Verhalten des Schädigers zurückzuführen ist. Werde beispielsweise ein Fahrzeug in einer Waschstraße beschädigt, so könne dies im Sinne eines Anscheinsbeweises einen Schluss auf die Verletzung einer Sorgfaltspflicht des Betreibers zulassen. Betreffend Sorgfaltsverbindlichkeiten habe aber jedenfalls der Geschädigte das Vorliegen der Pflichtverletzung zu beweisen (vgl. 2 Ob 99/16x).
Dass das Fahrzeug der klagenden Partei die Waschanlage mit einem beschädigten Originalheckspoiler verlassen hat, stelle zweifellos einen rechtswidrigen Erfolg dar. Der im Rahmen der nebenvertraglichen Schutz- und Sorgfaltspflichten geschuldete sorgsame Umgang mit einem Fahrzeug während des Waschvorganges stelle hingegen keine Erfolgsverbindlichkeit dar, sodass mit dem Beweis des Nichteintritts des angestrebten Erfolgs (schadensfreie Abwicklung des Waschvorgangs) nicht gleichzeitig auch die Nichteinhaltung der vertraglich geschuldeten Leistung erwiesen sei. Dass die Waschanlage zum Zeitpunkt der Autowäsche eine Fehleinstellung (zu hoher Druck auf den Bürsten) aufwies, sei nach den getroffenen Feststellungen nicht erwiesen. Hingegen ergebe sich aus den Feststellungen, dass die Anlage regelmäßig gewartet wurde. Dass die Beklagte keinen Hinweis dahingehend erteilte, dass bei (nicht ordnungsgemäß festsitzenden) Originalheckspoilern die Gefahr der Beschädigung bestehe, sei ihr nicht im Sinne einer Haftungsbegründung anzulasten. Zusammengefasst scheitere die Haftung der Beklagten daher daran, dass der klagenden Partei der Beweis, dass eine objektive Vertragsverletzung durch die beklagte Partei erfolgte, nicht gelungen sei.
Gegen dieses Urteil richtet sich die rechtzeitige Berufung der Klägerin aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag auf Abänderung dahingehend, dass dem Klagebegehren stattgegeben werde. Hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt.
Die Beklagte begehrt in ihrer fristgerecht erstatteten Berufungsbeantwortung, der Berufung nicht Folge zu geben.
Der Berufung kommt mit Ausnahme eines pauschalierten Spesenbetrags von EURÂ 50,-- s.A. Berechtigung zu.
Rechtliche Beurteilung
Soweit die Berufungswerberin in ihrer Rechtsrüge eine ergänzende Feststellung dahin begehrt, dass die Beklagte als Sachverständige in der Waschanlage unter anderem die Wäsche von SUV-Fahrzeugen anbietet, wird von ihr kein rechtlicher Feststellungsmangel iSd § 496 Abs 1 Z 3 ZPO geltend gemacht, zumal es eine Rechts- und keine Tatfrage ist, ob ein Werkunternehmer dem Sorgfaltsmaßstab eines Sachverständigen gemäß § 1299 ABGB unterliegt, und sich aus den erstgerichtlichen Feststellungen ohnedies ergibt, dass die Beklagte in der gegenständlichen Waschanlage spezielle SUV-Wäschen anbietet und die Beschädigung des Fahrzeugs der Klägerin im Zuge einer solchen SUV-Wäsche erfolgte.
Auch die von der Berufungswerberin weiters begehrte ergänzende Feststellung, dass von der Beklagten nach dem Vorfall vom 28.06.2019, bei welchem bei einem Toyota Verso S im Zuge eines Waschvorganges in der gegenständlichen Waschanlage ein ebenfalls zur Serienausstattung gehörender Heckspoiler abgerissen wurde, keine Änderungen an den warnenden Hinweisschildern vorgenommen wurden, ist implizit der erstgerichtlichen Feststellung zu entnehmen, dass sich unmittelbar bei der Einfahrt in die Waschstraße zwei Schilder mit den festgestellten Hinweisen befinden bzw. befanden, wozu kommt, dass eine diesbezügliche Änderung von der Beklagten auch gar nicht behauptet wurde.
Nach den weiteren Berufungsausführungen der Klägerin sei maßgeblich für die Überprüfung der objektiven Sorgfaltswidrigkeit nach § 1299 ABGB der Stand des Wissens zum Zeitpunkt der Ausübung der Tätigkeit und habe die Beklagte zumindest aufgrund des Vorfalls am 28.06.2019 Kenntnis davon gehabt, dass es auch bei serienmäßig montierten Spoilern zu Schäden an Fahrzeugen in der Waschanlage kommen könne. Dennoch habe die Beklagte nichts an den Warnhinweisen und Sicherheitsvorkehrungen verändert und auch nicht anderweitig vor der Möglichkeit, dass durch den Waschvorgang auch Originalspoiler beschädigt werden können, gewarnt. Die Beklagte habe somit objektiv sorgfaltswidrig gehandelt und wäre es damit zur Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB gekommen. Überdies sei der Unternehmer verpflichtet, das Werk so auszuführen, dass weder die Sache selbst noch andere mit der Hauptleistung in Berührung kommende Güter des Bestellers beschädigt werden, und greife bei einer Verletzung dieser vertraglichen Pflicht die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB; der Unternehmer müsse beweisen, dass weder ihn noch seinen Erfüllungsgehilfen ein Verschulden trifft. Die beklagte Partei habe diese vertragliche Pflicht dadurch verletzt, dass der auf dem Fahrzeug montierte Originalspoiler beschädigt wurde, und hätte folglich die Beklagte beweisen müssen, dass sie und ihre Erfüllungsgehilfen kein Verschulden daran trifft. Die Bestimmung des § 1168a Satz 3 ABGB bringe die allgemeine Schutzpflicht und Sorgfaltspflicht des Schuldners in der speziell auf den Werkvertrag zugeschnittenen Warnpflicht zum Ausdruck und habe der Unternehmer demnach zu beweisen, dass er den Besteller gewarnt hat. Dem Besteller bleibe es dann überlassen, von der Ausführung des Werkes abzusehen, seine Anweisungen abzuändern oder zurückzuziehen. Die Unterlassung eines Hinweises auf die mögliche Beschädigung von Originalheckspoilern sei der Beklagten als objektiv sorgfaltswidrig anzulasten, zumal die Beklagte als Sachverständige auftrete und bei einem Sachverständigen der Sorgfaltsmaßstab objektiv anhand der Leistungsstandards der betreffenden Berufsgruppe zu messen sei.
Die Beklagte hält dem in ihrer Berufungsbeantwortung entgegen, dass der klagenden Partei der Nachweis einer kausalen Verursachung durch eine Fehlfunktion der Waschanlage misslungen sei und das Klagebegehren daher schon aus diesem Grund abzuweisen gewesen sei. Für eine Erfolgshaftung bestehe beim vorliegenden Vertragsverhältnis weder Platz noch ein gesetzlicher Rahmen, sodass sich die Frage der Beweislastumkehr iSd § 1298 ABGB überhaupt nicht stelle. Überdies ergebe sich aus den erstgerichtlichen Feststellungen nicht, ob das Fahrzeug der Klägerin („als vom Besteller gegebener Stoff“) offenbar untauglich iSd § 1168a Satz 3 ABGB war. Ferner treffe den Unternehmer bezüglich solcher Umstände der Bestellersphäre, welche das Misslingen des Werks verursachen, dem Unternehmer aber nicht erkennbar sein mussten, auch keine Warnpflicht. Aufgrund der Anzahl der durchgeführten Wäschen und der regelmäßigen Wartung der Waschanlage habe für die beklagte Partei aber kein Hinweis auf die nunmehr von der Klägerin behauptete Schadensgeneigtheit im Zusammenhang mit einem (nicht ordnungsgemäß montierten) Originalspoiler bestanden. Zudem habe das Erstgericht nicht feststellen können, ob der Spoiler ordnungsgemäß montiert bzw. vorbeschädigt war und ob ein Materialfehler am Spoiler vorlag. Dass die Waschanlage zum Zeitpunkt der gegenständlichen Autowäsche eine Fehleinstellung (zu hoher Druck auf den Bürsten) aufgewiesen habe, sei nach den getroffenen Feststellungen nicht erwiesen. Dass die Beklagte keinen Hinweis dahingehend erteilte, dass bei (nicht ordnungsgemäß festsitzenden) Originalheckspoilern die Gefahr der Beschädigung bestehe, sei ihr nach den erstgerichtlichen Tatsachenfeststellungen nicht im Sinne einer Haftungsbegründung anzulasten. Schließlich wäre noch ergänzend festzustellen gewesen, dass die Abmessungen des PKW der Klägerin eine Benutzung der Waschanlage ermöglichen und dieser somit grundsätzlich geeignet bzw. nicht offenbar ungeeignet war, in der Waschanlage der Beklagten gewaschen zu werden.
Die Beweislastumkehr des § 1298 ABGB greift grundsätzlich nur dann Platz, wenn der Geschädigte zunächst beweist, dass der Schädiger objektiv seine Pflicht nicht erfüllt hat (RIS-Justiz RS0026290 [T1]). Wie vom Obersten Gerichtshof in der Entscheidung 4 Ob 587/81 (= HS 12.733) ausgesprochen wurde, ist der Vertrag über die Reinigung eines PKW in einer automatischen Autowaschanlage als Werkvertrag zu qualifizieren und treten zu den Hauptleistungspflichten (Waschen gegen Entgelt) auch Nebenpflichten, die eine reibungslose Abwicklung der Hauptleistung bezwecken. Unter diesen Nebenpflichten komme den vertraglichen Schutzpflichten besondere Bedeutung zu. Der Schuldner habe seine Erfüllungshandlungen so zu setzen, dass der Gläubiger weder in seiner Person noch in seinen sonstigen Rechtsgütern beschädigt wird. Der Werkunternehmer sei verpflichtet, das Werk so auszuführen, dass weder die zu bearbeitende Sache selbst noch andere mit der Hauptleistung in Kontakt kommende Güter des Bestellers beschädigt werden. Im Falle einer Verletzung einer vertraglichen Schutzpflicht finde – und zwar ohne Rücksicht auf die Art des Vertragsverhältnisses – die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB statt. Eine solche Schutzpflichtverletzung habe das Berufungsgericht zutreffend angenommen, zumal der Beklagte aufgrund des abgeschlossenen Werkvertrags für die gefahrlose Benützung der Waschanlage zu sorgen hatte und die Klägerin an der „Ausführung des Werkes“ insofern mitzuwirken hatte, als der Lenker ihres Kraftfahrzeuges dieses in die Führungsschiene einzufahren hatte, wozu er wegen der Dimension des Fahrzeuges, die fast die Breite der Führungsschiene erreichte, der Mithilfe eines Einweisers bedurfte. Die Beklagte sei verpflichtet gewesen, den Lenker des Kraftfahrzeuges der Klägerin so einweisen zu lassen, dass sein Fahrzeug in der Führungsschiene ordnungsgemäß zum Stehen kam.
Reischauer (in Rummel, ABGB3 § 1298 ABGB Rz 14) vertritt zunächst die Ansicht, dass bei Nebenleistungspflichten für die Anwendung der Beweislastumkehr gemäß § 1298 ABGB genauso wie bei Hauptleistungspflichten zwischen Erfolgs- und Sorgfaltsverbindlichkeiten zu unterscheiden sei, wobei ein Werkunternehmer den von ihm zur Bearbeitung übernommenen Stoff – abgesehen von den durch die Bearbeitung vorzunehmenden Änderungen – wieder so zurückzustellen habe, wie er ihm überlassen worden ist. Bezüglich der Sachüberlassung sei seine Stellung ähnlich wie die eines Verwahrers, aber auch eines Mieters. Gleich diesen schulde er eine unversehrte Rückgabe der Sache. Beschädigt er den zu verarbeitenden oder zu bearbeitenden Gegenstand oder den Gegenstand, an dem er Arbeiten vorzunehmen hat, so habe der Besteller nur die Beschädigung (im Sinne einer Substanzbeeinträchtigung, eines Misserfolges, nicht im Sinne einer Handlung) zu beweisen, der Unternehmer habe sich zu entlasten, wobei dieser Autor (aaO Rz 19c) in diesem Zusammenhang auf die oben zitierte Entscheidung des Höchstgerichtes verweist. Habe der Unternehmer vor der Untauglichkeit des vom Besteller beigestellten Stoffes (§ 1168a ABGB) gewarnt und solle er dennoch das Werk angehen oder daran weiter arbeiten, so sinke die Erfolgsverbindlichkeit zur Sorgfaltsverbindlichkeit herab. Habe der Unternehmer nicht gewarnt, so bleibe die Erfolgsverbindlichkeit bestehen und könne er sich wegen der Stoffuntauglichkeit nur entlassen, wenn er beweist, dass er bei gehöriger Sorgfalt die Stoffuntauglichkeit weder kannte noch kennen musste und daher das Werk misslang (aaO Rz 19b).
Wagner (in Schwimann/Kodek4 § 1298 ABGB Rz 22) steht ebenfalls auf dem Standpunkt, dass bei einer Verletzung der vertraglichen Pflicht des Unternehmers, das Werk so auszuführen, dass weder die Sache selbst noch andere mit der Hauptleistung in Berührung kommende Güter des Bestellers beschädigt werden, die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB greife und der Unternehmer daher beweisen müsse, dass weder ihn noch seinen Erfüllungsgehilfen ein Verschulden treffe, und nennt dazu als Beispiel die Beschädigung eines KFZ in einer „Waschstraße“.
Kodek (in Kletecka/Schauer, ABGB-ON1.03 § 1298 ABGB Rz 28) vertritt zum Werkvertrag die Ansicht, dass im Sinne der überwiegenden Rechtsprechung der Besteller nur die Mangelhaftigkeit des Werks und den dadurch entstandenen Schaden zu beweisen habe und bereits die objektive Schlecht- bzw. Nichterfüllung die Beweislastumkehr nach § 1298 ABGB auslöse. Bei Verletzung einer Schutz- und Sorgfaltspflicht werde dem Geschädigten vielfach auch der Anscheinsbeweis zugute kommen. Werde etwa ein KFZ in einer Autowaschstraße beschädigt, so lasse dies in der Regel wohl einen Schluss auf Verletzung einer Sorgfaltspflicht des Betreibers zu (aaO Rz 39).
Zur vergleichbaren deutschen Rechtslage wird in der Rechtsprechung ebenfalls überwiegend die Ansicht vertreten, dass die von dem Betreiber der Waschanlage zu beachtenden Schutzpflichten, das Fahrzeug des Kunden vor Beschädigungen beim Waschvorgang zu bewahren (vgl. BGH, Urteil vom 19. Juli 2018 – VII ZR 251/17 mwN), „erfolgsbezogene“ Pflichten darstellen und daher die Pflichtverletzung des Waschanlagenbetreibers schon deshalb als bewiesen zu betrachten sei, weil der Wagen beim Durchlaufen der Anlage zu Schaden kam (siehe dazu vor allem die unzähligen Rechtsprechungsnachweise im Urteil des Amtsgerichtes Brandenburg vom 22. Juni 2015, 31 C 232/13; vgl. weiters die Aussage des Bundesgerichtshofes in dem oben angeführten Urteil, wonach der Schaden des dortigen Klägers nicht allein durch den automatisierten Waschvorgang unter Einsatz des von der Beklagten verwendeten und in Gang gesetzten Schleppbandes verursacht wurde und sich der hier zu beurteilende Sachverhalt damit von Fällen unterscheidet, bei denen das Fahrzeug des geschädigten Waschstraßenbenutzers durch ein am Waschvorgang beteiligtes Teil der Waschstraße (z.B. eine Rotationsbürste) beschädigt wird. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte auch das Landgericht Berlin in seinem Urteil zu 6 O 385/15, wonach der Anscheinsbeweis (nur) dann zum Tragen komme, wenn feststeht, dass der Schaden nur durch den automatisierten Waschvorgang in der Waschstraße selbst verursacht worden sein könne, also keine andere Schadensursache in Betracht komme, und die Beschädigung des Fahrzeugs des Klägers in der Waschanlage des Beklagten eine objektive Pflichtverletzung im Rahmen des abgeschlossenen Waschvertrages darstelle. Anders als in anderen Fällen, in denen Fahrzeuge in Waschanlagen beschädigt werden, komme hier eine Verursachung durch unsachgemäße Benutzung der Waschanlage durch den Kläger nicht in Betracht, weil das Fahrzeug auf die bestimmte Position zu fahren war, der Fahrer dann auszusteigen, durch Einschieben der Karte den Waschvorgang zu starten und vor der Waschanlage auf das Ende des Waschablaufs zu warten hatte, sodass es von vornherein ausscheide, dass der Fahrer während des Waschvorgangs etwa das Gas betätigt oder am Lenkrad gedreht und dadurch das Schadensereignis selbst verursacht haben könnte.
Das OLG Karlsruhe sprach in seinem Urteil vom 24.06.2015, 9 U 29/14, ebenfalls aus, dass sich für den Betreiber einer Waschanlage aus dem Waschanlagenvertrag die Nebenpflicht ergebe, dafür zu sorgen, dass Fahrzeuge in der Waschanlage durch den Waschvorgang nicht beschädigt werden, und es sich dabei nicht nur um eine Pflicht, in einer bestimmten Art und Weise tätig zu werden, sondern um eine erfolgsbezogene Verpflichtung handle. Die Verpflichtung, beim Waschvorgang Schäden vom Fahrzeug des Klägers abzuwenden, habe die Beklagte verletzt. Diese hätte, um das Fahrzeug des Klägers vor Schäden zu bewahren, im Rahmen des Waschstraßenvertrages eine Waschanlage zur Verfügung stellen müssen, die zur Wäsche des Fahrzeugs in diesem Sinne geeignet war. Aus technischen Gründen bestehe ein deutliches Risiko, dass die Waschanlage bei Fahrzeugen dieses Fahrzeugtyps (Cabrio-Limousine, die serienmäßig mit einem Heckspoiler aus Kunststoff ausgestattet ist) erhebliche Schäden verursacht. Daraus ergebe sich, dass die Waschanlage der Beklagten für ein schadenfreies Waschen des Fahrzeugs des Klägers grundsätzlich nicht geeignet war. Entscheidend sei der übliche Erwartungshorizont eines Fahrzeugbesitzers bei Serienfahrzeugen. Der Eigentümer eines Serien-PKW rechne grundsätzlich aber nicht damit, dass eine Waschanlage – konstruktionsbedingt – Schäden an seinem Fahrzeug verursachen kann, welche wirtschaftlich in keinem Verhältnis zum Entgelt für den Waschvorgang stehen. Dabei sei zu berücksichtigen, dass die Beklagte nicht verpflichtet ist, für beliebige Fahrzeuge einen Waschanlagenvertrag abzuschließen. Vielmehr habe sie es in der Hand, Fahrzeuge zurückzuweisen, für welche die Waschanlage nicht geeignet ist oder bei denen – unter Berücksichtigung der technischen Möglichkeiten der Waschanlage – ein erhöhtes Schadensrisiko besteht. Die von der Beklagten vorgelegten Allgemeinen Geschäftsbedingungen enthielten keinen Risikohinweise, sondern lediglich einen Hinweis auf eine Haftungsbeschränkung, wenn das Fahrzeug mit bestimmten – nicht serienmäßigen – Fahrzeugteilen versehen ist. Welche Schäden aus welchen konstruktiven Gründen der Waschanlage einem Fahrzeug mit Spoiler drohen, sei den AGB der Beklagten hingegen nicht zu entnehmen. Das bedeute, dass ein Fahrzeugbesitzer aufgrund der AGB der Beklagten nicht erkennen kann, welche Risiken seinem Fahrzeug in der Waschanlage tatsächlich mit welcher Wahrscheinlichkeit drohen, sodass er auch keine Grundlage für eine vernünftige Entscheidung habe, welche Risiken er eingehen wolle und welche nicht. Außerdem beziehe sich der haftungsbeschränkende Hinweis der Beklagten in ihren AGB nur auf „nicht ordnungsgemäß befestigte oder nachträglich angebrachte Fahrzeugteile, die nicht zur Serienausstattung des Fahrzeugs gehören“, und mithin nicht auf einen Heckspoiler, der, wie am Fahrzeug des Klägers zur Serienausstattung gehört und dementsprechend ordnungsgemäß befestigt war. Dieser Hinweis in den AGB der Beklagten sei für den Kläger ein zusätzlicher Anlass gewesen, darauf zu vertrauen, dass die Beklagte ihm eine Waschanlage zur Verfügung stelle, welche für sein – serienmäßig ausgestattetes – Fahrzeug geeignet war.
Ähnlich argumentierte auch das LG Köln in seinem Urteil vom 04. Mai 2005, 9 S 437/04, wonach die Beklagte zwar nicht ihre Pflicht zur Überprüfung und Wartung der Waschanlage verletzt, dessen ungeachtet aber nicht alle notwendigen Vorkehrungen getroffen habe, um Schäden von dem in die Waschanlage fahrenden Fahrzeug des Klägers abzuwenden, weil sie in ihren – deutlich sichtbar an der Waschanlage angebrachten – Bedienungshinweisen nicht darauf hinweist, dass auch bei einem serienmäßig angebrachten, fest installierten Heckspoiler, wie ihn das Fahrzeug des Klägers aufweist, ein Beschädigungsrisiko besteht.
Das Landesgericht Wels als Berufungsgericht vertrat in seiner Entscheidung zu 22 R 225/17w ebenfalls die Ansicht, dass für das Eingreifen der Beweislastumkehr des § 1298 ABGB der Nachweis genüge, dass das – vorher unbeschädigte und entsprechend der Bedienungsanleitung der Beklagten in die Waschanlage gestellte – Fahrzeug bei dem konkreten Waschvorgang beschädigt wurde, wobei auch in diesem Fall das Fahrzeug des Klägers serienmäßig mit einem Spoiler ausgestattet war und der beim Einfahren des Klägers in die Waschanlage unbeschädigte Spoiler beim Waschvorgang durch ein Verhängen der Lamellen nach oben gehoben wurde, wodurch ein Bruch des Spoilers entstand. Ebenso wie im vorliegenden Fall bezog sich auch der dort unterhalb der AGB der Beklagten unter der Überschrift „Achtung“ angebrachte Warnhinweis nicht allgemein auf an Fahrzeugen angebrachte Spoiler, sondern ausschließlich auf die Nichtverwendung („Keine“) von „selbstgebastelten Heckspoilern“, sodass der Kläger nicht damit rechnen habe müssen, dass auch bei einem serienmäßig angebrachten, fest installierten Heckspoiler ein Bruchrisiko bei der automatischen Fahrzeugreinigung bestehe.
Der erkennende Senat sieht sich ungeachtet der gegenteiligen Rechtsansicht in mehreren Entscheidungen des LG Linz im Hinblick auf die oben dargelegte Rechtsansicht von Reischauer, der selbst grundsätzlich die Auffassung vertritt, dass die Beweislastumkehr des § 1298 ABGB ausschließlich auf Erfolgsverbindlichkeiten und nicht auch auf Sorgfaltsverbindlichkeiten anzuwenden sei, und von Wagner sowie die herrschende Rechtsprechung in Deutschland nicht veranlasst, von seiner bisherigen Rechtsprechung zur Beweislastverteilung bei sogenannten „Waschanlagefällen“ abzugehen. Die vom Erstgericht getroffene Negativfeststellung zur Frage, ob der zur Serienausstattung gehörende Spoiler am Fahrzeug der Klägerin ordnungsgemäß montiert war und ob ein Vorschaden bzw. Materialfehler an diesem vorlag, geht damit nach Ansicht des Berufungsgerichtes in rechtlicher Hinsicht zu Lasten der Beklagten, sodass bei Beurteilung des Verschuldens der Beklagten davon auszugehen ist, dass für das Waschen des Fahrzeugs der Klägerin der voreingestellte Anpressdruck der Anpresswalze der gegenständlichen Waschanlage zu hoch war. Der sich ausschließlich auf „selbstgebastelte Spoiler“ beziehende Warnhinweis der Beklagten war hinsichtlich des beim Waschvorgang eingetretenen Schadens am Fahrzeug der klagenden Partei jedenfalls nicht ausreichend, zumal der dabei beschädigte Dachheckspoiler zur Serienausstattung des Fahrzeugs der klagenden Partei gehörte, also kein „selbstgebastelter Spoiler“ war, und angesichts der etwa zwei Monate vor dem gegenständlichen Vorfall eingetretenen Beschädigung eines ebenfalls zur Serienausstattung gehörenden Spoilers im Zuge der Autowäsche in der gegenständlichen Waschanlage die Beklagte Kenntnis von der nicht fernliegenden Möglichkeit der Beschädigung auch von Originalheckspoilern von Fahrzeugen bei Durchführung des Waschvorgangs hatte, insbesondere wenn diese nicht (mehr) ganz fest am Fahrzeug befestigt sind. Da sich der unterhalb der AGB der Beklagten angebrachte Warnhinweis nicht allgemein auf an Fahrzeugen angebrachte Heckspoiler bezog, musste der Geschäftsführer der Klägerin auch nicht damit rechnen, dass auch bei einem serienmäßig angebrachten Heckspoiler ein Bruchrisiko bei der automatischen Fahrzeugreinigung aufgrund des voreingestellten Anpressdrucks der Walzen bestehe.
Der Beklagten ist daher der ihr nach § 1298 ABGB obliegende Beweis ihrer Schuldlosigkeit an der Beschädigung des Fahrzeugs der Klägerin beim gegenständlichen Waschvorgang nicht gelungen, woran entgegen der Argumentation der Beklagten in ihrer Berufungsbeantwortung auch der Umstand nichts zu ändern vermag, dass dieser eine Verletzung der ihr obliegenden Überprüfungs- und Wartungspflicht nicht angelastet werden kann und auch die Sicherheitsfunktionen der Waschanlage in Ordnung waren.
Der in den AGB der Beklagten vorgesehene generelle Haftungsausschluss für nicht „unmittelbare Schäden“, worunter offensichtlich solche Schäden gemeint sind, die nicht unmittelbar beim Waschvorgang am Fahrzeug des Kunden eintreten, also insbesondere Mangelfolgeschäden, ist in Übereinstimmung mit dem erstinstanzlichen Vorbringen der klagenden Partei als gröblich benachteiligend iSd § 879 Abs 3 ABGB zu qualifizieren, zumal die hier zu beurteilende Klausel die Haftung der Beklagten für bestimmte Schäden – unabhängig vom Verschuldensgrad – generell ausschließt und damit gravierend vom dispositiven Recht abweicht, das – im Bereich der Verschuldenshaftung – eine Haftung auch hinsichtlich von Mangelfolgeschäden für jeden Verschuldensgrad anordnet. Die Beurteilung, ob eine Klausel den Vertragspartner gröblich benachteiligt, hat sich am dispositiven Recht als dem Leitbild eines ausgewogenen und gerechten Interessenausgleichs zu orientieren (RIS-Justiz RS0014676 [T6, T7, T8, T13, T21, T24, T43]). Dazu kommt, dass der Vertragsabschluss unter Zugrundelegung allgemeiner Geschäftsbedingungen typischerweise zu einer verdünnten Willensfreiheit des Kunden führt (vgl. RIS-Justiz RS0016914, RS0014676). Die Beklagte hat auch keinerlei Vorbringen zu einer allfälligen sachlichen Rechtfertigung dieser Haftungseinschränkung erstattet. Es ist daher mangels von der Beklagten dargelegter berücksichtigungswürdiger Interessen am zu beurteilenden generellen Haftungsausschluss für sämtliche Schäden, die nicht in der Beschädigung des Fahrzeuges selbst bei Durchführung des Waschvorgangs gelegen sind, der Rechtsansicht der Klägerin zu folgen, dass die ihr entsprechend dieser Klausel in den AGB der Beklagten zugedachte Rechtsposition in einem auffallenden Missverhältnis zur vergleichbaren Rechtsposition der Beklagten steht. Im Übrigen trifft auch die Behauptungs- und Beweislast für eine alfällige Teilzulässigkeit dieser Klausel die beklagte Partei. Will sich also die beklagte Partei auf eine geltungserhaltende Reduktion dieser Klausel stützen, so hat sie die anspruchsbegründenden Tatsachen zu behaupten und zu beweisen, die dies ermöglichen (7 Ob 143/13z).
Allerdings wird von der klagenden Partei bei ihrem Berufungsantrag auf voll umfängliche Klagestattgebung die vom Erstgericht auf § 273 ZPO gestützte Beurteilung übersehen, wonach sie über den von ihr getragenen Kaskoselbstbehalt von EUR 600,-- hinausgehende Aufwendungen für Telefonate und Fahrten von EUR 50,-- hatte, wogegen in der Rechtsrüge der Klägerin auch keinerlei Einwand erhoben wird.
Aus den dargelegten Erwägungen war daher in teilweiser Stattgebung der Berufung der Klägerin das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass ihr die Beklagte einen Schadensbetrag von insgesamt EUR 650,-- s.A. zu ersetzen hat. Die Abweisung des Mehrbegehrens der Klägerin von EUR 50,-- s.A. war hingegen zu bestätigen.
Die Abänderung in der Hauptsache bedingt die Neufassung der Kostenentscheidung für das erstinstanzliche Verfahren, welche sich auf § 43 Abs 2 erste und zweite Alternative iVm § 54 Abs 1a ZPO gründet, wobei zwischen dem von der Klägerin begehrten Betrag von EUR 700,-- und dem ihr zugesprochenen Betrag von EUR 650,-- weder bei den anwaltlichen Vertretungskosten noch bei der Pauschalgebühr ein Tarifsprung besteht.
Die Entscheidung über die Kosten des Berufungsverfahrens beruht auf §§ 50, 43 Abs 2 erster Fall ZPO. Allerdings gebührt der Klägerin für ihre erfolgreiche Berufung nur der einfache und nicht, wie verzeichnet, der dreifache Einheitssatz, weil gemäß § 23 Abs 10 RATG die in Abs 9 leg. cit. vorgesehen Erhöhung des Einheitssatzes auf das Drei- bzw. Vierfache nicht für Berufungsverfahren gilt, in denen mangels eines EUR 2.700,-- übersteigenden erstgerichtlichen Entscheidungsgegenstandes die Berufungsbeschränkung des § 501 Abs 1 ZPO anzuwenden ist.
|
JJT_20200603_LG00519_02300R00041_20Y0000_000
|
ECLI:AT:LG00519:2020:02300R00041.20Y.0603.000
|
23R41/20y
|
Justiz
|
LG Wels
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200603_LG00519_02300R00041_20Y0000_000/JJT_20200603_LG00519_02300R00041_20Y0000_000.html
| 1,591,142,400,000
| 2,354
|
Kopf
Das Landesgericht Wels hat durch VPräs Dr. Josef Obermaier sowie durch Dr. Manfred Lengauer und Mag. Werner Niedermayr als weitere Richter in der Verlassenschaftssache nach dem am 13. März 2018 verstorbenen A* B* C*, wohnhaft gewesen in ** D*, E*straße F*/**, über den Rekurs des B* C*, G*, vertreten durch Mag. H*, Rechtsanwalt in 1180 Wien, als Erwachsenenvertreter, gegen den Beschluss des Bezirksgerichts Gmunden vom 9. März 2020, 16 A 215/18m-73, nach Beratung und Abstimmung im Umlaufweg (Art. 21 § 11 2. COVID-19-Gesetz) den Beschluss gefasst
Spruch
Dem Rekurs wird teilweise Folge gegeben. Der angefochtene Beschluss wird in seinen Punkten 1. und 2. dahin abgeändert, dass sie lauten:
1. Die Entschädigung des Verlassenschaftskurators Mag. I*, **straße **, ** J*, wird für die Jahre 2018 und 2019 mit insgesamt € 23 126,- festgesetzt. Das Mehrbegehren von € 66 005,50 wird abgewiesen.
2. Mag. I* wird ermächtigt, den Entschädigungsbetrag von € 23 126,- aus dem für die Verlassenschaft eingerichteten Anderkonto lautend auf Verlassenschaft nach A* B* C*, IBAN **, zu entnehmen
Der Revisionsrekurs ist jedenfalls unzulässig.
Text
BEGRÜNDUNG
A* K*. C* verstarb am 13. März 2018. Einziger lebender Verwandter in gerader Linie ist sein Vater B* C*, **gasse **, ** G*, für den Mag. H*, Rechtsanwalt in Wien, zum Erwachsenenvertreter bestellt ist. Zum Nachlass gehörten neben diversen Sparguthaben, Wertpapierdepots und (wertlosen) Fahrnissen auch Liegenschaften, nämlich 2047/100 000 Anteile an der Liegenschaft EZ ** KG ** (B-LNr 21), Eigentumswohnung W 18 im Haus E*straße F* in D*, und 4/5 Anteile an der Liegenschaft EZ ** KG ** L* mit dem Haus **straße M* in N* L*. Miteigentümerin zu 1/5 ist die vormalige Lebensgefährtin O*.
Über Anregung des Gerichtskommissärs wurde mit Beschluss vom 17. Mai 2018 (ON 11) Mag. I*, Rechtsanwalt in J*, gemäß § 157 Abs. 4 AußStrG zum Verlassenschaftskurator bestellt. Sein Wirkungskreis wurde wie folgt festgelegt: Übernahme der Nachlassverwaltung im umfassenderen Sinn, Sichtung, Räumung und Reinigung der nachlasszugehörigen Liegenschaften, allfälliger Verkauf, Sichtung des sonstigen Nachlasses, Bezahlung offener Rechnungen, Ersatz der Begräbniskosten an die Gemeinde D*.
Am 21. November 2018 langte beim Erstgericht das Bewertungsgutachten des DI P* betreffend die Liegenschaft in L* **; der Verkehrswert der nachlasszugehörigen 4/5-Anteile wurde mit € 202 200,- geschätzt (ON 42).
Am 18. März 2019 legte der Gerichtskommissär einen von ihm verfassten Kaufvertrag über die Eigentumswohnung in D*, Kaufpreis € 100 000,-, mit dem Antrag auf abhandlungsgerichtliche Genehmigung vor, die am 27. März 2019 erteilt wurde (ON 53).
Am 6. Mai 2019 beantragte der Verlassenschaftskurator die abhandlungsgerichtliche Genehmigung der Konvertierung zweier Fremdwährungskredite (Schweizer Franken) in Euro; die Salden betrugen damals (in Euro) € 198 016,- und € 81 323,- (ON 55). Dieser Antrag wurde am 5. Juni 2019 abhandlungsgerichtlich genehmigt.
Am 17. Juni 2019 beantragte der Verlassenschaftskurator die abhandlungsgerichtliche Genehmigung eines Kaufvertrags für die Liegenschaft in L* um insgesamt € 268 000,- und einer namens der Verlassenschaft mit der Miteigentümerin O* geschlossene Vereinbarung betreffend die interne Verrechnung zwischen den Miteigentümern (ON 58). Nach § 7 des Kaufvertrags verpflichteten sich die Käufer, sämtliche mit der Errichtung und Verbücherung dieses Vertrags verbundenen Kosten zu tragen, wobei festgehalten wurde, dass die Käufer dem Verlassenschaftskurator diesen Auftrag in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt erteilt haben. Nach § 2 des mit O* geschlossenen Vertrags hatten der Verlassenschaftskurator und die Miteigentümerin O* die Q* GmbH als Maklerin mit dem Verkauf dieser Liegenschaft beauftragt, woraus eine Maklerprovision von € 9.612,- brutto resultierte. Nach § 6 Abs. 1 ist dieser Vertrag Teil des abgeschlossenen Kaufvertrags vom 13.6.2019 (alles: ON 58). Diese vom Verlassenschaftskurator verfassten Verträge wurden am 1. Juli 2019 abhandlungsgerichtlich genehmigt.
Am 20. August 2019 beantragte der Verlassenschaftskurator die Genehmigung einer Vereinbarung über die Überlassung eines Pkw R* an eine Werkstätte in **, wobei dieser Pkw einen Totalschaden erlitten hatte (ON 62). Auch diese Vereinbarung wurde abhandlungsgerichtlich genehmigt (ON 66).
Am 22. Jänner 2020 gab B* C*, vertreten durch den Erwachsenenvertreter Mag. H*, die bedingte Erbantrittserklärung zum gesamten Nachlass aufgrund des Gesetzes ab. Nach dem Inventar beträgt der Wert aller Aktiva € 919 371,36, die Summe aller Passiva € 244 123,73 und der reine Nachlass sohin € 675 247,63.
Am 7. Februar 2020 beantragte der Verlassenschaftskurator Mag. I* die Zuerkennung einer Entschädigung von € 36 134,39 für das Jahr 2018 und von € 52 997,11 für das Jahr 2019 (ON 71). Im Antrag wird ausgeführt, er habe folgende Tätigkeiten abgewickelt:
1. Sichtung, Räumung und Reinigung samt Abwicklung des Verkaufs der Eigentumswohnung in D*;
2. Sichtung und Verkauf der Liegenschaft in N* L*;
3. Tilgung der offenen Darlehensforderung bei S* von € 279 339,-;
4. Bewertung und Veräußerung des Pkw R* M* (Totalschaden, Restwert € 350,-);
5. Vereinbarung mit O* hinsichtlich Bürgschaft, Immobilienertragsteuer etc;
6. Tilgung offener Forderungen samt Regelung dieser Zahlungen.
Der Verstorbene habe über Vermögen (Aktiva) von € 963 583,85 verfügt, dieser Betrag sei auch die Bemessungsgrundlage gemäß § 283 ABGB. Für die 7,5 Monate des Kalenderjahrs 2018 errechne sich ein Honorar von 7,5/12 aus € 48 179,19, sohin € 30 111,99 zzgl. 20 % USt € 6.022,40, sohin brutto € 36 134,39. Für die 11 Monate des Kalenderjahres 2019 errechne sich das Honorar mit 11/12 aus € 48 179,19, sohin € 44 164,26 zzgl. 20 % USt € 8.832,85, sohin brutto € 52 997,11.
Mit Punkt 1. des angefochtenen Beschlusses bestimmte das Erstgericht die Entschädigung des Kurators antragsgemäß mit € 36 134,39 und € 52 997,11. Mit Punkt 2. ermächtigte es den Kurator, diese Beträge vom im Spruch genannten Konto zu entnehmen und mit Punkt 3. enthob es den Verlassenschaftskurator seines Amtes. In der Begründung wurde ausgeführt, nach § 283 ABGB gebühre dem Kurator eine angemessene jährliche Entschädigung von 5 % des betroffenen Vermögens zuzüglich USt, wobei der Anspruch zu aliquotieren sei, wenn die Tätigkeit des Kurators kein volles Kalenderjahr dauere. Bei der Bemessungsgrundlage seien Verbindlichkeiten außer Acht zu lassen. Die Tätigkeit des Kurators sei umfangreich gewesen, er habe sämtliche Nachlasswerte mit Genehmigung des Verlassenschaftsgerichts veräußert.
Gegen diesen Beschluss richtet sich der rechtzeitige Rekurs des erbantrittserklärten Erben B* C* mit dem Antrag, den angefochtenen Beschluss zu beheben und die Sache an das Gericht erster Instanz zur neuerlichen Entscheidung zurückzuverweisen, hilfsweise, die zugesprochene Entschädigung im Rahmen des Gesetzes richterlich zu mäßigen. Die rechnerische Richtigkeit der Berechnung des Kurators wird dabei außer Streit gestellt. Das Erstgericht hätte jedoch von seinem Mäßigungsrecht nach § 283 Abs. 2 ABGB Gebrauch machen müssen, wobei sich solche Erwägungen der Beschlussbegründung nicht entnehmen ließen. Es sei ihm auch nie die Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt worden. Es sei daher völlig unklar, ob und inwieweit der Verlassenschaftskurator seine Tätigkeiten an Dritte (z.B. Makler) delegiert hat, ob er aufgrund der Errichtung eines Vertrags zusätzliche Einnahmen hatte und überhaupt sei der Umfang der Tätigkeit des Kurators nicht geklärt worden. Insoweit sei das Verfahren mangelhaft geblieben.
Der Verlassenschaftskurator erstattete eine Rekursbeantwortung mit einem Bestätigungsantrag. Dem Gericht wäre es aufgrund des Umfangs der Tätigkeit des Kurators auch zugestanden, die Entschädigung mit 10 % zu bestimmen. Seine Tätigkeit sei aus dem Verlassenschaftsakt 16 A 215/18m BG Gmunden zu ersehen. Die Entschädigung sei auch in Relation zu Aufwand und zum Haftungsrisiko zu setzen. Durch die Einholung mehrerer verlassenschaftsgerichtlicher Genehmigung sowie durch die Erstellung von Verträgen und durch die Abwicklung diverser Verkäufe samt Sichtung des Nachlassvermögens sei der Entschädigungsanspruch jedenfalls angemessen.
Der Rekurs ist im Sinn des Eventualantrags teilweise berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
1. Nach § 47 Abs 3 AußStrG muss der Rekurs zwar kein bestimmtes Begehren enthalten, aber hinreichend erkennen lassen, aus welchen Gründen sich die Partei beschwert erachtet und welche andere Entscheidung sie anstrebt. Das gilt auch für Geldforderungen; nach § 47 Abs 2 AußStrG sind auch hier Rekurse ohne ziffernmäßig bestimmten Rekursantrag zulässig. § 9 AußStrG ist nicht anzuwenden; im Zweifel gilt ein Beschluss als zur Gänze angefochten (§ 47 Abs 3 zweiter Halbsatz AußStrG; G. Kodek in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG I2 § 47 Rz 10). Mit dieser Regelung folgte der Gesetzgeber des neuen Außerstreitgesetzes (BGBl I 2003/111) der schon zur früheren Rechtslage ergangenen höchstgerichtlichen Judikatur (5 Ob 247/08x; RIS-Justiz RS0006674). Der Rekurs ist in diesem Sinn daher ausreichend bestimmt; der Zuspruch einer Entschädigung gilt damit als der Höhe nach zur Gänze angefochten.
2. § 283 ABGB idF des 2. ErwSchG (BGBl I 2018/58) ist nach der Kuratorbestellung vom 17.5.2018, nämlich mit 1.7.2018 in Kraft getreten (§ 1503 Abs 9 Z 1 ABGB). Nach § 1503 Abs 9 Z 4 ABGB ist dieser neue § 283 ABGB auf Sachverhalte anzuwenden, die sich nach dem 30.6.2018 ereignen oder über diesen Zeitpunkt hinaus andauern. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass zum Zeitpunkt des Inkrafttretens bestehende Vertretungsverhältnisse nach der jeweils verbindlichen Rechtslage („sukzessives Anknüpfungselement“) zu beurteilen sind, also bis zum 30. Juni 2018 nach den bisherigen Vorschriften, danach nach den neuen Bestimmungen (9 Ob 89/18f). Damit richtet sich der Entschädigungsanspruch des Kurators für den Zeitraum 17.5. bis 30.6.2018 nach § 276 ABGB in der damals geltenden Fassung und für den Zeitraum 1.7.2018 bis 30.11.2019 nach § 283 ABGB idF des 2. ErwSchG.
3. Die ErläutRV führen zu § 283 ABGB idF des 2. ErwSchG aus (1461 BlgNR XXV. GP 45 f; gekürzt): „Abs 2 soll nun abschließend die Minderung und die Erhöhung der Entschädigung regeln. … § 276 Abs 2 des Entwurfs sieht weiterhin eine Pflicht vor, die Entschädigung zu mindern, ... wenn das Gericht dies aus besonderen Gründen für angemessen hält. Damit entspricht Abs 2 dem geltenden § 276 Abs 1 letzter Satz ABGB. Der VfGH hat in seinem Erkenntnis zu G 18/08 ua. ausgesprochen, dass gegen eine grundsätzlich pauschale Bezugnahme auf die Einkünfte und das Vermögen der vertretenen Person dann keine verfassungsrechtlichen Bedenken bestehen, wenn sichergestellt ist, dass eine nach Maßgabe der erbrachten Leistung unangemessen hohe Entschädigung durch das Gericht unter Berücksichtigung der konkreten Umstände auf eine angemessen hohe Entschädigung reduzieren werden kann. Nach dem VfGH ist es dabei gleichgültig, ob sich die Unangemessenheit der Entschädigung etwa daraus ergibt, dass das Vermögen besonders hoch ist, oder daraus, dass der Aufwand des Sachwalters wegen der Umstände des Falles oder wegen eines eingeschränkten Wirkungsbereichs ein entsprechend geringer gewesen ist. Diese Rechtslage wird durch den Entwurf fortgeschrieben. Abs 2 dient dazu, eine unangemessen hohe Entschädigung nach Maßgabe der konkreten Umstände auf einen angemessenen Betrag zu mindern. Der Entwurf nennt nun ausdrücklich zwei Gründe für eine Minderung: Einerseits ist die Entschädigung zu mindern, wenn der Erwachsenenvertreter während der Zeit seiner Bestellung nach Art oder Umfang der Tätigkeit nur einen geringen Aufwand an Zeit und Mühe hatte. Damit sind beispielsweise Fälle gemeint, in denen der Erwachsenenvertreter unterdurchschnittlich wenig zu tun hatte (weil zB nur sporadische Überwachungsmaßnahmen zu tätigen waren, weil das Vermögen mündelsicher veranlagt war und sonst keine Angelegenheiten zu besorgen waren). Ein geringer Aufwand kann sich auch daraus ergeben, dass der Erwachsenenvertreter für einen Teil der geleisteten Tätigkeit ein Entgelt nach § 276 Abs 3 des Entwurfs verlangt. Diese Arbeitszeit soll nicht doppelt entgolten werden. Andererseits kann ein besonders hohes Vermögen, das Bemessungsgrundlage für die Entschädigung ist, eine Minderung nahe legen. Von einem besonders hohen Vermögen wird man im Allgemeinen ab einem Wert von 500.000 Euro ausgehen können. Dem Gericht steht es frei, auch andere Gründe für eine Minderung heranzuziehen, etwa einen eingeschränkten Wirkungsbereich, aus dem sich ein geringerer Aufwand und ein geringeres Haftungsrisiko ergeben. Ausgangspunkt ist aber stets, dass die nach Abs 1 berechnete Entschädigung angesichts der Besonderheiten des Einzelfalls unangemessen hoch ist. ... Im Gegensatz zur Möglichkeit, die Entschädigung zu erhöhen, handelt es sich bei der Minderung – wie bisher – um eine zwingende Anordnung.“
4. § 283 ABGB (n.F.) hat am anzuwendenden Verfahrensrecht (AußStrG) nichts geändert. Der Kurator hat demnach seine Ansprüche, soweit sich die Grundlagen nicht schon aus dem Akt ergeben (LG Eisenstadt, 13 R 176/13z = iFamZ 2014/155), aufzugliedern, wobei die Entscheidunggrenzen des Gerichts durch den Antrag abgesteckt sind. Ist der Anspruchswerber Rechtsanwalt, so sind an den Inhalt des Schriftsatzes, mit dem er den Entschädigungsanspruch geltend macht, strenge Anforderungen zu stellen (LG Klagenfurt, 3 R 196/12a = RIS-Justiz RKL0000136; ähnlich hg 22 R 12/20a). Bei dieser Rechtslage lassen sich nach dem Antrags- wie auch nach dem Akteninhalt die vom Rekurswerber angezogenen Fragen (Maklerbeiziehung, Verrechnung von Verträgen etc) lösen, sodass die Mängelrüge ins Leere geht.
5. Im vorliegenden Fall hat der Verlassenschaftskurator in seinem Entschädigungsantrag den Inhalt des Bestellungsbeschlusses wiedergegeben und seine Leistungen nur pauschal (ohne Angabe des damit verbundenen zeitlichen Aufwands) – wie auf S 3 dieses Beschlusses wiedergegeben – dargestellt. Nach der oben wiedergegebenen Vertragslage war der mit O* geschlossene Vertrag Teil des Kaufvertrags und daher von den Käufern zu honorieren, sodass die Berücksichtigung bei der Entschädigung einer Doppelhonorierung gleichkäme. Gegenteiliges wurde nicht dargelegt. Weiters ist nach dem Inhalt des Vertrags davon auszugehen, dass die Verkaufstätigkeit einem Immobilienmakler übertragen wurde, sodass sie keinen Honoraranspruch des Verlassenschaftskurators zu begründen vermag. Es verbleiben sohin nur die im Entschädigungsantrag nicht näher dargestellten Tätigkeiten des Verlassenschaftskurators für Sichtung, Räumung, Reinigung und Beteiligung am Verkauf der Eigentumswohnung in D* (wobei nach ON 52 der Kaufvertrag von der Kanzlei des Gerichtskommissärs errichtet wurde) und die Sichtung der Liegenschaft in L*, weiters die Veräußerung eines weitgehend wertlosen Pkw und die Tilgung offener Darlehensforderungen samt Konvertierung eines Fremdwährungskredits. Die Anträge auf abhandlungsgerichtliche Genehmigung wurden im Entschädigungsantrag nicht erwähnt, sodass sie auch nicht zum Entscheidungsgegenstand zählen.
Nach Ansicht des Rekursgerichts sind diese Tätigkeiten – insbesondere, weil ein besonderer Aufwand vom Verlassenschaftskurator nicht dargestellt wurde – insgesamt nur mit einem relativ geringen Aufwand an Zeit und Mühe verbunden und dem in den Materialien genannten Fall der bloß „sporadische Überwachungsmaßnahmen“ vergleichbar. Zudem liegt hier der ebenfalls in den Materialien genannte weitere Fall eines Minderungsgrunds vor, nämlich ein besonders hohes Vermögen (über € 500 000,-). Der rechnerisch richtig dargestellte Entschädigungsanspruch war daher zwingend zu mindern. Angesichts des relativ geringen Umfangs der Tätigkeit des Kurators außerhalb der gesondert von dritter Seite entlohnten Leistungen als Vertragserrichter rechtfertigt eine pauschale Entschädigung (§ 34 AußStrG; beinhaltend auch die geringe Zeit von eineinhalb Monaten vor dem 1.7.2018) von 2 % der Aktiva (€ 963 583,85), das sind € 23 126,- (netto € 19 271,68, 20 % USt = € 3.854,33). Dem Rekurs war daher teilweise Folge zu geben und die vom Erstgericht zugesprochenen Entschädigung um brutto € 66 005,50 auf brutto € 23 126,- zu kürzen.
6. Der Rekurswerber hat keine Kosten verzeichnet. Abgesehen davon, dass im Verlassenschaftsverfahren außerhalb des Erbrechtsstreits kein Ersatz von Vertretungskosten gebührt (§ 185 AußStrG), entspricht es der Billigkeit, dem Kurator wegen weitaus überwiegende Erfolglosigkeit seiner Rekursbeantwortung keine Kosten zuzusprechen (§ 78 AußStrG).
7. Im Kostenpunkt ist die Anrufung des Höchstgerichts jedenfalls unzulässig (§ 62 Abs 2 Z 1 AußStrG; Schramm in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG I² § 62 Rz 16).
|
JJT_20201021_LG00519_02300R00076_20W0000_000
|
ECLI:AT:LG00519:2020:02300R00076.20W.1021.000
|
23R76/20w
|
Justiz
|
LG Wels
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201021_LG00519_02300R00076_20W0000_000/JJT_20201021_LG00519_02300R00076_20W0000_000.html
| 1,603,238,400,000
| 3,781
|
Kopf
Das Landesgericht Wels als Rekursgericht hat durch die Präsidentin Dr. Egle als Vorsitzende sowie die weiteren Richter Dr. Lengauer und MMag. Dunzendorfer in der Rechtssache der klagenden Partei H*****, vertreten durch Neumayer, Walter & Haslinger Rechtsanwälte-Partnerschaft, 1030 Wien, wider die beklagte Partei A*****, vertreten durch DORDA Rechtsanwälte GmbH, 1010 Wien, wegen Euro 9.595,08 über den Rekurs des Klägers gegen den Beschluss des Bezirksgerichts Bad Ischl vom 5.8.2020, 3 C 166/20 - 16, den
BESCHLUSS
gefasst:
Spruch
Dem Rekurs wird nicht Folge gegeben.
Der Kläger ist schuldig, der Beklagten die mit Euro 695,64 (darin enthalten Euro 115,94 USt.) bestimmten Kosten der Rekursbeantwortung binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Der ordentliche Revisionsrekurs ist zulässig.
Text
Begründung:
T*****, Rechtsanwalt und Notar in der Schweiz, wurde mit rechtskräftigem und vollstreckbarem Versäumungsurteil des Bezirksgerichts Salzburg vom 3.12.2019, 17 C 378/18b - 58, zur Zahlung von Euro 5.040,00 s.A. an den Kläger und zum Ersatz dessen mit Euro 3.277,98 bestimmten Prozesskosten verurteilt.
Der Kläger begehrt mit seiner am 17.3.2020 eingebrachten Klage die Verurteilung der Beklagten zur Zahlung von Euro 9.595,08 (Summe aus im Vorprozess zuerkanntem Kapital und Kostenersatz samt kapitalisierten Zinsen) und brachte vor, der T***** habe in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt und Notar in irreführender Weise Prüfberichte betreffend Übereinstimmung des Ist-Bestands und des Soll-Bestands von Goldvorräten der G***** mit Sitz in der Schweiz erstellt, was zu einem Schaden des Klägers als Anleger in ein von der zuletzt genannten Gesellschaft angebotenes Investment geführt habe. Die Beklagte sei Berufshaftpflichtversicherer von T*****. Sie verweigere als Haftpflichtversicherer des Schädigers rechtswidrig und schuldhaft jegliche Zahlung . Sie lehne die Deckung des entstandenen Schadens mit der Behauptung ab, T***** habe bei Erstellung der Prüfberichte keine typisch anwaltliche Tätigkeit verrichtet und außerdem vorsätzlich gehandelt. Dies sei jedoch unrichtig. Der dem Versicherungsnehmer T***** entzogene Deckungsanspruch habe unmittelbare Wirkung auf die fehlende Auszahlung an den Kläger. Es liege somit auch eine schuldhafte Handlung der Beklagten vor, die den Kläger schädige. Das führe zu einem deliktischen Schadenersatzanspruch des Klägers gegen die Beklagte gemäß Art. 41 Obligationenrecht (OR). Außerdem liege ein echter Vertrag zugunsten Dritter im Sinn des Art. 112 OR vor, sodass er selbständig von der Beklagten Erfüllung fordern könne. Das ergebe sich aus Art. 13 Abs. 2 der dem Haftpflichtversicherungsvertrag zugrunde liegenden AVB der Beklagten, wonach die Versicherung die Entschädigung in der Regel direkt an den Geschädigten bezahlt. Auch Art. 60 Abs. 2 des schweizerischen VVG begründe ein direktes Forderungsrecht des Klägers im Sinn eines deliktischen Schadenersatzanspruchs. Schließlich sei der Versicherungsvertrag auch ein solcher mit Schutzwirkung zugunsten Dritter. Zur Zuständigkeit des Erstgerichts brachte der Kläger noch vor, dass Art. 9 Abs. 1 lit. b, Art. 10 und Art. 11 Abs. 2 LGVÜ 2007 einen Gerichtsstand am Wohnsitz des Klägers, wenn dieser Versicherungsnehmer, Versicherter, Begünstigter oder Geschädigter sei, vorsehen würden. Aus der dazu ergangenen Judikatur und Literatur ergebe sich, dass die gegenüber dem Versicherer schwächere Partei schützenswert sei. Eine Direktklage des Geschädigten gegen den Versicherer im Sinn des Art. 11 Abs. 2 LGVÜ 2007 sei etwa nach § 26 KHVG, § 24 AtomHG, § 166 LuftfahrtG vorgesehen. In analoger Anwendung dieser gesetzlichen Bestimmungen stehe auch dem Kläger als schutzwürdigem Geschädigten ein direkter Anspruch gegen die Beklagte als Versicherer zu, sodass er diese bei seinem Wohnsitzgericht klagen könne.
Die Beklagte bestritt bereits in ihrem vorbereitenden Schriftsatz vom 13.7.2020 (ON 11) die internationale Zuständigkeit des Erstgerichts. Eine Direktklage im Sinn des Art. 11 Abs. 2 LGVÜ 2007 sei weder im österreichischen noch im Schweizer Recht vorgesehen. Im Übrigen bestritt sie das Vorbringen des Klägers zu ihrer behaupteten Haftung.
Mit dem angefochtenen Beschluss wies das Erstgericht die Klage wegen internationaler und örtlicher Unzuständigkeit zurück. Es stellte fest, dass nicht feststellbar ist, auf welchen Tatsachen und rechtlichen Grundlagen das Versäumungsurteil vom 3.12.2019 beruht. Insbesondere ist nicht feststellbar, dass ein deliktischer Schadenersatzanspruch des Klägers gegen T***** zugrunde liegt und wann T***** ein schädigendes Verhalten gegenüber dem Kläger gesetzt haben soll. Laut vorliegender Polizze schloss T***** am 17.6.2010 bei der Beklagten einen Berufshaftpflichtversicherungsvertrag mit Versicherungsbeginn 16.6.2010 und Ablauf 28. 2. 2015. Die Beklagte lehnte mit Schreiben an T***** vom 16.7.2018 eine Versicherungsdeckung für die in Österreich geführten Zivilverfahren ab. Diese Ablehnung wiederholte sie mit Schreiben vom 15.4.2019 und begründete sie unter anderem damit, dass im Zusammenhang mit der vom ihm vorgenommenen Prüfung von Lagerdepotlisten weder eine versicherte rechtsanwaltliche oder notarielle Tätigkeit vorliege. Außerdem sei der Schaden vorsätzlich bzw. eventualvorsätzlich herbeigeführt worden.
In rechtlicher Hinsicht führte das Erstgericht aus, dass aus dem Versäumungsurteil nicht entnommen werden könne, dass die Beklagte Haftpflichtversicherer des T***** in einem Zeitraum, der dem Versäumungsurteil zugrundeliege, gewesen sei. Schon deshalb lasse sich kein Direktanspruch gegen die Beklagte ableiten. Außerdem seien weder in Österreich noch in der Schweiz Direktansprüche gegen eine Berufshaftpflichtversicherung von Rechtsanwälten und Notaren vorgesehen. Sollte ein Anspruch des T***** gegen die Beklagte bestehen, könne der Kläger seine Ansprüche im Wege einer Drittschuldnerklage geltend machen, wofür aufgrund des Sitzes der Beklagten in der Schweiz die dortigen Gerichte zuständig seien. Da weder ein Direktanspruch des Klägers gegen die Beklagte bestehe noch ersichtlich sei, worin ein für den Schaden des Klägers ursächliches, rechtswidriges und schuldhaftes Verhalten der Beklagten liegen soll, sei die Klage unschlüssig und es würden sich keine Anhaltspunkte für eine Zuständigkeit eines österreichischen Gerichts ergeben. Die Klage sei daher mangels internationaler und örtlicher Zuständigkeit des Erstgerichts zurückzuweisen gewesen.
Gegen diesen Beschluss richtet sich der Rekurs des Klägers mit dem Antrag, ihn aufzuheben und die internationale und örtliche Zuständigkeit des Erstgerichts auszusprechen.
Die Beklagte erstattete eine Rekursbeantwortung mit dem Antrag, dem Rechtsmittel nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Der Rekurs ist nicht berechtigt.
Es kann dahingestellt bleiben, aufgrund welches Klagsvorbringens das Versäumungsurteil vom 3.12.2019 erging, weil auch bei Zugrundelegung der Behauptungen des Klägers zum ihm gegenüber T***** zuerkannten Schadenersatz die internationale und damit auch örtliche Zuständigkeit des Erstgerichts für die gegen die Beklagte erhobene Klage nicht gegeben ist.
Der Rekurswerber stützt die internationale Zuständigkeit des Erstgerichts im Rechtsmittel noch darauf, dass es die Direktklage gemäß Art. 11 Abs. 2 LGVÜ 2007 dem unmittelbar Geschädigten ermögliche, den Haftpflicht- und Deckungsprozess in einem vor seinem Wohnsitzgericht gegen den Haftpflichtversicherer zu führen. Der österreichische Gesetzgeber sehe Direktklagen geschädigter Dritter gegen Pflichtversicherungen vor, etwa in § 26 KHVG, § 24 AtomHG und § 166 LuftfahrtG. Im Rahmen einer analogen Anwendung dieser Bestimmungen stehe auch ihm als schutzwürdigem Geschädigten ein direkter Anspruch gegen die Beklagte zu. Er habe durch die versicherte Tätigkeit des Versicherungsnehmers bzw. die trotz rechtskräftigen und vollstreckbaren Urteils ausbleibende Zahlung der Beklagten einen Schaden erlitten, der gemäß Art. 13 Abs. 2 der AVB der Beklagten im direkten Weg an den Geschädigten, somit an ihn, zu zahlen sei. Da er seinen Wohnsitz im Sprengel des Erstgerichts habe, sei dieses international und örtlich zuständig.
Diesen Ausführungen ist nicht zu folgen. Abschnitt 3 des LGVÜ 2007 regelt die Zuständigkeit für Versicherungssachen. Gemäß Art. 8 LGVÜ 2007 bestimmt sich die Zuständigkeit für Klagen in Versicherungssachen unbeschadet des Art. 4 und des Art. 5 Nr. 5 nach diesem Abschnitt. Ein Versicherer, der seinen Wohnsitz im Hoheitsgebiet eines durch dieses Übereinkommen gebundenen Staates hat, kann gemäß Art. 9 Abs. 1 lit. b) LGVÜ 2007 in einem anderen durch dieses Übereinkommen gebundenen Staat vor dem Gericht des Ortes, an dem der Kläger seinen Wohnsitz hat, verklagt werden, wenn es sich um Klagen des Versicherungsnehmers, des Versicherten oder des Begünstigten handelt. Bei der Haftpflichtversicherung kann der Versicherer außerdem vor dem Gericht des Ortes, an dem das schädigende Ereignis eingetreten ist, verklagt werden (Art.10 LGVÜ 2007). Art. 11 Abs. 2 LGVÜ 2007 bestimmt, dass auf eine Klage, die der Geschädigte (in der Haftpflichtversicherung) unmittelbar gegen den Versicherer erhebt, die Art. 8, 9 und 10 anzuwenden sind, sofern eine solche unmittelbare Klage zulässig ist. Diesen Bestimmungen entsprechen die Art. 10, 11 Abs. 1 lit. b), 12 und 13 Abs. 2 EuGVVO 2012, sodass auf die Lehre und Judikatur zu diesen Bestimmungen auch zur Auslegung der angeführten Bestimmungen des LGVÜ 2007 zurückgegriffen werden kann.
Die Art. 10-16 EuGVVO 2012 (und damit auch die Art. 8-14 LGVÜ 2007) stellen eine grundsätzlich abschließende Sonderregelung der Zuständigkeit für Versicherungssachen dar (Paulus in Paulus/Pfeiffer/Pfeiffer, Europäische Gerichtsstands- und Vollstreckungsverordnung, Rz 5 zu Art. 10; Wittwer in Mayr, Europäisches Zivilverfahrensrecht, Rz 3.395). Der grundsätzliche Vorrang der genannten Sondervorschriften gilt, soweit überhaupt vertragliche Ansprüche und Rechtsstreitigkeiten den Gegenstand des Verfahrens bilden. Den Gerichtsständen der Art. 11 ff EuGVVO (Art. 9 ff LGVÜ 2007) unterfallen nur vertraglich zu qualifizierende Ansprüche (Paulus aaO, Rz 15 zu Art. 10). Auf – freilich in der Praxis im Verhältnis zum Versicherer selten auftretende – außervertragliche Ansprüche von Versicherungsnehmern und gegen Versicherungsnehmer bleiben hingegen theoretisch die allgemeinen Regeln anwendbar. Vorstellbar sind insofern etwa Ansprüche, die ihren primären Grund in einer unerlaubten Handlung und einen nur zufälligen Anknüpfungspunkt zum Versicherungsrecht haben, etwa bei deliktischen Ansprüchen wegen Prämienbetrugs (Paulus aaO, Rz 15 zu Art. 10; Geimer in Geimer/Schütze, EuZVR4, Rz 15a zu Art. 10 EuGVVO).
Die genannten Vorschriften sind gemäß Art. 10 EuGVVO 2012 (Art. 8 LGVÜ 2007) für Klagen in Versicherungssachen anwendbar. Der Begriff der Versicherungssache ist in der EuGVVO 2012 (im LGVÜ 2007) nicht ausdrücklich definiert, wird vielmehr vorausgesetzt bzw. erschließt sich aus dem Regelungszusammenhang der Art. 10 ff EuGVVO 2012 (Art. 8 ff LGVÜ 2007) und ist autonom zu bestimmen. Er ist im Lichte seines Schutzzwecks grundsätzlich weit auszulegen. Dabei bemisst sich das Vorliegen einer Versicherungssache nach zwei Kriterien, nämlich dem jeweiligen Streitgegenstand, der eine Streitigkeit aus einem Versicherungsvertrag betreffen muss, und nach den jeweils beteiligten Personen. Als für das Vorliegen einer Versicherungssache konstituierende Verfahrensbeteiligte nennen die angeführten Vorschriften auf der einen Seite den Versicherer, auf der anderen Seite – als typisiert schutzwürdige Verfahrensgegner des Versicherers – den Versicherungsnehmer, Versicherten oder Begünstigten bzw. auch – unter den Voraussetzungen des Art. 13 EuGVVO 2012 (Art. 11 LGVÜ 2007) – den Geschädigten (Paulus aaO, Rz 27, 32 zu Art. 10). Von den Gerichtsständen der Art. 11 ff EuGVVO 2012 (Art. 9 ff LGVÜ 2007) werden insbesondere Streitigkeiten über den Abschluss, die Durchführung, Auslegung oder Beendigung eines Versicherungsvertrags erfasst (Paulus aaO, Rz 38 zu Art. 10; Geimer aaO, Rz 15 zu Art. 10 EuGVVO; Wittwer aaO; 2 Ob 93/15p). Es müssen Rechte und Pflichten aus einem Versicherungsverhältnis bzw. die inhaltliche Reichweite des Versicherungsschutzes selbst im Streit stehen. Erforderlich ist, dass das Bestehen oder Nichtbestehen eines (gegenwärtigen oder früheren) Versicherungsverhältnisses unmittelbar anspruchsbegründende Tatbestandsvoraussetzung des Klageanspruchs ist; liegt hingegen bloß eine versicherungsvertragliche Vorfrage vor, greifen die Sonderregeln für Versicherungssachen nicht ein. Versicherungssachen sind demzufolge etwa Ansprüche, die aus einem bestehenden oder früheren Versicherungsverhältnis hergeleitet werden (Paulus aaO, Rz 38 zu Art. 10). Auch die Direktklage eines Geschädigten gegen einen Versicherer zählt (soweit sie nach der jeweils maßgeblichen lex causae zulässig ist) aus Art. 13 Abs. 2 und 3 EuGVVO (Art. 11 Abs. 2 und 3 LGVÜ 2007) ersichtlich zu den Versicherungssachen (Paulus aaO, Rz 40 zu Art. 10; Geimer aaO, Rz 15 zu Art. 10 EuGVVO; 2 Ob 93/15p).
Aus diesen Grundsätzen folgt, dass es sich beim vom Kläger mittels Direktklage geltend gemachten Anspruch gegen die Beklagte um eine Versicherungssache handelt, sodass ausschließlich die Zuständigkeitsvorschriften des LGVÜ 2007 für Versicherungssachen anzuwenden sind. Hinsichtlich aller vom Kläger geltend gemachten Anspruchsgrundlagen sind Rechte und Pflichten aus einem Versicherungsverhältnis strittig, nämlich die vom Kläger behauptete Verpflichtung der Beklagten, aufgrund des zwischen ihr und T***** abgeschlossenen Haftpflichtversicherungsvertrags den ihm im Haftpflichtprozess zuerkannten Schadensbetrag samt Kosten zu decken. Das Bestehen eines Versicherungsverhältnisses ist unmittelbar anspruchsbegründende Tatbestandsvoraussetzung für den Anspruch des Klägers, weil ohne die zwischen dem Schädiger T***** als Versicherungsnehmer und der Beklagten als Versicherer abgeschlossene Berufshaftpflichtversicherung von vornherein kein Anspruch des Klägers gegen die Beklagte in Betracht käme.
Voraussetzung für eine Direktklage des Geschädigten gegen den Haftpflichtversicherer des versicherten Schädigers ist, dass das in der Sache anwendbare Recht überhaupt einen im Wege einer derartigen Direktklage einklagbaren Direktanspruch gegen die Haftpflichtversicherung kennt. Ist dies der Fall, eröffnet Art. 13 Abs. 2 EuGVVO 2012 (Art. 11 Abs. 2 LGVÜ 2007) einem Geschädigten die Gerichtsstände der Art. 11 und 12 EuGVVO 2012 (Art. 9 und 10 LGVÜ 2007), wobei dem Geschädigten auch an seinem eigenen Wohnsitz der Klägergerichtsstand des Art. 11 Abs. 1 lit. b) EuGVVO 2012 (Art. 9 Abs. 1 lit. b) LGVÜ 2007) offen steht (Paulus aaO, Rz 19, 22 zu Art. 13; Wittwer aaO, Rz 3.409; Heiss in Czernich/Kodek/Mayr, Europäisches Gerichtsstands- und Vollstreckungsrecht4, Rz 4, 8 zu Art. 13 EuGVVO je unter Hinweis auf EuGH C-463/06 [FBTO/Odenbreit]). Der Direktanspruch eines Geschädigten gegen eine Haftpflichtversicherung ist als außervertraglicher Anspruch einzustufen. Die entsprechende Kollisionsregel für Direktansprüche enthält Art. 18 Rom II-VO. Danach unterliegt ein etwaiger Direktanspruch eines Geschädigten gegen die Haftpflichtversicherung eines Ersatzpflichtigen im Wege der Alternativanknüpfung entweder dem nach Art. 4 ff Rom II-VO bestimmten Deliktsstatut oder aber dem nach Art. 7 Rom I-VO bestimmten Versicherungsstatut (Paulus aaO, Rz 21 zu Art. 13).
Im vorliegenden Fall kommen als Rechtsordnungen, die einen Direktanspruch des Geschädigten gegen den Haftpflichtversicherer des Haftenden vorsehen könnten, nur das österreichische und das Schweizer Recht in Betracht. Eine Direktklage gegen den Berufshaftpflichtversicherer eines Rechtsanwalts oder Notars kennen aber weder das österreichische Recht noch das Schweizer Recht.
In Österreich gelten gemäß § 158b VersVG für eine Haftpflichtversicherung, zu deren Abschluss eine gesetzliche Verpflichtung besteht, die besonderen Vorschriften der §§ 158c bis 158i VersVG. Gemäß § 158c Abs. 5 VersVG wird durch die in den Abs. 1 bis 4 dieser Bestimmung geregelten Vorschriften ein Recht des Dritten, den Versicherer unmittelbar in Anspruch zu nehmen, nicht begründet. Weder die §§ 158b ff VersVG noch die meisten Materiengesetze, die eine Pflichtversicherung anordnen, eröffnen eine unmittelbare Zahlungspflicht des Haftpflichtversicherers gegenüber dem Geschädigten. Diesem wird nur durch einige wenige Materiengesetze unmittelbar ein Direktanspruch gegen den Versicherer eingeräumt. Der Geschädigte hat somit auch in der Pflichthaftpflichtversicherung grundsätzlich keinen eigenständigen Anspruch unmittelbar gegen den Haftpflichtversicherer seines Schädigers (Rubin in Fenyves/Schauer, VersVG, Rz 31 zu § 158b, Rz 87 zu § 158c). Gemäß § 21a Abs. 1 RAO ist jeder Rechtsanwalt verpflichtet, vor Eintragung in die Liste der Rechtsanwälte dem Ausschuss der Rechtsanwaltskammer nachzuweisen, dass zur Deckung der aus seiner Berufstätigkeit gegen ihn entstehenden Schadenersatzansprüche eine Haftpflichtversicherung bei einem zum Geschäftsbetrieb in Österreich berechtigten Versicherer besteht. Er hat die Versicherung während der Dauer seiner Berufstätigkeit aufrechtzuerhalten und dies der Rechtsanwaltskammer auf Verlangen nachzuweisen. Ein direkter Anspruch des Geschädigten gegen die Versicherung besteht nicht (Vitek in Engelhart/Hoffmann/Lehner/Rohregger/Vitek, RAO10, Rz 3 zu § 21a). Auch § 30 Abs. 1 NO, der eine entsprechende Pflichtversicherung für Notare anordnet, begründet keinen Direktanspruch des Geschädigten gegen die Versicherung. RAO und NO gehören nicht zu den Materiengesetzen, die einen Direktanspruch gegen den Versicherer einräumen (vgl. Rubin aaO, Rz 45 zu § 158b, Rz 89 zu § 158c; Schauer, Die Direktklage des Geschädigten in der Haftpflichtversicherung 33 f, in Berisha u.a., Haftpflicht-, Rechtsschutzversicherung und Versicherungsvertriebsrecht 2018, Tagungsband zum 4. Kremser Versicherungsforum).
Auch das Schweizer Recht gewährt bislang nur in Art. 65 Abs. 1 Straßenverkehrsgesetz (SVG) und in Art. 14 der Verordnung über klinische Versuche (KlinV) dem Geschädigten einen direkten Anspruch gegen den Haftpflichtversicherer (Wittwer aaO, Rz 3.414 FN 1399). Die laufende Teilrevision des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) sieht zwar in Art. 60 Abs. 1bis ein direktes Forderungsrecht des geschädigten Dritten gegenüber dem Versicherungsunternehmen vor, ist aber noch nicht in Kraft getreten. Außerdem zählt die genannte Bestimmung gemäß dem neuen Art. 104 VVG nicht zu jenen Bestimmungen, die auch für Verträge, die vor dem Inkrafttreten des neuen Rechts abgeschlossen worden sind, gelten (https//www.svv.ch/sites/default/files/2020-06/20200619_Synopse%20Teilrevision%20VVG%20Schlussabstimmung_de.pdf). In der Schweiz ist nach wie vor das Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG) in der Fassung vor der genannten Teilrevision in Kraft (https//www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19080008/index.html).
Entgegen der Ansicht des Rekurswerbers ist somit nach keinem der in Betracht kommenden Rechte eine Direktklage des Geschädigten gegen die Berufshaftpflichtversicherung des Schädigers vorgesehen. Für eine analoge Anwendung von Bestimmungen, die nur ausnahmsweise dem Geschädigten die Direktklage ermöglichen, besteht kein Anlass.
Eine Direktklage kann auch nicht aus Art. 60 VVG abgeleitet werden. Art. 60 VVG in der geltenden Fassung beschäftigt sich nämlich mit dem gesetzlichen Pfandrecht des geschädigten Dritten in der Haftpflichtversicherung. Nach seinem Abs. 1 besitzt der geschädigte Dritte im Umfang seiner Schadenersatzforderung ein Pfandrecht an dem Ersatzanspruch, der dem Versicherungsnehmer aus der Versicherung gegen die Folgen gesetzlicher Haftpflicht zusteht. Der Versicherer ist berechtigt, die Ersatzleistung direkt an den geschädigten Dritten auszurichten. Der Versicherer ist nach Abs. 2 dieser Bestimmung für jede Handlung, durch die er den Dritten in seinem Recht verkürzt, verantwortlich. Auch nach dieser Bestimmung ist somit der Versicherer lediglich berechtigt, aber nicht verpflichtet, die Ersatzleistung direkt an den Geschädigten zu zahlen. Außerdem stützt der Kläger seine Klage auch gar nicht auf einen aus einer Verletzung seines Pfandrechts am Ersatzanspruch des Versicherungsnehmers entstandenen Schaden.
Der Rekurswerber stützt sich durch seinen Verweis auf Art. 13 Abs. 2 AVB weiterhin auch darauf, dass der zwischen T***** und der Beklagten abgeschlossene Haftpflichtversicherungsvertrag ein echter Vertrag zugunsten Dritter sei. In diesem Fall könnte der Kläger Begünstigter im Sinn des Art. 9 Abs. 1 lit. b) LGVÜ 2007 sein (Schmaranzer in Burgstaller/Neumayr/Geroldinger/Schmaranzer, Internationales Zivilverfahrensrecht, Rz 3 FN 5 zu Art. 9 EuGVVO 2000). Es liegt aber kein Vertrag zugunsten Dritter vor.
Art. 7 Rom I-VO, der das auf Versicherungsverträge anzuwendende Recht regelt, gilt nach seinem Abs. 1 für Versicherungsverträge, die keine Großrisiken decken, nur dann, wenn Risiken gedeckt werden, die im Gebiet der Mitgliedstaaten belegen sind. Bei Haftpflichtversicherungen ist das Risiko beim Versicherungsnehmer, d. h. für natürliche Personen an deren Aufenthalt belegen (Staudinger in Ferrari u.a., Internationales Vertragsrecht3, Rz 68 zu Art. 7 Rom I-VO; Verschraegen, Internationales Privatrecht, Rz 450). Da T***** seinen Aufenthalt immer und damit auch im maßgeblichen Zeitpunkt des Abschlusses des Versicherungsvertrags (Verschraegen aaO) in der Schweiz und damit nicht in einem Mitgliedstaat der EU hatte, ist das auf den zwischen T***** und der Beklagten abgeschlossenen Versicherungsvertrag anzuwendende Recht somit nicht nach Art. 7 Rom I-VO zu bestimmen, sondern es ist auf die allgemeinen Bestimmungen der Art. 3, 4 und 6 Rom I-VO zurückzugreifen (Staudinger aaO, Rz 20 zu Art. 7 Rom I-VO; Verschraegen aaO, Rz 464). Bei Massenverträgen und Pflichtversicherungsverträgen mit einer Risikobelegenheit außerhalb der EU – ein solcher Vertrag liegt hier vor – können die Parteien das Recht frei wählen. Mangels einer (wirksamen) Rechtswahl ist gemäß Art. 4 Abs. 1 lit. b) Rom I-VO das Sitzrecht des Dienstleisters, also des Versicherers maßgeblich; auch über Art. 4 Abs. 2 Rom I-VO gelangte man zum selben Ergebnis (Verschraegen aaO, Rz 466 f). Sollte – worauf nichts hinweist – ein Großrisiko iSd Art. 7 Abs.2 Rom I-VO vorliegen, käme es wieder auf die Rechtswahl an, mangels einer solchen unterläge der Versicherungsvertrag dem Recht des Staats, in dem der Versicherer seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat, also ebenfalls dem der Schweiz.
Gemäß Art. 19 der nach dem Vorbringen des Klägers dem Versicherungsvertrag zugrunde liegenden AVB der Beklagten ist auf den Versicherungsvertrag ausschließlich schweizerisches Recht anwendbar. Unabhängig davon, ob tatsächlich eine wirksame Rechtswahl vorliegt, ist im Hinblick auf die obigen Ausführungen aber jedenfalls Schweizer Recht auf den Versicherungsvertrag anzuwenden. Nach diesem liegt aber kein Vertrag zugunsten Dritter vor. Art. 112 Abs. 1 OR bestimmt, dass dann, wenn sich jemand, der auf eigenen Namen handelt, eine Leistung an einen Dritten zu dessen Gunsten versprechen lassen hat, zu fordern berechtigt ist, dass an den Dritten geleistet werde. Der Dritte oder sein Rechtsnachfolger kann gemäß Art. 112 Abs. 2 OR selbständig die Erfüllung fordern, wenn es die Willensmeinung der beiden anderen war, oder wenn es der Übung entspricht. Der Rekurswerber stützt sich zur Begründung seiner Ansicht, dass ein Vertrag zugunsten Dritter vorliege, ohne Anführung anderer Beweismittel ausschließlich auf Art. 13 Abs. 2 der AVB der Beklagten, wonach die Versicherung die Entschädigung in der Regel direkt an den Geschädigten bezahlt. Nach der Judikatur des Schweizer Bundesgerichts sind die Allgemeinen Bedingungen eines Versicherungsvertrags nach den gleichen Grundsätzen auszulegen wie andere Vertragsbestimmungen. Entscheidend ist demnach in erster Linie der übereinstimmende wirkliche Wille der Vertragsparteien und in zweiter Linie, falls ein solcher nicht festgestellt werden kann, die Auslegung der Erklärungen der Parteien nach dem Vertrauensprinzip. Mehrdeutige Klauseln sind nach der Unklarheitenregel gegen den Versicherer als deren Verfasser auszulegen. Sie gelangt jedoch nur zur Anwendung, wenn sämtliche übrigen Auslegungsmittel versagen (Bundesgericht 4A_499/2018). Da sich der Kläger im vorliegenden Fall ohne Berufung auf andere Beweismittel, mit denen ein übereinstimmender Wille der Vertragsparteien nachgewiesen werden könnte, bloß auf die Formulierung des Art. 13 Abs. 2 AVB stützt, ist diese Bestimmung nach dem Vertrauensprinzip auszulegen.
Danach kann jedoch entgegen der Ansicht des Rekurswerbers aus der angeführten Bestimmung der AVB nicht abgeleitet werden, dass die Beklagte nicht bloß in der Regel direkt an den Geschädigten zu zahlen hat, sondern dadurch auch ein Recht des Geschädigten, selbständig die Erfüllung zu fordern, begründet werden sollte. Das ergibt sich eindeutig auch aus den übrigen Bestimmungen des Art. 13 AVB. Danach führt die Versicherung auf ihre Kosten die Verhandlungen mit dem Geschädigten, wobei sie in dieser Hinsicht Vertreterin des Versicherten ist. Kann eine Verständigung mit dem Geschädigten nicht erzielt werden und beschreitet dieser den Prozessweg, bestimmt die Versicherung den Prozessanwalt, die Prozessstrategie, die Prozesserledigung und alle weiteren prozessualen Vorkehrungen. Sie hält diesbezüglich Rücksprache mit dem Versicherten und übernimmt die diesem anfallenden Prozess- und Anwaltskosten, wobei eine allfällige dem Versicherten zugesprochene Prozessentschädigung der Versicherung zusteht. Der Versicherte ist auch ohne vorgängige Zustimmung der Versicherung nicht berechtigt, Ansprüche aus der Versicherung an Geschädigte oder an Dritte abzutreten. Diese detaillierten Regelungen wären nicht erforderlich, wenn der Geschädigte seinen Schaden nicht nur vom schädigenden Versicherten einklagen könnte, sondern auch selbständig von der Versicherung Erfüllung fordern könnte. Der Versicherungsnehmer konnte Art. 13 Abs. 2 AVB nicht so verstehen, dass dadurch ein Vertrag zugunsten eines Dritten mit dem Recht des Dritten, selbständig die Erfüllung zu fordern, begründet werden sollte. Mangels schlüssiger Behauptungen des Klägers zum Vorliegen eines Vertrags zugunsten Dritter ist er auch nicht als Begünstigter im Sinn des Art. 9 Abs. 1 lit. b) LGVÜ 2007 anzusehen, sodass er die Beklagte auch nicht am Gericht seines Wohnsitzes klagen kann.
Auf das Vorliegen eines Vertrags mit Schutzwirkung zugunsten Dritter kommt der Rekurswerber im Rechtsmittel nicht mehr zurück. Die Zuständigkeit des Erstgerichts könnte auch nicht aus einem Vertrag mit Schutzwirkung zugunsten Dritter abgeleitet werden, zumal der Kläger selbst zugesteht, dass das Schweizer Bundesgericht diese Rechtsfigur bisher nicht anerkannt hat.
Der angefochtene Beschluss war daher zu bestätigen.
Die Kostenentscheidung beruht auf den §§ 50, 41 ZPO.
Der ordentliche Revisionsrekurs war zuzulassen, weil – soweit ersichtlich – keine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs dazu vorliegt, ob in einem Fall wie dem vorliegenden bereits die Behauptung eines Vertrags zugunsten eines Dritten, nämlich des vom Versicherungsnehmer Geschädigten, ausreicht, um im Sinn der Judikatur zu doppelrelevanten Tatsachen bei der Zuständigkeitsprüfung davon auszugehen, dass dieser die Haftpflichtversicherung des Schädigers als Begünstigter im Sinn des Art. 9 Abs. 1 lit. b) LGVÜ 2007 am Gericht seines Wohnsitzes klagen kann. Die Frage der Zuständigkeit des angerufenen Erstgerichts hängt daher von der Lösung einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung im Sinn des § 528 Abs. 1 ZPO ab, insbesondere im Hinblick auf die gerichtsbekannte Vielzahl von gegen T***** ergangenen Urteilen, die die Einbringung weiterer Klagen gegen die hier beklagte Versicherung erwarten lässt.
|
JJT_20201013_LG00519_0390HV00094_19X0000_000
|
ECLI:AT:LG00519:2020:0390HV00094.19X.1013.000
|
39Hv94/19x
|
Justiz
|
LG Wels
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201013_LG00519_0390HV00094_19X0000_000/JJT_20201013_LG00519_0390HV00094_19X0000_000.html
| 1,602,547,200,000
| 4,969
|
Kopf
Das Landesgericht Wels hat durch die Richter Mag. Christian Ureutz als Vorsitzenden und Mag. Philipp Nill als Beisitzer sowie Norbert Luschtinetz und Stefan Ecker als Schöffen über die von der Staatsanwaltschaft Wels gegen
Mag. C*****, geboren am *****, *****,
wegen des Verbrechens der Veruntreuung nach § 133 Abs 1 und Abs 2 zweiter Fall StGB und anderer strafbarer Handlungen erhobenen Anklage nach der (zuletzt) am 13. Oktober 2020 in Anwesenheit der öffentlichen Anklägerin Mag. Tanja Feichtinger, der Privatbeteiligtenvertreter Dr. Siegfried Sieghartsleitner für die Privatbeteiligte M*****, Dr. Rudolf Franzmayr für die Privatbeteiligte S*****, Mag. Philipp Aichhorn für Mag. René Lindner für die Rechtsanwaltskanzlei Hengstschläger Lindner GmbH für die Privatbeteiligte St***** und Mag. Schaschinger für Mag. Dr. Reinhard Selendi für die Privatbeteiligte I***** sowie des Angeklagten und seines Verteidigers Mag. Josef Wimmer und der Schriftführerin KO Claudia Olinger durchgeführten Hauptverhandlung zu Recht erkannt:
Spruch
Mag. C***** ist schuldig, er hat zu nachgenannten Zeiten in S*****
A./ im Zeitraum von 2013 bis 12.07.2017 in nachgenannten Angriffen ein ihm als Rechtsanwalt und Treuhänder zur Abwicklung von Rechtsgeschäften anvertrautes Gut in Form von Treuhandgeldern in Höhe von EUR 2.667.665,69 sowie Grunderwerbssteuern, Immobilienertragssteuern und gerichtlichen Eintragungsgebühren in Höhe von EUR 159.440,78 – gesamt daher EUR 2.827.106,47 und sohin in einem EUR 300.000,00 übersteigenden Betrag – nicht vertrags- bzw. widmungsgemäß weitergeleitet, sondern sich mit dem Vorsatz zugeeignet, sich oder einen Dritten dadurch unrechtmäßig zu bereichern, und zwar
1./aus dem Kaufvertrag zwischen M***** als Verkäuferin und DI A***** und Y***** als Käufer einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 24.363,12 sowie Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 6.670,00, sohin gesamt EUR 31.033,12;
2./aus dem Kaufvertrag zwischen der H***** als Verkäuferin und I***** und J***** als Käufer Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 8.142,00;
3./aus dem Kaufvertrag zwischen G***** und M***** als Verkäufer und B***** als Käufer in mehreren Angriffen einen Kaufpreisteilbetrag von insgesamt EUR 207.638,09;
4./aus dem Kaufvertrag zwischen I***** als Verkäufer und R***** als Käuferin insgesamt EUR 237.768,33 und zwar
a) am 16.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 10.536,00,
b) am 22.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 157.405,38,
c) am 10.07.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 50.782,95 und
d) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 19.044,00;
5./aus dem Kaufvertrag zwischen M***** als Verkäufer und S***** als Käufer einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 302.594,62;
6./aus dem Kaufvertrag zwischen der J***** als Verkäuferin und Mag. K***** als Käuferin insgesamt EUR 93.713,07 und zwar
a) am 14.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 71.721,77,
b) am 10.07.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 6.550,00 und
c) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 15.941,30;
7./aus dem Kaufvertrag zwischen der St***** als Verkäuferin und J***** als Käufer in mehreren Angriffen einen Kaufpreisteilbetrag von insgesamt EUR 130.720,00;
8./aus dem Kaufvertrag zwischen E***** als Verkäufer und E***** als Käufer Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 6.900,00;
9./aus dem Kaufvertrag zwischen D***** als Verkäuferin und M***** als Käuferin Immobilienertragssteuer in Höhe von EUR 3.930,00;
10./aus dem Kaufvertrag zwischen N***** als Verkäufer und Z***** als Käufer einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 2.267,99;
11./aus dem Kaufvertrag zwischen Dipl. Ing. T***** als Verkäufer und J***** als Käuferin Immobilienertragssteuer in Höhe von EUR 41.347,28;
12./aus dem Kaufvertrag zwischen M***** als Verkäuferin und M***** als Käufer einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 33.707,32;
13./aus dem Kaufvertrag zwischen I***** als Verkäuferin und D***** als Käufer einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 94.873,42;
14./aus dem Kaufvertrag zwischen der St***** als Verkäufer und Mag. R***** als Käuferin am 23.05.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 80.121,00;
15./aus dem Kaufvertrag zwischen D***** als Verkäufer und M***** als Käufer insgesamt EUR 59.782,11 und zwar
a) am 28.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 55.642,11 und
b) Grunderwerbssteuer und Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 4.140,00;
16./aus dem Kaufvertrag zwischen J***** als Verkäufer und T***** als Käufer insgesamt EUR 52.635,73 und zwar
a) am 13.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 47.575,73 und
b) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 5.060,00;
17./aus dem Kaufvertrag zwischen W***** als Verkäufer und K***** als Käufer einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 7.706,07 sowie Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 9.761,20, sohin gesamt EUR 17.467,27;
18./aus dem Kaufvertrag zwischen Ri***** als Verkäufer und R***** als Käufer insgesamt EUR 118.940,12 und zwar
a) im Zeitraum zwischen 31.05.2017 und 22.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 113.647,12 und
b) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 5.923,00;
19./aus dem Kaufvertrag zwischen R***** als Verkäufer und der C***** als Käuferin insgesamt EUR 228.320,00 und zwar
a) am 10.07.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 209.000,00 und
b) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 19.320,00;
20./aus dem Kaufvertrag zwischen U***** als Verkäufer und H***** als Käufer insgesamt EUR 300.205,00 und zwar a) am 28.06.2017 einen Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 286.313,00 und
b) Grunderwerbssteuer und Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 13.892,00;
21./aus dem Kaufvertrag zwischen R***** als Verkäuferin und K***** als Käuferin am 08.02.2017 den vollständigen Kaufpreis in Höhe von EUR 120.000,00;
22./in der Rechtssache H***** einen, aus der Rückabwicklung eines Kaufvertrages stammenden Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 345.000,00;
23./am 24.07.2013 in der Rechtssache Pe***** insgesamt zwei zur Umschuldung des P***** von der Sp***** gewährte Kreditbeträge in Höhe von insgesamt EUR 310.000,00, und zwar
a) aus Vertrag Nr. ***** einen Betrag in Höhe von EUR 100.000,00 und
b) aus Vertrag Nr. ***** einen Betrag in Höhe von EUR 210.000,00;
B./seine Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen oder einen anderen zu verpflichten, wissentlich missbraucht und dadurch einen anderen in einem EUR 300.000,00 übersteigenden Betrag am Vermögen geschädigt und zwar
1./indem er als zur Einkommens- und Vermögensverwaltung bestellter einstweiliger Sachwalter für die Betroffene A***** von einem ihrer Sparbücher den Geldbetrag von EUR 317.935,00 abhob und für sich bzw. die Schadensgutmachung in anderer Sache verwendete und
2./indem er als für finanzielle Angelegenheiten bestellter Sachwalter für den Betroffenen M***** einen aus einer Pensionsnachzahlung stammenden Geldbetrag in Höhe von EUR 11.400,00 vom Betroffenen übernahm und in der Folge nicht auf dessen Konto einzahlte, sondern für sich bzw. die Schadensgutmachung in anderer Sache verwendete.
Er hat hierdurch
zu A. das Verbrechen der Veruntreuung nach § 133 Abs 1 und 2 zweiter Fall StGB und
zu B. das Verbrechen der Untreue nach §§ 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB
begangen und wird hierfür unter Anwendung des § 28 Abs 1 StGB nach dem zweiten Strafsatz des § 133 Abs 2 StGB zu einer
Freiheitsstrafe in der Dauer von vier Jahren
verurteilt.
Gemäß § 389 Abs 1 StPO wird er zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt.
Gemäß § 38 Abs 1 Z 1 StPO wird die erlittene Vorhaft angerechnet wie folgt: 23.11.***** 8:50 Uhr bis 20.12.***** 12:48 Uhr.
Sämtliche Privatbeteiligten werden mit ihren Ansprüchen gemäß § 366 Abs 2 StPO zur Gänze auf den Zivilrechtsweg verwiesen.
Hingegen wird er vom mit Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Wels vom 18. Juli 2019 zu Punkt B. wider ihn erhobenen Vorwurf, er habe „zu nachgenannten Zeiten in S***** durch nachgenannte Handlungen einen Bestandteil seines Vermögens verheimlicht, beiseite geschafft, veräußert oder beschädigt, eine nicht bestehende Verbindlichkeit vorgeschützt oder anerkannt oder sonst sein Vermögen in einem Betrag in Höhe von insgesamt EUR 32.979,43 wirklich oder zum Schein verringert und dadurch die Befriedigung seiner Gläubiger oder wenigstens eines von ihnen vereitelt oder geschmälert, indem er nachgenannte Geldbeträge für sich behielt und nicht an den eingesetzten Kommissär der O*****, RA Dr. K*****, weiterleitete und dadurch nachgenannte Geldbeträge dem Zugriff seiner Gläubiger entzog, und zwar
1) am 03.10.2017
a) dadurch, dass er den fälligen Gesamtbetrag aus den Honoranoten 17/259 und 17/260 in Höhe von EUR 592,00 um EUR 192,00 reduzierte und den Restbetrag in Höhe von EUR 400,00 von M***** „schwarz kassierte“, insgesamt EUR 592,00 [Faktum Nr. 32],
b) dadurch, dass er den fälligen Gesamtbetrag aus der Honorarnote 17/227 in Höhe von EUR 3.200,33 um EUR 1.700,33 reduzierte und den Restbetrag in Höhe von EUR 1.500,00 von E***** „schwarz“ kassierte, insgesamt EUR 3.200,33 [Faktum Nr. 33],
2) am 19.08.2017 dadurch, dass er den von ihm bei der B***** geleasten PKW Z4 um EUR 23.500,00 verkaufte, lediglich einen Ablösebetrag in Höhe von EUR 7.000,00 an die Leasinggesellschaft überwies und den Rest einbehielt, insgesamt EUR 16.500,00 [Faktum Nr. 34],
3) am 16.11.2017 dadurch, dass er einen, aus dem Verkauf des PKW Porsche Cayman stammenden Kaufpreisteilbetrag einbehielt, insgesamt EUR 12.687,10 [Faktum 35]“,
gemäß § 259 Z 3 StPO freigesprochen.
Text
ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE:
Aufgrund des durchgeführten Beweisverfahrens steht folgender Sachverhalt fest:
Zur Person des Angeklagten:
Der am ***** geborene Angeklagte ist Ö***** und *****. Als ***** hat er ein monatliches Nettoeinkommen von EUR 1.253,10 (*****). Er hat kein Vermögen, Schulden in Höhe von über EUR 3.000.000,00 und ***** Sorgepflichten. Er ist bislang gerichtlich unbescholten.
Zur Sache:
Zu Punkt A./ des Schuldspruches:
Der Angeklagte war als ***** tätig. Er fungierte in der Abwicklung der nachgenannten Rechtsgeschäfte als Treuhänder in der Form, dass ihm Geldbeträge durch Überweisung anvertraut wurden und er zur Weiterleitung an den/die jeweils Berechtigten verpflichtet war. Dies machte er nicht, sondern eignete sich bzw. anderen die Beträge in der Form zu, dass er sie für die Bestreitung seines Lebensaufwandes, des Lebensaufwandes seiner Familienmitglieder, seines Kanzleiaufwandes bzw. als Schadensgutmachung in anderer Sache verwendete.Im Einzelnen handelt es sich um folgende Beträge:
1./ Aus dem Kaufvertrag zwischen M***** als Verkäuferin und DI A***** als Käufer ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 24.363,12 sowie Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 6.670,00, sohin gesamt EUR 31.033,12 (Faktum 1 in ON 76a, S 7-115). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
2./ Aus dem Kaufvertrag zwischen der H***** als Verkäuferin und I***** als Käufer Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 8.142,00 (Faktum 2 in ON 76a, S 117-163). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
3./ Aus dem Kaufvertrag zwischen G***** und M***** als Verkäufer und B***** als Käufer in mehreren Angriffen ein Kaufpreisteilbetrag von insgesamt EUR 207.638,09 (Faktum 4 in ON 76a S 165-227). Dieser Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
4./ Aus dem Kaufvertrag zwischen I***** als Verkäufer und R***** als Käuferin insgesamt EUR 237.768,33 (Faktum 5 in ON 76a S 229-293) und zwar
a) am 16.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 10.536,00,
b) am 22.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 157.405,38,
c) am 10.07.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 50.782,95 und
d) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 19.044,00.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
5./ Aus dem Kaufvertrag zwischen M***** als Verkäufer und A***** als Käufer ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 302.594,62 (Faktum 7 in ON 76a S 295-371). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
6./ Aus dem Kaufvertrag zwischen der J***** als Verkäuferin und Mag. K***** als Käuferin insgesamt EUR 93.713,07 (Faktum 8 in ON 76a S373-449) und zwar
a) am 14.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 71.721,77,
b) am 10.07.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 6.550,00 und
c) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 15.941,30.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
7./ Aus dem Kaufvertrag zwischen der St***** als Verkäuferin und J***** als Käufer in mehreren Angriffen ein Kaufpreisteilbetrag von insgesamt EUR 130.720,00 (Faktum 10 in ON 76a S 451-493).
8./ Aus dem Kaufvertrag zwischen E***** und N***** als Verkäufer und E***** als Käufer Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 6.900,00 (Faktum 11 in ON 76a S 495-529). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
9./ Aus dem Kaufvertrag zwischen D***** als Verkäuferin und M***** als Käuferin Immobilienertragssteuer in Höhe von EUR 3.930,00 (Faktum 13 in ON 76a S 531-569). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
10./ Aus dem Kaufvertrag zwischen N***** und Z***** als Verkäufer und Z***** als Käufer ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 2.267,99 (Faktum 14 in ON 76a S 571-625).
11./ Aus dem Kaufvertrag zwischen Dipl. Ing. T***** als Verkäufer und J***** als Käuferin Immobilienertragssteuer in Höhe von EUR 41.347,28 (Faktum 15 in ON 76a S 627-665). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
12./ Aus dem Kaufvertrag zwischen M***** als Verkäuferin und M***** als Käufer ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 33.707,32 (Faktum 16 in ON 76a S 667-705). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
13./ Aus dem Kaufvertrag zwischen I***** als Verkäuferin und D***** als Käufer ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 94.873,42 (Faktum 17 in ON 76a S 707-757). Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
14./ Aus dem Kaufvertrag zwischen der S***** als Verkäufer und Mag. R***** als Käuferin am 23.05.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 80.121,00 (Faktum 18 in ON 76a S 759-815). Der Schaden wurde teilweise (mit Ausnahme eines die S***** betreffenden Betrages von EUR 26.707,00) durch die ***** gutgemacht.
15./ Aus dem Kaufvertrag zwischen D***** als Verkäufer und M***** als Käufer insgesamt EUR 59.782,11 (Faktum 19 in ON 76a S 817-863) und zwar
a) am 28.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 55.642,11 und
b) Grunderwerbssteuer und Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 4.140,00.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
16./ Aus dem Kaufvertrag zwischen J***** als Verkäufer und T***** als Käufer insgesamt EUR 52.635,73 (Faktum 20 in ON 76a S 865-913) und zwar
a) am 13.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 47.575,73 und
b) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 5.060,00.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
17./ Aus dem Kaufvertrag zwischen W***** als Verkäufer und K***** als Käufer ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 7.706,07 sowie Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 9.761,20, sohin gesamt EUR 17.467,27 (Faktum 21 in ON 76b S 1-63).
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
18./Aus dem Kaufvertrag zwischen R***** als Verkäufer und R***** als Käufer insgesamt EUR 118.940,12 (Faktum 22 in ON 76b S 65-123) und zwar
a) im Zeitraum zwischen 31.05.2017 und 22.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 113.647,12 und
b) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 5.923,00.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
19./ Aus dem Kaufvertrag zwischen R***** als Verkäufer und der C***** als Käuferin insgesamt EUR 228.320,00 (Faktum 23 in ON 76b S 125-169) und zwar
a) am 10.07.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 209.000,00 und
b) Grunderwerbssteuer und gerichtliche Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 19.320,00.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
20./ Aus dem Kaufvertrag zwischen U***** als Verkäufer und H***** als Käufer insgesamt EUR 300.205,00 (Faktum 24 in ON 76b S 171-223) und zwar
a) am 28.06.2017 ein Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 286.313,00 und
b) Grunderwerbssteuer und Eintragungsgebühr in Höhe von EUR 13.892,00.
Der Schaden wurde durch die ***** gutgemacht.
21./ Aus dem Kaufvertrag zwischen R***** als Verkäuferin und K***** als Käuferin am 08.02.2017 der vollständige Kaufpreis in Höhe von EUR 120.000,00 (Faktum 25 in ON 76b S 225-255). Der Schaden wurde durch die ***** zum Großteil (EUR 117.464,13) gutgemacht.
In der Rechtssache H***** ein aus der Rückabwicklung eines Kaufvertrages stammender Kaufpreisteilbetrag in Höhe von EUR 345.000,00 (Faktum 28 in ON 76b S 287-375). Der Schaden wurde durch die ***** teilweise (EUR 240.000,00) gutgemacht.
22./Am 24.07.2013 in der Rechtssache P***** insgesamt zwei zur Umschuldung des ***** von der A***** gewährte Kreditbeträge in Höhe von insgesamt EUR 310.000,00 (Faktum 30 in ON 76b S 377-507 sowie ON 76c), die er der Sp*****weiterzuleiten gehabt hätte, und zwar
a) aus Vertrag Nr. ***** einen Betrag in Höhe von EUR 100.000,00 und
b) aus Vertrag Nr. ***** einen Betrag in Höhe von EUR 210.000,00.
Der Angeklagte wusste jeweils, dass er so handelte – nämlich ihm anvertraute Geldbeträge in der jeweiligen Höhe (also auch in EUR 300.000,00 übersteigendem Umfang) für sich, seinen Kanzleiaufwand, seine Familienmitglieder bzw. die Schadensgutmachung in anderer Sache verwendete – und wollte das auch. Er wusste, dass weder er noch sonst jemand (außer den aus dem jeweiligen Rechtsgeschäft berechtigten) Anspruch auf das Geld hatte, fand sich damit ab und handelte dennoch mit dem Ziel sich bzw. andere zu bereichern.
Zu Punkt B./ des Schuldspruches:
1./ Der Angeklagte war gerichtlich bestellter einstweiliger Sachwalter für die Betroffene A***** zur Einkommens-, Vermögens- und Schuldenverwaltung (Beschluss vom 9.3.2017). Er war daher befugt, über das Vermögen der Betroffenen zu verfügen. Am 24.4.2017 hob er von einem Sparbücher der Betroffenen EUR 317.935,00 und zahlte es auf sein Kanzleianderkonto ein (Valutadatum 25.4.2017). Er verwendete es sodann für sich bzw. die Schadensgutmachung in anderer Sache, wodurch A***** ein Schaden in der genannten Höhe entstand (Faktum 27 in ON 76b AS 257-285).
2./ Der Angeklagte war gerichtlich bestellter Sachwalter für den Betroffenen M***** für finanzielle Angelegenheiten (Beschluss vom 9.10.2012). Er war daher befugt, über das Vermögen des Betroffenen zu verfügen. Der Betroffene erhielt im Jahr 2016 eine Pensionsnachzahlung in Höhe von EUR 11.400,00 die er dem Angeklagten vor dem 3.10.2016 aushändigte. Das Geld wurde am 3.10.2016 im Auftrag des Angeklagten auf das Sammelanderkonto des Angeklagten eingezahlt. Der Angeklagte überwies das Geld nicht auf das Treuhandkonto des Betroffenen, sondern verwendete es für sich bzw. die Schadensgutmachung in anderer Sache, wodurch M***** ein Schaden in der genannten Höhe entstand (Faktum 31 in ON 37b S 509-527).
Der Angeklagte wusste jeweils, dass er als für diese Angelegenheiten bestellter Sachwalter befugt war über das Vermögen der Betroffenen zu verfügen. Er wusste, dass er durch seine Handlung seine Befugnis missbraucht, also in unvertretbarer Weise gegen Regeln verstößt, die dem Vermögensschutz der Betroffenen dienten und handelte dennoch. Er hielt es zumindest ernstlich für möglich und fand sich damit ab, dass die Betroffenen durch seine Handlung in den genannten (also auch in EUR 300.000,00 übersteigenden) Beträgen am Vermögen geschädigt werden. Er handelte dennoch.
Der Schaden wurde jeweils von der ***** gutgemacht.
Zu Punkt B./ der Anklage (Teilfreispruch):
Es kann nicht festgestellt werden, dass der Angeklagte die in Punkt B./ der Anklage genannten Beträge vorsätzlich dem Zugriff seiner Gläubiger entzog.
Zu den Privatbeteiligtenansprüchen:
Über das Vermögen des Angeklagten wurde am 23.11.2017 zu 20 S 139/17t des Landesgerichtes W***** das Konkursverfahren eröffnet. Das Verfahren behängt weiterhin offen, die Konkursdauer ist nicht vorhersehbar. Derzeit wird kein Abschöpfungsverfahren im Sinne der §§ 199ff IO durchgeführt. Es kann nicht festgestellt werden, ob dem Angeklagten vom Insolvenzgericht jemals eine Restschuldbefreiung erteilt werden wird.
Zu diesen Feststellungen gelangte das Gericht aufgrund folgender Beweiswürdigung:
Zur Person:Die Feststellungen zu den persönlichen Verhältnissen des Angeklagten stützen sich auf dessen insoweit unbedenkliche Angaben (ON 100 S. 2) und die Strafregisterauskunft (ON 97).
Zur Sache:
Zu Punkt A./ des Schuldspruchs:
Nach dem persönlichen Eindruck, den sich das Gericht vom Angeklagten verschaffen konnte, versuchte dieser seine Position – nunmehr seiner Ansicht nach gut durchdacht, vgl Protokoll vom 7.10.2020 S 5, wonach er, nachdem er mittlerweile Zeit hatte, jetzt seine abschließende eigene Version habe – so positiv wie möglich darzustellen. Dieser Versuch schlug aus mehreren Gründen fehl.
Nach den Beweisergebnissen stellt es sich für das Gericht zweifelsfrei so dar, dass der Angeklagte über die Jahre zu hohe Privatentnahmen getätigt hat (nach eigenen Angaben womöglich seit 2002), wovon er und (zumindest zeitweise) seine fünfköpfige Familie lebten (BV ON 36 S 6; [vgl auch: „Das Loch ist durch zu große Großzügigkeit entstanden.“]). Darüber hinaus wurde natürlich der gesamte Kanzleiaufwand von den Geschäftskonten bestritten (ZV V***** etwa ON 30 S 151). Aufgrund der Beweisergebnisse zeigt sich auch, dass diese Vorgangsweise vom Angeklagten offensichtlich nicht geändert wurde, sonst wären nicht über die Jahre immer größere Fehlbeträge entstanden. Es entstanden so „Löcher“ bei den Fremdgeldern, die es zu „stopfen“ galt, was die Ermittlungsbehörde plakativ aber nicht ganz präzise als „Loch-auf-Loch-zu-Methode“ bezeichnete. Tatsächlich war es offensichtlich so, dass sobald sich ein „Loch“, also wegen der Zueignung durch den Angeklagten fehlendes Geld, auftat, dieses vom Angeklagten mit gerade vorhandenem Geld anderer Personen gefüllt wurde. Er nutzte also das Geld anderer also auch zur Schadensgutmachung bereits zugeeigneter Beträge – letztlich also auch für sich.
So erklären sich auch weitere Eigentümlichkeiten:
- -
das stetig steigende Geschäft mit Kaufvertragsabwicklungen, die von vielen Zeugen als besonders günstig (vgl Informationsblatt, ON 76 S 69f; Protokoll vom 13.10.2020 S 11f) und daher empfehlenswert beschrieben wurde (so etwa ON 76a S 689 [„besonders günstig und gut“], 701 [„besonders gut und günstig“], 749 [„günstig und schnell“], [„relativ günstig“]),
- -
die Auszahlung nur in Teilbeträgen von unterschiedlichen Konten bzw. zu unterschiedlichen, teils lange auseinanderliegenden, Zeitpunkten ohne ersichtlichen Grund und teils nur nach Urgenzen (so etwa ON 76a S 63 [„immer vertröstet“], 139 [Verzögerung von zwei Monaten, immer wieder Ausreden des Angeklagten],165, 197 [„mehrfach vertröstet“], 339 [„hingehalten“], 295, 487 [seit 2014 lange Weiterleitungsdauer, teilweise mehr als ein Jahr], 495, 613 [Geld kam nach zwei Monaten noch immer nicht, immer nur kleine Teilbeträge, immer vertröstet], 621 [„mehrmals nachgefragt“], 853 [mehrmals telefoniert, stets vertröstet], ON 76b S 1, 37 [„mehrfach urgiert“], 41 [urgiert, vertröstet, Ausreden]),
- -
die vielfachen Überweisungen von Treuhandkonten auf sachfremde (teils sogar Treuhand-)Konten (ON 76a S 165, 229, 373, 451, 531, 627, 667, 817, ON 76b S 125),
In dieses Bild fügt sich eben ein, dass – mehrfache Urgenzen durch viele Berechtigte nötig waren, bis überhaupt (wenn auch teils nur Teil-)Zahlungen erfolgt sind.
Aus den bisherigen Erwägungen ergibt sich für das Gericht, dass die Vorgangsweise des Angeklagten systematisch (laut Angaben des Angeklagten möglicherweise seit 2002, jedenfalls aber) über den gesamten anklagegegenständlichen Zeitraum war. Mag auch in vielen Fällen die Bedienung von Treuhandverbindlichkeiten mit fremden Geldern zu einer Schadensgutmachung geführt (§ 167 StGB, weshalb insoweit auch keine Anklage erfolgte – die betrifft jene Fälle, bei denen laut den Faktenübersichten kein Schaden entstanden ist, weshalb auch keine weiteren Ermittlungen angestellt wurden; die Vorgangsweise ergibt sich aber auch aus den vorliegenden Geldbewegungen) und damit viele Jahre funktioniert haben, so ist doch letztlich den hier Betroffenen der jeweilige Schaden entstanden.
Die Schadensbeträge und Zahlungsflüsse ergeben sich ebenso zweifelsfrei aus den in den Feststellungen in Klammern angeführten jeweils zugehörigen Belegen und Zeugenvernehmungen, hier war es nur nötig ganz unbedeutende offensichtliche Rechenfehler zu korrigieren (sh etwa ON 76 S 165: Korrektur um EUR 1,00 notwendig).
Der Angeklagten hat selbst einen Fehlbetrag von etwa EUR 2,1 Mio (und damit weit über der Wertgrenze von EUR 300.000,00) zugestanden (ON 7 S 11 u 23, ON 100 S 5f: im Lauf der Jahre im Betrieb „verbraten“). Selbst wenn man nur die Überweisungen von Treuhandkonten auf sachfremde (Treuhand-)Konten mit Ausnahme des Sammelanderkontos heranzieht, ergibt sich ein Betrag von über EUR 400.000,00 (ON 76a S 165, 229, 373, 451, 531, 667, 817, ON 37b S 125).
Wer sonst, wenn nicht der Angeklagte, für diese Malversationen in seiner Kanzlei verantwortlich sein sollte, konnte der Angeklagte selbst nicht erklären. Der Vertreterin während seiner krankheitsbedingten Abwesenheit machte er keinen Vorwurf. Wie die Zeugin V*****, von deren Glaubwürdigkeit sich das Gericht aufgrund des von ihr gewonnenen persönlichen Eindrucks überzeugen konnte, angab, machte sie als für die Banküberweisungen hauptsächlich zuständige Mitarbeiterin keine Überweisungen ohne Anweisung durch den Angeklagten. Die Treuhandkonten hat der Angeklagte vollkommen alleine betreut (ZV V*****, etwa Protokoll vom 7.10.2020 S 6f, ON 30 S 153).
Letztlich kann also dahin gestellt bleiben, wie das Geld tatsächlich (überwiegend vom Sammelanderkonto) zum Angeklagten (bzw. den jeweils Bereicherten) kam, zumal jedenfalls feststeht, dass das Geld weg ist (vgl auch den Schuldenstand des Angeklagten).
Der Angeklagte selbst hat sich – wenn auch beim Vergleich mit seiner letztgültigen Verantwortung nur zwischenzeitig – geständig zu jenen Beträgen verantwortet, die von Treuhandkonten auf sachfremde Treuhandkonten überwiesen wurden (ON 100 S 12).
Die nunmehrige Verantwortung des Angeklagten (zusammengefasst: ihm sei kein Geld zugeflossen, sein Gesundheitszustand habe Einfluss auf seine Tätigkeit gehabt, als er das Ausmaß erkannte, habe er mit dem Zeugen R***** die in dessen Vernehmung erörterte GmbH gegründet, es habe ohnedies eine Vertrauensschadenversicherung gegeben, die einspringe, wenn sich irgendwo ein Fall ergebe, bei dem Geld fehle, [wobei sich der Angeklagte durchaus auch auf seine Angaben in der Hauptverhandlung ON 100 berufen hat, Protokoll vom 7.10.2020 S 5f]) ist angesichts der bisherigen Überlegungen eine bloße Schutzbehauptung. Es sei allerdings auch darauf hingewiesen, dass diese Verantwortung seinen vorigen Angaben teils massiv widerspricht. Dies betrifft etwa die Tätigkeit oder Untätigkeit nach „Erkennen des Lochs“: ON 5 S 185 „Ich habe wahrscheinlich gehofft, dass ich es wieder irgendwie abdecken kann.“ Die vom Angeklagten diesbezüglich immer wieder ins Treffen geführte GmbH wurde freilich im Februar 2017 gegründet und die Geschäfte waren nicht sehr erfolgreich (ZV Ing. Renner ON 100 S 54ff). Auch nach diesem Zeitpunkt gab es noch zahlreiche Malversationen (etwa die Fakten A./1./,2./,4./,6./,14./,15./,16./,17./,18./,19./ und 20./), was die Verantwortung absolut unglaubwürdig macht.
Die subjektive Tatseite ergibt sich aus dem objektiven Tathergang, den bisherigen Erwägungen, insbesondere auch zur Systematik der Vorgangsweise, und der allgemeinen Lebenserfahrung zweifelsfrei.
Soweit der Angeklagte selbst immer wieder „schlimmstenfalls“ fahrlässiges Handeln zugesteht (den offensichtlichen Grund hierfür lieferte er selbst: „das ist noch versichert“, ON 7 S 13; zuletzt gab er auch an, er habe „keine Schädigungsabsicht“ gehabt), war im Sinne der bisherigen Erwägungen nicht davon auszugehen. Selbst wenn es so wäre, dass der Angeklagte nach Gewahrwerden eines Fehlbetrages (in welcher Höhe auch immer) Ende 2016/Anfang 2017 „das System umgestellt“ (Protokoll vom 13.10.2020 S 12) bzw. „diese GmbH“ gegründet hätte (Protokoll vom 7.10.2020 S 5), wäre ihm zumindest für die Tatzeitpunkte danach (siehe dazu weiter oben) Vorsatz zu unterstellen. Es ist auch nicht ersichtlich, wie das Bestehen einer Vertrauensschadenversicherung (Protokoll vom 7.10.2020 S 6 bzw. vom 13.10.2020 S 12) diesen Vorsatz ausschließen soll (etwa RS0094326).
Dementsprechend wären andere als die getroffenen Feststellungen zur subjektiven Tatseite in dieser konkreten Konstellation gerade auch bei einem R***** völlig lebensfremd.
Zu Punkt B./ des Schuldspruches:
Auch zu diesen Punkten kann auf die in Klammern angeführten Erhebungsergebnisse im Zusammenhalt mit den bisherigen Ausführungen verwiesen werden.
Betreffend 1./ ist zudem bezeichnend, dass nach Einzahlung des Geldbetrags (25.4., ON 5 S 141) zweieinhalb Monate verstreichen und eine Anfrage der R***** (am 7.7., die das gegenständliche Verfahren maßgeblich anstieß) beim Angeklagten einlangen musste, dass der Angeklagte „schon“ am 11.7.2017 (ON 5 S 145ff) ein Treuhandkonto für den Betrag einrichtete (Stellungnahme ON 4). Dass die Vorgangsweise mit dem zuständigen Pflegschaftsrichter abgesprochen worden sei (ebenso ON 4), wurde von diesem freilich mit dem Hinweis auf die einfache Möglichkeit einer gerichtlich verfügten Sperre des Sparbuchs bestritten (ON 5 S 3).
Dass der Betroffenen ein Schaden entstanden ist, ergibt sich nicht nur aus den Angaben des Angeklagten selbst (Protokoll vom 13.10.2020 S 12 „nach zwei Monaten war das Geld weg“) sondern auch aus der Einlösungserklärung bzw. Schadensgutmachtung durch die ***** (ON 76b S 281ff).
Zu 2./ kann zudem auf die – wie bereits ausgeführt – glaubhaften Angaben der Zeugin V***** verwiesen werden (zB ON 30 S 153f, Geld auf Kanzleianderkonto eingezahlt, wurde nie auf Treuhandanderkonto weitergeleitet, selbst nach Hinweis durch die Zeugin).
Beide Tathandlungen fügen sich in die Vorgangsweise des Angeklagten nahtlos ein, sodass der objektive Sachverhalt zweifelsfrei feststand.
Die Feststellungen zur subjektiven Tatseite ergeben sich, wie auch bei jenen zu Punkt A./ aus dem objektiven Geschehenshergang und der allgemeinen Lebenserfahrung, die andere Feststellungen lebensfremd erscheinen lassen würden. Auch hier gelten wegen der Ähnlichkeit der Sachverhalte die zu A./ getätigten Ausführungen unter Hinweis auf die langjährige Tätigkeit des Angeklagten als Rechtsanwalt. Die gesteigerte Vorsatzform der Wissentlichkeit ist ebenso zweifelsfrei hieraus abzuleiten.
Zu Punkt B./ der Anklage (Teilfreispruch):
Trotz der umfangreich belastenden Beweisergebnisse war im Zweifel nicht davon auszugehen, dass der Angeklagte auch noch nach der Entdeckung seiner Malversationen den nötigen Vorsatz für das kridaträchtige Handeln hatte, zumal er anfangs – anders als mittlerweile – tatsächlich an der Bereinigung der Angelegenheit mitwirkte.
Zu den Privatbeteiligtenansprüchen:
Die Feststellungen stützen sich auf den Ausdruck aus der Insolvenzdatei. Würde aktuell ein Abschöpfungsverfahren durchgeführt, so müsste sich dies aus der Insolvenzdatei ergeben (vgl die umfangreichen Veröffentlichungspflichten gemäß § 200 IO). Daraus ergibt sich auch die Negativfeststellung betreffend eine allenfalls in der Zukunft durch das Insolvenzgericht zu erteilende Restschuldbefreiung. Auch die Privatbeteiligte R***** führt im Übrigen bloß aus, dass sich dem Angeklagtem voraussichtlich die Möglichkeit eines Abschöpfungsverfahrens mit Restschuldbefreiung bieten werde.
Rechtliche Beurteilung
Rechtliche Beurteilung:
Aufgrund des festgestellten Sachverhalts hat der Angeklagte die im Spruch genannten Verbrechen in objektiver und subjektiver Hinsicht begangen.
Ein R*****, der von seinen Klienten Geldbeträge zur Weiterleitung an berechtigte Empfänger übernimmt und sich das Geld zueignet, begeht Veruntreuung und nicht Untreue; seine Verfügungsgewalt über das Geld war nämlich auf eine ganz bestimmte Verwendungspflicht beschränkt, sodass es ihm anvertraut war, und die Überführung des Geldes in sein Vermögen erfolgte nicht in missbräuchlicher Ausnützung einer rechtlichen Befugnis, sondern in Ausnützung der durch das Anvertrauen gegebenen faktischen Verfügungsmöglichkeit.
Betreffend die unter Punkt B./ zur Verurteilung gelangten Fakten war der Angeklagte allerdings Machthaber, weshalb Untreue im Sinne des § 153 StGB vorliegt.
Bei der Strafzumessung war (unter Anwendung des § 28 Abs 1 StGB) nach dem zweiten Strafsatz des § 133 Abs 2 StGB von einer Strafdrohung von einem bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe auszugehen.
Das Gericht wertete im Einzelnen den bisherigen ordentlichen Lebenswandel und die überwiegende Schadensgutmachung (wenn auch aus dritter Hand, so doch für den Angeklagten) als besonders mildernd, als besonders erschwerend hingegen den langen Tatzeitraum, die Faktenhäufung, die vielfache Wertgrenzenüberschreitung und das Zusammentreffen zweier Verbrechen. Im Rahmen der allgemeinen Strafzumessung war zudem die massive Ausnutzung des seinem Berufsstand zukommenden Vertrauens (stark) erschwerend zu berücksichtigen, sodass sich bei Gesamtbetrachtung eine Freiheitsstrafe in der Dauer von vier Jahren als täter-, tat- und schuldangemessen erweist.
Die Privatbeteiligten waren mit ihren Ansprüchen auf den Zivilrechtsweg zu verweisen. Teils wurde ohnedies nur die Feststellung des Bestehens von Insolvenzforderungen beantragt (siehe dazu § 110 IO: Geltendmachung durch Klage gegen alle Bestreitenden). Sofern man überhaupt davon ausgeht, dass die ansonsten beantragte Feststellung, dass eine Forderung nicht von „der“ (siehe Eingabe der I***** vom 12.10.2020) bzw. „einer“ (siehe Eingabe der M***** vom 5.10.2020) Restschuldbefreiung erfasst wird, auch während laufenden Insolvenzverfahrens Prozesssperre zulässig ist, fehlt ihr das rechtliche Interesse: Es ist überhaupt noch nicht klar, ob ein Abschöpfungsverfahren durchgeführt, geschweige denn eine Restschuldbefreiung erteilt werden wird. Abstrakte Rechtsfragen, denen kein gegenwärtig in der Wirklichkeit existierender Sachverhalt zugrunde liegt oder solche, die sich in der Feststellung einer dem Gesetzeswortlaut entsprechenden Rechtslage erschöpfen, sind nicht urteilsmäßig feststellungsfähig (Frauenberger-Pfeiler in Fasching/Konecny³ II/1 §228 ZPO Rz 65). Wenn diesbezüglich Klarheit herrschen wird, wird aber das Insolvenzverfahren aufgehoben sein (§ 200 Abs 4 IO), die Privatbeteiligten werden also wieder Leistungsklage (der dann der hier begehrte Feststellungsanspruch immanent ist) erheben können.
Die weiteren urteilsmäßigen Aussprüche stützen sich auf die im Spruch genannten Gesetzesstellen.
|
JJT_20200212_OGH0002_0010NC00002_20I0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00002.20I.0212.000
|
1Nc2/20i
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200212_OGH0002_0010NC00002_20I0000_000/JJT_20200212_OGH0002_0010NC00002_20I0000_000.html
| 1,581,465,600,000
| 371
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie den Hofrat Mag. Dr. Wurdinger und die Hofrätin Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei M***** J*****, vertreten durch Dr. Michael Wukoschitz, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei A***** a.d., *****, Serbien, wegen 600 EUR sA, über den Ordinationsantrag nach § 28 JN den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Als örtlich zuständiges Gericht wird das Bezirksgericht Schwechat bestimmt.
Der Antrag der klagenden Partei auf Kostenzuspruch wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Klägerin macht gegen die Beklagte, eine serbische Fluglinie, Ansprüche nach der Verordnung (EG) 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. 2. 2004 über eine gemeinsame Regelung für Ausgleichs- und Unterstützungsleistungen für Fluggäste im Fall der Nichtbeförderung und bei Annullierung oder großer Verspätung von Flügen (EU-Fluggastrechte-VO) geltend. Sie beantragt beim Obersten Gerichtshof gemäß § 28 JN unter Anschluss der einzubringenden Klage die Ordination des Bezirksgerichts für Handelssachen Wien als örtlich zuständiges Gericht, auch wenn aufgrund des Abflugorts das Bezirksgericht Schwechat naheliegend erschiene, das aber in Fluggastsachen überlastet sei.
Rechtliche Beurteilung
1. Nach § 28 Abs 1 Z 2 JN hat der Oberste Gerichtshof, wenn für eine bürgerliche Rechtssache die Voraussetzungen für die örtliche Zuständigkeit eines inländischen Gerichts im Sinn dieses Gesetzes oder einer anderen Rechtsvorschrift nicht gegeben oder nicht zu ermitteln sind, aus den sachlich zuständigen Gerichten eines zu bestimmen, welches für die fragliche Rechtssache als örtlich zuständig zu gelten hat, wenn unter anderem der Kläger österreichischer Staatsbürger ist oder seinen Wohnsitz, gewöhnlichen Aufenthalt oder Sitz im Inland hat und im Einzelfall die Rechtsverfolgung im Ausland nicht möglich oder unzumutbar wäre.
2. Der Oberste Gerichtshof hat bereits in anderen gleichgelagerten Fällen der Durchsetzung von Ansprüchen nach der EU-Fluggastrechte-VO gegen das auch hier beklagte Flugunternehmen mit Sitz in ***** (Serbien) die Ordination bewilligt und das Bezirksgericht Schwechat, in dessen Sprengel der Abflughafen liegt, als zuständiges Gericht bestimmt (6 Nc 1/19b = ZVR 2019/114, 259 [zust Mayr]; 5 Nc 13/19k; 6 Nc 25/19g). Auf die Begründung dieser Entscheidungen (insbesondere zur Auswahl des zu ordinierenden Gerichts) kann auch für den vorliegenden Fall sinngemäß verwiesen werden.
Die gegenteilige (abweisende) Entscheidung 10 Nc 20/19a blieb vereinzelt und wird vom erkennenden Senat nicht geteilt. Zudem behauptet die Klägerin, dass die beklagte Fluglinie in Österreich Vermögen habe und daher hier gegen sie Exekution geführt werden solle.
3. Im einseitigen Ordinationsverfahren findet kein abgesonderter Kostenersatz statt (RIS-Justiz RS0114932 [T1]).
|
JJT_20200217_OGH0002_0010NC00003_20M0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00003.20M.0217.000
|
1Nc3/20m
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200217_OGH0002_0010NC00003_20M0000_000/JJT_20200217_OGH0002_0010NC00003_20M0000_000.html
| 1,581,897,600,000
| 312
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Dr. Wurdinger und Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei F*****, Kosovo, *****, vertreten durch Mag. Gottfried Stoff, Rechtsanwalt in Graz, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 7.000 EUR sA, über den Ordinationsantrag der klagenden Partei gemäß § 28 JN den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Als örtlich zuständiges Gericht wird das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz bestimmt.
Text
Begründung:
Der Kläger begehrt vom Bund Schadenersatz nach dem Amtshaftungsgesetz, weil sein LKW bei einem Unfall in seinem Dorf im Kosovo durch ein Fahrzeug des österreichischen Bundesheeres beschädigt worden sein soll.
Er beantragte beim Obersten Gerichtshof gemäß § 28 JN unter Anschluss der einzubringenden Klage (und eines Verfahrenshilfeantrags) die Ordination des Landesgerichts für Zivlirechtssachen Graz als örtlich zuständiges Gericht.
Rechtliche Beurteilung
Der Ordinationsantrag ist berechtigt.
Hoheitliches Verhalten von Organen österreichischer Rechtsträger im Ausland ist nach österreichischem Amtshaftungsrecht zu prüfen (RIS-Justiz RS0057216; RS0035358 [bes T4]). Bei Amtshaftungssachen ist eine ausreichende inländische Nahebeziehung und wegen der fehlenden Anerkennung und Vollstreckbarkeit einer ausländischen Entscheidung gegen österreichische Rechtsträger auch ein besonderes Rechtsschutzbedürfnis eines Klägers gegeben (1 Nc 44/14g; Schragel, AHG³ Rz 256; s auch Garber in Fasching/Konecny³, I § 28 JN Rz 96, wonach in Amtshaftungssachen „ein unbestreitbares Bedürfnis nach Ermöglichung einer Rechtsverfolgung im Inland“ besteht).
Fehlt es in einem solchen Fall an der Zuständigkeit eines inländischen Gerichts, das über einen Anspruch aus behauptetem rechtswidrigen und schuldhaften Organverhalten im Ausland (hier im Kosovo) entscheiden könnte, weil für Amtshaftungsansprüche gemäß § 9 Abs 1 AHG das Landesgericht, in dessen Sprengel die Rechtsverletzung begangen wurde, ausschließlich zuständig ist, ist über Antrag des Klägers (§ 28 Abs 4 JN) ein inländisches Landesgericht analog § 28 Abs 1 JN als örtlich zuständig zu bestimmen (Schragel aaO Rz 256). Dafür bietet sich die (antragsgemäße) Heranziehung des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz an, weil sich dort die Kontaktperson (des im Kosovo lebenden Klägers) und auch der Kanzleisitz seines Rechtsvertreters befinden.
|
JJT_20200323_OGH0002_0010NC00004_20H0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00004.20H.0323.000
|
1Nc4/20h
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200323_OGH0002_0010NC00004_20H0000_000/JJT_20200323_OGH0002_0010NC00004_20H0000_000.html
| 1,584,921,600,000
| 277
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht Graz zu AZ 39 Cg 15/20k anhängigen Rechtssache der klagenden Partei Mag. R*****, gegen die Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 25.070,24 EUR sA sowie Feststellung, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Verhandlung und Entscheidung über jene Ansprüche, hinsichtlich derer die Rechtssache an das Landesgericht Graz überwiesen wurde, wird das Landesgericht Wiener Neustadt als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Kläger erhob eine Vielzahl von Amtshaftungsansprüchen, die er aus Entscheidungen verschiedener Gerichte und Behörden ableitet. Nachdem hinsichtlich einzelner Ansprüche eine Delegierung gemäß § 9 Abs 4 AHG an das Landesgericht Linz erfolgte, überwies das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien, bei dem die Klage eingebracht worden war, diese hinsichtlich der verbliebenen, nicht von der Delegierung erfassten Ansprüche gemäß § 230a ZPO (nachdem es die Klage hinsichtlich dieser Ansprüche zunächst wegen örtlicher Unzuständigkeit zurückgewiesen und der Kläger einen Überweisungsantrag gestellt hatte) an das nicht offenbar unzuständige Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz.
Rechtliche Beurteilung
Dieses legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Die Voraussetzungen für eine solche Delegierung liegen hier vor, wird doch mit denjenigen Ansprüchen, hinsichtlich derer die Klage an das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz überwiesen wurde, Amtshaftung aufgrund eines Verhaltens von Organen dieses Gerichts sowie des diesem im Instanzenzug übergeordneten Oberlandesgerichts Graz geltend gemacht. Die Rechtssache ist daher einem Gerichtshof außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Graz zu übertragen.
|
JJT_20200310_OGH0002_0010NC00005_20F0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00005.20F.0310.000
|
1Nc5/20f
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200310_OGH0002_0010NC00005_20F0000_000/JJT_20200310_OGH0002_0010NC00005_20F0000_000.html
| 1,583,798,400,000
| 273
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der zu AZ 4 Cg 1/20b des Landesgerichts St. Pölten anhängigen Rechtssache der klagenden Partei Mag. (FH) T***** S*****, vertreten durch die Celar Senoner Weber-Wilfert Rechtsanwälte GmbH, Wien, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 18.714,99 EUR sA und Feststellung, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
1. Der Delegierungsantrag wird zurückgewiesen.
2. Zur Verhandlung und Entscheidung über die Klage wird das Landesgericht Linz als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Kläger erhebt vor dem Landesgericht St. Pölten Amtshaftungsansprüche, die er unter anderem aus zwei seiner Ansicht nach rechtswidrigen und unvertretbaren Entscheidungen des Oberlandesgerichts Wien ableitet. Er beantragt die Delegierung der Rechtssache „an einen Gerichtshof erster Instanz außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien“.
Das Landesgericht St. Pölten legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung über die Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Rechtliche Beurteilung
1. Nach der Judikatur des Obersten Gerichtshof sind die Fälle des § 9 Abs 4 AHG solche notwendiger und der Parteiendisposition entzogener Delegierung (vgl nur die Nachweise bei Schragel, AHG3 Rz 255). Ein Antragsrecht kommt den Parteien nicht zu (RIS-Justiz RS0056449 [T27]), weshalb der Delegierungsantrag des Klägers als unzulässig zurückzuweisen ist (RS0056449 [T33]).
2. Es liegen aber die Voraussetzungen für eine Delegierung von Amts wegen vor:
Nach § 9 Abs 4 AHG ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus einem kollegialen Beschluss eines Oberlandesgerichts abgeleitet wird, das nach den Bestimmungen dieses Bundesgesetzes unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Das ist hier der Fall. Es ist somit ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien als zur Erledigung der Rechtssache zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200323_OGH0002_0010NC00006_20B0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00006.20B.0323.000
|
1Nc6/20b
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200323_OGH0002_0010NC00006_20B0000_000/JJT_20200323_OGH0002_0010NC00006_20B0000_000.html
| 1,584,921,600,000
| 165
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht Innsbruck zu AZ 6 Cg 22/20a anhängigen Rechtssache des Klägers ***** P*****, vertreten durch Dr. Josef-Michael Danler, Rechtsanwalt in Innsbruck, gegen die Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 48.631,68 EUR den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Verhandlung und Entscheidung über die Klage wird das Landesgericht Ried im Innkreis als zuständig bestimmt.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Kläger erhebt Amtshaftungsansprüche, die er aus Entscheidungen des Oberlandesgerichts Innsbruck ableitet. Das Landesgericht Innsbruck legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Da die Voraussetzungen für die Delegierung in diesem Fall vorliegen, ist die Rechtssache einem Gerichtshof außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Innsbruck zu übertragen.
|
JJT_20200428_OGH0002_0010NC00007_20Z0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00007.20Z.0428.000
|
1Nc7/20z
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200428_OGH0002_0010NC00007_20Z0000_000/JJT_20200428_OGH0002_0010NC00007_20Z0000_000.html
| 1,588,032,000,000
| 221
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 33 Cg 5/20b anhängigen Rechtssache der klagenden Partei Dr. T*****, vertreten durch Mag. Wilfried Niedermüller, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 9.140,72 EUR sA und Feststellung, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Verhandlung und Entscheidung der Rechtssache wird das Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Kläger erhebt Amtshaftungsansprüche, die er aus angeblichen Unterlassungen eines Richters in einem Sachwalterschaftsverfahren ableitet. Dieser Richter ist mittlerweile bei dem dem Erstgericht übergeordneten Oberlandesgericht tätig.
Das Erstgericht legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Rechtliche Beurteilung
Gemäß § 9 Abs 4 AHG ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre. Dieser Delegierungstatbestand ist nach der Rechtsprechung des Fachsenats auch dann erfüllt, wenn jener Richter, dem amtshaftungsbegründendes Fehlverhalten vorgeworfen wird, nunmehr bei einem Gerichtshof tätig ist, der über eine Amtshaftungsklage – als Erstgericht oder als Rechtsmittelgericht – zu entscheiden hätte (RIS-Justiz RS0119894 [insbesondere T6]).
Es ist daher ein Gericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200428_OGH0002_0010NC00008_20X0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00008.20X.0428.000
|
1Nc8/20x
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200428_OGH0002_0010NC00008_20X0000_000/JJT_20200428_OGH0002_0010NC00008_20X0000_000.html
| 1,588,032,000,000
| 213
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht Klagenfurt zu AZ 27 Nc 1/20x anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers W***** H*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag und zur Verhandlung und Entscheidung über eine allfällige Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Salzburg als zuständig bestimmt.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Antragsteller beantragt die Gewährung von Verfahrenshilfe zur Geltendmachung von Amtshaftungsansprüchen gegen die Republik Österreich (Bund) und beruft sich dazu auf vermeintlich fehlerhafte Entscheidungen des Landesgerichts Klagenfurt und des Oberlandesgerichts Graz, mit denen sein Verfahrenshilfeantrag in einem Vorprozess abgewiesen worden sei.
Das angerufene Landesgericht Klagenfurt legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung ist ein anderes Gericht gleicher Gattung als das nach § 9 Abs 1 AHG ausschließlich zuständige Landesgericht, in dessen Sprengel die Rechtsverletzung begangen wurde, zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Da der Delegierungstatbestand des § 9 Abs 4 AHG, der auch ein der Klageführung vorangehendes Verfahrenshilfeverfahren erfasst (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241), im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Graz als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200610_OGH0002_0010NC00012_20K0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00012.20K.0610.000
|
1Nc12/20k
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200610_OGH0002_0010NC00012_20K0000_000/JJT_20200610_OGH0002_0010NC00012_20K0000_000.html
| 1,591,747,200,000
| 170
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 33 Nc 9/20g anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers R*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Behandlung einer allfälligen Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Leoben als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller beabsichtigt die Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen gegen die Republik Österreich (Bund) und beruft sich dazu auf vermeintlich fehlerhafte Entscheidungen des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien und des Oberlandesgerichts Wien.
Rechtliche Beurteilung
Gemäß § 9 Abs 4 AHG ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Da der Delegierungstatbestand des § 9 Abs 4 AHG, der auch ein der Klageführung vorangehendes
Verfahrenshilfeverfahren erfasst (vgl RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]), im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200618_OGH0002_0010NC00013_20G0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00013.20G.0618.000
|
1Nc13/20g
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200618_OGH0002_0010NC00013_20G0000_000/JJT_20200618_OGH0002_0010NC00013_20G0000_000.html
| 1,592,438,400,000
| 257
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht Linz zu AZ 31 Cg 13/20b anhängigen Rechtsache der klagenden Partei H***** S*****, vertreten durch Mag. Andre Hitzenbichler, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur, Singerstraße 17–19, 1010 Wien, wegen 26.060,92 EUR sA und Feststellung, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der
Delegierungsantrag wird
zurückgewiesen.
Zur Verhandlung und Entscheidung über die Amtshaftungsklage wird das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Kläger begehrt mit seiner beim Landesgericht Linz eingebrachten Klage aus dem Titel der Amtshaftung den Ersatz von Schäden, die er unter anderem aus behauptetermaßen fehlerhaften Entscheidungen des Oberlandesgerichts Linz ableitet und beantragte unter Berufung auf § 9 Abs 4 AHG die Delegierung an ein Gericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Linz.
Rechtliche Beurteilung
Gemäß § 9 Abs 4 AHG ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Nach der Judikatur sind die Fälle des § 9 Abs 4 AHG solche notwendiger und der Parteiendisposition entzogener
Delegierung (vgl die Nachweise bei Schragel, AHG3 Rz 255). Ein Antragsrecht kommt der Partei insoweit nicht zu (RIS-Justiz RS0056449 [T27]).
Da der Delegierungstatbestand des § 9 Abs 4 AHG im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist – von Amts wegen – ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Linz als zuständig zu bestimmen. Der förmliche
Delegierungsantrag des Klägers ist hingegen als unzulässig zurückzuweisen (RS0056449 [T33]).
|
JJT_20200618_OGH0002_0010NC00014_20D0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00014.20D.0618.000
|
1Nc14/20d
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200618_OGH0002_0010NC00014_20D0000_000/JJT_20200618_OGH0002_0010NC00014_20D0000_000.html
| 1,592,438,400,000
| 228
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 30 Nc 9/20k anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers DI Dr. S***** B*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Behandlung einer allfälligen Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Leoben als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller beantragte beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen, die er aus zwei Entscheidungen dieses Landesgerichts und einer des Oberlandesgerichts Wien ableitet. Zugleich nennt er die Namen der Richter (im Fall des Oberlandesgerichts Wien jenen der Vorsitzenden des Rekurssenats), gegen die er eine „Amtshaftungsklage“ einbringen möchte.
Rechtliche Beurteilung
Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung hat das übergeordnete Gericht ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre, was auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241; Schragel, AHG3 Rz 255).
Da der Antragsteller seinen Verfahrenshilfeantrag auch auf Amtshaftungsansprüche, die er aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableiten will, stützt, ist gemäß § 9 Abs 4 AHG ein Landesgericht außerhalb des Sprengels dieses Oberlandesgerichts als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200722_OGH0002_0010NC00016_20Y0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00016.20Y.0722.000
|
1Nc16/20y
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200722_OGH0002_0010NC00016_20Y0000_000/JJT_20200722_OGH0002_0010NC00016_20Y0000_000.html
| 1,595,376,000,000
| 424
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz zu AZ 11 Nc 1/20m anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers J*****, Justizanstalt *****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Akt wird dem Oberlandesgericht Graz zurückgestellt.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Antragsteller begehrt die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung einer Amtshaftungsklage. Er leitet seinen (nicht bezifferten) Amtshaftungsanspruch daraus ab, dass während der über ihn verhängten Untersuchungshaft seine Diabeteserkrankung nicht beachtet und entsprechend behandelt worden sei. Insbesondere sei ihm seine Insulinpumpe abgenommen worden und er dürfe seinen Diabetiker-Wachhund nicht in die Justizanstalt mitnehmen, obwohl dies ärztlich empfohlen worden sei. Dadurch sei es schon zu mehreren Unterzuckerungen und damit verbundenen Gesundheitsbeeinträchtigungen gekommen, die ebenfalls nicht behandelt würden.
Das Oberlandesgericht Graz legte den Akt – anlässlich eines ihm vorgelegten Rechtsmittels gegen einen Unterbrechungsbeschluss – dem Obersten Gerichtshof gemäß § 9 Abs 4 AHG vor, weil der Antragsteller seine Amtshaftungsansprüche erkennbar auch daraus ableite, dass die Untersuchungshaft trotz Diabeteserkrankung fortgesetzt worden sei, worüber in zweiter Instanz das Oberlandesgericht Graz entschieden habe.
Diese Vorlage ist nicht berechtigt, weil der Oberste Gerichtshof zu einer Delegierung nach der zitierten Gesetzesstelle nicht zuständig ist. Demnach hat das übergeordnete Gericht ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre, was auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (vgl RIS-Justiz RS0122241).
Entgegen der Auffassung des vorlegenden Gerichts liegen die Voraussetzungen für eine Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG durch den Obersten Gerichtshof hier (zumindest derzeit) nicht vor.
Der Antragsteller hat seinen Antrag auf Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung einer Amtshaftungsklage nämlich nur auf eine behauptete unzureichende Behandlung seiner Diabeteserkrankung (einschließlich einer unzureichenden Vorbeugung der damit verbundenen Gefahr von Unterzuckerungen) gestützt. In seinem (verbesserten) Verfahrenshilfeantrag führte er zwar auch zwei Entscheidungen des Oberlandesgerichts Graz (betreffend die Fortsetzung der Untersuchungshaft) an und stellte dort eine „Anzeige wegen Rechtsbeugung gegen dieses Gericht“ in den Raum. Er legte aber bisher nicht dar, warum diese Entscheidungen (zu denen er nur die Aktenzahlen nannte, ohne auf ihren Inhalt einzugehen) rechtswidrig sein sollten und behauptete auch sonst kein amtshaftungsbegründendes Verhalten dieses Gerichts. Da nicht zu erkennen ist, dass Organe des Oberlandesgerichts Graz in jene behaupteten Vorgänge involviert wären, die nach den vom Antragsteller aufgestellten Behauptungen seiner Ansicht nach einen Amtshaftungsausspruch auslösen könnten, ist der Oberste Gerichtshof für eine Entscheidung im Sinn des § 9 Abs 4 AHG (derzeit) nicht zuständig und der Akt daher dem vorlegenden Gericht zurückzustellen.
|
JJT_20200722_OGH0002_0010NC00018_20T0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00018.20T.0722.000
|
1Nc18/20t
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200722_OGH0002_0010NC00018_20T0000_000/JJT_20200722_OGH0002_0010NC00018_20T0000_000.html
| 1,595,376,000,000
| 390
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht Graz zu AZ 33 Cg 16/19v anhängigen Rechtssache der klagenden Partei S***** G*****, vertreten durch Dr. Markus Bernhauser, Rechtsanwalt in Wien, gegen die Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 1.011.817,60 EUR sA, Zahlung einer Rente (Streitwert 36.000 EUR) sowie Feststellung (Streitwert 30.000 EUR), den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Verhandlung und Entscheidung über die Klage wird das Landesgericht Klagenfurt als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Kläger macht sowohl Amtshaftungsansprüche als auch Ersatzansprüche nach dem
StEG 2005 geltend. Er leitet seine Ansprüche unter anderem daraus ab, dass über ihn vom 27. 6. 2007 bis 22. 11. 2007 ungerechtfertigt die Untersuchungshaft verhängt worden sei.
Das Oberlandesgericht Wien bestimmte das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien als zur Entscheidung über die – ursprünglich beim Landesgericht St. Pölten eingebrachte – Klage zuständiges Erstgericht. Dieses legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor, weil die über den Kläger verhängte Untersuchungshaft auch auf einem Beschluss des Oberlandesgerichts Wien beruht habe, mit dem seiner gegen den Haftbeschluss erhobenen Beschwerde nicht Folge gegeben wurde.
Rechtliche Beurteilung
Gemäß § 9 Abs 4 AHG ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre. Dieser Delegierungstatbestand gilt nach § 12 Abs 1
StEG 2005 auch für nach diesem Gesetz erhobene Ansprüche. Zweck des § 9 Abs 4 AHG ist es, alle im Zusammenhang betroffenen Gerichte, aus deren Entscheidungen ein Amtshaftungsanspruch abgeleitet wird, von der Entscheidung über diesen Anspruch (und dessen allfällige verfahrensrechtliche Voraussetzungen) auszuschließen (vgl RIS-Justiz RS0056449 [zum
StEGÂ 2005: T31]). Im Rahmen der Geltendmachung des Ersatzanspruchs wegen ungerechtfertigter Haft nach dem
StEG 2005 genügt dafür – weil ein darauf gegründeter Anspruch den Vorwurf eines schuldhaften Handelns nicht voraussetzt – die für einen Freiheitsentzug wirksame Beteiligung (auch) des (Rechtsmittel-)Gerichts (RS0056449 [T34]).
Der Kläger stützt seine Klage undifferenziert (vgl 1 Nc 33/18w) darauf, dass über ihn ungerechtfertigt die Untersuchungshaft verhängt worden sei. Da das Oberlandesgericht Wien insoweit mit der Entscheidung über die Untersuchungshaft befasst war, als es der Haftbeschwerde des Klägers nicht Folge gab, leitet er seine Ansprüche damit inhaltlich aber auch aus einer „Beteiligung“ dieses Gerichts ab. Die Voraussetzungen für eine Delegierung gemäß § 9 Abs 4 AHG iVm § 12 Abs 1
StEG 2005 an ein Gericht außerhalb dieses Oberlandesgerichtssprengels liegen daher vor.
|
JJT_20200730_OGH0002_0010NC00020_20M0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00020.20M.0730.000
|
1Nc20/20m
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200730_OGH0002_0010NC00020_20M0000_000/JJT_20200730_OGH0002_0010NC00020_20M0000_000.html
| 1,596,067,200,000
| 215
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie den Hofrat Mag. Dr. Wurdinger und die Hofrätin Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 31 Nc 19/20p anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers DI Dr. S***** B*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Behandlung einer allfälligen Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Leoben als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller beantragte beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen, die er aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableitet. Zugleich nennt er die Namen der entscheidenden Richter, gegen die er eine „Amtshaftungsklage“ einbringen möchte.
Rechtliche Beurteilung
Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung hat das übergeordnete Gericht ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre, was auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241; Schragel, AHG3 Rz 255).
Da der Antragsteller seinen Verfahrenshilfeantrag auf Amtshaftungsansprüche stützt, die er aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableitet, ist gemäß § 9 Abs 4 AHG ein Landesgericht außerhalb des Sprengels dieses Oberlandesgerichts als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200827_OGH0002_0010NC00021_20H0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00021.20H.0827.000
|
1Nc21/20h
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200827_OGH0002_0010NC00021_20H0000_000/JJT_20200827_OGH0002_0010NC00021_20H0000_000.html
| 1,598,486,400,000
| 199
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht Linz zu AZ 31 Nc 13/20v anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers DI Dr. S*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Behandlung einer allfälligen Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Innsbruck als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller brachte beim Landesgericht Linz einen Antrag auf Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen (erkennbar) gegen die Republik Österreich aufgrund einer behaupteten Fehlentscheidung des Oberlandesgerichts Linz in einem Rechtsmittelverfahren ein.
Rechtliche Beurteilung
Das Landesgericht Linz legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Da der Delegierungstatbestand des § 9 Abs 4 AHG, der auch ein der Klageführung vorangehendes Verfahrenshilfeverfahren erfasst (vgl RIS-Justiz RS0122241), im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Linz als zuständig zu bestimmen. Dieses wird auch zu beurteilen haben, ob eine Verbesserung im Sinn des § 86a Abs 1 Satz 1 ZPO erforderlich ist.
|
JJT_20200827_OGH0002_0010NC00022_20F0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00022.20F.0827.000
|
1Nc22/20f
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200827_OGH0002_0010NC00022_20F0000_000/JJT_20200827_OGH0002_0010NC00022_20F0000_000.html
| 1,598,486,400,000
| 213
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht Klagenfurt zu AZ 50 Nc 4/20g anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers W***** H*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag und zur Verhandlung und Entscheidung über eine allfällige Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Feldkirch als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller beantragt die Gewährung von Verfahrenshilfe zur Geltendmachung von Amtshaftungsansprüchen erkennbar gegen den Bund und beruft sich dazu insbesondere auf eine seiner Ansicht nach fehlerhafte Entscheidung des Oberlandesgerichts Graz, mit der sein Verfahrenshilfeantrag in einem Vorprozess abgewiesen worden sei.
Rechtliche Beurteilung
Das angerufene Landesgericht Klagenfurt legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung ist ein anderes Gericht gleicher Gattung als das nach § 9 Abs 1 AHG ausschließlich zuständige Landesgericht, in dessen Sprengel die Rechtsverletzung begangen wurde, zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Da der Delegierungstatbestand des § 9 Abs 4 AHG, der auch ein der Klageführung vorangehendes Verfahrenshilfeverfahren erfasst (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241), im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Graz als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200921_OGH0002_0010NC00024_20Z0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00024.20Z.0921.000
|
1Nc24/20z
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200921_OGH0002_0010NC00024_20Z0000_000/JJT_20200921_OGH0002_0010NC00024_20Z0000_000.html
| 1,600,646,400,000
| 261
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht Leoben zu AZ 8 Cg 29/20f anhängigen Rechtssache des Klägers R*****, vertreten durch die Kreissl & Pichler & Walther Rechtsanwälte GmbH, Liezen, gegen die Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 38.400 EUR sowie Feststellung, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur weiteren Verhandlung und Entscheidung in dieser Rechtssache wird das Landesgericht Wiener Neustadt als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Gegenstand des Verfahrens sind auf den Titel der Amtshaftung gestützte Ansprüche, die der Kläger daraus ableitet, dass er trotz Haftuntauglichkeit eine dreimonatige Haftstrafe verbüßen habe müssen, während der er medizinisch nicht adäquat behandelt worden sei, wodurch sich sein Gesundheitszustand deutlich verschlechtert und er letztlich einen Herzinfarkt erlitten habe.
In der
Tagsatzung vom 18. 10. 2017 erklärte der Kläger, seine Ansprüche auch auf seiner Ansicht nach fehlerhafte Entscheidungen des Landesgerichts Leoben sowie des Oberlandesgerichts Graz als Rechtsmittelgericht zu stützen, mit denen seinen Anträgen auf Aufschub des Strafvollzugs nicht Folge gegeben worden sei.
Rechtliche Beurteilung
Das Landesgericht Leoben legte die Akten dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Gesetzesstelle ist unter anderem dann ein anderer Gerichtshof erster Instanz als zuständig zu bestimmen, wenn Amtshaftungsansprüche aus einer Entscheidung des zuständigen Landesgerichts oder des diesem im Rechtsmittelzug übergeordneten Oberlandesgerichts abgeleitet werden. Diese Delegierungsvoraussetzungen sind im vorliegenden Fall erfüllt, weil sowohl dem Landesgericht Leoben als auch dem ihm im Instanzenzug übergeordneten Oberlandesgericht Graz ein amtshaftungsbegründendes Fehlverhalten vorgeworfen wird.
Es ist daher ein Gericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Graz als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200924_OGH0002_0010NC00025_20X0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00025.20X.0924.000
|
1Nc25/20x
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200924_OGH0002_0010NC00025_20X0000_000/JJT_20200924_OGH0002_0010NC00025_20X0000_000.html
| 1,600,905,600,000
| 218
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz zu AZ 20 Nc 2/20z anhängigen Verfahrenshilfesache der Antragstellerin L***** B*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Verhandlung und Entscheidung über eine allfällige Amtshaftungsklage wird das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Die Antragstellerin beantragte die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen, die sie aus zwei sie betreffenden Entscheidungen des Oberlandesgerichts Graz ableitet, die ihrer Ansicht nach widersprüchlich seien.
Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz, dem das Landesgericht für Strafsachen Wien den Verfahrenshilfeantrag zuständigkeitshalber übermittelte, legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Rechtliche Beurteilung
Nach dieser Bestimmung hat das übergeordnete Gericht ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre, was auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241; Schragel, AHG3 Rz 255).
Da die Antragstellerin ihren Verfahrenshilfeantrag zur Verfolgung von Amtshaftungsansprüchen erhebt, die sie aus Entscheidungen des Oberlandesgerichts Graz ableiten will, ist gemäß § 9 Abs 4 AHG ein Landesgericht außerhalb des Sprengels dieses Oberlandesgerichts als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200924_OGH0002_0010NC00026_20V0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00026.20V.0924.000
|
1Nc26/20v
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200924_OGH0002_0010NC00026_20V0000_000/JJT_20200924_OGH0002_0010NC00026_20V0000_000.html
| 1,600,905,600,000
| 344
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 33 Cg 25/20v anhängigen Rechtssache der klagenden Partei Mag. B***** F*****, vertreten durch Dr. Heinrich Oppitz, Rechtsanwalt in Wels, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur, Wien, Singerstraße 17–19, wegen 5.000 EUR sA und Feststellung, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der
Antrag auf Delegierung des Verfahrens wird abgewiesen.
Zur Verhandlung und Entscheidung über die Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Linz als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Die Klägerin begehrt mit ihrer beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien angebrachten Klage aus dem Titel der Amtshaftung Schadenersatz unter anderem wegen behaupteter Mobbinghandlungen auch des Präsidenten des Oberlandesgerichts Wien sowie unter anderem die Feststellung, dass ihr die Beklagte für jene Schäden ersatzpflichtig sei, die ihr wegen der Unzumutbarkeit der weiteren Tätigkeit als Richterin in Zukunft entstünden. Zugleich beantragte sie unter Berufung auf § 31 JN die Delegierung an ein Gericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien.
Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien legte die Klage mit dem Ersuchen um Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Rechtliche Beurteilung
1. Ein Antrag auf Delegierung – auch jener nach § 31 JN aus Gründen der Zweckmäßigkeit – kann nach ständiger Rechtsprechung nicht auf Ablehnungsgründe gestützt werden (RIS-Justiz RS0073042; RS0114309). Die Beurteilung einer Delegation nach §
31 Abs 1
JN hat sich auf die Frage der Zweckmäßigkeit aus den Gesichtspunkten der Verfahrensbeschleunigung, Kostenverringerung und Erleichterung des Gerichtszugangs für die Beteiligten sowie der Amtstätigkeit zu beschränken (RS0046333). Solche Gründe macht die Klägerin nicht geltend. Ihr Antrag ist daher abzuweisen.
2. Gemäß § 9 Abs 4 AHG ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Verfügung des Präsidenten eines Oberlandesgerichts abgeleitet wird (wozu auch Akte in Ausübung der Justizverwaltung gehören; Schragel, AHG3 Rz 255), der nach den Bestimmungen des Amtshaftungsgesetzes unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre. Da dieser Tatbestand einer notwendigen und der Parteiendisposition entzogener
Delegierung (vgl die Nachweise bei Schragel, aaO) im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20201030_OGH0002_0010NC00028_20P0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00028.20P.1030.000
|
1Nc28/20p
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201030_OGH0002_0010NC00028_20P0000_000/JJT_20201030_OGH0002_0010NC00028_20P0000_000.html
| 1,604,016,000,000
| 130
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der beim Landesgericht Klagenfurt zu AZ 84 Nc 3/20k anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers W*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Behandlung einer allfälligen Amtshaftungsklage wird das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller brachte beim Landesgericht Klagenfurt einen Antrag auf Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen (erkennbar) gegen die Republik Österreich (Bund) aufgrund von angeblichen Fehlentscheidungen des Oberlandesgerichts Graz und des Landesgerichts Klagenfurt ein.
Rechtliche Beurteilung
Da der Delegierungstatbestand des § 9 Abs 4 AHG, der auch ein der Klageführung vorangehendes Verfahrenshilfeverfahren erfasst (vgl RIS-Justiz RS0122241), im vorliegenden Fall erfüllt ist, ist ein Landesgericht außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Graz als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20201125_OGH0002_0010NC00029_20K0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00029.20K.1125.000
|
1Nc29/20k
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201125_OGH0002_0010NC00029_20K0000_000/JJT_20201125_OGH0002_0010NC00029_20K0000_000.html
| 1,606,262,400,000
| 187
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 31 Cg 30/20i anhängigen Rechtssache der klagenden Partei N*****, vertreten durch Dr. Thomas Romauch, Rechtsanwalt in Krumpendorf, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 90.000 EUR sowie wegen Feststellung (Streitwert 30.000 EUR) und Rechtsgestaltung (Streitwert 30.000 EUR) den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Verhandlung und Entscheidung der Rechtssache wird das Landesgericht Leoben als zuständig bestimmt.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Kläger erhebt Amtshaftungsansprüche, die er aus Entscheidungen des Handelsgerichts Wien und des Oberlandesgerichts Wien ableitet. Das von ihm angerufene Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung nach § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung ist ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre.
Da die Voraussetzungen für die Delegierung in diesem Fall vorliegen, ist die Rechtssache einem Gerichtshof außerhalb des Sprengels des Oberlandesgerichts Wien zu übertragen.
|
JJT_20201124_OGH0002_0010NC00030_20G0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00030.20G.1124.000
|
1Nc30/20g
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201124_OGH0002_0010NC00030_20G0000_000/JJT_20201124_OGH0002_0010NC00030_20G0000_000.html
| 1,606,176,000,000
| 194
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht Wels zu AZ 3 Nc 12/20w anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers N***** N*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Erledigung einer allenfalls anschließenden Amtshaftungsklage wird das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller begehrt die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen, die er aus Entscheidungen der Oberlandesgerichte Linz und Wien sowie mehreren Landesgerichten in diesen Sprengeln ableitet.
Rechtliche Beurteilung
Das angerufene Landesgericht Wels legte die Akten dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Gesetzesstelle ist unter anderem dann ein anderer Gerichtshof erster Instanz als zuständig zu bestimmen, wenn Amtshaftungsansprüche aus einer Entscheidung des zuständigen Landesgerichts oder des diesem im Rechtsmittelzug übergeordneten Oberlandesgerichts abgeleitet werden, wobei dies auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241).
Da der Antragsteller den Verfahrenshilfeantrag zur Verfolgung von Amtshaftungsansprüchen erhebt, die er insbesondere aus Entscheidungen der Oberlandesgerichte Linz und Wien ableiten will, ist gemäß § 9 Abs 4 AHG ein Landesgericht außerhalb der Sprengel dieser Oberlandesgerichte als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200108_OGH0002_0010NC00032_19Z0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00032.19Z.0108.000
|
1Nc32/19z
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200108_OGH0002_0010NC00032_19Z0000_000/JJT_20200108_OGH0002_0010NC00032_19Z0000_000.html
| 1,578,441,600,000
| 886
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie den Hofrat Mag. Dr. Wurdinger und die Hofrätin Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der beim Landesgericht Salzburg zu AZ 3 Nc 4/19i anhängigen Verfahrenshilfesache der Antragstellerin R*****, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Akten werden dem Oberlandesgericht Linz zurückgestellt.
Text
Begründung:
Die Antragstellerin begehrt beim Landesgericht Salzburg die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Einbringung einer Amtshaftungsklage gegen den Bund. Ihren Amtshaftungsanspruch leitet sie einerseits aus einem behaupteten Fehlverhalten eines Richters des Landesgerichts Salzburg ab, der sie in der Verhandlung herabwürdigend behandelt und den Schadenersatzprozess gegen ihren ehemaligen Zahnarzt „völlig willkürlich nach Leoben überwiesen“ habe. Andererseits behauptet sie diverse Fehler von Richtern des Landesgerichts Leoben im (dorthin überwiesenen) Prozess gegen ihren früheren Zahnarzt.
Das angerufene Landesgericht Salzburg legte die Akten dem Oberlandesgericht Linz zur Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG vor, weil die Antragstellerin ihre Amtshaftungsansprüche (auch) auf ein behauptetes Fehlverhalten eines Richters dieses Landesgerichts stütze. Das Oberlandesgericht Linz übermittelte daraufhin die Akten dem Obersten Gerichtshof zur Bestimmung eines Erstgerichts nach § 9 Abs 4 AHG unter Hinweis darauf, dass die Antragstellerin ihren Amtshaftungsanspruch aus in demselben Verfahren ergangenen Entscheidungen des Landesgerichts Salzburg (Überweisung an das Landesgericht Leoben) und des Landesgerichts Leoben im überwiesenen Verfahren ableite. Ausschließlich (örtlich) zuständig für den geltend zu machenden (einheitlichen) Schadenersatzanspruch wären gemäß § 9 Abs 1 AHG einerseits das Landesgericht Salzburg und andererseits das Landesgericht Leoben. Da die Voraussetzungen des § 9 Abs 4 AHG vorlägen, das Landesgericht Leoben aber nicht im Sprengel des Oberlandesgerichts Linz liege, komme als übergeordnetes Gericht im Sinn des § 9 Abs 4 AHG nur der Oberste Gerichtshof zur Bestimmung eines anderen Landesgerichts in Betracht.
Rechtliche Beurteilung
Die Voraussetzungen für eine Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG durch den Obersten Gerichtshof liegen nicht vor. Nach dieser Bestimmung ist unter anderem dann ein anderer Gerichtshof erster Instanz als zuständig zu bestimmen, wenn Amtshaftungsansprüche aus einer Entscheidung des nach den allgemeinen Zuständigkeitsnormen zuständigen Landesgerichts oder des diesem im Rechtsmittelzug übergeordneten Oberlandesgerichts abgeleitet werden, wobei dies auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241; Schragel, AHG3 Rz 255). Der Oberste Gerichtshof ist aber weder betreffend die behaupteten Fehlverhalten des Landesgerichts Salzburg noch des Landesgerichts Leoben „übergeordnetes“ Gericht.
Die Antragstellerin leitet ihren Schaden aus unterschiedlichen rechtserzeugenden Tatsachen ab, wobei nach ihrem bisherigen Vorbringen nicht klar ist, ob jeder dieser Klagegründe für sich einem allfälligen Urteilsbegehren insgesamt zum Erfolg verhelfen soll (vgl zur sogenannten kumulierten Klagenhäufung RS0037814) oder nicht. Unabhängig davon, ob ein (einheitlicher) Schaden geltend gemacht wird – wovon offenbar das Oberlandesgericht Linz ausgeht – oder getrennt zu behandelnde Schäden, besteht jedenfalls keine Zuständigkeit des Obersten Gerichtshofs zur Delegierung im Sinn des § 9 Abs 4 AHG:
1. Nach § 9 Abs 1 AHG ist für Amtshaftungsklagen jenes Landesgericht ausschließlich zuständig, in dessen Sprengel die Rechtsverletzung begangen bzw das schadenstiftende Fehlverhalten gesetzt wurde. Bezieht sich das behauptete schuldhafte Verhalten (eines Organs) auf mehrere Gerichtshofsprengel, ist jedes Landesgericht zuständig, in dessen Sprengel die Rechtsverletzung ebenfalls stattgefunden hat. Die Antragstellerin kann in diesem Fall nach § 102 JN wählen, vor welchen der mehreren zuständigen Gerichte sie klagen will (Schragel aaO Rz 247; Mader/Vollmaier in Schwimann/Kodek, ABGB4 VII AHG § 9 Rz 2, je mwN). Dieses Wahlrecht käme der Antragstellerin aber auch dann zu, wenn sie – wovon offenbar das Oberlandesgericht Linz ausgeht – einen (einheitlichen) Schaden geltend macht, den sie aus in verschiedenen Gerichtshofsprengeln begangenen Rechtsverletzungen mehrerer Organe (des Bundes) ableitet (1 Ob 105/13t). Wäre dies der Fall, wäre das Erstgericht für beide von der Antragstellerin verfolgten Ansprüche aus den Verfahren vor dem Landesgericht Salzburg und dem Landesgericht Leoben (sachlich und) örtlich zuständig und damit auch das für den Verfahrenshilfeantrag zuständige Prozessgericht im Sinn des § 65 Abs 2 ZPO. Beide Ansprüche würden sich auf das AHG stützen, sodass über keinen in einem besonderen Verfahren (einer besonderen Verfahrensart) zu verhandeln und zu entscheiden wäre. Auch wenn die Ausgeschlossenheit des Landesgerichts Salzburg (im Sinn des § 9 Abs 4 AHG) nur einen von mehreren der verfolgten Ansprüche betrifft, wirkt sich dies dennoch umfassend aus. Wäre das Landesgericht Salzburg für eine allfällige Klage – und damit auch für den vorliegenden Verfahrenshilfeantrag (§ 65 Abs 1 ZPO) – uneingeschränkt zuständig, bezöge sich auch eine etwaige Ausgeschlossenheit nach § 9 Abs 4 AHG auf sämtliche (kumulierte) Ansprüche. Ist für den Verfahrenshilfeantrag zwar das Landesgericht Salzburg das örtlich zuständige Prozessgericht (§ 9 Abs 1 AHG), zugleich aber gemäß § 9 Abs 4 AHG von der Behandlung der Sache ausgeschlossen, womit ein Fall der notwendigen, der Parteiendisposition entzogenen Delegierung nach dieser Bestimmung vorliegt, hat das übergeordnete Oberlandesgericht Linz die entsprechende Delegierung vorzunehmen.
2. Sollte kein einheitlicher Schaden vorliegen und die Klagsansprüche auch auf ein außerhalb des Sprengels des angerufenen Erstgerichts gesetztes Organverhalten gestützt werden (behauptetes Fehlverhalten von Richtern des Landesgerichts Leoben), würden insofern hingegen weder die Voraussetzungen für eine Delegierung nach § 9 Abs 4 AHG vorliegen (vgl RS0108886), noch – mangels örtlicher Zuständigkeit des Landesgerichts Salzburg – jene für eine objektive Klagenhäufung nach § 227 Abs 1 ZPO (vgl 1 Nc 24/19y). Ein an ein unzuständiges Gericht (§ 65 Abs 1 ZPO) gerichteter Verfahrenshilfeantrag wäre in sinngemäßer Anwendung des § 44 JN dem zuständigen Gericht zu übermitteln (RS0131152; 1 Nc 9/19t mwN). Sollte kein einheitlicher Schaden geltend gemacht werden, wäre die (weitere) behauptete Rechtsverletzung im Sprengel des Landesgerichts Leoben begangen worden, weshalb die Rechtssache insofern diesem als dem gemäß § 9 Abs 1 AHG zuständigen Gerichtshof erster Instanz vom Erstgericht zu überweisen wäre. Dieses hätte den Akt gegebenenfalls im Sinn des § 9 Abs 4 AHG dem Oberlandesgericht Graz vorzulegen.
3. Aus den dargelegten Gründen ist der Akt daher dem Oberlandesgericht Linz zurückzustellen.
|
JJT_20201203_OGH0002_0010NC00032_20A0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00032.20A.1203.000
|
1Nc32/20a
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201203_OGH0002_0010NC00032_20A0000_000/JJT_20201203_OGH0002_0010NC00032_20A0000_000.html
| 1,606,953,600,000
| 190
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer als weitere Richter in der beim Landesgericht Krems an der Donau zu AZ 27 Nc 12/20z anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers N*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Erledigung einer allenfalls anschließenden Amtshaftungsklage wird das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz als zuständig bestimmt.
Text
Begründung:
Der Antragsteller begehrt die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen, die er insbesondere aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableitet.
Das angerufene Landesgericht Krems legte die Akten dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Rechtliche Beurteilung
Nach dieser Gesetzesstelle ist unter anderem dann ein anderer Gerichtshof erster Instanz als zuständig zu bestimmen, wenn Amtshaftungsansprüche aus einer Entscheidung des zuständigen Landesgerichts oder des diesem im Rechtsmittelzug übergeordneten Oberlandesgerichts abgeleitet werden, wobei dies auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241).
Da der Antragsteller den Verfahrenshilfeantrag zur Verfolgung von Amtshaftungsansprüchen erhebt, die er insbesondere auch aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableiten will, ist gemäß § 9 Abs 4 AHG ein Landesgericht außerhalb des Sprengels dieses Oberlandesgerichts als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20201203_OGH0002_0010NC00033_20Y0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010NC00033.20Y.1203.000
|
1Nc33/20y
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201203_OGH0002_0010NC00033_20Y0000_000/JJT_20201203_OGH0002_0010NC00033_20Y0000_000.html
| 1,606,953,600,000
| 212
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte Mag. Wurzer und Mag. Dr. Wurdinger als weitere Richter in der beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien zu AZ 33 Nc 39/20v anhängigen Verfahrenshilfesache des Antragstellers DI Dr. S***** B*****, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Zur Entscheidung über den Verfahrenshilfeantrag sowie zur Behandlung einer allfälligen Amtshaftungsklage wird das Landesgericht Leoben als zuständig bestimmt.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Antragsteller beantragte beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien die Bewilligung der Verfahrenshilfe zur Erhebung von Amtshaftungsansprüchen, die er aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableitet. Zugleich nennt er die Namen der entscheidenden Richter, gegen die er eine „Amtshaftungsklage“ einbringen möchte.
Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien legte den Akt dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung gemäß § 9 Abs 4 AHG vor.
Nach dieser Bestimmung hat das übergeordnete Gericht ein anderes Gericht gleicher Gattung zur Verhandlung und Entscheidung zu bestimmen, wenn der Ersatzanspruch unter anderem aus der Entscheidung eines Gerichtshofs abgeleitet wird, der nach den Bestimmungen des AHG unmittelbar oder im Instanzenzug zuständig wäre, was auch für das dem eigentlichen Amtshaftungsprozess vorgelagerte Verfahrenshilfeverfahren gilt (RIS-Justiz RS0050123 [T1, T2, T3]; RS0122241; Schragel, AHG3 Rz 255).
Da der Antragsteller seinen Verfahrenshilfeantrag auf Amtshaftungsansprüche stützt, die er aus einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien ableitet, ist gemäß § 9 Abs 4 AHG ein Landesgericht außerhalb des Sprengels dieses Oberlandesgerichts als zuständig zu bestimmen.
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00004_20Z0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00004.20Z.0226.000
|
1Ob4/20z
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00004_20Z0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00004_20Z0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 1,660
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Z*****Aktiengesellschaft, *****, vertreten durch Dr. Dominik Schärmer, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei A*****, vertreten durch Mag. Thomas Hansa, Rechtsanwalt in Freistadt, wegen 6.896,55 EUR sA, über den Revisionsrekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Landesgerichts Linz als Rekursgericht vom 11. November 2019, GZ 14 R 228/19a-22, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Perg vom 20. August 2019, GZ 35 C 98/18t-17, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 626,52Â EUR (darin enthalten 104,42Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsrekursbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Versicherungsnehmerin der klagenden Partei war mit der Durchführung eines Schwertransports am 22. 5. 2017 beauftragt, der mit Bescheid des Landeshauptmanns für Oberösterreich vom 19. 5. 2017 bewilligt worden war. Dieser Bescheid enthielt unter anderem die Auflage, auf eigene Kosten für eine Transportbegleitung der Stufe 2 zu sorgen, sodass die Transportabsicherung durch ein vereidigtes Organ der Straßenaufsicht gemäß § 97 Abs 2 StVO mit einem entsprechend ausgerüsteten Begleitfahrzeug zu erfolgen hatte.
Der Beklagte betreibt die Transportbegleitung als Einzelunternehmer. Er ist zur Ausübung dieser Tätigkeit befugt und wurde von der oberösterreichischen Landesregierung als Straßenaufsichtsorgan vereidigt. Nach seinem Ausweis mit der Dienstnummer 217 ist er als Straßenaufsichtsorgan zu Transportbegleitungen der Stufen 2 und 3 gemäß § 97 StVO berechtigt. Im Rahmen der Transportbegleitungen ist er befugt
a) für die Benützung der Straßen [...] Anordnungen zu erteilen;
b)Â durch deutlich sichtbare Zeichen zum Anhalten aufzufordern;
c) in Fahrzeug- und Ladungspapiere Einsicht zu nehmen.
Die klagende Partei begehrt Schadenersatz. Wegen der Nichtbeachtung der zu geringen Durchfahrtshöhe einer Brücke seien die Transportgüter und der Transportkäfig beschädigt worden. Aufgrund des Umstands, dass ihre Versicherungsnehmerin die Gesamthöhe des Transportfahrzeugs im Verhältnis zur lichten Durchfahrtshöhe der Brücke nicht gemessen habe, rechne sie sich ein Mitverschulden im Ausmaß von 50 % an. Der Beklagte hafte aufgrund seiner gesetzlichen Verpflichtung und seiner Stellung als Organ der Straßenaufsicht nach § 97 Abs 2 StVO; er habe seine Pflicht zur Überwachung und Schadensabwehr verletzt. Aus der privatrechtlichen Vereinbarung zwischen ihrer Versicherungsnehmerin und dem Beklagten ergeben sich auch vertragliche Schutz- und Sorgfaltspflichten, nach welchen der Beklagte Sorge zu tragen gehabt hätte, dass Gefahren, Störungen und Schäden vermieden werden. Er wäre daher verpflichtet gewesen, die Durchfahrtshöhen der Brücken und Unterführungen zu kontrollieren.
Das Erstgericht hob das vor ihm durchgeführte Verfahren als nichtig auf und wies die Klage zurück.
Dem dagegen von der klagenden Partei erhobenen Rekurs gab das Gericht zweiter Instanz nicht Folge. Es bejahte in Übereinstimmung mit dem Erstgericht die Organstellung des Beklagten. Ordne der Bescheid über die Bewilligung des Schwertransports die Transportbegleitung durch ein „ermächtigtes Straßenaufsichtsorgan“ an, liege hoheitliches Handeln vor; auch aus rein faktischem Verhalten, das mit der Vollziehung hoheitlicher Aufgaben in einem unmittelbaren Zusammenhang stehe, seien allein Amtshaftungsansprüche abzuleiten, was auch nicht dadurch umgangen werden könne, dass der Kläger erklärt, seinen Ersatzanspruch nicht auf das AHG zu stützen, sondern aus dem allgemeinen bürgerlichen Recht abzuleiten. Ein zusätzlicher vertraglicher Anspruchsgrund, der nicht bereits vom Amtshaftungsanspruch konsumiert werde, liege nach dem Vorbringen der klagenden Partei nicht vor. Ob der Rechtswidrigkeitszusammenhang fehle, wie die klagende Partei behaupte, sei für die Frage nach der Zulässigkeit des Rechtswegs nicht zu prüfen.
Den Revisionsrekurs erklärte das Gericht zweiter Instanz für zulässig, weil die klagende Partei den Standpunkt vertrete, dass die jüngste Judikatur des Obersten Gerichtshofs zu § 9 Abs 5 AHG (insbesondere 1 Ob 15/11g und 1 Ob 204/16f) gegen allgemeine Rechtsgrundsätze verstoße. Zum anderen gebe es – so weit überblickbar – keine Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs dazu, inwieweit die Vermeidung von Schäden am Transportgut unter den Schutzzweck des Amtshaftungsgesetzes falle.
Rechtliche Beurteilung
Der von der beklagten Partei beantwortete Revisionsrekurs der klagenden Partei ist entgegen dem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden Ausspruch des Rekursgerichts (§ 526 Abs 2 ZPO) nicht zulässig.
1.1 In Abkehr von älterer Rechtsprechung (RIS-Justiz RS0115014) judiziert der Fachsenat seit der Entscheidung zu 1 Ob 176/08a, dass auch für Klagen gegen juristische Personen des Privatrechts, die für hoheitliches Handeln in Pflicht genommen oder beliehen wurden – ebenso wie für Klagen gegen physische Personen als Organe – der Rechtsweg gemäß § 9 Abs 5 AHG unzulässig ist (RS0124590).
1.2 Gegen diese Rechtsprechungsänderung wendet sich die klagende Partei mit dem vom Rekursgericht in seinem Zulassungsausspruch genannten Argument sowie dem Hinweis, dass der Geschädigte nach der aufgegebenen Rechtsprechungslinie das Wahlrecht gehabt habe, einen hoheitlichen Schädiger (unmittelbar) in Anspruch zu nehmen, wenn mit diesem eine vertragliche Beziehung bestanden habe.
1.3 Dabei übersieht die Revisionswerberin grundlegend, dass die seinerzeitige (aufgegebene) Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs auf der Annahme beruhte, als Organe iSd § 1 Abs 2 AHG kämen nur natürliche Personen in Betracht und der Anwendungsbereich des § 9 Abs 5 AHG sei auf diese beschränkt (vgl 1 Ob 204/16f). Daher wurde es als nicht ausgeschlossen erachtet, vertragliche Schadenersatzansprüche gegen den als juristische Person des Privatrechts organisierten beliehenen Unternehmer geltend zu machen, der „kein Organ eines Rechtsträgers iSd § 1 Abs 2 AHG ist“.
1.4 Die mit Bescheid des Landeshauptmanns von Oberösterreich angeordnete Transportbegleitung wurde aber nicht von einer juristischen Person des Privatrechts, sondern vom Beklagten als Einzelunternehmer erbracht. Die Frage, ob eine juristische Person des Zivilrechts als Organ im Sinn des § 9 Abs 5 AHG in Anspruch genommen wird, stellt sich im vorliegenden Fall daher gar nicht. Die von der klagenden Partei kritisierte Judikaturwende ist für die Frage nach der Organstellung des belangten Einzelunternehmers damit ohne jede Bedeutung, sodass sich ein Eingehen auf ihre Argumentation dazu schon aus diesem Grund erübrigt.
2.1 Entscheidend für das Vorliegen einer Tätigkeit im Sinne des § 1 Abs 1 AHG ist, dass eine Aufgabe ihrem Wesen nach hoheitlicher Natur ist. In einem solchen Fall sind auch alle mit ihrer Erfüllung verbundenen Verhaltensweisen als in Vollziehung der Gesetze erfolgt anzusehen, wenn sie nur einen hinreichend engen inneren und äußeren Zusammenhang mit der hoheitlichen Aufgabe aufweisen (RS0049948; RS0049897). Ein Organverhalten durch Unterlassung ist rechtswidrig, wenn und soweit eine Handlungspflicht bestand und pflichtgemäßes Handeln den Schaden verhindert hätte (RS0081378 [T3]). Mit der Bestellung zum Organ der Straßenaufsicht gemäß § 97 StVO werden dem Betroffenen hoheitliche Befugnisse übertragen, weil er unter den Voraussetzungen der Abs 4 und 5a leg cit Anordnungen und Aufforderungen betreffend die Benützung der Straße erteilen kann (VwGH Ra 2016/11/0177; Pürstl, StVO15.00 § 97 E 6/1). Der Fachsenat hat daher bereits wiederholt ausgesprochen, dass bei Durchführung einer Transportbegleitung hoheitlich gehandelt wird, wenn ein Schwertransport durch den Landeshauptmann bewilligt und dabei eine Transportbegleitung durch ein „ermächtigtes Straßenaufsichtsorgan“ angeordnet wird (RS0087678). Davon geht erkennbar auch die Revisionswerberin aus, wenn sie sinngemäß geltend macht, den Beklagten als Organ der Straßenaufsicht habe die Verpflichtung getroffen, die Durchfahrtshöhen von Brücken auf Autostraßen und Autobahnen zu prüfen, und dabei auf die „diesbezüglichen gesetzlichen und mit Bescheid aufgetragenen Verpflichtungen“ verweist. Der Sache nach behauptet sie damit, der Beklagte habe als Organ der Straßenaufsicht eine von Amts wegen zu treffende Maßnahme schuldhaft nicht gesetzt (vgl RS0081378 [T12]).
2.2 Liegt Hoheitshandeln vor, kommt eine Geltendmachung von Ansprüchen nach allgemeinen Bestimmungen des bürgerlichen Rechts im Allgemeinen nicht in Betracht (RS0022989). Dass der hoheitlichen Tätigkeit ein (wohl privatrechtlicher) Auftrag einer Person des Privatrechts vorangeht und für die Leistung ein Entgelt zu entrichten ist, schließt die Anwendung des AHG nicht aus (zur Transportbegleitung: 1 Ob 49, 54/95, vgl auch 1 Ob 147/08m; 1 Ob 15/11d mwN [Veröffentlichung iSd § 277 Abs 2 UGB]). Ganz grundsätzlich geht das auf Art 23 B-VG beruhende Amtshaftungsgesetz den schadenersatzrechtlichen Bestimmungen des bürgerlichen Rechts in seiner Gesamtheit vor (RS0082339). Darauf gestützte Ansprüche scheiden aus, es sei denn, es läge eine spezielle gesetzliche Haftungsbestimmung (vgl dazu 1 Ob 129/02f) oder eine Haftung aufgrund einer weitergehenden vertraglichen Verpflichtung vor (vgl dazu 1 Ob 176/08a). Die immunisierende Wirkung des § 9 Abs 5 AHG bezieht sich nämlich nicht auf neben der hoheitlichen Aufgabenerfüllung bestehende vertragliche Pflichten (vgl 1 Ob 224/10p).
2.3 Bei der Entscheidung über die Zulässigkeit des Rechtswegs kommt es in erster Linie auf die in der Klage enthaltenen Tatsachenbehauptungen an. Entscheidend bleibt stets die Natur des erhobenen Anspruchs, die sich maßgeblich nach dem geltend gemachten Rechtsgrund richtet (RS0045584 [T7; T20]; RS0045718). Bereits das Rekursgericht hat darauf hingewiesen, dass dem Vorbringen der klagenden Partei eine vertragliche Übernahme von Pflichten durch den Beklagten, die über die mit den zur Erfüllung der hoheitlichen Aufgaben verbundenen Verhaltensweisen hinausgehen, nicht zu entnehmen ist, was als Ergebnis einer im Einzelfall unbedenklichen Auslegung (vgl dazu RS0042828 [T6]) nicht zu beanstanden ist. Auch im festgestellten Sachverhalt findet sich dafür kein Anhaltspunkt. Danach erschöpfte sich der Kontakt zwischen der Versicherungsnehmerin der klagenden Partei und dem Beklagten in der Anfrage zur Durchführung der Transportbegleitung und der kommentarlosen Übermittlung des Bescheids vom 19. 5. 2017. Letztlich baut auch die Argumentation der klagenden Partei in ihrem Rechtsmittel darauf auf, dass der Beklagte zur Vornahme der aus ihrer Sicht gebotenen Handlungen aufgrund des Gesetzes verpflichtet gewesen wäre, und zielt damit ganz offensichtlich auf dessen Aufgaben als Organ der Straßenaufsicht im Sinn des § 97 StVO ab. Inwieweit dem Beklagten „bescheidmäßig Pflichten aufgetragen“ worden sein sollen, muss schon deshalb unklar bleiben, weil Adressat des Bewilligungsbescheids die Versicherungsnehmerin der klagenden Partei war, die sich nach dessen unstrittigen Inhalt (dazu RS0121557 [T3]) als Transportverantwortliche vor Antritt der Fahrt auch zu vergewissern hatte, ob die Transportroute für deren Durchführung auch tatsächlich geeignet ist; dass der Beklagte darin der Versicherungsnehmerin selbst auferlegte Pflichten – zusätzlich zu den ihn als „Transportbegleiter“ ohnedies treffenden – vertraglich übernommen hätte, macht die klagende Partei nicht geltend.
3. Vor diesem Hintergrund sind die Behauptungen der Revisionswerberin, der Beklagte hafte wegen einer Verletzung von nebenvertraglichen Schutz- und Sorgfaltspflichten nicht nachvollziehbar und können eine persönliche Haftung des Beklagten aus Vertrag nicht begründen. Für die aus seiner Tätigkeit als Organ der Straßenaufsicht abgeleiteten Ansprüche ist gemäß § 9 Abs 5 AHG der Rechtsweg unzulässig. Ohne Einfluss ist in diesem Zusammenhang, ob der behauptete Anspruch auch inhaltlich berechtigt ist (RS0045491). Überlegungen, wie sie die Klägerin zum Schutzzweck von Normen des KFG oder der StVO anstrengt, um darzulegen, dass ihr aus Amtshaftung kein Ersatz zustehe, und eine unmittelbare Inanspruchnahme des Beklagten zu begründen, können daher dahin stehen. Sie sind für die Frage nach der Zulässigkeit des Rechtswegs ohne Bedeutung und begründen damit auch keine erhebliche Rechtsfrage.
4. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 510 Abs 3 iVm § 528a ZPO).
5. Die Entscheidung über die Kosten des Revisionsrekursverfahrens beruht auf § 41 Abs 1 und § 50 Abs 1 ZPO. Der Beklagte hat auf die fehlende Zulässigkeit des Revisionsrekurses hingewiesen (RS0035979 [T16]).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00005_20X0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00005.20X.0226.000
|
1Ob5/20x
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00005_20X0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00005_20X0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 2,265
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr.
Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. U***** und 2. J*****, beide *****, Deutschland, vertreten durch die Salburg Rechtsanwalts GmbH, Wien, gegen die beklagten Parteien 1. A***** Bank AG (vormals M***** Bank AG), *****, vertreten durch die Natlacen Walderdorff Cancola Rechtsanwälte GmbH, Wien, und 2. A***** Ltd, *****, vertreten durch die DORDA Rechtsanwälte GmbH, Wien, wegen 7.713,14 EUR sA, über den Rekurs der klagenden Parteien gegen den Beschluss des Handelsgerichts Wien als Berufungsgericht vom 18. Oktober 2019, GZ 1 R 151/19f-29, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts für Handelssachen Wien vom 20. März 2019, GZ 10 C 314/16y-23, aufgehoben wurde, in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen und zu Recht erkannt:
Spruch
I. Die Bezeichnung der erstbeklagten Partei wird
berichtigt auf: „A***** Bank AG“.
II. Dem Rekurs wird Folge gegeben.
Der angefochtene Beschluss wird aufgehoben und das Urteil des Erstgerichts
wieder hergestellt.
Die erstbeklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien die mit 2.338,30Â EUR (darin enthalten 1.574,10Â EUR Barauslagen) bestimmten Kosten des Rekursverfahrens sowie die mit 1.012,90Â EUR bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe
und
Begründung:
Zu I:
Die Erstbeklagte hat ihre Firma geändert, ihre
Parteibezeichnung ist daher gemäß § 235 Abs 5 ZPO zu berichtigen (RS0039550).
Zu II:
Das Verfahren zwischen den Klägern und der Zweitbeklagten ruht. Verfahrensgegenstand schon des Ersturteils war allein das Begehren gegenüber der erstbeklagten Bank.
Die Kläger machen gegen diese einen Schadenersatzanspruch aus dem Erwerb von – von der Zweitbeklagten emittierten – Zertifikaten geltend. Sie stützen ihren Anspruch unter anderem darauf, dass sie durch eine von der Erstbeklagten herausgegebene Werbebroschüre, in der fälschlicherweise eine besondere Sicherheit der Zertifikate suggeriert worden sei, vorsätzlich in die Irre geführt und zur Veranlagung in diese Wertpapiere veranlasst worden seien. Sie begehren den Ersatz des Differenzschadens zwischen dem investierten Betrag (abzüglich ausgeschütteter Dividenden) und dem niedrigeren Verkaufserlös der mittlerweile verkauften Zertifikate. Der Ersatzanspruch sei nicht verjährt, weil sich die Kläger rechtzeitig vor Ablauf der Verjährungsfrist dem gegen die Erstbeklagte geführten Strafverfahren als Privatbeteiligte angeschlossen hätten, wodurch deren Ablauf gehemmt worden sei.
Die Erstbeklagte wandte ein, dass die Angaben im Werbeprospekt – insbesondere zu dem mit einer Investition in die Zertifikate verbundenen Risiko – aus damaliger Sicht zutreffend gewesen und die Kläger nicht getäuscht worden seien. Der Prospekt sei für den Veranlagungsentschluss der Kläger auch nicht ursächlich gewesen. Die Klageansprüche seien im Übrigen verjährt, weil der behauptete Privatbeteiligtenanschluss der Kläger nicht rechtswirksam erfolgt sei.
Das Erstgericht gab dem gegen die Erstbeklagte gerichteten Klagebegehren – mit Ausnahme eines Teils des Zinsenbegehrens – statt.
Es stellte unter anderem fest, dass Mitarbeiter der Erstbeklagten Werbebroschüren für die (dort als Aktien bezeichneten) Zertifikate erstellt haben, in denen diese als „sichere, breit gestreute Immobilienveranlagung
in Zeiten stark schwankender Aktienmärkte, hoher Steuern und niedriger Zinsen“ dargestellt wurden und der unrichtige Eindruck erweckt wurde, sie würden – aufgrund der Investition in Immobilien – nicht den Schwankungen des Aktienmarkts unterliegen und daher sicherer als „andere“ Aktien sein. Unter der Überschrift „Rendite“ wird dort ausgeführt, dass die Zweitbeklagte dabei „keine Kompromisse“ mache; die Renditen müssten […] hoch sein [...], auch in der Zukunft. Die Erstbeklagte (ihr Vorstandsmitglied) wusste jedoch, dass die Wertpapiere nicht sicherer als „andere“ Aktien waren und die Aussage, es handle sich um eine „sichere Anlage in Zeiten stark schwankender Aktienmärkte“ unrichtig war. Sie (ihr Vorstandsmitglied) hielt es ernstlich für möglich und fand sich damit ab, dass die Broschüren Anlegern zur Kenntnis gelangen, und nahm in Kauf, dass diesen dadurch ein falsches Bild vom tatsächlichen Risiko der Wertpapiere vermittelt wird, um sie zu einer Investition zu verleiten.
Die - auch für den Erstkläger handelnde - Zweitklägerin las sich die Werbebroschüre durch, in der ihrer Ansicht nach die Angabe ihres Anlageberaters, wonach es sich bei den Zertifikaten um eine sichere Veranlagung handle, bestätigt wurde. Sie wusste zwar, dass bei Aktien „der Kursverlauf nicht stetig stark steigen könne“, ging aber „aufgrund der propagierten Investition in Immobilien“ davon aus, dass die Investition zumindest werterhaltend sei. Wesentlich war für die Zweitklägerin die Sicherheit der Veranlagung und das Erzielen von Gewinnen. Die Broschüre vermittelte ihr den Eindruck, es handle sich um eine sichere Veranlagung. Die dort enthaltenen Informationen bestärkten sie in ihrer Investitionsentscheidung. Die Zertifikate waren als „sicherer Teil des Depots“ gedacht. Der Erstkläger wurde von der Zweitklägerin über den Inhalt der Werbebroschüre informiert, er war mit der Veranlagung in die Zertifikate (die er nicht als „normale“ Aktien ansah) einverstanden; aufgrund der Schilderung der Zweitklägerin stellte diese für ihn eine sichere Investition dar. Hätten die Kläger gewusst, dass ein Kapitalverlustrisiko besteht, hätten sie nicht in die Zertifikate investiert.
Zur Geltendmachung ihrer aus der Veranlagung in die Zertifikate abgeleiteten (Ersatz-)Ansprüche schlossen die Kläger eine
Prozessfinanzierungsvereinbarung ab. Die durch den - vom Prozessfinanzierer mit der Geltendmachung ihrer Schadenersatzansprüche beauftragten - Klagevertreter vertretenen Kläger schlossen sich mit Schriftsatz vom 21. 7. 2010 (bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eingelangt am 23. 7. 2010) dem unter anderem gegen die Erstbeklagte geführten Strafverfahren als Privatbeteiligte an. Diesem Schriftsatz war eine CD-ROM mit den jeweiligen Daten der Privatbeteiligten (auch der Kläger) angeschlossen.
In rechtlicher Hinsicht ging das Erstgericht davon aus, dass die Erstbeklagte nach dem anwendbaren deutschen Recht für eine vorsätzliche sittenwidrige Schädigung der Kläger hafte. Sie habe in Kauf genommen, dass Anleger aufgrund der ihr bekannten unrichtigen Informationen zum Risiko der Zertifikate in den Werbebroschüren Vermögensdisposition treffen und hafte daher für diesen dadurch verursachte Schäden. Die Kläger treffe kein Mitverschulden. Der Ersatzanspruch sei nicht verjährt, weil die laufende Verjährungsfrist aufgrund des wirksam erfolgten Privatbeteiligtenanschlusses der Kläger gehemmt worden sei.
Das Berufungsgericht hob dieses Urteil mit der Begründung auf, das Erstgericht habe ohne weitere Feststellungen unterstellt, dass „Immobilienaktien“ (und daher auch die vorliegenden Zertifikate) keine „sichere Anlage in Zeiten stark schwankender Aktienmärkte“ seien. Es nahm zur Frage, ob diese im Werbeprospekt enthaltene Aussage (im Zeitpunkt ihrer Erteilung) unrichtig war, einerseits einen sekundären Feststellungsmangel an, ging andererseits aber auch davon aus, dass diese Aussage nicht unrichtig gewesen sei und führte dazu unter anderem ins Treffen, der Klagevertreter habe in einem „Parallelverfahren“ selbst den Standpunkt vertreten, dass es innerhalb einzelner „Wertpapierklassen“ unterschiedliche – von der jeweiligen „Substanz“ des Unternehmens abhängige – Risikoklassen (beispielsweise Immobilienaktien und Aktien von Technologieunternehmen) gebe. Die Kläger hätten die im Prospekt enthaltenen Aussagen zur Sicherheit der Zertifikate „in diesem Sinn“ verstanden; ihre Annahme, „die bei der Zweitbeklagten vorhandenen Immobilien sowie die Vermietung an renommierte Firmen würden das Risiko der Aktie [der Zertifikate] herabsetzen“, sei zutreffend gewesen. Für einen Schadenersatzanspruch fehle es an der „Ursächlichkeit unrichtiger Prospektangaben“ für die Veranlagungsentscheidung. Das Erstgericht habe sich auch nicht mit dem Vorbringen der Erstbeklagten befasst, wonach die Werbebroschüren von einem Rechtsanwalt überprüft und von diesem als unbedenklich eingestuft worden seien. Zur subjektiven Seite des Haftungstatbestands seien daher keine Feststellungen getroffen worden, weshalb das Ersturteil auch aus diesem Grund aufzuheben sei.
Der Rekurs sei zulässig, „weil die vom Berufungsgericht vertretene Rechtsansicht zur Beweisbedürftigkeit der Werbeaussagen zur Sicherheit der Aktie von der oberstgerichtlichen Rechtsprechung nicht geteilt wird.“
Der
Rekurs der Kläger ist zulässig und berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
1. Vorauszuschicken ist, dass die Vorinstanzen aufgrund des unstrittig anzuwendenden deutschen Rechts zutreffend davon ausgingen, dass eine Haftung nach § 826 BGB für vorsätzliche sittenwidrige Schädigung zu prüfen ist. Der Oberste Gerichtshof bejahte zu 4 Ob 112/15x (vgl auch 3 Ob 42/18z; 7 Ob 37/18v) eine solche Haftung der (hier Erst-)Beklagten für die ihr zuzurechnenden bewusst unrichtigen Angaben im Verkaufsprospekt für die Zertifikate.
2. Dass nicht festgestellt worden sei, dass die Werbebroschüren unrichtige, unvollständige oder irreführende Angaben zur Sicherheit des Investments enthielten, trifft entgegen der Rechtsansicht des Berufungsgerichts nicht zu, hielt das Erstgericht doch fest, dass in den Werbebroschüren der unrichtige Eindruck erweckt wurde, die „Aktien“ (Zertifikate) unterlägen nicht den Schwankungen des Aktienmarkts und seien daher sicherer als „andere“ Aktien; zudem wurde auch für die Zukunft eine hohe Rendite angekündigt. Es wurde auch festgestellt, dass ein Vorstandsmitglied der Erstbeklagten wusste, dass die Zertifikate nicht sicherer waren als „andere“ Aktien und die Aussage, diese seien „eine sichere Anlage in Zeiten stark schwankender Aktienmärkte“ nicht richtig war. Damit widerspricht die Ansicht des Berufungsgerichts, die Aussagen zur Sicherheit der Zertifikate im Werbeprospekt seien im Zeitpunkt der Veranlagung durch die Kläger richtig gewesen, dem festgestellten Sachverhalt. Der Oberste Gerichtshof ging bereits in zahlreichen („Parallel“-)Verfahren von der Unrichtigkeit der Werbeaussagen zur angeblichen Sicherheit der Zertifikate bzw von einer Verharmlosung („Beschönigung“) des tatsächlich bestehenden Risikos aus (vgl etwa 8 Ob 98/15t; 4 Ob 112/15x; zur Irrtumsanfechtung etwa 4 Ob 65/10b; 8 Ob 25/10z; 3 Ob 65/13z). Daraus, dass der Klagevertreter in einem anderen Verfahren – und offenbar als Bevollmächtigter einer anderen Partei – den Standpunkt vertreten habe, dass „Immobilienaktien“ sicherer seien als andere Aktien, kann für das vorliegende Verfahren nichts gewonnen werden.
3. Davon, dass – auch für die hier nach deutschem Recht zu beurteilende Haftung nach § 826 BGB erforderliche (vgl BGH VI ZR 288/12) – Feststellungen zur „konkreten Ursächlichkeit“ unrichtiger Prospektangaben für den Veranlagungsentschluss der Kläger fehlten, kann keine Rede sein, stellte das Erstgericht doch fest, dass die Zweitklägerin (auch) aufgrund des Prospekts zur Einschätzung gelangte, dass bei einer Veranlagung in die Zertifikate mit keinem Verlust zu rechnen sei, dass sie daraus den Eindruck einer sicheren Veranlagung gewann, was sie in ihrer Veranlagungsentscheidung bestärkte, und dass sie nicht in die Zertifikate investiert hätte, hätte sie vom tatsächlich bestehenden Verlustrisiko gewusst. Insgesamt ergibt sich daraus eine „konkrete“ (zumindest Mit-)Ursächlichkeit der unrichtigen Angaben des Werbeprospekts zur angeblichen Sicherheit der Zertifikate für den Veranlagungsentschluss der Kläger.
4. Dass sich das Erstgericht mit dem Vorbringen der Erstbeklagten, wonach die Werbebroschüren (bevor sie Anlegern zur Verfügung gestellt wurden) durch einen Rechtsanwalt geprüft und von diesem als unbedenklich beurteilt worden seien, nicht auseinandergesetzt und dazu keine Feststellungen getroffen hat, begründet keinen Feststellungsmangel, weil bereits der (festgestellte) Umstand, dass die Erstbeklagte (ihr Vorstandsmitglied) wusste, dass die Zertifikate - entgegen den Angaben in der Werbebroschüre - nicht sicherer als „andere“ Aktien waren, wobei in Kauf genommen wurde, dass Kunden aufgrund dieses falschen Bilds von der Sicherheit des Produkts zu einer Investition verleitet werden, eine Haftung nach § 826 BGB begründet (vgl wieder 4 Ob 112/15x). An dem sich aus diesen Feststellungen ergebenden „Täuschungswillen“ der Erstbeklagten vermag auch eine (behauptete) Prüfung des Prospekts durch einen Rechtsanwalt und dessen Einschätzung als „rechtlich unbedenklich“ nichts zu ändern, zumal gar nicht behauptet wurde, dass auch eine inhaltliche (wirtschaftliche) Prüfung stattgefunden habe.
5.1. Die Frage der Verjährung richtet sich aufgrund des unstrittig anzuwendenden deutschen Sachrechts nach § 195 BGB iVm § 199 BGB. Wie der Oberste Gerichtshof bereits zu gleichgelagerten Fällen ausgesprochen hat, ist für die (hier: Erst-)Beklagte aus §
37a dWpHG (aF), wonach der Anspruch des Kunden gegen ein Wertpapierdienstleistungsunternehmen auf Schadenersatz wegen Verletzung der Pflicht zur Information und wegen fehlerhafter Beratung im Zusammenhang mit einer Wertpapier(neben)dienstleistung (bereits) in drei Jahren ab Entstehung des Anspruchs verjährt, schon deshalb nichts zu gewinnen, weil der Ersatzanspruch der Kläger nicht aus einem Verstoß der Erstbeklagten gegen das dWpHG abzuleiten ist, sondern aus § 826 BGB (vgl 3 Ob 42/18z; 7 Ob 37/18v).
5.2. Die dreijährige Verjährungsfrist des § 195 BGB beginnt gemäß § 199 Abs 1 BGB mit Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Gläubiger von den den Anspruch begründenden Umständen und der Person des Schuldners Kenntnis erlangt oder ohne grobe Fahrlässigkeit erlangen müsste. Da die Kläger vor Ende Juli 2007 keine Kenntnis vom tatsächlichen Risiko der Veranlagung hatten bzw haben mussten, begann die Verjährungsfrist erst Ende 2007 zu laufen.
5.3. Die Verjährungsfrist wird gemäß § 204 Abs 1 Z 1 BGB durch Erhebung der Klage gehemmt. Die Stellung eines Adhäsionsantrags nach § 404 dStPO hat dieselben Wirkungen wie die Erhebung der Klage im bürgerlichen Rechtsstreit (§ 404 Abs 2 dStPO). Dass ein Privatbeteiligtenanschluss nach österreichischem Recht dem Adhäsionsantrag grundsätzlich funktionell gleichwertig ist, hat der Oberste Gerichtshof bereits klargestellt (3 Ob 42/18z; 7 Ob 37/18v). Dass der vorliegende Privatbeteiligtenanschluss (auch der Kläger) vom 23. 7. 2010 ausreichend individualisiert war und den Formerfordernissen der StPO entsprach, entspricht ebenfalls seiner Rechtsprechung (vgl 3 Ob 42/18z mwN). Im Übrigen ist auf die Entscheidung 3 Ob 224/17p zu verweisen (vgl auch 7 Ob 52/18z; 4 Ob 45/18y; 1 Ob 32718i ua). Dass der Gesetzgeber für die verjährungsunterbrechende Geltendmachung privatrechtlicher Ansprüche durch den Privatbeteiligtenanschluss dessen Zustellung an den Schädiger gerade nicht vorsieht und es daher für die Verjährung auf eine Zustellung auch nicht ankommen kann, sprach der Oberste Gerichtshof im Zusammenhang mit der hier zu beurteilenden Anschlusserklärung wiederholt aus (1 Ob 32/18i; 1 Ob 36/18b; 1 Ob 28/18a), wobei dies aufgrund des klaren Wortlauts des § 404 Abs 2 zweiter Satz dStPO – auch für das deutsche Recht angenommen wurde. Der Privatbeteiligtenanschluss der Kläger unterbrach sohin - wovon der Oberste Gerichtshof auch in den Entscheidungen 7 Ob 37/18v und 3 Ob 42/18z ausging - die bei dessen Einbringung am 23. 7. 2010 laufende Verjährungsfrist gemäß § 204 Abs 1 Z 1 BGB. Der Klagevertreter wurde vom Prozessfinanzierer mit der Verfolgung der Ansprüche der Kläger (also auch mit dem Privatbeteiligtenanschluss) beauftragt; Anhaltspunkte dafür, dass diese Beauftragung nicht der von den Klägern dem Prozessfinanzierer erteilten Vollmacht entsprochen hätte, zeigt die Erstbeklagte nicht auf (vgl auch 3 Ob 11/18s; 3 Ob 42/18z ua).
6. Da die vom Berufungsgericht verfügten Verfahrensergänzungen nicht erforderlich sind und über die Ansprüche der Kläger (soweit diese nicht ohnehin - hinsichtlich eines Teils des Zinsenbegehrens - rechtskräftig abgewiesen wurden) bereits endgültig entschieden werden kann (der Mitverschuldenseinwand wurde bereits in zweiter Instanz nicht mehr aufrecht erhalten), ist deren Rekurs Folge zu geben, der angefochtene Beschluss aufzuheben und in der Sache selbst im Sinn der Wiederherstellung des klagestattgebenden Urteils des Erstgerichts (die Höhe des Klagezuspruchs wurde von der Erstbeklagten nicht bekämpft) zu erkennen.
7. Die Entscheidung über die Kosten des Rekurs- sowie des Berufungsverfahrens beruht auf den §§ 41 Abs 1 und 50 Abs 1 ZPO. Leistungen eines österreichischen Rechtsanwalts für einen ausländischen Klienten, der nicht Unternehmer ist, unterliegen nach § 3a Abs 14 Z 4 UStG 1994 nicht der österreichischen Umsatzsteuer. Sie gelten als am Wohnsitz des Empfängers erbracht (Empfängerlandprinzip) und unterliegen daher jener Umsatzsteuer, die dort, wo der Empfänger wohnt, zu entrichten ist (RS0114955). Ob und allenfalls in welcher Höhe die Kläger (oder ihr inländischer Vertreter selbst) für die erbrachten anwaltlichen Leistungen in Deutschland Umsatzsteuer abzuführen haben, bedarf keiner näheren Prüfung, weil mit der kommentarlosen Verzeichnung von 20 % USt durch die Kläger nur die inländische USt angesprochen worden ist. Dass für die angesprochenen Leistungen in Deutschland eine Umsatzsteuerpflicht besteht, wäre dem Grunde und der Höhe nach zu behaupten und zu bescheinigen gewesen (§ 54 Abs 1 ZPO). Den Klägern ist der Ersatz ihrer Vertretungskosten daher ohne Umsatzsteuer zuzusprechen (vgl etwa 4 Ob 112/15x mwN). Der ERV-Zuschlag für den Rekurs und die Berufungsbeantwortung beträgt gemäß §
23a RATG 2,10Â EUR.
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00011_20D0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00011.20D.0226.000
|
1Ob11/20d
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00011_20D0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00011_20D0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 794
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr.
Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei K*****, vertreten durch Mag. Nikolaus Rast, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 149.913,86 EUR sA und Feststellung, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Linz als Berufungsgericht vom 28. November 2019, GZ 4 R 125/19h-50, mit dem das Urteil des Landesgerichts Linz vom 2. August 2019, GZ 31 Cg 37/18d-45, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Der Kläger begehrt wegen seiner angeblich rechtswidrig erfolgten Strafverfolgung und der in deren Zug erlittenen Haft in der Dauer von zwei Tagen Ersatz in Höhe von 149.913,83 EUR sA nach dem AHG und dem StEG sowie die Feststellung der Haftung des Bundes.
Das Erstgericht wies das Klagebegehren ab. Es beurteilte seine auf das AHG gestützten Ansprüche als verjährt; jene (über das Anerkenntnis des Bundes hinausgehenden) nach dem StEG hielt es für nicht berechtigt.
Das Berufungsgericht bestätigte dieses Urteil.
In seiner dagegen erhobenen außerordentlichen Revision zeigt der Kläger keine erhebliche Rechtsfrage auf:
Rechtliche Beurteilung
1. Er macht zwar den Revisionsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung geltend, benennt in seinen Ausführungen aber keine konkrete erhebliche Rechtsfrage.
2.1. Nach dem festgestellten Sachverhalt – an den der Oberste Gerichtshof als reine Rechtsinstanz gebunden ist – befindet sich der Kläger seit vielen Jahre in psychotherapeutischer Behandlung und nahm schon vor einer (aufgrund einer im Jahr 2006 erfolgten Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten durch ein Amtsgericht) in Deutschland verbüßten Haft psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Durch seine Anhaltung von 6. bis 7. 9. 2012 wurde weder eine psychische noch eine körperliche Erkrankung verursacht. Die Haft hatte vielmehr keine Auswirkungen auf seinen Gesundheitszustand und es konnte ausgeschlossen werden, dass in Zukunft dadurch ein posttraumatisches Belastungssyndrom ausgelöst (werden) wird.
Ausgehend davon scheitert sein als Angriff auf die Beweiswürdigung durch die Vorinstanzen aufzufassender pauschaler Verweis darauf, dass er „bereits in der Klage zahlreiche Unterlagen in Vorlage“ gebracht habe, die „seine Schäden sowohl in finanzieller Hinsicht, als auch betreffend Ersatz für die ihm entstandenen psychischen Schäden belegen“, schon daran, dass der Oberste Gerichtshof nicht Tatsacheninstanz ist und die Richtigkeit der Feststellungen von ihm nicht überprüft werden kann (vgl RS0042903 [T5, T7, T8, T10]).
2.2. Den in der Berufung nicht erhobenen Vorwurf, er habe doch die Bestellung eines anderen Gutachters beantragt, kann er in der Revision nicht mehr nachtragen (vgl nur RS0042963 [T30]). Mit Rechtsrüge wären von den Tatsacheninstanzen zugrunde gelegte Ergebnisse eines Sachverständigengutachtens aber nur bekämpfbar, wenn den Vorinstanzen dabei ein Verstoß gegen zwingende Denkgesetze, (sonstige) Erfahrungssätze oder zwingende Gesetze des sprachlichen Ausdrucks unterlaufen wäre (RS0043404 [T4]). Einen solchen Fehler – und vor allem auch dessen Relevanz für das Verfahrensergebnis – zeigt er nicht auf.
2.3. Bedenken gegen die Beurteilung der Vorinstanzen, dass (über das Anerkenntnis des Bundes hinausgehende) Ansprüche nach dem StEG nicht berechtigt sind, kann er insgesamt nicht erwecken.
3. Auch zu den von ihm nach dem AHG geltend gemachten Ersatzansprüchen bedarf es keiner Befassung des Höchstgerichts:
3.1. Amtshaftungsansprüche verjähren gemäß § 6 Abs 1 Satz 1 AHG in drei Jahren nach Ablauf des Tages, an dem der Schaden dem Geschädigten bekannt geworden ist, keinesfalls aber vor einem Jahr nach Rechtskraft einer rechtsverletzenden Entscheidung oder Verfügung. Der zweite Halbsatz dieser Regelung sieht ähnlich § 1494 ABGB eine Ablaufhemmung vor (RS0114221 [T1]).
Der Kläger wendet sich gegen die von den Vorinstanzen angenommene Verjährung seiner auf das AHG gestützten Ansprüche erneut mit der – schon vom Berufungsgericht verworfenen – Argumentation, dass „aufgrund der Klagseinbringung im September 2017 die mit Schreiben vom 12. 10. 2016 abgelehnten Ansprüchen des Klägers durch die beklagte Partei die Jahresfrist noch nicht abgelaufen war“. Nur im Zusammenhang mit den Ausführungen in seiner Berufung wird verständlich, dass er damit wohl meint, bei der zuvor erwähnten, in § 6 Abs 1 Satz 1 AHG genannten „rechtsverletzenden Entscheidung oder Verfügung“ könne es sich im vorliegenden Fall nur um die schriftliche Ablehnung der mit seinem Aufforderungsschreiben geltend gemachten „weiterreichenden“ (im Sinne von über die anerkannten hinausgehenden) Ansprüche handeln. Dadurch, dass ein Rechtsträger einem Ersatzwerber – aufgrund einer Aufforderung des Geschädigten nach § 8 AHG, den Ersatz (für einen denknotwendig bereits zuvor entstandenen [Primär-]Schaden und die damit verbundenen vorhersehbaren Folgeschäden) anzuerkennen oder ganz oder zum Teil abzulehnen – die Erklärung zukommen lässt, dass er den Ersatz (teilweise) ablehnt, kann dieser (angebliche) Schaden nicht verursacht werden. Vielmehr wird (nur) sein Bestehen als berechtigt und ein Ausgleich (eine Ersatzleistung dafür) abgelehnt. Abgesehen davon, dass also die Auffassung des Klägers evident unrichtig ist, nennt er auch kein einziges zum Begriff der „rechtsverletzenden Entscheidung oder Verfügung“ ergangenes Judikat (des Höchstgerichts) und setzt sich mit der Rechtsprechung dazu (vgl etwa 1 Ob 55/04a; 1 Ob 23/12g; 1 Ob 32/15k) in keiner Weise auseinander.
Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00012_20A0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00012.20A.0226.000
|
1Ob12/20a
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00012_20A0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00012_20A0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 866
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei M*****, vertreten durch Dr. Markus Fink, Rechtsanwalt in Bezau, gegen die beklagte Partei M*****, vertreten durch die Bechtold und Wichtl Rechtsanwälte GmbH, Dornbirn, wegen Unterlassung, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Feldkirch als Berufungsgericht vom 15. Oktober 2019, GZ 2 R 218/19b-13, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Bezau vom 30. Juni 2019, GZ 5 C 277/18a-9, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die beklagte Partei hat die Kosten ihrer Revisionsbeantwortung selbst zu tragen.
Text
Begründung:
Der Beklagten wurde im März 2014 im Verfahren 2 Nc 12/12a des Erstgerichts zugunsten ihrer Grundstücke ein Notwegerecht über ein Grundstück der Klägerin eingeräumt, und zwar „im Sinne eines Fahrrechts … zum Zwecke der Nutzung als Ferienwohnung“.
Die Klägerin behauptete, die Beklagte nutze das Gebäude nun zu gewerblichen Zwecken und nicht mehr als Ferienwohnung, somit werde der Weg über das eingeräumte Notwegerecht hinaus befahren.
Tatsächlich nutzt die Beklagte aber ihre Grundstücke (und die Hütte) unverändert in der gleichen Weise und auch im gleichen Umfang, wie dies schon anlässlich der Einräumung des Notwegs zugrunde gelegt worden war, nämlich durch eine Vermietung an Feriengäste. Allerdings verfügt sie nun (und zwar schon seit 2. 12. 2014) über eine Gewerbeberechtigung für die Beherbergung von Gästen, wenn nicht mehr als zehn Fremdenbetten bereitgestellt werden, und Verabreichung des Frühstücks und von kleinen Imbissen und Ausschank von nichtalkoholischen Getränken und von Bier in handelsüblichen verschlossenen Gefäßen sowie von gebrannten geistigen Getränken als Beigabe zu diesen Getränken an die Gäste.
Die Vorinstanzen wiesen das Unterlassungsbegehren übereinstimmend ab.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist – entgegen dem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden Ausspruch des Berufungsgerichts – nicht zulässig. Die Klägerin zeigt darin nämlich keine erhebliche Rechtsfrage auf, was nur einer kurzen Begründung bedarf (§ 510 Abs 3 ZPO):
1. Ein Unterlassungsanspruch setzt eine Unterlassungspflicht und die Gefahr, dass dieser zuwider gehandelt wird, voraus (RIS-Justiz RS0037660 [T7]). Für seine erfolgreiche Geltendmachung müsste eine schon erfolgte Störung (hier durch Überschreitung des Notwegerechts) oder doch zumindest die Gefahr künftiger Störungen feststehen, denen mit vorbeugender Unterlassungsklage begegnet werden kann (RS0114254 [T2, T7]).
2. Das Recht des Notwegs ist nach ständiger Rechtsprechung als eine Legalservitut konstruiert, die durch Richterspruch rechtliche Wirksamkeit erlangt (6 Ob 144/10k mwN). Hält sich die Nutzung des Wegs durch die Beklagte innerhalb der ihr durch das Notwegerecht eingeräumten Servitut, liegt eine Störung nicht vor.
Die Klägerin meint, es sei dafür nicht bloß auf die faktische Nutzung abzustellen, sondern auf die öffentlich-rechtliche Widmung. Dabei übersieht sie, dass die von ihr dazu zitierte Rechtsprechung Verfahren betraf, in denen es (erst) um die Einräumung eines Notwegs ging. Es mag daher zutreffen, dass anlässlich der Einräumung eines Notwegs (für die Beurteilung des Bedarfs danach), nicht nur die aktuelle faktische Nutzung, sondern auch noch eine [zulässige] künftige Nutzung entsprechend der öffentlich-rechtlichen Widmung zu berücksichtigen ist (vgl RS0070989; RS0070979; insbesondere auch die anlässlich der Einräumung dieses Notwegs ergangene Entscheidung 8 Ob 91/14m). Ist die Servitut aber bereits geschaffen, kommt es nicht (mehr) darauf an, ob (aufgrund der Erteilung einer Gewerbeberechtigung) eine über die bisherige Nutzung hinausgehende Bewirtschaftung der erschlossenen Liegenschaft nach öffentlich-rechtlichen Vorschriften zulässig wäre. Zu vergleichen ist vielmehr (nur mehr) die aktuelle faktische Nutzung des Wegs mit dem Umfang des schon eingeräumten Notwegerechts.
3. Die folglich hier wesentliche und von den Umständen des Einzelfalls geprägte (s RS0118891 [T3, T6]) Frage der Reichweite der mit Beschluss vom 31. 3. 2014 konkretisierten Servitut ist aufgrund des Wortlauts des Spruchs und der Gründe der in diesem Verfahren ergangenen Entscheidung(en) in Verbindung mit dem dadurch angewandten Gesetz zu lösen (vgl 1 Ob 74/19t mwN). Bereits anlässlich der Einräumung des Notwegs geklärte Fragen (etwa zur öffentlich-rechtlichen Widmung der Grundstücke oder zu einem behaupteten „Einfrieren“ der zulässigen Nutzung auf die Verhältnisse, wie sie im Jahr 1993 bestanden haben), können von der Klägerin im Unterlassungsprozess nicht (erneut) aufgegriffen werden. Zur Widmung der Grundstücke wurde ihr bereits damals vom Obersten Gerichtshof erläutert, dass es sich bei dieser (tatsächlich auch heute noch unverändert beibehaltenen) Nutzung um eine öffentlich-rechtlich zulässige Bewirtschaftungsart der Hütte handelt (Punkt 4.3 in 8 Ob 91/14m) und dass die Bewilligung zur Nutzung als Ferienwohnung auch die Überlassung an Dritte zu Ferienzwecken umfasst (Punkt 4.4 in 8 Ob 91/14m).
4. Die Schlussfolgerung, der Betrieb der Ferienwohnung habe, (nur) weil er nun im Wege einer gewerblichen Beherbergung von Gästen erfolgen soll und deswegen als neue Bewirtschaftungsart zu qualifizieren sei, zu einer erhöhten Belastung des dienenden Guts geführt, kann die Klägerin angesichts der Feststellungen zur faktisch unverändert gebliebenen Nutzung nicht erklären. Nur eine das dienende Gut erheblich erschwerende (tatsächliche) Mehrbelastung könnte eine unzulässige Erweiterung der Dienstbarkeit sein (vgl RS0016370). Wenn der Notweg gerade für diese (tatsächlich nach wie vor unveränderte) Nutzung der Hütte eingeräumt worden ist, bleibt unerfindlich, warum durch den bloßen Umstand, dass die Beklagte seit Dezember 2014 über eine Gewerbeberechtigung verfügt, eine Überschreitung der Servitut bewirkt worden sein sollte.
5. Die Beurteilung durch die Vorinstanzen, dass eine Störung weder erfolgte, noch zu befürchten ist (zumal durch einen geplanten Umbau des bestehenden Gebäudes die Bettenanzahl von 10 auf 8 verkleinert werden soll), begegnet damit keinen Bedenken.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 40 ZPO iVm § 50 Abs 1 ZPO. Die Beklagte hat auf die mangelnde Zulässigkeit der Revision nicht hingewiesen, sodass ihre Revisionsbeantwortung nicht als zweckentsprechende Rechtsverteidigungsmaßnahme angesehen werden kann (RS0035962; RS0035979).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00013_20Y0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00013.20Y.0226.000
|
1Ob13/20y
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00013_20Y0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00013_20Y0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 1,232
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der außerstreitigen Rechtssache der Antragsteller 1. Dr. A*****, und 2. Dr. F*****, beide vertreten durch die Mörth Ecker Filzmaier Rechtsanwaltspartnerschaft, Graz, gegen die Antragsgegner 1. W***** und 2. M*****, beide *****, vertreten durch Mag. Heinz Bauer, Rechtsanwalt in Graz, wegen Benützungsregelung, über den Revisionsrekurs der Antragsgegner gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz als Rekursgericht vom 21. November 2019, GZ 3 R 149/19g-31, mit dem der Teilbeschluss des Bezirksgerichts Graz-Ost vom 4. April 2019, GZ 255 Nc 21/18y-25, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Die Antragsgegner haben den Antragstellern deren mit 289,78Â EUR (darin 48,30Â EUR USt) bestimmte Kosten des Revisionsrekursverfahrens binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Antragsteller begehren – mangels vertraglicher Einigung – unter anderem die Erlassung einer gerichtlichen Regelung, wonach gewisse Betriebs-, Erhaltungs- und „Reinvestitionskosten“ einer auf Liegenschaften beider Streitteile errichteten gemeinsamen (Pflanzen-)Kläranlage von diesen im Verhältnis 2:1 zu Lasten der Antragsgegner zu tragen seien. Die Parteien hätten – nachdem zunächst nur jeweils ein Haus pro Streitpartei angeschlossen werden hätte sollen – vereinbart, dass die Antragsteller ein Einfamilienhaus, die Antragsgegner hingegen zwei Einfamilienhäuser an die Anlage anschließen können, was auch tatsächlich erfolgt und wodurch die auf insgesamt drei Häuser ausgelegte Kapazität der Kläranlage ausgeschöpft worden sei. Da die Anlage sohin nur zu einem Drittel von den Antragstellern und zu zwei Dritteln von den Antragsgegner genutzt werde, seien auch die damit verbundenen Kosten in diesem Verhältnis zu tragen. Auf die von den Parteien zur Errichtung der Kläranlage (jeweils zu gleichen Teilen) zur Verfügung gestellte Grundfläche komme es für die Kostenaufteilung ebensowenig an, wie darauf, ob die daran angeschlossenen Häuser bewohnt werden und wie viele Personen darin wohnen oder dort gemeldet sind.
Die Antragsgegner wandten ein, dass für die Dimensionierung der Kläranlage primär die Anzahl der diese nutzenden Bewohner der an die Anlage angeschlossenen Häuser maßgeblich gewesen sei. Da die gemeinschaftlichen Nutzungen ebenso wie die Lasten nach dem Verhältnis der Anteile zu bemessen seien und im Zweifel jeder Anteil gleich groß sei, seien sowohl die Errichtungskosten als auch die laufenden Betriebskosten im Verhältnis eins zu eins zu teilen. Dieses Aufteilungsverhältnis ergebe sich auch daraus, dass an die Kläranlage derzeit nur zwei Häuser (je eines pro Streitpartei) angeschlossen seien, wobei in jedem der beiden angeschlossenen Häuser zwei Personen wohnten.
Das Erstgericht erachtete den außerstreitigen Rechtsweg als zulässig und sprach aus, dass die Betriebs-, Erhaltungs- und „Reinvestitionskosten“ der Kläranlage, hinsichtlich derer die Erlassung einer gerichtlichen (Benützungs-)Regelung begehrt wurde, von den Antragsgegnern zu zwei Dritteln und von den Antragstellern zu einem Drittel zu tragen seien. Es stellte fest, dass die Streitteile zunächst beabsichtigten, jeweils nur ein (Wohn-)Haus (pro Seite) an die Kläranlage anzuschließen, weshalb die Kläranlage ursprünglich mit einer geringeren Kapazität geplant war. Da die Antragsgegner in weiterer Folge auch ein (damals noch in Planung befindliches) zweites Haus anschließen wollten, wurde die Kläranlage schließlich
– nachdem der Sachverständige im wasserrechtlichen Verfahren dies gefordert hatte – über deren Initiative größer dimensioniert und die drei Häuser der Parteien an diese angeschlossen, womit ihre Kapazität erschöpft ist. Rechtlich ging das Erstgericht davon aus, dass aus den den Parteien jeweils zukommenden Nutzungen der gemeinsamen Kläranlage auf die von ihnen zu tragenden Lasten geschlossen werden könne. Da die Kläranlage die behördlich vorgeschriebene Abwasserentsorgung für die an diese angeschlossenen (Einfamilien-)Häuser der Parteien (mit je einem Drittel ihrer Kapazität) sicherstellen sollte, komme ihr Nutzen zu zwei Dritteln den Antragsgegnern und zu einem Drittel den Antragstellern zu, sodass auch die Lasten in diesem Verhältnis aufzuteilen seien. Ob die an die Kläranlage angeschlossenen Häuser bewohnt würden, spiele für die Kostenaufteilung keine Rolle.
Das Rekursgericht bejahte ebenfalls die Zulässigkeit des außerstreitigen Rechtswegs und bestätigte die vom Erstgericht vorgenommene Kostenaufteilung. Es begründete dies damit, dass die Kosten einer gemeinsamen Sache trotz gleich großer (Miteigentums-)Anteile an dieser (in Abweichung von dem in § 839 ABGB normierten Grundsatz, wonach die Nutzungen ebenso wie die Lasten nach dem Verhältnis der „Anteile“ aufzuteilen sind) nach dem Verhältnis der Gebrauchsmöglichkeit der einzelnen Teilhaber aufzuteilen seien. Da sich die Parteien durch den Anschluss ihrer drei Häuser an die Kläranlage auf einen von den Miteigentumsanteilen abweichenden Gebrauch geeinigt hätten, habe auch die Aufteilung der mit der Sache (ihrem Gebrauch) verbundenen Lasten entsprechend diesen „tatsächlichen Gebrauchsmöglichkeiten“ zu erfolgen. Der ordentliche Revisionsrekurs sei zulässig, weil weder zur Frage, ob die vorliegende „Abwassergemeinschaft“ eine Rechtsgemeinschaft iSd § 825 ABGB ist und für den vorliegenden Antrag daher (gemäß § 839a ABGB) der außerstreitige Rechtsweg offenstehe, noch dazu, ob der an einer gemeinsamen Sache Mitberechtigte, wenn er (vereinbarungsgemäß) – aufgrund der beschränkten Kapazität dieser Sache – von einer seinem (Miteigentums-)Anteil entsprechenden Nutzung teilweise ausgeschlossen ist, auch die damit verbundenen Lasten nur entsprechend seiner Nutzungsmöglichkeit tragen muss, eine höchstgerichtliche Rechtsprechung bestehe.
Rechtliche Beurteilung
Der dagegen erhobene Revisionsrekurs der Antragsgegner ist zu Klarstellung der Rechtslage zulässig; er ist aber nicht berechtigt.
1. Gegen die von den Vorinstanzen (dort jeweils in den Entscheidungsgründen) übereinstimmend bejahte Erledigung des Begehrens im außerstreitigen Verfahren, wogegen im Hinblick auf § 838a ABGB auch keine Bedenken bestehen, führen die Revisionsrekurswerber nichts Konkretes ins Treffen.
2.1. In der Sache selbst gehen die Revisionsrekurswerber – wie bereits in erster und zweiter Instanz – davon aus, dass es für die Aufteilung der mit der Kläranlage verbundenen Lasten nicht auf die Nutzungsmöglichkeiten, sondern auf die tatsächliche Nutzung durch die Parteien ankomme. Diese bestehe jeweils in gleichem Ausmaß, weil nur ein an die Kläranlage angeschlossenes Haus der Antragsgegner sowie das Haus der Antragsteller bewohnt werde, in jedem der beiden Häuser zwei Personen wohnten und daher in etwa die gleiche Abwassermenge eingeleitet werde.
2.2. Dieser Argumentation kann jedoch nicht gefolgt werden. Gemäß § 839 Satz 1 ABGB sind die gemeinschaftlichen Nutzungen und Lasten nach dem Verhältnis der Anteile auszumessen. Nach dem zweiten Satz dieser Bestimmung sind die Anteile im Zweifel als gleich groß anzusehen; wer das Gegenteil behauptet, muss dies beweisen. Hier sind die Parteien übereingekommen, die gemeinschaftliche Kläranlage insofern im Verhältnis 2:1 zu nutzen, als zwei Häuser der Antragsgegner und ein Haus der Antragsteller an diese angeschlossen wurden. Dieses Nutzungsverhältnis lag bereits der Errichtung der Kläranlage, deren Kapazität auf insgesamt drei (Einfamilien-)Häuser ausgelegt wurde, zugrunde. Die Parteien haben damit ihre „Anteile“ im Sinn des § 839 ABGB an der Kläranlage als der gemeinschaftlichen Sache entsprechend diesem Verhältnis festgelegt. Den – vom Rekursgericht als gleich groß angenommenen – Miteigentumsanteilen am (auf den Liegenschaften beider Steitteile errichteten) „Bauwerk“ kommt für die Bemessung der Anteile an der gemeinsamen Kläranlage keine Bedeutung zu, spielt der von den Parteien jeweils zur Verfügung gestellte Grund im Vergleich zur vereinbarten Aufteilung der Anlagenkapazität doch nur eine untergeordnete Rolle. Für die Zweifelsregel des § 839 Satz 2 ABGB verbleibt hier kein Anwendungsbereich. Auch auf den in § 839 ABGB verwendeten Begriff des „Nutzens“ kommt es – entgegen der Ansicht der Revisionsrekurswerber – nicht an, weil damit vom Gesetz nur die aus der gemeinsamen Sache gezogenen „Früchte“ angesprochen werden (vgl Tanczos/Eliskases in Rummel/Lukas4 § 839 ABGB Rz 3) und nicht das für die Bestimmung der Anteilsverhältnisse konkret maßgebliche Kriterium der vereinbarten jeweiligen Gebrauchsmöglichkeit. Dem tatsächlichen Gebrauch der Kläranlage durch die Parteien (im Sinn der aktuell eingeleiteten – vor allem von der Anzahl der in den angeschlossenen Häusern lebenden Personen abhängigen – Schmutzwassermenge) kommt für das Anteilsverhältnis bereits deshalb keine Relevanz zu, weil den Parteien nicht unterstellt werden kann (wofür sich auch kein Hinweis aus den erstinstanzlichen Feststellungen ergibt), dass sie das unter anderem für die Kostentragung maßgebliche Verhältnis ihrer Anteile an der Kläranlage von diesem – laufenden Veränderungen unterworfenen – Kriterium abhängig machen wollten.
5. Die Kostenentscheidung beruht auf § 78 Abs 2 AußStrG.
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00014_20W0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00014.20W.0226.000
|
1Ob14/20w
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00014_20W0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00014_20W0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 545
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei C***** C*****, Hong Kong, vertreten durch die Oblin Rechtsanwälte GmbH, Wien, gegen die beklagte Partei Mag. P***** M*****, vertreten durch Dr. Karl Heinz Kramer M.A.S., Rechtsanwalt in Villach, wegen Aufhebung eines Kaufvertrags, 213.819,01 USD sA und 9.950,39 EUR sA, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Graz als Berufungsgericht vom 30. Oktober 2019, GZ 5 R 94/19m-210, mit dem das Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 2. April 2019, GZ 25 Cg 122/12y-207, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1. Wurde ein Verfahrensmangel erster Instanz in der Berufung geltend gemacht, vom Berufungsgericht aber verneint, kann der Mangel nach ständiger Rechtsprechung in der Revision nicht mehr mit Erfolg gerügt werden (RIS-Justiz RS0042963; RS0106371). Die Entscheidung des Berufungsgerichts über eine Mängel- oder Beweisrüge ist mängelfrei, wenn es sich mit diesen befasst, das Verfahren des Erstgerichts überprüft, nachvollziehbare Überlegungen über die Beweiswürdigung anstellt und in seinem Urteil festhält (RS0043150; RS0043144). Das ist hier der Fall.
1.2. Angelegenheiten der Beweiswürdigung sind ausschließlich von den Tatsacheninstanzen zu behandeln und können nicht an den Obersten Gerichtshof herangetragen werden (vgl RS0043371). Dazu zählen die in der außerordentlichen Revision angesprochenen Fragen, ob zum Beweis einer strittigen Tatsache ein weiteres Sachverständigengutachten erforderlich ist (RS0043163; RS0043320) oder andere Kontrollbeweise aufzunehmen sind, ob der gerichtliche Sachverständige die notwendigen Kenntnisse besitzt oder die vorzunehmende Begutachtung in das Sachgebiet eines anderen Sachverständigen fällt (RS0043588 [T3]), ebenso wie die Beurteilung der Vollständigkeit und Schlüssigkeit eines Sachverständigengutachtens und die Bemängelung des vom Erstgericht aufgenommenen Sachverständigenbeweises (RS0113643 [T1, T7]). Auch die Frage, welche Bedeutung die Tatsacheninstanzen einem von einer Partei vorgelegten Privatgutachten beigemessen haben, betrifft die in dritter Instanz nicht angreifbare Beweiswürdigung (RS0043291 [T3]). Die Rechtsmittelbeschränkung kann auch nicht dadurch umgangen werden, dass ein unerwünschtes Ergebnis der Behandlung der Beweisrüge als Mangel des Berufungsverfahrens releviert wird (RS0043371 [T28]).
2. In der Rechtsrüge wiederholt der Beklagte in weiten Teilen wörtlich seine Argumente aus der Berufung, zu denen bereits das Berufungsgericht ohne Fehlbeurteilung Stellung genommen hat, sodass er insofern keine erhebliche Rechtsfrage aufzuzeigen vermag. Die Beurteilung des Berufungsgerichts, dass die Parteien nach dem festgestellten Sachverhalt keine rechtswirksame Austauschvereinbarung getroffen haben, haben sie doch keine Einigung darüber erzielt, gegen welche der 12 (von insgesamt 15) veräußerten Objekte und zu welchem Stückpreis die fünf Objekte eingetauscht werden sollten und welche Differenzzahlung der Beklagte dem Kläger dann noch zu leisten hätte, ist nicht zu beanstanden.
Wenn der Beklagte argumentiert, er habe durch Stillschweigen seine Zustimmung zum Inhalt der E-Mail des Klägers vom 28. 2. 2012 zu den dort angeführten Eintauschgegenständen und zum Restforderungsbetrag von 138.000 USD erklärt, so geht er – worauf bereits das Berufungsgericht hinwies – nicht vom festgestellten Sachverhalt aus, finden sich dort doch überhaupt keine Anhaltspunkte für eine solche Einigung. Insbesondere negiert er die Feststellung, dass der Kläger erklärt hat, er werde – im Sinne einer „Gesamtlösung“ – auch die bereits erhaltenen fünf Austauschobjekte sowie drei der ursprünglich geleisteten 15 Objekte nur behalten, wenn er entweder eine Rückzahlung von 138.000 USD oder weitere Gegenstände in diesem Wert erhalte, wozu der Beklagte aber nicht bereit war. Die Revision ist insofern nicht gesetzmäßig ausgeführt.
3. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200504_OGH0002_0010OB00014_20W0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00014.20W.0504.000
|
1Ob14/20w
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200504_OGH0002_0010OB00014_20W0000_000/JJT_20200504_OGH0002_0010OB00014_20W0000_000.html
| 1,588,550,400,000
| 147
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei C***** C*****, Hong Kong, vertreten durch die Oblin Rechtsanwälte GmbH, Wien, gegen die beklagte Partei Mag. P***** M*****, vertreten durch Dr. Karl Heinz Kramer M.A.S., Rechtsanwalt in Villach, wegen Aufhebung eines Kaufvertrags, 213.819,01 USD sA und 9.950,39 EUR sA, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Schriftsatz der beklagten Partei vom 17. April 2020 wird zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der erkennende Senat wies die außerordentliche Revision des Beklagten mit Beschluss vom 26. 2. 2020 zurück.
Mit Schriftsatz vom 17. 4. 2020 erklärte der Beklagte, seine außerordentliche Revision zurückzuziehen.
Nach der Entscheidung und Abgabe des Akts an die Kanzlei zur Ausfertigung ist die Zurückziehung eines Rechtsmittels nicht mehr zulässig (§§ 513, 484 iVm § 416 Abs 2 ZPO) und der Schriftsatz daher zurückzuweisen (RIS-Justiz RS0042029 [T1]; RS0104364 [T1, T4]).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00016_20I0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00016.20I.0226.000
|
1Ob16/20i
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00016_20I0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00016_20I0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 1,573
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr.
Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Stadt S*****, vertreten durch die Benn-Ibler Rechtsanwälte GmbH, Wien, gegen die beklagte Partei K***** AG, *****, vertreten durch die Weber Rechtsanwälte GmbH & Co KG, Wien, wegen 312.706,88 EUR sowie Feststellung (Streitwert 80.000 EUR), über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Linz als Berufungsgericht vom 25. Oktober 2019, GZ 6 R 71/19g-17, mit dem das Urteil des Landesgerichts Steyr vom 29. März 2019, GZ 9 Cg 39/18g-12, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Zur Frage, ob der Kreditgeber je nach Entwicklung des Referenzzinssatzes auch zu einer Zinszahlung an den Kreditnehmer verpflichtet sein kann, nahm der Oberste Gerichtshof bereits mehrfach Stellung (10 Ob 13/17k; 6 Ob 51/17v; 1 Ob 4/17w; 9 Ob 35/17p; 8 Ob 101/16k; 8 Ob 107/16t), wobei diesen Verfahren sowohl Verbandsklagen, als auch Klagen einzelner Kreditnehmer zu Grunde lagen. Er ging in den genannten Entscheidungen jeweils davon aus, dass sich die Parteien typischerweise darüber einig sind, dass der Kreditnehmer als Gegenleistung für die Zurverfügungstellung der Kreditvaluta Zinszahlungen zu leisten hat. Gemessen am Maßstab eines redlichen Erklärungsempfängers rechnet der Kreditnehmer bei Vertragsabschluss nicht damit, zu irgendeinem Zeitpunkt während der Kreditlaufzeit Zahlungen vom Kreditgeber zu erhalten, sodass dieser insgesamt – oder in einzelnen Zinsperioden – möglicherweise weniger zurück erhält, als er zur Verfügung gestellt hat. Auch der Kreditgeber ist zu keiner Zeit gewillt, Zahlungen an den Kreditnehmer zu leisten. Es besteht daher beim Kreditvertrag allgemein ein übereinstimmender Parteiwille, der eine Zahlungsverpflichtung der kreditgebenden Bank an den Kreditnehmer ausschließt.
2. Das Berufungsgericht legte diese Rechtsprechung seiner Beurteilung der zwischen den Parteien abgeschlossenen Darlehensverträge zugrunde. Diese enthielten jeweils folgende Zinsvereinbarungen: „Der Zinssatz liegt immer [in den verschiedenen Verträgen zwischen 0,063 und 0,14 % pa] über dem Tageswert des 6-Monats-CHF-LIBOR gemäß [...] oder der Zinssatz liegt immer [in den verschiednen Verträgen zwischen 0,046 und 0,1 % pa] über dem Tageswert des 6-Monats EURIBOR gemäß […].“ Es bestätigte unter Verweis auf §
500a ZPO die Rechtsansicht des Erstgerichts, wonach – insbesondere nach dem Wortlaut der Verträge – kein ausreichender Anhaltspunkt dafür bestehe, dass die Parteien vom typischen Verständnis eines Kreditvertrags (Darlehensvertrags), wonach der Kreditgeber (Darlehensgeber) auch bei negativem Referenzzinssatz zu keinen Zinszahlungen verpflichtet sein soll, abweichen wollten.
3. Gemäß § 914 ABGB hat die Auslegung von Verträgen nicht am buchstäblichen Sinne des Ausdrucks zu haften, sondern es ist unter Berücksichtigung aller Umstände die Absicht der Parteien (der „Geschäftszweck“; vgl RS0000406 [T2]; RS0017797 [T8]) zu erforschen. Der Vertrag ist so zu verstehen, wie es der Übung des redlichen Verkehrs entspricht, wobei nicht so sehr auf die Wortwahl, sondern auf die von den Parteien bezweckte Regelung der gegenseitigen Rechtsbeziehungen abzustellen ist (RS0017802 [T6]). Ob ein Vertrag im Einzelfall richtig ausgelegt wurde, wirft nur dann eine erhebliche Rechtsfrage iSd § 502 Abs 1 ZPO auf, wenn in krasser Verkennung der Auslegungsgrundsätze ein unvertretbares, aus Gründen der Einzelfallgerechtigkeit zu korrigierendes Auslegungsergebnis erzielt wurde (vgl etwa RS0042936; RS0112106; RS0044358 [T20, T31, T33, T40]). Dass dem Berufungsgericht eine solche Fehlbeurteilung unterlaufen wäre, zeigt die Revision nicht auf.
4. Entgegen der Ansicht der Revisionswerberin ist die Frage, ob die beklagte Bank bei einem entsprechend negativen Referenzzinssatz (Darlehens-)Zinsen an die Klägerin als Darlehensnehmerin zahlen muss, in den Zinsvereinbarungen – trotz Verwendung des Wortes „immer“ – keineswegs klar geregelt. Auch dass (was das Berufungsgericht übersah) die in Punkt V der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Beklagten enthaltenen (allgemeinen) Bestimmungen über die Entgeltlichkeit der von der Beklagten erbrachten Leistungen nicht Vertragsinhalt wurden (wobei sich die Entgeltlichkeit der Darlehen hier unabhängig von diesen Klauseln ergibt), ändert an dieser Unklarheit nichts. Dass die Vorinstanzen der Vertragsauslegung mangels eindeutigen Vertragswortlauts
– in den Darlehensverträgen ist keine Rede davon, dass die Darlehensgeberin unter bestimmten (Zins-)Umständen (Negativ-)Zinsen an die Darlehensnehmerin zu zahlen hätte – das Verständnis typischer Vertragsparteien eines (eine Zinsgleitklausel enthaltenden) Darlehensvertrags zugrundelegten, die – wie der Oberste Gerichtshof in den eingangs genannten Entscheidungen klarstellte – im Allgemeinen davon ausgehen, dass der Kreditnehmer als Entgelt für die Zurverfügungstellung eines Geldbetrags Zinsen zu zahlen hat und eine rechnerische Entwicklung des Zinsniveaus ins Negative bloß dieses Entgelt – allenfalls bis auf Null – reduziert, wohingegen ein redlicher Kreditnehmer regelmäßig nicht damit rechnen kann, dass der Kreditgeber
– entgegen der Vorstellung, für seine Leistung ein Entgelt zu erhalten – einer Zahlungspflicht in Form von „Negativzinsen“ zustimmen werde und damit möglicherweise weniger zurückerhält, als er zur Verfügung gestellt hat, begegnet keinen Bedenken. Entgegen der Ansicht der Revisionswerberin nahm das Berufungsgericht einen solchen „typischen“ Parteiwillen keineswegs „ohne Sachverhaltsgrundlage“ an, sondern berücksichtigte bei der Vertragsauslegung, dass sich weder aus dem (unklaren) Vertragstext noch aus sonstigen Umständen Anhaltspunkte für ein davon abweichendes übereinstimmendes Vertragsverständnis ergaben.
5. Dass das vom Berufungsgericht gewonnene Auslegungsergebnis mit den allgemeinen Auslegungsregeln in einem klaren – und daher vom Obersten Gerichtshof zu korrigierenden – Widerspruch stünde, zeigt die Revisionswerberin nicht auf. Soweit sie den Wortlaut der Zinsvereinbarungen ins Zentrum ihrer Interpretation rückt und daraus ableiten möchte, dass bei einem entsprechend negativen Referenzzinssatz die beklagte Darlehensgeberin Zinsen an die klagende Darlehensnehmerin zahlen müsse (weil die „Formel“ zur Zinsberechnung „immer“ einzuhalten sei), vernachlässigt sie den typischen Zweck und das typische Verständnis vom Wesen eines Kredit- bzw Darlehensvertrags (vgl 9 Ob 35/17p). Überzeugende, die vom Berufungsgericht vorgenommene Auslegung fragwürdig erscheinen lassende Hinweise darauf, dass die Vertragsparteien einen anderen als den – eine Zinszahlung durch den Darlehensgeber ausschließenden – typischen Parteiwillen gehabt hätten, vermag die Revision insgesamt nicht ins Treffen zu führen. Die Revisionswerberin übersieht auch, dass der Wortlaut der Darlehensverträge (insbesondere – worauf sie selbst mehrfach hinweist – die Formulierung der Zinsklausel) von ihr vorgeschlagen wurde, sodass verbleibende (nicht bereits durch Zugrundelegung des typischen Vertragsverständnisses ausgeräumte) Unklarheiten darüber, ob die Beklagte unter bestimmten Umständen zur Zahlung von (Negativ-)Zinsen an die Klägerin verpflichtet sein könne, gemäß § 915 ABGB zu ihren Lasten gehen. Hätte(n) die Klägerin (die für diese handelnden Personen) – wovon diese in ihrer Revision offenbar ausgeht – die in den Darlehensverträgen enthaltenen Zinsvereinbarungen (vor allem das dort verwendete Wort „immer“) tatsächlich so verstanden, dass die Beklagte als Darlehensgeberin unter bestimmten Umständen (bei einem entsprechend negativen Referenzzinssatz) zur Zinszahlung an die Klägerin als Darlehensnehmerin verpflichtet sein könnte (die Klägerin argumentiert in ihrem Rechtsmittel, dass sie sich bei den Vertragsverhandlungen in diesem Sinn „durchgesetzt“ habe), wäre von einer redlichen Vertragspartei zu erwarten gewesen, dass sie ein solches – dem typischen Darlehensvertrag widersprechendes – Verständnis offenlegt; da die Klägerin (die in ihrer Revision weitgehend negiert, dass die für die Parteien handelnde Personen nach den Feststellungen bei Vertragsabschluss gar nicht nicht an eine negative Entwicklung der Referenzzinssätze dachten und diesen Fall daher auch nicht regeln wollten) eine solche Offenlegung ihres (behaupteten) Vertragsverständnisses gar nicht behauptet, musste die Beklagte von einem solchen auch nicht ausgehen.
6. Dass die Vertragsauslegung in bestimmten „atypischen“ (Einzel-)Fällen ausnahmsweise zum Ergebnis führen kann, dass die Bank bei entsprechend negativen Referenzzinssätzen zur Zahlung von „Negativzinsen“ an den Kreditnehmer verpflichtet sein soll, ändert nichts daran, dass das Berufungsgericht hier keinen solchen Vertragswillen annahm, sondern – mangels jeglicher Hinweise auf eine abweichende gemeinsame Parteiabsicht – vom typischen Willen der Parteien eines Kredit- bzw Darlehensvertrags ausging. Alleine dass die Darlehensverträge zwischen den Parteien individuell ausverhandelt wurden, der Vertragsentwurf großteils von der Klägerin stammte bzw „generell viele Vereinbarungen getroffen wurden, die von Bankenseite üblicherweise nicht akzeptiert werden“, vermag den in der Revision angesprochenen „atypischen Fall“, bei dem das von der Klägerin gewünschte Auslegungsergebnis (nämlich eine unter bestimmten Umständen bestehende Pflicht des Darlehensgebers zur Zahlung von [Negativ-]Zinsen) ausnahmsweise gerechtfertigt wäre, nicht zu begründen. Auch aus dem Fehlen einer Zinsobergrenze bei einer gleichzeitig angenommenen Zinsuntergrenze „von Null“ ist für die Revisionswerberin nichts zu gewinnen, wurde in solchen Fällen doch nicht einmal bei Verbraucherkrediten ein Verstoß gegen das (für Verbraucherverträge in § 6 Abs 1 Z 5 KSchG normierte) „Symmetriegebot“ angenommen, weil dem Kunden durch die Begrenzung des Zinssatzes mit Null kein Risiko überwälzt, sondern dieser bloß von seiner Zinszahlungsflicht befreit werden soll (10 Ob 13/17k). Inwieweit sich durch eine behauptete – angeblich aufgrund ihrer (nicht näher dargelegten) Refinanzierungsstruktur eintretende – „Bereicherung“ der Beklagten bei einer Begrenzung des Darlehenszinssatzes auf Null ein vom „typischen“ Vertragsverständnis abweichender Vertragswille ergeben sollte, legt die Revision nicht nachvollziehbar dar.
7. Es ist auch nicht ersichtlich, warum das von verbraucherschutzrechtlichen Erwägungen unabhängige Argument eines (Zins-)Zahlungspflichten des Kredit- bzw Darlehensgebers ausschließenden (typischen) übereinstimmenden Parteiwillens nicht auch auf Unternehmerkredite bzw -darlehen anzuwenden sein sollte, weshalb der in der Revision erhobene Vorwurf, das Berufungsgericht habe nicht ausreichend zwischen Unternehmer- und Verbraucherkredit differenziert, ins Leere geht. Einen Widerspruch des bekämpften Urteils zur Entscheidung 1 Ob 75/19i zeigt die Revision bereits deshalb nicht auf, weil dort nicht (allenfalls) von der kreditgebenden Bank zu zahlende „Negativzinsen“ zu beurteilen waren, sondern die Frage der wirksamen Vereinbarung eines Mindestzinses. Soweit in der unterlassenen vertraglichen Regelung eines „Ausgleichs negativer Zinsforderungen“ durch die Beklagte („als mit Derivaten befasste und international tätige Spezialbank, der die Thematik von Negativzinsen im Zusammenhang mit solchen [Zins-]Derivaten bekannt sein musste“) die Verletzung einer ihr obliegenden Sorgfaltspflicht erblickt wird, vermag dies das auf Vertragserfüllung gerichtete Klagebegehren nicht zu rechtfertigen. Weshalb sich aus einem daraus abgeleiteten Verstoß der Beklagten gegen den Grundsatz von Treu und Glauben die von der Klägerin angestrebte Vertragsauslegung ergeben sollte, lässt die Revision nicht klar erkennen.
8. Darauf, wer für die Klägerin den maßgeblichen Vertragswillen bildete, kommt es entgegen den Revisionsausführungen nicht an, weil hier mangels gegenteiliger Anhaltspunkte der übereinstimmende Vertragswille typischer Vertragsparteien zugrundegelegt wurde und nicht der (davon abweichende) Wille einer für die klagende Partei handelnden konkreten Person. Insoweit muss auch auf die dazu behauptete Aktenwidrigkeit nicht weiter eingegangen werden.
9. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00017_20M0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00017.20M.0226.000
|
1Ob17/20m
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00017_20M0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00017_20M0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 525
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj K*****, geboren am ***** 2014, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Vaters Ing. M*****, vertreten durch Dr. Manfred Schiffner und Mag. Werner Diebald, Rechtsanwälte in Köflach, gegen den Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt vom 8. November 2019, GZ 4 R 259/19h-74, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Klagenfurt vom 15. Juli 2019, GZ 2 Ps 121/18p-59, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist nur mehr die Frage, welcher Elternteil bei gemeinsamer Obsorge und Betreuung des Kindes zu gleichen Teilen („Doppelresidenzmodell“) zum „Domizilelternteil“ iSd § 180 Abs 2 letzter Satz ABGB bestimmt werden soll.
Der erkennende Senat erachtet die Entscheidung des Rekursgerichts, das den Haushalt der Mutter als jenen festlegte, in dem das Kind im Sinn der genannten Bestimmung hauptsächlich betreut wird, als nicht korrekturbedürftig.
Zu Recht ging das Rekursgericht zunächst davon aus, dass auch im vorliegenden Fall – trotz gemeinsamer Obsorge und Betreuung des Kindes zu gleichen Teilen durch beide Eltern – eine Festlegung des Hauptaufenthalts des Kindes gemäß § 180 Abs 2 letzter Satz ABGB erforderlich ist, womit aber – wie der Verfassungsgerichtshof in seinem Erkenntnis zu G 152/2015, klargestellt hat – nur ein „nomineller“ Anknüpfungspunkt für jene Rechtsfolgen geschaffen wird, deren Grundlage ein bestimmter Aufenthaltsort ist (RIS-Justiz RS0130981; RS0130918).
Dass das Rekursgericht der Mutter, die bereits nach einer zwischen den Eltern getroffenen Vereinbarung „Domizilelternteil“ war, auch weiterhin die diesem Elternteil zustehenden („nominellen“) Berechtigungen und Verpflichtungen zuerkannte, begegnet bereits deshalb keinen Bedenken, weil keine Anhaltspunkte dafür erkennbar sind, dass die Wahrnehmung dieser Aufgaben im Interesse des Kindes einer Änderung bedürfte (vgl 6 Ob 8/19y). Entgegen seinen Ausführungen im Revisionsrekurs hat der Vater auch nicht behauptet, dass er diese Aufgaben besser wahrnehmen könnte, als die Mutter (vgl 9 Ob 82/16y; 6 Ob 8/19y). Dass der in der Rekursverhandlung anwaltlich vertretene Vater dort kein solches Vorbringen erstatten hätte können, ist nicht nachvollziehbar.
Auch in dritter Instanz verkennt der Vater das Wesen der bloß nominellen Anknüpfung an den Hauptaufenthaltsort des Kindes. Seine Rechtsmittelausführungen beziehen sich darauf, dass die faktische Betreuung durch die Mutter nicht im Kindeswohl liege. Dem käme aber nur für die – von den Eltern nicht in Frage gestellte – gemeinsame Obsorge sowie für das in dritter Instanz ebenfalls nicht strittige „Doppelresidenzmodell“ Bedeutung zu, nicht hingegen für die im Revisionsrekursverfahren allein zu beurteilende Bestimmung eines Elternteils als „Domizilelternteil“ im Rahmen dieses Betreuungsmodells. Warum es sich dabei – entgegen der höchstgerichtlichen Rechtsprechung – in den Fällen der „Doppelresidenz“ um keinen bloß nominellen Anknüpfungspunkt handeln soll, vermag der Revisionsrekurswerber nicht aufzuzeigen. Dessen nicht näher begründete Behauptung, dem „Domizilelternteil“ komme bei Uneinigkeit der Eltern „offensichtlich“ das alleinige Recht zur Festlegung des Lebensmittelpunktes des Kindes, zur Veränderung und Auswahl der Betreuungseinrichtung, zur Änderung des „sozialen Umfelds“ des Minderjährigen sowie „zur Verweigerung der Kommunikation mit dem anderen Elternteil“ zu, widerspricht der dargestellten Rechtsprechung und zeigt bereits mangels substantiierter Auseinandersetzung mit dieser – die vom Revisionsrekurswerber ins Treffen geführte Stellungnahme der Bundesregierung in dem zu G 152/2015 geführten Gesetzesprüfungsverfahren wurde vom Verfassungsgerichtshof ohnehin berücksichtigt – keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG auf.
Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 71 Abs 3
AußStrG).
|
JJT_20200430_OGH0002_0010OB00020_20B0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00020.20B.0430.000
|
1Ob20/20b
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200430_OGH0002_0010OB00020_20B0000_000/JJT_20200430_OGH0002_0010OB00020_20B0000_000.html
| 1,588,204,800,000
| 3,533
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei DI C***** M*****, vertreten durch Dr. Andreas Nödl, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Stadt Wien, *****, vertreten durch die RUDECK – SCHLAGER RECHTSANWALTS KG, Wien, und die Nebenintervenienten auf Seite der beklagten Partei 1. E***** S*****, und 2. M***** T*****, beide vertreten durch die Lattenmayer, Luks & Enzinger Rechtsanwälte GmbH, Wien, und 3. DI G***** B*****, vertreten durch Mag. Daniel Richter, Rechtsanwalt in Wien, wegen Feststellung, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 4. November 2019, GZ 14 R 87/19w-19, mit dem das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 1. April 2019, GZ 31 Cg 23/18g-12, bestätigt wurde, zu Recht erkannt:
Spruch
Der Revision wird nicht Folge gegeben.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei und dem Drittnebenintervenienten die mit jeweils 1.961,82Â EUR (darin 326,97Â EUR USt) und der Erst- und Zweitnebenintervenientin die mit 2.157,76Â EUR (darin 359,63Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortungen binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger erwarb im Jahr 2014 eine Eigentumswohnung in Wien.
In den Jahren 2008 bis 2010 war in diesem Haus im Auftrag der damaligen Eigentümerin des Dachgeschoßes (einer GmbH) dessen Ausbau durchgeführt worden. Die GmbH hatte in diesem Zusammenhang einen Ziviltechniker mit der Tätigkeit des Prüfingenieurs nach der Bauordnung für Wien (BO für Wien, im Weiteren Wr BauO) beauftragt. Dieser Ziviltechniker verfasste 2008 und 2009 an die beklagte Stadt gerichtete Erklärungen, wonach – zusammengefasst – der Dachgeschossausbau plan- und fachgemäß entsprechend der Baubewilligung des genehmigten Projekts nach den Regeln der Technik ordnungsgemäß, bewilligungsgemäß und den Bauvorschriften entsprechend ausgeführt worden sei. Die ersten beiden Nebenintervenientinnen sind die (eingeantworteten) Erbinnen des zwischenzeitig verstorbenen Prüfingenieurs. Der Drittnebenintervenient ist der damalige Bauführer (§ 124 Abs 1 Wr BauO).
Mit seiner Amtshaftungsklage begehrt der Kläger die Feststellung der Haftung der Stadt Wien (für den ihm durch die mangelhafte Deckenkonstruktion zukünftig entstehenden Schaden). Der damals eingesetzte Prüfingenieur hätte diese Mängel erkennen müssen. Er wäre nach der Wr BauO verpflichtet gewesen, diese unverzüglich zu melden. Ein Prüfingenieur nach der Wr BauO nehme bei seiner Tätigkeit öffentlich-rechtliche Aufgaben als Organ der Stadt Wien wahr.
Die Beklagte und die Nebenintervenienten wendeten ein, der Prüfingenieur sei kein Organ der Behörde. Aus seinen Handlungen und Unterlassungen könnten daher auch keine Amtshaftungsansprüche abgeleitet werden. Sie bestritten das Vorliegen von Mängeln oder einer Pflichtverletzung des Prüfingenieurs und verneinten das Bestehen des Rechtswidrigkeitszusammenhangs zwischen einer allfälligen Pflichtverletzung des Prüfingenieurs und dem geltend gemachten Schaden. Da die Herstellung des konsensgemäßen Zustands jedenfalls erforderlich gewesen sei, egal ob dem Prüfingenieur die Abweichungen vom Bauplan aufgefallen wären oder nicht, liege auch kein kausal verursachter Schaden vor.
Das Erstgericht wies die Klage ohne Durchführung eines Beweisverfahrens ab. Es begründete dies damit, dass bloße Mangelschäden im Vermögen des Bauherrn nicht in den Schutzbereich der öffentlich-rechtlichen Bauvorschriften fielen, umso weniger könnte ein Mangelschaden eines Käufers erfasst sein. Da die Bauordnung nur den Schutz der Allgemeinheit vor den Gefahren der Bauführung und die Gefahren, die von einem nicht fachgerecht errichteten Bauwerk ausgingen, bezwecke, müsse nicht beurteilt werden, ob der Prüfingenieur ein bei der Mitwirkung und Besorgung hoheitlicher Aufgaben tätiges Organ sei.
Das Berufungsgericht bestätigte dieses Urteil. Es verneinte letztlich – wie schon das Erstgericht – den Rechtswidrigkeitszusammenhang zwischen den geltend gemachten Schäden und den Vorschriften der Wr BauO. Schäden an der potentiell schädigenden Bausubstanz selbst seien von deren Schutzzweck nicht umfasst. Der Kläger sei Rechtsnachfolger der Verkäufer und damit in deren Rechtsstellung eingetreten. Er sei als Miteigentümer nicht als am Bauwerk unbeteiligter Dritter bzw als gänzlich unbeteiligte „Allgemeinheit“ anzusehen.
An erster Stelle befasste es sich aber mit der Frage, ob der Prüfingenieur nach der Wr BauO bei seiner Tätigkeit als Organ der Baubehörde handle oder nicht. Es schloss sich dazu der in der Literatur überwiegend vertretenen Auffassung, dass der Prüfingenieur nicht Organ sei, an. Dessen Aufgabe sei es nach den §§ 125, 127 Abs 3 der Wr BauO zu überprüfen, ob die Bauführung tatsächlich der Baubewilligung entspricht, also konsensgemäß ist, und ob sie fachlich ordnungsgemäß (lege artis) erfolgt ist. Damit seien solche Überwachungs- und Kontrolltätigkeiten zu erbringen, die grundsätzlich der Bauherr als Bauwerber selbst zu besorgen habe, die dieser aber mangels fachlicher Ausbildung und Qualifikation in der Regel nicht sinnvoll erbringen könne. Er übe dabei bloß eine Sachverständigentätigkeit aus, die darin bestehe, ähnlich wie ein Gerichtssachverständiger, einen Sachverhalt zu erheben, festzustellen und daraus aufgrund seines Fachwissens fachlich richtige Schlüsse zu ziehen. Die Klage scheitere schon daran, dass mangels Organstellung kein Amtshaftungsanspruch bestehe.
Das Berufungsgericht sprach aus, dass die ordentliche Revision zulässig sei, weil Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zur Frage fehle, ob der Prüfingenieur nach der Wr BauO als Organ der Behörde tätig sei.
Rechtliche Beurteilung
Die gegen diese Entscheidung erhobene Revision der Klägerin ist zulässig, aber nicht berechtigt (ebenso 1 Ob 10/20g).
1. Der Kläger hebt unter Hinweis auf die im Gesetz umschriebenen Aufgaben des Prüfingenieurs insbesondere seine Unabhängigkeit und Verschiedenheit von Bauwerber und Bauführer samt seinen Meldepflichten (Anzeigepflichten) hervor. Er unterstreicht, dass jener in vielen Abschnitten einer Bauführung „die letzte Instanz“ sei, um Rechtswidrigkeiten zu erkennen und in der Folge beseitigen lassen zu können. Nur wenn Befunde des Prüfingenieurs nicht vorgelegt würden, werde die Behörde möglicherweise Bauteile zwecks nachträglicher Überprüfung freilegen lassen; wenn aber Befunde des Prüfingenieurs vorlägen, werde eine weitere behördliche Überprüfung in der Regel nicht mehr für notwendig erachtet. Der Schutz der Allgemeinheit vor den Gefahren der Bauführung liege demnach in den Händen der Prüfingenieure. Wenn sich aber die Baubehörde mit den vom Prüfingenieur vorgenommenen Überprüfungen der Bauausführung begnüge und auf eigene Kontrollmaßnahmen verzichte, so sei nicht daran zu zweifeln, dass der Prüfingenieur „in den hoheitlichen Meinungsbildungsprozess eingebunden“ worden sei.
2. Die Beklagte und die Nebenintervenienten halten dagegen, dass der Prüfingenieur nach den Gesetzesmaterialien (bloß) als Bindeglied zwischen dem Bauwerber, dem Bauführer und der Behörde fungiere. Er übe keine Tätigkeit aus, die eigentlich eine staatliche Aufgabe darstelle, vielmehr gebe er – ähnlich wie ein Gerichtssachverständiger – eine fachliche Expertise ab.
3.1. Der Oberste Gerichtshof hat zur Frage, ob der Prüfingenieur nach der Wr BauO (Stammfassung: LGBl 1930/11) Organ im Sinne des Amtshaftungsgesetzes ist, bisher nicht Stellung bezogen. In den Entscheidungen zu 1 Ob 232/05g und 8 Ob 95/16b musste diese Frage nicht beantwortet werden.
3.2. In der Literatur wird der Prüfingenieur überwiegend nicht für ein Organ gehalten. Dies wird im Wesentlichen damit begründet, dass ihm keine Aufgaben der Baubehörde, sondern solche des Bauwerbers zukämen. In dessen Auftrag und auf dessen Kosten agiere er als Privatsachverständiger, weswegen er für einen durch ein unrichtiges Gutachten verursachten Schaden dem Bauwerber auch unmittelbar und persönlich hafte; Amtshaftung wird in diesem Zusammenhang abgelehnt (Geuder/Fuchs, Wiener Baurecht6 § 125 Anm 3; Fuchs, Die Haftung des Prüfingenieurs – keine Grundlage für Amtshaftung, bauaktuell 2017, 254 f [255]; Kirchmayer, Wiener Baurecht5 § 127 Anm 2. zu Abs 3; Moritz, Bauordnung für Wien6, § 127 Anm zu Abs 3; Wedenig, Das Verantwortungsfeld des gerichtlich beeideten Sachverständigen als Prüfingenieur und als Ersteller des Bauwerksbuches nach der Bauordnung für Wien, Sachverständige 2015, 78).
Funk/Kettenbach befassen sich in ihrem auf einem im Auftrag der Bundesinnung der Baugewerbe erstellten Rechtsgutachten beruhenden Beitrag (Ziviltechniker als Quasi-Beliehene, Privatisierung behördlicher Aufgaben durch die Verfahrensnovelle 1996 zur Wiener Bauordnung, ZfV 1997, 568 ff) in erster Linie mit dem durch die Verfahrensnovelle 1996 (Gesetz, mit dem die Bauordnung für Wien und das Wiener Garagengesetz geändert werden, LGBl Wien 1996/42) eingeführten vereinfachten Bewilligungsverfahren, letztlich aber auch mit der Neuregelung der Fertigstellungsanzeige. Sie führen aus, dass im Bereich der Baubewilligungen und der Benützungsberechtigung eine Privatisierung behördlicher Aufgaben erfolgt sei und der Ziviltechniker nicht als behördliches Organ tätig werde; vielmehr liege eine der Beleihung ähnliche Konstruktion („Quasi-Beleihung“) vor, die auch Elemente der Sachverständigentätigkeit enthalte.
Stoffl (Grenzen von Prüf-, Warn- und Überwachungspflichten beim Werkvertrag [2019] 175 f) und Pflaum/Buric (Die Haftung des Prüfingenieurs nach der Wiener Bauordnung, ZRB 2016, 103 [103 f]) bejahen dagegen die Organstellung des Prüfingenieurs, weil dieser im Interesse der Allgemeinheit und nicht des Bauwerbers tätig sei und öffentlich-rechtliche Aufgaben wahrzunehmen habe.
3.3. In der Rechtsprechung wird die Frage nach einer Organstellung im Sinn des § 1 Abs 1 AHG nach folgenden Kriterien beantwortet:
Im Kern kommt es für die Begründung der Organstellung darauf an, ob eine Person (auch eine juristische Person [vgl RIS-Justiz RS0124590]) hoheitliche Aufgaben zu besorgen hat (RS0049948; RS0049954; RS0087679 ua). Dann ist sie Organ – ungeachtet der Art des „Begründungsakts“ (Bestellung, Ernennung, Wahl, Vertrag [auch Werkvertrag: RS0049915]), der Dauer (auch bloß vorübergehend oder für den einzelnen Fall) (RS0087679), des zugewiesenen Verantwortungsgrads oder hierarchischen Rangs. Es ist dann nicht entscheidend, ob ihr Leitungs- oder Entscheidungsbefugnis bei Besorgung einer hoheitlichen Aufgabe zukommt (RS0087675).
„Private“ handeln nicht nur dann als Organe, wenn sie in Erfüllung hoheitlicher Aufgaben selbst Hoheitsakte setzen dürfen, sondern auch, wenn sie dies zwar nicht selbst zu tun haben, ihre Tätigkeit aber in der unterstützenden Mitwirkung bei der Besorgung hoheitlicher Aufgaben und Zielsetzungen besteht und sie in die Erfüllung hoheitlicher Aufgaben eingebunden werden, um andere Organe bei Besorgung hoheitlicher Aufgaben zu unterstützen oder zu entlasten (RS0104351; RS0049972 [T2]; vgl auch RS0126997); dabei muss aber ein hinreichend enger innerer und äußerer Zusammenhang mit der hoheitlichen Aufgabe bestehen (1 Ob 75/15h; RS0049948; RS0049897).
3.4. Zur Tätigkeit des Prüfingenieurs:
Für die Beurteilung der rechtlichen Stellung des Prüfingenieurs ist die Entwicklung der Wr BauO (im Folgenden beziehen sich sämtliche Zitate auf diese), insbesondere die Intensivierung der Nachweispflicht der konsens- und fachgerechten Bauführung durch Bauführer und Bauwerber und vor allem die einschneidenden Veränderungen mit der Verfahrensnovelle LGBl 1996/42 zu beachten.
Vor Einführung des Prüfingenieurs mit LGBl 1992/34 war es der Bauführer, der für die Einhaltung des genehmigten Bauplans sowie aller Auflagen der Baubewilligung, der werksgerechten Bauausführung und für die Tauglichkeit der verwendeten Baustoffe und Konstruktionen sowie überhaupt für die Einhaltung aller auf die Bauführung bezughabenden Vorschriften dieses Gesetzes verantwortlich war (§ 125 Abs 1 lit a idF LGBl 1976/18). Ebenso waren bereits vor der Einführung des Prüfingenieurs (mit LGBl 1992/34) der Baubehörde im Zuge der Bauführung („Überprüfung während der Bauführung“) bestimmte Nachweise „von einem nach den für die Berufsausübung maßgeblichen Vorschriften hiezu Berechtigten“ zu erbringen (etwa über die Tragfähigkeit des Untergrundes vor Beginn der Herstellung der Fundamente bzw Bauarbeiten, ein Gutachten über das Ergebnis der Bodenuntersuchungen und andere Nachweise, § 127 Abs 1 idF LGBl 1976/18). Es konnte bereits damals gemäß § 127 Abs 7 dem Bauwerber von der Behörde aufgetragen werden, tragende Bauteile einer Probebelastung unterziehen zu lassen und das Gutachten eines Ziviltechnikers über die Tragfähigkeit oder das Prüfungszeugnis einer behördlich autorisierten Prüfanstalt vorzulegen, wenn anders der Nachweis über die ordnungsgemäße Bauführung nicht erbracht werden konnte. Den Vertretern der Behörde war jederzeit der Zutritt zur Baustelle zu gestatten. Bauwerber, Bauführer, Planverfasser und die beim Bau Beschäftigten waren verpflichtet, den Vertretern der Behörde alle erforderlichen Auskünfte zu erteilen (§ 127 Abs 8 idF LGBl 1976/18).
Im Unterschied zur nunmehrigen (insoweit mit der Novelle LGBl 1996/42 wesentlich veränderten) Rechtslage durfte vor Erteilung einer vom Bauwerber, Eigentümer der Baulichkeit oder vom Grundeigentümer zu beantragenden (§ 128 Abs 2 idF LGBl 1976/18) und mit Bescheid zu erteilenden Benützungsbewilligung ein Neu-, Um- oder Zubau (und andere bewilligungspflichtige Anlagen oder Bauänderungen [§ 60 Abs 1 lit a, b und c]) nicht benützt werden. Für die Einhaltung dieser Verpflichtung waren der Bauwerber und der Eigentümer auch verwaltungsstrafrechtlich verantwortlich. Nur wenn keine Gefahr für das Leben oder die Gesundheit von Menschen zu besorgen war, konnte davon (schon) im Baubewilligungsbescheid abgesehen werden; (nur) in diesen Fällen war die Vollendung der Bauführung der Behörde (bloß) anzuzeigen (Fertigstellungsanzeige). Dem Antrag auf Erteilung der Benützungsbewilligung waren Befunde über die vorhandenen Rauch- und Abgasfänge und die vorhandenen Kanäle bzw Senkgruben bzw allenfalls die behördliche Feststellung der vorschriftsmäßigen Herstellung des Gehsteigs beizulegen (§ 128 Abs 3).
Schrittweise wurde in der Folge die behördliche Überwachung einer ordnungsgemäßen Bauführung durch ein vermehrtes Erfordernis der Erbringung von Nachweisen durch Bauwerber und Bauführer abgelöst.
Mit LGBl 1992/34 wurde dem Bauwerber die Verpflichtung auferlegt, (bei den nach § 60 Abs 1 lit a, b und c bewilligungspflichtigen Bauführungen) grundsätzlich durch einen Ziviltechniker oder einen gerichtlich beeideten Sachverständigen für das einschlägige Fachgebiet (Prüfingenieur) bestimmte Überprüfungen der Bauausführung vornehmen zu lassen (§ 127 Abs 3). Der mit dieser Novelle in die Bauordnung eingeführte Prüfingenieur hatte von Bauwerber und Bauführer verschieden zu sein (§ 127 Abs 3) und war – wie der Bauführer und der selbständig tätige Bauausführende – zur Anzeige bei Abweichungen von den Bauvorschriften bei Einhaltung der erteilten Auflagen und bewilligten Pläne verpflichtet; zudem aber auch (alleine) bei bewilligungspflichtigen Abweichungen von den genehmigten Bauplänen, unfachgemäßer Verwendung „entsprechender Baustoffe“ oder der Verwendung „nicht entsprechender Baustoffe“ bzw der mangelhaften Ausführung von Konstruktionen (§ 125 Abs 2). Es blieb vorerst noch dabei, dass die Benützung des Bauwerks von der förmlichen Erteilung einer Benützungsbewilligung (per Bescheid) abhing (§ 128 Abs 3 und 4). Dem Antrag waren nun allerdings auch noch (über die zuvor genannten Unterlagen hinaus) die vom Prüfingenieur aufgenommenen Überprüfungsbefunde, soweit sie nicht bereits bei der Rohbeschau vorgelegt worden waren, beizulegen. Auf Basis einer von der Behörde durchgeführten Beschau und aufgrund der (nun um die Überprüfungsbefunde erweitert) vorzulegenden Urkunden war die Benützungsbewilligung zu erteilen, sofern das Gebäude keine augenscheinlichen Konsenswidrigkeiten zeigte und keine augenscheinlichen Mängel aufwies, die die sichere Benützbarkeit verhinderten (§ 128 Abs 4).
Im Zuge der Deregulierung des Baurechts durch die Verfahrensnovelle LGBl 1996/42 wurden die Aufgaben der Baubehörde hinsichtlich der Überprüfung der Bauführung weiter eingeschränkt und das behördliche Verfahren über den vom Bauwerber oder (Grund-)Eigentümer einzubringenden Antrag auf Erteilung der Benützungsbewilligung abgeschafft. Es wurde von der Erteilung einer förmlichen Benützungsbewilligung Abstand genommen; eine „Endbeschau“ hat seither nicht mehr stattzufinden. Freie, anzeigepflichtige und zum Teil auch baubewilligungspflichtige bauliche Anlagen dürfen seit damals unmittelbar nach ihrer Fertigstellung benützt werden. Nur bei den bewilligungspflichtigen Neu-, Zu- und Umbauten, sonstigen baulichen Anlagen und Bauabänderungen ist die Aufnahme der Benützung erst nach Erstattung einer vollständigen Fertigstellungsanzeige zulässig. Da die Nutzung des fertiggestellten Baus nicht mehr von einer Überprüfung der Behörde abhängig ist, sind die damit zusammenhängenden Aufgaben der Behörde entfallen.
Eine solche Aufgabenreduktion steht dem Gesetzgeber aufgrund seiner rechtspolitischen Gestaltungsfreiheit und innerhalb seiner Kompetenzen in weitem Rahmen frei. Er darf etwa aus Gründen der Kostenminimierung bisher hoheitlich zu erfüllende Aufgaben auch wieder zurücknehmen, kann einen bestimmten Lebenssachverhalt einer Bewilligungspflicht unterwerfen (zB die Errichtung eines Baus an eine Bewilligung binden) oder umgekehrt darauf auch wieder verzichten – und etwa sogar die Genehmigungsfreiheit von Bauführungen vorsehen (VfGH B 123/97 [Pkt II.4] = VfSlg 15.123).
Die Wr BauO sieht also seither die Überprüfung der Einhaltung der Bauvorschriften im Rahmen eines förmlichen Verfahrens unmittelbar vor Aufnahme der Benutzung nicht mehr als verpflichtende behördliche Aufgabe vor. Der Bauwerber ist es, der nach ihren Vorgaben verpflichtet ist, dafür zu sorgen, dass vor Erstattung der vollständig belegten Fertigstellungsanzeige das Bauwerk oder die Anlage nicht benützt wird (§ 128 Abs 4). Nach § 127 Abs 3 in der in den Jahren 2008 und 2009 (in welcher Zeit der damalige Prüfingenieur tätig gewesen war) gültigen Fassung gemäß LGBl 1996/42 (Novellen haben bis Ende des Jahres 2009 dessen Abs 3 nicht betroffen) erlegte das Gesetz dem Bauwerber auf, bei den nach § 60 Abs 1 lit a, b und c bewilligungspflichtigen Bauführungen (Neu-, Zu- oder Umbauten) durch einen Ziviltechniker oder einen gerichtlich beeideten Sachverständigen für das einschlägige Fachgebiet (Prüfingenieur) folgende Überprüfungen vornehmen zu lassen:
a) die Beschau des Untergrundes für alle Tragkonstruktionen vor Beginn der Betonierungsarbeiten;
b) die Beschau jener Bauteile, die nach deren Fertigstellung nicht mehr möglich ist (Fundamente, Stahleinlage, Träger, Stützen, Schweißverbindungen uä);
c)Â die Rohbaubeschau.
Bei Erfüllung dieser Aufgabe war (und ist) der unabhängige Prüfingenieur für den Bauwerber und in Erfüllung von dessen Verpflichtungen tätig (vgl auch die Ausführungen des VfGH anlässlich der Zurückweisung des Individualantrags eines Prüfingenieurs mit dem Hinweis, dass er bei seinen vorgetragenen Bedenken dagegen, dass die Aufgaben des Prüfingenieurs Überwachungspflichten für die Behörde darstellen würden, der Sache nach die Verpflichtung des Bauwerbers bekämpfe, sich bei bestimmten Überprüfungen eines Prüfingenieurs zu bedienen, VfGH G 225/06 = VfSlg 18.486). Der Bauwerber hat seit der Verfahrensnovelle 1996 zum Nachweis der erfolgten Fertigstellung des Baus verschiedenste Urkunden vorzulegen. Die Nachweise über die vorgenommenen Überprüfungen des unabhängigen Prüfingenieurs sind dabei nur ein Teil von mehreren (heute gemäß § 128 Abs 2 idF LGBl 2018/69 bis zu dreizehn, damals nach § 128 Abs 2 idF LGBl 2005/41 bis zu neun) Unterlagen, darunter auch die Bestätigung eines (ebenso) unabhängigen Ziviltechnikers über die bewilligungsgemäße und den Bauvorschriften entsprechende Bauführung. Die Tätigkeit des Prüfingenieurs ist ähnlich der eines Sachverständigen auf das Festhalten erheblicher Tatsachen beschränkt. Eine Bindung der Baubehörde an seine Befunde war (und ist auch heute noch) nicht gegeben. Vielmehr ist er der Behörde gegenüber – in gleicher Weise wie der Bauwerber, der Bauführer und der Planverfasser – verpflichtet, alle erforderlichen (zusätzlichen) Auskünfte zu erteilen (§ 127 Abs 1).
Der Zugang des Klägers, dass der Prüfingenieur in vielen Abschnitten einer Bauführung „letzte Instanz“ sei, erweist sich damit als unrichtig. Prüfingenieure sind – anders als der Kläger meint – nicht in den „hoheitlichen Meinungsbildungsprozess“ eingebunden, zumal ein förmliches Verfahren – und damit die behördliche „Meinungsbildung“ – darüber, ob für die Nutzung des Gebäudes die Bewilligung zu erteilen ist (oder nicht), ja nicht mehr vorgesehen ist, sondern die Benützung kraft Gesetzes schlicht an die Fertigstellung des Bauwerks und die Anzeige darüber gebunden ist. Der Behörde bleibt es zwar unbenommen, selbst (auch im Nachhinein) Überprüfungen durchführen zu lassen, soweit sie – aus welcher Quelle auch immer stammende – Zweifel an der Einhaltung der Vorschriften beim Bau hegt; ein der Aufnahme der Benützung vorhergehendes Verfahren, an dem der Prüfingenieur in Erfüllung von Aufgaben der Behörde mitwirkt, hat aber nicht stattzufinden.
Der Prüfingenieur ist also eine dem Bauwerber zur Erfüllung seiner Verpflichtungen zur Seite tretende Hilfe (ein Bindeglied zwischen ihm, dem Bauführer und der Behörde [in diesem Sinn etwa die Erläuternden Bemerkungen zu LGBl 2014/25 abgedruckt in Kirchmayer, Wiener Baurecht5 § 127 EB zu Abs 3]). Er wird nicht von der Behörde für die Erfüllung „ihrer“ Aufgabe „in Pflicht genommen“, sondern unterstützt den Bauwerber bei dessen Verpflichtung, den Nachweis der konsensgemäßen Herstellung des Bauvorhabens durch den Bauführer zu erbringen.
3.5. Daran ändert auch die vom Kläger ins Treffen geführte „Anzeigepflicht“ nichts. Auch bei Meldung von Abweichungen von den Bauvorschriften im Zuge der Bauführung stellt das Gesetz (wie schon bei den Auskunftspflichten gegenüber der Behörde) den Prüfingenieur in eine Reihe mit dem in gleicher Weise dazu verpflichteten Bauführer und dem selbständig tätigen Bauausführenden. Die ihm allein auferlegte weitergehende Pflicht, über ein bewilligungsfreies Bauvorhaben hinausgehende Abweichungen der tatsächlichen Bauführung von den bewilligten Bauplänen, die Verwendung nicht entsprechender Baustoffe, die unfachgemäße Verwendung entsprechender Baustoffe und die mangelhafte Ausführung von Konstruktionen anzuzeigen, ist der ausgeübten Tätigkeit in Verbindung mit seiner besonderen Sachkunde geschuldet. Diese gesetzlich angeordnete Anzeigepflicht anlässlich der für den Bauwerber übernommenen Aufgaben schafft keinen ausreichend engen inneren und äußeren Zusammenhang mit einer hoheitlichen Aufgabe im Sinne einer notwendigen Hilfstätigkeit für die behördliche Entscheidungsfindung; sie löst allenfalls in der Folge eine Tätigkeit der Behörde aus (vgl etwa auch die Anzeigepflicht des Arztes gemäß § 54 Abs 4 ÄrzteG). Dass die Meldepflicht „systemwidrig“ und mit der Einordnung des Prüfingenieurs als eines der Sphäre des Bauherrn zugehörigen Sachverständigen unvereinbar wäre, kann der erkennende Senat nicht nachvollziehen.
3.6. Schließlich sind auch die vom Revisionswerber als gleichgelagert betrachteten Fälle, in denen wegen bestimmter Tätigkeiten die Ausführenden in der Judikatur als Organe angesehen wurden, mit jenem des Prüfingenieurs nicht vergleichbar:
Die regelmäßige Begutachtung und nachfolgende Ausstellung des Gutachtens und Erteilung der Plakette gemäß § 57a Abs 2 KFG führt unmittelbar dazu, dass das Fahrzeug verwendet werden darf. Diese Funktion darf auch nur von den „vertrauenswürdigen“ Personen ausgeübt werden, die vom Landeshauptmann gemäß § 57a Abs 2 KFG eigens dazu ermächtigt wurden. Beim Prüfingenieur fehlt ein Beleihungsakt. Mit seiner gutachterlichen Stellungnahme und seiner Anzeige sind per se keine Rechtswirkungen verbunden; die Überprüfungsbefunde bzw Nachweise über die Überprüfungen sind nur ein Teil der vom Bauwerber abverlangten Unterlagen; seine Anzeige löst – wie jede – allenfalls Behördentätigkeit aus.
Auch die nach dem KesselG (das mittlerweile durch BGBl I 2015/161 aufgehoben wurde; vgl nun die Vorschriften zum Druckgerätegesetz) tätigen „Kesselprüfstellen“ waren vom zuständigen Bundesminister beliehen worden und hatten wiederkehrende Untersuchungen zu bewerkstelligen. Sie konnten vom Betreiber unter Setzung einer angemessenen Frist die Behebung von Mängeln und allfällige Sicherheitsmaßnahmen, allenfalls sogar die Einstellung des Betriebs, verlangen, hatten sich nach Fristablauf von der Behebung der Mängel zu überzeugen und die Behörde bei Erforderlichkeit unter Angabe der zur Behebung der Mängel erforderlich scheinenden Maßnahmen davon in Kenntnis zu setzen. Auch nur annähernd vergleichbare Befugnisse, wie sie etwa mit der Einstellung des Betriebs verbunden sind, hat der Prüfingenieur nach der Wr BauO nicht. Gerade wenn Schragel (AHG³ Rz 41) im Zusammenhang mit der Entscheidung zu 1 Ob 25/01k anführt, einer Haftung als Rechtsträger hätte der Bund bei der Kesselprüfstelle nur dann entgehen können, wenn das Gesetz dem Betreiber aufgetragen hätte, wiederkehrende Begutachtungen durch einen von ihm bestellten Sachverständigen durchführen zu lassen und die Gutachten der Behörde, die allein dann eine Anordnung zu treffen hätte, vorzulegen, macht dies deutlich, dass er den Prüfingenieur nicht als Organ qualifizieren würde.
Ebensowenig ist die vom Kläger zum Bankprüfer gezogene Parallele wertungsmäßig nachzuvollziehen. Nach § 69 BWG trifft die Finanzmarktaufsicht explizit die Pflicht, die Einhaltung der Vorschriften etlicher Gesetze (insbesondere) durch Kreditinstitute im Rahmen eines risikobasierten Aufsichtsansatzes zu überwachen, weshalb der in diesem Zusammenhang bestellte Bankprüfer an der Erfüllung einer behördlichen Aufgabe mitwirkt (vgl 1 Ob 188/02g). Demgegenüber wurde der Umfang der von der Gemeinde bei der in ihrem eigenen Wirkungskreis wahrzunehmenden Aufgaben der örtlichen Baupolizei (Art 118 Abs 3 Z 9 B-VG; § 76 Z 9 Wiener Stadtverfassung, LGBl 1968/28) aber mit der Verfahrensnovelle 1996 eingeschränkt (dazu Pkt 3.4.). In der Wr BauO sind der Behörde zwar Befugnisse zur Überprüfung der Bauführung eingeräumt, die Aufgabe – vergleichbar dem BWG – einer verpflichtenden Überwachung der Einhaltung der in ihr normierten Vorschriften im Rahmen der Bauführung vor Nutzung des Baus wird ihr aber nicht auferlegt. Der Prüfingenieur wird damit bei seiner Tätigkeit, die dazu dient, dass der Bauwerber die konsensgemäße Errichtung nachweisen kann, nicht für die Behörde tätig.
3.7. Zutreffend ging das Berufungsgericht somit davon aus, dass der Prüfingenieur kein Organ im Sinn des § 1 Abs 1 AHG ist. Damit besteht gegenüber der Stadt Wien kein Amtshaftungsanspruch und die Klage wurde zu Recht abgewiesen. Auf die zum Rechtswidrigkeitszusammenhang aufgeworfenen Fragen ist damit nicht mehr einzugehen.
4. Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41 Abs 1 und 50 Abs 1 ZPO.
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00021_20Z0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00021.20Z.0226.000
|
1Ob21/20z
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00021_20Z0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00021_20Z0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 733
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Außerstreitsache der Antragstellerin 1. F***** GmbH, *****, 2. M***** und 3. C*****, alle vertreten durch Dr. Michael Battlogg, Rechtsanwalt in Schruns, gegen die Antragsgegnerin Mag. E*****, vertreten durch Dr. Eva Schneider, Rechtsanwältin in Bludenz, wegen Benützungsregelung, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragsgegnerin gegen den Beschluss des Landesgerichts Feldkirch als Rekursgericht vom 10. Dezember 2019, GZ 1 R 250/19a-86, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Feldkirch vom 26. September 2019, GZ 30 Nc 1/18f-80, mit einer Maßgabe bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Die behauptete Aktenwidrigkeit wurde geprüft; sie liegt aber nicht vor (§ 71 Abs 3 AußStrG). Dieser Revisionsrekursgrund kann nicht als Ersatz für eine im Revisionsrekursverfahren generell unzulässige Beweisrüge herangezogen werden (vgl RIS-Justiz RS0117019; zuletzt zum Außerstreitgesetz 1 Ob 13/19x und 1 Ob 70/19d).
2.1. Die gerichtliche Benützungsregelung ist das Ergebnis einer umfassenden Interessenabwägung unter Berücksichtigung der Umstände des konkreten Einzelfalls. Es handelt sich dabei um eine von Billigkeitserwägungen getragene Ermessensentscheidung (vgl 2 Ob 198/17g und 3 Ob 65/18g je mwN).
Die „steigende Anzahl von Fahrzeugen“ und „Bodenknappheit“ „in der heutigen Zeit“ kann angesichts der Abhängigkeit einer solchen Ermessensentscheidung von den individuellen Bedürfnissen der Miteigentümer und den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten (so etwa der Lage, Größe und Widmungsart der betroffenen Liegenschaften [hier der im Alleineigentum der Parteien stehenden Liegenschaften und dem realrechtlich damit verbundenen Weggrundstück]) die Zulässigkeit des Rechtsmittels nicht begründen. Ermessensentscheidungen kommt nämlich grundsätzlich – außer die Vorinstanzen hätten den ihnen eingeräumten Beurteilungsspielraum überschritten – keine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung zu (vgl RS0042405 [T14, T15]; RS0007104 [T2, T5]).
2.2. Eine Überschreitung dieses Beurteilungsspielraums kann die Antragsgegnerin in ihrem Rechtsmittel nicht aufzeigen.
Die von ihr angeführte Entscheidung 1 Ob 145/12y betraf ein Verfahren über die Einräumung eines Notwegs, der dem Antragsteller deswegen verweigert wurde, weil er Miteigentümer anderer Weggrundstücke gewesen war und der Oberste Gerichtshof die Erwirkung einer richterlichen Benützungsregelung zur Zufahrt (auch) auf das notleidende Grundstück als „realistisch“ ansah. Die Behauptung, der erste Senat habe damals ausgeführt, dass „nur“ die Errichtung eines Einfamilienhauses und dessen Verkauf „nicht zur übermäßigen Belastung der anderen Miteigentümer führen dürfte“ (im Sinne einer Obergrenze) ist unrichtig. Ein Widerspruch zur „Judikatur des OGH“ liegt damit nicht vor.
Eine gerichtlich angeordnete Benützungsregelung ist denknotwendig mit einer Änderung der bisherigen Nutzung verbunden, bedürfte es doch ansonsten gar keiner Entscheidung durch das Gericht. Die Beurteilung durch beide Vorinstanzen, es komme durch die (geplante) Errichtung von drei Wohnhäusern nicht zu einem übermäßigen Gebrauch/Belastung des im gemeinsamen Eigentums stehenden Weggrundstücks oder der in Alleineigentum stehenden Liegenschaft (samt Wohnhaus) der Antragsgegnerin, die den gemeinsamen Weg bisher als „ihren“ Parkplatz benutzt hat (und ihn auch weiterhin so nutzen möchte), ist unbedenklich. Die gegenteilige Annahme führte im Ergebnis zum Ausschluss der Erstantragstellerin vom Gebrauch der widmungsgemäßen Nutzung ihrer Grundstücke, die über die gemeinsame Weganlage zu erreichen sind und zu denen – wie vom Erstgericht, wenn auch disloziert im Rahmen der rechtlichen Beurteilung, festgestellt wurde – schon im Zeitpunkt der Begründung des Miteigentums am Weg auch eine Bauparzelle gehörte.
Daran vermag auch der Umstand nicht zu ändern, dass die Antragsgegnerin Hälfteeigentümerin des Wegs ist, während die Erstantragstellerin aber nur zu 3/10 Anteilen Eigentümerin des Wegs ist. Wie bereits dargestellt, hängt das Ergebnis der Interessenabwägung (nicht bloß von der Größe der Anteile sondern) auch von den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Miteigentümer ab.
3. Ob in einem bestimmten Fall die konkret zu berücksichtigenden Umstände die Qualifikation eines Verhaltens als redlich oder unredlich fordern, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab und stellt daher regelmäßig keine erhebliche Rechtsfrage dar (RS0010184 [T13]). Es mag zutreffen, dass aus der „Unmöglichkeit, einen Titel nachzuweisen“, „nicht zwingend auf die Schlechtgläubigkeit geschlossen werden“ kann. Vom bloßen Einverständnis (der Rechtsvorgänger der Antragsteller zur Errichtung eines Schuppens teilweise auf dem Weggrundstück) auf den guten Glauben der Rechtsvorgänger der Antragsgegnerin (zur Ersitzung des Alleineigentums an einer Teilfläche des Wegs) zu schließen, wäre im vorliegenden Fall – schon angesichts des Umstands, dass diese gerade zwischen jenen Personen (unter anderem zwei Brüdern) erfolgte, die durch Teilungsvertrag das gemeinsame Eigentum am Weg festgelegt hatten, und der (im Zusammenhang mit der Absprache über die Errichtung des Schuppens, dessen Lage im Übrigen vor dem Ablauf von 30 Jahren verändert wurde) getroffenen Feststellung, dass diesen der „jeweilige Grenzverlauf“ bekannt war – nicht nachvollziehbar. Die Ansicht der Vorinstanzen, die die Redlichkeit im vorliegenden Fall verneinten, bedarf folglich keiner Korrektur im Einzelfall.
5. Das Rechtsmittel der Antragsgegnerin ist demnach zurückzuweisen, was keiner weitergehenden Begründung bedarf (§ 71 Abs 3 AußStrG).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00022_20X0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00022.20X.0226.000
|
1Ob22/20x
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00022_20X0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00022_20X0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 1,096
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei DI W***** G*****, vertreten durch die Neumayer, Walter & Haslinger Rechtsanwälte-Partnerschaft, Wien, gegen die beklagte Partei Dipl.-Kfm. Univ. W***** W*****, Deutschland, vertreten durch die Tramposch & Partner Rechtsanwälte KG, Innsbruck, und Dr. Andreas Weinzierl, Rechtsanwalt in Wien, wegen 13.700 EUR sA und Feststellung, über den Revisionsrekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien als Rekursgericht vom 18. Dezember 2019, GZ 11 R 195/19f-12, mit dem der Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 28. Oktober 2019, GZ 5 Cg 59/19m-8, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Die beklagte Partei hat die Kosten ihrer Revisionsrekursbeantwortung selbst zu tragen.
Text
Begründung:
Entgegen dem – den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (§ 526 Abs 2 ZPO) – Ausspruch des Rekursgerichts ist der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig:
Das Rekursgericht begründete seinen Zulässigkeitsausspruch damit, es fehle höchstgerichtliche Rechtsprechung zur Frage, unter welchen Voraussetzungen ein Wirtschaftsprüfer wegen Schäden, die durch einen sorgfaltswidrig erteilten Bestätigungsvermerk verursacht worden seien, gemäß Art 7 Nr 2 EuGVVO 2012 aus dem Rechtsgrund des deliktischen Schadenersatzes in einem anderen Mitgliedstaat als in seinem Wohnsitzstaat verklagt werden könne.
Der in Deutschland berufstätige Beklagte verfasste in seiner Funktion als Wirtschaftsprüfer Berichte über die Prüfung des Jahresabschlusses und des Lageberichts der in München ansässigen P*****-GmbH. Zuletzt erteilte er am 5. 7. 2016 zum 31. 12. 2014 einen eingeschränkten Bestätigungsvermerk.
Der Kläger hat seinen Wohnsitz in Österreich und schloss mit der genannten GmbH am 29. 12. 2016 einen „Kauf- und Verwaltungsvertrag“, mit dem er zehn Container um insgesamt 13.700 EUR kaufte und die Verkäuferin gleichzeitig mit der Verwaltung dieser Container betraute. Die Verkäuferin garantierte ihm für die Dauer von fünf Jahren einen bestimmten Tagesmietsatz pro Container, was laut dem Vertrag eine Rendite von 10,10 % des Kaufpreises pro Jahr ergeben sollte. Nach den Behauptungen des Klägers schloss er diesen Vertrag über Vermittlung einer österreichischen Vertriebsgesellschaft in Wien ab und überwies den Kaufpreis von seinem bei einer österreichischen Bank geführten Konto.
Mit Beschluss vom 24. 7. 2018 eröffnete das Amtsgericht München über das Vermögen der genannten GmbH und anderer gleichartiger P*****gesellschaften das Insolvenzverfahren.
Das Erstgericht verwarf die Einrede der internationalen Unzuständigkeit des Beklagten und bejahte seine internationale Zuständigkeit. Das Rekursgericht änderte diesen Beschluss dahin ab, dass es die Klage mangels internationaler Zuständigkeit zurückwies. Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist ausschließlich die Auslegung von Art 7 Nr 2 EuGVVO 2012.
Rechtliche Beurteilung
1. Nach Art 7 Nr 2 EuGVVO 2012 kann, wenn eine unerlaubte Handlung oder eine Handlung, die einer unerlaubten Handlung gleichgestellt ist, oder wenn Ansprüche aus einer solchen Handlung den Gegenstand des Verfahrens bilden, vor dem Gericht des Orts geklagt werden, an dem das schädigende Ereignis eingetreten ist oder einzutreten droht.
2. Grundsätzlich kann der Geschädigte seine Ansprüche alternativ am Handlungs- oder Erfolgsort geltend machen (RIS-Justiz RS0115357 [T19], RS0109078 [T27]). Der Oberste Gerichtshof hat unter Hinweis auf Urteile des EuGH (Löber, C-304/17, ECLI:EU:C:2018:701; Universal Music International Holding, C-12/15, ECLI:EU:C:2016:449; Kolassa, C-375/13, ECLI:EU:C:2015:37) bereits ausgesprochen, dass die Gerichte am Wohnsitz des Anlegers dann für auf deliktische Ansprüche gestützte Klagen zuständig sind, wenn die anlage- und schadenstypisch beteiligten Konten bei Banken in Österreich gehalten wurden und darüber hinaus auch die sonst vorliegenden Umstände (insbesondere zB Erwerb in Österreich, Eingehen der Verpflichtung aufgrund von notifizierten Prospektangaben) zur Zuweisung an österreichische Gerichte anstelle der Gerichte am Wohnsitz des Beklagten beitragen (eingehend zum inhaltsgleichen Art 5 Z 3 LGVÜ 2007 5 Ob 240/18g [Punkt 5.8.4] mwN: Gerichtsstand bei Anlegerschaden wegen unrichtiger Prüfberichte eines Schweizer Notars).
3. Der Revisionsrekurswerber geht ebenso wie das Rekursgericht davon aus, dass sich zur Bejahung der internationalen Zuständigkeit die in besonderer anlage- und schadenstypischer Weise mit dem Geschäftsvorgang oder Schadensfall verknüpften schädigenden Vermögensdispositionen im Zuständigkeitsbereich inländischer Gerichte ereignen und auch sonstige spezifische Gegebenheiten der Situation vorliegen müssen, die nicht zum (Wohn-)Sitz des Beklagten, sondern in den Zuständigkeitsbereich inländischer Gerichte weisen.
Das Rekursgericht legte die Behauptungen des Klägers zugrunde, dass er den Vertrag mit der deutschen GmbH in Wien abgeschlossen und den Kaufpreis für die Container von einem bei einer österreichischen Bank geführten Konto (auf deutsche Geschäftskonten) überwiesen habe. Darüber hinaus lägen aber keine „spezifischen Gegebenheiten“ vor, die einen Bezug zu Österreich aufweisen. Der Beklagte habe bei Verfassung des Bestätigungsvermerks ausschließlich die einschlägigen deutschen Rechtsvorschriften zu beachten gehabt und die Veröffentlichung dieses Bestätigungsvermerks habe gemäß § 325 Abs 1 dHGB nur im Bundesanzeiger, einem in Deutschland elektronisch geführten Publikationsorgan, erfolgen müssen. Der Kläger bringe nicht vor, dass er den Bestätigungsvermerk jemals gelesen und als Entscheidungsgrundlage genützt habe. Die gebrauchten Seefrachtcontainer, in die der Kläger investiert habe, hätten sich niemals in Österreich befunden, sondern wären im Seehandel zum Einsatz gekommen. Die internationale Zuständigkeit des angerufenen Landesgerichts könne mangels der vom EuGH geforderten „spezifischen Gegebenheiten“ nicht aus Art 7 Nr 2 EuGVVO 2012 abgeleitet werden.
Ob solche „spezifischen Gegebenheiten“ in ausreichender Weise und mit entsprechendem Gewicht vorliegen, ist eine Frage der konkreten Einzelfallbeurteilung, die sich im Regelfall einer Einstufung als im Sinn des § 502 Abs 1 ZPO erhebliche Rechtsfrage entzieht. Der Revisionsrekurswerber vermag auch keine erhebliche Rechtsfrage in dem Sinn aufzuzeigen, dass das Rekursgericht den bestehenden Spielraum für die Beurteilung, ob ausreichende nach Österreich weisende Anknüpfungspunkte vorliegen, in korrekturberechtigter Weise überschritten hätte. Wenn er damit argumentiert, der Beklagte habe auch die Mietauszahlungen an die Anleger der deutschen P*****-Gesellschaften geprüft und daher wissen müssen, dass es Anleger auch in anderen Staaten wie Österreich gebe und seine „Prüftätigkeit“ auch zur Anwerbung von potentiellen Anlegern in Österreich verwendet werden könne, ist ihm entgegenzuhalten, dass es keinen Bedenken begegnet, daraus die internationale Zuständigkeit der österreichischen Gerichte für die geltend gemachten Schadenersatzansprüche des Klägers nicht abzuleiten, zumal er im Verfahren erster Instanz zur internationalen Zuständigkeit lediglich ganz abstrakt behauptete, der Beklagte habe wissen müssen, dass die geprüften Gesellschaften „europaweit, somit auch in Österreich“ tätig würden bzw er habe damit rechnen müssen, dass die Gesellschaft auch Anleger habe, die anderen Jurisdiktionen unterliegen. Dass der Kläger die Veranlagung über Vermittlung einer von der deutschen Verkäuferin in Österreich ständig betrauten Vertriebsgesellschaft erworben habe, ist kein weiteres dem Beklagten zurechenbares Kriterium; dass der Beklagte von dieser Tätigkeit Kenntnis gehabt hätte, wird im Revisionsrekurs nicht mehr behauptet. Die Verneinung der internationalen Zuständigkeit des Erstgerichts durch das Rekursgericht erscheint daher vor dem Hintergrund der Rechtsprechung des EuGH und des Obersten Gerichtshofs zum Erfordernis zusätzlicher inländischer Anknüpfungspunkte im konkreten Einzelfall nicht korrekturbedürftig.
4. Dem „in eventu“ erhobenen „Kostenrekurs“ steht § 528 Abs 2 Z 3 ZPO entgegen, der einen Revisionsrekurs gegen Entscheidungen der zweiten Instanz über den Kostenpunkt ausschließt. Das Gericht zweiter Instanz entscheidet daher in allen mit Kostenansprüchen zusammenhängenden Fragen endgültig (RS0044233; vgl RS0053407).
5. Die Entscheidung über die Kosten des Revisionsrekursverfahrens beruht auf § 40 und § 50 ZPO. Der Beklagte hat in der Revisionsrekursbeantwortung auf die fehlende Zulässigkeit des Revisionsrekurses in der Hauptsache nicht hingewiesen. Der Schriftsatz ist daher insofern als zur zweckentsprechenden Rechtsverteidigung nicht notwendig anzusehen.
|
JJT_20200326_OGH0002_0010OB00023_20V0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00023.20V.0326.000
|
1Ob23/20v
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200326_OGH0002_0010OB00023_20V0000_000/JJT_20200326_OGH0002_0010OB00023_20V0000_000.html
| 1,585,180,800,000
| 168
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden und gefährdeten Partei H*****, vertreten durch Dr. Markus Orgler, Rechtsanwalt in Innsbruck, gegen die beklagten und gefährdenden Parteien 1. F*****, 2. C*****, und 3. Mag. A*****, alle vertreten durch Dr. Hansjörg Mader, Rechtsanwalt in Innsbruck, wegen 100.000 EUR, Unterlassung sowie Feststellung (hier: wegen Erlassung einer einstweiligen Verfügung), über den außerordentlichen Revisionsrekurs der klagenden und gefährdeten Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Innsbruck als Rekursgericht vom 8. Jänner 2020, GZ 10 R 63/19v-10, mit dem der Beschluss des Landesgerichts Innsbruck vom 15. November 2019, GZ 41 Cg 112/19t-2, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die
Zurückziehung des Revisionsrekurses wird zur Kenntnis genommen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Kläger hat mit Schriftsatz vom 18. 3. 2020 seinen Revisionsrekurs zurückgezogen. Nach den mangels gesonderter Regelungen in der
EO analog anzuwendenden Bestimmungen der §§ 484, 513 ZPO ist die Zurückziehung des Rechtsmittels bis zur Entscheidung über dieses zulässig und mit deklarativem Beschluss zur Kenntnis zu nehmen (RS0110466 [T2]; 5 Ob 183/13t [T10]).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00025_20P0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00025.20P.0226.000
|
1Ob25/20p
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00025_20P0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00025_20P0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 2,236
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei A***** GmbH (früher: A***** GmbH), *****, vertreten durch Dr. Burghard Seyr, Rechtsanwalt in Innsbruck, gegen die beklagte Partei M***** Z*****, vertreten durch Mag. Ulrich Ortner, Rechtsanwalt in Innsbruck, wegen 12.487,21 EUR sA, über die Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Innsbruck als Berufungsgericht vom 19. August 2019, GZ 2 R 21/19f-15, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Innsbruck vom 11. Dezember 2018, GZ 11 C 178/18w-9, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Die Bezeichnung der klagenden Partei wird auf „A***** GmbH“ berichtigt.
II. Der Revision wird Folge gegeben.
Das Urteil des Berufungsgerichts wird im Umfang der Stattgebung des Klagebegehrens von (richtig:) 11.987,87 EUR sA aufgehoben und diesem insofern die neuerliche Entscheidung über die Berufung der klagenden Partei aufgetragen.
Die Kosten des Revisionsverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
I. Aus dem Firmenbuch (FN *****) ist ersichtlich, dass die Firma der Klägerin nunmehr A***** GmbH lautet. Ihre Bezeichnung ist daher gemäß § 235 Abs 5 ZPO zu berichtigen.
II. Die Beklagte hatte bei der Klägerin einen Pkw (mit sieben Sitzen) erworben und über ihre Vermittlung mit einer Bank einen Leasingvertrag abgeschlossen. Die Beklagte leistete ein „aufzehrendes“ Depot von 7.000 EUR und sollte vereinbarungsgemäß monatliche Leasingraten von 137,41 EUR (inklusive USt) zahlen, was sie für 13 Monate auch tat. Der Pkw war kaskoversichert. An diesem Fahrzeug verursachte die Beklagte selbstverschuldet einen Unfall, der über die Kaskoversicherung abgewickelt wurde.
Sie interessierte sich daraufhin für ein Fahrzeug mit weniger Sitzen (5-Sitzer) und begab sich dazu wieder in die Geschäftsräumlichkeiten der Klägerin. Sie kam mit dem Geschäftsführer der Klägerin ins Gespräch, wobei ihr ein Pkw mit einem angeblichen Wert von 33.000 EUR im Rahmen einer „Sonderaktion“ zu einem Kaufpreis von 19.933 EUR angepriesen wurde. Sie entschloss sich, dieses Fahrzeug von der Klägerin zu kaufen. Dazu wurde ein Kaufvertragsformular der Klägerin von deren Geschäftsführer ausgefüllt und darin festgehalten, dass die Klägerin der Beklagten den Pkw mit einem näher angeführten Kilometerstand und einer Erstzulassung vom Februar 2017 verkauft. Als Gesamtkaufpreis wurden 19.933 EUR vermerkt und unter Punkt „2. Einbauten/Absprachen/Mängel“ festgehalten: „Altfahrzeug 8-fach bereift – das Fahrzeug wird (zum offenen Restwert bei der P***** Bank) angekauft, eine Zession – ein Schaden beim Altfahrzeug. Es ist ein Aufpreis in Höhe von Euro 7.500 von der Kundin als Differenz zu bezahlen.“
Unter Punkt „3. Zahlungsbedingungen Fahrzeugübernahme“ wurde festgehalten: „Restzahlung fällig bei Fahrzeugübernahme 19.933 €.“
Die Beklagte hatte zum Zeitpunkt des Ankaufs des neuen Fahrzeugs nicht das Geld, um 19.933 EUR zahlen zu können. Erst nachdem ihr der Geschäftsführer der Klägerin zugesagt hatte, dass sie insgesamt lediglich 7.500 EUR zahlen muss, entschloss sie sich, den Kaufvertrag abzuschließen. Dabei war ihr vom Geschäftsführer mehrfach erklärt worden, dass sie insgesamt 7.500 EUR zahlen müsse, um Eigentümerin des Fahrzeugs zu werden, inkludierend einen allfälligen Selbstbehalt aus dem Schaden am Vorfahrzeug und unter Hinweis darauf, dass sie ihr geleastes Altfahrzeug in Zahlung gibt.
Über weitere Modalitäten, wie das geleaste Altfahrzeug aus dem Leasingvertrag herausgekauft werden soll, von wem und zu welchem Preis wurde nicht gesprochen. Für die Beklagte war wichtig und klar, dass der Kaufpreis 7.500 EUR beträgt.
Die Klägerin kaufte das frühere Fahrzeug der Beklagten „aus dem Leasingvertrag“ bei der P***** Bank um 11.987,87 EUR. Sie verkaufte diesen Pkw weiter. Zu welchem Kaufpreis ist nicht feststellbar.
Der Kaufvertrag wurde am 23. 10. 2017 sowohl vom Geschäftsführer der Klägerin als auch von der Beklagten unterschrieben. Bei diesem Verkaufsgespräch und dem anschließenden Abschluss des Kaufvertrags erklärte – so das Berufungsgericht, das die anderslautende Feststellung des Erstgerichts abänderte – der Geschäftsführer der Klägerin der Beklagten, dass sie den Kaufpreis von 19.933 EUR dadurch aufbringen könne, dass sie ihr Altfahrzeug in Zahlung gibt und zudem eine Zahlung von 7.500 EUR leistet.
Die Beklagte zahlte den Betrag von 7.500 EUR bar, meldete das Fahrzeug an, bekam von der Klägerin den Typenschein und übernahm das Fahrzeug zwei Tage später.
Am (richtig:) 27. 11. 2017 erhielt sie einen Anruf des Geschäftsführers der Klägerin, der ihr mitteilte, dass sie noch etwas über 12.000 EUR zahlen müsse, weil er sich bei der Kalkulation des Kaufpreises geirrt habe.
Die Klägerin begehrt nun 12.487,21 EUR sA und brachte zusammengefasst vor, der Kaufvertrag über das Gebrauchtfahrzeug sei zum Preis von 19.933 EUR abgeschlossen worden, wobei vereinbart worden sei, dass die Beklagte ihr Altfahrzeug in Zahlung gebe und eine Differenzzahlung von 7.500 EUR leiste. Dieses Altfahrzeug sei nicht im Eigentum der Beklagten gestanden, vielmehr habe es sich um ein Leasingfahrzeug gehandelt. Vereinbarungsgemäß hätte die Beklagte das Fahrzeug von der Leasinggeberin zum „offenen“ Restwert ankaufen sollen. Zur Abkürzung des Verkaufsvorgangs habe sie das Fahrzeug von der Leasinggeberin angekauft. Die Beklagte habe sich somit den Ankauf des Leasingfahrzeugs erspart und sei um den von der Klägerin geleisteten Restwert von 11.987,87 EUR bereichert. Die Beklagte habe sich ferner verpflichtet, den Selbstbehalt von 500 EUR für eine von ihr durchgeführte Reparatur am Leasingfahrzeug, die über die Kaskoversicherung abgewickelt worden sei, zu leisten. Auch dieser Verpflichtung sei sie nicht nachgekommen.
Die Beklagte wendete im Wesentlichen – und soweit für das Revisionsverfahren von Relevanz – ein, es sei vereinbart gewesen, dass die Klägerin das geleaste Altfahrzeug kaufe, die Beklagte ihre Ansprüche gegenüber der Kaskoversicherung an die Klägerin zediere und 7.500 EUR an Restkaufpreis zahle. So habe sie den Kaufvertrag auch verstanden. Die Klägerin habe gewusst, dass das Altfahrzeug nicht in ihrem (der Beklagten) Eigentum stehe. Sie habe für das Leasingfahrzeug ein „aufzehrendes“ Depot geleistet gehabt; dieses stehe der Klägerin nicht zu. Das Altfahrzeug habe einen wesentlich höheren Wert als den Restwert aufgewiesen; auch die von ihr bereits geleisteten Zahlungen in Verbindung mit dem Leasingvertrag seien zu berücksichtigen, weil ansonsten eine ungerechtfertigte Vermögensverschiebung zu Gunsten der Klägerin eintrete. Der Kaufpreis habe sich aus 7.500 EUR Barzahlung, dem Depot bei der Leasinggeberin sowie den Leasingraten und dem Kaufpreiserlös aus dem Verkauf des Altfahrzeugs abzüglich der Restwertzahlung an die Leasinggeberin zusammengesetzt.
Das Erstgericht wies die Klage ab. Es traf die vom Berufungsgericht abgeänderte Feststellung, dass der Geschäftsführer der Klägerin der Beklagten beim Verkaufsgespräch und dem anschließenden Abschluss des Kaufvertrags erklärt hatte, dass die Beklagte insgesamt 7.500 EUR für dieses Fahrzeug zahlen muss und ihr dann das Fahrzeug gehört. Daraus folge, zwischen den Parteien sei vereinbart gewesen, dass die Beklagte 7.500 EUR zahle, womit die Angelegenheit beiderseits erledigt wäre. Die Klägerin habe von der Beklagten daher nichts mehr zu fordern. Die Beklagte sei nicht bereichert, weil sie nicht sachkundig sei und sich die Klägerin ihre unklaren Bestimmungen im Vertrag zurechnen lasse müsse.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Klägerin großteils Folge und verpflichtete die Beklagte zur Zahlung von 11.987,78 EUR (richtig: 11.987,87 EUR) sA an die Klägerin. Das Mehrbegehren von 499,34 EUR sA wies es unbekämpft und damit rechtskräftig ab. Es traf anstelle der von der Klägerin in der Berufung bekämpften Feststellung des Erstgerichts eine davon abweichende und führte rechtlich aus, die Geltendmachung jenes Teiles der Reparaturkosten, der dem von der Beklagten zu tragenden Selbstbehalt entspreche, scheitere an der festgestellten Vereinbarung, wonach der Selbstbehalt im Aufpreis für das Fahrzeug enthalten sei sollte. Dem Klagebegehren hinsichtlich des an die Leasingbank gezahlten Teils des Kaufpreises sei jedoch stattzugeben. Die Klägerin habe der Beklagten lediglich angeboten, einen Teil des Kaufpreises durch Eintausch ihres Altfahrzeuges zu leisten. Zwar könne Punkt 2. des Kaufvertrags isoliert betrachtet auch so verstanden werden, dass die Klägerin das Fahrzeug direkt von der Leasingbank ankaufe; diese Auslegung des Kaufvertrags ergebe in Zusammenschau mit der Ankaufsvereinbarung, wonach die Beklagte das in ihrem Eigentum stehende Fahrzeug an die Klägerin verkaufe, aber keinen Sinn. Ein redlicher Erklärungsempfänger habe nicht davon ausgehen dürfen, dass die bloße Übergabe des Leasingfahrzeugs (ohne Verschaffung des Eigentums daran) von der Beklagten geschuldet gewesen sei. Vielmehr sei es an der Beklagten gelegen, zunächst sich selbst das Eigentum am Leasingfahrzeug zu verschaffen und dieses dann der Klägerin für einen Teil des Kaufpreises an Zahlungs statt zu übergeben. Diesem stehe auch die unbekämpft gebliebene Feststellung des Erstgerichts „nicht entgegen“, wonach die Beklagte sich erst zum Abschluss des Kaufvertrags entschlossen habe, nachdem der Geschäftsführer der Klägerin ihr zugesagt habe, dass sie insgesamt lediglich 7.500 EUR zahlen müsse. Gemäß der ursprünglichen Vereinbarung habe sich die von ihr an die Klägerin bar zu leistende Zahlung nur auf diesen Betrag belaufen; den Rest des Kaufpreises hätte sie ja durch Übereignung ihres Altfahrzeugs aufbringen können. Dass die Beklagte möglicherweise angenommen habe, das Altfahrzeug nicht selbst aus dem Leasingvertrag herauszukaufen und somit insgesamt nur eine Gegenleistung von 7.500 EUR erbringen zu müssen, ändere nichts daran, dass sie einen Kaufvertrag abgeschlossen habe, der objektiv nicht in diesem Sinn verstanden werden könne. Ihrer Verpflichtung aus dem Kaufvertrag sei sie jedenfalls nicht nachgekommen, vielmehr habe die Klägerin an ihrer Stelle direkt das Eigentum am Fahrzeug von der Leasingbank erworben, wodurch sich die Beklagte jedoch die Zahlung der sich aus dem Leasingvertrag ergebenden Restschuld zur Erlangung des Eigentums erspart habe. Da die Beklagte den Kaufpreis für das Leasingfahrzeug selbst hätte aufbringen müssen, an ihrer Stelle jedoch die Klägerin diese Zahlung geleistet habe, habe diese gemäß § 1042 ABGB Anspruch auf Ersatz ihres Aufwands. Dieser belaufe sich auf 11.987,87 EUR.
Das Berufungsgericht ließ die ordentliche Revision gemäß § 508 Abs 3 ZPO nachträglich zu, weil es nicht auf die Vereinbarkeit der von ihm abgeänderten Feststellung mit der unbekämpft gebliebenen Feststellung eingegangen sei, wonach der Geschäftsführer der Klägerin der Beklagten nach Abschluss des Kaufvertrags telefonisch mitgeteilt habe, dass sie noch etwas über 12.000 EUR bezahlen müsse, weil er sich bei der Kalkulation des Kaufpreises geirrt habe. Zwar liege darin kein Widerspruch, der entscheidungsrelevante Feststellungen betreffe, weil einerseits die Klägerin zum Zeitpunkt des Anrufs bereits den Restwert an die Leasinggeber geleistet und daher tatsächlich eine weitere „Bargeldforderung“ gegen die Beklagte gehabt habe, andererseits weil sich keiner der Streitteile auf einen (gemeinsamen) Irrtum berufen habe, dennoch sei die Revision aus diesem Grund zuzulassen.
Rechtliche Beurteilung
Die von der Klägerin beantwortete Revision der Beklagten, mit der sie die vollinhaltliche Abweisung des Klagebegehrens anstrebt, ist zulässig und im Sinn ihres auf Aufhebung gerichteten Eventualantrags auch berechtigt.
1.1. Das Berufungsgericht wollte der Klägerin 11.987,87 EUR sA (und nicht 11.987,78 EUR) zusprechen, was sich klar aus seiner Begründung ergibt. Gegenstand des Revisionsverfahrens ist demnach der erkennbar gemeinte und als Schreibfehler einer Berichtigung nach § 419 ZPO zugängliche Zuspruch des Berufungsgerichts.
1.2. Über die in erster Instanz von der Beklagten eingewendete Gegenforderung von 2.347,14 EUR (Mängel am Fahrzeug) entschied das Berufungsgericht – von der Beklagten in der Revision nicht gerügt – im Spruch seiner Entscheidung nicht. Wurde aber gegen die Nichterledigung eines Sachantrags – etwa der einredeweisen Geltendmachung einer Gegenforderung – weder durch Ergänzungsantrag nach § 423 ZPO Abhilfe gesucht, noch in der Revision die unvollständige Erledigung des Sachantrags als Verfahrensmangel geltend gemacht (§ 503 Z 2 ZPO; RIS-Justiz RS0041472 [T3]), scheidet dieser Anspruch aus dem Verfahren aus ([5. 3. 2019] 1 Ob 202/18i; vgl RS0041486; RS0041490).
2. Die in erster Instanz infolge Abweisung des Klagebegehrens erfolgreiche, in zweiter Instanz dagegen durch die Stattgebung des Klagebegehrens im großen Umfang unterlegene Beklagte behauptet einen Mangel des erstinstanzlichen Verfahrens, den sie noch in der Revision geltend machen könne, weil sie zuvor keine Gelegenheit dazu gehabt habe. Dies ist unrichtig, weil die Klägerin in ihrer Berufung (auch) eine gesetzmäßige Rechtsrüge ausgeführt hat. In einem solchen Fall ist die Berufungsgegnerin nach § 468 Abs 2 ZPO gehalten, bereits in der Berufungsbeantwortung ihr vermeintlich nachteilige Feststellungen zu bekämpfen und allfällige erstinstanzliche Verfahrensfehler bei der Ermittlung der für sie nachteiligen Tatsachenfeststellungen zu rügen (RS0112020 [insbesondere T15]; 5 Ob 249/11w).
3. Die Klägerin bekämpfte in ihrer Berufung die vom Erstgericht getroffene Feststellung, beim Verkaufsgespräch und dem anschließenden Abschluss des Kaufvertrags habe der Geschäftsführer der Klägerin der Beklagten erklärt, dass sie insgesamt 7.500 EUR für dieses Fahrzeug zahlen muss und ihr dann das Fahrzeug gehört. Das Berufungsgericht traf nach Beweiswiederholung nicht die von der Klägerin begehrte Feststellung, sondern die Feststellung, beim Verkaufsgespräch und dem anschließenden Abschluss des Kaufvertrags habe der Geschäftsführer der Klägerin der Beklagten erklärt, sie könne den Kaufpreis von 19.933 EUR dadurch aufbringen, dass sie ihr Altfahrzeug in Zahlung gibt und zudem eine Zahlung von 7.500 EUR leistet.
Das Berufungsgericht hat damit aber übersehen, dass diese Feststellung im Widerspruch zu weiteren vom Erstgericht getroffenen (und im Berufungsverfahren nicht bekämpften) Feststellungen steht. So steht unbekämpft fest, dass die Beklagte zum Zeitpunkt des Ankaufs des neuen Fahrzeugs nicht das Geld hatte, um 19.933 EUR zu zahlen. Erst nachdem ihr der Geschäftsführer der Klägerin zugesagt hatte, dass sie insgesamt lediglich 7.500 EUR zahlen muss, entschloss sie sich, diesen Kaufvertrag mit der Klägerin abzuschließen. Zudem steht fest, dass für die Beklagte wichtig und klar war, dass der Kaufpreis 7.500 EUR beträgt. Dieser Betrag wurde ihr vom Geschäftsführer der Klägerin genannt und sie war mit diesem Betrag einverstanden. Für eine ursprünglich getroffene Vereinbarung über die Zahlung eines Kaufpreises von lediglich 7.500 EUR für den Pkw spricht auch der Umstand, dass die Beklagte am (richtig:) 27. 11. 2017 einen Anruf des Geschäftsführers der Klägerin erhielt, worin dieser ihr mitteilte, dass er sich bei der Kalkulation des Kaufpreises geirrt habe (und sie noch etwas über 12.000 EUR zahlen müsse). Die davon abweichend getroffene Feststellung des Berufungsgerichts geht aber davon aus, dass sie neben der Zahlung von 7.500 EUR der Klägerin auch ihr Altfahrzeug „in Zahlung gibt“, nachdem sie es mit (weiteren) finanziellen Mitteln aus dem Leasingvertrag „herausgekauft“ hat.
Widersprüchliche Feststellungen, die eine abschließende rechtliche Beurteilung nicht ermöglichen, sind Feststellungsmängel, die grundsätzlich eine erhebliche Rechtsfrage begründen (RS0042744). Insofern liegt ein rechtlich relevanter Feststellungsmangel vor, der im vorliegenden Fall zur Aufhebung führen muss, weil aufgrund der vom Berufungsgericht abgeänderten Feststellung eine widersprüchliche Sachverhaltsgrundlage geschaffen wurde. Im fortzusetzenden Verfahren wird das Berufungsgericht widerspruchsfreie Feststellungen über die Gespräche der Parteien beim Abschluss des Kaufvertrags zur Höhe des Kaufpreises und den Modalitäten seiner Aufbringung zu treffen haben.
4. Die Revision erweist sich daher im Sinn des hilfsweise gestellten Aufhebungsantrags zur Schaffung der erforderlichen Tatsachengrundlage als berechtigt. Die Entscheidung des Berufungsgerichts ist im Umfang ihrer Bekämpfung aufzuheben und diesem die neuerliche Entscheidung über den noch nicht in Rechtskraft erwachsenen Teil des Klagebegehrens aufzutragen.
5. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52 Abs 1 ZPO.
|
JJT_20200416_OGH0002_0010OB00027_20G0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00027.20G.0416.000
|
1Ob27/20g
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00027_20G0000_000/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00027_20G0000_000.html
| 1,586,995,200,000
| 1,197
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei *****versicherung *****, vertreten durch die Dr. Bernhard Hundegger Rechtsanwalt GmbH, Villach, gegen die beklagte Partei A*****, Rauchfangkehrermeister, *****, vertreten durch Dr. Karlheinz de Cillia und Mag. Michael Kalmann, Rechtsanwälte in Klagenfurt am Wörthersee, wegen 230.000 EUR sA, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Graz als Rekursgericht vom 8. Jänner 2020, GZ 5 R 178/19i-7, mit dem der Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt vom 14. November 2019, GZ 69 Cg 69/19p-3, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird, soweit er sich gegen die Kostenentscheidung des Rekursgerichts richtet, als jedenfalls unzulässig und im Übrigen gemäß § 526 Abs 2 Satz 1 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 528 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Klägerin ist Feuerversicherer eines im Februar 2019 abgebrannten Wirtschaftsgebäudes. Sie begehrt vom beklagten Rauchfangkehrer den Ersatz der ihrem Versicherungsnehmer erbrachten Versicherungsleistung und wirft ihm vor, er habe die im Jahr 2017 durchgeführte Feuerbeschau und die davor und danach erfolgten jährlichen Sichtprüfungen „sorglos“ vorgenommen. So habe er die „offenbar“ fehlende baurechtliche Genehmigung des Kamins nicht beanstandet, den Betrieb des Kamins (bis zur Nachholung der Genehmigung) nicht untersagt und die erkennbare Ursache des Brandes (nicht allseitig verputzter und nicht mit brandbeständigen Platten verkleideter Kamin) nicht gerügt.
Das Erstgericht wies die Klage gemäß § 9 Abs 5 AHG mangels Zulässigkeit des Rechtswegs zurück.
Das Rekursgericht bestätigte diesen Beschluss.
Rechtliche Beurteilung
1. Die Klägerin bekämpft in ihrem Revisionsrekurs ausdrücklich auch die Kostenentscheidung des Rekursgerichts. Insoweit ist das Rechtsmittel aber gemäß § 528 Abs 2 Z 3 ZPO absolut unzulässig.
2. Im Übrigen kann sie in ihrem außerordentlichen Revisionsrekurs keine erhebliche Rechtsfrage aufzeigen:
2.1. Wird der Anspruch gegen ein Organ selbst gerichtet, obwohl dieses den behaupteten Schaden in Vollziehung des Gesetzes zugefügt hat, ist der Rechtsweg gemäß § 9 Abs 5 AHG unzulässig (RIS-Justiz RS0103737 ua; zuletzt 1 Ob 98/19x). Eine Geltendmachung von Ansprüchen nach allgemeinen Bestimmungen des bürgerlichen Rechts kommt dann nicht in Betracht (RS0022989), auch wenn der hoheitlichen Tätigkeit ein (privatrechtlicher) Auftrag einer Person des Privatrechts vorangeht und für die Leistung ein Entgelt zu entrichten ist (1 Ob 15/11d [Veröffentlichung iSd § 277 Abs 2 UGB]; 1 Ob 4/20z [Transportbegleitung] je mwN).
2.2. Nach den für die Beurteilung der Zulässigkeit des Rechtswegs maßgeblichen Angaben in der Klage (s RS0045584; RS0045718) relevierte die Klägerin allein Pflichtverstöße durch Unterlassungen bei Feuerbeschau und Sichtprüfungen. Sie meint, es komme dem Rauchfangkehrer im Rahmen dieser Tätigkeiten keine Befehls- und Zwangsgewalt zu, woraus sie wiederum schließt, dass er kein Organ sein könne. Die vom Rekursgericht zitierte Judikatur (1 Ob 52/00d und 1 Ob 224/10p) kritisiert sie dahin, dass sie auf einem „Missverständnis“ der Entscheidung zu 1 Ob 103/99z aufbaue. Aus letzterer leitet sie (insoweit noch zutreffend) ab, dass nicht jeder, der zur Erfüllung einer hoheitlichen Aufgabe beitrage, Organ im Sinn des AHG sei, und schlussfolgert (auch unter Berufung auf die Entscheidung zu 1 Ob 140/98i, insoweit aber unzutreffend), dass die Beurteilung eines Handelns als Organ in Vollziehung der Gesetze (iSd § 1 Abs 1 AHG) immer eine „Beleihung in Ausübung einer hoheitlichen Funktion gegenüber dem Normunterworfenen“, die (offenbar in jedem Fall) „durch die Ausstattung mit Befehls- und Zwangsgewalt nach außen zum Ausdruck kommen“ müsse, voraussetze. Die „Möglichkeit, einen Auftrag zur Mängelbehebung“ an den Normunterworfenen zu erteilen, reiche dafür nicht aus.
Dieser Schluss lässt sich aber weder aus der Entscheidung zu 1 Ob 103/99z noch aus jener zu 1 Ob 140/98i ziehen. Ebensowenig ist von ausschlaggebender Bedeutung, dass – anders als etwa nach den für Wien geltenden landesgesetzlichen Bestimmungen – der Rauchfangkehrer in Kärnten kein unmittelbar wirkendes „Heizverbot aussprechen“ (richtigerweise: den Benützer vom Bestehen eines gesetzlichen Heizverbots in Kenntnis setzen [RS0122858]) dürfe.
2.3. Mit ihren Ausführungen lässt die Klägerin die – vom Rekursgericht bereits zitierte – ständige Rechtsprechung dazu, dass es für die Begründung einer Organstellung wesentlich darauf ankommt, ob eine (auch juristische) Person hoheitliche Aufgaben zu besorgen hat, außer Acht. Hat eine Person hoheitliche Aufgaben zu besorgen, dann ist sie gemäß § 1 Abs 2 AHG Organ, gleichviel, ob sie dauernd oder vorübergehend oder für den einzelnen Fall bestellt, gewählt, ernannt oder sonst herangezogen wurde und ob ihr Verhältnis zum Rechtsträger nach öffentlichem oder privatem Recht zu beurteilen ist (RS0087679). Auf den zugewiesenen Verantwortungsgrad, eine Entscheidungs- oder Leitungsbefugnis oder gar auf den hierarchischen Rang, den eine Person in der Organisation des Rechtsträgers oder bei Besorgung einer hoheitlichen Aufgabe einnimmt, kommt es nicht an (RS0087675 [T2]). Ist eine Aufgabe ihrem Wesen nach hoheitlicher Natur, sind auch alle mit ihrer Erfüllung verbundenen Verhaltensweisen als in Vollziehung der Gesetze erfolgt anzusehen, wenn sie nur einen hinreichend engen inneren und äußeren Zusammenhang mit der hoheitlichen Aufgabe aufweisen (RS0049948; vgl auch RS0049897). „Private“ handeln daher auch dann als Organe, wenn sie selbst keine Hoheitsakte zu setzen haben, sondern ihre Tätigkeit nur in der unterstützenden Mitwirkung bei der Besorgung hoheitlicher Aufgaben und Zielsetzungen besteht und sie in die Erfüllung hoheitlicher Aufgaben eingebunden werden, um andere Organe bei Besorgung hoheitlicher Aufgaben zu unterstützen oder zu entlasten (RS0104351; siehe zur „Inpflichtnahme“ auch VwGH Ro 2016/04/0002; 1 Ob 87/19d). Entscheidend für das Vorliegen einer Tätigkeit im Sinne des § 1 Abs 1 AHG ist damit, dass eine Aufgabe ihrem Wesen nach hoheitlicher Natur ist. In einem solchen Fall erfolgen auch alle mit ihrer Erfüllung verbundenen Verhaltensweisen – dies können auch pflichtwidrige, den Schaden herbeiführende Unterlassungen sein (RS0081378 [T3]) – bei ausreichendem Zusammenhang mit der hoheitlichen Aufgabe in Vollziehung der Gesetze (s weiters auch RS0049930).
2.4. Die Feuerpolizeivorschriften der Bundesländer übertragen den behördlich konzessionierten Rauchfangkehrern (die in den Gesetzesmaterialien zu einer Novelle der Gewerbeordnung als „beliehene Unternehmer“ bezeichnet werden [ErläutRV 780 BlgNR 24. GP 4]) sicherheitsrelevante Aufgaben, die ansonsten von Gemeindeorganen zu bewerkstelligen wären (ErläutRV aaO, ErläutRV 481 BlgNR 25. GP 1 unter Hinweis auf Art 118 Abs 3 Z 9 B-VG). Sie dienen bei der Durchführung dieser „sicherheitsrelevanten Tätigkeiten“ (nach § 120 Abs 1 GewO 1994 ua „Überprüfungen“) wesentlichen öffentlichen Interessen (ErläutRV 481 aaO 2 f, 4; auch heute noch geht der Landesgesetzgeber von „sicherheitsrelevante[n] Tätigkeiten“ „in Vollziehung dieses Gesetzes“ aus: ErläutRV zur Änderung der Kärntner Gefahrenpolizei- und Feuerpolizeiordnung [K-GFPO] Zl.01-VD-LG-1597/12-2019, 1). Zu diesen sicherheitsrelevanten Tätigkeiten zählen die regelmäßige Überprüfung von Feuerungs- und Abgasanlagen, also die Sichtprüfung, und die Feuerbeschau nach §§ 24 und 27 K-GFPO.
2.5. Für die Erfüllung dieser besonders sicherheitsrelevanten Tätigkeiten ist dem Rauchfangkehrer in der GewO 1994 (immer noch) ein Gebietsschutz (Kehrgebiete) eingeräumt (§ 123 GewO 1994 iVm den jeweiligen Verordnungen des Landeshauptmanns); andererseits ist er zur Ausübung dieser Tätigkeiten innerhalb seines Kehrgebiets auch verpflichtet (§ 123 Abs 3 GewO 1994). Der „öffentlich zugelassene“ (Kärntner) Rauchfangkehrer soll auch nicht „bloß“ Mängel (bei der Sichtprüfung nach § 24 Abs 3 und bei der Feuerbeschau nach § 27 Abs 8 K-GFPO) anzeigen, sondern – soweit nicht unmittelbar die Gefahr eines Brandes besteht – zuerst selbst auf die Behebung der Mängel dringen (vgl den dazu von ihm unter Fristsetzung zu erteilenden Auftrag gemäß § 27 Abs 8 K-GFPO; siehe auch die anzustrebende Behebung der Mängel binnen der nächsten Reinigungsfrist nach § 24 Abs 4 K-GFPO). Er hat die Behebung der von ihm festgestellten Mängel auch zu kontrollieren. Dass der Rauchfangkehrer, insoweit er Aufträge zur Mängelbehebung zu erteilen hat, die Befugnis hat, selbst Hoheitsakte zu setzen, hat der Oberste Gerichtshof bereits zu 1 Ob 52/00d (zur – vom Rekursgericht auch zutreffend als vergleichbar beurteilten – Bestimmung des § 20 Abs 1 nö FGG; mittlerweile § 15 Abs 2 Nö FG 2015) dargelegt.
3. Die Entscheidung des Rekursgerichts, die in Einklang mit der bisherigen Rechtsprechung des Höchstgerichts zur Einordnung der Tätigkeit des Rauchfangkehrers im Rahmen solcher regelmäßigen Überprüfungen als hoheitlich steht (1 Ob 52/00d; 1 Ob 114/07g; 1 Ob 224/10p; 3 Ob 110/18z), begegnet daher keinen Bedenken.
4. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 iVm § 528a ZPO).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00028_20D0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00028.20D.0226.000
|
1Ob28/20d
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00028_20D0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00028_20D0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 855
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei M***** S*****, vertreten durch Dr. Heinrich Fassl, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, wegen 48.594,68 EUR sA und Feststellung, hier wegen Ablehnung, über den Rekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Linz vom 24. Juni 2019, GZ 5 Nc 1/19i-5, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Das Rekursverfahren wird fortgesetzt.
II. Dem Rekurs wird nicht Folge gegeben.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 1.560,60Â EUR bestimmten Kosten der Rekursbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Zu I.:
Das Rekursverfahren war bis zur Rechtskraft der Entscheidung über die Ablehnung der Mitglieder des Ablehnungssenats unterbrochen (1 Ob 137/19g) und ist nach Eintritt der Rechtskraft des Beschlusses (1 Ob 209/19w), mit dem die Ablehnung zurückgewiesen wurde, fortzusetzen.
Zu II.:
Die Klägerin hat im zugrundeliegenden Amtshaftungsprozess in ihrer außerordentlichen Revision die Mitglieder des Berufungssenats des Oberlandesgerichts Linz als befangen abgelehnt.
Der nach der Geschäftsverteilung zuständige Ablehnungssenat dieses Oberlandesgerichts wies mit dem angefochtenen Beschluss den Antrag der Klägerin, mit dem sie die Mitglieder des Berufungssenats abgelehnt hatte, zurück.
Dagegen richtet sich der zulässige Rekurs der Klägerin (§ 24 Abs 2 JN), dem jedoch keine Berechtigung zukommt.
Rechtliche Beurteilung
1. Die Klägerin hat – wie dargelegt – mit ihrem Rekurs einen gegen die Mitglieder des Ablehnungssenats gerichteten „Ablehnungsantrag“ erhoben. Diese Ablehnung wurde inzwischen rechtskräftig zurückgewiesen (1 Ob 209/19w). An diesen Beschluss ist das erkennende Rechtsmittelgericht gebunden (RIS-Justiz RS0042079 [T1]). Die von der Klägerin geltend gemachte Nichtigkeit im Sinn des § 477 Abs 1 Z 1 ZPO liegt somit nicht vor.
2. Die Rekurswerberin will eine Nichtigkeit der angefochtenen Entscheidung oder eine Mangelhaftigkeit des Verfahrens daraus ableiten, dass ihre Ablehnung nicht in das Jv-Register der Präsidentin des Oberlandesgerichts Linz eingetragen wurde. Sie wurde vom Obersten Gerichtshof bereits in zwei Entscheidungen über von ihr eingebrachte Fristsetzungsanträge mit jeweils eingehender Begründung, auf die hier verwiesen werden kann, davon in Kenntnis gesetzt, dass keine solche Eintragung zu erfolgen hat (1 Fsc 1/19s; 1 Fsc 3/19k). Für ihre bloße Mutmaßung über eine gebotene andere Zusammensetzung des Ablehnungssenats fehlt jede Grundlage. Die relevierten Rechtsmittelgründe liegen bereits aus diesem Grund nicht vor.
3.1. Die Rekurswerberin erachtet den angefochtenen Beschluss auch deshalb als nichtig, weil dessen Urschrift nur von der Senatsvorsitzenden sowie vom Berichterstatter (von diesem aber bloß paraphiert und nicht mit vollem Namen unterschrieben) unterfertigt worden sei und eine Unterschrift oder Paraphe des dritten Senatsmitglieds gänzlich fehle.
3.2. Nach der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs (5 Ob 124/19z; 1 Ob 209/19w, jeweils mwN) ist die auf der Urschrift anzubringende Unterschrift zwar notwendiger Bestandteil einer Entscheidung. Selbst das völlige Fehlen der Unterschrift des zuständigen Organs lässt für sich allein aber nicht in jedem Fall eine abschließende Beurteilung darüber zu, ob eine diesem zurechenbare Entscheidung oder eine keine Rechtswirkung entfaltende Nichtentscheidung vorliegt. Maßgeblich ist die eindeutige Dokumentation des Entscheidungswillens des Richters. Lässt sich dieser Entscheidungswille unmissverständlich aus dem Akt erschließen, bildet die Unterschrift auf der Urschrift einen bloßen – im Weg der Verbesserung nachtragbaren – Formalakt, der keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Entscheidung hat.
3.3. Im vorliegenden Fall besteht kein Zweifel am Entscheidungswillen der an der Beschlussfassung beteiligten Senatsmitglieder, weist die Urschrift doch die Unterschrift der Vorsitzenden auf. Außerdem wurde der Urschrift ein von der Vorsitzenden unterschriebener und vom Berichterstatter paraphierter Abstimmungsvermerk angeschlossen, aus dem sich die einstimmige Beschlussfassung durch die im Kopf der angefochtenen Entscheidung namentlich genannten Senatsmitglieder ergibt. Ob es sich bei der „handschriftlichen Beurkundung“ auf der Urschrift des angefochtenen Beschlusses um eine bloße Paraphe oder um eine (abgekürzte) Unterschrift des Berichterstatters handelt, kann daher dahingestellt bleiben. Dass die fehlende Paraphierung bzw Unterzeichnung der Urschrift durch das weitere (dritte) Senatsmitglied keine Nichtigkeit des angefochtenen Beschlusses zu begründen vermag, ergibt sich bereits aus § 429 Abs 1 ZPO, wonach die Urschrift des Beschlusses, wenn dieser – wie hier – von einem Senat gefasst wurde, nur vom Vorsitzenden zu unterschreiben ist (1 Ob 209/19w mwN; M. Bydlinski in Fasching/Konecny3 III/2 § 429 ZPO Rz 1; Brenn in Höllwerth/Ziehensack, ZPO-TaKom § 429 ZPO Rz 2).
4. Zur Frage der behaupteten Befangenheit ist der Rekurswerberin entgegenzuhalten, dass sie ihre Ablehnung auf behauptete Unrichtigkeiten des vom Berufungssenat im Amhaftungsprozess gefassten Urteils stützte. Auch in ihrer Rechtsrüge beschränkt sie sich im Wesentlichen auf die Behauptung, die vom Berufungssenat getroffene Entscheidung sei rechtlich unrichtig. Weder die Unrichtigkeit einer Gerichtsentscheidung noch die Vertretung einer bestimmten Rechtsmeinung durch einen Richter bildet jedoch einen Ablehnungsgrund, selbst wenn die Rechtsansicht von der herrschenden Rechtsprechung abgelehnt wird. Meinungsverschiedenheiten in Rechtsfragen sind nicht im Ablehnungsverfahren auszutragen, das den Parteien nicht die Möglichkeit bieten soll, sich eines ihnen nicht genehmen Richters zu entledigen (RS0111290). Vermeintliche Entscheidungsfehler sind daher in der Regel kein Ablehnungsgrund. Es ist dann auch nicht Aufgabe des zur Beurteilung einer aus der Entscheidung eines Richters abgeleiteten Ablehnung berufenen gerichtlichen Organs, die Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen (RS0046047). Der von der Rekurswerberin genannte Fall einer eindeutigen Missachtung der Rechtslage, die praktisch nur durch unsachliche Beweggründe der Richter erklärt werden kann, liegt hier nicht vor. Die Ablehnung der Mitglieder des Berufungssenats wurde daher zu Recht zurückgewiesen.
5. Die Kostenentscheidung beruht auf § 41 und § 50 ZPO. Aufgrund der Zweiseitigkeit bildet auch das Ablehnungsverfahren einen Zwischenstreit, über dessen Kosten nach den Regeln des Ausgangsverfahrens unabhängig von dessen Ausgang zu entscheiden ist (RS0126588).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00030_20Y0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00030.20Y.0226.000
|
1Ob30/20y
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00030_20Y0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00030_20Y0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 333
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr.
Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Verfahrenshilfessache der Antragstellerin C*****, über deren Rekurs gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien als Rekursgericht vom 30. Oktober 2019, GZ 14 R 127/19b-11, mit dem anlässlich der Behandlung des gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 13. September 2019, GZ 33 Nc 28/19z-5, erhobenen Rekurses der Antragstellerin über diese eine Ordnungsstrafe verhängt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Rekurs wird nicht Folge gegeben.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Mit dem angefochtenen Beschluss verhängte das Rekursgericht über die Antragstellerin wegen beleidigender Äußerungen in ihrem – gegen die Abweisung ihres Verfahrenshilfeantrags gerichteten – Rekurs eine Ordnungsstrafe in Höhe von 50 EUR.
Der dagegen erhobene Rekurs der Antragstellerin ist zulässig (RS0036270), aber nicht berechtigt. Wie bereits das Rekursgericht zutreffend dargelegt hat, ordnet § 86 ZPO an, dass gegen eine Partei, welche die dem Gericht schuldige Achtung durch beleidigende Ausfälle verletzt, eine Ordnungsstrafe zu verhängen ist. Der Regelungszweck dieser Bestimmung liegt in der Wahrung einer sachlichen und unpersönlichen Ausdrucksweise (RS0036327 [T1]). Selbst eine sachlich berechtigte Kritik kann wegen ihrer beleidigenden und/oder ausfälligen Form die dem Gericht schuldige Achtung verletzen und eine Beleidigung im Sinn der genannten Bestimmung darstellen (RS0036308), wobei nach einem objektiven Maßstab zu beurteilen ist, ob eine solche vorliegt (RS0036256).
Die Antragstellerin bezeichnete den Beschluss, mit dem das Erstgericht ihren Verfahrenshilfeantrag abwies, in ihrem dagegen gerichteten Rekurs als „unprofessionell“, die Erstrichterin als „nicht richtig professionell ausgebildet“ und die Rechtsansicht des Erstgerichts als „stupid“, „mutwillig“ bzw als „Trick“. Sie unterstellte der Erstrichterin außerdem „Mutwilligkeit“ sowie (mehrfach) „böse Absicht“ und warf die (rhetorische) Frage auf, warum die Richterin „trotz Mangels an Englischkenntnissen und Nichterfüllung ihrer Arbeit ihren Lohn erhalte.“ Diese gänzlich unangebrachten Herabwürdigungen sind – entgegen der Ansicht der Rekurswerberin – nicht mehr als sachlich berechtigte Kritik an der angefochtenen Entscheidung sondern als „beleidigende Ausfälle“ iSd § 86 ZPO zu qualifizieren, sodass das Rekursgericht zu Recht eine Ordnungsstrafe über die Antragstellerin ohnehin im untersten Bereich des Strafrahmens (§ 220 Abs 1 ZPO) verhängt hat.
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00032_20T0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00032.20T.0226.000
|
1Ob32/20t
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00032_20T0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00032_20T0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 292
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Familienrechtssache der Antragstellerin E***** S*****, vertreten durch Mag. Harald Redl, Rechtsanwalt in Bruckneudorf, gegen den Antragsgegner B***** S*****, vertreten durch Dr. Peter Böck, Rechtsanwalt in Neusiedl am See, wegen Aufteilung des ehelichen Gebrauchsvermögens und der ehelichen Ersparnisse, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Antragsgegners gegen den Beschluss des Landesgerichts Eisenstadt als Rekursgericht vom 11. Dezember 2019, GZ 20 R 24/19g-114, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Neusiedl am See vom 20. Dezember 2018, GZ 15 Fam 6/16d-78, teilweise abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Das Erstgericht teilte das eheliche Gebrauchsvermögen und die ehelichen Ersparnisse der geschiedenen Ehegatten in bestimmter Weise auf.
Das Rekursgericht gab dem dagegen erhobenen Rekurs des Antragsgegners, mit dem er insbesondere die Erhöhung des ihm zu zahlenden Ausgleichsbetrags um 60.000 EUR anstrebte, nicht, dem Rekurs der Antragstellerin hingegen teilweise Folge und änderte den erstinstanzlichen Beschluss in den Punkten 3. und 4. ab. Der Wert des Entscheidungsgegenstands, über den das Rekursgericht entschied, übersteigt 30.000 EUR. Es erklärte den ordentlichen Revisionsrekurs für nicht zulässig.
Der Beschluss des Rekursgerichts wurde dem Vertreter des Antragsgegners am 20. 12. 2019 zugestellt. Den außerordentlichen Revisionsrekurs brachte der Antragsgegner am 16. 1. 2020 (im ERV) beim Erstgericht ein.
Rechtliche Beurteilung
Der außerordentliche Revisionsrekurs ist verspätet.
Die Frist für den Revisionsrekurs beträgt gemäß § 65 Abs 1 AußStrG 14 Tage und beginnt mit der Zustellung der Entscheidung des Rekursgerichts. Eine Sonderbestimmung für Aufteilungssachen gibt es nicht. Die 14-tägige Revisionsrekursfrist endete am 3. 1. 2020. Eine Fristenhemmung zum Jahreswechsel und im Sommer – der Rechtsmittelwerber beruft sich ausdrücklich auf § 222 ZPO – ist für das Verfahren außer Streitsachen nicht vorgesehen (§ 23 Abs 1 AußStrG). Der außerordentliche Revisionsrekurs ist daher als verspätet zurückzuweisen (7 Ob 174/10d; vgl RIS-Justiz RS0006083 [T2]; RS0108631 [T5]).
|
JJT_20200416_OGH0002_0010OB00033_20I0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00033.20I.0416.000
|
1Ob33/20i
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00033_20I0000_000/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00033_20I0000_000.html
| 1,586,995,200,000
| 1,046
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei ***** Versicherung *****, vertreten durch Mag. Michael Hirm, Rechtsanwalt in Klagenfurt am Wörthersee, gegen die beklagte Partei K*****, Rauchfangkehrermeister, *****, vertreten durch die Likar Rechtsanwälte GmbH, Graz, wegen 149.953,44 EUR sA, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Graz als Rekursgericht vom 8. Jänner 2020, GZ 5 R 184/19x-8, mit dem der Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt vom 15. November 2019, GZ 20 Cg 30/19t-3, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird gemäß § 526 Abs 2 Satz 1 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 528 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Die beklagte Partei hat die Kosten ihrer Revisionsrekursbeantwortung selbst zu tragen.
Text
Begründung:
Die Klägerin ist Feuerversicherer eines in Kärnten gelegenen Einfamilienhauses. In diesem brach im Jahr 2017 ein Brand aus. Sie begehrt vom Beklagten den Ersatz der erbrachten Versicherungsleistung mit dem Vorwurf, er (oder sein Gehilfe) sei als Rauchfangkehrer seiner Verpflichtung zur „Sichtprüfung“ nach § 24 der Kärntner Gefahrenpolizei- und Feuerpolizeiordnung (K-GFPO) nicht nachgekommen und habe den Eigentümer auf die gefährliche Situierung des Etagenherds nicht hingewiesen.
Das Erstgericht wies die Klage gemäß § 9 Abs 5 AHG mangels Zulässigkeit des Rechtswegs zurück.
Das Rekursgericht bestätigte diesen Beschluss.
Rechtliche Beurteilung
Der dagegen erhobene Revisionsrekurs ist nicht zulässig:
1. Wird der Anspruch gegen das Organ selbst gerichtet, obwohl dieses den behaupteten Schaden in Vollziehung des Gesetzes zugefügt hat, ist der Rechtsweg gemäß § 9 Abs 5 AHG unzulässig (RIS-Justiz RS0103737 ua; zuletzt 1 Ob 98/19x). Eine Geltendmachung von Ansprüchen nach allgemeinen Bestimmungen des bürgerlichen Rechts kommt dann nicht in Betracht (RS0022989).
2. Die Revisionsrekurswerberin räumt zwar ein, dass der Rauchfangkehrer „mit dem § 24 K-FGPO“ einen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen hat, verneint aber dann trotzdem hoheitliche Tätigkeit, weil diese Verpflichtung „letztlich jedermann bzw auch de[n] jeweiligen Grundeigentümer“ treffe; der Rauchfangkehrer gehe dabei „de facto völlig ohne behördlichen Rahmen bzw. ohne jeglichen Auftrag jener Behörde, die das Gesetz zu vollziehen“ habe, vor. Sie setzt offenbar – wie sich ihren weiteren Ausführungen entnehmen lässt – für eine Qualifikation von dessen Tätigkeit im Rahmen der „Sichtprüfung“ als hoheitliches Handeln zwingend einen ihm konkret von einer Behörde erteilten Auftrag zum Tätigwerden voraus (so beispielsweise aufgezählt ein Auftrag des Bürgermeisters nach einer „Meldungslegung“ durch den Rauchfangkehrer zu einer dann erfolgenden „Nachbeschau“). Auch steht sie auf dem – schon nach bisheriger Rechtsprechung nicht zutreffenden – Standpunkt, ein Rauchfangkehrer werde nur bei der „Feuerbeschau“ hoheitlich tätig (vgl nur zu der einer „Sichtüberprüfung“ nach § 24 K-GFPO entsprechenden „Hauptüberprüfung“ nach § 13 Abs 1 Tiroler Feuerpolizeiordnung 1998: 3 Ob 110/18z).
3. Das Rekursgericht hat der Klägerin bereits die Judikatur zur Beurteilung einer Tätigkeit als hoheitlich danach, ob eine Aufgabe ihrem Wesen nach hoheitlicher Natur ist, erläutert. Ist dies der Fall, dann sind auch alle mit ihrer Erfüllung verbundenen Verhaltensweisen als in Vollziehung der Gesetze erfolgt anzusehen, wenn sie nur einen hinreichend engen inneren und äußeren Zusammenhang mit der hoheitlichen Aufgabe aufweisen (RS0049948; RS0049930; RS0049897). Für die Begründung einer Organstellung kommt es damit wesentlich darauf an, ob eine Person hoheitliche Aufgaben zu besorgen hat. Dann ist sie gemäß § 1 Abs 2 AHG Organ, gleichviel, ob sie dauernd oder vorübergehend oder für den einzelnen Fall bestellt, gewählt, ernannt oder sonst herangezogen wurde und ob ihr Verhältnis zum Rechtsträger nach öffentlichem oder privatem Recht zu beurteilen ist (RS0087679). Dass der hoheitlichen Tätigkeit ein (privatrechtlicher) Auftrag einer Person des Privatrechts vorangeht und für die Leistung ein Entgelt zu entrichten ist, schließt die Anwendung des AHG nicht aus (1 Ob 15/11d [Veröffentlichung iSd § 277 Abs 2 UGB]; 1 Ob 4/20z [Transportbegleitung] je mwN). Darauf, dass der Beklagte „im Februar 2015 nicht im Rahmen einer behördlichen Anordnung bzw eines Auftrages im streitgegenständlichen Objekt war“ kommt es damit ebensowenig an, wie darauf, ob die Kosten für hoheitliches Handeln „gesondert“ und auch „behördlich vorgeschrieben“ worden sind.
4. Die Pflicht nach § 24 K-FGPO (in der im Jahr 2015 geltenden Fassung LGBl 2012/4), jeweils einmal innerhalb von drei Jahren unter anderem die Feuerstätten einer Sichtprüfung auf ihren ordnungsgemäßen Zustand zu unterziehen, allfällige Mängel dem Gebäudeeigentümer nachweislich mitzuteilen und sie dem Bürgermeister bei Unterbleiben einer Behebung innerhalb der nächsten Reinigungsfrist bzw bei unmittelbar drohender Gefahr eines Brandes sofort anzuzeigen, wird – entgegen den Behauptungen der Klägerin – nicht „jedermann“, sondern (nur) dem behördlich konzessionierten Rauchfangkehrer auferlegt („Die Rauchfangkehrer sind verpflichtet…“). Der (in den Gesetzesmaterialien zu einer Novelle der Gewerbeordnung als „beliehener Unternehmer“ bezeichnete [ErläutRV 780 BlgNR 24. GP 4]) Rauchfangkehrer führt dabei sicherheitsrelevante Tätigkeiten durch (nach § 120 Abs 1 GewO ua „Überprüfungen“), die sonst von Gemeindeorganen zu bewerkstelligen wären (Art 118 Abs 3 Z 9 B-VG; zur regelmäßigen Überprüfung von Feuerungs- und Abgasanlagen als Erfüllung einer Aufgabe von wesentlichem öffentlichen Interesse, ErläutRV aaO 2 f u 4; ebenso ErläutRV 481 BlgNR 25 GP 1; auch heute noch geht der Landesgesetzgeber von „sicherheitsrelevante[n] Tätigkeiten“ „in Vollziehung dieses Gesetzes“ aus: ErläutRV zur Änderung der K-GFPO Zl.01-VD-LG-1597/12-2019, 1). Deswegen (und auch nur für die Erfüllung dieser sicherheitsrelevanten Tätigkeiten) wird konzessionierten Rauchfangkehrern (immer noch) ein Gebietsschutz in Form der Kehrgebiete zugestanden (§ 123 GewO 1994 iVm den jeweiligen Verordnungen des Landeshauptmanns); andererseits sind sie verpflichtet, diese Tätigkeiten innerhalb ihres Kehrgebiets auszuführen (§ 123 Abs 3 GewO 1994).
5. Anders als die Revisionswerberin behauptet, vollzieht sich ein Wechsel des Rauchfangkehrers auch nicht in der Weise, dass er „offensichtlich“ „der Gemeinde nicht bekanntzugeben ist“. Auf ihren daran geknüpften Schluss, es könne die Gemeinde doch nicht für „einen ihr gar nicht bekannten Rauchfangkehrer“ haften, muss damit schon deswegen nicht mehr eingegangen werden. Es hat nämlich bei einem (ohnehin nicht jederzeit möglichen) Wechsel der bisher beauftragte Rauchfangkehrer unverzüglich einen schriftlichen Bericht über die zuletzt erfolgte Kehrung und über den Zustand des Kehrobjekts an den für die Zukunft beauftragten Rauchfangkehrer, an die Gemeinde und an die Inhaber des Kehrobjekts zu übermitteln (§ 124 GewO 1994). Damit ist auch gesetzlich dafür vorgesorgt, dass die Behörde in Kenntnis darüber ist, wer die sicherheitsrelevante Tätigkeit der regelmäßigen Überprüfung (samt Beanstandung von Mängel, der Überprüfung ihrer Behebung innerhalb der nächsten Kehrfrist und allenfalls einer Anzeige an den Bürgermeister) nach dem jeweiligen Kehrvertrag wahrnimmt bzw wahrzunehmen hat.
6. Die Revisionsrekurswerberin kann daher insgesamt keine Bedenken gegen die in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung des Höchstgerichts zur Einordnung der Tätigkeit im Rahmen einer solchen regelmäßigen Überprüfung als hoheitlich (1 Ob 52/00d; 1 Ob 114/07g; 1 Ob 224/10p; 3 Ob 110/18z) stehende Entscheidung des Rekursgerichts wecken.
7. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 iVm § 528a ZPO).
Da dem Beklagten die Erstattung einer Revisionsrekursbeantwortung nicht freigestellt wurde, steht ihm für die dennoch eingebrachte Rechtsmittelbeantwortung gemäß der analog anzuwendenden Bestimmung des § 508a Abs 2 letzter Satz ZPO kein Kostenersatz zu (RS0124792).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00034_20M0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00034.20M.0226.000
|
1Ob34/20m
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00034_20M0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00034_20M0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 285
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj A*****, geboren am ***** 2004, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Kindes, vertreten durch das Land Niederösterreich (Kinder- und Jugendhilfeträger), gegen den Beschluss des Landesgerichts Wiener Neustadt als Rekursgericht vom 1. Oktober 2019, GZ 16 R 284/19g-102, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Mödling vom 2. August 2019, GZ 2 Pu 193/14y-97, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Akt wird dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Das Kind befindet sich in Pflege und Erziehung der Mutter. Es besteht bereits ein Unterhaltstitel über die Zahlungspflicht des Vaters in Höhe von 380 EUR monatlich.
Über den Unterhaltserhöhungsantrag des Kindes wurde der Vater vom Erstgericht zusätzlich zu einer (weiteren) Leistung von 150 EUR monatlich ab 1. 8. 2019 verpflichtet.
Das Rekursgericht gab dem vom Kind gegen die Abweisung von weiteren 50 EUR pro Monat erhobenen Rekurs nicht Folge und bestätigte diesen Beschluss. Den ordentlichen Revisionsrekurs erklärte es zur Frage der Berechnung des Unterhalts bei Bezug des (halben) Familienbonus Plus für zulässig.
Da dem vom Kind erhobenen Revisionsrekurs ein eindeutiger Rechtsmittelantrag fehlte, wurde der Akt mit Beschluss vom 16. 12. 2019 zur Durchführung eines Verbesserungsverfahrens zurückgestellt.
Das Erstgericht legte den erstgerichtlichen Akt nach fristgerechter Verbesserung dem Obersten Gerichtshof erneut vor, ohne allerdings zuvor dem Vater das rechtliche Gehör zum verbesserten Revisionsrekurs einzuräumen.
Rechtliche Beurteilung
Da nach § 68 Abs 1 AußStrG das Revisionsrekursverfahren zweiseitig ist, wenn – wie hier – mit dem angefochtenen Beschluss „über die Sache“ entschieden wurde, ist der Akt dem Obersten Gerichtshof erst nach Zustellung auch des verbesserten Revisionsrekurses an den Vater und Ablauf der durch diese Zustellung ausgelösten 14 tätigen Frist (mit einer allenfalls eingebrachten Revisionsrekursbeantwortung) – im Wege des Rechtsmittelgerichts – wieder vorzulegen.
|
JJT_20200401_OGH0002_0010OB00035_20H0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00035.20H.0401.000
|
1Ob35/20h
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200401_OGH0002_0010OB00035_20H0000_000/JJT_20200401_OGH0002_0010OB00035_20H0000_000.html
| 1,585,699,200,000
| 1,389
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. R*****, gegen die beklagte Partei Mag. O*****, vertreten durch Mag. Liane Hirschbrich, Rechtsanwältin in Wien, wegen 150.142,45 EUR sA, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 30. Dezember 2019, GZ 12 R 73/19x-36, mit dem das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 27. Mai 2019, GZ 17 Cg 20/18p-29, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Die außerordentliche Revision wird hinsichtlich eines Betrags von 4.490,50 EUR sA (Honorar für die Vertretung im Verfahren AZ 18 Cg 55/16i des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien) als jedenfalls unzulässig zurückgewiesen.
II. Im Übrigen wird die außerordentliche Revision gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
I.1. Gemäß § 502 Abs 2 ZPO ist die Revision jedenfalls unzulässig, wenn der Streitgegenstand, über den das Berufungsgericht entschieden hat, insgesamt 5.000 EUR nicht übersteigt. Hat das Berufungsgericht über mehrere Entscheidungsgegenstände entschieden, deren Werte nicht zusammenzurechnen sind, ist die Revisionszulässigkeit für jeden einzelnen Entscheidungsgegenstand gesondert zu beurteilen (§ 55 Abs 4 JN). Eine Zusammenrechnung der einzelnen Ansprüche gemäß § 55 Abs 1 Z 1 JN kommt nur in Frage, wenn diese in einem tatsächlichen oder rechtlichen Zusammenhang stehen (RIS-Justiz RS0042741). Dabei ist vom Vorbringen des Klägers auszugehen (RS0042741; RS0106759). Gegenforderungen sind irrelevant (vgl RS0042639 [T5]).
Ein tatsächlicher oder rechtlicher Zusammenhang liegt nur vor, wenn jeder der mehreren Ansprüche für sich und unabhängig von den anderen nicht bestehen kann oder wenn die Forderungen aus einer gemeinsamen Tatsache oder einem gemeinsamen Rechtsgrund entstanden sind (RS0037905). Der tatsächliche oder rechtliche Zusammenhang wird nicht allein durch den Umstand hergestellt, dass es sich um gleichartige Leistungen des Anspruchsberechtigten handelt oder dass mehrere Ansprüche einer Person gegen ein und denselben Gegner bestehen; Honoraransprüche eines Rechtsanwalts stehen dann in einem Zusammenhang, wenn die Leistungen aufgrund eines einheitlichen Auftrags erfolgten oder eine Gesamtzahlungsverpflichtung vorliegt. Es kommt darauf an, ob dem beauftragten Rechtsanwalt mehrere Aufträge erteilt wurden und nicht darauf, ob diesen Aufträgen eine oder mehrere Vollmachten zugrunde liegen (RS0110872).
2. Anhaltspunkte für einen tatsächlichen oder rechtlichen Zusammenhang lassen sich dem Vorbringen des Klägers nicht entnehmen. Bei den mit der Klage begehrten Beträgen handelt es sich um das Honorar des klagenden Rechtsanwalts gegenüber seinem früheren Mandaten für die Vertretung in zwei verschiedenen Gerichtsverfahren. Das Mandat für die Vertretung in dem vor dem Handelsgericht Wien geführten Aktivprozess war dem Kläger vom Beklagten im Jahr 2013 erteilt worden. Die Vertretung in dem gegen den Beklagten angestrengten Verfahren vor dem Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien erfolgte aufgrund eines anderen und erst im Jahr 2016 erteilten Auftrags. Der Entscheidungsgegenstand des Berufungsgerichts für das zuletzt genannte Verfahren übersteigt 5.000 EUR nicht.
Die außerordentliche Revision ist daher insoweit gemäß § 502 Abs 2 ZPO jedenfalls unzulässig.
II.1. Der Entscheidungsgegenstand, über den das Berufungsgericht betreffend das Honorar für die Vertretung im vor dem Handelsgericht Wien geführten Verfahren zu entscheiden hatte, übersteigt zwar 30.000 EUR, weshalb dem Obersten Gerichtshof insofern die Entscheidungsbefugnis über die außerordentliche Revision zukommt (§ 502 Abs 3 ZPO), jedoch zeigt der Beklagte in seiner Revision keine erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 502 Abs 1 ZPO auf.
2. Die behauptete Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens wurde geprüft; sie liegt nicht vor (§ 510 Abs 3 ZPO). Das Berufungsgericht hielt jene Feststellungen, derentwegen der Beklagte eine Verfahrensergänzung für notwendig hielt, aufgrund seiner rechtlichen Beurteilung für nicht entscheidungserheblich. In einem solchen Fall könnte allenfalls ein der Rechtsrüge zuzuordnender „sekundärer Verfahrensmangel“ vorliegen.
3. Seinen Überlegungen zur angeblich unrichtigen rechtlichen Beurteilung der Klageforderung legt der Beklagte zugrunde, dass das Vertragsverhältnis zwischen ihm und seinem Rechtsvertreter „nach Werkvertragsregeln“ zu beurteilen sei. Darauf aufbauend spricht er „Preisminderungsansprüche“ an. Er kann aber auf Basis der von ihm angestellten Überlegungen zur Vereinbarung einer besonderen und zur vereinbarten Honorierung nach dem RATG hinzutretenden Vergütung (die das Erstgericht nicht zuerkannte) nicht nachvollziehbar machen, warum allein deswegen das Mandat zur Prozessführung als Werkvertrag zu beurteilen sein sollte oder „analog Werkvertragsregeln“ zur Anwendung gelangen könnten. Damit erschließt sich nicht, warum ein – in erster Instanz gar nicht geltend gemachter – „berechtigter Preisminderungsanspruch“ bestehen oder der Anspruch des Klägers nicht fällig sein sollte.
Wenn nach der Rechtsprechung des Höchstgerichts das Verbot der quota litis dazu führt, dass mangels erlaubter Vereinbarung nur tarifmäßige Vertretungskosten begehrt werden dürfen (RS0038729), liegt darin, dass die Vorinstanzen die hier sogar festgestellte (Grund-)Vereinbarung einer Abrechnung nach RATG aufrecht hielten (zu der allenfalls abhängig vom Prozesserfolg ein weiterer Betrag als „Bonus“ hätte hinzutreten sollen), keinesfalls eine erhebliche Rechtsfrage. Schon gar nicht ist nachvollziehbar, warum das gesamte Vertragsverhältnis nichtig sein sollte.
4. Auch die Beurteilung, dass es zu den Gegenforderungen keiner Beweisaufnahme bedarf, begegnet keinen Bedenken. Der Beklagte trägt in der Revision (deren Gegenstand Fehler des Berufungsgerichts sein sollten) vor, es habe das Erstgericht nicht erkannt, dass durch die Vertretungsmängel des Klägers „in den aufgezeigten Punkten ein Schaden bereits realisiert“ worden sei und verweist dazu auf seine (an früherer Stelle im Rechtsmittel enthaltenen) Ausführungen zur (angeblichen) Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens. Dort zitiert er aber zuerst bloß aus der Berufung, die sich denknotwendig – und hier auch ausdrücklich – nur auf die Unrichtigkeit des erstinstanzlichen Verfahrens oder der Entscheidung des Erstgerichts bezieht. Daran schließt ein pauschaler Vorwurf der Unrichtigkeit des Berufungsurteils unter Verwendung lediglich floskelhafter Formulierungen ohne konkrete Ausführungen an. Mit derart pauschalen Vorwürfen ist die Rechtsrüge aber nicht gesetzmäßig ausgeführt (vgl RS0043605 [T5]).
Für eine Befassung mit dem als Gegenforderung eingewendeten Schaden(-steil), der aus mehreren Unterlassungen des Klägers im Prozess vor dem Handelsgericht Wien resultieren und bereits entstanden sein soll (fehlendes Feststellungsbegehren, verspätete Ausdehnung, unterbliebene Einforderung des angeblich tatsächlich noch höheren [Schadens-]Betrags), hätte es insbesondere auf konkretem Sachsubstrat beruhender Behauptungen bedurft, aufgrund welcher konkreter Umstände für den Kläger (damals) das Bestehen eines rechtlichen Interesses an der Feststellung neben einer Leistungsklage (zu der sie in der Regel subsidiär ist RS0038849 [T5]; 7 Ob 83/17g mwN) ersichtlich gewesen wäre. Ein Verschulden an einer verspäteten Ausdehnung oder einer zu niedrigen Bezifferung der Klageforderung (den höheren Betrag führt der Beklagte auf ein zwei Gerichtsgutachten nachfolgendes und erst nach der Mandatsauflösung eingeholtes Privatgutachten zurück) könnte dem Kläger nur dann zur Last gelegt werden, wenn mit Sachsubstrat unterlegt vorgetragen (und bewiesen) worden wäre, aus welchen Gründen ihm (überhaupt oder früher) das Bestehen (oder der künftige Eintritt) eines höheren Schadens bekannt oder zumindest absehbar gewesen war oder hätte sein können. Da der Revisionswerber insoweit jede Konkretisierung unterlässt, vermag er nicht aufzuzeigen, dass ihm durch eine bereits eingetretene Verjährung – unabhängig vom Ausgang des Verfahrens – bereits ein vom Kläger verschuldeter Schaden entstanden wäre. Die Beurteilung des Berufungsgerichts, dass im Übrigen in Ansehung der Begehren der beiden bis zum Schluss der mündlichen Streitverhandlung noch nicht abgeschlossenen Prozesse mangels Entscheidung darüber noch kein Schaden eingetreten sein kann, kann der Revisionswerber mit seinen unkonkreten Ausführungen nicht entkräften.
Die Behauptung, es liege im Verfahren vor dem Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien bereits ein (nicht näher umschriebenes) rechtskräftiges Teilurteil vor, ist als im Revisionsverfahren unzulässige Neuerung unbeachtlich (§ 504 Abs 2 ZPO). Sollte mit dem Ausdruck „rechtskräftiges Teilurteil“ die zu 5 Ob 50/18s beschlossene Zurückweisung seines (von seiner nunmehrigen Rechtsvertreterin erhobenen) Rekurses gegen den Beschluss des Berufungsgerichts über die teilweise Aufhebung des Ersturteils gemeint sein, worauf er sich schon im Verfahren erster Instanz (mit der Behauptung, dadurch stünde bereits ein Schaden fest) bezogen hat, ist dieser Einwand nicht nachvollziehbar. In Bezug auf den vom Beklagten allein relevierten Wohnungseigentumsvertrag ist, wie sich aus der Entscheidung des fünften Senats ergibt, lediglich die (vom Berufungsgericht mit Teilurteil bestätigte) Abweisung des Hauptbegehrens rechtskräftig. Insoweit war der Beklagte im Prozess ohnehin erfolgreich. Dass er in der Folge aufgrund eines Endurteils über das (erst zu prüfende) Eventualbegehren, eine darin genannte (konkrete und bereits existente) Urkunde (nämlich den ihm angeblich nachteiligen Wohnungseigentumsvertrag) überhaupt wird unterfertigen müssen, steht wiederum noch nicht fest. Wenn er – wegen der anderen von ihm im Verfahren gegen die Unterfertigung dieses konkreten Vertrags erhobenen Einwände – nicht urteilsmäßig zur Unterfertigung dieser konkreten Urkunde verpflichtet werden sollte, mag allenfalls zwar zutreffen, dass er – letztendlich – (irgend-)einen anderen Wohnungseigentumsvertrag wird unterschreiben müssen. Warum er aber dann einer (auch) in dieser „neuen“ Urkunde enthaltenen, von ihm als nachteilig angesehenen bestimmten Klausel (19.1.) konkrete Einwände nicht mehr entgegenhalten können sollte, erschließt sich nicht. Der Umstand, dass er mangels konkretem Vorbringen zu dieser Klausel im Verfahren vor dem Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien die Unterfertigung dieser konkreten (verfahrensgegenständlichen) Urkunde nicht (allein darauf gestützt) verweigern kann, bedeutet noch nicht zwingend, dass er einer neu errichteten, anderen Urkunde nicht auf konkretem Sachvorbringen beruhende Einwände zur „Nichtigkeit“ einzelner Klauseln entgegenhalten könnte.
5. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200428_OGH0002_0010OB00036_20F0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00036.20F.0428.000
|
1Ob36/20f
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200428_OGH0002_0010OB00036_20F0000_000/JJT_20200428_OGH0002_0010OB00036_20F0000_000.html
| 1,588,032,000,000
| 946
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. G*****, vertreten durch Mag. Johannes Polt, Rechtsanwalt in Horn, gegen die beklagte Partei R***** GmbH, *****, vertreten durch Dr. Peter Schmautzer und Mag. Stefan Lichtenegger, LL.M., Rechtsanwälte in Wien, wegen 62.000 EUR sA, über die Revision der klagenden Partei und den (richtig:) Rekurs der beklagten Partei gegen das Teilurteil und den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 19. November 2019, GZ 133 R 69/19y-10, womit infolge der Berufung der klagenden Partei das Urteil des Landesgerichts Krems an der Donau vom 2. Mai 2019, GZ 6 Cg 147/18d-6, teilweise bestätigt und teilweise aufgehoben wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision und der Rekurs werden zurückgewiesen.
Beide Parteien haben die Kosten ihrer Rechtsmittelbeantwortungen selbst zu tragen.
Text
Begründung:
Der Kläger buchte bei der Beklagten eine „5-Sterne-Bildungsreise-Zypern“ als Pauschalreise. Teil des geplanten Reiseverlaufs war unter anderem der Besuch eines „faszinierenden Jahrhunderte alten Kunsthandwerks sowie einer Schmuckmanufaktur“. Wegen der von ihm getätigten Käufe von Teppichen und Schmuck, zu denen er durch unseriöse Praktiken verleitet worden sei, begehrt der Kläger Schadenersatz vom Reiseveranstalter in Höhe der geleisteten Anzahlungen. Er wirft der Beklagten vor, sie hätte ihn vor den manipulativen Verkaufsstrategien der Händler warnen müssen; dann hätte er die Reise nicht gebucht, jedenfalls aber keine Waren gekauft. Obwohl der ihr zuzurechnende Reiseleiter über „die konkreten Abläufe“ beim Teppichhändler und beim Juwelier „informiert/instruiert“ gewesen sei, habe er den Kauf von Teppichen und Schmuck mit der Begründung, dass diese Waren (staatlich) „subventioniert“ seien, als günstige Gelegenheit empfohlen.
Das Erstgericht wies das Klagebegehren ohne Durchführung eines Beweisverfahrens ab, weil sich aus den – daher nicht weiter zu prüfenden – Klagebehauptungen die vom Kläger begehrte Rechtsfolge nicht ableiten lasse. Die Ankündigung im Prospekt sei so zu verstehen gewesen, dass der Reiseveranstalter Exkursionen zu selbständigen Betrieben, nicht aber auch die Verkaufsveranstaltungen als seine Eigenleistung durchführe. Die behaupteten Vorgangsweisen der Verkäufer seien unter das „allgemeine Lebensrisiko“ einzuordnen.
Das Berufungsgericht bestätigte das Ersturteil im Umfang von 12.000 EUR sA (Teppichkauf), hob es aber im Übrigen (50.000 EUR sA [Schmuckkauf]) auf. Ausgehend davon, dass die vom Kläger behaupteten Tatsachen [vorerst] für wahr zu halten seien und hypothetisch zu überlegen sei, ob der Anspruch dann bestünde, bejahte es bei den Vorgängen anlässlich des Kaufs von Schmuck die Schlüssigkeit des Klagebegehrens. Dazu sei der Beklagten eine Warnpflichtverletzung anzulasten, nicht aber beim behaupteten Ablauf des Kaufs von Teppichen.
Entgegen dem – den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (§ 508a Abs 1 ZPO, § 526 Abs 2 Satz 2 ZPO) – Ausspruch des Berufungsgerichts sind weder die Revision des Klägers noch der Rekurs der Beklagten zulässig, was nur einer kurzen Begründung bedarf ([§ 528a iVm] § 510 Abs 3 ZPO):
Rechtliche Beurteilung
1. Beide Parteien stellen in ihren Rechtsmitteln nicht in Frage, dass – wie das Berufungsgericht seinen Ausführungen einleitend voranstellte – die (Teppich- und Schmuck-)Händler im Zusammenhang mit den vom Kläger mit ihnen jeweils abgeschlossenen Käufen nicht als Erfüllungsgehilfen des Reiseveranstalters anzusehen sind.
2. Ebensowenig bezweifeln sie (wiederum zu Recht), dass auch der Reiseveranstaltungsvertrag grundsätzlich Schutz- und Sorgfaltspflichten als Nebenpflichten umfasst, die vom Reiseveranstalter wahrzunehmen sind (vgl etwa 1 Ob 158/16s; zur Warnpflicht über mit der Reise verbundene Gefahren: 4 Ob 130/09k [Reisetermin während der Hurrikansaison]).
Eine Pflicht aufzuklären (als Ausfluss von vertraglichen Schutz- und Sorgfaltspflichten), wird dann angenommen, wenn der Vertragspartner nach den Grundsätzen des redlichen Geschäftsverkehrs eine Aufklärung erwarten durfte, insbesondere wenn ihm ansonsten ein Schaden droht (vgl RIS-Justiz RS0111165; RS0014811 [bes T5]; RS0016390). Die von den Umständen des Einzelfalls abhängige Lösung der Frage des Bestehens oder Umfangs von vertraglichen Nebenpflichten begründet im Regelfall keine erhebliche Rechtsfrage (vgl RS0014811 [T12]; RS0048335 [T4, T6]; RS0111165 [T1, T3]).
3. Das Berufungsgericht verneinte – ausgehend vom Klagevorbringen – das Bestehen einer Warnpflicht bei den Teppichkäufen, weil der Kläger dazu nicht einmal behauptet habe, dass die Werte der Leistungen und Gegenleistungen in einem Missverhältnis gestanden seien. Er habe zwar den Begriff List an verschiedenen Stellen verwendet, dieser sei jedoch nicht von konkreten Tatsachenbehauptungen begleitet worden. Seinem Vorbringen habe sich nicht entnehmen lassen, dass seine Willensfreiheit eingeschränkt („verdünnt“) gewesen wäre. Er habe auch nicht vorgebracht, dass er unter Druck gesetzt worden wäre oder aus Furcht gehandelt habe. Diese Beurteilung kann der Kläger mit Ausführungen dazu, dass er zum Ankauf „wertloser“ bzw „minderwertiger/geringwertiger“ Teppiche verleitet und zwischenzeitig entgegen den Zusicherungen mit Steuerforderungen konfrontiert worden sei, nicht erschüttern, weil sie gegen das Neuerungsverbot (§ 482 Abs 1, § 504 Abs 2 ZPO) verstoßen, was auch für die weitere Behauptung gilt, der Beklagten sei bekannt gewesen, dass die Händler sich bei „rechtzeitigem Widerruf“ weigerten, geleistete Beträge zurückzuzahlen.
4. Zum Schmuckkauf ging das Berufungsgericht dagegen davon aus, dass die Beklagte als Reiseveranstalterin eine Warnpflicht gegenüber den Reisenden getroffen hätte, wenn sie [oder der ihr zuzurechnende Reiseleiter] in Kenntnis darüber gewesen wäre, dass der Schmuckhändler nahezu wertlose „Geschenke“ mache, um diese später mit nicht unbeträchtlichen Beträgen in Rechnung zu stellen, insbesondere dann, wenn sie die Schmuckkäufe den Reisenden (auch) noch empfohlen hätte. Mit diesen zur Begründung ihrer Warnpflicht vom Berufungsgericht herangezogenen (vorerst für wahr zu haltenden) Umständen setzt sich die Beklagte, indem sie im Rekurs argumentiert, es sei üblich auf Reisen Geschenke zu kaufen, und pauschal behauptet, sie sei für das Kaufverhalten ihrer eigenberechtigten Kunden nicht verantwortlich zu machen, gar nicht auseinander. Damit kann auch sie eine erhebliche Rechtsfrage in ihrem Rekurs nicht aufzeigen.
5. Die Kostenentscheidung beruht auf § 40 iVm § 50 ZPO. Für ein nicht zulässiges Rechtsmittel steht Kostenersatz nicht zu. Die Beklagte hat auf die fehlende Zulässigkeit der Revision nicht hingewiesen (und auch nur beantragt, ihr nicht Folge zu geben). Der Kläger hat in seiner (richtig) Rekursbeantwortung zwar den Antrag gestellt, „der Oberste Gerichtshof wolle die Revision zurückverweisen“, aber nicht ausgeführt, dass (oder warum) das Rechtsmittel der Beklagten nicht zulässig ist. Die Rechtsmittelbeantwortungen können daher nicht als zweckentsprechende Rechtsverfolgungs- bzw -verteidigungsmaßnahmen angesehen werden (RS0035962 [T16]; RS0035979 [T6, T9]).
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00038_20Z0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00038.20Z.0226.000
|
1Ob38/20z
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00038_20Z0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00038_20Z0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 658
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei K***** GmbH & Co KG, *****, vertreten durch Mag. Thomas Hansa, Rechtsanwalt in Freistadt, wider die beklagte Partei C***** GmbH, *****, vertreten durch Dr. Klaus Schimik, Rechtsanwalt in Wien, wegen 82.028 EUR sA, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 20. Dezember 2019, GZ 5 R 131/19z-31, mit dem das Urteil des Handelsgerichts Wien vom 18. August 2019, GZ 18 Cg 37/18g-27, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1. Die Beklagte stützt ihren gegen den Werklohnanspruch der Klägerin erhobenen Einwand in dritter Instanz – ohne dazu eine einzige (materiell-rechtliche) Norm, Entscheidung oder Lehrmeinung ins Treffen zu führen – primär darauf, die (Vergleichs-)Vereinbarung vom 13. 2. 2018 über das der Klägerin zu bezahlende Entgelt von (brutto) 82.028 EUR erfolgreich wegen Irrtums über die – dem Vergleichsabschluss zugrunde gelegte – Mangelfreiheit der Werkleistung der Klägerin angefochten zu haben.
1.2. Ob die genannte Vereinbarung aus diesem Grund überhaupt angefochten werden kann oder sich der Vergleich auch auf die Frage der Mangelhaftigkeit der von der Klägerin erbrachten Leistungen bezog (und insoweit nicht angefochten werden könnte; vgl RS0032543 [T9]), muss aber nicht beurteilt werden (vgl RS0118709), weil das Berufungsgericht die Irrtumseinrede auch mit der selbstständig tragfähigen und in dritter Instanz nicht substantiiert bekämpften Begründung verwarf, die Beklagte sei – da das Werk der Klägerin (soweit es vor ihrem Vertragsrücktritt erbracht wurde) dem Vertrag entsprach – insoweit gar keinem Irrtum unterlegen.
1.3. Soweit die Revisionswerberin behauptet, ihr Geschäftsführer sei bei Auftragserteilung davon ausgegangen, dass das für ihre Liegenschaft erstellte „Wasserableitungskonzept“ von der Klägerin umgesetzt werde, widerspricht dies der Feststellung, wonach die Beklagte dieses Konzept trotz mehrfacher Warnungen gerade nicht umsetzen wollte und sie eine solche Umsetzung durch die Klägerin daher nicht beauftragt hat. Die Rechtsrüge ist auch insoweit nicht gesetzmäßig ausgeführt (RS0043603), als behauptet wird, dem Geschäftsführer der Beklagten sei nicht bewusst gewesen, dass die Klägerin für die beauftragte Errichtung von (Naturstein-)Mauern keine Gewähr übernommen habe. Das Erstgericht stellte dazu genau das Gegenteil fest, nämlich dass die Beklagte auf der Errichtung solcher Mauern bestand, obwohl sie von der Klägerin darauf hingewiesen wurde, dass dafür – weil diese nur bis zu einer bestimmten (hier überschrittenen) Höhe geeignet seien – keine Gewährleistung übernommen werden könne.
2. Was die Revisionswerberin daraus ableiten möchte, dass der Vergleich vom [richtig] 13. 2. 2018 nicht (offenbar gemeint: hinsichtlich der dort – allerdings erst nach [nicht erfolgter] Zahlung durch die Beklagte – vorgesehenen Übergabe einer Bankgarantie durch die Klägerin) umgesetzt worden, es zu „umfangreichen Folgeverhandlungen“ (zu deren Inhalt die Revision jedoch schweigt) gekommen und noch „keine endgültige Einigung“ erzielt worden sei, sodass der Vergleich „nicht als abschließend betrachtet werden und keine allumfassende Bereinigungswirkung entfalten könne“, bleibt unklar. Dass keine (mündliche) Vereinbarung über das der Klägerin für ihre (Teil-)Leistungen zu zahlende Entgelt getroffen worden wäre, widerspricht den erstinstanzlichen Feststellungen. Weshalb der Vergleich nicht bindend sein sollte, vermag die Revision nicht darzulegen. Darauf, ob die Klägerin ihren über den Vergleichsabschluss erstellten Aktenvermerk an die Beklagte übermittelt hat, kommt es nicht an.
3.1. Ihre Gegenforderung leitet die Beklagte daraus ab, dass ihr durch die Beseitigung behaupteter Mängel des Werks der Klägerin Kosten entstanden seien. Warum die Leistungen der Klägerin mangelhaft gewesen sein sollen, vermag die Revision auf Grundlage des festgestellten Sachverhalts aber nicht aufzuzeigen. Dass die Klägerin verpflichtet gewesen wäre, eine „ausreichende Wasserableitung“ herzustellen, widerspricht der Feststellung, wonach sich die Beklagte entgegen mehrfacher Warnungen ausdrücklich gegen eine Umsetzung des für ihre Liegenschaft erarbeiteten „Wasserableitungskonzepts“ aussprach und die Klägerin damit nicht beauftragte.
3.2. Soweit die Revisionswerberin die unterlassene Einholung eines Sachverständigengutachtens zur Frage der Mangelhaftigkeit der von der Klägerin erbrachten Leistungen kritisiert, ist sie darauf hinzuweisen, dass – wie hier – vom Berufungsgericht nicht als solche anerkannte erstinstanzliche Verfahrensmängel in dritter Instanz nicht mehr geltend gemacht werden können (RS0042963). Der Revision fehlt es im Übrigen auch an der erforderlichen Darstellung der Relevanz des behaupteten Verfahrensfehlers (vgl RS0043049 [T6] = RS0116273 [T1]).
4. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200416_OGH0002_0010OB00039_20X0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00039.20X.0416.000
|
1Ob39/20x
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00039_20X0000_000/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00039_20X0000_000.html
| 1,586,995,200,000
| 1,262
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei ***** Dr. A***** E*****, vertreten durch Dr. Georg Watschinger, Rechtsanwalt in Ried im Innkreis, gegen die beklagte Partei Republik Österreich (Bund), vertreten durch die Finanzprokuratur in Wien, sowie die Nebenintervenienten auf Seite der beklagten Partei 1. ***** Universität *****, 2. ***** Dr. W***** S*****, 3. ***** Dr. K***** G*****, 4. ***** Dr. F***** M*****, und 5. ***** Dr. W***** K*****, vertreten durch die Hochedlinger Luschin Marenzi Kapsch Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen 228.624,60 EUR sA und Feststellung, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 13. Jänner 2020, GZ 14 R 69/19y-270, mit dem das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 2. April 2019, GZ 31 Cg 30/10z-265, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Gibt das Berufungsgericht die Feststellungen des Erstgerichts unrichtig wieder und legt sie seiner rechtlichen Beurteilung zugrunde, verwirklicht dies eine Aktenwidrigkeit. Sie ist dadurch zu bereinigen, dass der Oberste Gerichtshof bei seiner Prüfung von den tatsächlichen Feststellungen des Erstgerichts ausgeht (RIS-Justiz RS0110055; RS0116014). Die offenbar irrtümliche Wiedergabe der erstinstanzlichen Feststellungen in der rechtlichen Beurteilung des Berufungsgerichts, dass sich die Klägerin im Herbst 2010 aus dem täglichen Routinebetrieb zurückzog und nur mehr an den Morgenbesprechungen teilnahm, ist dahin zu korrigieren, dass dieses Verhalten bereits ab Herbst 2007 erfolgte. Eine Änderung der rechtlichen Beurteilung ergibt sich dadurch nicht.
2. Das Erstgericht wies umfangreiches Vorbringen, das die Klägerin im Schriftsatz vom 19. 12. 2018 erstattet hatte, gemäß § 179 ZPO zurück. Das Berufungsgericht erkannte darin keine Mangelhaftigkeit des erstinstanzlichen Verfahrens und hielt im Rahmen der rechtlichen Beurteilung fest, dass auf das Berufungsvorbringen der Klägerin zu Art 31 Abs 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (GRC) schon deshalb nicht einzugehen sei, weil dieses Vorbringen vom Erstgericht zurückgewiesen worden sei. Die Revisionswerberin releviert als zweitinstanzlichen Verfahrensmangel, dass sich das Berufungsgericht mit ihrer Berufung auf Art 31 Abs 1 GRC auseinandersetzen hätte müssen, handle es sich dabei doch um „Rechtsvorbringen“, das im bisherigen Tatsachenvorbringen Deckung gefunden habe. Inhaltlich macht die Klägerin damit aber eine unrichtige rechtliche Beurteilung und keinen Mangel des Berufungsverfahrens geltend.
3.1. Beim Mobbing handelt es sich um eine konfliktbelastete Kommunikation am Arbeitsplatz unter Kollegen und Kolleginnen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen („Bossing“), bei der die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder mehreren Personen systematisch, oft und während längerer Zeit mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Ausstoßes aus dem Arbeitsverhältnis direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet (1 Ob 56/18v mwN). Für Mobbing ist das systematische, ausgrenzende und prozesshafte Geschehen typisch, etwa durch systematische Verweigerung jeder Anerkennung, Isolation, Zurückhalten von Informationen, Rufschädigung und dergleichen (RS0124076 [T2]). In der jüngeren Rechtsprechung wurde auch betont, dass es darauf ankommt, ob die vom Vorgesetzten gesetzten Maßnahmen objektiv geeignet waren, beim Untergebenen einen Effekt des Verdrängens aus dem Arbeitsverhältnis zu bewirken, auch wenn darauf nicht abgezielt wurde (RS0124076 [T7]). Die Beurteilung, ob Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz Mobbing (oder „Bossing“) zugrundeliegt, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab (vgl RS0124076 [T4, T6]). Mangels einer über den Anlass hinausreichenden Aussagekraft von Einzelfallentscheidungen steht die Revision zur Überprüfung nach § 502 Abs 1 ZPO nicht offen, es sei denn, dem Berufungsgericht wäre bei seiner Entscheidung eine Fehlbeurteilung unterlaufen, die zur Wahrung der Rechtssicherheit einer Korrektur bedürfte. Das ist hier nicht der Fall.
3.2. Wenn die Vorinstanzen den vom Erstgericht auf mehr als 80 Seiten festgestellten Sachverhalt zur Situation der Klägerin auf ihrem Arbeitsplatz und zum Verhalten des Fünftnebenintervenienten als ihres Vorgesetzten über mehrere Jahre übereinstimmend dahin werteten, dass kein systematisches, ausgrenzendes und prozesshaftes Mobbinggeschehen gegenüber der Klägerin bestanden hat, haben sie den ihnen zukommenden Beurteilungsspielraum nicht verlassen. Deren Wertung, dass die Verhaltensweisen des Fünftnebenintervenienten – entgegen der Einschätzung der Klägerin, die eine Reihe von Vorfällen als gegen sich gerichtet wahrgenommen hatte – keine gegen sie gerichtete Schlechterbehandlung mit sich gebracht habe, weil er sie nicht anders behandelt habe als die anderen Ärzte auch, und – etwa wenn er sie nicht grüßte – dies ohne Absicht (etwa, sie zu ignorieren), sondern vielmehr aus Unaufmerksamkeit oder als Ausdruck seines üblichen Verhaltens geschah, ist mangels objektiver Anhaltspunkte für ein Mobbingverhalten nicht zu beanstanden. Der Kern und Ursprung der Probleme, die die Klägerin in der medizinischen Abteilung gehabt hatte, lag – so das Berufungsgericht ohne Fehlbeurteilung – in der Einteilung zu Operationen nach einem neuen System ab Herbst 2006 und der fehlenden Möglichkeit, Patienten durchgehend zu betreuen, in Verbindung mit ihrer ganz anders gelagerten Erwartungshaltung. Die von der Revisionswerberin angeschnittene Frage, ob Mobbing auch durch „Gleichbehandlung bei gebotener Ungleichbehandlung“ stattfinden könne, stellt sich nicht. Ihre Überlegung, sie wäre etwa in Bezug auf das Diensteinteilungssystem – als einzige Ärztin – anders als ihre Kollegen zu behandeln gewesen, weil sie einerseits besonders sensibel, andererseits mit einer „anderen Weltanschauung“ massiv unter der beruflichen Situation gelitten habe und zwar mehr als die anderen, führt nicht zur Qualifikation dieser sachlich begründeten organisatorischen Maßnahme, die von der Klägerin in Frage gestellt wird, als Mobbing, kommt es doch auf die objektive Eignung und nicht auf ihr subjektives Empfinden an. Wenn sie einzelne Verhaltensweisen herausgreift und diese als Mobbinghandlungen qualifiziert sehen will, übergeht sie einerseits den viel umfangreicher festgestellten Sachverhalt und vermag andererseits nicht aufzuzeigen, dass die festgestellten Vorfälle in ihrer Gesamtheit objektiv eine gegen sie als Ärztin gerichtete Ausgrenzungseignung gehabt hätten, weil es an einem systematischen Geschehen und der notwendigen Zielrichtung fehlt. Über die Klägerin wurde nach den Feststellungen weder ein Operationsverbot verhängt, noch ist ihre im Vergleich zu den anderen in der Abteilung tätigen Ärzten geringere Zahl durchgeführter (anspruchsvoller) Operationen auf das Diensteinteilungssystem an sich zurückzuführen, sondern allein auf ihre selbst abgelehnte Teilnahme an diesem Organisationsschema, auf das hohe Ausmaß ihrer auch krankheitsbedingten Abwesenheiten sowie auf die Einschätzung ihrer chirurgischen Fähigkeiten durch ihre Vorgesetzten im Hinblick auf die in der Abteilung angestrebte und letztlich auch erreichte internationale Spitzenstellung.
4. Die behauptete Diskriminierung der Revisionswerberin aufgrund ihrer „Weltanschauung“ bzw „sonstigen Anschauung“ im Sinn des „§ 8 B-GlBG“ (gemeint wohl: § 13 Abs 1 B-GlBG), des Art 1 der Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. 11. 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf bzw des Art 21 GRC liegt schon deshalb nicht vor, weil ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Diensteinteilungssystem auch bei einem weiten Begriffsverständnis weder dem einen noch dem anderen Ausdruck unterstellt werden kann.
5. Zur in der Revision behaupteten Missachtung des Förderungsgebots nach § 45 Abs 1 BDG bzw des § 11 B-GlBG enthielt die Berufung der Klägerin keine inhaltlichen Ausführungen, sodass diese Punkte in der Revision nicht mehr erfolgreich geltend gemacht werden können (RS0043352 [T27, T37]).
6. Nach den Feststellungen bewarb sich die Klägerin zu keinem Zeitpunkt während des zu beurteilenden Zeitraums auf eine bestimmte andere Stelle. Die Beurteilung des Berufungsgerichts, wonach ihr Recht auf Freizügigkeit gemäß Art 45 AEUV nicht verletzt sei, ist nicht zu beanstanden. Sie wurde nicht durch Mobbinghandlungen daran gehindert, ihren Operationskatalog zu erweitern. Vielmehr verfügte sie nur über ein eingeschränktes Operationsspektrum und konnte insbesondere keine Lungentransplantationen durchführen; der Grund für die geringere Anzahl (anspruchsvoller) Operationen lag nicht zuletzt auch in ihren langen Abwesenheiten und in der fachlichen – keineswegs unsachlichen – Einschätzung ihrer chirurgischen Fähigkeiten durch ihre Vorgesetzten, weswegen sie in dieser Hinsicht auch nicht speziell gefördert wurde. Sie vermag auch nicht darzulegen, inwiefern sie in ihrer Berufsfreiheit gemäß Art 15 GRC verletzt worden sein soll und eine – über das behauptete, aber nicht erwiesene Mobbing hinausgehende – Verletzung gerechter und angemessener Arbeitsbedingungen gemäß Art 31 GRC vorliegen soll. Ihre Anregung, dem EuGH bestimmte Fragen zur Vorabentscheidung vorzulegen, ist nicht nachzukommen, weil es sich dabei um die Klärung abstrakter Rechtsfragen handeln würde, die für die konkrete rechtliche Beurteilung nicht von Relevanz sind.
7. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200326_OGH0002_0010OB00042_20P0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00042.20P.0326.000
|
1Ob42/20p
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200326_OGH0002_0010OB00042_20P0000_000/JJT_20200326_OGH0002_0010OB00042_20P0000_000.html
| 1,585,180,800,000
| 2,995
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei T***** S*****, vertreten durch Dr. Johannes Öhlböck, LL.M., Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Ö***** Verband, *****, vertreten durch Mag. Gernot Schaar, Rechtsanwalt in Wien, wegen 29.760,31 EUR sA, über den Revisionsrekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Linz als Rekursgericht vom 9. Jänner 2020, GZ 6 R 172/19k-20, mit dem der Beschluss des Landesgerichts Linz vom 22. November 2019, GZ 1 Cg 39/19d-16, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Beschlüsse der Vorinstanzen werden aufgehoben. Dem Erstgericht wird die neuerliche Entscheidung unter Abstandnahme vom Zurückweisungsgrund der Unzulässigkeit des Rechtswegs aufgetragen.
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Der Kläger ist „Kaderathlet“ des beklagten Vereins ([Dach-]Verbands; § 1 Abs 5 Satz 2 VerG 2002), nicht aber dessen Mitglied. Die Parteien schlossen 2013 eine „Athletenvereinbarung“ ab, die in Punkt 4.5 vorsieht, dass für den „Kaderathleten“ eine Jahreslizenz beim beklagten Verband verpflichtend ist. Eine solche Jahreslizenz kann nur von einem Mitgliedsverein des Beklagten über die Online-Datenbank beantragt werden.
Mit der am 2. 4. 2019 erhobenen Klage begehrt der Kläger die Rückerstattung von Kosten, die er im Jahr 2017 und 2018 für die Teilnahme an Wettkämpfen vorfinanziert habe. Entgegen der „Athletenvereinbarung“ habe der Beklagte lediglich einen Betrag von 1.284,35 EUR überwiesen.
Der Beklagte wendete zunächst die Unzulässigkeit des ordentlichen Rechtswegs ein. Es sei das in der „Athletenvereinbarung“ genannte „Tribunal Arbitral du Sport“ (CAS) in Lausanne anzurufen. Im Übrigen schulde er dem Kläger nichts.
Im ersten Rechtsgang wies das Erstgericht die Klage wegen „Unzulässigkeit des Rechtswegs und sohin wegen sachlicher Unzuständigkeit“ zurück. Auf das Schiedsverfahren vor dem CAS in Lausanne sei nicht verzichtet worden. Das Rekursgericht gab dem vom Kläger erhobenen Rekurs Folge und änderte den angefochtenen Beschluss dahin ab, dass es die vom Beklagten erhobene Einrede des Fehlens der sachlichen Zuständigkeit verwarf. Dem Erstgericht wurde die Fortsetzung des Verfahrens unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund, insbesondere zur Prüfung der Zulässigkeit des Rechtswegs, aufgetragen. Das Rekursgericht ging in seiner Begründung davon aus, dass das Erstgericht aufgrund des einvernehmlichen Abgehens von der getroffenen Schiedsklausel für die vom Kläger erhobenen privatrechtlichen Ansprüche zuständig sei. Allerdings sei vor Eingehen in die Hauptsache noch die Frage der in § 8 Abs 1 VerG 2002 normierten Unzulässigkeit des Rechtswegs zu prüfen; die dafür (allein) maßgeblichen Klagsangaben seien unvollständig und ergänzungsbedürftig. Es liege ein starkes Indiz dafür vor, dass es sich beim beklagten Verband um einen Verein nach dem österreichischen Vereinsgesetz handle. Die Nichteinhaltung des gemäß § 8 Abs 1 VerG 2002 vorzusehenden vereinsinternen Instanzenzugs bei Streitigkeiten aus dem Vereinsverhältnis begründe Unzulässigkeit des Rechtswegs. Der Begriff der Streitigkeit aus dem Vereinsverhältnis sei auf alle privatrechtlichen Streitigkeiten zwischen Vereinsmitgliedern und dem Verein oder Vereinsmitgliedern untereinander auszudehnen, sofern sie mit dem Vereinsverhältnis im Zusammenhang stünden. Dabei sei allein maßgeblich, ob eine vermögensrechtliche Streitigkeit in der Vereinsmitgliedschaft wurzle. Beruhe der Anspruch jedoch auf einem selbständigen vertraglichen Schuldverhältnis, für dessen Zustandekommen die Vereinszugehörigkeit nicht denknotwendige Voraussetzung sei, liege seine Grundlage nicht im Vereinsverhältnis, sondern in dem zwischen den Parteien abgeschlossenen Vertrag. Bei Streitigkeiten mit bloß vertraglich an das Verbandsregelwerk gebundenen Personen bestehe also weiterhin keine gesetzliche Pflicht zur Anrufung der Schlichtungsstelle. Es sei jedoch wenig sachgerecht, wenn die Schlichtungseinrichtung bloß deshalb nicht anzurufen und der Rechtsweg im Ergebnis sofort zulässig wäre, weil die Vereinsstruktur allenfalls mehrstufig organisiert sei. Da der Kläger einen Anspruch gegen den beklagten Verband behaupte, sei es auch unproblematisch, dass dafür die Schlichtungseinrichtung beim Beklagten zuständig sei. Von der temporären Unzulässigkeit des Rechtswegs werde lediglich dann eine Ausnahme gemacht, wenn die vorherige Anrufung der vereinsinternen Schlichtungsstelle für die betroffene Partei nicht zumutbar sei. Die abgeschlossene „Athletenvereinbarung“ sehe vor, dass für den „Kaderathleten“ eine Jahreslizenz beim beklagten Verband verpflichtend sei. Aus dem aktuellen Informationsblatt zur Lizenzausstellung ergebe sich, dass eine solche Jahreslizenz nur von einem „Ö*****-Mitgliedsverein“ über die Online-Datenbank beantragt werden könne. Habe die Jahreslizenz nur von einem Mitgliedsverein des beklagten Verbands beantragt werden können, liege es nahe anzunehmen, dass die Mitgliedschaft des Klägers bei einem solchen (Basis-)Verein Voraussetzung für die Erlangung der Jahreslizenz sei. Insofern läge bei einer allfälligen Mitgliedschaft des Klägers bei einem „Ö*****-Mitgliedsverein“ eine in der Vereinsmitgliedschaft wurzelnde vermögensrechtliche Streitigkeit in einer mehrstufig organisierten Vereinsstruktur vor. Dem Kläger sei mittels Verbesserungsverfahren Gelegenheit zu geben, in Entsprechung der ihn treffenden Wahrheits- und Vollständigkeitspflicht jene Umstände anzugeben, aus denen sich ergeben solle, dass für den erhobenen Anspruch eine Vereinszugehörigkeit (zu einem Mitgliedsverein des Beklagten) nicht denknotwendig Voraussetzung sei. Nur dann, wenn er seinen Anspruch vom Vereinsverhältnis unabhängig geltend machen könne, dieser also in gleicher Weise auch von einem Nichtmitglied erhoben werden könne, liege keine Streitigkeit aus dem Vereinsverhältnis vor.
In der darauf erstatteten Äußerung brachte der Kläger vor, dass gemäß § 4 der Statuten des Beklagten dieser aus den Landesverbänden, den fördernden Mitgliedern sowie den Ehrenmitgliedern und dem Ehrenpräsidenten als unmittelbaren Mitgliedern bestehe. Bei unzureichender Umsetzung des Prinzips der mehrfachen (Satzung-)Verankerung oder bei Sportlern, die keinem Verein als Mitglied angehören, könne die Bindung an das Fachverbandsregelwerk nicht aus der satzungsrechtlichen Konstruktion abgeleitet werden. Eine Anerkennung der entsprechenden Bestimmungen sei einzelvertraglich in der Ausformung eines Teilnahmevertrags, eines Lizenzvertrags oder eines individuell ausgehandelten Einzelvertrags möglich. Mit Abschluss eines Lizenzvertrags entstehe eine gesteigerte rechtliche Nahebeziehung des Sportler zum Fachverband. Er werde zwar in gewisser Weise in dessen Organisation eingebunden, doch kämen ihm im Unterschied zu den unmittelbaren Mitgliedern keine „Organschaftsrechte“ zu. Gegenüber dem Beklagten könnten einzelnen Sportlern über Teilnahmeverträge, Lizenzverträge oder einen individuell ausgehandelten Einzelvertrag Rechte wie die klagsgegenständliche Forderung erwachsen. Eine Vereinszugehörigkeit zu einem Mitgliedsverein des Beklagten sei dafür keine zwingende Voraussetzung. Beruhe der Anspruch auf einem selbständigen vertraglichen Schuldverhältnis, wie hier der „Athletenvereinbarung“, liege seine Grundlage nicht im Vereinsverhältnis, sondern in dieser Vereinbarung. Es liege keine Vereinsstreitigkeit vor. Damit bestehe keine gesetzliche Pflicht zur Anrufung der Schlichtungsstelle im Sinn des § 8 VerG 2002.
Das Erstgericht wies im zweiten Rechtsgang die Klage wegen Unzulässigkeit des Rechtswegs zurück. In seiner Begründung verwies es auf die Ausführungen des Rekursgerichts im ersten Rechtsgang. Es liege nahe, dass der Kläger Vereinsmitglied sein müsse, um die Jahreslizenz zu erlangen. Dass dies nicht der Fall sei, lege er nicht dar und behaupte Derartiges trotz aufgetragener Verbesserung nicht. Eine Vereinsmitgliedschaft zur Erlangung einer Jahreslizenz sei wohl unstrittig; der naheliegenden Vermutung des Rekursgerichts werde seitens des Klägers nicht entgegengetreten. Daher sei als zugestanden anzusehen, dass er ein Vereinsmitglied sein müsse, um diese Jahreslizenz zu erlangen. Für die Gültigkeit der zwischen den Parteien getroffenen Vereinbarung sei eine Jahreslizenz erforderlich, die Jahreslizenz bekomme aber nur ein Vereinsmitglied. Daraus folge, dass die Vereinsmitgliedschaft für den geltend gemachten Anspruch, der auf die „Athletenvereinbarung“ gestützt werde, zwingende Voraussetzung sei. Ein Nichtmitglied könne gestützt auf eine solche Vereinbarung nicht die vom Kläger geltend gemachten Ansprüche begehren. Es liege daher eine Streitigkeit vor, die ihre Wurzeln in der Vereinszugehörigkeit habe. Dass der Kläger kein Vereinsmitglied sei, werde ohnehin nicht behauptet. Die Nichteinhaltung des vereinsinternen Instanzenzugs, dessen Einhaltung auch gar nicht behauptet werde, begründe bei Streitigkeiten aus dem Vereinsverhältnis die Unzulässigkeit des Rechtswegs. Das Verbesserungsverfahren sei auf einen einmaligen Verbesserungsversuch beschränkt. Die allgemeinen Ausführungen des Klägers, die nicht auf den konkreten Fall eingingen, vermögen keine Zulässigkeit des Rechtswegs zu begründen.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Klägers nicht Folge. Rechtlich führte es aus, der Kläger sei die von der Rechtsprechung geforderten konkreten Angaben, etwa aufgrund welcher vereinsinternen Regelungen jemand unter welchen Voraussetzungen eine Jahreslizenz erlangen könne, schuldig geblieben. Dass er seine Ansprüche in einer vom Vereinsverhältnis losgelösten „Athletenvereinbarung“ begründet sehe, sei bereits Gegenstand des Aufhebungsbeschlusses im ersten Rechtsgang gewesen. Dazu, dass diese Vereinbarung eine Jahreslizenz voraussetze, die wiederum nur von einem „Basisverein“ beantragt werden könne und daher die Jahreslizenz die Mitgliedschaft bei einem „Basisverein“ nahelege, sowie zur Entkräftung dieser Annahme habe der Kläger keine konkreten Tatsachen vorgebracht. Es sei daher nach wie vor unklar, ob überhaupt der Rechtsweg zulässig sei. In der vorliegend zu beurteilenden Konstellation gehe es um drei Stufen einer mehrstufig organisierten Vereinsstruktur. Der Annahme, die Streitigkeit wurzle in einem Vereinsverhältnis, stehe der Umstand, dass einander ein Dachverband und ein ausübender Sportler gegenüberstehen und die dazwischenliegenden Stufen des Mitgliedsvereins und des Landesverbands fehlten, nicht entgegen. Für die hier zu beurteilenden Forderungen sei es noch nicht zu einem Schlichtungsverfahren vor der Schlichtungseinrichtung des Beklagten gekommen. Nicht nachvollziehbar sei, warum es ihm im Zusammenhang mit der von ihm kritisierten Organisation der Schlichtungsstelle nicht zumutbar sein solle, diese anzurufen.
Das Rekursgericht erklärte den ordentlichen Revisionsrekurs für zulässig, weil zur Frage, inwieweit die von der Rechtsprechung geforderte Behauptung konkreter Tatsachen zur Zulässigkeit des Rechtswegs mit der abstrakt vorgenommenen Prüfung einer denknotwendigen Vereinszugehörigkeit im Einklang stehe, keine oberstgerichtliche Rechtsprechung vorgefunden habe werden können. Zudem fehle es an Rechtsprechung zur vorliegenden Konstellation einer komplexeren Vereinsstruktur.
Rechtliche Beurteilung
Der vom Kläger erhobene – vom Beklagten beantwortete – Revisionsrekurs ist zur Klarstellung der Rechtslage zulässig und im Sinn des Aufhebungsantrags auch berechtigt.
1. Mit der mangels Anfechtung (der Rechtsmittelausschluss des § 45 JN ist im Verhältnis zwischen ordentlichen Gerichten und Schiedsgerichten nicht anzuwenden: RIS-Justiz RS0046345) in Rechtskraft erwachsenen Entscheidung des Rekursgerichts im ersten Rechtsgang, das die vom Beklagten erhobene Einrede des Fehlens der sachlichen Zuständigkeit verwarf, wurde über die Einrede des Hindernisses einer Schiedsgerichtsvereinbarung bindend abgesprochen.
2.1. Gemäß § 8 Abs 1 VerG 2002 haben die Statuten eines Vereins vorzusehen, dass Streitigkeiten aus dem Vereinsverhältnis vor einer Schlichtungseinrichtung auszutragen sind. Sofern das Verfahren vor der Schlichtungseinrichtung nicht früher beendet ist, steht für Rechtsstreitigkeiten erst nach Ablauf von sechs Monaten ab Anrufung der Schlichtungseinrichtung der ordentliche Rechtsweg offen. Wird dieses Verfahren nicht eingehalten, so steht einer dennoch eingebrachten Klage die Unzulässigkeit des Rechtswegs entgegen (RS0114603 [T3, T10]), die von Amts wegen wahrzunehmen ist (RS0120837 [T1]; RS0122426). Die Beurteilung, ob das Schlichtungsverfahren eingehalten wurde, richtet sich nach dem Vorbringen in der Klage (RS0045718 [T28]). Der Kläger hat daher konkrete Tatsachen zu behaupten, aus denen sich ergibt, dass der Rechtsweg bereits offen steht (RS0124983).
2.2. Streitigkeiten aus dem Vereinsverhältnis im Sinn des § 8 Abs 1 VerG 2002 sind zunächst jedenfalls solche, die ihre Wurzel in einer Vereinsmitgliedschaft haben, gleichviel, ob das Mitgliedsverhältnis bei Entstehen des Streitfalls noch besteht oder bereits beendet wurde (RS0122425 [T3]). Erfasst werden somit alle privatrechtlichen Streitigkeiten zwischen Vereinsmitgliedern und dem Verein oder zwischen Vereinsmitgliedern untereinander, sofern sie mit dem Vereinsverhältnis im Zusammenhang stehen (RS0119982 [T15]; RS0122425 [T6]).
Zu prüfen ist daher, ob sich der geltend gemachte Anspruch auf die Verletzung von Pflichten aus dem Vereinsverhältnis stützt, die Mitgliedschaft daher notwendige Voraussetzung für das Bestehen des Anspruchs ist, oder ob ein vom Vereinsverhältnis unabhängiger Anspruch geltend gemacht wird, der in gleicher Weise auch von einem Nichtmitglied erhoben werden könnte (RS0119982 [T20]; RS0122425 [T11]).
3.1. Der Kläger stützt die mit der Klage begehrte Rückerstattung von Kosten auf die mit dem beklagten Verband abgeschlossene „Athletenvereinbarung“. Er ist nicht Mitglied dieses Vereins und argumentiert, dass er sich nicht konkludent durch den Beitritt zu einem „Basisverein“ der Schlichtungseinrichtung des an der Spitze der Pyramide stehenden Vereins unterwerfen habe wollen.
3.2. Nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu 6 Ob 125/16z (= RS0122425 [T22]), die einen Streit zwischen einem Dachverband und einem Mitglied eines Landesverbands betraf, das nicht auch Mitglied des Dachverbands war, seien „Streitigkeiten aus dem Vereinsverhältnis“ im Sinn des § 8 Abs 1 VerG 2002 weiter zu verstehen als „Streitigkeiten aus der Vereinsmitgliedschaft“. Es sei wenig sachgerecht, die (sofortige) Zulässigkeit des Rechtswegs zu bejahen, nur weil die Vereinsstruktur „dreistufig“ organisiert sei. Eine „Streitigkeit aus dem Vereinsverhältnis“ liege auch dann vor, wenn in einer dreistufigen Vereinsstruktur der den Dachverband klagende Verein nicht dessen Mitglied, sondern Mitglied eines Landesverbands sei, der wiederum Mitglied des Dachverbands sei.
Höhne („Streitigkeit aus dem Vereinsverhältnis“ bei dreistufiger Vereinsorganisation, RdW 2017/74, 80) und Kornfehl (Die Schlichtungseinrichtung und andere vereinsrechtliche Probleme im Spiegel der Rechtsprechung von 2002–2017, GES 2017, 417 [420 ff]) stimmen dieser Entscheidung zu. Nach Kornfehl (aaO 421) ist der Begriff „Vereinsverhältnis“ jedenfalls weiter als der Begriff „Vereinsmitgliedschaft“, sodass nach dem Wortlaut die unmittelbare Mitgliedschaft keine Voraussetzung für eine Pflicht zur Anrufung der Schlichtungseinrichtung sei, vielmehr reiche das Vereinsverhältnis im Sinn einer vereinsmäßigen Verbundenheit für das Entstehen der Schlichtungspflicht aus.
Die Entscheidung 6 Ob 125/16z wird hingegen von H. Keinert/E. Keinert (Abgrenzung der Schlichtungsobliegenheit nach § 8 VerG 2002, GesRZ 2017, 42), Druml (in SpuRt 4/2017, 149 f), Höhne/Jöchl/Lummersdorfer (Das Recht der Vereine6 [2019], 513) und Pondorfer (in Schopper/Weilinger, VereinsG § 8 Rz 17) kritisiert. H. Keinert/E. Keinert gehen davon aus, dass ein schlichtungspflichtiger Anspruch grundsätzlich unmittelbar aus dem Vereinsverhältnis abzuleiten sein müsse. Die Schlichtungsobliegenheit beschränke sich (abgesehen von Konflikten zwischen Mitgliedern) strikt auf Streitigkeiten zwischen dem Verein und seinen Mitgliedern. Druml führt unter Bezugnahme auf die Gesetzesmaterialien aus, dass der Gesetzgeber nur Streitigkeiten mit unmittelbaren Vereinsmitgliedern von der Schlichtungsobliegenheit umfasst sehen wollte. Die „denknotwendige“ Voraussetzung für die in Rede stehende Turniervereinbarung sei nicht die Mitgliedschaft des beklagten Vereins zum Landesverband, sondern die vom Dachverband geschaffene Möglichkeit, dass der beklagte Verein als vereinsfremder Dritter überhaupt als „Veranstalter“ von Turnieren auftreten habe können, sodass keine „Streitigkeit aus dem Vereinsverhältnis“ vorliege. Höhne/Jöchl/Lummersdorfer kritisieren – allerdings ohne die zustimmende Glosse und damit die gegenteilige Ansicht von Höhne (in RdW 2017/74, 80) zu erwähnen – dass dann, wenn im Fall einer dreistufigen Organisation die erste mit der dritten Stufe streite, kein Vereinsverhältnis, also Mitgliedschaftsverhältnis, „geortet“ werden könne, wenn der untergeordnete Verein nicht Verbandsmitglied ist. Eine derart extensive Annahme einer Streitigkeit aus dem Vereinsverhältnis gehe zu weit. Auf der Strecke bleibe nicht zuletzt die „Vereinsautonomie“. Nach Pondorfer liege ein Unterschied „in vereinsübergreifenden Streitigkeiten“ und Streitigkeiten zwischen einem Verein und seinen Mitgliedern oder unter Mitgliedern – sohin „Streitigkeiten aus dem Vereinsverhältnis“. Vereinsübergreifende Streitigkeiten fänden keine Deckung in § 8 VerG 2002. Auch wenn die Vereinsmitgliedschaft zum Verband statutenmäßige Voraussetzung für das Schuldverhältnis zwischen einem Vereinsmitglied des Verbands und dem Dachverband sei, seien daraus resultierende Streitigkeiten nicht vom Gesetzeswortlaut gedeckt, und widerspreche die Ausdehnung auf vereinsübergreifende Streitigkeiten doch auch der rechtlichen Unabhängigkeit „der (Dach-)Verbandsmitglieder vom (Dach-)Verband“.
3.3. Anders als nach dem Sachverhalt zu 6 Ob 125/16z ist im vorliegenden Fall keine Streitigkeit zwischen zwei Vereinen zu beurteilen. Die Kritik an dieser Entscheidung ist durchaus beachtlich, liegt doch bei der Streitigkeit zwischen dem Kläger als allfälliges Mitglied eines „Basisvereins“ und dem Beklagten als Dachverband kein so enger Zusammenhang zu dessen „Vereinsverhältnis“ (vgl § 8 Abs 1 Satz 1 VerG 2002) vor, der in Bezug auf die Dichte der Vereinsbeziehung mit einer Vereinsmitgliedschaft zum Beklagten vergleichbar wäre. Zwar setzt die zwischen den Parteien abgeschlossene „Athletenvereinbarung“ eine „Jahreslizenz“ voraus, die wiederum nur von einem „Mitgliedsverein“ beantragt werden kann. Der Kläger kann jedenfalls eine solche Jahreslizenz nicht beantragen. Vielmehr muss er Mitglied eines „Mitgliedsvereins“ sein, der wiederum eine solche Lizenz beantragen kann; aus einer vom Beklagten erteilten Lizenz wird allerdings der Anspruch des Klägers nicht abgeleitet. Für die Beurteilung der Frage, ob der konkret geltend gemachte Anspruch aus dem Vereinsverhältnis resultiert, ist maßgebend, ob eine vermögensrechtliche Streitigkeit in der Vereinsmitgliedschaft wurzelt (RS0122425 [T7]) oder diese ohne vereinsmäßige Verbundenheit der Parteien typischerweise nicht denkbar wäre (4 Ob 240/18z mwN). Eine derartige vereinsmäßige Verbundenheit des Klägers mit dem Beklagten wird von ihm aber nicht behauptet und ergibt sich auch nicht aus dem Akteninhalt. Er macht aus einer eigenen vertraglichen Vereinbarung mit dem beklagten Dachverband – einem Verein – resultierende Ansprüche geltend, ohne dass seine allfällige Mitgliedschaft zu einem „Basisverein“ dafür unmittelbare Grundlage wäre.
Zutreffend weist der Revisionsrekurswerber auch darauf hin, dass die Obliegenheit zum Abwarten eines vereinsinternen Schlichtungsverfahrens grundsätzlich nur dort sachlich gerechtfertigt ist, wo sich der Rechtssuchende einer solchen Fremdbestimmung unterworfen hat. Das trifft auf Mitglieder des betreffenden Vereins regelmäßig zu, haben sie doch nicht nur dessen Satzung bei ihrem Beitritt akzeptiert, sondern im Rahmen ihrer Mitgliedschaftsrechte – zumindest abstrakt – auch die Möglichkeit, auf deren Änderung hinzuwirken. Zudem können sie sich typischerweise auch an der Willensbildung zur personellen Besetzung der Vereinsorgane – und dabei auch der Schlichtungseinrichtung gemäß § 8 Abs 2 Satz 1 VerG 2002 – beteiligen. Damit wird im Verhältnis zu Vereinsmitgliedern – und auch in Streitfällen mit dem Verein selbst – nicht nur die anzustrebende Äquidistanz, sondern im Regelfall auch die Akzeptanz der Entscheidung der Schlichtungseinrichtung hergestellt, was es rechtfertigt, vor Befassung staatlicher Gerichte (oder „echter“ Schiedsgerichte) einen obligatorischen vereinsinternen Schlichtungsversuch vorzusehen und die Gerichte nur dann zu belasten, wenn eine Schlichtung innerhalb einer bestimmten Frist nicht gelingt.
Angesichts dieser Ausgangssituation, die auch der Gesetzgeber des VerGÂ 2002 ersichtlich vor Augen hatte
– und nur die Streitschlichtung in einem Verein regelte, obwohl ihm die Existenz von Dachverbänden, Verbänden und diesen angehörenden „einfachen“ Vereinen (§ 1 Abs 5 Satz 2 VerG 2002) bewusst war –, vermag der erkennende Senat nicht zu sehen, warum es gerechtfertigt sein sollte, das innerhalb eines Vereins angeordnete (temporäre) Rechtsweghindernis auch auf Fälle auszudehnen, in denen die Streitteile in keinem unmittelbaren Vereinsverhältnis stehen, und damit zugleich einer Partei die Schlichtungseinrichtung ihres eigenen Vereins zu entziehen. Die Anordnung einer solchen Rechtsfolge wäre Sache des Gesetzgebers und nicht der Auslegung der Gerichte.
Gemäß § 8 Abs 1 VerG 2002 ist somit die vereinsinterne Schlichtungseinrichtung des Beklagten mit der vorliegenden Streitigkeit nicht zu befassen und der Rechtsweg daher – entgegen der Ansicht der Vorinstanzen – zulässig.
4. Für den, der nicht Mitglied des Vereins ist, mit dem er in Streit liegt, gilt die Hürde des § 8 Abs 1 VerG 2002, dass bei sonstiger Unzulässigkeit des Rechtswegs zunächst die vereinsinterne Schlichtungsinstanz anzurufen ist, grundsätzlich nicht. Ein Nichtmitglied kann sich aber – unter bestimmten Voraussetzungen, auf die hier nicht einzugehen ist – vertraglich einem Verbandsregelwerk unterwerfen. Bei Streitigkeiten mit bloß vertraglich an das Verbandsregelwerk gebundenen Personen – wie dem hier klagenden Sportler – besteht keine gesetzliche Pflicht zur Anrufung der Schlichtungsstelle im Sinn des § 8 VerG 2002. Die Verpflichtung zur Anrufung kann sich in diesen Fällen einzig und allein aus der vertraglichen Vereinbarung ableiten. Die Klage wäre, sofern sie vor Ausschöpfung des verbandsinternen Rechtswegs erhoben wird, nicht gesetzlich unzulässig (Prozesshindernis), sondern aufgrund der vorweg bestehenden materiell-rechtlichen Unklagbarkeit bloß abzuweisen. Es läge letztlich nichts anderes als die Nichteinhaltung einer Schlichtungsklausel vor, die nach ständiger Rechtsprechung kein zur Zurückweisung führendes Prozesshindernis, sondern den materiell-rechtlichen Einwand mangelnder Klagbarkeit des Anspruchs begründet (8 Ob 56/19x mwN = RS0114603 [T12] = RS0124983 [T6]). Die mangelnde Klagbarkeit wegen Nichtausschöpfung des vereinsinternen Rechtszugs kann aber nur über entsprechenden Einwand wahrgenommen werden. Einen solchen Einwand hat der Beklagte nicht erhoben, sondern vielmehr zugestanden, dass er auf die vorherige Einberufung seines „Schiedsgerichts“ (gemeint seiner Schlichtungseinrichtung) gemäß Abs 9 der „Athletenvereinbarung“ verzichtet habe.
5. Dem Revisionsrekurs des Klägers ist somit Folge zu geben. Die Entscheidungen der Vorinstanzen sind aufzuheben und dem Erstgericht ist die neuerliche Entscheidung unter Abstandnahme vom Zurückweisungsgrund der Unzulässigkeit des Rechtswegs aufzutragen.
6. Der Kostenvorbehalt gründet sich auf § 52 Abs 1 ZPO.
|
JJT_20200226_OGH0002_0010OB00043_20K0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00043.20K.0226.000
|
1Ob43/20k
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00043_20K0000_000/JJT_20200226_OGH0002_0010OB00043_20K0000_000.html
| 1,582,675,200,000
| 306
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj B*****, geboren am ***** 2005, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Kindes, vertreten durch das Land Niederösterreich (Kinder- und Jugendhilfeträger), gegen den Beschluss des Landesgerichts Wiener Neustadt als Rekursgericht vom 3. Juni 2019, GZ 16 R 156/19h-51, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Mödling vom 9. April 2019, GZ 13 Pu 27/14t-44, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Akt wird dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Das Kind befindet sich in Pflege und Erziehung der (berufstätigen) Mutter. Es besteht bereits ein Unterhaltstitel über die Zahlungspflicht des Vaters in Höhe von 320 EUR monatlich.
Über den Unterhaltserhöhungsantrag des Kindes war der seit 7. 1. 2019 wieder berufstätige Vater vom Erstgericht zusätzlich zu einer (weiteren) Leistung von 65 EUR monatlich ab 1. 1. 2019 verpflichtet worden.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters teilweise Folge und änderte den Beschluss dahin ab, dass es den Unterhaltserhöhungsbetrag auf monatlich 40 EUR verminderte und diesen Betrag (wegen des Beginns des Beschäftigungsverhältnisses am 7. 1.) erst ab 1. 2. 2019 zuerkannte. Den ordentlichen Revisionsrekurs erklärte es zur Frage der Berechnung des Unterhalts bei Bezug des (halben) Familienbonus Plus für zulässig.
Da dem vom Kind erhobenen Revisionsrekurs ein eindeutiger Rechtsmittelantrag fehlte, wurde der Akt mit Beschluss vom 16. 12. 2019 zur Durchführung eines Verbesserungsverfahrens zurückgestellt.
Das Erstgericht legte den erstgerichtlichen Akt nach fristgerechter Verbesserung dem Obersten Gerichtshof erneut vor, ohne allerdings zuvor dem Vater das rechtliche Gehör zum verbesserten Revisionsrekurs einzuräumen.
Rechtliche Beurteilung
Da nach § 68 Abs 1 AußStrG das Revisionsrekursverfahren zweiseitig ist, wenn – wie hier – mit dem angefochtenen Beschluss „über die Sache“ entschieden wurde, ist der Akt dem Obersten Gerichtshof erst nach Zustellung auch des verbesserten Revisionsrekurses an den Vater und Ablauf der durch diese Zustellung ausgelösten 14-tägigen Frist (mit einer allenfalls eingebrachten Revisionsrekursbeantwortung) – im Wege des Rechtsmittelgerichts – wieder vorzulegen.
|
JJT_20200722_OGH0002_0010OB00043_20K0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00043.20K.0722.000
|
1Ob43/20k
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200722_OGH0002_0010OB00043_20K0000_000/JJT_20200722_OGH0002_0010OB00043_20K0000_000.html
| 1,595,376,000,000
| 464
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj B*****, geboren am ***** 2005, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Kindes, vertreten durch das Land Niederösterreich (Kinder- und Jugendhilfeträger), gegen den Beschluss des Landesgerichts Wiener Neustadt als Rekursgericht vom 3. Juni 2019, GZ 16 R 156/19h-51, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Mödling vom 9. April 2019, GZ 13 Pu 27/14t-44, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden dahin abgeändert, dass A***** als Vater des mj B***** schuldig ist, diesem ab 1. 2. 2019 einen um 65 EUR erhöhten monatlichen Unterhaltsbeitrag, somit insgesamt 385 EUR, zu zahlen, und zwar die bereits fällig gewordenen Beträge binnen 14 Tagen und die künftig fällig werdenden Beträge jeweils zum Monatsersten im Vorhinein. Das Mehrbegehren des Kindes, den Unterhalt schon ab 1. 1. 2019 um 65 EUR monatlich zu erhöhen, wird abgewiesen.
Text
Begründung:
Das Kind befindet sich in Pflege und Erziehung der (berufstätigen) Mutter. Es besteht bereits ein Unterhaltstitel über die Zahlungspflicht des Vaters in Höhe von 320 EUR monatlich.
Der seit 7. 1. 2019 wieder berufstätige Vater verfügt unstrittig monatlich über Einkünfte von 1.938 EUR netto (unter Einrechnung des Sachbezugs und inklusive Sonderzahlungen).
Über den Unterhaltserhöhungsantrag des Kindes war er vom Erstgericht zusätzlich zu einer (weiteren) Leistung von 65 EUR monatlich ab 1. 1. 2019 (insgesamt 385 EUR) verpflichtet worden.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters teilweise Folge und änderte den Beschluss dahin ab, dass es den Unterhaltserhöhungsbetrag auf monatlich 40 EUR verminderte und diesen Betrag (wegen des Beginns des Beschäftigungsverhältnisses am 7. 1.) erst ab 1. 2. 2019 zuerkannte. Der Familienbonus Plus schließe die steuerliche Entlastung des Unterhaltspflichtigen durch eine Anrechnung der Familienbeihilfe nicht aus, weshalb er keine Auswirkungen auf die Anrechnung der Familienbeihilfe habe.
Den ordentlichen Revisionsrekurs erklärte es zur Frage der Berechnung des Unterhalts bei Bezug des (halben) Familienbonus für zulässig.
Gegen die Abweisung des Mehrbegehrens von 20 EUR (erst) ab 1. 2. 2019 richtet sich der vom Vater nicht beantwortete Revisionsrekurs des Kindes mit dem Antrag, den monatlichen Unterhaltsbeitrag seines Vaters beginnend ab 1. 2. 2019 auf insgesamt 385 EUR zu erhöhen.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist berechtigt.
1. Der Oberste Gerichtshof hat erst jüngst mit ausführlicher Begründung zur Unterhaltsbemessung für Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres klargestellt (4 Ob 150/19s), dass es sich beim Familienbonus Plus – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag handelt. Der Gesetzgeber habe den Familienbonus mit der Zielrichtung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die steuergesetzlichen Maßnahmen Familienbonus und Unterhaltsabsetzbetrag herbeizuführen. Dadurch finde eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt, weshalb es der (teilweisen) Anrechnung der Transferleistungen (zB Familienbeihilfe) auf Geldunterhaltsverpflichtungen nicht mehr bedürfe.
Dieser Rechtsansicht hat sich auch der erste Senat angeschlossen (1 Ob 171/19g; 1 Ob 194/19i; 1 Ob 3/20b).
2. Im vorliegenden Fall beträgt das monatliche Einkommen des Vaters inklusive Sonderzahlungen 1.938 EUR netto. Dem Minderjährigen stehen 20 % dieser Unterhaltsbemessungsgrundlage zu, somit gerundet 385 EUR monatlich.
|
JJT_20200401_OGH0002_0010OB00044_20G0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00044.20G.0401.000
|
1Ob44/20g
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200401_OGH0002_0010OB00044_20G0000_000/JJT_20200401_OGH0002_0010OB00044_20G0000_000.html
| 1,585,699,200,000
| 407
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr.
Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei B*****, vertreten durch Dr. Franz Terp, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Ing. R*****, vertreten durch Dr. Wolfgang Schöberl, Rechtsanwalt in Wien, wegen Aufkündigung, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 4. Dezember 2019, GZ 39 R 204/19t-16, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Leopoldstadt vom 10. April 2019, GZ 35 C 444/18w-11, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Hat das Berufungsgericht – wie hier – eine behauptete Nichtigkeit des erstinstanzlichen Verfahrens (Verstoß gegen „tragende Verfahrensgrundsätze“ durch Verwertung von in einem anderen zwischen den selben Parteien geführten [Mietzins- und Räumungs-]Verfahren gewonnenen Kenntnissen ohne Erörterung mit den Parteien) geprüft und verneint, so kann diese in dritter Instanz nicht mehr wahrgenommen werden (RS0042981; RS0043405). Sie kann auch nicht unter Berufung auf einen anderen Rechtsmittelgrund neuerlich geltend gemacht werden (RS0042981 [T14]), insbesondere nicht – wie dies der Revisionswerber versucht – als Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens (RS0042981 [T5]) oder mit der Behauptung, dem Berufungsgericht sei selbst eine Nichtigkeit unterlaufen (RS0043405 [T1, T3]; RS0042981 [T14, T22]).
Hier hat das Berufungsgericht die behauptete Nichtigkeit ausdrücklich beschlussmäßig verworfen. Ein solcher Beschluss ist iSd § 519 ZPO nicht anfechtbar (RS0043405; RS0043796 [T1]) und auch für das Revisionsgericht bindend.
2. Soweit der Beklagte die Verwertung von im „Vorprozess“ gewonnenen Kenntnissen durch die Erstrichterin in seiner Berufung hilfsweise auch als einfachen Verfahrensfehler gerügt hat und er nunmehr in seiner Revision kritisiert, dass sich das Berufungsgericht damit nicht ausreichend auseinandersetzte, enthält sein Rechtsmittel weder Darlegungen zur Relevanz des behaupteten erstinstanzlichen Verfahrensfehlers (zu denen er aufgrund der Ausführungen im Berufungsurteil, wonach dem behaupteten Mangel keine Bedeutung [für die Beweiswürdigung und die Tatsachenfeststellung] zugekommen sei, aber gehalten gewesen wäre), noch wird ausgeführt, inwieweit sich die behaupteten zweitinstanzlichen Verfahrensmängel (dies gilt für sämtliche behaupteten derartigen Mängel) auf das Verfahrensergebnis ausgewirkt hätten (vgl nur RS0116273).
3. Der in der Revision angezogene Nichtigkeitsgrund des § 477 Abs 1 Z 9 ZPO wäre nur gegeben, wenn die Entscheidung des Berufungsgerichts gar nicht oder so unzureichend begründet wäre, dass sie nicht überprüfbar ist (RS0042133 [T6, T10, T11]). Dies ist hier nicht der Fall. Die angeblich mangelhafte Begründung der Berufungsentscheidung bildet auch keinen Revisionsgrund iSd § 503 Z 2 ZPO (RS0042206).
4. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200416_OGH0002_0010OB00047_20Y0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00047.20Y.0416.000
|
1Ob47/20y
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00047_20Y0000_000/JJT_20200416_OGH0002_0010OB00047_20Y0000_000.html
| 1,586,995,200,000
| 985
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. A***** H*****, vertreten durch die Frimmel / Anetter Rechtsanwälte GmbH, Klagenfurt am Wörthersee, gegen die beklagte Partei G***** GmbH, *****, vertreten durch Dr. Peter Karlberger und andere Rechtsanwälte in Wien, wegen 62.092,98 EUR sA, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Teilurteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 18. Dezember 2019, GZ 1 R 146/19a-27, mit dem das Urteil des Handelsgerichts Wien vom 30. Juli 2019, GZ 44 Cg 100/18p-19, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Der weite Schadensbegriff des ABGB umfasst jeden Zustand, der rechtlich als Nachteil aufzufassen ist, an dem also ein geringeres rechtliches Interesse als am bisherigen besteht (RIS-Justiz RS0022537). Bei der Beurteilung, ob ein Schaden entstanden ist, sind zwei Vermögenslagen miteinander zu vergleichen: Die wirkliche, die durch das in Frage stehende Ereignis eingetreten ist, und die, die ohne dieses Ereignis bestand, eine gedachte hypothetische Lage. Ist die wirkliche Vermögenslage gegenüber der gedachten zum Nachteil des Betroffenen, dann liegt ein Schaden im Rechtssinn vor (RS0022477).
Die Beurteilung des Berufungsgerichts, dass im Vermögen der Klägerin durch die aus Anlass der Beschäftigung einer Haushaltsgehilfin in ihrem Privathaushalt geleisteten Nachzahlungen des Lohnes, der Sozialversicherungs- und Dienstgeberbeiträge sowie der Kommunalsteuer jedenfalls eine Minderung im Ausmaß dieser Zahlungen eingetreten ist, ist nicht zu beanstanden. Da feststeht, dass die Klägerin bei entsprechender Aufklärung durch die beklagte Steuerberatungsgesellschaft über die (Mindest-)Lohnansprüche von Hausangestellten weder diese Dienstnehmerin noch eine andere beschäftigt hätte, war die Unterlassung der Aufklärung über die Höhe des anzuwendenden Mindestlohn-(tarif-)s für diesen Vermögensschaden auch kausal. Nicht erkennbar ist, welchen Bezug die von der Beklagten in diesem Zusammenhang zitierte Entscheidung 9 ObA 51/12h zum vorliegenden Sachverhalt haben soll.
2. Ein Vorteilsausgleich hat nicht von Amts wegen zu erfolgen, sondern nur über Einwendung des Schädigers, den für dessen Voraussetzungen die Behauptungs- und Beweislast trifft (RS0036710). In der allgemeinen Bestreitung der Schadenshöhe liegt noch kein Antrag auf Vornahme eines Vorteilsausgleichs (RS0036710 [T2]).
Die Beklagte erstattete in erster Instanz kein Vorbringen zu einer Vorteilsanrechnung der von der Dienstnehmerin der Klägerin erbrachten tatsächlichen Arbeitsleistungen. Insbesondere wandte sie nicht ein, dass der konkrete Vorteil (RS0036710 [T3, T4]) der erbrachten Arbeitsleistungen der Dienstnehmerin größer wäre als die von der Klägerin entsprechend der getroffenen Vereinbarung geleisteten (und im Rahmen des Schadenersatzes auch nicht begehrten) Lohnzahlungen an die Dienstnehmerin einschließlich der darauf basierenden Sozialversicherungsbeiträge. Der erhobene Einwand, der Klägerin sei kein Schaden entstanden, weil sie ja ihre Arbeitsleistung erhalten habe, kann die Darlegung konkreter vermögenswerter Vorteile nicht ersetzen. Aufgrund des im Rechtsmittelverfahren bestehenden Neuerungsverbots (§ 504 Abs 2 ZPO) ist daher auf die in der Revision erstatteten Ausführungen zur Vorteilsanrechnung nicht weiter einzugehen.
3. Die Beklagte ist Sachverständige im Sinn des § 1299 ABGB und unterliegt somit einem erhöhten Sorgfaltsmaßstab (vgl RS0037133). Den Steuerberater treffen für seine Mandanten Fürsorge- und Aufklärungspflichten. Da die Auskunfts- und Fürsorgepflichten des Steuerberaters jedoch nicht überspannt werden dürfen, können von ihm nur der Fleiß und die Kenntnisse verlangt werden, die seine Fachgenossen gewöhnlich haben. Die Auskunfts- und Fürsorgepflicht reicht nur so weit, als für den Steuerberater aus einem Fehlverhalten der Eintritt eines Schadens für seinen Mandanten bei gewöhnlichem Lauf der Dinge vorhersehbar ist (RS0026584 [T12, T14]). Bei der Beurteilung des Sorgfaltsmaßstabs sind der konkrete Auftrag und die sonstigen Umstände des Einzelfalls maßgeblich; sie begründen daher regelmäßig keine Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung (RS0026584 [T17]; 7 Ob 121/13i mwN).
Die Beklagte wendet sich nicht gegen die Beurteilung des Berufungsgerichts, dass bei ihr entsprechende Fachkenntnisse betreffend die Beratung zu Arbeitsverhältnissen vorauszusetzen sind. Entgegen ihrer Einschätzung handelt es sich bei der Aussage des Berufungsgerichts, dass das vereinbarte Entgelt von monatlich 900 EUR außergewöhnlich geringfügig gewesen sei, um dessen rechtliche Beurteilung im Zusammenhang mit der Aufklärungspflichtverletzung der Beklagten und nicht um eine sogenannte „überschießende“ Feststellung.
Einen relevanten Verstoß des Berufungsgerichts gegen § 182a ZPO vermag die Beklagte ebenfalls nicht aufzuzeigen. Die Beurteilung, das Gehalt der Dienstnehmerin sei derart geringfügig gewesen, dass dies der (fachkundigen) Beklagten jedenfalls auffallen hätte müssen und sie zu einer Warnung auch ohne Auftrag verpflichtet gewesen wäre, ist
– wie dargelegt – dessen Rechtsansicht. Ein abweichendes Tatsachensubstrat vermag die Beklagte nicht darzulegen, wenn sie dieser rechtlichen Beurteilung nur die mögliche Aussage ihrer Geschäftsführerin entgegenhält, dass das Gehalt „nicht (derart) auffallend geringfügig“ gewesen sei.
Die Beurteilung des Berufungsgerichts, die auffallende Geringfügigkeit des vereinbarten Entgelts (Stundenlohn von brutto 6,93 EUR, der sogar unter dem niedrigsten Bruttostundenlohn für unerfahrene Haushaltsgehilfinnen nach dem anzuwendenden Mindestlohntarif liegt) hätte die Beklagte zu weiteren Nachforschungen über den aktuellen Mindestlohn veranlassen müssen und sie wäre verpflichtet gewesen, die Klägerin darauf hinzuweisen und zu warnen, dass diese unter Umständen mit weitergehenden Lohnforderungen konfrontiert sein könnte, ist im konkreten Einzelfall nicht zu beanstanden.
4. Auf ein allfälliges Mitverschulden des Geschädigten kann sich ein Schädiger – wegen des Neuerungsverbots im Rechtsmittelverfahren (§ 482 Abs 1, § 504 Abs 2 ZPO) – nur insoweit berufen, als er im Verfahren erster Instanz einen entsprechenden Mitverschuldenseinwand erhoben bzw zumindest ausreichend deutlich Tatsachen vorgebracht hat, aus denen sich rechtlich ein Mitverschulden im Sinn des § 1304 ABGB ableiten ließe (RS0022807 [T4]). Die Beklagte hat weder vorgebracht noch steht dies fest, dass die Klägerin bereits mehrere Hausangestellte gehabt hätte. Der Verweis auf die Feststellung, dass die Beklagte (auch) für die „Privatbediensteten“ der Klägerin die Lohnverrechnung und die Meldungen zur Sozialversicherung durchführte, begründet keineswegs die Kenntnis der Klägerin von konkreten Mindestlöhnen, die ja nicht einmal den Mitarbeitern der Beklagten bekannt waren. Wenn sie erstmals in der Revision behauptet, der Klägerin hätte das geringfügige Gehalt genauso auffallen müssen, so ist sie darauf zu verweisen, dass sie einerseits einen solchen Einwand in erster Instanz nicht erhob und andererseits nicht feststeht, dass die Klägerin Kenntnisse über das Bestehen von Mindestlohnvorschriften für Hausangestellte hatte; vielmehr war die Beklagte zu diesem Zweck mit der Lohnverrechnung und Anmeldung zur Sozialversicherung der Arbeitnehmerin beauftragt. Der erstmals in der Revision erhobene Einwand eines solchen Mitverschuldens ist daher nicht beachtlich.
5. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO).
|
JJT_20200428_OGH0002_0010OB00048_20W0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00048.20W.0428.000
|
1Ob48/20w
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200428_OGH0002_0010OB00048_20W0000_000/JJT_20200428_OGH0002_0010OB00048_20W0000_000.html
| 1,588,032,000,000
| 2,365
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr.
Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. Mag. P*****, und 2. K*****, beide vertreten durch Dr. Annemarie Stipanitz-Schreiner und Dr. Judith Kolb, Rechtsanwältinnen in Graz, gegen die beklagten Parteien 1. Stadt G*****, vertreten durch Mag. Walter Choc und andere, Rechtsanwälte in Graz, 2. S***** AG, *****, vertreten durch die Mecenovic Rechtsanwalt GmbH, Graz, und 3. K***** Gesellschaft mbH, *****, vertreten durch die Kaan, Cronenberg & Partner Rechtsanwälte GmbH & Co KG, Graz, wegen 47.000 EUR sA sowie Feststellung (Streitwert 60.000 EUR), über die Revisionen der klagenden Parteien sowie der zweitbeklagten Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Graz als Berufungsgericht vom 10. Dezember 2019, GZ 7 R 26/19a-80, mit dem das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz vom 11. April 2019, GZ 23 Cg 95/15z-67, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Die Revision der klagenden Parteien wird zurückgewiesen.
Die klagenden Parteien sind schuldig, der erst-, zweit- und drittbeklagten Partei deren jeweils mit 2.631,56Â EUR (darin 438,59Â EUR USt) bestimmten Kosten ihrer Revisionsbeantwortungen binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
II. Der Revision der zweitbeklagten Partei wird Folge gegeben. Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden hinsichtlich der zweitbeklagten Partei aufgehoben und dem Erstgericht wird insoweit die neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Kosten des Verfahrens über die Revision der zweitbeklagten Partei sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die Kläger sind (Mit-)Eigentümer einer an einem Bach angrenzenden Liegenschaft. Die Erstbeklagte beauftragte die Zweitbeklagte als Generalunternehmerin mit der Durchführung von Regulierungsarbeiten an diesem Bach. Aufgrund dieser Arbeiten musste das Fundament des Hauses der Kläger – dessen Gewölbekeller besonders (riss-)gefährdet war – unterfangen werden. Die Zweitbeklagte beauftragte damit die Drittbeklagte. Die Unterfangung erfolgte mittels „Düsenstrahlverfahrens durch Errichtung vermörtelter säulenähnlicher Tragelemente (Hochdruckbodenvermörtelung)“. Nach Herstellung der Unterfangung zeigte sich, dass der Boden minder tragfähig war, weshalb „das Bauwerk“ um 30 cm angehoben und der darunter befindliche Boden 80 cm tief ausgetauscht werden sollte. Eine statische Prüfung ergab, dass bei einem abschnittsweisen Bodenaustausch „keine Auswirkungen auf die Tragfähigkeit zu erwarten seien, aufgrund der reduzierten Einbindungstiefe der Düsenstrahlsäulen allerdings eine erhöhte Gefahr von Rissen bestehe“.
Die Drittbeklagte übermittelte diese Stellungnahme des (von ihr beigezogenen) Statikers samt einem von ihr verfassten „Prüf- und Warnschreiben“ an die Zweitbeklagte. Das Schreiben der Drittbeklagten enthielt unter anderem folgenden Hinweis: „Durch die nunmehr geänderten Bodenverhältnisse, insbesondere im Bereich der statisch erforderlichen Einbindung der Unterfangungskörper (Ablagerungen weicher Konsistenz […]) kann eine Aufweitung bestehender Rissbildungen in den Bestandsbebauungen, hervorgerufen durch geringfügige Bewegungen des Unterfangungkörpers nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Die Standsicherheit der Unterfangungen ist jedoch aus heutigem Kenntnisstand nicht gefährdet. Die nunmehr geplanten Bodenaustauschmaßnahmen müssen daher mit besonderer Sorgfalt bzw gemäß den Vorgaben der geotechnischen Stellungnahme [...] erfolgen.“
Die Zweitbeklagte leitete dieses Schreiben an die Erstbeklagte mit folgender Anmerkung weiter: „Wir nehmen hiermit daher unsere Prüf- und Warnpflicht gemäß ÖB B 2110 wahr und teilen Ihnen mit, dass es zu Rissaufweitungen von Bestandsrissen sowie zusätzlichen Rissen kommen kann. Für etwaige o.a. Schäden am Gebäude können wir keine Haftung übernehmen.“ In einem persönlichen Gespräch meinte ein Mitarbeiter der Zweitbeklagten gegenüber einem Vertreter der Erstbeklagten, „dass solche Warnschreiben in der Bauabwicklung durchaus üblich seien“. Niemand rechnete mit dem Entstehen von Rissen.
Die Zweitbeklagte nahm in weiterer Folge den (abschnittsweisen) Bodenaustausch vor. Eine Alternative dazu wäre gewesen, den „Unterfangungskörper“ mittels eines weiteren Einsatzes des Düsenstrahlverfahrens nachträglich tiefer zu führen („Unterfangung der Unterfangung“). Sowohl die tatsächlich gewählte Methode als auch die Alternativmethode „entspricht dem Stand der Technik“. Bei einer „Unterfangung der Unterfangung“ hätten Risse am Haus der Kläger zwar nicht ausgeschlossen werden können; die Gefahr von Rissbildungen wäre aber geringer gewesen.
Einige Wochen nach Errichtung der Gebäudesicherung und der Ufermauer traten im Haus der Kläger Risse auf, „die hinsichtlich ihrer Anzahl und Rissweite (bis 10 mm) das als verfahrensbedingt oder unvermeidlich anzusehende Maß beträchtlich überstiegen“. Die Risse traten überwiegend an den dem Bach zugewandten Gebäudeteilen auf, insbesondere beim unterfangenen Zubau. Hauptursache waren die Baumaßnahmen im Bereich des Baches. Durch den Aushub des Weichmaterials wurden der Einbindebereich des Unterfangungskörpers reduziert und dessen Fußstützung vermindert.
Durch die Unterfangung des Hauses wurde ein (unterirdischer) Teil der Liegenschaft der Kläger dauerhaft in Anspruch genommen. Die Wasserrechtsbehörde räumte der Erstbeklagten dafür nachträglich – gegen Zahlung einer Entschädigung – eine „dauernde Dienstbarkeit“ ein.
Die Kläger begehrten – soweit im Revisionsverfahren noch von Relevanz – die Feststellung der solidarischen Haftung der Beklagten für die durch die Regulierungs- und Sicherungsarbeiten entstandenen Schäden, hilfsweise den Ersatz der mit 84.443,93 EUR bezifferten Sanierungskosten, sowie als weiteres Hauptbegehren ein Benützungsentgelt für die durch die Regulierungsarbeiten (die Unterfangung ihres Hauses) erfolgte Inanspruchnahme ihrer Liegenschaft.
Das Erstgericht wies das Feststellungsbegehren sowie das hilfsweise dazu erhobene (auf den Ersatz der Sanierungskosten gerichtete) Zahlungsbegehren hinsichtlich der Erstbeklagten wegen Verjährung ab, wobei es – da der von den Klägern behauptete Schädigungsvorsatz nicht nachgewiesen werden habe können – eine dreijährige Verjährungsfrist zugrundelegte. Auf § 26 WRG könne die Haftung – weil die Schäden am Haus der Kläger nicht von einer Wasserbenutzungsanlage, sondern von einem Regulierungswasserbau herrührten – nicht gestützt werden. Eine nachbarrechtliche Haftung der Erstbeklagten scheitere am fehlenden Eigentum „am Bach“. Die Kläger hätten jedoch Anspruch auf Zahlung eines Benützungsentgelts für die Inanspruchnahme eines (unterirdischen) Teils ihres Grundstücks durch die von der Erstbeklagten zu verantwortende – aufgrund der Bachregulierung erforderliche – Unterfangung ihres Hauses. Dessen Höhe bemaß das Erstgericht gemäß § 273 ZPO (für 10 m² und den Zeitraum Oktober 2009 [Fertigstellung der Arbeiten] bis Juli 2018 [Einräumung der Dienstbarkeit am Grund der Kläger]) mit 3.180 EUR, weshalb es dem Zahlungsbegehren in dieser Höhe stattgab und das Mehrbegehren von 43.820 EUR abwies.
Dem gegen die Zweitbeklagte gerichteten Begehren auf Feststellung der Haftung für die durch die Regulierungs- und Sicherungsarbeiten verursachten Schäden gab das Erstgericht statt, „weil sie die Bodenaustauscharbeiten in Kenntnis ihrer erhöhten Schadensgeneigtheit vorgenommen habe, ohne mit den Klägern Kontakt aufzunehmen oder allfällige alternative Methoden vorzuschlagen“. Das auf Zahlung eines Benützungsentgelts für die durch die Unterfangung erfolgte Inanspruchnahme eines Teils des Grundes der Kläger gerichtete Zahlungsbegehren wies es ab, weil die Zweitbeklagte die Arbeiten im Interesse der Erstbeklagten ausgeführt und keinen eigenen Nutzen aus der Grundinanspruchnahme gezogen habe.
Die gegen die Drittbeklagte gerichtete Klage wies das Erstgericht zur Gänze ab. Da diese keine Schadensursache gesetzt habe, sei weder das Feststellungsbegehren noch das hilfsweise dazu erhobene – auf den Ersatz der Sanierungskosten gerichtete – Zahlungsbegehren berechtigt. Das auf Zahlung eines Benützungsentgelts gerichtete Begehren scheitere an einem von der Drittbeklagten aus der Inanspruchnahme der Liegenschaft der Kläger gezogenen Nutzen.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Kläger nicht Folge.
Soweit sich diese gegen die vom Erstgericht angenommene Verjährung ihres gegen die Erstbeklagte gerichteten Feststellungsbegehrens sowie des hilfsweise dazu erhobenen Zahlungsbegehrens wandten, ging es davon aus, dass die dreijährige Verjährungsfrist des § 1489 Satz 1 ABGB mit Erkennen der – einige Wochen nach Errichtung der Gebäudesicherung bzw der Ufermauer – aufgetretenen Risse zu laufen begonnen habe. Für die Kläger sei ab diesem Zeitpunkt evident gewesen, dass die Schäden durch die Regulierungsarbeiten der Erstbeklagten als (den Klägern bekannte) „Regulierungsunternehmerin“ verursacht worden seien. Die in Satz 2 der genannten Bestimmung normierte dreißigjährige Verjährungsfrist sei mangels Schädigungsvorsatzes nicht anwendbar. Soweit die Höhe des von der Erstbeklagten zu zahlenden Benützungsentgelts kritisiert wurde, habe das Erstgericht den ihm bei der Anwendung des § 273 ZPO zustehenden Ermessensspielraum nicht überschritten.
Die gegen die Abweisung des gegen die Drittbeklagte gerichteten Klagebegehrens erhobene Rechtsrüge erachtete das Berufungsgericht als nicht gesetzmäßig ausgeführt.
Der Berufung der Zweitbeklagten gab das Berufungsgericht teilweise Folge und schränkte den Feststellungsausspruch ein. Es ging davon aus, dass diese gegen eine aus dem mit der Erstbeklagten geschlossenen (Werk-)Vertrag resultierende – zugunsten der Kläger wirkende – Schutzpflicht verstoßen habe, weil sie nicht ausreichend vor der mit dem Bodenaustausch verbundenen Gefahr von Rissbildungen gewarnt habe. Sie hätte der Erstbeklagten nicht nur ein nachträglich abgeschwächtes „pro-forma-Warnschreiben“ übermitteln dürfen, sondern die weniger schadensgeneigte Alternativmethode der „Unterfangung der Unterfangung“ vorschlagen müssen. Dass diese Methode erst im Nachhinein (in einem – in einem anderen Gerichtsverfahren erstellten – Gutachten) als geeigneter und weniger schadensträchtig erkannt worden sei, „exkulpiere“ die Zweitbeklagte aufgrund der von ihr zu erwartenden üblichen Branchenkenntnisse nicht. Die Zweitbeklagte habe aber zu Recht den Einwand des rechtmäßigen Alternativverhaltens erhoben, weil auch die weniger schadensgeneigte Methode Schäden am Haus der Kläger (wenngleich in geringerem Umfang) verursacht hätte. Sie hafte daher nur für jene Schäden, die sich durch Anwendung der Alternativmethode verhindern hätten lassen.
Die Revision sei zulässig, „weil zur Frage, ob neben der (verjährten) Haftung (der Erstbeklagten) nach § 26 WRG eine Haftung (der Zweitbeklagten) aufgrund eines Vertrags mit Schutzwirkung zugunsten Dritter treten könne, keine höchstgerichtliche Rechtsprechung bestehe“.
Die Revision der Kläger ist nicht zulässig, weil keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 502 Abs 1 ZPO aufgezeigt wird. Anzumerken ist, dass das an sich oft schwer verständliche, unstrukturierte Rechtsmittel in einigen Bereichen kaum erkennen lässt, auf welche Teilansprüche gegen welche Beklagten sich die betreffenden Ausführungen beziehen sollen. Eine Auseinandersetzung damit ist nur insoweit möglich, als dies ausreichend nachvollziehbar ist.
Rechtliche Beurteilung
Die
Revision der Zweitbeklagten ist zulässig und mit ihrem hilfsweise gestellten Aufhebungsantrag berechtigt.
I. Zur Revision der Kläger:
1. Die Kläger bekämpfen das Berufungsurteil „in seinem gesamten klagsabweisenden Umfang“, also auch soweit ihre gegen die Drittbeklagte erhobenen Ansprüche abgewiesen wurden. Das Berufungsgericht erachtete die in der Berufung der Kläger enthaltene Rechtsrüge hinsichtlich der Drittbeklagten aber als nicht
gesetzmäßig ausgeführt, weshalb es von ihrer sachlichen Behandlung absah. Da die Kläger dies in dritter Instanz nicht aufgreifen, ist dem Obersten Gerichtshof eine inhaltliche Überprüfung insoweit verwehrt (RS0043231).
2.1. Soweit sich die Kläger gegen die vom Berufungsgericht angenommene Verjährung ihres gegen die Erstbeklagte gerichteten Schadenersatzanspruchs wenden und „den Beklagten“ eine „deliktische Schädigung“ (vorsätzliche schwere Sachbeschädigung) vorwerfen, woraus sie die Anwendbarkeit der 30-jährigen Verjährungsfrist des § 1489 Satz 2 ABGB ableiten, widerspricht die Behauptung, „die Beklagten“ hätten vorsätzlich in das Eigentum der Kläger eingegriffen und eine Schädigung „bewusst und billigend in Kauf genommen“, der bindenden Feststellung, wonach „keiner damit rechnete, dass tatsächlich Risse eintreten würden“ und – so das Erstgericht in seiner rechtlichen Beurteilung – sowohl der Vertreter der Erst- als auch der Zweitbeklagten „das Auftreten von Rissen für unwahrscheinlich hielten“. Soweit in diesem Zusammenhang in Wahrheit die erstinstanzliche Beweiswürdigung bekämpft und auf Ergebnisse des Beweisverfahrens (etwa auf das in erster Instanz eingeholte Gutachten oder auf Zeugenaussagen in diesem sowie einem anderen Verfahren) abgestellt wird, übersehen die Kläger, dass der Oberste Gerichtshof keine Tatsacheninstanz ist (vgl RS0042903 [T5]; RS0043371 [T24]).
2.2. Warum das Berufungsgericht den Verjährungsbeginn ausgehend vom festgestellten Sachverhalt unrichtig beurteilt haben soll, wird nicht nachvollziehbar dargelegt (RS0043603). Die Revisionswerber gehen auf das Argument, wonach evident gewesen sei, dass die einige Wochen nach Abschluss der erkennbar im Verantwortungsbereich der Erstbeklagten vorgenommenen „Regulierungsarbeiten“ aufgetretenen Risse im Zusammenhang mit diesen Arbeiten gestanden seien, nicht ein. Sie zeigen damit nicht auf, dass das Berufungsgericht die – jeweils im Einzelfall zu beantwortende (vgl RS0034524 [T10, T23, T32, T41, T47, T52, T55) – Frage, wann der Sachverhalt soweit bekannt war, dass eine Klage mit Aussicht auf Erfolg erhoben werden hätte können, unrichtig beurteilt hätte.
3. Welche Zielrichtung die Ausführungen zum Vertrag mit Schutzwirkung zugunsten Dritter haben sollen, ist nicht erkennbar, wurde die Haftung der Zweitbeklagten doch ohnehin bejaht. Warum sich aus dem zwischen Erst- und Zweitbeklagten abgeschlossenen Werkvertrag eine Haftung der Erstbeklagten (als Werkbestellerin) gegenüber den Klägern ergeben soll (ein darauf gestützter Ersatzanspruch wäre im Übrigen verjährt), erschließt sich nicht.
4. Das Ergebnis der Anwendung des § 273 ZPO (zur Festlegung der Höhe des von der Erstbeklagten zu zahlenden Benutzungsentgelts für die Inanspruchnahme eines Teils des Grundstücks der Kläger; gegenüber den weiteren Beklagten verfolgen sie diese Ansprüche erkennbar nicht mehr) ist zwar mit Rechtsrüge überprüfbar (RS0040341), hängt aber von den Umständen des Einzelfalls ab, sodass Fragen dazu regelmäßig keine über den konkreten Rechtsstreit hinausgehende Bedeutung zukommt (RS0040341 [T12]). Eine iSd § 502 Abs 1 ZPO erhebliche Rechtsfrage vermögen die Kläger, die nicht einmal darlegen, welcher höhere Betrag ihrer Meinung nach angemessen gewesen wäre, nicht aufzuzeigen.
5. Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 41 iVm 50 ZPO.
II. Zur Revision der Zweitbeklagten:
1. Die Zweitbeklagte geht in dritter Instanz selbst davon aus, dass der von ihr mit der Erstbeklagten abgeschlossene Werkvertrag Schutzpflichten gegenüber den Klägern (hinsichtlich deren – von den Unterfangungsarbeiten bzw dem Bodenaustausch betroffenen – Hauses) entfaltet; sie wendet sich aber gegen den Vorwurf schuldhaften Fehlverhaltens und spricht damit eine iSd § 502 Abs 1 ZPO erhebliche Rechtsfrage an. Eine Haftung aufgrund einer Verletzung dieser Pflichten setzte jedenfalls voraus, dass sie eine – hinsichtlich des Gebäudes der Kläger – erkennbar schadensgeneigte Arbeitsmethode angewendet hätte, obwohl eine weniger schadensträchtige Methode zur Verfügung gestanden wäre und sie dies als Fachunternehmen erkennen hätte können. In diesem Fall wäre von der Zweitbeklagten zu erwarten gewesen, dass sie die Erstbeklagte auf das Bestehen einer solchen alternativen Methode hinweist. Wäre sie dieser Hinweispflicht gegenüber ihrer Vertragspartnerin nachgekommen und hätte sich damit vertragskonform verhalten, könnte sie dies auch den Klägern als vom Schutzbereich des Vertrags umfassten Dritten entgegenhalten (vgl RS0013961; RS0037785 [T13]). Gleiches gilt, wenn sie zu einem solchen Hinweis objektiv gar nicht verpflichtet war.
2. Ob die (fachkundigen) Mitarbeiter der Zweitbeklagten wissen mussten, dass die alternative Methode deutlich weniger schadensgeneigt war, als die tatsächlich angewendete, kann auf Basis des festgestellten Sachverhalts nicht abschließend beurteilt werden. Entscheidend ist der an den durchschnittlichen Fachmann aus dem (Berufs-)Gebiet der Zweitbeklagten anzulegende Sorgfaltsmaßstab des § 1299 ABGB. Dieser ist objektiv anhand der Leistungsstandards der betreffenden Berufsgruppe zu bestimmen; es kommt auf die übliche Sorgfalt jener Personen an, die die betreffende Tätigkeit ausüben, wobei für mangelnde Kenntnisse und Fähigkeiten einzustehen ist (vgl RS0026524; RS0026535). Mangels Feststellungen zu den in der Branche der Zweitbeklagten üblichen Kenntnissen (bezogen auf die weniger schadensträchtige alternative Arbeitsmethode) ist eine Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen unumgänglich, um den gegen diese gerichteten – auch eine Tatfrage beinhaltenden (vgl RS0026418) – Vorwurf eines Sorgfaltsverstoßes abschließend beurteilen zu können.
3. Wenn die Kläger (auch) in ihrer Revisionsbeantwortung unterstellen, die Zweitbeklagte habe die Schäden „bewusst in Kauf genommen“, sind sie auf die Behandlung ihrer Revision zu verweisen. Aufgrund welcher (festgestellten) Tatsachen es zu einer – nach dazu verschuldensunabhängigen – deliktischen Haftung kommen könnte, wird nicht nachvollziehbar erklärt.
4. Im fortgesetzten Verfahren wird gegebenenfalls weiters zu klären sein, ob das (allenfalls sorgfaltswidrige) Unterlassen eines Hinweises darauf, dass auch eine weniger „gefährliche“ Arbeitsmethode zur Verfügung gestanden wäre, für das schädigende Ereignis (den „abschnittweisen Bodenaustausch“) überhaupt ursächlich war, oder ob die „gefährlichere“ Methode von der Erstbeklagten auch bei entsprechender Aufklärung gewählt worden wäre. Dieser
Kausalzusammenhang zwischen behaupteter Verletzung einer vertraglichen (Neben-)Pflicht und dem letztlich schädigenden Ereignis ist bereits im Feststellungsprozess zu prüfen und von jenem Ursachenzusammenhang zu unterscheiden, der zwischen dem – nur hilfsweise geltend gemachten – konkreten Schaden und dem schädigenden Ereignis besteht (RS0111722 [T2] = 2 Ob 277/08m).
5. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52
ZPO.
|
JJT_20201215_OGH0002_0010OB00049_20T0000_000
|
ECLI:AT:OGH0002:2020:0010OB00049.20T.1215.000
|
1Ob49/20t
|
Justiz
|
OGH
|
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201215_OGH0002_0010OB00049_20T0000_000/JJT_20201215_OGH0002_0010OB00049_20T0000_000.html
| 1,607,990,400,000
| 1,701
|
Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Familienrechtssache der Antragstellerin S*****, vertreten durch die Mag. iur. Oliver Lorber Rechtsanwalts GmbH, Klagenfurt, gegen den Antragsgegner K*****, vertreten durch Dr. Peter Krassnig, Rechtsanwalt in Klagenfurt, wegen Aufteilung des ehelichen Gebrauchsvermögens und der ehelichen Ersparnisse, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Antragsgegners gegen den Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt als Rekursgericht vom 12. August 2019, GZ 4 R 357/18v-166, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Völkermarkt vom 22. Oktober 2018, GZ 1 Fam 13/17d-125, in der Fassung des Berichtigungsbeschlusses vom 12. November 2018, teilweise abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Der Antragsgegner ist schuldig, der Antragstellerin die mit 1.612,50Â EUR bestimmten Kosten (darin 268,75Â EUR USt) des Fortsetzungsantrags binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Über das Vermögen des Mannes war, nachdem er gegen die Entscheidung des Rekursgerichts über die nacheheliche Aufteilung das Rechtsmittel des außerordentlichen Revisionsrekurses erhoben hatte, mit Beschluss des Bezirksgerichts Bleiburg vom 25. Oktober 2019, AZ S 6/19y, das Schuldenregulierungsverfahren eröffnet, ihm (als Schuldner) die Eigenverwaltung entzogen und ein Masseverwalter bestellt worden. Wegen der deswegen – nach Vorlage des Akts – eingetretenen Unterbrechung des Revisionsrekursverfahrens hatte der Oberste Gerichtshof den Akt vorerst dem Erstgericht zurückgestellt (1 Ob 185/19s). Die Antragstellerin stellte einen (verbesserungsbedürftigen) Fortsetzungsantrag.
Mittlerweile wurde (nach Aufhebung des Insolvenzeröffnungsbeschlusses durch das Rekursgericht im Insolvenzverfahren) der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Mannes vom Konkursgericht erster Instanz abgewiesen und dem vom Antragsgegner erhobenen Rekurs gegen diese Entscheidung nicht Folge gegeben. Der bestätigende Beschluss des Rekursgerichts wurde am 4. 12. 2020 in der Ediktsdatei bekannt gemacht.
Damit sind die Insolvenzwirkungen entfallen.
Für die Fortsetzung ist im hier zu beurteilenden Fall kein Aufnahmeantrag einer der Parteien zu verlangen (s etwa 4 Ob 28/74 = EvBl 1974/267 = RIS-Justiz RS0063972; Schubert in Konecny/Schubert, Kommentar zu den Insolvenzgesetzen § 7 Rz 45, 59; Bartsch/Pollak³ I 361 f; zuletzt Jelinek in Koller/Lovrek/Spitzer, IO § 7 Rz 34; offenlassend 8 Ob 41/13g; aA aus Gründen der Rechtssicherheit Fink in Fasching/Konecny3 § 159 ZPO Rz 78 mwH; Riel, Die Befugnisse des Masseverwalters im Zivilverfahrensrecht 139). Der Antragsgegner hat seinen außerordentlichen Revisionsrekurs bereits vor der (mittlerweile wieder weggefallenen) Insolvenzeröffnung eingebracht. Fragen einer möglichen Verletzung des rechtlichen Gehörs können sich damit nicht stellen. Der mit verfahrensleitendem Beschluss des erkennenden Senats vom 27. 11. 2020 erteilte Verbesserungsauftrag zu dem von der Frau während der aufrechten Wirkungen der Insolvenzeröffnung gestellten Fortsetzungsantrag ist damit hinfällig und es kann sofort auf das Rechtsmittel des Mannes eingegangen werden.
Rechtliche Beurteilung
Der vom Antragsgegner gegen den Aufteilungsbeschluss des Rekursgerichts erhobene außerordentliche Revisionsrekurs ist nicht zulässig, weil darin keine im Sinn des § 62 Abs 1 AußStrG erhebliche Rechtsfrage angesprochen wird.
1. Die im Zusammenhang mit der Erledigung der Beweisrüge durch das Rekursgericht behauptete Mangelhaftigkeit des Verfahrens liegt nicht vor (§ 71 Abs 3 AußStrG).
Wie vom Rekursgericht dargelegt, vom Revisionsrekurswerber aber zu Unrecht in Abrede gestellt, entsprachen seine Darlegungen im Rekurs an einigen Stellen nicht den Anforderungen an eine gesetzmäßig ausgeführte Beweisrüge. Sie waren teilweise mit der Behauptung einer fehlenden „gehörigen Ermittlung“ durch das Erstgericht – also dem Vorwurf einer Mangelhaftigkeit des Verfahrens erster Instanz – vermengt. Nicht immer wurden angestrebte Ersatzfeststellungen genannt. Entgegen seiner Behauptung, er habe „zu jedem Punkt ausführlich begründet“, „warum die von [ihm] erwähnten Argumente glaubwürdiger und nachvollziehbarer seien“, kann – wie dies an etlichen Stellen der Fall war – die schlichte Forderung, dass die begehrte Ersatzfeststellung „aus [seiner] Aussage [oder der eines Zeugen] zu treffen gewesen“ wäre, höchstens ein Beleg für das Vorhandensein eines Beweismittels, aber keine Argumentation zu dessen höherer Überzeugungskraft im Vergleich zu anderen (entgegenstehenden) Beweismitteln sein. Noch weniger kann die Behauptung, eine Feststellung wäre „aus“ von ihm „vorgelegten“ – aber nicht näher bezeichneten – „Urkunden zu treffen gewesen“, genügen.
Dass sich das Rekursgericht mit der Beweiswürdigung des Erstgerichts „nicht zufriedenstellend“ (so sein Vorwurf im Revisionsrekurs) auseinandergesetzt habe, mag – aus seiner Sicht und bezogen auf die Erfolglosigkeit seiner Beweisrüge – zutreffen. Es kommt aber nicht auf die Länge der Ausführungen des Rechtsmittelgerichts an, sondern darauf, ob es sich – soweit die Tatsachenrüge überhaupt gesetzmäßig ausgeführt ist – mit deren Argumentation, wenn auch mit knappen, aber doch logisch nachvollziehbaren Erwägungen befasst hat. Ein Eingehen auf jedes einzelne Argument ist nicht erforderlich (s nur Lovrek in Fasching/Konecny³ § 503 ZPO Rz 79 mit Judikaturnachweisen). Wenn der Mann über weite Strecken im Rekurs vor allem seine eigene Glaubwürdigkeit ins Treffen führte und seine Argumentationsketten dazu immer wieder auch auf nicht festgestellte Umstände stützte (wie etwa die bloße Behauptung, er habe „viele Lebensmittel selbst eingekauft“ und auch „viel von seinen Eltern bekommen“), vermag er eine unterbliebene (oder gänzlich unzureichende) Behandlung der Beweisrüge durch das Rekursgericht, das auf das „lebensnahe Hinterleuchten“ durch den Erstrichter und dessen beispielhaftes Herausstreichen bestimmter (auch vom Rekursgericht erwähnter) für den Wahrheitsgehalt sprechender Beweisergebnisse hinwies, vor allem aber darauf, dass sich der Erstrichter nach ausführlichen Einvernahmen der Parteien und Zeugen einen persönlichen Eindruck hatte verschaffen können, nicht aufzuzeigen.
2. Das Schwergewicht des Revisionsrekurses liegt im Tatsachenbereich. Die Beweiswürdigung kann aber vom Obersten Gerichtshof nicht überprüft werden. Auch im Außerstreitverfahren ist der Oberste Gerichtshof nämlich nur Rechts- und nicht Tatsacheninstanz (RS0006737; RS0007236). In das Gebiet der Beweiswürdigung fallen nach ständiger Rechtsprechung auch die Fragen, ob das eingeholte Sachverständigengutachten die von den Vorinstanzen getroffenen Feststellungen rechtfertigt, dieses erschöpfend ist, noch weitere Fragen an den Sachverständigen zu richten gewesen wären, ein weiteres Sachverständigengutachten zu dem selben Thema eingeholt werden oder Kontrollbeweise aufgenommen werden sollen (RS0043320, RS0043163).
3. Soweit der Mann von „falsch gelösten Beweisfragen“ ausgeht und sich in unzulässiger Weise an mehreren Stellen des Rechtsmittels vom festgestellten Sachverhalt entfernt, ist (auch) der Revisionsrekurs nicht gesetzmäßig ausgeführt (vgl RS0043603 [T2]).
Herausgegriffen sei etwa, dass vorehelich nur ein (vereinbarungsgemäß) „gemeinsam angesparte[s]“ Vermögen bestand, das von den vormaligen Lebensgefährten daher auch gemeinsam in die Ehe eingebracht worden war. Auf einen bestimmten von ihm allein – und daher ihm vorweg allein zuzuweisenden oder zuzurechnenden – angesparten Geldbetrag kann der Mann damit nicht verweisen. Ob die gemeinsamen vorehelichen Ersparnisse, die in einer während der Ehe erworbenen und bebauten Liegenschaft fortwirken, mit ihrem anteiligen Wert rechnerisch jedem vorweg zur Hälfte zuzuweisen gewesen wären oder nach dem angewendeten Aufteilungsschlüssel 1:1 (dazu später) aufgeteilt werden, bleibt ohne Auswirkung auf die Entscheidung.
4. Seine Argumentation rund um „sein Unternehmen“ bzw dessen Erträgnisse scheitert aus mehreren Gründen. So wie bei den vorehelichen Ersparnissen geht er zu den ehelichen Ersparnissen (es sei „wohl nicht zu bezweifeln, dass die von [ihm] angesparten Gelder aus den Erträgen des von [ihm] geführten Unternehmens stammen“) nicht von den getroffenen Feststellungen aus, wonach es sich beim Sparvermögen um „gemeinsames Vermögen der Parteien“ handelte und „die Geldbeträge aus den gemeinsamen Ersparnissen der Parteien“ stammten. Ungeachtet dessen hat das Erstgericht – wenn auch disloziert in dem der rechtlichen Beurteilung zugeordneten Teil seiner Ausführungen – überdies festgestellt, dass die Stilllegung seines Einzelunternehmens im Jahr 2013 erfolgte. Damit wäre in Ansehung der Scheidung im Jahr 2016 die Einbeziehung jener Vermögenswerte ohnehin unbedenklich, fehlten doch Behauptungen des Antragsgegners zu einer Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft vor der Stilllegung des Unternehmens (vgl RS0115569). Er behauptet auch nicht, dass ein bloß vorübergehender Stillstand vorläge und er die ernsthafte Absicht hätte, das Unternehmen wieder zu betreiben. Unerfindlich bleibt schließlich, warum er von „eingebrachtem unternehmerischen Vermögen“ ausgeht. Die Ehe war im Jahr 1988 geschlossen worden; der Mann, der zuvor als Dienstnehmer beschäftigt gewesen war, gründete sein Einzelunternehmen erst im Jahr 2002.
5. Bei dem vom Mann „vorweg“ an die Frau bezahlten Betrag von 15.000 EUR kam es durch die Entscheidungen der Vorinstanzen keineswegs dazu, dass „das von [ihm] bereits bezahlte Geld noch[mals] aufgeteilt“ worden wäre. Dieser Betrag ist vielmehr – in beiden Instanzen – ohnehin von dem der Frau zustehenden Anteil an der Aufteilungsmasse (als ihr bereits zugekommen) zur Gänze abgezogen worden; in der Berechnung des Rekursgerichts ist er im Gesamtbetrag von (gerundet) 26.794 EUR enthalten.
6. Auch zum herangezogenen Aufteilungsschlüssel 1:1 kann der Mann – auf Basis des tatsächlich festgestellten Sachverhalts – keine Bedenken wecken. Die (schuldlos geschiedene) Frau gebar während der Ehe zwei weitere Kinder, betreute die drei gemeinsamen Kinder, führte den ehelichen Haushalt, dessen Kosten sie überdies überwiegend alleine trug, und war (trotzdem) zwischen Karenzzeiten und ab dem Jahr 2002 teilzeitbeschäftigt. Angesichts der von ihr allein bewältigten gemeinschaftlichen Aufgaben und ihrer beruflichen Tätigkeit liegt – trotz der unentgeltlichen Arbeitsleistungen der Verwandten des Mannes (aber auch des Vaters der Frau) und ihrem geringeren Verdienst – darin, dass insgesamt von gleichwertigen Beiträgen ausgegangen wurde, keine Überschreitung des dem Rekursgericht eingeräumten Beurteilungsspielraums (vgl RS0057969).
7. Bei seiner Kritik zu einem angeblichen (auch im Einzelfall aufzugreifenden) Fehler bei der Ermittlung des „Guthabensstand(s) der Sparbücher“ (weil die Verwendung der abgehobenen Beträge hätte ermittelt werden müssen) ignoriert er die dazu getroffene (Negativ-)Feststellung. Das Erstgericht konnte nicht feststellen, dass diese Gelder für Investitionen in die Liegenschaften, Kosten des täglichen Lebens der Parteien oder Rechnungen für Umbau- oder Sanierungsarbeiten verwendet worden oder damit Rückzahlungen der Kreditverbindlichkeiten der Parteien oder Kinder vorgenommen worden wären. Für eine von ihm angenommene „doppelte Benachteiligung“ bei der Übertragung von ihm gehörenden Viertelanteilen einer bestimmten Liegenschaft fehlt wiederum, wie auch zu seinem Vorwurf, es seien seine „zahlreichen, gegenüber anderen Firmen eingegangenen Verpflichtungen“ – zu denen er aber gar nicht angibt, um welche wem gegenüber eingegangene Verpflichtung(en) in welcher Höhe es sich jeweils (oder auch nur insgesamt) handeln sollte – nicht berücksichtigt worden, eine Sachverhaltsgrundlage. Warum darin, dass nicht „sämtliche Schulden, für die [er] hafte, berücksichtigt“ worden seien, eine (gravierende) Fehlbeurteilung liegen sollte, ist angesichts der vom Rekursgericht zugrundegelegten Tatsache, dass der (ohnehin berücksichtigte) Betrag von 42.240 EUR die „aus den ehelichen Vermögensverhältnissen einzig offene Geldverbindlichkeit“ war, nicht nachvollziehbar; das Erstgericht hatte zum Bestehen weiterer Schulden eine Negativfeststellung getroffen.
8. Eine erhebliche Rechtsfrage kann zuletzt auch nicht in der unterbliebenen Berücksichtigung einer Ersparnis der Frau im Hinblick auf Kosten für die „Neuschaffung eines Wohnraums“, Übersiedlungskosten und des „Benützungsvorteil[s]“ der Frau (der die Liegenschaftsanteile überdies zugewiesen wurden), liegen, zumal sich der Mann nicht ansatzweise mit der (unter Verweis auf höchstgerichtliche Judikatur erteilten Erläuterung des Rekursgerichts zu den Konsequenzen seiner Wegweisung auseinandersetzt und auch nicht darlegt, wozu die gewünschte Berücksichtigung führen könnte.
9. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG).
10. Der während der aufrechten Wirkungen der Insolvenzeröffnung gestellte Fortsetzungsantrag der Antragstellerin war zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendig. Im Revisionsrekursverfahren unterlag der Mann zur Gänze und hat daher die auf Basis des (richtigen) Revisionsrekursinteresses (dies betrifft nur mehr den angestrebten Entfall der Übertragung einer bestimmten Liegenschaft und seines Viertelanteils an einer anderen Liegenschaft, sowie eines Teils eines Sparguthabens an die Frau) bemessenen Kosten zu ersetzen.
|
Subsets and Splits
No community queries yet
The top public SQL queries from the community will appear here once available.