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JJT_20200423_LG00003_03400R00028_20Z0000_000
ECLI:AT:LG00003:2020:03400R00028.20Z.0423.000
34R28/20z
Justiz
LG für ZRS Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200423_LG00003_03400R00028_20Z0000_000/JJT_20200423_LG00003_03400R00028_20Z0000_000.html
1,587,600,000,000
3,079
Kopf Das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht erkennt durch die Richterinnen VPräs. Dr. Beatrix Engelmann als Vorsitzende sowie Mag. Ulf Marschner und Dr. Christine Marka in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. P***** GmbH, *****, 1010 Wien, vertreten durch pfletschinger.renzl, Rechtsanwalts-Partnerschaft in Wien, wider die beklagte Partei E***** K*****, Pensionistin, *****, 1210 Wien, vertreten durch Mag. Christoph Marik, Rechtsanwalt in Mödling, über die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Floridsdorf vom 11.12.2019, 28 C 258/19y-10, zu Recht: Spruch Der Berufung wird nicht Folge gegeben. Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei deren mit 1.215,48 Euro bestimmte Kosten (darin 202,58 Euro USt) des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen. Die ordentliche Revision ist zulässig. Text E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e : Die Klägerin ist ein auf internationale Erbenermittlung und historische Recherchen spezialisiertes Unternehmen. Nach einem Aufruf des Verlassenschaftsgerichtes an unbekannte Erben ihre Ansprüche im Verlassenschaftsverfahren geltend zu machen, eruierte die Klägerin innerhalb eines Tages die Beklagte und deren Schwester als Cousinen des Verstorbenen. Die Beklagte hatte von der Existenz ihres Cousins keine Kenntnis gehabt. Die Klägerin teilte der Beklagten schriftlich mit, es bestehe die begründete Annahme, dass sie erbberechtigt sei und bat um Kontaktaufnahme. Daraufhin suchte die Beklagte die Geschäftsräumlichkeiten der Klägerin auf. Dort wurde ihr anhand eines Stammbaumes erläutert, dass sie eine der Erbinnen des verstorbenen Cousins sei. Danach unterfertigte sie folgende Vereinbarung: „Die Dr. P***** GmbH erhält für ihre Ermittlungstätigkeit, die zu meiner Ermittlung als Berechtigte führte, eine Vergütung von 25 % vom Wert des mit als Berechtigter vor Abzug der Steuer zufallenden Vermögens zuzüglich gesetzlicher Umsatzsteuer. Die Vergütung ist zahlbar bei Auszahlung oder eigentumsrechtlicher Übernahme der Vermögenswerte.“ Die Beklagte unterfertigte auch eine Vollmacht für eine Rechtsanwalts GmbH für das Verlassenschaftsverfahren. In dieser war festgehalten, dass durch die Vertretung keine Kosten für den Vollmachtgeber entstehen. Im Zeitpunkt der Unterfertigung gingen die Beklagte und der Geschäftsführer der Klägerin davon aus, dass weder das Verlassenschaftsgericht noch der Gerichtskommissär von der Erbenstellung der Beklagten wusste. Tatsächlich war dem Gerichtskommissär der Name und die Adresse der Beklagten bereits bekannt; kurze Zeit nach dem Termin bei der Klägerin erhielt die Beklagte eine Ladung zu einer Inventur- und Schätzungstagsatzung. Hätte sie gewusst, dass dem Gerichtskommissär ihr Name und ihre Adresse bereits bekannt waren, hätte sie die Vereinbarung nicht unterfertigt. Mit Schreiben vom 22.2.2018 gab die bevollmächtige Rechtsanwalts GmbH dem Gerichtskommissär unter Vorlage von Personenstandsurkunden die Beklagte als weitere Erbberechtigte bekannt; eine Erbantrittserklärung wurde vorbehalten. Eine weitere Tätigkeit entfaltete die Rechtsanwalts GmbH nicht, weil die Beklagte die Vollmacht widerrufen hatte. Die Beklagte erhielt am 7.3.2019 einen Betrag von 95.647,23 Euro aus der Verlassenschaft. Die Klägerin begehrt eine Vergütung von 7.920 Euro brutto. Die Beklagte wandte ein, dass die Ermittlungstätigkeit der Klägerin nutzlos gewesen sei, weil sie vom Gerichtskommissär über ihre Stellung im Verlassenschaftsverfahren informiert worden sei. Zudem habe die Klägerin nach Vertragsabschluss keinerlei Leistungen im Zusammenhang mit dem Verlassenschaftsverfahren erbracht. Die Beklagte habe außerdem von ihrem Rücktrittsrecht nach § 3 KSchG Gebrauch gemacht. Zudem sei die Vereinbarung gemäß § 879 Abs 2 Z 4 ABGB nichtig, weil die Beklagte rechtlich unerfahren sei und angesichts der in Aussicht gestellten hohen Erbschaft eine Gemütsaufregung vorgelegen sei, was von der Klägerin ausgenützt worden sei, indem sie sich eine unverhältnismäßig hohe Gegenleistung versprechen habe lassen. Der Vertrag sei auch gemäß § 879 Abs 1 ABGB nichtig. Die Beklagte habe sich im Übrigen darüber geirrt, dass erst das weitere Tätigwerden der Klägerin dazu führen werde, dass die Beklagte als Erbin im Verlassenschaftsverfahren bekannt werde. Dieser Irrtum sei durch die Klägerin veranlasst worden. Deren Geschäftsführer habe sie nicht darüber aufgeklärt, dass das Aufsuchen von Erben zur Tätigkeit eines Gerichtskommissärs zähle und daher die in Aussicht gestellte Tätigkeit der Klägerin sinnlos sein könnte. Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht die Klage ab. Es begründete dies damit, dass Gegenstand der zu honorierenden Tätigkeit der Klägerin nicht bloß die Namhaftmachung des Erblassers gegenüber der Beklagten gewesen sei, sondern auch deren Namhaftmachung und ihre anwaltliche Vertretung im Verlassenschaftsverfahren; beide Leistungen bildeten eine unteilbare Einheit. Da dem Gerichtskommissär die Identität der Beklagten im Zeitpunkt der Unterfertigung der Vereinbarung bereits bekannt gewesen sei, habe die Klägerin für die Beklagte nicht mehr „verdienstlich“ werden können. Darüber hinaus habe der Geschäftsführer der Klägerin durch die Vorlage der Honorarvereinbarung einen wesentlichen Geschäftsirrtum veranlasst. Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Klägerin. Sie strebt eine Klagsstattgebung an; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt. Die Beklagte beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben. Rechtliche Beurteilung Die Berufung ist nicht berechtigt. Die Berufungswerberin argumentiert zusammengefasst, dass von ihr keine weiteren Leistungen zu erbringen gewesen seien. Nach dem Vertragsinhalt sei die Vergütung allein dafür zu leisten, dass die Beklagte als Erbberechtigte ausgeforscht und die Klägerin ihr dies mitgeteilt bzw dargelegt habe. Die Auffassung, dass der Vergütungsanspruch erst entstehe, wenn die Beklagte auch im Verlassenschaftsverfahren vertreten werde und ihre Berechtigung an den Gerichtskommissär bekannt gegeben werde, führe zu dem absurden Ergebnis, dass sich die Beklagte ihrer Zahlungspflicht dadurch entledigen könne, dass sie ihre Erbenstellung selbst anzeige. Dazu wurde erwogen: 1.1 Es kann dahingestellt bleiben, ob die Erbenermittlung und die Namhaftmachung der Beklagten sowie ihre weitere anwaltliche Vertretung im Verlassenschaftsverfahren als einheitliche Leistung anzusehen ist. Selbst wenn dies der Fall wäre, folgte daraus nicht der Verlust des Entgeltanspruchs. Denn die Klägerin hat den ersten Teil ihrer Leistung bereits dadurch erbracht, dass sie die Beklagte als Erbin ermittelt und ihr diese Information mitgeteilt hat. Dass die Klägerin keinen kausalen Beitrag für den Erhalt des Erbteils geleistet hat, steht dem Entgeltanspruch nicht entgegen; der Erbenermittler muss nicht „verdienstlich“ werden. Es besteht nämlich keine Ähnlichkeit zum Maklervertrag. Denn die Tätigkeit des Erbensuchers ist regelmäßig schon beendet, wenn er an einen Erben herantritt. Eine Möglichkeit auf einen Vertragsabschluss oder sonst auf die Willensbildung eines Dritten einzuwirken besteht für den Erbenermittler, anders als für einen Makler, gerade nicht. Die Leistung des Erbenermittlers liegt vielmehr im Aufdecken von bisher unbekannten Erbrechtsverhältnissen durch genealogische Recherche. Letztlich verkauft er die von ihm recherchierten Ebrechtsinformationen an den ausgeforschten Erben und übergibt ihm die zum Nachweis seiner Erbenstellung erforderlichen Urkunden. Im Zeitpunkt dieses Verkaufs hat der Erbenermittler daher seine Leistungen idR schon erbracht. Das Gesagte gilt auch im gegenständlichen Fall; weitere Leistungen hatte die Klägerin selbst daher nicht zu erbringen. 1.2 Die weitere anwaltliche Vertretung der Beklagten im Verlassenschaftsverfahren unterblieb allein wegen des Widerrufs der Vollmacht. Da der Grund für das Unterbleiben in der Sphäre der Beklagten lag, gebührt der Klägerin jenes Entgelt, das ihr im Falle der Ausführung des Vertrages zugekommen wäre (§ 1168 ABGB analog; vgl RIS-Justiz RS0021856, RS0019821). Durch den Widerruf der Vollmacht trat die Fälligkeit des Vergütungsanspruchs sofort ein, weil in den Fällen einer Abbestellung feststeht, dass das zu besorgende Geschäft endgültig unterbleibt (vgl RS0021845, RS0021826). Der Unternehmer muss sich zwar gemäß § 1168 ABGB anrechnen lassen, was er sich erspart hat; er muss dies aber nicht von sich aus machen (vgl RS0112187); vielmehr hat der Besteller zu behaupten und zu beweisen, was sich der Unternehmer anrechnen lassen muss (vgl RS0021768, RS0021904). Die Beklagte hat dazu nichts vorgebracht. 2.1 Zur Irrtumsanfechtung: Nach § 871 ABGB berechtigt ein Irrtum über die Natur des Geschäfts, über eine für das Geschäft bedeutsame Eigenschaft (oder Identität) der Person des Geschäftspartners, sowie über den Inhalt (Gegenstand) des Rechtsgeschäfts, grundsätzlich aber nicht ein Motivirrtum, zur Anfechtung des Vertrages (vgl RS0014910). Wird die Anfechtung auf einen Geschäftsirrtum gestützt, muss sich die unrichtige Vorstellung auf einen innerhalb des Geschäfts liegenden Punkt beziehen (vgl RS0014901). Die Beklagte machte geltend, sie sei bei der Unterfertigung irrtümlich davon ausgegangen, dass ihr Name und ihre Adresse dem Gerichtskommissär noch nicht bekannt waren. Ihr Beweggrund war also, dass ihr Informationen über ihre Erbenstellung zukommen, die dem Gerichtskommissär noch unbekannt waren. Dieser Irrtum betrifft den Grund und nicht den Inhalt des Parteiwillens; ein solcher Irrtum bildet einen Motivirrtum (vgl RS0014902). Ein Motivirrtum aber berechtigt nicht zur Anfechtung eines entgeltliches Vertrages nach § 871 ABGB (vgl § 901 2. Satz ABGB). Die Möglichkeit, den Beweggrund gemäß § 901 ABGB zur Bedingung zu erheben, haben die Parteien nicht in Anspruch genommen. 2.2 Gemäß § 871 Abs 2 ABGB gilt der Irrtum eines Teils über einen Umstand, über den ihn der andere nach geltendem Recht hätte aufklären müssen, immer als Irrtum über den Inhalt des Vertrags und nicht bloß als solcher über den Beweggrund oder den Endzweck. Unter die Fiktion des Abs 2 fallen grundsätzlich nur gesetzlich normierte Aufklärungspflichten. Doch soll auch bei Verletzung von aus allgemeinen Grundsätzen abgeleiteten Aufklärungspflichten ein Geschäftsirrtum vorliegen (vgl Bollenberger in KBB5 § 871 Rz 13 mwN). Danach wäre ein Irrtum über einen Umstand, über den nach der getroffenen Verabredung oder nach der Verkehrsauffassung aufzuklären wäre, immer ein Geschäftsirrtum ( vgl 8 Ob 19/12w; 4 Ob 9/12w = RS0016184 [T7]). Andererseits ist zu beachten, dass es keine allgemeine Rechtspflicht gibt, den Vertragspartner über alle Umstände aufzuklären, die für die rechtsgeschäftliche Willensbildung von Bedeutung sein könnten. Im vorliegenden Fall hieße es die vorvertraglichen Aufklärungspflichten der Klägerin zu überspannen, wollte man von ihr verlangen, die Beklagte darauf hinzuweisen, welche Aufgaben dem Gerichtskommissär in Österreich zukommen. Zudem hat die Beklagte nicht vorgebracht, dass sie den Vertrag nicht geschlossen hätte, wäre sie darüber aufgeklärt worden. Ein Irrtum, der zur Anfechtung berechtigt, liegt daher nicht vor. Auf die Beweisrüge, die sich gegen die Negativfeststellung wendet, wonach nicht festgestellt werden könne, dass der Gerichtskommissär die Meldeauskunft der Beklagten aufgrund der Bekanntgabe der Vollmachtserteilung ihrer Schwester (Anm: die ebenfalls durch die Klägerin ausgeforscht wurde) eingeholt hat, muss daher nicht eingegangen werden. 3. Zum Rücktrittsrecht nach § 3 KSchG: Abs 1 ermöglicht den Rücktritt von Vertragserklärungen, die der Verbraucher außerhalb der vom Unternehmer für dessen geschäftliche Zwecke ständig benützten Geschäftsräume abgegeben hat (Kathrein/Schoditsch in KBB5 § 3 KSchG Rz 3). Abs 2 ermöglicht den Rücktritt von in diesen Räumlichkeiten abgegebenen Erklärungen, sofern der Verbraucher dorthin befördert worden ist (vgl dieselben aaO Rz 5). Dieses Rücktrittsrecht betrifft zum einen Werbe- und Ausflugsfahrten oder ähnliche Veranstaltungen, zum anderen Fälle, in denen der Verbraucher durch gezielte Kontakte auf der Straße oder sonst in der Öffentlichkeit in die vom Unternehmer benützten Geschäftsräume gelockt wird. Dem Erstgericht ist darin beizupflichten, dass die schriftliche Einladung der Beklagten den in § 3 Abs 2 KSchG genannten Fällen mangels Überrumpelung nicht gleichzuhalten ist. 4.1 Das Erstgericht hat eine wucherische Vereinbarung verneint, weil kein auffallendes Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung vorliege. Dazu verwies es auf die Entscheidung 7 Ob 155/00w. In dieser bejahte der Oberste Gerichtshof – unter Hinweis auf 1 Ob 2168/96x - einen Anspruch aus Geschäftsführung ohne Auftrag (GoA) und sprach dem Erbensucher ein „branchenübliches Entgelt“ zu, welches nach den Feststellungen des Erstgerichts prozentuell bemessen werde und 20 % vom Reinnachlass (zuzüglich USt) betrage. In der deutschen Rechtsprechung wurde die Vereinbarung einer Vergütung in Höhe eines Anteils von 10 % bis 30 % vom Reinnachlass als nicht unangemessen gesehen (LG Nürnberg-Fürth vom 05.02.2007, 10 O 7175/05 mwN; vgl auch OLG Brandenburg vom 20.05.2008, 11 U 157/07, Zeitschrift für die Steuer- und Erbrechtspraxis [ZErb] 2008, 278). 4.2 Unter Hinweis auf die oben zitierte Rechtsprechung des Höchstgerichtes sollen Erbensucher Vereinbarungen über ein Entgelt von bis zu 35 % (zuzüglich USt) vom Reinnachlass vorgelegt haben (vgl Tschugguel, Unbekannte Erben: Ein gefundenes Fressen für Erbensucher in EF-Z 2014/36). Nach Ansicht des Berufungsgerichts bedeutet dies jedoch nicht, dass das verkehrsübliche Entgelt, also der (Markt-)Wert iSd § 879 Abs 2 Z 4 ABGB von Leistungen der Klägerin diesem Prozentsatz entspricht. Bereits das Berufungsgericht in dem vom Obersten Gerichtshof zu 7 Ob 155/00w entschiedenen Fall hat darauf hingewiesen, dass das von den Erben nach ihrer Ausforschung mit den Erbenermittlern vereinbarte Honorar nur bedingt für die Beurteilung der Ortsüblichkeit bzw Angemessenheit der Honorarforderung herangezogen werden könne, weil der präsumtive Erbe einem gewissen Druck zum Vertragsabschluss ausgesetzt sei. Er unterliege unter Umständen dem Eindruck, die Honorarvereinbarung schließen oder sonst mangels Aushändigung entsprechender Urkunden auf seine Erbschaft verzichten zu müssen. Dieser Druck wurde durch die zitierte oberstgerichtliche Rechtsprechung noch verschärft. Erbensucher konnten darauf verweisen, dass ihnen auch ohne Vereinbarung ein Entlohnungsanspruch aus GoA in Höhe des „branchenüblichen Entgelts“ zustehe. Der ermittelte Erbe stand also vor der Wahl entweder eine Vereinbarung mit dem Erbenermittler in Höhe des geforderten Prozentsatzes zu schließen oder aber zur Zahlung eines „branchenüblichen“ Prozentsatzes (von zumindest 20 % des Reinnachlasses) aus GoA verpflichtet zu werden (vgl Tschugguel, aaO). Erst in der Entscheidung 3 Ob 228/13w ging der Oberste Gerichtshof von dieser Rechtsprechung ab und erkannte, dass der Aufwandersatzanspruch aus nützlicher GoA nicht in einer am Wert der Verlassenschaft anknüpfenden branchenüblichen Entlohnung, sondern nur in einem Ersatz des tatsächlich entstandenen Aufwands bestehe. 4.3 Ungeachtet dessen besteht für den aufgeforschten Erben weiterhin die Zwangslage, dass er sich im Zeitpunkt des Angebotes des Erbenermittlers die angebotenen Erbrechtsinformationen nicht von Dritten besorgen kann. Der Erbenermittler kann dem Erben also die Vertragskonditionen gleichsam diktieren (vgl Limberg/Tschugguel, Ein Erbteil für den Erbensucher? Ecolex 2014, 400 [402]). Dadurch könnte aber das Entgelt im Vereinbarungsweg nach und nach hinaufgeschraubt werden, was offenbar passiert ist, zumal auch schon 35 % und 40 % vom Reinnachlass vereinbart worden sein sollen (vgl Tschugguel, aaO). Daraus folgt aber, dass diese Prozentsätze nicht den objektiven Wert der Leistung iSd § 879 Abs 2 Z 4 ABGB darstellen. 4.4 Als objektiver Wert, der dem gemeinen Wert des § 934 ABGB, also idR dem Marktpreis entspricht (vgl Reischauer in Rummel/Lukas ABGB4 § 934 Rz 28), kann aber auch nicht die Höhe des Anspruchs des vom Gerichtskommissär beauftragten Genealogen angesehen werden (vgl dazu G. Kodek, Die Suche nach unbekannten Erben im Verlassenschaftsverfahren, ÖJZ 2009, 197 [202 f]). Denn während der beauftragte Genealoge auch dann entlohnt wird, wenn er nicht fündig wird, beruht das Geschäftsmodell der Klägerin auf einer Querfinanzierung. Die Entlohnung nach erfolgreicher Suche muss in der Kostenrechnung des Erbensuchers auch den erfolglos gebliebenen Aufwand in anderen Fällen abdecken. Daher muss der Erbensucher bei Auffinden eines Erben eine (deutlich) über seinem tatsächlichen Aufwand liegende Entlohnung anstreben. Dazu kommt, dass für den Erbenermittler im Zeitpunkt seiner Leistungen nicht absehbar ist, ob es überhaupt zum Abschluss einer Honorarvereinbarung kommen wird. Der objektive Wert von Leistungen eines Erbensuchers orientiert sich daher nach Auffassung des Berufungsgerichts weder an einem Prozentsatz vom Reinnachlass (ebenso Dornis, Die Erbensuche im Rechtsvergleich zwischen Österreich und Deutschland, ZfRV 2016/6, [38]), noch nach den Stundensätzen der Genealogen. Vielmehr ist ein erhöhter Stundensatz anzulegen, der die Notwendigkeit der Querfinanzierung berücksichtigt. Ob auch ein – je nach Höhe des zufließenden Erbschaftsteils variierender - Prozentsatz im Bereich von 5 bis 10 % des Reinnachlasses gerechtfertigt sein kann, kann hier dahingestellt bleiben, weil hier mehr als das Doppelte vereinbart wurde. 4.5 Da der Anfechtende das Vorliegen der Voraussetzungen des § 879 Abs 2 Z 4 ABGB zu behaupten und zu beweisen hat (vgl RS0016912 [T2]) und sich nicht mit der bloßen Behauptung begnügen kann, dass Leistung und Gegenleistung in einem auffallenden Missverhältnis stünden (RS0016915 [T3], RS0016520), lag es an der Beklagten, den Wert der klägerischen Leistungen darzutun. Ein entsprechendes Vorbringen fehlt jedoch. Im konkreten Fall schadet das nicht, weil das Erstgericht feststellte, dass die Klägerin die Beklagte innerhalb eines Tages ausgeforscht hat. Darüber hinaus ergibt sich aus dem bereits vom Erstgericht herangezogenen, unbestritten geblieben Schreiben der Klägerin vom 22.2.2018 (./C), dass zum Nachweis der Erbenstellung der Beklagten allein das Ausheben von Personenstandsurkunden notwendig war. Dieser Aufwand rechtfertigt auch unter Berücksichtigung eines erhöhten Stundensatzes aufgrund der oben dargestellten Notwendigkeit einer Querfinanzierung keinesfalls einen Betrag in Höhe des Klagsbegehrens, umso weniger das vereinbarte Entgelt von 23.911,75 Euro (= 25 % von 95.647,23). Dies selbst dann nicht, wenn man – entgegen dem Standpunkt der Klägerin – auch die anwaltlichen Leistungen berücksichtigt. Denn dem vom Erstgericht verlesenen Verlassenschaftsakt ist zu entnehmen, dass es nach der gegenständlichen Vereinbarung nur noch zu zwei Schätzungen (6.3. und 20.3.2018), einer Safeöffnung (28.3.2018), der Errichtung des Inventars (24.8.2018) und einer Inventarsberichtigung (18.12.2018) gekommen ist. Zusammengefasst liegt daher eine grobe, leicht erkennbare Äquivalenzstörung iSd § 879 Abs 2 Z 4 ABGB vor. 4.6 Der Tatbestand des Wuchers erfordert neben der objektiven Äquivalenzstörung auch, dass der Betroffene aus gewissen Gründen verhindert gewesen sein muss, die Äquivalenz aus eigenem wahrzunehmen (RS0016947[T2]). § 879 Abs 2 Z 4 ABGB erwähnt den Leichtsinn, die Zwangslage, Verstandesschwäche, Unerfahrenheit oder Gemütsaufregung. Die Aufzählung ist nicht taxativ (Bollenberger in KBB5 § 879 Rz 20). Die Beklagte stützte sich ausdrücklich auf eine Gemütsaufregung mit der Begründung, dass ihr kurz vor Vertragsabschluss die Möglichkeit einer hohen Erbschaft in Aussicht gestellt worden sei. Das Erstgericht sah sich aufgrund der Verneinung einer Äquivalenzstörung nicht veranlasst dazu Feststellungen zu treffen. Dies schadet jedoch nicht, weil ausreichend spezifiertes Tatsachenvorbringen von der Beklagten für das Vorliegen einer Zwangslage erstattet wurde. Eine Zwangslage ist dann anzunehmen, wenn der Vertragsgegner vor die Wahl gestellt ist, in den Vertrag einzutreten oder einen Nachteil zu erleiden, der nach vernünftigem Ermessen schwerer wiegt, als der wirtschaftliche Verlust, den der Vertrag zur Folge hat (RS0104125). Die Zwangslage, die eine Anfechtung wegen Wuchers rechtfertigt, kann auch nur vorübergehend, psychisch oder vermeintlich sein und in Befürchtungen bestehen (RS0016878 [T1]). Dass die Lage, in der sich die Beklagte befand, einer solchen Zwangslage entspricht, wurde bereits unter 4.3 dargelegt. In Fällen, in welchen der Erbe nach der ersten Kontaktaufnahme durch den Erbensucher mangels näherer Kenntnis nicht von sich aus an die Erbschaft gelangen kann, befindet sich der Erbe in einer Durcksituation; er kann sich nur schwer nach einem alternativen Anbieter der Erbrechtsinformationen umsehen und ist „seinem“ Erbensucher gewissermaßen ausgeliefert. In dieser Zwangssituation ist eine ausgewogene Preisbildung für die angebotenen Erbrechtsinformationen nicht denkbar. Der Willensmangeltatbestand des § 879 Abs 2 Z 4 ABGB ist aufgrund der speziellen Zwangslage der Erben daher jedenfalls erfüllt (Limberg/Tschugguel, aaO [402]). Auch die Beklagte befand sich in der beschriebenen Zwangslage, hatte sie doch von der Existenz ihres verstorbenen Cousins keine Kenntnis. Sie glaubte daher im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses auf die Informationen der Klägerin angewiesen zu sein, wenn sie den in Ausicht gestellten Erbteil nicht wieder verlieren wollte. 4.7 Das Tatbestandsmerkmal der Ausbeutung setzt schließlich voraus, dass der Wucherer zu seiner Bereicherung eine Lage benützt, die er nicht geschaffen haben muss, die ihm aber ebenso wie das Missverhältnis von Leistungen und Gegenleistungen bewusst ist oder hätte bewusst sein müssen (RS0016894). „Ausbeuten“ kann somit auch fahrlässig erfolgen (RS0104129). Zusammengefasst muss der Wucherer die Lage des Bewucherten und das grobe Missverhältnis der Leistungen gekannt haben oder er hätte sie zumindest erkennen müssen (vgl 7 Ob 50/18f mwN). Die typische Vorgehensweise der Erbensucher, einen Erben ohne dessen Auftrag zu ermitteln um diesem dann die Erbrechtsinformationen gegen Entgelt anzubieten, bringt es regelmäßig mit sich, dass der Erbe in die soeben geschilderte Zwangslage gerät. Es ist daher davon auszugehen, dass die Klägerin sich zumindest bewusst war, dass der erfolgreiche Vertragsabschluss nur diesen besonderen Umständen zu verdanken war (vgl Limberg/Tschugguel, aaO [404]). Zusammengefasst ist die Vereinbarung vom 22.2.2018, auf die die Klägerin ihr Klagebegehren ausschließlich stützt, wegen Vorliegens des Wuchers im Sinn des § 879 Abs 2 Z 4 ABGB nichtig. Das Erstgericht hat daher das Klagebegehren im Ergebnis zu Recht abgewiesen. Der Berufung der Klägerin bleibt daher ein Erfolg versagt. Die Kostenentscheidung gründet sich auf §§ 41, 50 ZPO. Die ordentliche Revision ist zulässig, weil eine Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes zur Frage fehlt, ob ein typischerweise in einer Drucksituation vereinbartes Entgelt – hier in Form eines (höheren) Prozentsatzes vom Reinnachlass – einen Marktpreis darstellen kann (§ 502 Abs 1 ZPO).
JJT_20200124_LG00003_03600R00316_19S0000_000
ECLI:AT:LG00003:2020:03600R00316.19S.0124.000
36R316/19s
Justiz
LG für ZRS Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200124_LG00003_03600R00316_19S0000_000/JJT_20200124_LG00003_03600R00316_19S0000_000.html
1,579,824,000,000
1,686
Kopf Das Landesgericht für ZRS Wien als Berufungsgericht hat durch seinen Richter VPräs. Mag. Peter Weiß als Vorsitzenden sowie die Richterin Mag. Inge Strebl und den Richter Mag. Martin Weiländer in der Rechtssache der klagenden Partei ***** Wien, vertreten durch Dr. Erich Trachtenberg, Rechtsanwalt in 1010 Wien, wider die beklagte Partei ***** Wien, vertreten durch Grgic & Partner Rechtsanwalts GmbH in 1010 Wien, wegen zuletzt € 540,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Innere Stadt Wien vom 31.10.2019, 29 C 709/19k-10, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt: Spruch Der Berufung wird nicht Folge gegeben. Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit € 210,84 (darin € 35,14 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen. Die Revision ist jedenfalls unzulässig (§ 502 Abs 2 ZPO). Text E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e : Am 29.3.2019 ereignete sich in 1100 Wien ein Verkehrsunfall, an welchem die Klägerin als Lenkerin und Halterin des Klagsfahrzeugs Mercedes 200 mit dem behördlichen Kennzeichen W-***** und das bei der beklagten Partei haftpflichtversicherte Fahrzeug Toyota mit dem Kennzeichen W-***** beteiligt waren. Mit Mahnklage vom 4.6.2019 begehrte die Klägerin zunächst € 1.055,-- mit dem wesentlichen Vorbringen, das Alleinverschulden treffe den Lenker des Beklagtenfahrzeuges. Nach einer Teilzahlung von € 515,-- für Abschleppkosten, unfallkausale Spesen und Leihwagenspesen schränkte die Klägerin das Klagebegehren mit Schriftsatz vom 22.7.2019 auf € 540,-- s.A. für Einstellungskosten ein. Die beklagte Partei bestritt und wendete dagegen ein, es sei nicht ersichtlich für welchen Zeitraum diese Einstellungskosten geltend gemacht würden und überdies seien sie als zu hoch anzusehen, wenn man bedenke, dass ein durchschnittlicher monatlicher Mietzins für einen Garagenplatz in Wien ca € 60,-- bis € 100,-- betrage. Das Klagsfahrzeug sei von der ***** GmbH abgeschleppt worden. Dabei handle es sich um eine Kfz-Werkstätte für die ersichtlich gewesen sein müsste, dass am Klagsfahrzeug ein Totalschaden eingetreten sei. Diese Reparaturwerkstätte sei jedenfalls der Klägerin zuzurechnen. Im Übrigen sei eine Besichtigung des beschädigten Fahrzeugs durch die beklagte Partei keine Voraussetzung für eine Reparatur. Die Klägerin habe gegen ihre Schadensminderungspflicht verstoßen, in dem sie das Fahrzeug zu einem unangemessen hohen Preis auf dem Gelände der ***** GmbH abgestellt belassen habe, zumal sie die Möglichkeit gehabt habe, das Fahrzeug wesentlich günstiger, allenfalls sogar gratis, eventuell auf einem Schrottplatz, abzustellen. Die Klägerin brachte dazu vor, ihr sei nicht zumutbar, abzuschätzen, ob an ihrem Fahrzeug ein Totalschaden eingetreten sei oder nicht. Es sei auch nicht zumutbar gewesen, das Fahrzeug anderswo abzustellen, weil dann zusätzlich zu Einstellungskosten auch noch Abschleppkosten hin und retour angefallen wären, nachdem das Klagsfahrzeug nicht fahrbereit gewesen sei. Das Auflaufen von derartig hohen Einstellungsgebühren sei allein auf die Untätigkeit der beklagten Partei zurückzuführen. Mit dem angefochtenen Urteil gab das Erstgericht dem eingeschränkten Klagebegehren zur Gänze statt und verpflichtete die beklagte Partei zum Kostenersatz. Das Erstgericht traf dabei die auf den Seiten 2 bis 3 der Urteilsausfertigung ersichtlichen Sachverhaltsfeststellungen, auf die zwecks Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird. In rechtlicher Hinsicht führte das Erstgericht aus, das Alleinverschulden des Lenkers des Beklagtenfahrzeugs und somit die Haftung der beklagten Partei sei dem Grunde nach nicht strittig. Unter Berücksichtigung der Chronologie der Abläufe sei der Klägerin der begehrte Ersatz für die Einstellungsgebühren zuzubilligen, weil sie ihr Fahrzeug, das unfallbedingt nicht mehr fahrbereit war, unmittelbar nach dem Unfall in die KFZ-Werkstätte ***** GmbH einschleppen ließ und die beklagte Partei umgehend vom Schadenfall informiert wurde. Nachdem trotz Kenntnis und trotz Urgenzen der Klägerin und des Inhabers der ***** GmbH erst ein Monat später eine Besichtigung stattfand und erst zwei Wochen später die Mitteilung eintraf, dass die Beklagte von einem Totalschaden ausgehe, sei es ausschließlich in der Sphäre der beklagten Partei gelegen, dass das Fahrzeug der Klägerin für insgesamt 45 Tage abgestellt werden musste. Es sei ihr nicht zumutbar gewesen, aus eigenem abzuschätzen, ob an ihrem Fahrzeug ein Totalschaden eingetreten sei; eine verbindliche Einschätzung durch den Inhaber der Werkstätte ***** GmbH ohne Besichtigung durch die beklagte Partei habe nicht getroffen werden können. Zwecks Feststellung der Reparaturkosten und eines allfälligen Totalschadens habe eine Besichtigung durch die beklagte Partei zu erfolgen. Die Klägerin habe ihre Schadensminderungspflicht auch nicht dadurch verletzt, indem sie es unterlassen habe, ihr Fahrzeug in einer (billigeren) Garage unterzubringen. Die Klägerin habe nämlich ebenso wie die Werkstätte ***** davon ausgehen dürfen, dass - wie allgemein üblich - eine Besichtigung des Klagsfahrzeugs zeitnah zum Unfallsdatum stattfinden werde. Es wäre geradezu absurd, von der Klägerin Maßnahmen zu verlangen, die nur dann zu einer Kostenminimierung führten, wenn man bereits im Vorhinein davon ausginge, dass die beklagte Partei sich rund einen Monat für die Besichtigung Zeit lässt. Bei zügiger Bearbeitung des Schadenfalls - so wie durch andere Versicherungsunternehmen auch - wären die Einstellungskosten in überschaubarer Höhe geblieben. Gegen dieses Urteil wendet sich die Berufung der beklagten Partei aus dem Rechtsmittelgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahingehend abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde, in eventu wurde ein Aufhebungsantrag gestellt. Die klagende Partei beantragt, der Berufung nicht Folge zu geben. Rechtliche Beurteilung Die Berufung wendet sich gegen die unterbliebene Kürzung der Schadenersatzansprüche infolge Verletzung der Schadensminderungspflicht. Sie ist nicht berechtigt. In der von der Berufung zitierten Rechtssatzkette RIS-Justiz RS0027173 führt der Oberste Gerichtshof in 8 Ob 72/16w zu § 1304 ABGB aus: „Aus § 1304 ABGB ergibt sich die Verpflichtung des Geschädigten, den eingetretenen Schaden möglichst gering zu halten, wenn und soweit ihm ein entsprechendes Verhalten möglich und zumutbar ist (Schadensminderungspflicht; RIS-Justiz RS0027043). Nur eine schuldhafte Verletzung der Schadensminderungspflicht kann zur Kürzung der Ansprüche des Geschädigten führen (RIS-Justiz 0027062). Eine Verletzung der Schadensminderungspflicht liegt unter anderem dann vor, wenn der Geschädigte Handlungen unterlassen hat, die geeignet gewesen wären, den Schaden abzuwehren oder zu verringern, obwohl sie – objektiv betrachtet – von einem verständigen Durchschnittsmenschen gesetzt worden wären, um eine nachteilige Veränderung des eigenen Vermögens hintanzuhalten (2 Ob 249/08v mwN; RIS-Justiz RS0023573). (…) Der Schädiger kann jedoch nicht verlangen, dass der Geschädigte zwecks Behebung des durch den Schädiger verschuldeten Schadens auf sein Risiko und auf seine Kosten ihm nicht zumutbare Schritte unternimmt (RIS-Justiz RS0027173). Was dem Geschädigten im Rahmen der Schadensminderungspflicht zumutbar ist, bestimmt sich nach den Interessen beider Teile und den Grundsätzen des redlichen Verkehrs. Es kommt daher wesentlich auf die Umstände des Einzelfalls an (RIS-Justiz RS0027787). Das Mitverschulden im Sinn des § 1304 ABGB hat kein Verschulden im technischen Sinn zur Voraussetzung. Nicht einmal Rechtswidrigkeit des Verhaltens ist nötig, sondern nur eine für den Schadenseintritt kausale Sorglosigkeit gegenüber den eigenen Gütern. Eine Verletzung der Schadensminderungspflicht liegt unter anderem dann vor, wenn der Geschädigte Handlungen unterlassen hat, die geeignet gewesen wären, den Schaden abzuwehren oder zu verringern, obwohl sie - objektiv betrachtet - von einem verständigen Durchschnittsmenschen gesetzt worden wären, um eine nachteilige Veränderung des eigenen Vermögens hintanzuhalten. Was dem Geschädigten im Rahmen der Schadensminderungspflicht zumutbar ist, bestimmt sich nach den Interessen beider Teile und den Grundsätzen des redlichen Verkehrs. Es kommt daher wesentlich auf die Umstände des Einzelfalls an (RIS-Justiz RS0027787; 1 Ob 24/02i). Dem wiederholt zitierten Rechtssatz (RS0026970) „Ein Zuwarten mit der Reparatur bis zur Genehmigung durch den Haftpflichtversicherer ist grundsätzlich nicht gerechtfertigt“ kann in dieser Kürze jedoch keine Allgemeingültigkeit für jegliche Abwicklung von Schadensfällen durch Haftpflichtversicherer zugeschrieben werden. In der letzten Entscheidung dieser Rechtssatzkette (8 Ob 97/83) hat der Oberste Gerichtshof ausgesprochen: „Ein Reparaturauftrag muss daher, wenn sich aus der verzögerten Erteilung eines solchen Auftrags eine Vergrößerung des Schadens, z.B. durch Entstehung von Mietwagenkosten, voraussichtlich ergeben wird, so schnell wie möglich erteilt werden. Ein Zuwarten mit dem Reparaturauftrag kann - abgesehen von dem Fall einer diesbezüglichen Vereinbarung - je nach den Umständen des Einzelfalls in einem gewissen Ausmaß gerechtfertigt sein. Die bloße Verzögerung der Schadensregulierung durch den Schädiger oder dessen Haftpflichtversicherer an sich hebt jedoch die Verpflichtung des Geschädigten zur Schadensminderung nicht auf. Grundsätzlich ist, wenn der Schaden und die Reparaturwürdigkeit des beschädigten Fahrzeugs nicht ernstlichen Zweifel gezogen werden kann, ein Zuwarten bis zur Genehmigung der Reparatur durch den Schädiger und dessen Haftpflichtversicherer nicht gerechtfertigt. Stehen die zur Schadensbehebung erforderlichen Mittel zur Verfügung oder können diese leicht beschafft werden, ist es als Verletzung der Schadensminderungspflicht anzusehen, wenn der Geschädigte bei offenbar grundlosem Zögern des Schädigers oder dessen Versicherers sich nicht ohne Verzug selbst um die Klärung der Frage der Reparaturwürdigkeit bemüht und dann die entsprechenden Dispositionen trifft.“ In jenem Fall gab es somit keine Anhaltspunkte dafür, dass an der Reparaturwürdigkeit des beschädigten Fahrzeugs irgendwelche Zweifel bestanden hätten. Im Sinn dieser Judikatur hat das Erstgericht den Umständen des Einzelfalls zutreffend Rechnung getragen: Zu berücksichtigen war, dass hier - unbekämpfbar iSd § 501 Abs 1 ZPO festgestellt - die Klägerin im Zeitpunkt der Einstellung des beschädigten Fahrzeuges über keine Informationen verfügte, ob ein Totalschaden eingetreten war; auch der Inhaber der ***** GmbH konnte keine genaue Einschätzung treffen (Urteilsausfertigung Seite 3). Wie das Erstgericht zutreffend ausgeführt hat, ist die Frage, ob eine Verletzung der Schadensminderungsobliegenheit vorliegt, nicht ex post, sondern ex ante zu beurteilen (RIS-Justiz RS0026909). Bei Heranziehung der Verkehrssitte, die vom Erstgericht - wenn auch disloziert (Urteilsausfertigung Seite 5) - unbekämpfbar festgestellt wurde, durfte im vorliegenden Fall die Klägerin damit rechnen, dass die beklagte Partei aufgrund der umgehenden Schadensmeldung das Auto zeitnah zur Verständigung besichtigt und Informationen zur voraussichtlichen Versicherungsleistung gibt, wie dies tatsächlich notorischerweise in der Haftpflichtversicherungsbranche üblich ist. Nachdem sowohl die Klägerin als auch die Kfz-Werkstätte ***** GmbH mehrmals urgiert hatten, kann ihr auch nicht vorgeworfen werden, unangemessen lang auf eine Reaktion gewartet zu haben. Vor dem Hintergrund, dass bei Prüfung, was zwecks Schadensminderung ex ante betrachtet geboten war, auch das Interesse des Schädigers miteinzubeziehen ist, kann der Standpunkt der Berufung, die Klägerin hätte (Anm: anstatt der Einstellung des beschädigten Fahrzeugs) unmittelbar nach dem Verkehrsunfall aus eigenem eine Besichtigung beauftragen müssen, hier nicht nachvollzogen werden: Erfahrungsgemäß übersteigen die Kosten eines Sachverständigengutachtens jene im Normalfall entstehenden Einstellkosten bis zur Rückmeldung des Haftpflichtversicherers. Es lag damit offenkundig (auch) im Interesse der beklagten Partei, die Besichtigung durch deren Sachverständigen abzuwarten. Auch das weitere Argument der Berufung, der Geschäftsführer der Kfz-Werkstätte ***** GmbH, welcher der Klägerin zuzurechnen sei, hätte sofort das Vorliegen des Totalschadens erkennen müssen, überzeugt nicht, weil offen bleibt, auf welcher Rechtsgrundlage eine derartige Zurechnung stattfinden soll. Zusammengefasst ist der Klägerin im vorliegenden Fall keine schadenersatzmindernde Verletzung ihrer Obliegenheitspflicht vorzuwerfen. Der Berufung musste daher ein Erfolg versagt bleiben. Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41, 50 ZPO.
JJT_20200317_LG00003_0470FS00001_20H0000_000
ECLI:AT:LG00003:2020:0470FS00001.20H.0317.000
47Fs1/20h
Justiz
LG für ZRS Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200317_LG00003_0470FS00001_20H0000_000/JJT_20200317_LG00003_0470FS00001_20H0000_000.html
1,584,403,200,000
864
Kopf Das Landesgericht für ZRS Wien fasst als übergeordneter Gerichtshof durch die Richter Mag. Eder als Vorsitzenden sowie Mag. Ofner und Dr. Längle in der Exekutionssache der betreibenden Parteien 1.) V*****, und 2.) Dr. M***** M*****, beide vertreten durch Dr. Hubert Simon, Rechtsanwalt in Wien, wider die verpflichtete Partei Dr. H***** F*****, wegen € 41.649,20 s.A., über den Fristsetzungsantrag der betreibenden Parteien gemäß § 91 GOG vom 29.1.2020, den B e s c h l u s s : Spruch Der Fristsetzungsantrag wird abgewiesen. Die betreibenden Parteien haben die Kosten ihrer Schriftsätze vom 29.1.2019 und 26.2.2020 jeweils selbst zu tragen. Ein Rekurs ist jedenfalls unzulässig. Text B e g r ü n d u n g : Mit Schriftsatz vom 22.3.2018 beantragten die Betreibenden den neuerlichen Vollzug der Fahrnisexekution zur Abgabe eines Vermögensbekenntnisses. Mit Beschluss vom selben Tag wurde der Antrag bewilligt (ON 64). Am 8.11.2018 verweigerte der Verpflichtete die Angaben zum Vermögensverzeichnis vor dem Gerichtsvollzieher und gab bekannt, dass er Angaben nur vor einem Richter oder einer Richterin tätigen werde; er wurde über die Folgen der Verweigerung der Abgabe des Vermögensverzeichnisses belehrt. Am selben Tag verweigerte der Verpflichtete vor der Exekutionsrichterin die Angaben zum Vermögensverzeichnis (ON 79). Mit Schriftsatz vom 15.11.2018 beantragten die Betreibenden die Vorführung des Verpflichteten zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses und die Verhängung der Haft nach § 48 Abs 2 EO und verwiesen darauf, dass das Ablehnungsverfahren gegen die Exekutionsrichterin mit Beschluss des Obersten Gerichtshofes vom 25.4.2018 zu 3 Ob 67/18a rechtskräftig beendet sei. Mit Beschluss vom 26.11.2018 bewilligte das Erstgericht den Antrag (ON 80). Mit dem gegenständlichen Fristsetzungsantrag vom 29.1.2020 brachten die Betreibenden vor, dass das Exekutionsgericht seit Bewilligung des Antrags auf Vorführung des Verpflichteten am 26.11.2018 säumig sei. Sie stellten den Antrag, dem Exekutionsgericht eine Frist von zwei Wochen zu setzten, um den Verpflichteten zur Abgabe des Vermögensverzeichnisses dem Gericht vorführen zu lassen und um die Haft gemäß § 48 Abs 2 EO über diesen zu verhängen, sollte dieser die Abgabe des Vermögensverzeichnisses neuerlich verweigern. Mit Beschluss vom 4.2.2020 „bewilligte“ das Erstgericht diesen Antrag und verfügte die Vorführung des Verpflichteten zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses. Am 12.2.2020 wurde der Verpflichtete von der Gerichtsvollzieherin dem Exekutionsgericht vorgeführt. Er verweigerte vor der zuständigen Diplomrechtspflegerin die Abgabe des Vermögensverzeichnisses und wurde der zuständigen Exekutionsrichterin vorgeführt. Diese erklärte, wegen eines noch offenen Ablehnungsantrags gegen sie keine Haft zu verhängen. Darauf hin wurde der Verpflichtete dem Vertretungsrichter vorgeführt, bei dem der Verpflichtete ebenfalls die Abgabe des Vermögensverzeichnisses verweigerte. Die Haft wurde nicht verhängt, weil der Verpflichtete meinte, dass der Vertretungsrichter nicht zuständig sei (ON 93). Mit Schriftsatz vom 26.2.2020 hielten die Betreibenden ihren Fristsetzungsantrag nach § 91 Abs 2 GOG aufrecht. Rechtliche Beurteilung Ist ein Gericht mit der Vornahme einer Verfahrenshandlung, etwa der Anberaumung oder Durchführung einer Tagsatzung oder Verhandlung, der Einholung eines Sachverständigengutachtens oder der Ausfertigung einer Entscheidung, säumig, so kann eine Partei stets bei diesem Gericht den an den übergeordneten Gerichtshof gerichteten Antrag stellen, er möge dem Gericht für die Vornahme der Verfahrenshandlung eine angemessene Frist setzen; außer im Fall des Abs 2 hat das Gericht diesen Antrag mit seiner Stellungnahme dem übergeordneten Gericht sofort vorzulegen (§ 91 Abs 1 GOG). Zu prüfen ist, ob das Exekutionsgericht mit der am 26.11.2018 bewilligten Vorführung des Verpflichteten samt Verhängung der Beugehaft säumig ist. Seit der EO-Novelle 1991 hat das Exekutionsgericht – unter den übrigen Voraussetzungen - amtswegig nach den Bestimmungen der §§ 47 ff EO vorzugehen (3 Ob 2429/96v). Gemäß § 48 Abs 4 EO (idF EO-Nov 1991) verliert die Verhängung der Haft ihre Wirksamkeit, wenn sie nicht innerhalb eines Jahres vollzogen worden ist. Der Verpflichtete kann jedoch neuerlich zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses verhalten werden. Die in § 48 Abs 1 EO idF EO-Nov 1991 angeordnete Vorführung trat an die Stelle der bis dahin in § 48 Abs 3 aF vorgesehenen Haft, weshalb die Jahresfrist des § 48 Abs 4 EO ab Bewilligung der zwangsweisen Vorführung des Verpflichteten zu berechnen ist (RPflSlgE Nr. 88/1999). Die Jahresfrist begann daher mit dem Beschluss vom 26.11.2018 (ON 80) und endete am 26.11.2019. Ab diesem Zeitpunkt konnte keine Haft mehr verhängt werden, die bis dahin eingetretene Säumnis fiel mit diesem Zeitpunkt weg. Das Erstgericht wäre im Hinblick auf § 48 Abs 4 Satz 2 EO verpflichtet gewesen, amtswegig den Verpflichteten neuerlich zur Abgabe des Vermögensverzeichnisses vorführen zu lassen. Im Zeitpunkt der Einbringung des Fristsetzungsantrages am 29.1.2020 war das Exekutionsgericht bereits mehr als zwei Monate mit der (neuerlichen) Vorführung des Verpflichteten säumig, hingegen lagen zu diesem Zeitpunkt die Voraussetzungen für eine Verhängung der Haft (ohne vorherige Vorführung) nicht vor. Soweit der Fristsetzungsantrag die Verhängung der Haft umfasst, ist der Antrag mangels Säumigkeit abzuweisen. Durch die nachträgliche Vorführung des Verpflichteten am 12.2.2020 wurde die Säumigkeit nachträglich behoben. In diesem Umfang ist der Fristsetzungsantrag nicht mehr berechtigt und abzuweisen. Zusammengefasst ist festzuhalten, dass derzeit die gerügte Säumnis des Exekutionsgerichtes nicht vorliegt, weshalb der Fristsetzungsantrag zur Gänze abzuweisen ist. Angemerkt wird, dass für die Dauer des eingeschränkten Gerichtsbetriebes auf Grund der Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 keine Säumnis vorliegt, wenn eine Vorführung des Verpflichteten zur Abgabe eines Vermögensverzeichnisses nicht angeordnet wird. Das Fristsetzungsverfahren ist einseitig, es ist ihm daher ein Kostenersatz fremd (RS0059255). Gemäß § 91 Abs 3 Satz 2 GOG ist diese Entscheidung unanfechtbar.
JJT_20200709_LG00021_001CGA00061_20A0000_000
ECLI:AT:LG00021:2020:001CGA00061.20A.0709.000
1Cga61/20a
Justiz
Arbeits- und Sozialgericht Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200709_LG00021_001CGA00061_20A0000_000/JJT_20200709_LG00021_001CGA00061_20A0000_000.html
1,594,252,800,000
1,926
Kopf Das Arbeits- und Sozialgericht Wien erkennt durch seine Vizepräsidentin HR Dr. Patricia Wolf als Senatsvorsitzende und die fachkundigen Laienrichter Peter Pfohl (AG) und Reinhard Danzinger (AN) in der Rechtssache der Klägerin U***** GmbH, vertreten durch Kunz Wallentin Rechtsanwälte OG in Wien, wider die beklagte Partei A***** K*****, Drucker, vertreten durch die Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, wegen Elternteilzeit (§ 8 Abs 1 VKG), nach öffentlicher mündlicher Verhandlung zu Recht: Spruch Die Einwilligung in die von der klagenden Partei vorgeschlagenen Bedingungen der Eltern- Teilzeitbeschäftigung des Beklagten im Zeitraum 1.7.2020 bis 29.4.2026 mit einer auf 32 Stunden herabgesetzten im Rahmen einer 4-Tage-Woche auf 8 Stunden täglich verteilten wöchentlichen Arbeitszeit im rollierenden Schichtmodell zu den Arbeitszeiten 06:00 bis 14:00 Uhr, 14:00 bis 22:00 Uhr, 22:00 bis 06:00 Uhr, wird gemäß § 8c Abs 3 VKG erteilt. Text Entscheidungsgründe: Die Klägerin beantragte nach Scheitern des Vergleichsversuchs gemäß § 433 Abs 1 ZPO zu hg 30 Nc 9/20 fristgerecht wie im Spruch ersichtlich und brachte vor: Der Beklagte habe der Klägerin mit Schreiben vom 25.3.2020 mitgeteilt, dass er ab 1.7.2020 beabsichtige in Elternteilzeit zu gehen und habe eine Arbeitszeiteinteilung im Zeitraum Montag bis Freitag, von 09:00 bis 15:00 Uhr vorgeschlagen. Aufgrund der bei der Klägerin durchzuführenden Schichtarbeit sei das nicht möglich. Die Klägerin habe daher dem Beklagten den im Spruch genannten Vorschlag erteilt bzw den Vorschlag, die ersten 2 Werktage pro Woche zu je 6 Stunden Lagertätigkeiten zu verrichten. Die Klägerin sei auf die Aufrechterhaltung einer reibungslosen Produktion angewiesen. Das vorhandene Schichtmodell gestatte nicht, das Zeitmodell des Beklagten von 09:00 bis 15:00 Uhr einzuhalten. Es wäre aufgrund der Schichtplanung der Klägerin auch nicht möglich, dass ein anderer Mitarbeiter anstelle des Beklagten ausschließlich die Abend- bzw Nachtschicht übernimmt. Der Teilzeitwunsch des Beklagten hätte vielmehr eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Betriebsorganisation und des betrieblichen Arbeitsablaufes zur Folge. Zur Aufrechterhaltung der Produktion müsse die gesamte Schicht 8 Stunden täglich absolviert werden. Ein späterer Beginn der Schicht oder ein früheres Verlassen sei nicht möglich, da durch die Abwesenheit des Beklagten als Drucker in seiner Schicht der ihm zugeteilte Arbeitsprozess ausfiele. Jeder Drucker bediene eine eigene Maschine, sobald der Drucker ausfalle, sei eine Produktion unmöglich. Ein Stillstand einer Druckermaschine von mehreren Stunden täglich sei wirtschaftlich nicht tragbar, im schlimmsten Fall existenzbedrohend. Zusätzlich (ON 9) sei die Klägerin aufgrund der momentanen Wirtschafts- und Auftragslage gezwungen gewesen, personelle Rationalisierungsmaßnahmen vorzunehmen. Trotz der COVID-Krise sei die Klägerin bemüht, Arbeitsplätze für über 100 Mitarbeiter zu erhalten. Die Auftragslage der Klägerin stagniere derzeit bei 20 %. Nicht zutreffend sei, dass die Klägerin neue Arbeitsplätze schaffe, es handle sich bei markanten Stellen lediglich um Nachbesetzungen von Mitarbeitern, die unbedingt notwendig seien. Zwar habe der Beklagte der Klägerin via E-Mail angeboten, für die vakante Stelle als Mitarbeiter in der Qualitätssicherung tätig zu sein, doch fehle ihm diesbezüglich die Qualifikation. Er sei Drucker und als solcher bei der Beklagten beschäftigt. Wenn der Beklagte auch Seminare zum Prüfmittelbeauftragten durchgeführt habe, stelle dies keine ausreichende Ausbildung für den Bereich Qualitätssicherung dar. Dem Beklagten könne lediglich das Anbot einer Teilzeitarbeit im Ausmaß von 12 Stunden/Lagerarbeiter pro Woche angeboten werden. Die beklagte Partei bestritt, beantragte Klagsabweisung und führte aus, bis zur Vollendung des 7. Lebensjahres seines am 30.4.2019 geborenen Kindes, habe er geplant, die Arbeitsleistungen im Ausmaß von 30 Stunden pro Woche, aufgeteilt von Montag bis Freitag, von 09:00 bis 15:00 Uhr zu erbringen. Seine Ehefrau habe 2019 eine schwere postpartale Depression erlitten, die bis heute behandlungspflichtig sei. Sie könne daher nicht mehr als kurze Zeit alleine die Kindesbetreuung durchführen. Außerhalb der Betreuungszeit durch den Kindergarten sei somit die permanente Anwesenheit des Beklagten notwendig geworden. Im Kindergarten würden die Kinder des Beklagten von Montag bis Freitag ab 07:00 bis maximal 17:30 Uhr betreut. Andere Betreuungspersonen würden dem Beklagten und seiner Ehefrau nicht zur Verfügung stehen. Die Ehefrau des Beklagten habe vom 17.2.2020 bis 29.6.2020 eine Wiedereingliederungsteilzeit bei ihrer Arbeitgeberin der S***** begonnen und beginne ihre Elternteilzeit ab 1.7.2020 von Montag bis Freitag, von 08:00 bis 14:00 Uhr. Das angebotene Arbeitszeitmodell betreffend eine Lagertätigkeit des Beklagten im Ausmaß von 12 Stunden pro Woche, verteilt auf 2 Werktage, könne er aus finanziellen Gründen nicht in Anspruch nehmen. Die Klägerin habe sich keinesfalls in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befunden, sondern vielmehr neue Arbeitnehmer gesucht. Rechtliche Beurteilung Feststellungen: Der Beklagte arbeitet bei der Klägerin seit 9.9.2013 als Drucker in einem rollierenden 3-Schicht-Betrieb nach dem Modell 06:00 bis 14:00 Uhr, 14:00 bis 22:00 Uhr und 22:00 bis 06:00 Uhr. Mit Schreiben des Beklagten vom 23.3.2020 Beil./A teilte dieser der Klägerin mit, dass er aufgrund der Geburt seines Kindes am 30.4.2019 ab 1.7.2020 eine Teilzeitbeschäftigung in folgendem Ausmaß in Anspruch nehmen möchte: 30 Stunden/Woche, von Montag bis Freitag, von 09:00 bis 15:00 Uhr bis zur Vollendung des 7. Lebensjahres seines Kindes am 29.4.2026. Die beklagte Partei teilte dem Kläger mit, dass sie dieses Teilzeitmodell nicht annehmen könne (Beil./B), da sie ein Produktionsbetrieb mit 3 bzw 4 Schichtmodellen sei und die Einführung einer 5. Schicht nur für den Beklagten wirtschaftlich nicht tragbar sei. Sie bot daher dem Beklagten (siehe Beil./B) an, 4 Tage im rollierenden 3-Schicht-Modell (32 Stunden) mit den Arbeitszeiten 06:00 bis 14:00 Uhr, 14:00 bis 22:00 Uhr und 22:00 bis 06:00 Uhr tätig zu sein. Den freien Tag solle er jeweils 1 Woche vorher bekanntgeben, damit der Abteilungsleiter dies bei der Schichtplanung berücksichtigen könne. Der Beklagte ist mit der Kindesmutter E***** G***** verheiratet, die seit 15.2.2020 wieder berufstätig ist bei S***** als Projektleiterin. Dort arbeitet sie 30 Stunden/Woche von 08:00 bis 14:00 Uhr. Der Kindergarten für das gemeinsame Kind, für das Elternteilzeit begehrt wird, öffnet um 07:30 Uhr und schließt um 17:30 Uhr (Angaben des Beklagten Seite 5 in ON 11). E***** G***** litt nach der Geburt des Kindes an einer postnatalen Depression, wodurch sie Schlafstörungen hatte und unruhig war. Sie betreut die Kinder morgens und nachmittags alleine und ist in der Lage, die Kinder 5 Stunden untertags alleine zu betreuen (Angaben der Zeugin E***** G*****, Seite 3 in ON 11). Es kann nicht festgestellt werden, dass E***** G***** aufgrund der postnatalen Depression ab 1.7.2020 nicht in der Lage ist, das Kind, für dessen Betreuung der Beklagte Elternteilzeit in Anspruch nehmen will, während der Schicht des Beklagten rollierend 06:00 bis 14:00 Uhr,14:00 bis 22:00 Uhr, 22:00 bis 06:00 Uhr, vier Tage in der Wochen zu betreuen. Der Beklagte kann, wenn er Nachtschicht hat, das Kind vor Beginn seiner Nachtschicht um 22:00 Uhr zu Bett bringen und ist auch dann, wenn das Kind aufwacht, wieder in der Lage, der Kindesmutter bei der Betreuung des Kindes zu helfen, da seine Schicht um 06:00 Uhr morgens endet. Der Beklagte benötigt als Wegzeit mit dem PKW 25 bis 45 Minuten von seinem Arbeitsplatz zu seiner Wohnung , mit öffentlichen Verkehrsmitteln maximal eine dreiviertel Stunde. Der Zustand der E***** G***** hat sich seit Beginn der Diagnose im September 2019 infolge der Behandlungen durchaus positiv entwickelt und verbessert (Angaben des Beklagten, Seite 5 in ON 11). E***** G***** hat aufgrund der postnatalen Depression ein ineinandergreifendes Behandlungsprogramm absolviert und konnte sich ihr Zustand ab Mai 2020 stabilisieren (siehe Beil./2), wobei sie medikamentös behandelt wird und psychotherapeutische Gespräche erfolgen (siehe Beil./2). Der Beklagte hat als Drucker die Aufgabe, ein Produkt einzurichten und das Produkt zu produzieren und arbeitet dazu selbständig an einer Maschine. Die Klägerin hat ein 3-Schicht-Modell bzw ein 4-Schicht-Modell, jeweils auf die jeweilige Maschine ankommend. Das Schichtmodell des Beklagten hat ein 3. Rad von 06:00 bis 14:00 Uhr, und 14:00 bis 22:00 Uhr, und 22:00 bis 06:00 Uhr. Das Schichtmodell von 09:00 bis 15:00 Uhr gibt es bei der Beklagten nicht. Es arbeiten jeweils 3 Drucker auf einer Maschine, das Arbeitssystem ist geregelt, die Drucker arbeiten 8 Stunden am Tag und das muss ineinander zahnen. Würde die Klägerin den Wünschen des Beklagten folgen müssen, müsste sie ein 5. Schichtmodell einziehen mit einer kurzen Zeit, wobei die Schichten des Beklagten teilweise von anderen Mitarbeitern übernommen werden müssten, wobei die Klägerin derartige Mitarbeiter, für ein Schichtmodell in Ergänzung der vom Beklagten gewünschten Schichtmodelle von 09:00 bis 15:00 Uhr nicht zur Verfügung hat (vgl Angaben des Zeugen M***** C*****, Seite 6 f in ON 11). Die Klägerin hat im Rahmen der Druckerei 50 bis 60 Mitarbeiter, Drucker, wie der Beklagte, sind 27 Personen. Rechtlich folgt: Unstrittig ist, dass der Beklagte Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung im Sinne des § 15h Abs 1 MSchG iVm 8 Abs 1 VKG hat. Unstrittig ist auch, dass die vorliegende Klage fristgerecht nach Scheitern des Einigungsversuches gemäß § 433 Abs 1 ZPO eingebracht wurde. Maßgebend, ob die Teilzeit oder die Änderung der Lage der Arbeitszeit deshalb vom Dienstnehmer begehrt wird, ist, weil er ansonsten nicht die erforderliche Zeit für die Kleinkindbetreuung hätte und die gewünschte Änderung der Arbeitszeit, also der Betreuung des Kleinkindes dient (OGH 28.2.2012, 8 ObA 15/12g). § 137 Abs 2 ABGB normiert generell die gegenseitige Pflicht der Eltern, den Kindern beizustehen und besteht eine Gleichstellung von Vater und Mutter. Gemäß § 140 Abs 1 ABGB haben die Eltern, an der Deckung der Lebensverhältnisse und angemessenen Bedürfnisse des Kindes anteilig beizutragen. Darunter ist nicht nur eine materielle Leistung sondern auch die Betreuung des Kindes zu verstehen. Gemäß § 146 Abs 1 ABGB umfasst die Pflege des mj Kindes, die Wahrung des körperlichen Wohls und der Gesundheit sowie die unmittelbare Aufsicht. Unter Berücksichtigung dieser Umstände, die Gleichstellung von Vater und Mutter und der anteiligen Betreuungspflicht des gemeinsamen minderjährigen Kindes kann nicht davon ausgegangen werden, dass nur die gewünschte Teilzeit des Beklagten, die die erforderliche Zeit für die Kleinkinderbetreuung zulassen würde, die sonst nicht ausreichend sichergestellt wäre. Dies umso weniger, als der Beklagte nur rollierend die jeweiligen Dienste 4 Tage die Woche arbeiten müsste. Es steht auch nicht fest, dass die Kindesmutter und Ehefrau des Beklagten während dieser Zeiträume die Betreuung des gemeinsamen Kindes nicht durchführen könnte. Nach den allgemeinen Beweislastregeln wäre der Beklagte diesbezüglich beweispflichtig gewesen. Da jedoch die Kindesmutter und Zeugin E***** G***** die betreuende Psychotherapeutin Mag. F***** P***** nicht von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbunden hat, der diese gemäß § 15 Psychotherapiegesetz unterliegt und auch ansonsten entsprechend den Beweisergebnissen nicht feststeht, dass die Kindesmutter die Betreuung des gemeinsamen Kindes aus psychischen Gründen während der Schicht des Beklagten nicht durchführen kann, konnte der erkennende Senat kein berechtigtes Interesse des Beklagten darin sehen, das Elternzeitmodell der Beklagten nicht anzunehmen. Insofern der Beklagte eine Änderung des Dienstvertrages anstrebt, indem er darauf verweist, dass er bei der beklagten Partei im Rahmen der Qualitätssicherung tätig sein könnte und zwar zu den gewünschten Arbeitszeiten, ist ihm entgegenzuhalten, dass eine Änderung des Dienstvertrages durch eine Vertragsänderung oder Ergänzung im vorliegenden Verfahren ausgeschlossen ist (vgl ASG Wien 6.11.2005, 5 Cga 237/05k, ASG Wien, 12.12.2016, 1 Cga 99/16h). Dementsprechend ist auch das Klagebegehren der Klägerin, wonach der Beklagten im Rahmen einer 12-Stunden-Woche als Lagerarbeiter tätig sein könnte unzulässig. Die beklagte Partei hat daher nicht nachweisen können, dass ihre Interessen gegen das von der klagenden Partei vorgeschlagene Elternteilzeitmodell sprechen. Zu den betrieblichen Interessen der Klägerin: Bei den betrieblichen Interessen muss es sich um Umstände handeln, die negative Auswirkungen auf den Betrieb in seiner Eigenschaft als eine dem Zweck der Leistungshervorbringung gewidmete Organisation haben. Ein betriebliches Interesse liegt insbesondere dann vor, wenn die Teilzeitbeschäftigung die Organisation, den Arbeitsablauf oder die Sicherheit im Betrieb wesentlich beeinträchtigt und Maßnahmen zur Verhinderung dieser Beeinträchtigung, insbesondere die Aufnahme von Ersatzkräften nicht möglich sind oder unverhältnismäßige Kosten verursachen würden (Erläut. RV 399, Blg. Nr. XX II.EP5). Zutreffend führt die Klägerin aus, dass die Einführung eines weiteren Schichtmodells nur zu Gunsten des Beklagten für sie aus betrieblichen Gründen nicht umsetzbar ist. Eine gänzliche Umstrukturierung des Schichtmodells ist der Klägerin aus betrieblichen Gründen nicht zumutbar (vgl auch LGZ Graz zu GZ 38 Cga 96/06i). Das Klagebegehren ist daher berechtigt.
JJT_20201028_LG00021_001CGA00108_20P0000_000
ECLI:AT:LG00021:2020:001CGA00108.20P.1028.000
1Cga108/20p
Justiz
Arbeits- und Sozialgericht Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201028_LG00021_001CGA00108_20P0000_000/JJT_20201028_LG00021_001CGA00108_20P0000_000.html
1,603,843,200,000
1,570
Kopf Das Arbeits- und Sozialgericht Wien erkennt durch seine Vizepräsidentin HR Dr. Patricia Wolf als Senatsvorsitzende und die fachkundigen Laienrichter Andreas Umgeher (AG) und Mag. Michael Zawodsky (AN) in der Rechtssache der klagenden Partei C*****, Niederlassung Österreich der C*****, *****, vertreten durch Binder Grösswang Rechtsanwälte GmbH, A-1010 Wien, Sterngasse 13, wider die beklagte Partei Mag. H***** F*****, Angestellter, *****, wegen Feststellung, nach öffentlicher mündlicher Verhandlung zu Recht: Spruch 1. Es wird festgestellt, dass für den Beklagten kein gesetzlicher Kündigungs- und Entlassungsschutz gemäß § 8 f VKG besteht. 2. Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei deren mit € 801,84 bestimmten Verfahrenskosten (darin € 133,64 an USt) binnen 14 Tagen zu ersetzen. Die klagende Partei beantragte wie im Spruch und führte aus, dass ein rechtliches Interesse an der Feststellung vorliege, dass aufgrund des missbräuchlichen Elternteilzeitwunsch des Beklagten kein gesetzlicher Kündigungs- und Entlassungsschutz bestehen. Dem Beklagten sei am 5.8.2020 von Seiten der klagenden Partei mitgeteilt worden, dass seine Position im Zuge von Umstrukturierungen wegfallen würde und nicht nachbesetzt werden könne. Dem Beklagten sei daher angeboten worden, auf Konzernebene die höhere Position CFO C***** Deutschland anzunehmen, doch habe dies der Beklagte abgelehnt. Der Beklagte habe jedoch mit Schreiben vom 7.8.2020 einen Anspruch auf Elternteilzeit im Ausmaß von 30,5 Wochenstunden ab 1.12.2020 bis 4.2.2020 geltend gemacht. Der Beklagte habe lediglich die 20 %ige Mindestreduktion für die Inanspruchnahme von Elternteilzeit geltend gemacht, eine stärkere Reduktion sei für ihn nicht in Betracht gekommen. Im vorliegenden Fall bestehe der Elternteilzeitanspruch nicht, da der Beklagte Elternteilzeit nicht zur Kinderbetreuung benötige, sondern Elternteilzeit lediglich zur Absicherung seines Arbeitsplatzes in Anspruch nehmen wolle, eben um den Kündigungsschutz und Entlassungsschutz nach § 8f VKG in Anspruch nehmen zu können. Die beklagte Partei bestritt und führte aus, die Voraussetzungen für die gegenständliche Klage würden nicht vorliegen, da eine dokumentierte Ausführung über die Vergleichsgespräche im Sinne des § 8 VKG nicht erfolgt sei und nicht vorgelegt worden sei. Der Beklagte habe seinen Anspruch auf Elternteilzeit ordnungsgemäß geltend gemacht und benötige er einen Tag in der Woche, um diesen mit seiner Tochter verbringen zu können. Der Umstand, dass der Beklagte eine Beförderung nach Deutschland ausgeschlagen habe, zeige, dass das tatsächlich sein Ansinnen sei und ein anderer Grund nicht bestehe. Festzuhalten sei, dass der Wegfall seiner Position zum Zeitpunkt der Versendung des Anspruchs auf Elternteilzeit noch nicht konkret bekannt gewesen sei, sondern ihm aufgrund der Gespräche mit dem CEO bekannt gewesen sei, dass dies lediglich angedacht gewesen sei. Von einem konkreten Wegfall wisse der Beklagte bis heute nichts. Die klagende Partei replizierte, dass eine Kinderbetreuungspflicht des Beklagten nicht bestehe, da seine Ehefrau nicht berufstätig sei. 2 Tage, nachdem der Beklagte informiert worden sei, dass seine Position wegfallen würde, hätte er den vorliegenden Antrag auf Elternteilzeit gestellt. In diesem Zeitpunkt sei das Kind des Beklagten schon 1,5 Jahre alt gewesen. Es gebe keinen gleichwertigen Arbeitsplatz bei der klagenden Partei für den Beklagten in Österreich. Der Beklagte sei Teil des 4-köpfigen Managementteams gewesen. Allfällige Tätigkeiten, die der Beklagte ausüben könne, seien Positionen, die derzeit an ihn berichten würden. Dies wurde von Seiten der beklagten Partei bestritten und zum Beweis dafür, dass es sehr wohl Arbeitsplätze gäbe bei der Klägerin, die im Rahmen der angestrebten Elternteilzeitvereinbarung für den Beklagten zur Verfügung stünden, die Einholung eines berufskundlichen Gutachtens beantragt. Feststellungen: Der Beklagte ist bei der Klägerin seit 3.8.2012 aufgrund des Anstellungsvertrages als CFO (Chief Financial Officer) als leitender Angestellter tätig. Er erhält ein Jahresbruttogehalt in 14 Monatsraten in der Höhe von jährlich € 80.000,00. Der Beklagte ist Vater der am ***2019 geborenen Tochter *****. Die Kindesmutter und Ehefrau des Beklagten ist seit der Geburt des gemeinsamen Kindes zuhause, sie hat keine Karenz in Anspruch genommen. Sie hat im September 2020 eine Ausbildung als Diätologin abgeschlossen. Sie war bis zum Schluss der Verhandlung nicht berufstätig und hatte auch kein konkretes Jobangebot in Aussicht und bis Jahresende 2020 auch nicht vor, ein konkretes Jobangebot anzunehmen und möchte sich erst dann nach einer Beschäftigungsmöglichkeit umsehen. Die Ehefrau des Klägers und Kindesmutter ist daher ganztägig in der Lage, das gemeinsame Kind ***** zu betreuen. Im Herbst 2021 soll das Kind ***** den Kindergarten besuchen. Auch die Mutter des Beklagten könnte die Betreuung der Tochter ***** an einem Tag in der Woche übernehmen. Die Position des Beklagten soll im Jahr 2021 wegfallen und sollte mit einer entsprechenden Position in Ungarn besetzt werden. Dies teilte Mag. F***** W***** dem Beklagten am 5.8.2020 mit. Mag. W***** ist Hauptbevollmächtigter der Zweigniederlassung der Klägerin in Österreich. Es handelte sich diesbezüglich um eine Konzernentscheidung, die Mag. W***** umzusetzen hat. Mag. W***** bot dem Beklagten an, dass er seine bisherige Tätigkeit als CFO in Deutschland ausüben könne zu finanziell besseren Konditionen. Als Reaktion auf diese Mitteilung verfasste der Beklagte das Schreiben vom 7.8.2020 und teilte der Klägerin darin mit, dass er aufgrund der Geburt seines Kindes ***** Elternteilzeit ab 1.12.2020 in Anspruch nehmen wolle und zwar im Zeitraum Montag bis Donnerstag, von 08:30 bis 17:30 Uhr, dies bis zum Ablauf des 7. Lebensjahres der Tochter *****. Der Beklagte wusste, als er das Schreiben aufsetzte, dass mit (erfolgreicher) Inanspruchnahme von Elternteilzeit Kündigungs- und Entlassungsschutz besteht. Dem Beklagten wäre es angenehm, einen Tag in der Woche mit seiner Tochter zu verbringen, wenn auch deren Betreuung durch seine Ehefrau und im Notfall auch durch seine Mutter jeweils gesichert wäre. Der Beklagte wollte nicht für die Klägerin in Deutschland arbeiten, da ihm vorgeschlagen wurde, zu diesem Zweck nach Stuttgart in Deutschland zu übersiedeln, was für ihn undenkbar war, da er gerade im Jahr 2019 ein Haus gekauft hat, wo sich seine Ehefrau und Tochter wohl fühlen, die er aus ihrer gewohnten Umgebung nicht herausreißen möchte. Der Kläger hätte auch zu seinem Arbeitsplatz nach ******* pendeln können, doch wäre es ihm dann nur möglich gewesen, am Wochenende zu seiner Familie nach Österreich zurückzukehren, was er nicht wollte. Nach Bekanntgabe des Elternteilzeitwunsches des Beklagten teilte ihm die Klägerin mit Schreiben vom 20.8.2020 mit, dass sie vor allem die stattfindenden Gespräche hinsichtlich seiner beruflichen Weiterentwicklung im Konzern nicht vorgreifen wolle. Damit meinte die Klägerin, dass sie den Teilzeitwunsch einfach nicht an die Niederlassung der Klägerin in Deutschland kolportiere, da dies dort nicht gut ankommen werde. Auch in diesem Schreiben wurde der Beklagte darauf hingewiesen, dass eine Zusammenlegung seiner Position mit der entsprechenden Position in Ungarn beschlossen wurde und durch Ungarn besetzt würde. Es wurde ihm weiter mitgeteilt, dass eine Weiterbeschäftigung allenfalls auf einer 50 % Teilzeitstelle möglich sei, doch ist dem der Beklagte nicht nähergetreten. Zusätzlich ersuchte die Klägerin den Beklagten, ihr die Nachweise über das Vorliegen der Voraussetzungen gemäß § 8b VKG zu erbringen, wobei der Beklagte diesbezüglich nur die Geburtsurkunde übermittelte. Rechtliche Beurteilung Rechtlich folgt: - - Zum Feststellungsinteresse der klagenden Partei: Dass eine Klage auf Feststellung, ob eine Klägerin nach MSchG berechtigt sei, eine Elternteilzeit zu den von ihr vorgeschlagenen Bedingungen anzutreten, zulässig ist, bejahte der OGH in seiner Entscheidung vom 26.2.2016 zu 8 ObA 8/16h. Dementsprechend muss vice versa auch eine Klage des Dienstgebers zulässig sein, dass ein Dienstnehmer nicht berechtigt sei, Elternteilzeit anzutreten. Somit besteht auch ein negatives Feststellungsinteresse, dass ein derartiger Anspruch auf Elternteilzeit nicht zustehe, somit auch, dass der besondere Kündigungs- und Entlassungsschutz nach dem § 8f VKG nicht besteht. - - Zum Klagebegehren: Nur eine Rechtsstreitigkeit im Sinne des § 15k Abs 3 MSchG bzw nach § 8b VKG setzt außer der Bekanntgabe des Dienstnehmers und ein betriebliches Verfahren im Sinne des § 8c VKG voraus. Eine solche Rechtsstreitigkeit liegt jedoch hier gerade nicht vor, sodass der Einwand des Beklagten, die Nichtdurchführung des betrieblichen Verfahrens stehe der Klage entgegen, nicht berechtigt ist. Der Zweck der Elternteilzeit besteht im übrigen darin, der Dienstnehmerin oder dem Dienstnehmer ausreichend Zeit zur Kinderbetreuung zu gewähren, weshalb es maßgebend ist, ob die Teilzeitarbeit oder die Änderung der Lage der Arbeitszeit deshalb begehrt wird, weil die bisherige Beschäftigung nicht die erforderliche Zeit für die Kleinkindbetreuung zulassen würde, die gewünschte „Teilzeit“, also der Betreuung des Kleinkindes, dient (vgl 9 ObA 80/10w; 8 ObA 15/12g). Im vorliegenden Fall kann nicht davon ausgegangen werden, dass nur die gewünschte Änderung der Arbeitszeit der Betreuung des Kleinkindes dient. Der Wunsch des Vaters, mehr Zeit für seine Tochter zur Verfügung zu haben, ist verständlich, entspricht jedoch nicht der Vorgabe, dass nur die gewünschte Änderung der Arbeitszeit die erforderliche Betreuung des Kleinkindes gewährleistet und sicherstellt, da die Betreuung der Tochter des Klägers an sämtlichen Tagen der Woche durch die Kindesmutter und Gattin des Klägers gewährleistet ist (vgl auch ASG Wien, 1 Cga 116/12p in Wolf,Elternteilzeit 2016, S102). Eine andere Sichtweise würde der Bestimmungen des § 137 Abs 2 ABGB, womit generell die gegenseitige Pflicht der Eltern, den Kindern beizustehen und die Gleichstellung von Vater und Mutter normiert wird, und des § 140 Abs 1 ABGB, wonach die Eltern zur Deckung der Lebensverhältnisse des Klägers anteilig beizutragen haben, widersprechen. Da daher ein Anspruch auf Elternteilzeit im Sinne der Bestimmungen der §§ 8 ff VKG nicht besteht, steht dem Kläger auch der Kündigungsschutz bzw Entlassungsschutz nach § 8 f VKG nicht zu. Die Frage, ob es der Klägerin möglich wäre, den Beklagten im Betrieb anderweitig zu beschäftigen, stellt sich im vorliegenden Verfahren gar nicht, da der Beklagte ohnedies keinen Anspruch auf Elternteilzeit hat. Nur bejahendenfalls wäre das betriebliche Interesse der Klägerin zu überprüfen. Dementsprechend war zur Klärung dieser Frage weder ein berufskundliches Gutachten einzuholen noch die Einvernahme namentlich, ohnedies nicht bezeichneter Zeugen. Die Kostenentscheidung gründet sich auf § 2 ASGG iVm § 41 ZPO. Im vorliegenden Verfahren besteht Kostenersatzpflicht (8ObA8/16h).
JJT_20201012_LG00021_030CGA00072_20G0000_000
ECLI:AT:LG00021:2020:030CGA00072.20G.1012.000
30Cga72/20g
Justiz
Arbeits- und Sozialgericht Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201012_LG00021_030CGA00072_20G0000_000/JJT_20201012_LG00021_030CGA00072_20G0000_000.html
1,602,460,800,000
5,084
Kopf Das Arbeits- und Sozialgericht Wien fasst durch die Richterin Mag. Romana Ivan als Vorsitzende und die fachkundigen Laienrichter Mag. Thomas Rinder (Arbeitgeber) und Sabine Wagner (Arbeitnehmer) in der Arbeitsrechtssache der klagenden Partei L***** GmbH, *****, vertreten durch KWR Karasek Wietrzyk Rechtsanwälte GmbH in 1010 Wien, wider die beklagte Partei D***** M***** A*****, *****, wegen Elternteilzeit, nach öffentlicher mündlicher Verhandlung den Spruch I. Beschluss 1. Der Antrag der klagenden Partei auf Unterbrechung des Verfahrens bis zur rechtskräftigen Entscheidung des Verfahrens 30 Cga 40/20i des Landesgerichtes Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht wird abgewiesen. 2. Der Antrag der klagenden Partei auf Ablehnung der Zeuginnen ***** und ***** wird zurückgewiesen. II. erkennt zu Recht: 1. Das Klagebegehren, die beklagte Partei trete die Elternteilzeit im Ausmaß von 50 % ab 29.6.2020 bis 28.6.2025 zu den von der Klägerin vorgeschlagenen Bedingungen an. Die Arbeitszeiten der Beklagten im Rahmen der Elternteilzeit gestalte sich nach dem im Betrieb für die Teilzeit angewandten Dienstplanmuster für das fliegende Personal (Kabinenbesatzung), nämlich einem Dienstplan von 5 Tagen Frühdienst (5:00 Uhr bis 16:00 Uhr Lokalzeit: Check-in/Check-out), gefolgt von 10 Tagen frei, 5 Tagen Spätdienst (14:00 Uhr bis 24 Uhr Lokalzeit; Check-in/Check-out), gefolgt von 10 Tagen frei, wird abgewiesen. 2. Für die Beklagte wird die Elternteilzeit im Arbeitsausmaß von 50 % der Normalarbeitszeit von 29.6.2020 bis 28.6.2025 wie folgt festgelegt: Montag bis Donnerstag: 0.00 Uhr bis 16.00 Uhr Die klagende Partei begehrt wie aus Pkt. II.1 des Spruches ersichtlich und bringt zusammengefasst vor, die Klägerin habe keinen Anspruch auf Elternteilzeit, weil sie noch keine drei Jahre bei der Klägerin beschäftigt sei, sondern erst seit 1.3.2018. Zwar seien die Vordienstzeiten bei der N***** bzw. L***** im nunmehrigen Dienstvertrag für Ansprüche nach der Seniorität anerkannt, allerdings handle es sich nicht etwa um eine Wiedereinstellungszusage nach einem unterbrochenen Arbeitsverhältnis beim selben Arbeitgeber, sondern um einen gänzlich neuen Arbeitgeber. § 15h MSchG gehe ausdrücklich von Dienstzeiten beim Arbeitgeber aus. Eine Anrechnung könne sich daher nicht auf die Dienstzeit bei der Elternteilzeit beziehen. Aus Vorsichtserwägungen sei jedoch der Antrag auf gütliche Einigung sowie die Klage eingebracht worden. Die Beklagte habe den Wunsch nach einer Teilzeitbeschäftigung im Ausmaß von 50 % verteilt auf drei Arbeitstage (Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils von 0:00 bis 14:00 Uhr) von 29.6.2020 bis 28.6.2025 bekanntgegeben. Die Klägerin habe darauf erwidert, dass aufgrund betrieblicher Erfordernisse dem Wunsch keinesfalls entsprochen werden könne und einen Gegenvorschlag unterbreitet. Der Beklagten sei bewusst gewesen, dass der Job als Flugbegleiterin unsichere Dienstpläne mit variablen Arbeitstagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten erfordere. Alle Flugbegleiterinnen würden dies wissen und akzeptieren, wenn sie einer Fluggesellschaft beitreten. Dies sei auch bei der Beklagten so gewesen. 2018 beim Eintritt der Beklagten hätte es variable Dienstpläne mit einer Mindestgarantie von nur acht oder neun freien Tagen pro Monat gegeben. Es habe keine Gewissheit über die Arbeitstage oder -zeiten gegeben und hätten die Flugbegleiter nur Anspruch auf 104 freie Tage pro Jahr gehabt. Später seien die Dienstpläne zum Vorteil des Personals verbessert worden (5/3/5/2) und hätten diese mehr garantierte Freizeit und einen geordneteren Dienstplan zur Folge. Besonders für berufstätige Mütter seien diese geeignet, da sie es ermöglichen würden, Kinderbetreuung lange im Vorhinein planen. Seit dem neuen KV und den neuen Vertragsbedingungen habe sich der Dienstplan noch geringfügig zugunsten der Besatzung geändert. Für Vollzeitmitarbeiter gelte der Roster 5 Tage Dienst - 3 Tage frei. Teilzeitkräfte hätten nun 5 Tage Frühdienst, dann 11 Tage frei, gefolgt von 5 Tagen Spätdienst und 11 Tagen frei. Es gebe genug Zeit, um entsprechende flexible Kinderbetreuungsangebote zu vereinbaren. Die Klägerin habe kein Kabinenpersonal über eine Outsourcing-Lösung rekrutiert, sie benötige in Wien weniger Mitarbeiter. Abweichungen vom geregelten Dienstplan würden eine hohe finanzielle und organisatorische Belastung bedeuten und seien daher nicht möglich. Mit dem daraus entstehenden Wildwuchs an unterschiedlichen Einsetzbarkeiten der Crew wäre die Aufrechterhaltung des ordentlichen und wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes nicht mehr möglich. Derzeit kämen erschwerend die massiven wirtschaftlichen Probleme auf Grund der Corona-Krise hinzu. Die Klägerin habe keine Dienstpläne, die es erlauben würden, nur von 0.00 bis 14.00/15.00/16.00 oder nur an bestimmten Wochentagen zu arbeiten. Die Klägerin sei gerne bereit, Teilzeitarbeitspläne auf der Grundlage zu erstellen, dass der Mitarbeiter in einem 5/11 Dienstplan arbeite (5 Tage Frühdienst - 11 Tage frei - 5 Tage Spätdienst - 11 Tage frei), stelle diese jedoch nur Mitarbeiterinnen zur Verfügung, die die neuen KV/AGB der Klägerin akzeptieren würden. Die Beklagte habe dies abgelehnt. Sämtliche Mitarbeiter mit „Alt-Teilzeitverträgen“, die dem nicht zustimmen würden, müssten leider gekündigt werden. Die Forderung der Klägerin, zwischen 0:00 Uhr und 15:00 Uhr zu arbeiten, sei irreführend und keinesfalls umsetzbar, da der Dienstplan nicht vor 5:00 Uhr beginne und ein beträchtlicher Teil der frühen Morgendienste nach 15:00 Uhr ende. Die Klägerin fordere damit, dass feste Dienstplanmuster aufzugeben welches für die Effizienz und die wirtschaftliche Wende von L***** wichtig sei. Die klagende Partei könne sich nicht damit einverstanden erklären, dass ein Mitglied der Kabinenbesatzung nur dienstags, mittwochs und donnerstags arbeite, da dieser Dienstplan nicht in ein festes Dienstplanmuster passe. Ebenso sei ein solcher restriktiver Dienstplan für die Kinderbetreuung nicht erforderlich, da die Kinderbetreuung durch das Dienstplanmuster sogar erleichtert werden. Die klagende Partei sei darüber hinaus auch noch bereit, Teilzeitarbeit auf der Grundlage anzubieten, dass sich zwei Kabinenbesatzungsmitglieder eine volle Dienstplanlinie teilen würden, sodass jede Kabinenbesatzung 5/10/5 (5 Tage Dienst, 10 Tage frei, 5 Tage Dienst) arbeite, was die Organisation der Kinderbetreuung noch einfacher mache. Pro Monat sei eine Kinderbetreuung im Ausmaß von ca 10 Tagen notwendig. Die Beklagte habe keinen Anspruch gegenüber dem Dienstgeber, ihre Kinder „nur" in regulären Kindergärten unterzubringen, es gebe ein großes Angebot an zB Tageseltern, mobiler Kinderbetreuung, die ebenfalls zur Kinderbetreuung zur Verfügung stünden. Der Gegenvorschlag der Beklagten solle das Gericht eindeutig in die irre führen, da sie wisse, dass es bei der Klägerin keine Dienstpläne wie den geforderten gebe. Ein Gegenvorschlag wäre nur unter der Grundlage akzeptabel, dass die Beklagte eine Vereinbarung unterzeichne, in der sie den neuen KV/Vertragsbedingungen der Klägerin akzeptiere, der die einzige Grundlage sei, auf der Piloten und Kabinenpersonal ab dem 1.7.2020 bei der Klägerin eingestellt oder eingeteilt werden könnten. Würde dem Vorschlag der Beklagten gefolgt werden, müssten andere Mitarbeiter auf Zulagen und Arbeitszeit verzichten bzw. würden andere wieder zu viele (nicht zulässige) Stunden akkumulieren und somit mehr Mitarbeiter angestellt werden, was zu weiteren finanziellen Mehrbelastungen führe. Dies sei nicht möglich, weiters unfair gegenüber anderen Mitarbeitern. Die Beklagte biete keinen tauglichen Beweis dafür an, dass der Vater des Kindes, der nur Teilzeit arbeite, keine geeigneten Vorkehrungen treffen könne, um bei der Kinderbetreuung an den 5 Tagen von jeweils 16 Tagen, an denen sie fliegen müsse, zu helfen. Es sei klar, dass die Beklagte nicht bereit sei, irgendeine Flexibilität zu zeigen, um den Anforderungen der Organisationsabläufe des Arbeitgebers gerecht zu werden, und eindeutig nicht bereit sei, zu arbeiten bzw. Dienst zu erbringen. Die Beklagte habe Elternteilzeit nicht als Antrag beantragt, wie dies gesetzlich vorgesehen sei, sondern als Forderung, dies zu einer Zeit, als die Flotte der Klägerin am Boden gelegen sei, da in der Zeit von April bis Mai nicht geflogen worden sei. Dies bereits vor der Corona-Krise, aber besonders hart seit der Krise. Die Klägerin werde weiter versuchen, mit jenen Besatzungsmitgliedern zu überleben, die den neuen Kollektivvertrag/Vertragsbedingungen akzeptiert hätten. Die Klägerin wolle nicht Mitarbeiter, die den neuen Dienstplänen zugestimmt hätten kündigen, nur um Arbeitsplätze für eine sehr kleine Minderheit von Besatzungsmitgliedern zu schaffen, die diesen neuen KV/Vertragsbedingungen abgelehnt hätten. R***** sei eine eigenständige Fluggesellschaft, die in Wien eigene Flüge zu eigenen Bedingungen durchführe. Die Patronatserklärung bedeute nicht, dass die Muttergesellschaft ein defizitäres Unternehmen unendlich lange künstlich am Leben halte. Die Finanzstärke des Mutterunternehmens sei völlig irrelevant. Das Mutterschutzgesetz und auch sonst kein Gesetz erlaube es keinem Arbeitnehmer, eine bestimmte Teilzeit Arbeitszeit oder eine Teilzeitvereinbarung zu verlangen, eine Teilzeit müsse den Anforderungen und den Erfordernissen des Unternehmens des Arbeitgebers entsprechen. Der Beklagten sei ein großzügiger 5/10/5-Stunden-Dienstplan angeboten worden, der ihm Voraus festgelegt sei. Die Beklagte könne zudem auch deshalb nicht weiter beschäftigt werden, da der Flugbetrieb Wien aufgrund der gegenwärtigen schweren Covid-19 und dem Versäumnis der Gewerkschaft schließen müsse. Auch könne die Klägerin nicht an einem anderen Arbeitsplatz beschäftigt werden, da es keine offenen Stellen im gesamten Unternehmen gebe und weitere Kündigungen ausgesprochen werden müssten. Es sei daher auch bereits ein Antrag auf Zustimmung zur Kündigung der Klägerin gestellt worden. Beklagte könne zudem auch deshalb nicht weiter beschäftigt werden, dass es sich, als Teil einer kleinen Minderheit der Wiener Kabinenbesatzung geweigert habe, den neuen, ab 1,10,2020 geltende Kollektivvertrag auch einzelvertraglich zu akzeptieren können. Der Kollektivvertrag sei von der WKO und der vida am 3. Juni unterzeichnet worden und von mehr als 90 % der Piloten und mehr als 66 % der Kabinenbesatzung angenommen worden. Diesbezüglich sei auch ein Antrag auf Zustimmung zur Kündigung der Beklagten gestellt worden. Der Flugbetrieb werde nicht in ihrer Gesamtheit fortgesetzt. Mit viel weniger Passagieren (10 Mio. statt 5 Mio.) benötige die klagende Partei weniger Piloten und Kabinenpersonal. Die Klägerin befinde sich in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und verzeichnet sehr hohe Verluste. Schließlich führte die Klägerin in der letzten Verhandlung aus, dass der Flugbetrieb mit Ende Oktober 2020 eingestellt werde. Zum Unterbrechungsantrag führte die klagende Partei aus, sie habe beim zuständigen Landesgericht Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht die Zustimmung zur Kündigung der Beklagten beantragt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Beklagte demnächst mit Zustimmung des Landesgerichtes Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht gekündigt werde, werde das Verfahren über den Umfang und die Bedingungen der Elternteilzeit irrelevant sein, und es werde keine Notwendigkeit bestehen, das Verfahren fortzusetzen. Aus Gründen der Verfahrensökonomie müsse das gegenständliche Verfahren daher bis zur Entscheidung des Landesgerichtes Korneuburg unterbrochen werden. Zum Ablehnungsantrag führte die beklagte Partei aus, dass die Klägerin nicht anführe, zu welchem Beweis die Zeugin ***** aussagen solle. Sie habe lediglich angeführt, dass die Klägerin Teil des (illegalen, nichtigen) Betriebsrats und selbst in Teilzeit sei. Es gebe keinen Grund, die Zeugen zu hören. Auch habe sie keinerlei Kenntnisse über die Möglichkeiten und Planbarkeiten von Elternteilzeit bei der beklagten Partei oder anderen Fluggesellschaften. Darüber hinaus stehe es ihr nicht zu, Aussagen über die Machbarkeit von Elternteilzeit zu tätigen. Sie sei weder zuständig noch verantwortlich für die Dienstplanerstellung und nicht vertraut mit den notwendigen Grundsätzen und Voraussetzungen für die Dienstplanerstellung. Auch sei sie am 22.5.2020 anonym als „Frau *****.“ gegen die Klägerin öffentlich im Fernsehen aufgetreten und habe durch ihre nicht fundierten Aussagen den Fortbestand der Wiener Basis und damit von rund 500 Arbeitsplätzen aufs Spiel gesetzt. Auch aufgrund dieser Umstände könne sie nicht als Zeugin einvernommen werden. Auch dürfe sie im Sinne der Verfahrensökonomie nicht gehört werden. Wenn sie „Einsichten in die Interna“ der Klägerin äußere, sei dies nicht rechtmäßig und man behalte sich rechtliche Schritte vor. Bei der klagenden Partei gebe es keinen Betriebsrat und sei Frau ***** nicht Betriebsratsmitglied, da die Betriebsratswahlen vom Oktober 2019 null und nichtig seien. Bei der nichtigen Wahl sei so vorzugehen, als ob die Wahl nie stattgefunden habe. Rechtshandlungen könnten nicht gesetzt werden und würden keine Rechtsfolgen entfalten. Die Vorsitzende des null und nichtigen Betriebsrates und Ex-Mitarbeiterin Frau *****, sei über das Frühwarnsystem lediglich aus Vorsichtsgründen unpräjudiziell der Sach- und Rechtslage betreffend die null und nichtige, ungültige Betriebsratswahl informiert worden. Die Beklagte bestritt das Klagebegehren. Die Beklagte sei mit zahlreichen langen - englischsprachigen - Schreiben der Klägerin unter Druck gesetzt worden, auf die Rechte aus dem Einzelvertrag zu verzichten und den neuen Kollektivvertrag „unterfertigen“. Die Agentur N***** rekrutiere bereits seit Monaten Kabinenpersonal für die klagende Partei. Es bestehe eindeutig Bedarf an Personal. Die Klägerin verkenne neben der betrieblichen Möglichkeit einer Beschäftigung in Elternteilzeit, dass darüber hinaus zahlreiche weitere Gründe vorliegen würden, weswegen dem Antrag der Beklagten auf die von ihr gewünschte - und zum Wohl des Kindes wochenweise vorausplanbare - Elternteilzeit stattzugeben sein. Die Beklagte sei seit 4.1.2010 bei der Klägerin bzw. deren Rechtsvorgängern nahtlos als Flugbegleiterin beschäftigt. Die Anrechnung von Vordienstzeiten seien im Dienstvertrag ausdrücklich „als Dienstzeiten beim Dienstgeber“ von der Klägerin anerkannt. Die Anrechnung sei daher einzelvertraglich vereinbart worden. Es bestehe daher jedenfalls ein Anspruch auf Elternteilzeit, was die Klägerin in deren Antrag gemäß § 15k MSchG und der nunmehrigen Klage bereits sinngemäß anerkenne. Eine Diensteinteilung der Beklagten unabhängig vom schematisierten Dienstroster „5-10-5“ oder „5-3-5-2“ sei sehr wohl möglich und unter Berücksichtigung der Intention des MSchG zu tolerieren. Wie in anderen Betrieben werde es auch der Klägerin möglich sein müssen, einen Dienstplan, allenfalls unter Berücksichtigung anderer Elternteilzeit-Mitarbeiterinnen, Krankenständen oder Urlauben für diese Mitarbeiterinnen zu schaffen, auch wenn dies allenfalls finanziell „ungünstig“ sein könnte. Es gebe bei der Klägerin Früh- und Nachmittags-/Abendflüge, wobei die Beklagte vorzugsweise die frühen Flüge (Start zwischen 3:00 Uhr und 6:00 Uhr, Rückkehr in der Regel 4 - 6 Stunden später) bedienen könne, wie es in der Vergangenheit bei der Klägerin auch betrieblich möglich gewesen sei. Frühflüge würden in der Regel um 14:00 Uhr enden, sodass die Beklagte auch die Möglichkeit habe, ihre Kinder vom Kindergarten abzuholen. Für den Notfall bestehe die Möglichkeit, dass Freunde oder andere Personen die Kinder abholen würden, dies könne jedoch nicht als Fixplan gesehen werden. Der vorgeschlagene Dienstplan 5-10-5 bewirke, dass sie laufend an Wochenenden Dienst habe, wobei hier die Kinderbetreuung nicht gewährleistet sei. Dies sei auch bei einem Roster 5-3-5-2 der Fall. Der Dienstplan 5-10-5 sei mit den Kinderbetreuungspflichten der Beklagten nicht in Einklang zu bringen, da diese Dienste oftmals Standby-Dienste seien, welche einen „spontanen“ Dienstantritt z.B. um 4:00 Uhr früh bewirken könnten, sodass hier auch mitten in der Nacht keine Betreuungsperson für die Töchter innerhalb einer Stunde parat sein müssten. Auch Übernachtflüge seien kaum zu bewerkstelligen. Die Beklagte sei Mutter zweier Kinder, der Kindesvater studiere und arbeite Teilzeit immer fix samstags und sonntags. Die Vorlesungen und Pflichtseminare auf der Universität seien tagsüber und könne er daher nur stundenweise unter der Woche aushelfen. Das hier betroffene Kind sei zwei Jahre alt. Die Eltern bzw. Schwiegereltern stünden entweder selbst noch im Berufsleben oder seien vom Lebensalter her mit der dauerhaften und/oder laufenden tageweise Betreuung von zwei Kleinkindern jedenfalls überfordert, sodass man diese nicht „fix" bei den von der Klägerin gewünschten Wochenendzeiten der Beklagten einplanen könne. Die Kinder müssten ohnedies von einem anderen Familienangehörigen (in der Regel dem Kindesvater) in der Früh in den Kindergarten gebracht werden und könne die Beklagte sie nach Dienstschluss abholen. Der Kindergarten sei von 6:30 bis 17:30 Uhr geöffnet. Dass die Beklagte vor über zehn Jahren den Beruf der Flugbegleiterin gewählt habe, bedeute keinesfalls, dass sie nach der Geburt von Kindern keinen Anspruch auf ein geordnetes und gesetzmäßiges Verfahren als auch auf Elternteilzeit generell habe. Die Klägerin habe mit der Beklagten bereits vor deren Karenz eine „Zusatzvereinbarung“ abgeschlossen, aus welcher sich die faktische Möglichkeit von Diensten nur unter der Woche eindeutig ergebe. In der Zusatzvereinbarung sei von der Klägerin eine Teilzeitbeschäftigung von Montag bis Donnerstag von 0:00 Uhr bis 16:00 Uhr als Rahmenarbeitszeit (bei 50 % der Leistung) im Anschluss an deren Karenz angeboten worden. Das Klagebegehren sei alleine schon aus diesem Grund unschlüssig. Trotz der den Flugverkehr von Mitte März bis Mitte Juli 2020 einschränkenden Corona-Krise werde der Betrieb weitergeführt. Aufgrund der Aufnahme des Flugverkehrs ab 1.7.2020 besteht die Möglichkeit, dem Elternteilzeitwunsch der Klägerin zu entsprechen. Die Klägerin sei arbeitsbereit, die Klägerin habe jedoch auf die Arbeitsleistung bis 30.9.2020 verzichtet. Die R***** habe gegenüber der Klägerin eine ausdrückliche Patronatserklärung abgegeben derzufolge sie als Muttergesellschaft Klägerin bei Bedarf ausreichend mit finanziellen Mitteln ausstatten werde. Die Beklagte beantragte die Erlassung folgendes Urteiles: Es wird festgestellt, dass die Beklagte ab 29.6.2020 bis 28.6.2025 in Elternteilzeit im Ausmaß von 50 % der Normalarbeitszeit an den Tagen Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in einer Rahmenzeit von jeweils 0.00 bis 14.00 arbeite. In eventu beantragte die Beklagte jeweils von 29.6.2020 bis 28.6.2015 die Feststellung auf Anspruch auf eine Elternteilzeit von Montag bis Donnerstag, 0:00 Uhr bis 16:00 Uhr, ebenfalls in eventu (sollten die vorhergehenden Möglichkeiten nicht als möglich erachtet werden, die Feststellung auf Anspruch auf eine Elternteilzeit im Schichtrad der Klägerin (5/11/5/11), wobei das potentielle ON-Wochenende (Sa/So) für die Beklagte dienstfrei gehalten werde. Zum Unterbrechungsantrag: Die Beklagte sprach sich gegen die Unterbrechung des Verfahrens aus. Aufgrund der finanziellen existenzbedrohenden derzeitigen Situation der Beklagten sei es untunlich und wäre es dieser nicht zumutbar, das Verfahren zu unterbrechen. Auch sei mit einer schnellen Entscheidung im Verfahren vor dem Landesgericht Korneuburg zu rechnen. Zum Ablehnungsantrag: Die Zeuginnen könnten im Rahmen ihrer „betriebsrätlichen Tätigkeit“ und von der Klägerin früher auch gewährten Einsichten über die Interna über deren Wahrnehmungen berichten. Die Beobachtungen, Gespräche und Wahrnehmungen der beantragten Zeuginnen hinsichtlich der Möglichkeiten und Planbarkeit von Elternteilzeit im Betrieb seien auch unabhängig von deren betriebsrätlichen Tätigkeit oder der Wirksamkeit der Betriebsratswahl zu sehen und zustande gekommen. Der Antrag auf Befragung der Zeuginnen wurde ausdrücklich aufrechterhalten. Sachverhaltsfeststellungen: Die Beklagte war ab 4.1.2010 für die N***** GmbH als Flugbegleiterin tätig. Sie war in Karenz und kehrte mit Jänner/Feber 2018 zurück. Sie war damals bereits mit ihrem zweiten Kind schwanger, hatte ein Flugverbot und war im Büro tätig. Das Dienstverhältnis endete mit 28.2.2018 durch Austritt der Beklagten gemäß § 25 IO aufgrund des über die Arbeitgeberin eröffneten Insolvenzverfahrens. Die Klägerin übernahm die F***** aus dem Insolvenzverfahren. Mit 1.3.2018 schloss die Klägerin mit der Beklagten einen Dienstvertrag, nach welchem die Beklagte als Senior-Flugbegleiter eingesetzt werde. Punkt 8. des Dienstvertrages lautet wie folgt: „8. Anrechnung von Dienstzeiten, Seniorität Die bei der L***** GmbH, sofern sie bei der N***** GmbH als Dienstzeiten anerkannt wurden, und bei der N***** GmbH geleisteten Dienstzeiten werden als Dienstzeiten beim Dienstgeber anerkannt und etwa bei der Einordnung des Dienstnehmers in das beim Dienstgeber bestehende Gehaltsschema, bei der Berechnung des Urlaubsanspruches und bei allen anderen Anwendungsbereichen, in denen die Seniorität ausschlaggebend ist, herangezogen, wenn der Dienstnehmer innerhalb der letzten vier Wochen vor seiner Beschäftigung beim Dienstgeber bei der N***** GmbH beschäftigt war." Die Klägerin schloss mit der Beklagten zur gleichen Zeit eine Zusatzvereinbarung zum Dienstvertrag betreffend ein sich an die Karenz anschließendes Teilzeitdienstverhältnis. Diese Urkunde ist dem Urteil als integrierender Bestandteil angeschlossen. Wie die Einteilungen genau erfolgen sollten, beispielsweise hinsichtlich Früh- oder Spätflügen, wurde nicht besprochen. Mit Schreiben vom 22.3.2020 teilte die Beklagte der Klägerin mit, dass sie im Anschluss an die Geburt ihres am *****.2018 geborenen Kindes eine Elternteilzeitbeschäftigung entsprechend den Bestimmungen des § 15h MSchG in Anspruch nehme. Das Ausmaß der Elternteilzeitbeschäftigung solle 50 % betragen, die Arbeitszeit wie folgt verteilt sein: Dienstag: 00.00 - 14.00 Lokaltime Mittwoch: 00.00 - 14.00 Lokaltime Donnerstag: 00.00 - 14.00 Lokaltime Es sollten keine Standbydienste, Reservedienste, Available, Airport-Standbys, Übernachtungen bzw. Umläufe, WOFFs und Bereitschaftsdienste möglich sein. Die Elternteilzeit solle bis zum 7. Geburtstag des Kindes dauern. Mit E-Mail vom 20.4.2020 teilte die beklagte Partei mit, dem Antrag auf Elternteilzeit nicht nachkommen zu können. Es sei eine feste Elternteilzeitregelung eingeführt worden nach dem Dienstplan 5/10/5. Dies werde allen Besatzungsmitgliedern angeboten, auch der Beklagten. Die angefragte Teilzeit sei nicht möglich und lasse sich nicht mit dem bevorzugten Dienstplanschema 5/3 5/2 vereinbaren. Die einzig verfügbare Option sei ein fester Dienstplan von 5 Arbeitstagen, gefolgt von 10 Tagen frei, gefolgt von 5 Arbeitstagen. Die klagende Partei schilderte weiters die schwierige Situation der Klägerin in der aktuellen Covid-19-Krise und forderte die Beklagte auf, bis 27.4.2020 bekanntzugeben, dass sie mit dem angebotenen Dienstplan und mit Kurzarbeit einverstanden sei. Mit Email vom 27.4.2020 teilte die Beklagte mit, aufgrund der Betreuung ihrer beiden Töchter den vorgegebenen 5/10/5 Roster nicht einzuhalten können. Im August 2020 gab es bei der klagenden Partei an allen Standorten etwa 560 Flugbegleiter, davon etwa 200 in Wien. Die Klägerin setzt auch Flugbegleiter ein, die bei anderen Unternehmen beschäftigt sind. Am Standort Wien sind insgesamt etwa 300 Flugbegleiter tätig. Noch vor der Corona-Krise wurde Flugbegleiter des Mutterunternehmens R***** für die Klägerin ausgebildet, da geplant war, von 23 auf 38 Flugzeuge aufzustocken. Aufgrund der Corona-Krise gab es von 17.3.2020 bis 1.10.2020 keine Flüge der beklagten Partei, folglich auch keine Einnahmen. Die bereits geschlossene Basis wurde nach der Unterfertigung des neuen Kollektivvertrages mit 1.7.2020, jedoch in reduziertem Ausmaß, wieder eröffnet. Anstatt der geplanten 18 Flugzeuge mit 10 Millionen Passagieren jährlich sind mit Stand August 2020 10 Flugzeuge mit geschätzt 5 Millionen Passagieren jährlich eingesetzt. Bei der klagenden Partei gibt es Früh-, Mittags- und Nachmittagsflüge. Der früheste Check-in beginnt um 5:00 Uhr. Es wird nur Kurz- und Mittelstrecke geflogen, die weiteste Destination sind die kanarischen Inseln. Bei der Übernahme am 1.3.2018 gab es keine festen Dienstpläne, sondern lediglich bestimmte Vorgaben, etwas wie viele Tage im Monat mindestens frei sein mussten, ebenso die Einhaltung der gesetzlichen Ruhezeiten. Zur Optimierung wurde in der Folge ein fixes Dienstplanmodelle für eine bessere Ressourcenplanung und eine bessere Kostenkontrolle eingeführt. Es wurde vorerst - ab September 2018 für Vollzeitkräfte - das Modell S/2/5/2 eingeführt, ab 1.7.2020 das Modell S/3/5/3 (5 Tage Frühflüge, 2 bzw. 3 Tage frei, 5 Tage Spätflüge, 2 bzw. 3 Tage frei). Die Teilzeitkräfte wurden vorerst entsprechend ihren individuellen Vereinbarungen eingesetzt. Für Teilzeitmitarbeiter wurde später - etwa im Juni 2020 - das Modell 5/11/5/11 (5 Tage Frühflüge, 11 Tage frei, 5 Tage Spätflüge, 11 Tage frei) eingeführt. Mitarbeiter können, müssen aber an den Flugtagen nicht eingeteilt werden, fix sind jedenfalls die freien Tage. Auswärtsübernachtungen gibt es nicht. Für Krankenstände sind Ersatzkapazitäten (Standby) vorhanden. Die klagende Partei setzt nur Arbeiterinnen in der Elternteilzeit ein, die sich an den vorgegebenen Dienstplan halten und dem neuen Kollektivvertrag zustimmen. Mitarbeiterinnen, die eine Vereinbarung wie jene der Klägerin haben und sich nicht dem neuen System unterwerfen, werden nicht eingesetzt, diese sind dienstfrei gestellt und wurden Klagen auf Zustimmung zur Kündigung eingebracht. Die Änderung der Dienstpläne brachte massive Einsparungen für die Klägerin mit sich, darüber hinaus sind die freien Tage für die Mitarbeiter lange im Vorhinein fixiert. In der Abteilung Dienstplanung sind nunmehr statt zwölf nur mehr zwei Mitarbeiter tätig und konnte die Gesamtzahl der Mitarbeiter pro Flugzeug reduziert werden. Die zwei Kinder der Beklagten besuchen den Kindergarten, welcher von 6:30 bis 17:30 Uhr geöffnet ist. Der Ehegatte der Klägerin studiert und besucht unter der Woche Lehrveranstaltungen. Er ist mit 20 Wochenstunden teilzeitbeschäftigt und arbeitet an (allen) Wochenenden (Samstag und Sonntag; meist Frühschicht von 4:00 Uhr bis 14:30 Uhr oder 15:00 Uhr). Derzeit arbeitet er auch montags von 7:00 Uhr bis 16:00 Uhr. Die Eltern der Beklagten sind schon in Pension, ihr Vater ist über 70 Jahre alt. Eine regelmäßige Betreuung der Kinder wäre für beide aufgrund der gesundheitlichen Situation längerfristig nicht zumutbar, lediglich ein gelegentliches Abholen aus dem Kindergarten wäre möglich. Der Schwiegervater der Beklagten ist im Schichtdienst tätig, ihre Schwiegermutter arbeitet bis 16:30 Uhr. Es besteht die Möglichkeit, dass der Ehemann der Beklagten die Kinder in den Kindergarten bringt wenn sie Frühdienst hat. Die Betreuung der Kinder durch den Ehegatten oder die Großeltern an den Wochenenden ist nicht möglich bzw. nicht zumutbar. Für die klagende Partei ist die Einteilung der Beklagten nach einem vom System 5/11/5 abweichenden Plan mit zusätzlichem organisatorischem Aufwand verbunden. Es kann jedoch nicht festgestellt werden, dass die Einteilung der Klägerin entsprechend ihrem Teilzeitwunsch oder der Vereinbarung betreffend Teilzeitvereinbarung mit nennenswertem finanziellen oder personellen Aufwand verbunden oder gar nicht möglich wäre. Rechtliche Beurteilung Rechtliche Beurteilung: Ad I.: Zum Unterbrechungsantrag: Die Klägerin brachte beim Landesgericht Korneuburg als Arbeits- und Sozialgericht eine Klage auf Zustimmung zur Kündigung ein. Nach § 190 Abs. 1 ZPO kann der Senat anordnen, dass das Verfahren auf so lange Zeit unterbrochen werde, bis in Ansehung dieses Rechtsverhältnisses eine rechtskräftige Entscheidung vorliegt, wenn die Entscheidung eines Rechtsstreites ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Rechtsverhältnisses abhängt, welches Gegenstand eines anderen anhängigen gerichtlichen Verfahrens ist oder welches in einem anhängigen Verwaltungsverfahren fest stellen ist. Ob unterbrochen wird, ist - außer nach Sonderbestimmungen - fakultativ und eine Frage der Zweckmäßigkeit (Fucik in Rechberger ZPO4 § 190 Rz 1). Das von der klagenden Partei im angeführten Verfahren erhobene Klagebegehren ist keine Vorfrage zum gegenständlichen Verfahren. Im Gegenteil hat das Gericht im speziellen Verfahren nach dem Mutterschutzgesetz über den Anspruch auf Elternteilzeit nach dem MSchG bzw. die genaue Ausformung der Elternteilzeit zu entscheiden. Ein Verfahren, in welchem die allenfalls zu erteilende Zustimmung zu einer in Zukunft auszusprechenden Kündigung Verfahrensgegenstand ist, ist keine Vorfrage zur hier zur lösende Frage. Weiters ist es nicht zweckmäßig, ein rasch zu erledigendes Verfahren mit Rechtsmittelausschluss gemäß § 15l Abs. 5 i.V.m. § 15k Abs. 6 MSchG für ein Verfahren mit Rechtsmittelmöglichkeiten zu unterbrechen. Der Unterbrechungsantrag war daher abzuweisen. Zum Ablehnungsantrag: Die ZPO regelt die Ablehnung von Richtern und Sachverständigen, eine Ablehnung von Zeugen kennt sie hingegen nicht. Inhaltlich handelt es sich bei den Ausführungen der klagenden Partei eher um Argumente, die die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen in Zweifel ziehen sollen. Die Beweiswürdigung obliegt jedenfalls dem Gericht, und können die Ausführungen nicht die Befragung der Zeuginnen verhindern. Ob die Betriebsratswahl im Betrieb der Klägerin ordnungsgemäß abgehalten wurde und die Zeuginnen daher Mitglieder des Betriebsrates sind, ist für deren Befragung irrelevant. Der Ablehnungsantrag war jedenfalls abzuweisen. Ad II.: Nach § 15h Abs. 1 MSchG hat eine Dienstnehmerin Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung längstens bis zum Ablauf des siebenten Lebensjahres oder einem späteren Schuleintritt des Kindes, wenn 1. das Dienstverhältnis zum Zeitpunkt des Eintritts der Teilzeitbeschäftigung ununterbrochen drei Jahre gedauert hat, 2. die Dienstnehmerin zu diesem Zeitpunkt in einem Betrieb mit mehr als 20 Dienstnehmern und Dienstnehmerinnen beschäftigt ist und 3. die wöchentliche Normalarbeitszeit mindestens 20 vH reduziert wird und 12 Stunden nicht unterschreitet. Für den Fall des Anspruches auf Teilzeitbeschäftigung sieht § 15k Abs. 2 MSchG, wenn nach vier Wochen ab Bekanntgabe des Teilzeitwunsches keine Einigung über Dauer, Ausmaß oder Lage der Teilzeitbeschäftigung zustande kommt vor, dass die Dienstnehmerin die Teilzeitbeschäftigung den von ihr bekannt gegebenen Moment antreten darf, sofern der Dienstgeber nicht binnen weiterer zwei Wochen beim zuständigen Arbeits- und Sozialgericht einen Antrag nach § 433 Abs. 1 ZPO zu gütlichen Einigung stellt. Kommt binnen vier Wochen ab Einlangen des Antrages beim Arbeits- und Sozialgericht keine gütliche Einigung zu Stande, so hat der Dienstgeber nach § 15k Abs. 3 MSchG binnen einer weiteren Woche die Dienstnehmerin auf Einwilligung in die von ihm vorgeschlagenen Bedingungen der Teilzeitbeschäftigung klagen, anderenfalls kann die Dienstnehmerin die Teilzeitbeschäftigung zu den von ihr bekannt gegebenen Bedingungen antreten. Das Arbeits- und Sozialgericht hat der Klage des Dienstgebers dann stattzugeben, wenn die betrieblichen Erfordernisse die Interessen der Dienstnehmerin überwiegen und eine Interessenabwägung vorzunehmen. Besteht kein Anspruch auf Elternteilzeit nach § 15h MSchG, kommt eine vereinbarte Teilzeitbeschäftigung nach § 15i MSchG infrage. Kommt keine Einigung zustande, so kann hier die Dienstnehmerin den Dienstgeber auf Einwilligung in eine Teilzeitbeschäftigung klagen (§ 15l MSchG). Im vorliegenden Fall bestreitet die klagende Partei den Anspruch der Beklagten auf Elternteilzeit, da sie noch nicht drei Jahre im Betrieb beschäftigt sei. Nach Punkt 8. des Dienstvertrages werden bei der N***** GmbH geleistete Dienstzeiten als Dienstzeiten beim Dienstgeber anerkannt und etwa bei der Einordnung des Dienstnehmers in das beim Dienstgeber bestehende Gehaltsschema, bei der Berechnung des Urlaubsanspruches und bei allen anderen Anwendungsbereichen, in denen die Seniorität ausschlaggebend ist, herangezogen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies auch für den Anspruch auf Elternteilzeit zutrifft. Im Übrigen geht wohl auch die klagende Partei davon aus und anerkennt den Anspruch, da sie - entsprechend dem Verfahren nach dem MSchG bei Anspruch auf Elternteilzeit - den Antrag auf gütliche Einigung stellte, die Klage einbrachte und die Feststellung des im Betrieb verwendeten Teilzeitmodelles 11/5/11 bis zum Ablauf des siebenten Lebensjahres des Kindes begehrt. Inhaltlich richtet sie sich damit nicht gegen den Anspruch auf Elternteilzeit, sondern gegen die von der Beklagten bekanntgegebene und gewünschte Lage der Arbeitszeiten. Da sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind hat die Beklagte Anspruch auf Elternteilzeit nach § 18h MSchG. Es ist eine Interessenabwägung zwischen dem Vorschlag des Arbeitgebers und dem der Arbeitnehmerin vorzunehmen. Der Arbeitgeber bringt mit seiner Klage durch, wenn die betrieblichen Erfordernisse gegenüber den Interessen der Arbeitnehmerin überwiegen. Nach den Materialien muss es sich bei den betrieblichen Interessen um Umstände handelt, die negative Auswirkungen auf den Betrieb in seiner Eigenschaft als eine dem Zweck der Leistungsklassen Erbringung gewidmete Organisation haben. Es ist der Klage nur dann stattzugeben, wenn die betrieblichen Interesse überwiegen. Bei Gleichwertigkeit der Interessenlage kann die Arbeitnehmerin die Teilzeitbeschäftigung antreten. Der Arbeitgeber muss bei Elternteilzeit gegebenenfalls auch Umorganisationen und finanziellen Nachteile in Kauf nehmen (Schrittwieser in Burger-Ehrnhofer/Schrittwieser/Bauer, MSchG und VKG3, § 15k, Rz 33f). Ausgehend vom festgestellten Sachverhalt ist die Betreuung der Kinder der Beklagten an Wochenenden durch Familie und Kindergarten nicht möglich. Ein Zurückgreifen auf sämtliche mögliche Kinderbetreuungsangebote, wie dies die klagende Partei durch Vorlage einer Internet-Annonce ins Spiel bringt, ist nicht zumutbar. Die Kinder der Beklagten besuchen den Kindergarten, lediglich eine Betreuung am Wochenende ist weder durch diese Einrichtung noch durch den Vater und die Großeltern möglich. Wenn die Beklagte vorbringt, die Zeiten seien aufgrund des fixen Planes lange vorausplanbar und es seien nur wenige Wochenenden im Jahr betroffen, so ist daraus für die Beklagte nichts gewonnen, da eine Betreuung am Wochenende durch die üblichen Betreuungspersonen auch mit langer Vorlaufzeit und an wenigen Wochenenden nicht möglich ist. Auch die Argumentation der Klägerin, der Beklagten seien die flexiblen Arbeitszeiten schon bei ihrem Eintritt bekannt gewesen und von ihr akzeptiert worden, überzeugen nicht. Durch die Möglichkeit der Elternteilzeit anerkennt der Gesetzgeber Kinderbetreuungspflichten als besonders wichtig und schützenswert. Folgte man der Klägerin, würden Eltern mit für die Kinderbetreuung ungünstigen Arbeitszeiten keinen Anspruch auf Elternteilzeit haben bzw. bei der Interessenabwägung unterliegen, da sie sich schon bei der Entscheidung für ihren Beruf oder ihre Arbeitsstelle der Arbeitszeiten bewusst waren. Dies widerspricht der Intention des Gesetzgebers. Da nach den Angaben der klagenden Partei eine Einteilung nicht an allen Arbeitstagen erfolgen müsse versuchte die Beklagte hier, dem Arbeitgeber entgegenzukommen, indem sie die in der Vereinbarung aus 2018 angeführten Arbeitszeiten bzw. in eventu die Einteilung nach dem Dienstplan akzeptiert hätte, falls sie an den Wochenenden nicht eingeteilt würde. Dies hat die Klägerin abgelehnt. Aus dem gesamten Vorbringen ist zudem ersichtlich, dass es der klagenden Partei zumindest auch um die Unterwerfung unter den neuen Kollektivvertrag, und dabei scheinbar um den Verzicht auf einzelvertragliche Rechte geht. Hingegen sind ausgehend vom festgestellten Sachverhalt keinerlei Gründe ersichtlich, die eine Einteilung der Beklagten außerhalb des Teilzeit-Rasters unzumutbar oder unmöglich machen würden. Auch erfolgte die Einteilung seit September 2019 entsprechend den individuellen Vereinbarungen. Die Abwägung muss daher zugunsten der Beklagten erfolgen. Da jedoch nachvollziehbar ist, dass die Einteilung im Flugbetrieb für den Arbeitgeber einfacher ist, je größer die mögliche Zeitspanne ist, erscheint dem Senat die Festsetzung im Rahmen des 1. Eventualbegehrens der Beklagten als für beide Parteien zumutbar und sachgemäß. Es handelt sich dabei schließlich um eine zwischen den Parteien getroffene Vereinbarung. Ausgehend vom festgestellten Sachverhalt ist kein Grund ersichtlich, aus welchem die Einteilung der Beklagten entsprechend der von der klagenden Partei angebotenen Teilzeittätigkeit nun nicht mehr möglich sein sollte. Die zum Schluss der Verhandlung für Ende Oktober 2020 geplante Einstellung des gesamten Flugbetriebes war nicht zu berücksichtigen. Die Befragung der von der beklagten Partei beantragten Zeugin ***** konnte unterbleiben, da schon - insbesondere im Hinblick auf die Beweismittelverzichte der klagenden Partei - aufgrund der bisherigen Beweisergebnisse zugunsten der Klägerin entschieden werden konnte.
JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000
ECLI:AT:LG00046:2020:1910BL00069.20I.1214.000
191Bl69/20i
Justiz
LG für Strafsachen Wien
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000/JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000.html
1,607,904,000,000
1,867
Kopf Das Landesgericht für Strafsachen Wien als Vollzugsgericht am Sitz des Oberlandesgerichtes Wien (§ 16 Abs 3 StVG) hat durch den Vorsitzenden Dr. Pohnert sowie die weiteren Senatsmitglieder Richterin Mag. Hahn und Oberstleutnant Ing. Faymann als fachkundigen Laienrichter über die Beschwerde des H***** K***** vom ***** gegen die Entscheidung des Leiters der Justizanstalt ***** vom 8.9.2020 nichtöffentlich den B e s c h l u s s gefasst: Spruch Der Beschwerde wird nicht Folge gegeben. Text B e g r ü n d u n g : Mit Entscheidung des Leiters der Justizanstalt ***** vom 8.9.2020 wurde dem Antrag des H***** K***** vom 7.9.2020, in dem er um Gewährung eines ***** Ausganges nach § 99a StVG am 10.9.2020 zwecks Teilnahme am Begräbnis seines Cousins M***** W***** nicht stattgegeben, da kein Kontakt bestanden habe. Gegen diese Entscheidung richtet sich die am ***** beim Landesgericht für Strafsachen Wien eingelangte fristgerechte Beschwerde des H***** K***** vom *****, in der er das in der Entscheidungsbegründung angeführte mangelnde Naheverhältnis zum Verstorbenen bestreitet und darauf verweist, dass Letztgenannter auf Grund einer Gehirnhautentzündung beeinträchtigt und besachwaltet war. In seiner Replik auf die Stellungnahme des Anstaltsleiters merkt der Beschwerdeführer überdies an, dass es M***** W***** mangels barrierefreien Zugangs in die JA ***** nicht möglich war ihn mit einem Rollstuhl zu besuchen. Folgender Sachverhalt wird als erwiesen angenommen und der gegenständlichen Entscheidung zu Grunde gelegt: Die Strafregisterauskunft (ON 7) des H***** K***** weist insgesamt sieben großteils massive Verurteilungen ausschließlich nach dem SMG auf. Derzeit wird an ihm - mit voraussichtlichem Entlassungszeitpunkt ***** - eine Freiheitsstrafe in der Dauer von ***** vollzogen, die anlässlich der Verurteilung des Landesgerichts ***** vom *****, AZ *****, rechtskräftig seit *****, wegen Verbrechens des Suchtgifthandels nach § 28a Abs 1 vierter Fall, Abs 4 Z 3 SMG über ihn verhängt wurde, weil er in ***** und anderen Orten im raschen Rückfall I./ im bewussten und gewollten Zusammenwirken als Mittäter mit B***** A***** und D***** D***** im Zeitraum von ***** bis ***** vorschriftswidrig Suchtgift, und zwar 2 Kilogramm Kokain, enthaltend 85,3% Cocain, in einer das 25-fache der Grenzmenge übersteigenden Menge der Vertrauensperson „L*****“ zu einem Preis von € 90.000,-- angeboten hat, und II./ am ***** vorschriftswidrig Suchtgift, und zwar 500 Gramm, enthaltend 85,3% Cocain, in einer das 25-fache der Grenzmenge (§ 28b SMG) vielfach übersteigenden Menge der Vertrauensperson „L*****“ zu einem Preis von € 25.000,-- angeboten hat. Bereits davor hatte der Beschwerdeführer insgesamt ***** in Haft verbracht und findet sich in den seit ***** geführten Aufzeichnungen über die Besuche des H***** K***** lediglich einer des M***** W***** in der Justizanstalt *****, und zwar am ***** 2010 (AS 26 in ON 4). In den Kontaktdaten der Telefonfreischaltung wurde M***** W***** nie als Telefonkontakt von H***** K***** definiert und bestand zwischen dem Beschwerdeführer und M***** W***** kein besonderes Naheverhältnis. Aktuell wird H***** K***** im gelockerten Vollzug angehalten. Es kommt ihm grundsätzlich die Möglichkeit zu, Ausgänge gemäß § 126 Abs 2 Z 4 StVG zu konsumieren. Auf Grund der im Jahr 2020 herrschenden COVID-19-Pandemie und der aus diesem Anlass ergangenen Verordnung der Bundesministerin für Justiz, BGBl II 120/2020 in der für den verfahrensgegenständlichen Zeitpunkt geltenden Fassung BGBl II 376/2020 (in Kraft getreten am 1.9.2020) galt nach § 7, dass Freiheitsmaßnahmen nach §§ 99, 99a, 126 Abs 2 Z 4 und Abs 4 StVG bis zum 30. September 2020 grundsätzlich unzulässig sind und Ausnahmen nur zur Erledigung unaufschiebbarer, nicht substituierbarer persönlicher Angelegenheiten sowie im Einzelfall, etwa zur Vorbereitung der Entlassung, bewilligt werden, sofern durch entsprechende Präventiv- und Hygienemaßnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann. Mit Ansuchen vom 7.9.2020 erbat H***** K***** die Gewährung eines Ausgangs am 10.9.2020 in der Zeit von ***** Uhr bis ***** Uhr gemäß § 99a StVG und begründete sein Begehren mit der Teilnahme am Begräbnis seines Cousins M***** W***** am ***** Friedhof um ***** Uhr. Diesem Ansuchen wurde mit am 9.9.2020 verkündeter Entscheidung vom 8.9.2020 nicht stattgegeben und begründend auf die durchgeführten Erhebungen, die keinen Kontakt belegen, verwiesen. Die vom Beschwerdeführer gegenüber dem Sozialen Dienst angeführte enge Beziehung zum Verstorbenen, die durch die Schwester des Insassen bestätigt worden sei, war nicht erweisbar, weil seit der ersten Haft lediglich ein Besuch am ***** 2010 von M***** W***** erfolgte und dieser nicht in der Telefonliste eingetragen ist. Beweiswürdigend stützt sich der festgestellte Sachverhalt auf die in Klammerzitat angeführten einzelnen Fundstellen im Akt sowie die Einsichtnahme in die sonstigen von der Anstaltsleitung vorgelegten aktenmäßig erfassten Vorgänge, insbesondere die Stellungnahme des Leiters der Justizanstalt ***** vom ***** (ON 4) und die damit vorgelegten Unterlagen, nämlich insbesondere das Ansuchen vom 7.9.2020 samt Entscheidung vom 8.9.2020, die Parte des M***** W*****, aus der dessen Ableben am ***** sowie dessen Begräbnis am 10.9.2020, ***** Uhr, auf dem Friedhof ***** hervorgeht, und die Besucherliste des H***** K*****. Zudem wurde amtswegig eine Strafregisterauskuunft und das der derzeit in Vollzug befindlichen Strafe zu Grunde liegende Urteil des Landesgerichts ***** vom *****, AZ *****, samt bezughabender Rechtmittelentscheidung beigeschafft (ON 6). Dass kein besonderes Naheverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und M***** W***** bestanden hatte, war – trotz der entgegengesetzten Behauptung des H***** K*****, der sich auf die Behinderung seines Cousines berief – auf Grund des bloß einmaligen Besuchskontakts in den vielen Jahren der Haft des Beschwerdeführers am ***** 2010 im Zusammenhalt mit dem vom Beschwerdeführer nicht in Abrede gestellten Umstand eines gänzlich fehlenden Telefonkontaktes feststellbar. Rechtliche Beurteilung Rechtlich folgt: Gemäß § 120 Abs 1 StVG können sich die Strafgefangenen gegen jede ihre Rechte betreffende Entscheidung oder Anordnung und über jedes ihre Rechte betreffende Verhalten der Strafvollzugsbediensteten beschweren. Über die Art der ärztlichen Behandlung können sich die Strafgefangenen jedoch nur nach § 122 StVG beschweren. Die Beschwerde hat die angefochtene Entscheidung, Anordnung oder das Verhalten zu bezeichnen und die Gründe für die Erhebung der Beschwerde, soweit sie nicht offenkundig sind, darzulegen und ist nach Abs 2 leg cit binnen 14 Tagen einzubringen. Nach § 121 Abs 1 StVG hat über Beschwerden gegen Strafvollzugsbedienstete oder deren Anordnungen der Anstaltsleiter zu entscheiden. Richtet sich eine Beschwerde gegen eine Entscheidung, Anordnung oder ein Verhalten des Anstaltsleiters oder gegen die Verletzung der Entscheidungspflicht durch den Anstaltsleiter, und hilft er der Beschwerde nicht selbst ab, so hat darüber das Vollzugsgericht (§ 16 Abs 3 StVG) zu entscheiden. Gemäß § 16 Abs 3 StVG entscheidet das Vollzugsgericht am Sitz des Oberlandesgerichts, in dessen Sprengel die Freiheitsstrafe vollzogen wird, über Beschwerden Z 1. gegen eine Entscheidung oder Anordnung des Anstaltsleiters, Z 2. wegen Verletzung eines subjektiven Rechts durch ein Verhalten des Anstaltsleiters, Z 3. wegen Verletzung der Entscheidungspflicht durch den Anstaltsleiter. Entscheidungen sind inhaltliche Erledigungen von Ansuchen oder Beschwerden sowie Ordnungsstraferkenntnisse. Entscheidungen sind – anders als Anordnungen – immer dem Anstaltsleiter zuzurechnen, auch wenn sie im Rahmen des innerbehördlichen Mandats von einem anderen Strafvollzugsbediensteten getroffen wurden und kommt es dabei nicht auf die Form der Entscheidung an (Drexler/Weger, StVG4 § 120 Rz 4; Pieber in WK²-StVG § 16 Rz 11/3). Somit ist die Zuständigkeit des Vollzugsgerichts gegeben und ist auch von der Rechtzeitigkeit der am ***** beim Landesgericht ***** eingelangten Beschwerde vom ***** (Postaufgabedatum *****) gegen die am 9.9.2020 verkündete Entscheidung vom 8.9.2020 auszugehen. Der Beschwerde kommt jedoch aus nachfolgenden Erwägungen keine Berechtigung zu: Strafgefangene haben unter den in § 99 Abs 1 und § 99a Abs 1 StVG genannten Voraussetzungen einen subjektiv-öffentlichen Rechtsanspruch auf Gewährung eines Ausganges. Demnach ist einem nicht besonders gefährlichen Strafgefangenen, der nach der Art und dem Beweggrund der strafbaren Handlung, deretwegen er verurteilt worden ist, sowie nach seinem Lebenswandel vor der Anhaltung und seiner Aufführung während dieser weder für die Sicherheit des Staates, noch für die der Person oder des Eigentums besonders gefährlich ist, auf sein Ansuchen höchstens zweimal im Vierteljahr zu gestatten, die Anstalt in der Dauer von höchstens zwölf Stunden am Tag zu verlassen, wenn die voraussichtlich noch zu verbüßende Strafzeit drei Jahre nicht übersteigt und der Strafgefangene den Ausgang zu einem der im § 93 Abs 2 StVG genannten Zwecke, sohin zur Regelung wichtiger persönlicher, wirtschaftlicher oder rechtlicher Angelegenheiten, die weder schriftlich erledigt noch bis zur Entlassung aufgeschoben werden können, sowie zur Aufrechterhaltung familiärer und sonstiger persönlicher Bindungen, benötigt. Der Ausgang ist dabei gemäß §§ 99a Abs 3 iVm 99 Abs 5 StVG vom Anstaltsleiter allenfalls nur unter gewissen Auflagen, wie etwa jener der Begleitung durch einen Strafvollzugsbediensteten zu gewähren. Für die angesprochenen Rechtsgüter ist ein Verurteilter dann besonders gefährlich, wenn es wahrscheinlich ist, dass er in Freiheit Straftaten nicht bloß leichter Art zum Schaden dieser Rechtsgüter wiederholen oder ausführen wird, wobei im Sinne eines beweglichen Systems bereits eine geringere Wahrscheinlichkeit einer schweren Straftat ebenso die besondere Gefährlichkeit begründet, wie eine mit höherer Wahrscheinlichkeit zu erwartende wiederholte Begehung weniger schwerwiegender Straftat, weil in beiden Fällen ein vergleichbares Schutzbedürfnis der Gesellschaft besteht. An eine solche „Tatbegehungsgefahr“ begründende Umstände ist ein weniger strenger Maßstab anzulegen, als in den Fällen des § 173 Abs 2 Z 3 StPO (vgl Pieber in WK2 StVG § 99, 99a Rz 1 iVm § 5 Rz 28 f mwN). Unter den in §§ 99 Abs 1, 99a Abs 1 StVG genannten Voraussetzungen haben Strafgefangene ein subjektiv-öffentliches Recht auf Gewährung der Lockerung des Ausgangs, wobei § 99 Abs 1 Z 1 lit b StVG in diesem Zusammenhang normiert, dass einem Strafgefangenen, dessen voraussichtlich noch zu verbüßende Strafzeit drei Jahre nicht übersteigt, über seinen Antrag eine Unterbrechung der Freiheitsstrafe in der Dauer von höchstens acht Tagen zur Teilnahme an dem Begräbnis eines Angehörigen oder einem anderen ihm besonders nahestehenden Menschen zu gewähren ist, wenn er nach der Art und dem Beweggrund der strafbaren Handlung, deretwegen er verurteilt worden ist, sowie nach seinem Lebenswandel vor der Anhaltung und seiner Aufführung während dieser weder für die Sicherheit des Staates, noch für die der Person oder des Eigentums besonders gefährlich ist. §§ 99 und 99a StVG dienen grundsätzlich somit dazu, das soziale Netz des Strafgefangenen außerhalb der Anstalt zu erhalten und soziale Beziehungen einschließlich der wirtschaftlichen und rechtlichen Angelegenheiten zu pflegen. Bei einem Ausgang (§ 99a StVG) handelt sich um „soziales Training“ zur Hintanhaltung negativer Begleiterscheinungen der Haft (Drexler/Weger, StVG4 § 99a Rz 1). Diese Bestimmungen, sowie auch die des § 126 Abs 2 Z 4 StVG erfahren allerdings auf Grund des zum Entscheidungszeitpunkt anzuwenden gewesenen § 7 Abs 1 der Verordnung der Bundesministerin für Justiz über besondere Vorkehrungen im Anwendungsbereich des Strafvollzugsgesetzes zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19, BGBl II 120/2020 idF BGBl II Nr. 376/2020 die Einschränkung, dass diese Freiheitsmaßnahmen bis zum Ablauf des 30. September 2020 grundsätzlich unzulässig waren. Ausnahmen konnten gemäß § 7 Abs 2 dieser Verordnung idF BGBl II Nr. 241/2020 nur zur Erledigung unaufschiebbarer, nicht substituierbarer persönlicher Angelegenheiten sowie im Einzelfall, etwa zur Vorbereitung der Entlassung, bewilligt werden, sofern durch entsprechende Präventiv- und Hygienemaßnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann. Ausgehend von den getroffenen Feststellungen, wonach einerseits kein besonderes Naheverhältnis zwischen dem verstorbenen M***** W***** und dem Beschwerdeführer bestand und andererseits es sich bei der Teilnahme an einem Begräbnis nicht um eine nicht substituierbare persönliche Angelegenheit handelt und diese auch nicht zur Vorbereitung der erst in mehreren Jahren vorgesehenen Entlassung notwendig ist, lag im konkreten Fall somit keine Ausnahme iSd § 7 Abs 2 der Verordnung der Bundesministerin für Justiz über besondere Vorkehrungen im Anwendungsbereich des Strafvollzugsgesetzes zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 idF BGBl. II Nr. 376/2020 vor. Es ist daher die bekämpfte Entscheidung des Anstaltsleiters nicht zu beanstanden, sodass spruchgemäß zu entscheiden war.
JJT_20200407_LG00119_02200R00004_20Y0000_000
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00004.20Y.0407.000
22R4/20y
Justiz
LG Korneuburg
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00004_20Y0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00004_20Y0000_000.html
1,586,217,600,000
2,487
Kopf Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch die Richter Mag. Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag. Jarec, LL.M. und Mag. Rak in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. J***** H*****, 2. H***** H*****, beide vertreten durch Dr. Michael Wukoschitz, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei I***** S.A., vertreten durch Kraft Rechtsanwalts GmbH & Co KG in Wien, wegen EUR 800,-- s.A., infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat vom 21.10.2019, 16 C 418/19w-14, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt: Spruch Der Berufung wird in der Hauptsache nicht Folge gegeben. Der Berufung im Kostenpunkt wird Folge gegeben und die angefochtene Kostenentscheidung dahin abgeändert, dass sie zu lauten hat: „Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien jeweils die Hälfte der mit EUR 824,24 (darin EUR 117,75 USt und EUR 117,70 Barauslagen) bestimmten Verfahrenskosten binnen 14 Tagen zu ersetzen.“ Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien jeweils die Hälfte der mit EUR 308,33 (darin EUR 51,39 USt) bestimmten Kosten der Berufungsbeantwortung binnen 14 Tagen zu ersetzen. Die Revision ist jedenfalls unzulässig. Text Entscheidungsgründe: Die Kläger verfügten über eine einheitliche bestätigte Buchung für nachstehende Flüge: - IB 3825 ab Las Palmas 11.08.2017, 14:25 Uhr, an Madrid 11.08.2017, 18:05 Uhr, und - IB 3124 ab Madrid 11.08.2017, 19:40 Uhr, an Wien 11.08.2017, 22:35 Uhr. Die tatsächliche Flugzeit des Fluges IB 3825 war: ab Las Palmas 11.08.2017, 18:09 Uhr, an Madrid 11.08.2017, 21:46 Uhr. Die Kläger verpassten den planmäßig um 19:40 Uhr von Madrid gestarteten Anschlussflug IB 3124, wurden auf den Flug IB 3120 am 12.08.2017 umgebucht und erreichten ihr Endziel am 12.08.2017 um 11:49 Uhr. Die nach der Großkreismethode berechnete Flugdistanz von Las Palmas nach Wien beträgt 3.547 km. Mit der am 04.12.2018 beim Bezirksgericht für Handelssachen Wien eingebrachten und zu 1 EuM 3450/18h registrierten Klage im Europäischen Mahnverfahren begehrten die Kläger von der Beklagten jeweils die Zahlung von EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 12.09.2017 und brachten vor, ihnen stehe der Klagsbetrag wegen der Verspätung des Zubringerfluges, der dadurch verursachten Versäumung des Anschlussfluges und der mehr als 13-stündigen Ankunftsverspätung am Endziel zu. Anspruchsgegner des Ausgleichsanspruches nach Art 5, 7 der Fluggastrechte-VO sei das ausführende Luftfahrtunternehmen. Die I***** E***** habe im Rahmen eines sogenannten Wet-Lease als leasendes Luftfahrtunternehmen ihr Flugzeug samt Besatzung, Wartung und Assekuranz gänzlich der Beklagten zur Durchführung eines allein in ihrer Verantwortung stehenden und ausschließlich unter dessen Flugnummer durchgeführten Fluges überlassen. Die Beklagte sei ausführendes Luftfahrtunternehmen und passiv legitimiert. Die I***** E***** sei eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Beklagten und habe den Flug IB 3825 nicht im eigenen Namen, sondern im Namen der Beklagten durchgeführt. Dies ergäbe sich aus dem Vermerk „operated by I***** E***** on behave of I*****“. Der Einfluss des Alleineigentümers auf die Tochtergesellschaft begründe die Passivlegitimation der Muttergesellschaft als ausführendes Luftfahrtunternehmen. Die Beklagte bestritt das Klagebegehren dem Grunde und der Höhe nach, beantragte die Abweisung der Klage und brachte vor, dass zwischen den Prozessparteien kein Vertragsverhältnis bestehe, es sei ein I*****-E*****-Flug bei D***** gebucht worden. Der Flug I2 3825 sei nicht von der Beklagten, sondern von der I***** E*****, S.A. durchgeführt worden. Diese wäre zu klagen gewesen. Dass zum selben Flug sowohl eine I2 als auch eine IB Flugnummer aufscheine, zeige, dass es sich um einen klassischen Code-Shareflug handle, bei dem bloß die Vermarktung über die Beklagte durchgeführt werde. Das Urteil des EuGH in der Rechtssache Wirth sei nicht anwendbar, dort sei eine Buchungsbestätigung gegenständlich gewesen, die den Sachverhaltsdarstellungen im Urteil widersprochen habe. Im Boardingpass werde die Bezeichnung der durchführenden Fluglinie regelmäßig richtig gestellt. Mit dem angefochtenen Urteil verpflichtete das Erstgericht die Beklagte, den Klägern jeweils EUR 400,-- samt 4% Zinsen seit 22.02.2019 zu zahlen, das Zinsenmehrbegehren von 4% Zinsen vom 12.09.2017 bis 21.02.2019 aus jeweils EUR 400,-- wies es ab. Es traf die auf Seiten 2 und 3 der Urteilsausfertigung ON 14 ersichtlichen Feststellungen, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, und folgerte in rechtlicher Hinsicht, dass das ausführende Luftfahrtunternehmen den Ausgleichsanspruch zu leisten habe, wobei die Passagiere von um mehr als drei Stunden verspäteter Flüge den Passagieren annullierter Flüge gleichgestellt würden. Nach der Rechtsprechung des EuGH würden mehrere aufgrund einer einheitlichen Buchung auch von mehreren Luftfahrtunternehmen durchgeführte Flügen eine Einheit bilden, zahlungspflichtig könne ausschließlich das ausführende Luftfahrtunternehmen sein. Der EuGH habe nicht ausgesprochen, dass es auf eine unmittelbare vertragliche Beziehung zwischen dem den ersten Flug durchführenden Luftfahrtunternehmen und dem Fluggast ankomme. Die Leistungspflicht nach Art 7 Fluggastrechte-VO hänge ausschließlich davon ab, ob das konkret beklagte Luftfahrtunternehmen die operationelle Verantwortung für die Durchführung des verspäteten Fluges getragen habe. Diese Ansicht untermauerte das Erstgericht in weiterer Folge mit Hinweisen auf die Gleichbehandlung der Passagiere und die Regressmöglichkeit nach Art 13 [Fluggastrechte-VO] im Innenverhältnis. Da die Beklagte nicht substanziell bestritten habe, zumindest den Anschlussflug durchgeführt zu haben, sei sie zumindest eines der den einheitlichen Gesamtflug von Gran Canaria nach Wien durchführenden Luftfahrtunternehmen und hafte daher für den Ausgleichsanspruch der Kläger. Feststellungen, wer den Flug IB 3825 tatsächlich durchgeführt habe, seien ohne Relevanz. Schließlich verneinte das Erstgericht das Vorliegen einer Durchgriffshaftung der Beklagten für ihre Tochtergesellschaft nach inländischem Recht und verwies darauf, dass eine solche Haftung nach spanischen Recht nicht behauptet wurde. Verzugszinsen würden bei Schadenersatzansprüchen in der Regel eine bezifferte Mahnung voraussetzen. Im Rahmen der Kostenentscheidung führte das Erstgericht zu den Einwendungen der Beklagten gegen die Kostennote der Kläger (ON 12) aus, dass der vorbereitende Schriftsatz der Kläger vom 22.08.2019 (ON 10) zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendig gewesen sei. Es sei in der Regel zulässig, den im europäischen Mahnverfahren knapp dargelegten Sachverhalt in einem vorbereitenden Schriftsatz zu erweitern, insbesondere hätten die Kläger auch ihre rechtlichen Entgegnungen präzisiert. Gegen den klagsstattgebenden Teil dieses Urteiles richtet sich die Berufung der Beklagten aus den Berufungsgründen der unrichtigen rechtlichen Beurteilung sowie im Kostenpunkt mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werde, hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt. Hinsichtlich der Kostenentscheidung wird kein gesonderter Berufungsantrag gestellt. Die Kläger beantragen, der Berufung keine Folge zu geben. Rechtliche Beurteilung Die Berufung ist nicht berechtigt. Die Berufungswerberin setzt sich zunächst damit auseinander, dass das Erstgericht Feststellungen zum Zubringerflug IB 3825 bzw. I2 3825 getroffen hat. Sie steht auf dem Standpunkt, dass kein Anhaltspunkt dafür bestehe, dass es sich um eine „Wet-Lease“-Vereinbarung handle, sondern um einen klassischen Code-Share-Flug. Insgesamt nimmt die Berufungswerberin den Rechtsstandpunkt ein, dass der Zubringerflug (nicht von ihr, sondern) von der I***** E***** ausgeführt worden sei. Im Fall České aerolinie habe die Beklagte in Anspruch genommen werden können, weil die Eigenschaft als ausführendes Luftfahrtunternehmens des ersten Fluges und eine vertragliche Grundlage im Sinne eines unmittelbaren Vertrages zwischen dem Luftfahrtunternehmen und den Passagieren bestanden habe. Der Bejahung der Passivlegitimation sei nämlich vorausgesetzt worden, dass das Luftfahrtunternehmen Vertragspartner der Passagiere gewesen sei. Dem ist zu entgegnen, dass das Erstgericht sich mit der Frage, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen des allein verspäteten Zubringerfluges war, nicht auseinandergesetzt hat; dies aufgrund der Überlegung, dass von niemandem bestritten wurde, dass die Beklagte ausführendes Luftfahrtunternehmen des Anschlussfluges war, und bereits aufgrund dieses Umstandes die Kläger gegen die Beklagten einen Anspruch auf Ausgleichsleistung haben. Dies wird in weiterer Folge noch zu überprüfen sein. Wenn dies zutrifft, ist es für den Prozessausgang unerheblich, ob die Beklagte auch ausführendes Luftfahrtunternehmen des Zubringerfluges war oder nicht. Stellt sich jedoch heraus, dass die Kläger wider die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen des Anschlussfluges den Ausgleichsanspruch nicht mit Erfolg geltend machen können, läge der von der Berufungswerberin geltend gemachte sekundäre Feststellungsmangel vor. Zu dem gerade angesprochenen Thema setzt sich die Berufungswerberin umfangreich mit den Urteilen des EuGH in den Rechtssachen C-537/17 Wegener und C-502/18 České aerolinie auseinander und argumentiert, diese Entscheidungen würden andere Sachverhalte betreffen. In weiterer Folge verwendet die Berufungswerberin ein argumentum ad absurdum und vermeint, würde ein ausführendes Luftfahrtunternehmen eines Teilfluges für das Luftfahrtunternehmen eines anderen Teilfluges haften, ohne dass ein direkter Vertrag vorliege, könnte der Passagier den Prozessgegner wählen, es bestehe das Risiko unzähliger Regressprozesse. Im Falle von Annullierungen, Verspätungen oder Nichtbeförderung seien sie von jenem ausführenden Luftfahrtunternehmen zu informieren, zu betreuen und allenfalls Ersatz zu befördern, welches unmittelbar vor Ort sei. Zur zitierten Judikatur des EuGH: In der Rechtssache C-502/18 České aerolinie verfügte der Passagier über eine bestätigte Buchung für die Flugreise von Prag über Abu Dhabi nach Bangkok. Die Flüge waren Gegenstand einer Code-Sharing-Vereinbarung. Die im Ausgangsstreit beklagte tschechische Fluglinie führte den Flug von Prag nach Abu Dhabi durch und landete pünktlich. Der von der arabischen Fluglinie durchgeführte Flug von Abu Dhabi erreichte dessen Endziel mit erheblicher Verspätung. Der EuGH musste die Frage klären, ob diese Verspätung der tschechischen Fluglinie angelastet werden kann. Der EuGH verwies auf seine bisherige Rechtsprechung und führte aus, dass Flüge, die Gegenstand einer einzigen Buchung waren, als Einheit anzusehen sind. Das ausführende Luftfahrtunternehmen, das für die erste Teilstrecke verantwortlich ist, kann sich nicht darauf berufen, dass die mangelhafte Durchführung auf einer späteren Teilstrecke erfolgte, für die sie nicht verantwortlich war. Zur Begründung dieser Ansicht verwies der EuGH einerseits auf die in der Rechtssache Wegener enthaltene Rechtsprechung, andererseits auf die Möglichkeit des tschechischen Luftfahrtunternehmens, beim arabischen Luftfahrtunternehmen gemäß Art 13 Fluggastrechte-VO Regress zu nehmen. Das Argument der einheitlichen Buchung als Grundlage für die Zurechnung findet sich im Urteil des EuGH in der Rechtssache C-11/11 Folkerts. Der dort zu entscheidende Sachverhalt unterscheidet sich jedoch in zwei wesentlichen Punkten von dem in der Rechtssache zu C-537/15. Die Passagierin Wegener verfügte ebenso wie die Familie Folkerts über eine bestätigte Buchung für zwei Flüge ein und des selben Luftfahrtunternehmens; überdies war der Zubringerflug geringfügig verspätet. Die Entscheidungsgründe in der Rechtssache Folkerts stützen sich nicht auf den Umstand der einheitlichen Buchung, sondern erwähnen ihn nur im Rahmen der Wiedergabe des Sachverhaltes. In der Rechtssache Wegener überträgt der EuGH diese Erwägungen in seine rechtliche Beurteilung, wobei sich die Begründung durch Aufnahme eines Verweises erschöpft, es liege der selbe Beförderungsvorgang wie in der Rechtssache Folkerts vor (Jarec, Zur Haftung für Verspätungen am Endziel trotz pünktlichen Zubringerfluges, RRa 2019/251 [252]). Im deutschsprachigen Schriftum ist seit jeher anerkannt, dass die Definition des ausführenden Luftfahrtunternehmens in Art 2 lit b Fluggastrechte-VO dahingehend zu verstehen ist, dass nicht zwingend ein Vertragsverhältnis zwischen dem befördernden Luftfahrtunternehmen und dem Fluggast bestehen muss (Staudinger in Staudinger/Keiler Fluggastrechte-VO Art 2 Rz 2, Hopperditzel in Schmid, Beck OK Fluggastrechte-VO [13. Edition, Stand 01.01.2020] Art 2 Rn 24, Führich in Führich/Staudinger, Reiserecht8, 850). Gleiches gilt für die Judikatur des EuGH. Im Urteil vom 07.03.2018 (das einen Zuständigkeitsstreit betrifft) in den verbundenen Rechtssachen C-274/16, C-447/16 und C-448/16 flightright u.a. führte der EuGH aus, dass Art 3 Abs 5 Satz 2 Fluggastrechte-VO bestimmt, dass, wenn ein ausführendes Luftfahrtunternehmen, das in keiner Vertragsbeziehung mit dem Fluggast steht, Verpflichtungen im Rahmen dieser Verordnung erfüllt, davon ausgegangen wird, dass es im Namen der Person handelt, die in der Vertragsbeziehung mit dem betreffenden Fluggast steht. Richtig ist die Argumentation der Berufungswerberin, dass das nationale Gericht, das dem EuGH die Rechtssache C-502/18 České aerolinie vorgelegt hatte, vom Bestehen eines Vertrages mit der dort beklagten Fluglinie ausging. Dies war genau der Anlass des Vorabentscheidungsersuchens, das dadurch veranlasst wurde, dass das tschechische Verfassungsgericht dem vorliegenden Berufungsgericht auftrug, sich mit der (offenbar von der tschechischen Rechtsprechung abweichenden) Judikatur des deutschen Bundesgerichtshofes auseinanderzusetzen (Vorabentscheidungsersuchen des Stadtgerichtes Prag vom 30.07.2018, Rn 6, 7). Dem entspricht die Formulierung der Vorlagefrage des Stadtgerichtes Prag nach dem Luftfahrtunternehmen der Gemeinschaft des Vertrags schließendes Luftfahrtunternehmen (Urteil Rs České aerolinie Rn 14). Der EuGH formulierte jedoch die Vorlagefrage um (Urteil České aerolinie Rn 15) und blendete in weiterer Folge das Vertragsverhältnis zwischen den Parteien des nationalen Ausgangsstreites aus. Dementsprechend nimmt der Tenor des Urteiles (Rn 33) auch auf ein solches Vertragsverhältnis nicht mehr Bezug. Aus all dem kann nur geschlossen werden, dass es entgegen der Ansicht der Berufungswerberin nach der Rechtsprechung des EuGH für die Frage, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen bei einem segmentierten Flug ist, gerade nicht auf eine Vertragsbeziehung des Luftfahrtunternehmens mit dem Passagier ankommt. Auf die diesbezüglich umfangreiche und schlüssige Argumentation des Erstgerichtes wird verwiesen (§ 500a ZPO) mit Ausnahme des Umstandes, dass es nicht um eine „Haftung“ der Beklagten „für den Ausgleichsanspruch“ geht (Seite 6 in ON 14), sondern darum, dass die Beklagte den Ausgleichsanspruch schuldet. Insgesamt kommt daher das Berufungsgericht zum Ergebnis, dass die Beklagte, die einen Anschlussflug flugplangemäß durchführt, als ausführendes Luftfahrtunternehmen im Sinne des Art 2 lit b Fluggastrechte-VO in Anspruch genommen werden kann, wenn der Passagier zuvor einen Zubringerflug eines anderen Luftfahrtunternehmens in Anspruch nimmt, der wiederum verspätet ist, was dazu führt, dass er den von der Beklagten flugplangemäß durchgeführten Anschlussflug verpasst. Dies gilt unter der Voraussetzung, dass Zubringerflug und Anschlussflug einheitlich gebucht wurden. Die von der Berufungswerberin gegen den Begründungsansatz des EuGH vorgetragenen Argumente mögen zutreffen. Die Problematik des Regresses ist im Hinblick auf die Vertragsbeziehungen der beiden Luftfahrtunternehmungen zu sehen, wobei sich Probleme des Kollisionsrechtes und der internationalen Zuständigkeit ergeben. Richtig erkennt auch die Berufungswerberin das Problem, dass die vom EuGH gefundene Lösung für die Ausgleichsleistung nach Art 7 Fluggastrechte-VO praktikabel ist, nicht jedoch für Sachleistungen. Schließlich wäre noch hinzuzufügen, dass nach der Lösung des EuGH offen bleibt, inwieweit sich die Beklagte auf das Vorliegen eines außergewöhnlichen Umstandes nach Art 5 Abs 3 Fluggastrechte-VO stützen kann, weil das Vorkommnis, das zur Leistungsstörung führt, ja ein anderes Luftfahrtunternehmen trifft (vgl. zum Ganzen Jarec aaO 253). Diese grundsätzlich nicht von der Hand zu weisenden Bedenken an den Ausführungen des EuGH ändern jedoch nichts am Auslegungsergebnis des Unionshöchstgerichtes. Das Berufungsgericht sieht sich durch die Berufungsausführungen nicht veranlasst, von der (bindenden) Auslegung des EuGH abzugehen. Eine sonstige, etwa dem Art 5 Abs 3 Fluggastrechte-VO entsprechende Einrede gegen diesen Anspruch wurde von der Beklagten nicht erhoben. Das Erstgericht hat daher zurecht den Anspruch der Kläger auf Ausgleichsleistung infolge der „großen“ Verspätung am Endziel gegenüber der Beklagten bejaht. Der Berufung in der Hauptsache war daher nicht Folge zu geben. Im Rahmen der Berufung im Kostenpunkt führt die Berufungswerberin aus, der vorbereitende Schriftsatz vom 22.08.2019 sei nicht zu honorieren, das Vorbringen hätte in der Klage oder in der Verhandlung erstattet werden können. Unabhängig von der Frage der generellen Zulässigkeit ist ein vorbereitender Schriftsatz nur dann zu honorieren, wenn er der zweckentsprechenden Rechtsverfolgung gedient hat. Dies ist dann nicht der Fall, wenn sein Inhalt bereits früher vorgetragen werden hätte können oder wenn sein Inhalt zwar Neuigkeitswert hat, diese neuen Tatsachen aber auch ohne nennenswerte Schwierigkeiten in der nächsten Verhandlung vorgetragen werden können (Obermaier, Kostenhandbuch², Rz 674). Die Berufungswerberin zeigt zutreffend auf, dass im Schriftsatz bloß die Behauptung einer Wet-Lease-Vereinbarung als neue Tatsache vorgetragen wurde. Dieser Umstand hätte in der Klage oder in der der vorbereitenden Tagsatzung erstattet werden können. Da der Einspruch der Beklagten „leer“ war, handelt es sich nicht um eine wohl zu honorierende Replik auf ein gegnerisches Vorbringen. Schließlich spielte die behauptete Wet-Lease-Vereinbarung bei der Falllösung keine Rolle. Damit war auch der hier gegenständliche Schriftsatz als nicht zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung erforderlich nicht zu honorieren. Der Berufung im Kostenpunkt war daher Folge zu geben. Die Kostenentscheidung im Berufungsverfahren beruht auf §§ 41, 50 ZPO. Kosten eines Kostenrekurses wurden wurden in der Berufung nicht verzeichnet (vgl. 8 ObA 30/09h). Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf § 502 Abs 2 ZPO.
JJT_20200407_LG00119_02200R00014_20V0000_000
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00014.20V.0407.000
22R14/20v
Justiz
LG Korneuburg
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00014_20V0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00014_20V0000_000.html
1,586,217,600,000
2,166
Kopf Im Namen der Republik Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Parteien [1] S***** M*****, [2] P***** M*****, vertreten durch Mag Stefan Lichtenegger LLM, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei R*****, vertreten durch DSC Doralt Seist Csoklich Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen EUR 550,-- sA, infolge Berufung der klagenden Parteien gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 14.10.2019, 1 C 258/19f-11, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt: Spruch Der Berufung wird nicht Folge gegeben. Die klagenden Parteien sind schuldig, der beklagten Partei binnen 14 Tagen je die Hälfte der mit EUR 193,06 bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen der Beklagtenvertreterin zu ersetzen. Die Revision ist jedenfalls unzulässig. Text Entscheidungsgründe: Die Kläger buchten bei der Fa L***** eine Pauschalreise, die ua folgende Flüge umfasste: – FR 122Y am 16.09.2018 von 05:45 Uhr ab Wien (VIE) bis 16.09.2018, 08:10 Uhr, an Palma de Mallorca (PMI); – FR 123Y am 23.09.2018 von 22:25 Uhr ab PMI bis 24.09.2018, 00:55 Uhr, an VIE. Die Flugstrecke PMI-VIE beträgt weniger als 1.500 km. In der von der Fa L***** ausgestellten Reise-bestätigung wurde als ausführendes Flugunternehmen die Beklagte angeführt; die angegebenen Flugnummern beinhalten auch den IATA-Airline-Code der Beklagten (FR). Tatsächlich wurde der von den Klägern in Anspruch genommene Hinflug VIE-PMI von der Laudamotion zur Flugnummer OE 122 durchgeführt, wobei der IATA-Code OE auch jener der Laudamotion ist. Der Rückflug PMI-VIE mit der Flugnummer OE 123 sollte ebenfalls von der Laudamotion durchgeführt werden, was für die Kläger [aus den Boardingpässen1*] klar ersichtlich war. Nach mehreren Verschiebungen wurde den Klägern am 24.09.2018, 01:30 Uhr, mitgeteilt, dass der Flug OE 123 annulliert worden sei, ohne ihnen eine anderweitige Beförderung anzubieten. Es konnte nicht festgestellt werden, dass die Beklagte den Flug PMI-VIE unter der Flugnummer FR 123Y geplant hatte. Das Streckennetz der Beklagten umfasst auch gar keine Flüge nach VIE. Mit Aufforderungsschreiben vom 16.11.2018, das am 19.11.2018 mittels E-Mail versendet wurde, begehrte der Klagevertreter von der Beklagten die Zahlung des nunmehrigen Klagsbetrags. Die Beklagte reagierte darauf nicht. Die Fa LMX Touristik verwies die Kläger mit ihren Ansprüchen mit Schreiben vom 27.12.2018 auf die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen. Die Kläger begehrten den Zuspruch einer Ausgleichsleistung gemäß Art 7 Abs 1 lit b (offenbar gemeint: lit a iVm Art 5 Abs 1 lit c) der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von je EUR 250,-- samt Zinsen sowie den Ersatz „pauschaler Unkosten“ für Telefonate, E-Mails und Verpflegung von insgesamt EUR 50,--. Die Beklagte sei passiv klagslegitimiert, weil sie (die Kläger) einen Flug mit der Beklagten als ausführendes Luftfahrtunternehmen gebucht hätten, was sich aus der Buchungsbestätigung ergebe. Im Zweifel sei jenes Unternehmen als ausführend anzusehen, das in den Buchungsunterlagen angegeben werde. Sämtliche Buchungs- und sonstigen Unterlagen im Zusammenhang mit dem gegenständlichen Flug, und zwar auch die vorprozessuale Korrespondenz würden allein auf die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen verwiesen. Im Übrigen stehe eine enge unternehmerische Verbindung zwischen Laudamotion und der Beklagten, die sich ebenfalls aus den Unterlagen ergebe. Für den Fall der Verneinung der Passivlegitimation der Beklagten werde beantragt, dieser die Prozesskosten aufzuerlegen, weil sie erstmals im vorbereitenden Schriftsatz die mangelnde Passivlegitimation eingewendet habe. Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung und wendete im Wesentlichen ein, dass sie nicht ausführendes Luftfahrtunternehmen gewesen und damit nicht passiv klagslegitimiert sei. Die Kläger seien auch schon beim Hinflug VIE-PMI von Laudamotion mit der Flugnummer OE 122 befördert worden. Auf den Boarding-Karten der Kläger sei zusätzlich der eindeutige Verweis auf Laudamotion ersichtlich gewesen. Bei der von den Klägern vorgelegten Bestätigung (Beilage ./A) handle es sich um keine Buchungsbestätigung der Beklagten, sondern um eine Reisebestätigung der Fa L*****. Auskünfte des Reisebüros seien der Beklagten aber nicht zurechenbar, weil sie mit diesem keine Vertragsbeziehung habe. Mit dem angefochtenen Urteil wies das Erstgericht das Klagebegehren zur Gänze ab und verhielt die Kläger zum Ersatz der Prozesskosten. Dazu traf es die aus den Seiten 3 und 4 der Urteilsausfertigung ON 11 ersichtlichen unbekämpfbaren (§ 501 ZPO) Feststellungen, deren wesentlicher Inhalt gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt oben wiedergegeben ist. In rechtlicher Hinsicht führte es zusammengefasst aus, dass gemäß Artikel 3 Abs 5 der EU-FluggastVO diese Verordnung für alle ausführenden Luftfahrtunternehmen gelte, die Beförderung für Fluggäste im Sinne der Abs 1 und 2 erbringen. Erfülle ein ausführendes Unternehmen, das in keiner Vertragsbeziehung mit dem Fluggast stehe, Verpflichtungen im Rahmen dieser Verordnung, so werde davon ausgegangen, dass es im Namen der Person handle, die in einer Vertragsbeziehung mit dem betreffenden Fluggast stehe. Gemäß Art 2 lit b der VO sei „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ ein Luftfahrtunternehmen, das im Rahmen eines Vertrags mit einem Fluggast oder im Namen einer anderen juristischen oder natürlichen Person, die mit dem betreffender Fluggast in einer Vertragsbeziehung stehe, einen Flug durchführe oder durchzuführen beabsichtige. Gemäß Erwägungsgrund 7 der VO sollte, damit diese Verordnung wirksam angewandt werde, die durch sie geschaffenen Verpflichtungen dem ausführenden Luftfahrtunternehmen obliegen, das einen Flug durchführt oder durchzuführen beabsichtige, und zwar unabhängig davon, ob der Flug mit einem eigenen Luftfahrzeug oder mit einem mit oder ohne Besatzung gemieteten Luftfahrzeug oder in sonstiger Form durchgeführt werde. Die Kläger hätten kein Vorbringen zur Beantragung der Slots erstattet. Sie hätten aber konkret vorbringen und beweisen müssen, dass die Beklagte tatsächlich passiv legitimiert sei. Sie hätten auch nicht vorgebracht, dass die Beklagte die operationelle Verantwortung für die Ausführung des Fluges FR 123Y getragen hätte, was jedoch Voraussetzung für das Vorliegen der Passivlegitimation sei. Die alleinige Berufung auf den IATA-Code in der Reisebestätigung des Reisebüros sei zu wenig. Die Tatsache, dass eine bestimmte Fluggesellschaft „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ gewesen sei, sei eine anspruchsbegründende Tatsache, für die der Fluggast als Kläger die volle Darlegungs- und Beweislast trage. Indem die Beklagte auf das Aufforderungsschreiben der Kläger nicht reagiert habe, habe sie auch keinen Anlass für die irrtümliche Annahme der Kläger gegeben, dass sie ausführendes Luftfahrtunternehmen sei. Ein Kostenzuspruch an die Kläger komme nicht in Betracht. Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Kläger aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung einschließlich des Fehlens von Feststellungen aufgrund unrichtiger rechtlicher Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass dem Klagebegehren zur Gänze stattgegeben werde; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt. Die Beklagte beantragt der Berufung nicht Folge zu geben. Rechtliche Beurteilung Die Berufung ist nicht berechtigt. [1] Deren Behandlung sind folgende grundsätzliche Erwägungen voranzustellen: Bei Annullierung eines Fluges wird den betroffenen Fluggästen vom ausführenden Luftfahrtunternehmen ein Anspruch auf Ausgleichsleistungen gemäß Art 7 EU-FluggastVO eingeräumt (sofern keine Ausnahme gemäß Art 5 Abs 1 lit c Nr i bis iii vorliegt, oder sich das ausführende Luftfahrtunternehmen nicht gemäß Art 5 Abs 3 befreien kann). Art 2 lit b der VO definiert das ausführende Luftfahrtunternehmen als „ein Luftfahrtunternehmen, das im Rahmen eines Vertrags mit einem Fluggast oder im Namen einer anderen – juristischen oder natürlichen – Person, die mit dem betreffenden Fluggast in einer Vertragsbeziehung steht, einen Flug durchführt oder durchzuführen beabsichtigt“. Es kommt nicht entscheidend darauf an, mit wem der Fluggast in einem Vertragsverhältnis steht, sondern wer die Beförderungsleistung tatsächlich erbringt, wer also das Betriebsunternehmen des Fluges ist. Entscheidend ist ausschließlich, welches Unternehmen den Flug betreibt, welches die Verantwortung für die Abwicklung des Fluges hat, indem es die Flugsteuerung übernimmt, für den Flug einen der ihm zugeteilten Slots nutzt und insbesondere die Flughafeneinrichtungen sowie das Boden- und Abfertigungspersonal am Flughafen beauftragt und damit am Flughafen unmittelbar die offiziellen Rahmenbedingungen für die Durchführung des Fluges vorhält (Hopperdietzel in BeckOK Fluggastrechte-VO13 Art 2 Rz 7; AG Hamburg 12 C 23/16). Maßgeblich ist dabei allein, wer ausführendes Luftfahrtunternehmen ist bzw (bei einem annullierten Flug) sein sollte, zumal die EU-FluggastVO keine Anscheinshaftung kennt. Eine solche scheidet auch schon deshalb aus, weil die Beklagte gar nicht Vertragspartnerin der Kläger war (LG Düsseldorf 22 S 234/12), und die Mitteilung über das ausführende Luftfahrtunternehmen vom Pauschalreiseveranstalter als Vertragspartner der Kläger stammte. Nicht geteilt werden kann daher auch die auf Art 11 der EU-VO Nr 2111/2005 gestützte Rechtsansicht (ua in der von den Klägerin ins Treffen geführten Entscheidung des BGHS Wien zu 11 C 413/13k), die der Unterrichtung über die Identität des ausführenden Luftfahrtunternehmens gleichsam konstitutive Wirkung zuerkennt. Zwar hat der deutsche Bundesgerichtshof in seinem Urteil zu Xa ZR 132/08 dieser Bestimmung insofern Bedeutung beigemessen, als bei Code-Sharing-Flügen nur dasjenige Luftfahrtunternehmen, das den Flug tatsächlich durchführe, „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ iSd Art 2 lit b EU-FluggastVO sei, wofür die Verpflichtung zur Bekanntgabe des ausführenden Unternehmens ein Indiz sei. Auch dieser Entscheidung lässt sich aber nicht entnehmen, dass mit der Bekanntgabe das – mittels Wissenserklärung - genannte Luftfahrtunternehmen jedenfalls zum „ausführenden“ werde. Diese Ansicht hätte nämlich zur Folge, dass eine – unter Umständen bewusste – Fehlinformation für das tatsächlich durchführende Unternehmen exkulpierende Wirkung hätte, was wohl nicht ernsthaft vertreten werden kann (LG Korneuburg 22 R 40/16m). [2] Dem nach der Erhebung des Einwands der mangelnden Passivlegitimation erstatteten Vorbringen der Kläger lässt sich nun (ebenso wie den Berufungsausführungen) nicht mit hinreichender Deutlichkeit erkennen, ob sie sich weiterhin (wie in der Klage) darauf stützen, dass die Beklagte tatsächlich ausführendes Luftfahrtunternehmen gewesen sei, oder lediglich auf einen – durch wen auch immer geschaffenen, im Sinne der obigen Ausführungen aber nicht ausreichenden – Rechtsschein. Da das Berufungsgericht angesichts der gesetzmäßig ausgeführten Rechtsrüge die rechtliche Beurteilung aber in jede Richtung hin zu überprüfen hat (RS0041820), ist auch auf die Frage, ob die Beklagte ausführendes Luftfahrtunternehmen des annullierten Fluges war, einzugehen. [3] Von der oben zu [1] behandelten Rechtsfrage, welche Umstände ein Luftfahrtunternehmen zum „ausführenden“ machen, zu trennen ist die auf Tatsachenebene zu lösende Frage, ob dem klagenden Fluggast der Beweis, dass es sich bei dem belangten Luftfahrtunternehmen auch um das „ausführende“ handelt, gelungen ist. Wie schon das Erstgericht zutreffend dargestellt hat, handelt es sich dabei um eine für die Kläger günstige, weil anspruchsbegründende Tatsache, für die diese die volle Darlegungs- und Beweislast zu tragen haben (LG Düsseldorf 22 S 234/12). Im Zusammenhang mit Beweisfragen (aber auch nur mit diesen) kann der EU-VO Nr 2111/2005 jedoch sehr wohl Bedeutung zukommen. So hat der „Vertragspartner“ (des Fluggastes; gegebenenfalls der Reiseveranstalter [Art 2 lit c]) den Fluggast über die Identität des ausführenden Luftfahrtunternehmens bei der Buchung (Art 11 Abs 1), allenfalls bei späterem Bekanntwerden (Art 11 Abs 2) oder aus Anlass des Wechsels des ausführenden Luftfahrtunternehmens (Art 11 Abs 3) zu unterrichten. Diese Mitteilung stellt zunächst ein Indiz dafür dar, dass es sich bei dem angegebenen Luftfahrtunternehmen auch tatsächlich um das ausführende gehandelt hat. Gleichwohl muss es jeder Partei frei stehen, dieses Indiz durch entsprechende Prozessbehauptungen und Beweise zu entkräften. Nichts anderes ergibt sich aus der von den Berufungswerbern zitierten Entscheidung des Landgerichts Düsseldorf (22 S 234/12). Während die Kläger kein konkretes Vorbringen erstatteten, das die durch die Auskunft des Reiseveranstalters iSd Art 11 der EU-VO Nr 2111/2005 geschaffene Indizienlage stützen könnte, hat die Beklagte dargelegt und anhand der Boarding-Karten (Beilagen ./E und ./F), die nicht nur Laudamotion als ausführendes Luftfahrtunternehmen sondern auch deren IATA-Airline-Code „OE“ ausweisen, diese Indizienlage hinreichend entkräftet. Auch nach der von den Berufungswerbern zitierte Entscheidung des Amtsgerichts Rüsselsheim (3 C 5696/13), das vom erkennenden Berufungsgericht nicht in all seinen Facetten geteilt wird, kommt es bei der Frage, welches Unternehmen als „ausführendes Luftfahrtunternehmen“ im Sinne der EU-FluggastVO anzusehen sei, maßgeblich auf den Auftritt vor Ort nach außen gegenüber dem Kunden an. Dies wäre aber die die mit ihrem IATA-Airline-Code versehenen Boarding-Karten ausstellende Laudamotion gewesen. Ob damit der Beklagten der volle Beweis, dass Laudamotion tatsächlich ausführendes Luftfahrtunternehmen (iSd unter [1] angeführten Grundsätze) war, gelungen ist, kann dahingestellt bleiben; der Beweis war angesichts der die Kläger treffende Beweislast aber auch nicht erforderlich. Auch die Nicht-Feststellbarkeit des ausführenden Luftfahrtunternehmens (non liquet) ginge somit zu Lasten der Kläger. [4] Sofern sich die Berufungswerber (zumindest hauptsächlich) auf einen Rechtsschein stützen, der einerseits durch die unterlassene (!) Reaktion der Beklagten auf ein Aufforderungsschreiben, andererseits durch die Auskunft des Pauschalreiseveranstalters, dass die Ansprüche gegen die Beklagte als ausführendes Luftfahrtunternehmen zu richten seien2*, geschaffen worden sei, ist auf die obigen Ausführungen zu verweisen, wonach eine Anscheinshaftung nicht in Betracht kommt. Wie das Erstgericht zutreffend ausgeführt hat, können unrichtige Auskünfte aber Schadenersatzansprüche nach sich ziehen (so auch Hopperdietzel in BeckOK Fluggastrechte-VO13 Art 2 Rz 23 mit Verweis auf LG Düsseldorf 22 S 234/12). [5] Abschließend sei angemerkt, dass Art 3 Abs 5 EU-FluggastVO, auf den das Erstgerichts ausdrücklich Bezug genommen hat, hier nicht einschlägig ist. Diese Bestimmung greift nur dann ein, wenn der faktische Beförderer Verpflichtungen im Rahmen der Verordnung (zB nach Art 7) erfüllt; erst dann handelt die Fluggesellschaft für und gegen den Reiseveranstalter. Die Vorschrift soll aber nicht zu einer Erweiterung des aus dem Sekundärrechtsakt verpflichteten Personenkreis führen (Staudinger in Staudinger/Keiler, FluggastrechteVO Art 3 Rz 24). Der unberechtigten Berufung war daher ein Erfolg zu versagen. Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO. Der Berufungsgegnerin steht allerdings nur der einfache Einheitssatz zu (§ 23 Abs 10 RATG). Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO. 1 *dislozierte Feststellung im Rahmen der Beweiswürdigung 2 *Entgegen den Ausführungen in der Berufung bedurfte es dazu keiner ergänzenden (ausdrücklichen) Feststellung, weil die Beklagte dieses Vorbringen nicht bestritten und auch Echtheit und Richtigkeit des Schreibens der Fa L***** vom 27.12.2018 Beklagten zugestanden hatte.
JJT_20200407_LG00119_02200R00040_20T0000_000
ECLI:AT:LG00119:2020:02200R00040.20T.0407.000
22R40/20t
Justiz
LG Korneuburg
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200407_LG00119_02200R00040_20T0000_000/JJT_20200407_LG00119_02200R00040_20T0000_000.html
1,586,217,600,000
2,847
Kopf Im Namen der Republik Das Landesgericht Korneuburg als Berufungsgericht hat durch seine Richter Mag Iglseder als Vorsitzenden sowie Mag Rak und Mag Jarec LLM in der Rechtssache der klagenden Partei E***** eU, vertreten durch Mag Volkan Kaya, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei L***** GmbH, vertreten durch Brenner & Klemm, Rechtsanwälte in Wien, wegen EUR 1.250,-- sA, infolge Berufung der beklagten Partei gegen das Urteil des Bezirksgerichts Schwechat vom 04.12.2019, 21 C 516/19v-12, in nicht öffentlicher Sitzung zu Recht erkannt: Spruch Der Berufung wird nicht Folge gegeben. Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14 Tagen die mit EUR 314,71 (darin EUR 52,45 USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens zu Handen des Klagevertreters ersetzen. Die Revision ist jedenfalls unzulässig. Text Entscheidungsgründe: Die Fluggäste M***** J*****, A***** H*****, I***** M*****, B***** P***** und V***** H***** (im Folgenden nur: die Fluggäste) verfügten über bestätigte Buchungen für den von der Beklagten durchzuführenden Flug OE 123 von Palma de Mallorca (PMI) nach Wien (VIE) mit der planmäßigen Flugzeit 23.09.2018, 22:25 Uhr bis 24.09.2018, 00:55 Uhr (jeweils Ortszeit). Die Flugstrecke PMI-VIE beträgt nach der Großkreisberechnung weniger als 1.500 km. Der Flug wurde am Abflugtag annulliert. Mit schriftlichen Abtretungserklärungen vom 11.06.2019 bzw 19.02.2019 traten die Fluggäste ihre allfälligen aus dem gegenständlichen Flug resultierenden Ausgleichs-ansprüche nach der EU-FluggastVO gegen die Beklagte an die klagende Partei zur Geltendmachung und Besicherung der entstehenden Kosten ab; die klagende Partei nahm diese Abtretung an. Die klagende Partei begehrt den Zuspruch von Ausgleichsleistungen gemäß Art 5 [Abs 1 lit c] iVm Art 7 [Abs 1 lit a] der Verordnung (EG) Nr 261/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates (EU-FluggastVO) von EUR 1.250,-- samt Zinsen. Dazu brachte sie im Wesentlichen vor, dass der Flug infolge eines allein von der Beklagten zu verantwortenden Umstands annulliert worden sei. Es seien keine außergewöhnlichen Umstände vorgelegen, und die Beklagte habe auch nicht alle ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung getroffen. Insbesondere bestritt sie (das Vorbringen der Beklagten offenbar missverstehend), dass Grund für die Annullierung ein Blitzschlag auf der Vorrotation gewesen sei. Der Flug OE 104 sei auch nicht der [unmittelbare] Vorflug des gegenständlichen Fluges gewesen. Doch selbst wenn, so sei dieser bereits mit einer Verspätung von 2:26 h gestartet. Wäre er rechtzeitig gestartet, wäre die Maschine auch nicht vom Blitz getroffen worden. Der Beklagten wäre es zumutbar gewesen, ein anderes Flugzeug zu chartern oder eine Umbuchung vorzunehmen. Die Beklagte begehrte die Klagsabweisung, bestritt und brachte im Wesentlichen vor, dass die Annullierung auf außergewöhnlichen Umständen beruht habe, die trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeidbar gewesen seien: Das Fluggerät, das für die Durchführung des gegenständlichen Fluges vorgesehen gewesen sei, sei am Vorvorflug OE 103 von PMI nach Hamburg (HAM) durch Blitzschlag beschädigt worden, was eine entsprechende Inspektion erforderlich gemacht habe. Das Fluggerät sei nach der Ankunft in HAM um 16:07 Uhr (UTC) umgehend von einem Techniker inspiziert worden. Da eine Durchführung der nachfolgenden Flüge ohne vorherige Überprüfung aus Sicherheitsgründen nicht möglich gewesen wäre, und eine solche Inspizierung einige Zeit in Anspruch nehme, hätten die nachfolgenden Flüge nur verspätet durchgeführt werden können. Nach Abschluss sämtlicher Inspektionsarbeiten sei das Fluggerät wieder einsatzbereit gewesen, sodass der Folgeflug OE 104 (HAM-PMI) um 19:14 Uhr (UTC) – anstatt wie geplant um 16:50 Uhr (UTC) – starten habe können. Ein Ersatzfluggerät sei ihr in HAM nicht zur Verfügung gestanden. Auch wäre die Verbringung eines solchen samt Crew nach HAM für sie nicht zumutbar gewesen, weil kein geeignetes Fluggerät zur Verfügung gestanden sei und hierfür die Annullierung anderer Flüge erforderlich gewesen wäre, was wiederum den Passagieren der zu annullierenden Verbindungen ebenfalls nicht zumutbar gewesen wäre. Der Abflug des gegenständlichen Fluges von OE 123 wäre für 20:25 Uhr (UTC [= 22:25 Uhr Ortszeit]) geplant gewesen. Allerdings sei der Vorflug OE 104 (HAM-PMI) erst um 21:53 Uhr (UTC [= 23:53 Uhr Ortszeit]) in PMI angekommen. Der frühestmögliche Abflug in PMI wäre erst um 22:35 Uhr (UTC [= 00:35 Uhr Ortszeit]) möglich gewesen und wäre die Landung in VIE um 01:05 Uhr (UTC [= 03:05 Uhr Ortszeit]) des nächsten Tages erfolgt. Da der Dienst der Crew um 12:25 Uhr (UTC) begonnen habe, hätte der verspäte Abflug von OE 123 in PMI eine wesentliche – und daher unzulässige – Überschreitung der höchstzulässigen Dienstzeit der Crew von zwölf Stunden zur Folge gehabt. Aus diesem Grund sowie aufgrund der in VIE herrschenden Wetterverhältnisse, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, sei dem diensthabenden Kapitän keine andere Möglichkeit geblieben, als den Flug OE 123 zu annullieren. Sie habe bereits dadurch zumutbare Maßnahmen ergriffen, dass sie den Fluggästen eine gleichwertige Umbuchung angeboten habe. Im Übrigen bestritt die Beklagte nicht nur die Tatsache der Abtretung der Ansprüche an die klagende Partei sondern in eventu auch deren Gültigkeit, weil es sich lediglich um eine Inkassozession handle, was zur Folge habe, dass die klagende Partei verpflichtet bleibe, die Leistung an den Zedenten [die Fluggäste] abzuführen. Mit dem angefochtenen Urteil verhielt das Erstgericht die Beklagte zur Zahlung von EUR 1.250,-- samt Zinsen an die klagende Partei sowie zu Ersatz der Prozesskosten. Dazu traf es die aus Seite 3 der Urteilsausfertigung ON 12 ersichtlichen unbekämpfbaren (§ 501 ZPO) Feststellungen (lediglich zur Abtretung), deren Inhalt gemeinsam mit dem unstrittigen Sachverhalt oben wiedergegeben ist. In rechtlicher Hinsicht führte es zunächst aus, dass eine gültige Zession vorliege. Ob es sich lediglich um eine Inkassozession handle, sei nicht entscheidungswesentlich, weil auch bei einer solchen die prozessuale Verfügungsgewalt beim Zessionar liege. Ein allfälliger Verstoß gegen eine Vorschrift der GewO als verwaltungsrechtlicher Vorschrift würde nicht zu einer absoluten Nichtigkeit der Abtretung führen oder der Prozessführung durch den Zessionar entgegenstehen. Bei Annullierung eines Fluges mit einer Entfernung von bis zu 1.500 km hätten die Fluggäste gegen das ausführende Luftfahrtunternehmen einen Anspruch auf Ausgleichsleistung gemäß Art 7 Abs 1 lit a der EU-FluggastVO von jeweils EUR 250,--. Die Ausgleichsleistung sei gemäß Art 5 Abs 3 der VO jedoch nicht zu leisten, wenn das ausführende Luftfahrtunternehmen nachweisen könne, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgehe, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Die Behauptungs- und Beweislast dafür treffe das Luftfahrtunternehmen. Es sei notwendig, konkrete auf den jeweiligen Flug bezogene überprüfbare Tatsachen vorzubringen, die eine Beurteilung zulassen, ob es sich um einen außergewöhnlichen Umstand gehandelt habe und ob im konkreten Fall zumutbare Maßnahmen ergriffen worden seien. Sei der konkrete Flug nicht direkt von dem außergewöhnlichen Umstand betroffen, sei ein enger zeitlicher Zusammenhang gefordert. Berufe sich das Flugunternehmen auf ein Ereignis in größerem zeitlichem Abstand bei einem der Vorflüge des Flugzeugs, welches für den annullierten Flug vorgesehen gewesen sei, so könne dies regelmäßig nicht entlasten. Wenn der behauptete außergewöhnliche Umstand schon bei einem Vorvorflug eingetreten sei, so sei dieser grundsätzlich nicht zu berücksichtigen. Nach dem Vorbringen der Beklagten habe sich der Blitzschlag beim Landeanflug des Vorvorfluges und damit schon mehr als 4:30 h vor dem gegenständlichen Flug ereignet. Damit sei er im Verhältnis zum gegenständlichen Flug nicht zu berücksichtigen. Schon deshalb sei dem Klagebegehren stattzugeben gewesen. Ein Blitzschlag sei für das Vorliegen eines „außergewöhnlichen Umstandes“ zudem lediglich indikativ. Das Luftfahrtunternehmen müsse konkret und substanziell vortragen, dass trotz dieses Vorfalls mit zumutbaren Maßnahmen eine Annullierung nicht zu vermeiden gewesen wäre. Es sei grundsätzlich gehalten auf solche Ereignisse innerhalb einer angemessenen Frist zu reagieren und die unerwünschten Folgen zu vermeiden. Je größer der Zeitabstand sei, und je mehr weitere Flüge mit dem betroffenen Flugzeug dazwischen lägen, umso höhere Anforderungen seien an das Flugunternehmen zu stellen. Die Beklagte habe in Anbetracht dessen kein ausreichend konkretes Vorbringen erstattet. So habe sie schon nicht dargestellt, warum die Inspektion, welche „einige“ Stunden in Anspruch genommen habe, nicht schneller durchgeführt werden habe können. Konkrete zeitliche Angaben, etwa wann der Blitzschlag tatsächlich bekannt geworden sei bzw wann durch das Gewitter geflogen worden sei und wie lange genau die Inspektion selbst gedauert habe, seien nicht vorgetragen worden. Ebenso wenig sei vorgebracht worden, warum – obwohl schon bei Eintritt des Blitzschlages damit gerechnet werden habe müssen, dass die Crew-Dienstzeit überschritten werden könnte – keine andere Crew für den gegenständlichen Flug OE 123 bereitgestellt werden habe können. Es sei auch nicht vorgetragen worden, ob und allenfalls warum für den gegenständlichen Flug keine Ersatzmaschine zur Verfügung gestellt oder ein Flugzeug von einer anderen Fluggesellschaft gechartert werden habe können. Zu den angedeuteten schlechten Wetterverhältnissen sei überhaupt kein konkretes Vorbringen erstattet worden, welches den Schluss zulasse, dass es sich dabei um einen außergewöhnliche Umstände gehandelt hätte. Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Beklagten aus dem Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahin abzuändern, dass das Klagebegehren zur Gänze abgewiesen werden; hilfsweise wird ein Aufhebungsantrag gestellt. Die klagende Partei beantragt der Berufung nicht Folge zu geben. Rechtliche Beurteilung Die Berufung ist nicht berechtigt. [1] Zunächst meint die Berufungswerberin, dass die Aktivlegitimation nicht nachgewiesen sei. Die erst-gerichtliche Feststellung zu den Abtretungen sei zwar nicht bekämpfbar (§ 501 ZPO); allerdings habe das Erst-gericht die Beweislastregeln unrichtig angewendet, wenn es ausführe, dass keine gegenteiligen Beweisergebnisse vorlägen. Die Tatsache der Abtretung wäre jedoch zu beweisen gewesen. Dabei übersieht die Berufungswerberin zweierlei: Einerseits greifen die Regeln über die Beweislastverteilung nur dann ein, wenn das Beweisverfahren ohne subsumtionsfähiges Sachverhaltsergebnis geblieben ist (RS0039872); dies ist hier aber nicht der Fall, hat das Erstgericht den Vorgang der Abtretung und Annahme der Forderungen doch ausdrücklich festgestellt. Für die Anwendung von Beweislastregeln bleibt daher im vorliegenden Fall kein Raum. Andererseits gibt die Berufungswerberin die Beweiswürdigung des Erstgerichts nur unvollständig wieder und suggeriert damit, dass es nach dessen Ansicht ausreiche, wenn der bloßen Behauptung der klagenden Partei keine Beweisergebnisse entgegenstünden. Tatsächlich hat das Erstgericht aber darauf hingewiesen, dass die Beweiskraft der Urkunde, Beilage ./A, nicht durch gegenteilige Beweisergebnisse erschüttert worden sei. Auf die Frage der Gültigkeit der Zession kommt die Beklagte in der Berufung ebenso nicht mehr zurück wie auf die Frage, ob die Zession der klagenden Partei die Aktivlegitimation verschafft habe, sodass darauf nicht mehr einzugehen ist und auf die zutreffende Ansicht des Erstgerichts verwiesen werden kann (§ 500a ZPO). [2] Zur Frage der Befreiung vom Ausgleichsanspruch gemäß Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO argumentiert die Berufungswerberin einerseits zusammengefasst, dass der außergewöhnliche Umstand eigentlich erst als am unmittelbaren Vorflug des gegenständlichen Fluges aufgetreten anzusehen sei; andererseits komme es ohnehin nicht darauf an, dass der außergewöhnliche Umstand am unmittelbaren Vorflug aufgetreten sein müsse, um entlastend wirken zu können; es genüge ein enger örtlicher und zeitlicher Zusammenhang (offenbar gemeint: zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem annullierten Flug). Andererseits habe das Erst-gericht die Anforderungen an die Behauptungslast zum Ergreifen der zumutbaren Maßnahmen überspannt. Obwohl der Ansicht der Berufungswerberin zur Frage der Grenzen der Zurechnung eines Ereignisses als „außergewöhnliche Umstände“ grundsätzlich beizupflichten ist, kann sie sich im vorliegenden Fall dennoch nicht iSd Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO entlasten. [a] Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO bestimmt, dass ein ausführendes Luftfahrtunternehmen nicht verpflichtet ist, Ausgleichszahlungen gemäß Art 7 der VO zu leisten, wenn es nachweisen kann, dass die Annullierung auf außergewöhnliche Umstände zurückgeht, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären, wobei das Kriterium der Vermeidbarkeit auch auf die Annullierung – und nicht wie der Text der VO nahelegt nur auf den außergewöhnlichen Umstand selbst – zu beziehen ist (Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 139e; EuGH C-294/10 [ErwGr 27]). Auch wenn ein Ereignis als „außergewöhnlicher Umstand“ zu qualifizieren ist, stellt sich die Frage, ob nur Ereignisse und Umstände berücksichtigt werden können, die während des vom Fluggast gebuchten Fluges eingetreten sind oder ob auch solche berücksichtigt werden dürfen, die sich auf einem vorangegangenen Flug ereignet haben. Im letzteren Fall stellt sich die weitere Frage, wie viele solcher Vorflüge noch herangezogen werden können. Diese Frage wird – in ausufernder Kasuistik – von den Gerichten unterschiedlich beantwortet (siehe die ausführliche Judikaturübersicht bei Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 136 ff). Nach Ansicht des Berufungsgerichts bedarf es dieser strikten Abgrenzungsversuche, ab dem wievielten Vorflug eine Zurechnung nicht mehr zulässig ist, jedoch nicht. Den Überlegungen ist voranzustellen, dass der eigentliche Verordnungstext eine Einschränkung nicht vornimmt. Gleichwohl kann Erwägungsgrund 15 zur EU-FluggastVO entnommen werden, dass vom Vorliegen außergewöhnlicher Umstände ausgegangen werden sollte, wenn eine Entscheidung des Flugverkehrsmanagements zu einem einzelnen Flugzeug an einem bestimmten Tag zur Folge hat, dass es bei einem oder mehreren Flügen des betreffenden Flugzeugs zu einer großen Verspätung, einer Verspätung bis zum nächsten Tag oder zu einer Annullierung kommt, obgleich vom betreffenden Luftfahrtunternehmen alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden, um die Verspätungen oder Annullierungen zu verhindern. Daraus kann abgeleitet werden, dass auch ein außergewöhnlicher Umstand, der auf einem beliebigen vorangegangenen Flug aufgetreten ist, von der Ausgleichspflicht befreien kann, sofern zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und dem gegenständlichen Flug ein enger kausaler und zeitlicher Zusammenhang besteht. Bei Flugzeugen, die auf Kurz- und Mittelstrecken eingesetzt werden, sind mehrere Umläufe an demselben Tag üblich, um eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung des Flugzeugs zu ermöglichen. Die EU-FluggastVO setzt diese wie andere übliche wirtschaftliche und technische Gegebenheiten des Luftverkehrs voraus und will sie weder unterbinden noch steuern (BGH X ZR 121/13). Dabei wird es auch auf die planmäßige Dauer der Flüge während des Flugumlaufverfahrens ankommen: bei mehreren sehr kurzen Flügen kann der zeitliche Zusammenhang etwa beim vierten Vorflug noch immer enger sein als bei längeren Flügen beim unmittelbaren Vorflug. Überdies ist zu berücksichtigen, dass auch außergewöhnliche Umstände denkbar sind, die nicht zwingend „auf einem (Vor-)Flug“ eingetreten sind. Die nach strikten numerischen Abgrenzungen suchende Rechtsprechung übersieht, dass befriedigende Lösungen im Einzelfall letztlich ohnehin nur anhand der Prüfung der „zumutbaren Maßnahmen“ gefunden werden können: je weniger zwingend der Kausalzusammenhang und je größer die zeitliche Distanz zwischen dem außergewöhnlichen Umstand und der drohenden Annullierung oder Verspätung des zu beurteilenden Fluges, desto eher wird es dem ausführenden Luftfahrtunternehmen möglich sein, zumutbare Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung oder Verspätung zu ergreifen bzw umso strenger wird eine entsprechende Prüfung auszufallen haben. Für den vorliegenden Fall bedeutet dies, dass bei einem allfälligen außergewöhnlichen Umstand, der nur wenig mehr als acht Stunden vor dem geplanten Abflug des gegenständliches Fluges während des Vorvorfluges des Fluggeräts aufgetreten ist, mit dem der gegenständliche Flug durchgeführt werden sollte, der kausale und zeitliche Zusammenhang eine Subsumtion unter Art 5 Abs 3 EU-FluggastVO noch nicht zwingend ausschließt. [b] Beruft sich ein Luftfahrtunternehmen auf einen außergewöhnlichen Umstand, muss es aber auch vortragen und beweisen, dass es unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und finanziellen Mittel versucht hat, die Annullierung oder Verspätung zu vermeiden, und warum es ihm nicht möglich war, unter Berücksichtigung seiner Kapazitäten diese Mittel einzusetzen (EuGH C-315/15; Schmid in BeckOK FluggastrechteVO13 Art 5 Rz 147). Selbst wenn der von der Beklagten behauptete Vorfall (Blitzschlag mit nachfolgender, aus Sicherheitsgründen zwingender Überprüfung) nachgewiesen und als „außergewöhnlicher Umstand“ zu qualifizieren wäre, wäre die Beklagte ihrer Darlegungslast nicht im erforderlichen Umfang nachgekommen. Nach dem Vorbringen der Beklagten musste der gegenständliche Flug ja letztlich deshalb annulliert werden, weil bei Durchführung des Fluges die höchstzulässige Dienstzeit der Crew überschritten worden wäre. Dazu brachte sie lediglich vor, dass die Verbringung eines Ersatzflugzeuges nach HAM (zur Durchführung des unmittelbaren Vorfluges HAM-PMI und in weiterer Folge des gegenständlichen Fluges PMI-VIE) nicht zumutbar gewesen wäre, weil dafür kein geeignetes Flugzeug zur Verfügung gestanden wäre. Nach den Behauptungen der Beklagten scheiterte die Durchführung des gegenständlichen Fluges OE 123 aber ohnehin nicht am nicht vorhandenen Fluggerät sondern an der nicht mehr einsatzfähigen Crew. Dass aufgrund der Verzögerungen in HAM eine Überschreitung deren Dienstzeit droht, hätte die Klägerin aber – unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Dauer für die Flüge HAM-PMI und PMI-VIE sowie der Turn-Around-Zeit in PMI – bereits vor dem Abflug des Vorfluges vorhersehen können. Die naheliegendste Maßnahme zur Vermeidung der Annullierung des gegenständlichen Fluges (und wohl auch wesentlich kostengünstigere als die Anmietung eines Ersatzflugzeuges) wäre es daher gewesen, entweder schon den Vorflug HAM-PMI – und folglich auch den Flug PMI-VIE – von einer Ersatzcrew durchführen zu lassen; oder in HAM eine Ersatzcrew aufzunehmen, die mit dem Flug HAM-PMI befördert wird, damit diese in der Folge den Flug PMI-VIE durchführen hätte können. Aus welchen Gründen dies unterblieben ist oder dies allenfalls schon grundsätzlich keine zumutbare Maßnahme dargestellt hätte, hat die Beklagte aber nicht behauptet. Dem beklagten Luftfahrtunternehmen kann zwar nicht abverlangt werden, Vorbringen zu jeder entferntesten auch nur denkmöglichen Maßnahme zu erstatten, weil es sonst vorrangig vom Detailwissen zum Luftfahrtwesen des jeweiligen Richters abhängig wäre, ob die Beklagte ihrer Behauptungslast genügt hätte. Vorzutragen sind hingegen Prozessbehauptungen zu Maßnahmen, die sich auch bei eingeschränkten Kenntnissen des Flugverkehrs geradezu aufdrängen oder die zumindest bei lebensnaher Betrachtung in Erwägung gezogen werden müssen (vgl LG Korneuburg 21 R 76/19b). Unter diesem Gesichtspunkt kann das von der Beklagten zur ihrer Entlastung erstattete Prozessvorbringen jedoch nicht als ausreichend angesehen werden. [c] Sofern sich die Beklagte auch auf die „herrschenden Wetterverhältnisse“ gestützt hat, die eine sichere Landung nicht zugelassen hätten, so vermochte sie nicht einmal ansatzweise darzutun, welche konkreten (der Durchführung des Fluges entgegenstehenden) Wetterverhältnisse geherrscht hätten. Zusammengefasst ist daher festzuhalten, dass die Beklagte nicht hinreichend darlegen konnte, welche ihr zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung der Annullierung – selbst wenn diese auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen gewesen wäre – sie ergriffen hat bzw warum ihr dies allenfalls nicht möglich gewesen wäre, weshalb die Ausgleichsansprüche zu Recht bestehen, womit der Berufung ein Erfolg zu versagen war. Die Kostenentscheidung für das Berufungsverfahren gründet auf §§ 41 Abs 1, 50 Abs 1 ZPO. Der Ausspruch über die Unzulässigkeit der Revision beruht auf §§ 500 Abs 2 Z 2, 502 Abs 2 ZPO.
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